Der Neubeginn der Universität Bonn nach 1945

Christian George (Mainz)

Wiederaufbau des Universitäts-Hauptgebäudes, 1945. (Universitätsarchiv Bonn)

Schlagworte

1. Von der Zerstörung bis zur Wiedereröffnung

Am 17.11.1945, nur ein Jahr nach ih­rer Zer­stö­rung und nur sechs Mo­na­te nach Kriegs­en­de, wur­de die Bon­ner Uni­ver­si­tät fei­er­lich wie­der­er­öff­net. Da­mit war die ers­te Etap­pe des uni­ver­si­tä­ren Neu­be­ginns voll­endet. Doch bis da­hin war es ein lan­ger Weg mit vie­len Hin­der­nis­sen. Die Er­eig­nis­se des Krie­ges wa­ren auch an der Uni­ver­si­tät Bonn nicht spur­los vor­über­ge­gan­gen. Be­reits seit dem Win­ter­se­mes­ter 1941/1942 war an ei­ne ge­re­gel­te Durch­füh­rung der Vor­le­sun­gen nicht mehr zu den­ken, da die Zahl der Stu­den­ten und Do­zen­ten durch die Ein­zie­hung zur Wehr­macht deut­lich zu­rück­ge­gan­gen war und dar­über hin­aus die Be­dürf­nis­se der Kriegs­wirt­schaft zu­neh­mend For­schung und Leh­re be­ein­fluss­ten. Seit 1944 trat die un­mit­tel­ba­re Be­dro­hung durch die vor­rü­cken­den al­li­ier­ten Trup­pen hin­zu. Als die mi­li­tä­ri­sche La­ge für den Wes­ten des Rei­ches im­mer be­droh­li­cher wur­de, be­schloss Reich­ser­zie­hungs­mi­nis­ter Bern­hard Rust (1883-1945), den Lehr­be­trieb der links­rhei­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten mit Aus­nah­me der je­wei­li­gen Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tä­ten im Win­ter­se­mes­ter 1944/1945 ein­zu­stel­len. Zu­dem be­gan­nen die In­sti­tu­te und Se­mi­na­re so­wie ein­zel­ne Pro­fes­so­ren mit der Aus­la­ge­rung kost­ba­rer Ge­rät­schaf­ten, Samm­lun­gen oder Bi­blio­the­ken.

Am 18.10.1944, am 126. Jah­res­tag der Uni­ver­si­täts­grün­dung, er­folg­te der ers­te ver­hee­ren­de Luft­an­griff auf die bis­lang weit­ge­hend un­zer­stört ge­blie­be­ne Stadt Bonn. Da­bei wur­den das Haupt­ge­bäu­de der Uni­ver­si­tät im ehe­ma­li­gen kur­fürst­li­chen Schloss und das Kli­nik­vier­tel am Rhein schwer be­schä­digt. Bei meh­re­ren fol­gen­den Bom­ben­an­grif­fen wur­den bis zum Fe­bru­ar 1945 auch das Pop­pels­dor­fer Schloss so­wie ei­ni­ge In­sti­tu­te in der Nu­ßal­lee schwer ge­trof­fen. Der ge­sam­te ent­stan­de­ne Scha­den wur­de 1949 auf et­wa 50 Mil­lio­nen DM ge­schätzt. Von den ins­ge­samt rund 50 Ge­bäu­den der Uni­ver­si­tät war nicht ei­nes un­be­schä­digt ge­blie­ben.

Trotz der schwe­ren Zer­stö­run­gen wur­de der Prü­fungs­be­trieb auch im Win­ter­se­mes­ter 1944/1945 zum Teil auf­recht­er­hal­ten. Zu­min­dest in der Ka­tho­lisch-Theo­lo­gi­schen und in der Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät sind bis April 1945 Pro­mo­ti­ons­prü­fun­gen nach­weis­bar. Die Mehr­zahl der Stu­den­ten und Pro­fes­so­ren ver­ließ je­doch nach der Schlie­ßung der Uni­ver­si­tät die Stadt, um der Be­dro­hung durch die Luft­an­grif­fe zu ent­ge­hen.

 

Im Ja­nu­ar 1945 ver­leg­ten Rek­to­rat und Ku­ra­to­ri­um der Uni­ver­si­tät ih­re Ge­schäfts­stel­le nach Ade­leb­sen bei Göt­tin­gen. An­ge­sichts der her­an­rü­cken­den al­li­ier­ten Trup­pen ver­ließ schlie­ß­lich der letz­te na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Rek­tor, der Mi­ne­ra­lo­ge Karl Franz Chu­do­ba (1898-1976), im Früh­jahr 1945 Bonn. Zu­vor hat­te er Theo­dor Brink­mann (1877-1951), Or­di­na­ri­us für land­wirt­schaft­li­che Be­triebs­leh­re, zu sei­nem Stell­ver­tre­ter er­nannt. Durch die Nach­fol­ge des po­li­tisch un­be­las­te­ten Brink­mann war die Grund­la­ge für ei­nen Neu­an­fang nach dem En­de des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ge­legt. Un­mit­tel­bar nach­dem ame­ri­ka­ni­sche Trup­pen am 8./9.3.1945 das Bon­ner Stadt­ge­biet er­obert hat­ten, nahm Brink­mann Kon­takt zu ih­nen auf und bat um Schutz der Uni­ver­si­tät bei den auf dem rech­ten Rhein­ufer noch an­dau­ern­den Kampf­hand­lun­gen. Zu die­sem Zeit­punkt be­fan­den sich nur noch et­wa 15 Pro­fes­so­ren in Bonn. Nach Kriegs­en­de kehr­ten die Pro­fes­so­ren und Do­zen­ten je­doch schnell an die Uni­ver­si­tät zu­rück. Im Au­gust wa­ren be­reits wie­der über 100 Lehr­kräf­te in Bonn an­we­send.

Noch im März rich­te­ten die Ame­ri­ka­ner ei­ne pro­vi­so­ri­sche Stadt­ver­wal­tung ein, der auch die Auf­sicht über die Uni­ver­si­tät über­tra­gen wur­de. Die­ser ge­hör­ten ne­ben dem spä­te­ren Ober­bür­ger­meis­ter Edu­ard Spo­el­gen (1877-1975) un­ter an­de­rem die Pro­fes­so­ren Wil­helm Cee­len (1883-1964) und Hans Cloos (1885-1951) an. Die Stadt muss­te nach dem Wil­len der Mi­li­tär­re­gie­rung auch die fi­nan­zi­el­le Trä­ger­schaft der Uni­ver­si­tät über­neh­men, bis die­se Auf­ga­be im Herbst 1945 durch die Or­ga­ne der neu­ge­schaf­fe­nen Nord­rhein-Pro­vinz über­nom­men wer­den konn­te.

Den ei­gent­li­chen Be­ginn des Wie­der­auf­baus der Uni­ver­si­tät Bonn mar­kiert der 12.4.1945. An die­sem Tag ver­sam­mel­ten sich auf Ein­la­dung Brink­manns die Pro­fes­so­ren Ethel­bert Stauf­fer (1902-1979, Evan­ge­lisch-Theo­lo­gi­sche Fa­kul­tät), Wil­helm Neuß (1880-1965, Ka­tho­lisch-Theo­lo­gi­sche Fa­kul­tät), Er­win von Be­ckerath (1889-1964, Rechts- und Staats­wis­sen¬­schaft­li­che Fa­kul­tät), Erich von Red­witz (1883-1964, Me­di­zi­ni­sche Fa­kul­tät), Fried­rich Oer­tel (1884-1975, Phi­lo­so­phi­sche Fa­kul­tät), Hans Cloos (Ma­the­ma­tisch-Na­tur­wis­sen­schaft­li­che Fa­kul­tät) und Theo­dor Brink­mann selbst als Ver­tre­ter der Land­wirt­schaft­li­chen Fa­kul­tät zu der ers­ten Sit­zung ei­ner pro­vi­so­ri­schen Uni­ver­si­täts­lei­tung. Die­ses als Ver­wal­tungs­rat be­zeich­ne­te Gre­mi­um be­stand da­mit aus sie­ben po­li­tisch un­be­las­te­ten Pro­fes­so­ren, die gleich­zei­tig als De­ka­ne ih­rer Fa­kul­tät fun­gier­ten.

