Der Nordwestdeutsche Rundfunk Köln (NWDR) 1945-1955

Birgit Bernard (Köln/Heidelberg)

Einer der ersten Hörfunk-Übertragungswagen des NWDR Köln, hier im Duisburger Hafen, ca. 1950. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv / Stadt Duisburg)

1. Wiederbeginn, organisatorische und technische Grundlagen

Be­reits am 4.5.1945 hat­ten die Bri­ten das un­zer­stör­te Funk­haus des Reichs­sen­ders Ham­burg an der Ro­then­baum­chaus­see er­obert, we­ni­ge Stun­den dar­auf mel­de­te sich „Ra­dio Ham­burg, a sta­ti­on of the Al­lied Mi­li­ta­ry Go­vern­men­t“. In Ham­burg eta­blier­ten die Bri­ten den Haupt­sitz des Rund­funks in ih­rer Be­sat­zungs­zo­ne, die die spä­te­ren Bun­des­län­der Ham­burg, Schles­wig-Hol­stein, Nie­der­sach­sen und Nord­rhein-West­fa­len um­fass­te. Bre­men als En­kla­ve der ame­ri­ka­ni­schen Be­sat­zungs­zo­ne in Nord­deutsch­land er­hielt ei­nen ei­ge­nen Sen­der – Ra­dio Bre­men. Das Rund­funk­sys­tem der bri­ti­schen Mi­li­tär­re­gie­rung in Ham­burg war wie das bri­ti­sche zen­tra­lis­tisch aus­ge­rich­tet und ori­en­tier­te sich or­ga­ni­sa­to­risch am Vor­bild der Lon­do­ner BBC. Das „El­lip­sen­mo­del­l“ der Bri­ten sah ei­ne Zen­tra­le in Ham­burg, ei­nen Ne­bens­en­der in Köln und ein Stu­dio in Ber­lin vor, das für den bri­ti­schen Sek­tor Ber­lins zu­stän­dig war und In­for­ma­tio­nen aus Ber­lin für Ham­burg zu­lie­fer­te. Ins­ge­samt un­ter­stand der Rund­funk­be­trieb Kon­troll­of­fi­zie­ren der Bri­ti­schen Mi­li­tär­re­gie­rung, der so ge­nann­ten „Broad­cas­ting Unit“ (BCU) (ab 1946 „Broad­cas­ting Sec­tion (ISC Branch)“.

Der Sender Langenberg, 1947. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv / Fischer)

 

Köln mit sei­nem tra­di­ti­ons­rei­chen und für das Sen­de­ge­biet Rhein­land-West­fa­len zu­stän­di­gen West­deut­schen Rund­funk sah sich da­mit der Haupt­zen­tra­le in Ham­burg un­ter­ge­ord­net. Die Ver­hält­nis­se in Köln ge­stal­te­ten sich für den Wie­der­be­ginn des Rund­funk­pro­gramms un­gleich schwie­ri­ger: Das Funk­haus des Reichs­sen­ders Köln in der Da­go­bert­stra­ße war 1942/43 durch Bom­ben­an­grif­fe schwer be­schä­digt wor­den, und der Köl­ner „Haus­sen­der“ in Lan­gen­berg war noch kurz vor der Ka­pi­tu­la­ti­on des NS-Staa­tes durch den deut­schen Post­schutz ge­sprengt wor­den. Die Si­tua­ti­on wur­de für die we­ni­gen Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter der „Stun­de Nul­l“ durch die Rah­men­be­din­gun­gen er­schwert: im zer­stör­ten Köln fehl­te es an Wohn­raum, Le­bens­mit­teln, Heiz- und Bau­ma­te­ri­al. Zur Not schlief man auf oder un­ter dem Schreib­tisch.

Köln be­nö­tig­te al­so ei­ne län­ge­re Zeit bis zur Wie­der­auf­nah­me des Pro­gramm­be­triebs. Es war ein Ur­ge­stein des West­deut­schen Rund­funks, der Sport- und Nach­rich­ten­che­f Bern­hard Ernst, der sich am 26.9.1945 über ei­nen 20-kW-Be­helfs­sen­der in Lan­gen­berg bei den Hö­re­rin­nen und Hö­rern zu­rück­mel­de­te, jetzt als Stim­me des „Nord­west­deut­schen Rund­funks“, kurz: NW­DR, des Rund­funks in der Bri­ti­schen Be­sat­zungs­zo­ne.

Die zehn­köp­fi­ge „Broad­cas­ting Con­trol Unit Co­lo­gne“ und das deut­sche Per­so­nal in der Da­go­bert­stra­ße un­ter­stan­den von Ju­li 1945 bis Ju­li 1946 Ma­jor Ho­r­a­ce Saun­ders-Ja­cobs (1893-1966), ei­nem Mit­ar­bei­ter der BBC. Er wur­de 1946 von Ma­jor E. V. Hen­ry ab­ge­löst, der seit Früh­jahr 1946 für die Ab­tei­lung „News, Talks and Fea­tures“ als Kon­troll­of­fi­zier zu­stän­dig war, denn bis 1948 muss­ten die zur Aus­strah­lung vor­ge­se­he­nen Bei­trä­ge die Kon­trol­le und Vor­zen­sur der bri­ti­schen Of­fi­zie­re durch­lau­fen. Am 1.10.1946 über­nahm Hugh Car­le­ton Gree­ne (1901-1987), ein aus­ge­wie­se­ner Deutsch­land­ken­ner und Chef­re­dak­teur des deutsch­spra­chi­gen Diens­tes der BBC, den Pos­ten als „Chief­con­trol­ler“ des NW­DR in der Ham­bur­ger Zen­tra­le. Er­klär­tes Ziel sei­ner Mis­si­on war die Vor­be­rei­tung der Über­ga­be des NW­DR in deut­sche Hän­de – er sei ge­kom­men, um sich über­flüs­sig zu ma­chen, äu­ßer­te Gree­ne – und die Wah­rung der (po­li­ti­schen) Un­ab­hän­gig­keit des Sen­ders, auch ge­gen Ver­su­che der Ein­fluss­nah­me sei­tens der po­li­ti­schen Par­tei­en und der Län­der­re­gie­run­gen.

Dr. Bernhard Ernst, ca. 1952. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv / NDR)

 

Am 1.1.1948 wur­de der NW­