Noch im Mai 1945 wur­de der Ver­wal­tungs­rat um den 1934 ent­las­se­nen Phy­si­ker Hein­rich Ma­thi­as Ko­nen, den eben­falls von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ver­trie­be­nen Kunst­his­to­ri­ker Hein­rich Lüt­zeler (1902-1988), den Me­di­zi­ner Wil­helm Cee­len und den Bo­ta­ni­ker Jo­han­nes Fit­ting (1877-1970) er­wei­tert, der Hans Cloos als De­kan der Ma­the­ma­tisch-Na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Fa­kul­tät ab­lös­te. Am 1. Ju­ni er­folg­te die of­fi­zi­el­le Be­stä­ti­gung des Ver­wal­tungs­rats durch die Mi­li­tär­re­gie­rung, die die­sen be­auf­trag­te, Plä­ne für die Wie­der­er­öff­nung der Uni­ver­si­tät aus­zu­ar­bei­ten. Nach dem Rück­tritt Brink­manns vom Vor­sitz des Ver­wal­tungs­rats im Ju­li 1945 wur­de Hein­rich Ko­nen zum neu­en Vor­sit­zen­den ge­wählt. Da­mit stand er nach 1929/1930 und 1931 zum drit­ten Mal an der Spit­ze der Bon­ner Uni­ver­si­tät. Da­ne­ben am­tier­te Ko­nen von 1946 bis 1947 auch als Kul­tus­mi­nis­ter des neu­ge­grün­de­ten Lan­des Nord­rhein-West­fa­len. Er wur­de so ei­ne der prä­gen­den Per­sön­lich­kei­ten in der un­mit­tel­ba­ren Nach­kriegs­ge­schich­te der Uni­ver­si­tät Bonn.

Bei den Vor­be­rei­tun­gen zur Wie­der­er­öff­nung der Uni­ver­si­tät sah sich der Ver­wal­tungs­rat gro­ßen Schwie­rig­kei­ten ge­gen­über. Die bei­den grö­ß­ten Hin­der­nis­se stell­ten da­bei der Wie­der­auf­bau der zer­stör­ten Uni­ver­si­täts­ge­bäu­de und die Schaf­fung ei­nes aus­rei­chend gro­ßen und für die Mi­li­tär­re­gie­rung ak­zep­ta­blen, das hei­ßt von Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ge­rei­nig­ten Lehr­kör­pers dar.

Mit dem Wie­der­auf­bau der Ge­bäu­de wur­de der be­reits in den 1920er Jah­ren für den Aus­bau der Uni­ver­si­tät ver­ant­wort­li­che Bau­rat Bern­hard Gel­derblom be­auf­tragt, dem ei­ne Bau­kom­mis­si­on un­ter dem Vor­sitz von Hein­rich Lüt­zeler zur Sei­te ge­stellt wur­de. Bis zur Wie­der­er­öff­nung konn­ten vie­le Uni­ver­si­täts­ge­bäu­de je­doch nur not­dürf­tig wie­der her­ge­rich­tet wer­den. Vor­le­sun­gen und Se­mi­na­re muss­ten da­her viel­fach in Not­un­ter­künf­ten, et­wa in den Pri­vat­woh­nun­gen der Pro­fes­so­ren statt­fin­den. Die Ju­ris­ti­sche Fa­kul­tät muss­te nach Bad Go­des­berg ver­la­gert wer­den, für die Me­di­zi­ni­sche Fa­kul­tät wur­de auf dem Ge­län­de der ehe­ma­li­gen Flak­ka­ser­ne auf dem Ve­nus­berg mit der Er­rich­tung ei­nes neu­en Kli­nik­ge­län­des be­gon­nen.

War schon die bau­li­che Re­kon­struk­ti­on der Uni­ver­si­tät ein Vor­ha­ben, das an­ge­sichts der Knapp­heit des Ma­te­ri­als, der Trans­port­ka­pa­zi­tä­ten und der Ar­beits­kräf­te nur un­ter grö­ß­ten Schwie­rig­kei­ten zu be­wäl­ti­gen war, so er­wies sich die Zu­sam­men­stel­lung ei­nes po­li­tisch ein­wand­frei­en Lehr­kör­pers als Auf­ga­be, an der die Wie­der­er­öff­nung der Uni­ver­si­tät zu schei­tern droh­te. Den Mit­glie­dern des Ver­wal­tungs­ra­tes war klar, dass der be­ste­hen­de Lehr­kör­per nicht oh­ne per­so­nel­le Ver­än­de­run­gen über­nom­men wer­den konn­te. Die Al­li­ier­ten hat­ten sich auf der Kon­fe­renz in Pots­dam auf die Ent­na­zi­fi­zie­rung des öf­fent­li­chen Le­bens ver­stän­digt. Je­der Pro­fes­sor und Do­zent be­durf­te da­her der Zu­las­sung durch die Mi­li­tär­re­gie­rung, die vom Er­geb­nis ei­ner po­li­ti­schen Über­prü­fung ab­hän­gig ge­macht wur­de. Es fehl­te in der Früh­pha­se der Ent­na­zi­fi­zie­rung je­doch an kon­kre­ten Durch­füh­rungs­be­stim­mun­gen. Aus der da­durch ent­ste­hen­den recht­li­chen Un­si­cher­heit er­ga­ben sich gro­ße re­gio­na­le Un­ter­schie­de in der Hand­ha­bung des Ver­fah­rens in­ner­halb der bri­ti­schen Zo­ne. Deut­sche Be­hör­den ver­stan­den es zum Teil, die durch die un­kla­re Rechts­la­ge ent­stan­de­nen Frei­räu­me als Chan­ce für ei­ne Selbst­rei­ni­gung zu nut­zen. Auch in Bonn ging der Ver­wal­tungs­rat der Uni­ver­si­tät dar­an, die Rei­ni­gung des Lehr­kör­pers aus ei­ge­ner Kraft vor­an­zu­trei­ben. Da­zu rich­te­te der Ver­wal­tungs­rat im Mai 1945 un­ter der Lei­tung des Psy­cho­lo­gen Sieg­fried Behn (1884-1970) ei­ne so ge­nann­te Nach­rich­ten­kom­mis­si­on ein, die In­for­ma­tio­nen über das po­li­ti­sche Ver­hal­ten der Uni­ver­si­täts­an­ge­hö­ri­gen in der NS-Zeit sam­meln soll­te. Die Nach­rich­ten­kom­mis­si­on be­gann zu­nächst mit ei­nem in­ten­si­ven Ak­ten­stu­di­um. Als sie an­schlie­ßend münd­li­che Be­fra­gun­gen von Uni­ver­si­täts­an­ge­hö­ri­gen durch­führ­te, sa­hen sich die Mit­glie­der der Kom­mis­si­on dem Un­mut ih­rer Kol­le­gen aus­ge­setzt, die be­fürch­te­ten, dass durch die­se Vor­ge­hens­wei­se De­nun­zia­tio­nen Vor­schub ge­leis­tet wür­de.

An­ge­sichts der an­ge­streb­ten Wie­der­er­öff­nung der Uni­ver­si­tät zum Win­ter­se­mes­ter dräng­te der Ver­wal­tungs­rat im Som­mer 1945 bei der Mi­li­tär­re­gie­rung auf ei­ne of­fi­zi­el­le Be­tei­li­gung an der Ent­na­zi­fi­zie­rung, um das schlep­pen­de Ver­fah­ren zu be­schleu­ni­gen. Im Ein­ver­neh­men mit den Bri­ten rich­te­te der Ver­wal­tungs­rat im Ju­li par­al­lel zur Nach­rich­ten­kom­mis­si­on ei­nen Gut­ach­ter­aus­schuss un­ter der Lei­tung des Straf­recht­lers Hell­muth von We­ber (1893-1970) ein. Auf­ga­be die­ses Aus­schus­ses war die Er­stel­lung von Gut­ach­ten, die von der Mi­li­tär­re­gie­rung als Grund­la­ge für ih­re Ent­schei­dung im Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren die­nen soll­ten. Die aus­schlie­ß­li­che Ver­ant­wort­lich­keit für das ge­sam­te Ver­fah­ren be­hiel­ten sich die Bri­ten je­doch aus­drück­lich vor. Trotz der in­ten­si­ven Be­mü­hun­gen der Uni­ver­si­tät, die Ent­na­zi­fi­zie­rung zu be­schleu­ni­gen, wa­ren vie­le Ver­fah­ren bei Wie­der­er­öff­nung der Uni­ver­si­tät noch nicht ab­ge­schlos­sen, so dass vie­le Lehr­stüh­le zu­nächst un­be­setzt blei­ben muss­ten.

Karl Franz Chudoba, Porträtfoto. (Universitätsarchiv Bonn)

 

Ne­ben Wie­der­auf­bau und Ent­na­zi­fi­zie­rung stell­te die Be­wäl­ti­gung der enor­men Men­ge der Stu­di­en­be­wer­ber die Uni­ver­si­tät vor ei­ne wei­te­re Her­aus­for­de­rung. Der Kriegs­ein­satz hat­te meh­re­re Ab­itur­jahr­gän­ge von der Auf­nah­me ei­nes Stu­di­ums ab­ge­hal­ten, die nun gleich­zei­tig an die Uni­ver­si­tä­ten dräng­ten. Im Ok­to­ber 1945 hob die Uni­ver­si­tät Bonn al­le aus der Kriegs­zeit noch be­ste­hen­den Im­ma­tri­ku­la­ti­ons­ver­hält­nis­se auf. Da­mit kon­kur­rier­ten al­le ehe­ma­li­gen Stu­den­ten mit den neu­en Stu­di­en­an­wär­tern um die Zu­las­sung. Die Zahl der Be­wer­ber lag deut­lich über 10.000. Gleich­zei­tig leg­te die bri­ti­sche Mi­li­tär­re­gie­rung die Höchst­zahl der Stu­den­ten an­ge­sichts der kriegs­be­dingt nur ge­rin­gen Ka­pa­zi­tä­ten der Uni­ver­si­tät auf 2.500 fest, da­von soll­ten 250 Stu­di­en­plät­ze für Dis­pla­ced Per­sons re­ser­viert blei­ben. Die Aus­wahl der Stu­den­ten stell­te die Uni­ver­si­tät vor gro­ße Schwie­rig­kei­ten. Wäh­rend die Mi­li­tär­re­gie­rung die po­li­ti­sche Un­be­denk­lich­keit for­der­te, be­müh­te sich die Uni­ver­si­tät um fach­lich mög­lichst qua­li­fi­zier­te Be­wer­ber. Da­ne­ben soll­ten auch so­zia­le Ge­sichts­punk­te be­rück­sich­tigt wer­den. Um al­len die­sen Kri­te­ri­en ge­recht zu wer­den, eta­blier­te die Uni­ver­si­tät ein Punk­te­sys­tem, das un­ter an­de­rem die re­gio­na­le Her­kunft, die Schä­di­gung im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, die Se­mes­ter­zahl und die fach­li­che Eig­nung be­rück­sich­tig­te.

En­de Au­gust be­such­te ei­ne bri­ti­sche De­le­ga­ti­on die Uni­ver­si­tät, um sich über die Fort­schrit­te des Wie­der­auf­baus und der Ent­na­zi­fi­zie­rung zu in­for­mie­ren. Bei die­sem Be­such wur­de der zu­nächst für Mit­te Ok­to­ber ge­plan­te Wie­der­er­öff­nungs­ter­min ver­scho­ben. Doch al­len Schwie­rig­kei­ten zum Trotz konn­te schlie­ß­lich am 6.11.1945 der Vor­le­sungs­be­trieb mit 123 Lehr­kräf­ten (ge­gen­über 193 im letz­ten Kriegs­se­mes­ter) in al­len Fa­kul­tä­ten wie­der auf­ge­nom­men wer­den. Da­von aus­ge­nom­men wa­ren nur ei­ni­ge Ver­an­stal­tun­gen der Zahn­me­di­zi­ner so­wie die che­mi­schen Prak­ti­ka, die auf Grund der noch feh­len­den Gas­ver­sor­gung nicht statt­fin­den konn­ten. Die fei­er­li­che Er­öff­nung der Uni­ver­si­tät er­folg­te am 17. No­vem­ber mit ei­nem Fest­akt im Saal des Col­le­gi­um Leo­ni­num un­ter An­we­sen­heit des Chefs der bri­ti­schen Mi­li­tär­re­gie­rung in der Nord­rhein-Pro­vinz, Ge­ne­ral Bar­ra­clough (1894-1981), und des Ober­prä­si­den­ten der Nord­rhein-Pro­vinz, Ro­bert Lehr.

2. Die politische Überprüfung der Professoren und Studenten

Auch nach der Wie­der­er­öff­nung der Uni­ver­si­tät ent­fal­te­te sich der Wie­der­auf­bau in dem von der bri­ti­schen Mi­li­tär­re­gie­rung ge­steck­ten Rah­men. Mit Er­lass der Di­rec­tive Nr. 24 wur­de im Ja­nu­ar 1946 ei­ne zo­nen­weit ein­heit­li­che Rechts­grund­la­ge für die Ent­na­zi­fi­zie­rung ge­schaf­fen, die erst­mals ei­ne Be­tei­li­gung deut­scher Stel­len am Ver­fah­ren vor­sah. Auf Kreis­ebe­ne wur­den Ent­na­zi­fi­zie­rungs­haupt­aus­schüs­se mit Un­ter­aus­schüs­sen für be­stimm­te Be­rufs­grup­pen, ein­zel­ne Groß­be­trie­be oder Be­hör­den ge­bil­det, die den bri­ti­schen Ent­na­zi­fi­zie­rungs­stel­len be­ra­tend zur Sei­te ge­stellt wur­den. An der Uni­ver­si­tät Bonn wur­den drei Un­ter­aus­schüs­se ge­bil­det, je ei­ner für Stu­den­ten, für Pro­fes­so­ren und Do­zen­ten und für Be­am­te und An­ge­stell­te der Uni­ver­si­tät. Mit der Neu­or­ga­ni­sa­ti­on des Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­rens sa­hen Nach­rich­ten­kom­mis­si­on und Gut­ach­ter­aus­schuss ih­re Tä­tig­keit als be­en­det an. Gleich­zei­tig wuchs die Kri­tik der Bri­ten an der po­li­ti­schen Über­prü­fung der Stu­den­ten. Die Un­zu­läng­lich­keit des Aus­wahl­ver­fah­rens wur­de of­fen­bar, als im Ja­nu­ar 1946 Hit­lers Luft­waf­fe­n­ad­ju­tant Ni­co­laus von Be­low (1907-1983) fest­ge­nom­men wur­de, der sich un­ter fal­schem Na­men in Bonn ein­ge­schrie­ben hat­te. Die Mi­li­tär­re­gie­rung be­stimm­te da­her, dass al­le Stu­den­ten, auch die be­reits im­ma­tri­ku­lier­ten, zum Som­mer­se­mes­ter 1946 er­neut zu­ge­las­sen wer­den muss­ten.

Um die Durch­füh­rung der Ent­na­zi­fi­zie­rung vor Ort zu kon­trol­lie­ren, setz­ten die Bri­ten an je­der Uni­ver­si­tät ei­nen Edu­ca­ti­on Con­trol Of­fi­cer (ECO) ein. Im März 1946 trat mit Olaf Brann der ers­te Bon­ner ECO sei­nen Dienst an. Er blieb nur we­ni­ge Mo­na­te in Bonn. Be­reits im Ju­li 1946 stell­te er Ro­bert Pen­der als sei­nen Nach­fol­ger vor, der eben­falls nach nur kur­zer Amts­zeit durch Ro­nald Gre­gor Smith (1913-1968) er­setzt wur­de. Smith war evan­ge­li­scher Theo­lo­ge und als Über­set­zer der Schrif­ten Karl Barths (1886-1968) und Mar­tin Bu­bers (1878-1965) her­vor­ge­tre­ten. Un­ter Smith eta­blier­te sich ei­ne ver­trau­ens­vol­le Zu­sam­men­ar­beit mit der Uni­ver­si­täts­lei­tung.

Die stren­gen Maß­stä­be, die auf Druck der Bri­ten bei der Zu­las­sung der Stu­den­ten zum Som­mer­se­mes­ter 1946 an­ge­legt wur­den, tra­ten in den fol­gen­den Se­mes­tern zu­neh­mend in den Hin­ter­grund. Im Win­ter­se­mes­ter 1946/1947 re­du­zier­te sich durch die Ein­füh­rung der Ju­gend­am­nes­tie für al­le nach dem 1.1.1919 Ge­bo­re­nen die Zahl der zu über­prü­fen­den Stu­den­ten um rund 90 Pro­zent. Die fach­li­che Eig­nung wur­de durch die Am­nes­tie ge­gen­über der po­li­ti­schen Un­be­denk­lich­keit ge­stärkt und trat bei der Aus­wahl der Stu­den­ten nun­mehr deut­lich in den Vor­der­grund. An­fang 1947 über­tru­gen die Bri­ten den deut­schen Be­hör­den die Ver­ant­wor­tung im Bil­dungs- und Er­zie­hungs­we­sen. Trotz die­ser Kom­pe­tenz­über­tra­gung be­stand die Mi­li­tär­re­gie­rung auf der Ein­hal­tung der von ihr er­las­se­nen Vor­ga­ben, ins­be­son­de­re in Fra­gen der Aus­wahl der Stu­den­ten. Dies zeig­te sich, als Ge­or­ge A. Kirk im No­vem­ber 1947 das Amt des Bon­ner Er­zie­hungs­of­fi­ziers über­nahm. Be­reits kurz nach sei­ner Amts­über­nah­me in­iti­ier­te Kirk ei­ne Un­ter­su­chung des un­durch­sich­ti­gen Bon­ner Im­ma­tri­ku­la­ti­ons­ver­fah­rens. Da­bei wur­de fest­ge­stellt, dass die An­zahl der Stu­den­ten die durch Nu­me­rus clau­sus ge­re­gel­te Ge­samt­zahl deut­lich über­schritt. Zu­dem er­wies sich die po­li­ti­sche Über­prü­fung der Stu­den­ten als un­zu­läng­lich, da ei­ne stich­pro­ben­ar­ti­ge Un­ter­su­chung von Stu­di­en­be­wer­bern er­ge­ben hat­te, dass sich un­ter den zu­ge­las­se­nen Stu­den­ten zahl­rei­che po­li­tisch Be­las­te­te be­fan­den. Die Ver­ant­wor­tung für die­se Miss­stän­de wur­de Rek­tor Ko­nen zur Last ge­legt, der dar­auf­hin am 1.4.1948 von al­len Amts­pflich­ten ent­bun­den wur­de. Be­reits im De­zem­ber 1947 war er auf Druck sei­ner ei­ge­nen Par­tei vom Amt des Kul­tus­mi­nis­ters zu­rück­ge­tre­ten. Noch kurz vor dem En­de sei­ner Amts­zeit hat­te ihm die Uni­ver­si­tät Bonn für sei­ne Ver­diens­te um den Wie­der­auf­bau den Eh­ren­dok­tor­ti­tel ver­lie­hen.

1948 über­ga­ben die Bri­ten das Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren voll­stän­dig in deut­sche Hän­de. Die Lan­des­re­gie­run­gen ver­ab­schie­de­ten in der Fol­ge ei­ge­ne Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ge­set­ze. In Nord­rhein-West­fa­len wur­de das Ver­fah­ren so 1949 zu ei­nem Ab­schluss ge­bracht. Durch die Ent­na­zi­fi­zie­rung war der An­teil der po­li­tisch be­las­te­ten Do­zen­ten in al­len Bon­ner Fa­kul­tä­ten deut­lich zu­rück­ge­gan­gen. Fast 40 Pro­zent der Or­di­na­ri­en ver­lo­ren zu­min­dest zeit­wei­se ih­re Stel­lung, wo­bei die Un­ter­schie­de zwi­schen den ein­zel­nen Fa­kul­tä­ten be­trächt­lich wa­ren. Von Ent­las­sun­gen be­son­ders be­trof­fen wa­ren die Evan­ge­lisch-Theo­lo­gi­sche und die Me­di­zi­ni­sche Fa­kul­tät. Ins­ge­samt be­trach­tet kann die Ent­na­zi­fi­zie­rung an der Uni­ver­si­tät Bonn als Er­folg ge­wer­tet wer­den, da der Ein­fluss der ehe­ma­li­gen Na­tio­nal­so­zia­lis­ten weit­ge­hend zu­rück­ge­drängt wer­den konn­te und kei­nem der Ex­po­nen­ten des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus die Rück­kehr in sei­ne al­te Stel­lung ge­lang. Die Ent­na­zi­fi­zie­rung hat auch an der Uni­ver­si­tät Bonn da­her ma­ß­geb­lich zum Ge­lin­gen des de­mo­kra­ti­schen Neu­be­ginns bei­ge­tra­gen.

3. Rückberufung der Emigranten und Erweiterung des Lehrkörpers

In der Zeit des “Drit­ten Reichs“ wur­den über 60 Bon­ner Hoch­schul­leh­rer von ih­ren Stel­len ver­drängt. Nur ein klei­ner Teil der ver­trie­be­nen Do­zen­ten kehr­te nach dem Krieg wie­der an die Uni­ver­si­tät zu­rück, ins­be­son­de­re die­je­ni­gen, die den Kon­takt zur Uni­ver­si­tät und ih­ren ehe­ma­li­gen Kol­le­gen auf­recht­er­hal­ten hat­ten und in der Um­ge­bung Bonns ver­blie­ben wa­ren. Zu die­ser Grup­pe Pro­fes­so­ren, die nach dem Krieg häu­fig Schlüs­sel­po­si­tio­nen an der Uni­ver­si­tät wahr­nah­men, ge­hör­ten ne­ben Ko­nen und Lüt­zeler un­ter an­de­rem der Kel­to­lo­ge Ru­dolf Hertz (1897-1965), der Me­di­zi­ner Hans Gruh­le (1880-1958) und der Theo­lo­ge Fried­rich Heyer (1878-1973). Pro­ble­ma­ti­scher war der Um­gang mit den - meist jü­di­schen - Emi­gran­ten, die nach ih­rer Ver­drän­gung Deutsch­land ver­las­sen hat­ten. Die Uni­ver­si­tät be­kun­de­te früh ih­ren Wil­len, die Emi­gran­ten wie­der zu­rück­zu­be­ru­fen. Im Spät­som­mer 1945 lud die Uni­ver­si­tät al­le 25 emi­grier­ten Hoch­schul­leh­rer ein, nach Bonn zu­rück­zu­keh­ren. Doch ver­lief die Rück­kehr der Emi­gran­ten nur sehr schlep­pend. Dies lag zum ei­nen an der ge­rin­gen Be­reit­schaft der Emi­gran­ten, ihr neu ge­schaf­fe­nes aka­de­mi­sches und so­zia­les Um­feld zu ver­las­sen, um in ein zer­stör­tes Land zu­rück­zu­keh­ren, aus dem sie we­ni­ge Jah­re zu­vor ge­flo­hen wa­ren. Zum an­de­ren stan­den die Emi­gran­ten in zu­neh­men­der Kon­kur­renz mit den aus dem Os­ten ver­trie­be­nen Hoch­schul­leh­rern. Und schlie­ß­lich wa­ren vie­le der Lehr­stüh­le der Emi­gran­ten zwi­schen­zei­tig neu be­setzt wor­den, so dass mit der Rück­be­ru­fung die Ge­fahr ei­ner Dop­pel­be­set­zung be­stand. Um die­sem Pro­blem zu be­geg­nen wur­den für rück­keh­ren­de Emi­gran­ten Gast­pro­fes­su­ren ein­ge­rich­tet. Von die­ser Mög­lich­keit ei­ner tem­po­rä­ren Rück­kehr mach­ten meh­re­re Emi­gran­ten Ge­brauch. Im Som­mer­se­mes­ter 1946 kehr­te mit Karl Barth der ers­te Emi­grant für ein Se­mes­ter nach Bonn zu­rück. En­de der 40er Jah­re folg­ten der Zahn­me­di­zi­ner Al­fred Kan­to­ro­wicz (1880-1962), der Ori­en­ta­lis­t Paul Kah­le und der Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler Her­bert von Be­ckerath (1886-1966) sei­nem Bei­spiel. Nur we­ni­ge der Emi­gran­ten, et­wa ­Max Grün­hut (1893-1964) oder Hans von Hen­tig (1887-1974) kehr­ten da­ge­gen dau­er­haft an die Uni­ver­si­tät Bonn zu­rück.

Ei­nen Son­der­fall bil­de­te der nach The­re­si­en­stadt ver­schlepp­te Geo­gra­ph Al­fred Phil­ipp­son, der auf In­itia­ti­ve des Geo­lo­gen Hans Cloos zu­sam­men mit an­de­ren Bon­ner Ju­den im Ju­li 1945 mit ei­nem Bus aus The­re­si­en­stadt zu­rück nach Bonn ge­holt wur­de und mit 81 Jah­ren er­neut die Lehr­be­fug­nis an der Uni­ver­si­tät Bonn er­hielt.

Ins­ge­samt konn­te durch die Rück­be­ru­fung der Emi­gran­ten der Be­darf an Pro­fes­so­ren und Do­zen­ten in der Nach­kriegs­zeit nicht ge­deckt wer­den. Die Ent­na­zi­fi­zie­rung mach­te für vie­le be­las­te­te Pro­fes­so­ren die Rück­kehr auf ih­re al­ten Lehr­stüh­le zu­nächst un­mög­lich. Durch die Wie­der­ein­glie­de­rung von Min­der­be­las­te­ten und durch Neu­be­ru­fun­gen, ins­be­son­de­re von aus dem Os­ten ver­trie­be­nen Pro­fes­so­ren, ge­lang es der Uni­ver­si­tät je­doch, bis En­de der 1940er Jah­re wie­der ei­nen Lehr­kör­per auf­zu­bau­en, des­sen Um­fang dem Vor­kriegs­ni­veau ent­sprach.

Zerstörtes Universitäts-Hauptgebäude, 1944/45. (Universitätsarchiv Bonn)

 

4. Die Studenten der Nachkriegszeit

Wäh­rend der ge­sam­ten Be­sat­zungs­zeit un­ter­lag die Zahl der Stu­den­ten ei­nem von den Bri­ten fest­ge­setz­ten Nu­me­rus clau­sus. Die­ser leg­te die Ge­samt­zahl der Stu­di­en­plät­ze fest, so dass im­mer nur so vie­le Stu­den­ten neu im­ma­tri­ku­liert wer­den konn­ten, wie die Uni­ver­si­tät ver­lie­ßen. Nach­dem die in den ers­ten Nach­kriegs­se­mes­tern be­vor­zugt zu­ge­las­se­nen Ex­amens­kan­di­da­ten ihr Stu­di­um ab­ge­schlos­sen hat­ten, war die Zahl der Ab­gän­ger na­tur­ge­mäß klein. Der ge­rin­gen Zahl zu ver­ge­ben­der Stu­di­en­plät­ze stand ei­ne un­ge­bro­chen ho­he Be­wer­ber­zahl ge­gen­über.

Um den­noch mög­lichst vie­le Stu­den­ten zu­las­sen zu kön­nen, ver­gab die Uni­ver­si­tät Stu­di­en­platz­zu­sa­gen für die Mit­ar­beit in den stu­den­ti­schen Bau- und Ein­satz­trupps. Der Bau­trupp wur­de zu Hilfs­ar­bei­ten beim Wie­der­auf­bau der zer­stör­ten Uni­ver­si­täts­ge­bäu­de ein­ge­setzt, wäh­rend sich der Ein­satz­trupp um die Re­or­ga­ni­sa­ti­on der Bi­blio­the­ken küm­mer­te. Durch die­se Zu­las­sungs­po­li­tik ver­gab die Uni­ver­si­tät im­mer ei­ne An­zahl Stu­di­en­plät­ze im Vor­aus oh­ne zu wis­sen, wie vie­le Plät­ze im nächs­ten Se­mes­ter tat­säch­lich zur Ver­fü­gung ste­hen wür­den. Dies hat­te zur Fol­ge, dass zeit­wei­lig nur Zu­las­sun­gen zum Bau­trupp und kei­ne un­mit­tel­ba­ren Neuim­ma­tri­ku­la­tio­nen er­fol­gen konn­ten. Erst zum Som­mer­se­mes­ter 1949 wur­de der Nu­me­rus clau­sus in die Hän­de der Uni­ver­si­tät über­ge­ben, die die­sen bis zum Be­ginn der 1950er Jah­re in al­len Fa­kul­tä­ten mit Aus­nah­me der Me­di­zi­ni­schen ab­schaff­te.

Die Stu­den­ten der ers­ten Nach­kriegs­se­mes­ter ent­stamm­ten zum grö­ß­ten Teil der Ge­ne­ra­ti­on der Kriegs­teil­neh­mer. 90 Pro­zent der männ­li­chen Stu­den­ten des Win­ter­se­mes­ters 1945/1946 hat­ten am Krieg teil­ge­nom­men. In den fol­gen­den Se­mes­tern ging die Zahl der Kriegs­teil­neh­mer kon­ti­nu­ier­lich zu­rück. Mit Ver­zö­ge­rung von ei­nem Se­mes­ter im­ma­tri­ku­lier­ten sich ab 1946 auch die Stu­den­ten aus den Luft­waf­fen­hel­fer­jahr­gän­gen 1926-1928. Die­se hat­ten durch ih­ren Kriegs­ein­satz häu­fig die Schu­le vor­zei­tig mit dem Rei­fe­ver­merk ver­las­sen müs­sen und wa­ren da­her nach dem Krieg ge­zwun­gen, zu­nächst in Son­der­kur­sen ein re­gu­lä­res Ab­itur nach­zu­ho­len. Seit dem En­de der 1940er Jah­re dräng­te die Grup­pe der Kriegs­kin­der, die nicht ak­tiv am Krieg be­tei­ligt wa­ren, an die Uni­ver­si­tä­ten. In Bonn stell­ten im Win­ter­se­mes­ter 1951/1952 die drei Grup­pen je­weils et­wa ein Drit­tel der Stu­den­ten­schaft. In der Fol­ge ver­lo­ren die Kriegs­teil­neh­mer und Luft­waf­fen­hel­fer in­ner­halb der Stu­den­ten­schaft an Be­deu­tung. An­fang der 1950er Jah­re ist da­mit ein Ge­ne­ra­ti­ons­wech­sel in der Stu­den­ten­schaft der Uni­ver­si­tät Bonn zu be­ob­ach­ten. Die Prä­gung der Uni­ver­si­tät durch die Kriegs­teil­neh­mer ging im sel­ben Ma­ße zu­rück, wie der Ein­fluss der jün­ge­ren Stu­den­ten­ge­ne­ra­ti­on zu­nahm.

Studentischer Bautrupp vor der Anatomie, um 1947. (Universitätsarchiv Bonn)

 

Das Durch­schnitts­al­ter der Stu­den­ten lag in den ers­ten Nach­kriegs­se­mes­tern bei 25 Jah­ren und da­mit deut­lich hö­her als vor dem Krieg. Durch die Ein­füh­rung von Wehr- und Ar­beits­dienst so­wie durch den Kriegs­ein­satz war vie­len Stu­den­ten die Auf­nah­me ei­nes Stu­di­ums ver­wehrt wor­den. Zu­dem be­güns­tig­te das Zu­las­sungs­sys­tem der Uni­ver­si­tät äl­te­re und fort­ge­schrit­te­ne Stu­den­ten. Erst mit dem Weg­gang der Kriegs­ge­ne­ra­ti­on und dem Zu­strom jun­ger Ab­itu­ri­en­ten sank der Al­ters­durch­schnitt seit dem En­de der 40er Jah­re all­mäh­lich.

Mit über 23 Pro­zent lag der Frau­en­an­teil im ers­ten Nach­kriegs­se­mes­ter in Bonn auf dem höchs­ten Stand zu Frie­dens­zei­ten seit Ein­füh­rung des Frau­en­stu­di­ums. Zwar hat­ten die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten zu­nächst durch pro­pa­gan­dis­ti­sche Maß­nah­men ei­nen deut­li­chen Rück­gang des Frau­en­an­teils be­wirkt. Als sich ab Mit­te der 30er Jah­re je­doch ein Aka­de­mi­ker­man­gel be­merk­bar mach­te, wan­del­te sich die Hal­tung der NS­DAP zum Frau­en­stu­di­um. Mit Aus­bruch des Kriegs und der Ein­zie­hung ei­nes Gro­ß­teils der männ­li­chen Stu­den­ten stieg der Frau­en­an­teil sprung­haft an, bis er im letz­ten Kriegs­se­mes­ter et­wa bei 50 Pro­zent lag. Nach dem Krieg ge­riet das Frau­en­stu­di­um an­ge­sichts der knap­pen Stu­di­en­plät­ze je­doch wie­der un­ter den Le­gi­ti­ma­ti­ons­druck, dem es seit sei­ner Ein­füh­rung aus­ge­setzt war. Doch konn­ten sich in Bonn die Geg­ner des Frau­en­stu­di­ums nicht durch­set­zen. Durch die be­vor­zug­te Zu­las­sung von Ex­amens­kan­di­da­ten, un­ter de­nen sich kriegs­be­dingt vie­le Frau­en be­fan­den, lag der Frau­en­an­teil in den ers­ten Nach­kriegs­se­mes­tern bei rund ei­nem Vier­tel der Stu­den­ten­schaft. Erst in der Fol­ge der Wäh­rungs­re­form kam es im Win­ter­se­mes­ter 1948/1949 zu ei­nem deut­li­chen Rück­gang des Frau­en­stu­di­ums, da ge­ra­de Stu­den­tin­nen an­ge­sichts der fi­nan­zi­el­len Kri­se ge­zwun­gen wa­ren, ihr Stu­di­um vor­zei­tig zu be­en­den.

Auf­grund der star­ken För­de­rung des Me­di­zin­stu­di­ums wäh­rend des „Drit­ten Reichs“ war die Nach­fra­ge nach me­di­zi­ni­schen Stu­di­en­plät­zen auch nach dem Krieg un­ge­bro­chen hoch. Wäh­rend sich je­doch die Be­rufs­aus­sich­ten für Me­di­zi­ner nach dem Krieg deut­lich ver­schlech­ter­ten, bot der sich nun­mehr ab­zeich­nen­de Man­gel an Ju­ris­ten und Volks­wir­ten den Stu­den­ten neue be­ruf­li­che Per­spek­ti­ven. Es kam so zu ei­ner Um­ori­en­tie­rung in der Wahl des Stu­di­en­fachs. Ins­be­son­de­re für die männ­li­chen Stu­den­ten ent­wi­ckel­ten sich die Fä­cher der Rechts- und Staats­wis­sen­schaft­li­chen Fa­kul­tät zu ei­nem Schwer­punkt, wäh­rend bei den Stu­den­tin­nen die Wahl meist auf ein Fach der Phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tät fiel. Ei­ne Son­der­stel­lung nahm das Fach Phar­ma­zie ein, das sich mit ei­nem Frau­en­an­teil von zeit­wei­se über 80 Pro­zent zu ei­ner Do­mä­ne des Frau­en­stu­di­ums ent­wi­ckel­te.

Ei­ne be­son­de­re Grup­pe un­ter den Stu­den­ten bil­de­ten die Dis­pla­ced Per­sons (DPs). Nach Vor­ga­be der Mi­li­tär­re­gie­rung muss­ten 10 Pro­zent der Stu­di­en­plät­ze für DPs re­ser­viert wer­den. Die DPs - meist ehe­ma­li­ge Zwangs­ar­bei­ter, KZ-Häft­lin­ge oder Kriegs­ge­fan­ge­ne - wa­ren in ei­ge­nen La­gern un­ter­ge­bracht. Sie leb­ten als Grup­pe un­ter sich und hat­ten nur we­nig Kon­takt zu den üb­ri­gen Stu­den­ten. Mit zeit­wei­lig rund 350 DP-Stu­den­ten war die Uni­ver­si­tät Bonn ei­ne der Hoch­schu­len mit den meis­ten DPs in Deutsch­land. Nach und nach ver­lo­ren die DPs den Son­der­sta­tus, der ih­nen in den ers­ten Nach­kriegs­jah­ren zu­ge­bil­ligt wor­den war. Bis zum En­de der 40er Jah­re ver­lie­ßen die meis­ten DPs die Uni­ver­si­tät.

5. Studentenvertretung und studentische Vereinigungen

Noch vor der Wie­der­er­öff­nung der Uni­ver­si­tät be­gan­nen die Stu­den­ten, sich zu or­ga­ni­sie­ren. Im Herbst 1945 mel­de­ten sich ei­ni­ge Me­di­zin­stu­den­ten bei Rek­tor Ko­nen und be­kun­de­ten ih­re Be­reit­schaft zur Mit­ar­beit an ei­ner Stu­den­ten­ver­tre­tung. Im Lau­fe des Win­ter­se­mes­ters 1945/1946 ent­stand aus ver­schie­de­nen Grup­pen en­ga­gier­ter Stu­den­ten ein pro­vi­so­ri­scher Aus­schuss, der die Auf­ga­ben ei­ner Stu­den­ten­ver­tre­tung kom­mis­sa­risch über­nahm. Am 25.6.1946 fand die ers­te AStA-Wahl nach dem Krieg in Bonn statt. Die Zu­sam­men­ar­beit mit den uni­ver­si­tä­ren Gre­mi­en ge­stal­te­te sich für den AStA nicht ein­fach. Im Som­mer 1947 trat der AStA zum ers­ten Mal zu­rück, da er kei­ne Ba­sis mehr für die Zu­sam­men­ar­beit mit Rek­tor und Se­nat sah. Da es dem AStA nicht ge­lang, ei­ne dau­er­haf­te und re­gel­mä­ßi­ge Be­tei­li­gung im Se­nat als obers­tem uni­ver­si­tä­rem Gre­mi­um durch­zu­set­zen, blieb sein An­se­hen auch in der Stu­den­ten­schaft ge­ring. Zu­dem wur­de das Ver­trau­en der Stu­den­ten in ih­re Ver­tre­ter durch meh­re­re Skan­da­le er­schüt­tert. Die Ent­frem­dung zwi­schen Stu­den­ten und AStA wur­de in den 50er Jah­ren durch die Do­mi­nanz von Kor­po­ra­ti­ons­stu­den­ten im AStA ver­stärkt.

Ne­ben dem AStA als ge­wähl­ter Stu­den­ten­ver­tre­tung grün­de­te sich in der Nach­kriegs­zeit ei­ne Fül­le von stu­den­ti­schen Ver­ei­ni­gun­gen. In den ers­ten Jah­ren nach der Wie­der­er­öff­nung nah­men die Stu­den­ten­ge­mein­den bei­der Kon­fes­sio­nen ei­ne Son­der­stel­lung ein. Sie er­hiel­ten als ers­te Ver­ei­ni­gun­gen die Zu­las­sung der Mi­li­tär­re­gie­rung und hat­ten gro­ßen Zu­lauf. Die Ka­tho­li­sche Stu­den­ten­ge­mein­de war mit rund 1.000 ak­ti­ven Mit­glie­dern die grö­ß­te Bon­ner Ver­ei­ni­gung der Nach­kriegs­zeit. Bei bei­den Ge­mein­den voll­zog sich ei­ne in­ne­re Kon­so­li­die­rung durch den Bau von Wohn­hei­men und Ge­mein­de­zen­tren zu Be­ginn der 1950er Jah­re. Mit Über­win­dung der Nach­kriegs­pro­vi­so­ri­en ging je­doch gleich­zei­tig ein Be­deu­tungs­ver­lust der Ge­mein­den ein­her. Die Son­der­rol­le, wel­che die Kir­chen in den ers­ten Nach­kriegs­jah­ren ein­ge­nom­men hat­ten, trat in den Hin­ter­grund.

Ob­wohl die Nach­kriegs­stu­den­ten viel­fach als un­po­li­tisch ein­ge­schätzt wer­den, ent­stand auch ei­ne Viel­zahl po­li­ti­scher Dis­kus­si­ons­grup­pen in der Nach­kriegs­zeit. Im Som­mer 1946 bil­de­te sich ein Stu­den­ten­kreis der SPD, aus dem spä­ter der Bon­ner So­zia­lis­ti­sche Deut­sche Stu­den­ten­bund (SDS) her­vor­ge­hen soll­te. 1947 ent­stan­den auch der Christ­lich-De­mo­kra­ti­sche Hoch­schul­ring (CDH, der Vor­läu­fer des spä­te­ren RCDS) und die De­mo­kra­ti­sche Hoch­schul­grup­pe (DHG), die sich spä­ter in Li­be­ra­ler Stu­den­ten­bund Deutsch­lands (LSD) um­be­nann­te. Al­le die­se Grup­pen stan­den zwar in­halt­lich den ent­spre­chen­den Par­tei­en na­he, be­ton­ten je­doch ih­re po­li­ti­sche Un­ab­hän­gig­keit. Da­durch er­gab sich in­ner­halb der Stu­den­ten­schaft ei­ne Of­fen­heit für ei­ne en­ge Zu­sam­men­ar­beit der Hoch­schul­grup­pen über die Par­tei­gren­zen hin­weg. Im Lau­fe der 50er Jah­re ver­stärk­ten sich je­doch die Ge­gen­sät­ze zwi­schen den par­tei­po­li­ti­schen Grup­pen, die sich vor al­lem an der Hal­tung zu den Kor­po­ra­tio­nen ent­zün­de­ten.

Die Bri­ten hat­ten den Kor­po­ra­tio­nen in den ers­ten Nach­kriegs­jah­ren die Zu­las­sung ver­wei­gert, da sie die Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen als mit­ver­ant­wort­lich für den Auf­stieg des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus be­trach­te­ten. Die­se ab­leh­nen­de Hal­tung wur­de auch von der Mehr­heit der Stu­den­ten und Pro­fes­so­ren ge­teilt. Den­noch kam es schnell zu ei­ner Wie­der­grün­dung zahl­rei­cher Kor­po­ra­tio­nen - we­gen des bri­ti­schen Ver­bots je­doch zu­nächst un­ter Tarn­be­zeich­nun­gen. Viel­fach stan­den die neu­ge­grün­de­ten Kor­po­ra­tio­nen den al­ten Ver­bin­dungs­tra­di­tio­nen skep­tisch ge­gen­über, so dass nicht sel­ten Kon­flik­te zwi­schen Neu­ori­en­tie­rung und Tra­di­ti­ons­pfle­ge in­ner­halb der Ver­bin­dun­gen zu Ta­ge tra­ten. Be­son­ders um­strit­ten wa­ren das öf­fent­li­che Far­ben­tra­gen und das stu­den­ti­sche Fech­ten. Mit dem En­de der Be­sat­zungs­zeit und dem Nach­rü­cken ei­ner jün­ge­ren Stu­den­ten­ge­ne­ra­ti­on kam es En­de der 40er Jah­re zu ei­nem Auf­schwung des Ver­bin­dungs­we­sens in sei­ner tra­di­tio­nel­len Form. 1951 tru­gen in Bonn erst­mals Mit­glie­der meh­re­rer ka­tho­li­scher Ver­bin­dun­gen trotz des aus­drück­li­chen Ver­bots von Sei­ten der Uni­ver­si­tät öf­fent­lich Far­ben und lös­ten da­mit den Bon­ner Far­ben­streit aus. Die Kor­po­ra­tio­nen konn­ten da­bei vor Ge­richt ihr Recht auf öf­fent­li­ches Far­ben­tra­gen er­strei­ten. Mit Amts­an­tritt Rek­tor Paul Mar­ti­nis be­gann 1953 ei­ne Pha­se der An­nä­he­rung zwi­schen Uni­ver­si­tät und Kor­po­ra­tio­nen. Ins­ge­samt muss­te das Ver­bin­dungs­we­sen ­nach dem Krieg ei­nen star­ken Be­deu­tungs­ver­lust hin­neh­men. Hin­sicht­lich der Mit­glie­der­zah­len konn­ten die Kor­po­ra­tio­nen nicht mehr an ih­re star­ke Stel­lung der Wei­ma­rer Zeit an­knüp­fen.

Studenten vor dem neuen Studentenhaus (Nasse-Mensa), um 1950. (Universitätsarchiv Bonn)

 

6. Mangel und Not in den Nachkriegsjahren

Die Nach­kriegs­zeit war ge­prägt durch den Man­gel an al­len Din­gen des täg­li­chen Be­darfs. Ei­ne gro­ße Schwie­rig­keit stell­te die Woh­nungs­si­tua­ti­on nach dem Krieg dar. Durch die Zer­stö­run­gen des Bom­ben­kriegs hat­te Bonn im In­nen­stadt­be­reich ei­nen gro­ßen Wohn­raum­ver­lust zu ver­kraf­ten. Stu­di­en­be­wer­ber wa­ren ge­zwun­gen, vor der Im­ma­tri­ku­la­ti­on den Nach­weis ei­ner Un­ter­kunft zu er­brin­gen. Bei Wie­der­er­öff­nung der Uni­ver­si­tät be­stan­den noch kei­ne Wohn­hei­me des Stu­den­ten­werks. Die Uni­ver­si­tät hat­te je­doch die Nut­zung zwei­er Ver­bin­dungs­häu­ser als stu­den­ti­sche Ge­mein­schafs­un­ter­künf­te er­mög­li­chen kön­nen. Ein Ku­rio­sum stell­te die Un­ter­brin­gung von Stu­den­ten in ehe­ma­li­gen Luft­schutz­bun­kern dar. In Bonn gab es drei sol­cher Bun­ker: in der Trie­rer Stra­ße in Pop­pels­dorf, in der Thea­ter­stra­ße und in Beu­el. Die fens­ter­lo­sen Bun­ker wa­ren schlecht durch­lüf­tet und bei den häu­fi­gen Strom­aus­fäl­len oh­ne Be­leuch­tung. Der Vor­teil war ei­ne sehr güns­ti­ge Mie­te so­wie das Vor­han­den­sein ei­ner Zen­tral­hei­zung. Die Bun­ker er­freu­ten sich trotz der er­bärm­li­chen Wohn­ver­hält­nis­se ei­ner gro­ßen Be­liebt­heit. An­fang der 50er Jah­re be­gann das Stu­den­ten­werk mit der Er­rich­tung ei­ge­ner Wohn­hei­me. 1952 wur­de das Til­mann-Haus er­öff­net, 1954 folg­te das Carl-Schurz-Haus. Da­durch ent­spann­te sich zu Be­ginn der 50er Jah­re die stu­den­ti­sche Woh­nungs­not.

Küche der Nasse-Mensa der Universität Bonn mit Care-Paketen, um 1950. (Universitätsarchiv Bonn)

 

Die be­stim­men­de Sor­ge der Nach­kriegs­zeit war die un­zu­rei­chen­de Ver­sor­gung mit Le­bens­mit­teln. Das be­ste­hen­de Ra­tio­nie­rungs­sys­tem der Grund­nah­rungs­mit­tel wur­de von den Al­li­ier­ten nach Kriegs­en­de un­ver­än­dert wei­ter­ge­führt. Die durch Flücht­lings­strö­me be­ding­te Be­völ­ke­rungs­ver­dich­tung in den West­zo­nen und der Ver­lust der Agrar­ge­bie­te im Os­ten führ­ten je­doch zu ei­ner Ab­sen­kung der Ra­tio­nen. Die Ver­sor­gungs­la­ge spitz­te sich je­weils im Früh­jahr zu und er­reich­te in Bonn 1947 mit 740 Ta­geska­lo­ri­en ih­ren Tief­punkt. Be­reits zum Win­ter­se­mes­ter 1945/1946 wur­de ei­ne pro­vi­so­ri­sche Men­sa im Haus des Bon­ner Bür­ger­ver­eins ein­ge­rich­tet. Die­se wur­de zwar mit Pro­duk­ten der Ver­suchs­fel­der der Land­wirt­schaft­li­chen Fa­kul­tät be­lie­fert, konn­te aber an der ge­rin­gen Grund­ver­sor­gung nur we­nig än­dern. Die La­ge ent­spann­te sich erst, als ab 1947 die ers­ten Le­bens­mit­tel­spen­den aus dem Aus­land ein­tra­fen. Seit dem Win­ter­se­mes­ter 1947/1948 er­folg­ten re­gel­mä­ßi­ge Spei­sun­gen durch das schwe­di­sche Ro­te Kreuz und die Men­no­ni­ten. Au­ßer­dem ge­lang es der Uni­ver­si­tät 1949, in die Schul­spei­sung (die so ge­nann­te Hoo­ver­spen­de) ein­be­zo­gen zu wer­den.

Berechtigungskarte für die Speisung durch das schwedische Rote Kreuz an der Universität Bonn im Wintersemester 1947/48. (Universitätsarchiv Bonn)

 

Ab dem Som­mer 1948 sta­bi­li­sier­te sich die Ver­sor­gungs­la­ge all­mäh­lich. Zum Sym­bol der Nor­ma­li­sie­rung wur­de die Er­öff­nung der Men­sa im wie­der­er­rich­te­ten Stu­den­ten­haus in der Nass­e­stra­ße. Seit dem Win­ter­se­mes­ter 1949/1950 wur­den hier täg­lich drei ver­schie­de­ne Ge­rich­te an­ge­bo­ten. Mit dem En­de der Le­bens­mit­tel­ra­tio­nie­rung 1950 war schlie­ß­lich die Zeit des schlimms­ten Man­gels vor­über.

Un­mit­tel­ba­re Fol­ge der schlech­ten Nah­rungs­mit­tel­ver­sor­gung war der be­sorg­nis­er­re­gen­de Ge­sund­heits­zu­stand der Stu­den­ten. Schlech­te Er­näh­rung und be­eng­te Un­ter­brin­gung för­der­ten das In­fek­ti­ons­ri­si­ko, ins­be­son­de­re für Tu­ber­ku­lo­se. Die Uni­ver­si­tät be­müh­te sich früh, ei­nen Über­blick über den Ge­sund­heits­zu­stand ih­rer Stu­den­ten zu er­hal­ten. Im Win­ter­se­mes­ter 1946/1947 wur­de da­her ei­ne ers­te Rei­hen­un­ter­su­chung durch­ge­führt. Das Er­geb­nis war alar­mie­rend: Über die Hälf­te der Stu­den­ten war un­ter­ge­wich­tig, ein Drit­tel wur­de auf Grund ih­res Un­ter­ge­wichts als ge­sund­heit­lich ge­fähr­det ein­ge­stuft. Zu­dem wur­den 69 Fäl­le von Tu­ber­ku­lo­se dia­gnos­ti­ziert. Die­se Un­ter­su­chun­gen wur­den für die Stu­den­ten im ers­ten und drit­ten Se­mes­ter je­weils zu Se­mes­ter­be­ginn wie­der­holt. Mit Nor­ma­li­sie­rung der all­ge­mei­nen Le­bens­ver­hält­nis­se ver­bes­ser­te sich auch der Ge­sund­heits­zu­stand der Stu­den­ten.

Die Not er­streck­te sich auf al­le Din­ge des täg­li­chen Be­darfs. Be­son­ders der Man­gel an Klei­dung mach­te sich in den stren­gen Win­tern der Nach­kriegs­zeit schmerz­lich be­merk­bar. Vie­le Stu­den­ten be­sa­ßen nur ih­re al­te Wehr­machts­uni­form, die sie um­ge­färbt wei­ter­tru­gen. Die Kom­bi­na­ti­on von Hun­ger und Käl­te, ver­schärft durch Klei­der- und Koh­len­man­gel, er­schwer­te das Stu­di­um er­heb­lich. 1948 er­reich­ten die Uni­ver­si­tät ers­te Klei­dungs­spen­den. Um die we­ni­gen vor­han­de­nen Klei­dungs­stü­cke zu er­hal­ten, rich­te­te die Uni­ver­si­tät Näh­stu­ben und ei­ne Schus­te­rei ein.

Neuerrichtetes Studentenhaus (Nasse-Mensa), um 1950. (Universitätsarchiv Bonn)

 

Auch im Hin­blick auf die uni­ver­si­tä­re Leh­re er­wies sich die Si­tua­ti­on der Nach­kriegs­zeit als wid­rig. Ge­ra­de der Man­gel an Lehr­bü­chern er­schwer­te das Stu­di­um. Vie­le uni­ver­si­tä­re Bi­blio­the­ken wa­ren wäh­rend der letz­ten Kriegs­mo­na­te aus­ge­la­gert wor­den. Un­ter den nicht aus­ge­la­ger­ten Be­stän­den wa­ren gro­ße Ver­lus­te zu be­kla­gen. Al­lein die Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek be­zif­fer­te ih­ren Ver­lust auf rund 25 Pro­zent des Buch­be­stan­des. Bis zum Früh­som­mer 1946 war die Rück­füh­rung der aus­ge­la­ger­ten Be­stän­de ab­ge­schlos­sen. Die Bü­cher wur­den pro­vi­so­risch im Haupt­ge­bäu­de und in ei­nem Bun­ker auf­ge­stellt. Erst 1949 konn­te das Pro­vi­so­ri­um im Bun­ker über­wun­den wer­den und der Ge­samt­be­stand wie­der zu­gäng­lich ge­macht wer­den.

En­de der 40er Jah­re be­gan­nen sich die Ver­hält­nis­se an der Uni­ver­si­tät Bonn zu nor­ma­li­sie­ren. Ei­nen ers­ten Ein­schnitt in der wirt­schaft­li­chen Si­tua­ti­on bil­de­te die Wäh­rungs­re­form. Stand bis 1948 der Man­gel an Wa­ren ei­ner kom­for­ta­blen fi­nan­zi­el­len Si­tua­ti­on der Stu­den­ten ge­gen­über, da vie­le aus ih­rem Sold Rück­la­gen ge­bil­det hat­ten, so kehr­te sich dies mit der Wäh­rungs­re­form um. Durch die Ab­wer­tung der Er­spar­nis­se und den An­stieg der Prei­se tra­ten nun Geld­sor­gen ge­gen­über den Ver­sor­gungs­nö­ten in den Vor­der­grund. Die Stu­den­ten be­müh­ten sich, durch Werk­tä­tig­keit dem Geld­man­gel zu be­geg­nen. Das Werk­stu­den­ten­tum wur­de zu ei­nem Kenn­zei­chen der Stu­den­ten­schaft nach der Wäh­rungs­re­form. Bis zur Ein­füh­rung der Stu­di­en­för­de­rung nach dem Hon­ne­fer Mo­dell En­de der 1950er Jah­re be­stimm­ten Geld­sor­gen nun­mehr das Le­ben vie­ler Stu­den­ten. Lang­fris­tig aber be­deu­te­te die Neu­ord­nung der Wirt­schaft ei­ne Ver­bes­se­rung der Ver­sor­gungs­la­ge. 1949 ge­lang­te mit der Ein­wei­hung des Haupt­ge­bäu­des und des Stu­den­ten­hau­ses in der Nass­e­stra­ße ein wich­ti­ger Ab­schnitt des Wie­der­auf­baus zu ei­nem Ab­schluss. Im glei­chen Jahr nah­men auch die ers­ten Kli­ni­ken auf dem neu­en Kli­nik­ge­län­de auf dem Ve­nus­berg ih­ren Be­trieb auf. Mit dem En­de der Be­sat­zungs­zeit er­hielt die Uni­ver­si­tät ih­re aka­de­mi­sche Frei­heit zu­rück und un­ter­stand nun wie­der al­lein dem Kul­tus­mi­nis­te­ri­um.

Eingang zum Studentenbunker in Bonn-Poppelsdorf. (Universitätsarchiv Bonn)

 

Wenn auch die 1950er Jah­re noch von Ar­mut und den Nach­wir­kun­gen des Kriegs ge­prägt wa­ren, so hat­te an der Uni­ver­si­tät doch der All­tag Ein­zug ge­hal­ten. Vie­le kriegs­be­ding­te Pro­vi­so­ri­en konn­ten über­wun­den wer­den, selbst die Ra­tio­nie­rung der Le­bens­mit­tel wur­de 1951 ab­ge­schafft. Nach Grün­dung der Bun­des­re­pu­blik konn­ten auch die be­reits in den ers­ten Nach­kriegs­jah­ren wie­der ge­knüpf­ten Kon­tak­te zum Aus­land wei­ter ver­tieft wer­den. Die Zahl aus­län­di­scher Stu­den­ten in Bonn stieg stark an und für deut­sche Stu­den­ten wur­de ein Stu­di­en­jahr im Aus­land zu ei­ner rea­lis­ti­schen Mög­lich­keit. Die Uni­ver­si­tät konn­te so die nach 1933 ent­stan­de­ne aka­de­mi­sche Iso­lie­rung Deutsch­lands all­mäh­lich über­win­den.

Literatur

Be­cker, Tho­mas (Hg.), Zwi­schen Dik­ta­tur und Neu­be­ginn. Die Uni­ver­si­tät Bonn im ‚Drit­ten Reich’ und in der Nach­kriegs­zeit, Göt­tin­gen 2008.

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Rey, Man­fred van, Die Rhei­ni­sche Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät Bonn vom 18. Ok­to­ber 1944 bis 17. No­vem­ber 1945, in: Bon­ner Uni­ver­si­täts­blät­ter 1995, S. 29-44.

Schä­fer, Karl Theo­dor, Ver­fas­sungs­ge­schich­te der Uni­ver­si­tät Bonn 1818 bis 1960, Bonn 1968.

Studentenbunker in Bonn-Poppelsdorf. (Universitätsarchiv Bonn)

 
Zitationshinweis

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George, Christian, Der Neubeginn der Universität Bonn nach 1945, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/der-neubeginn-der-universitaet-bonn-nach-1945/DE-2086/lido/57d12add6b6c55.94032775 (17.10.2018)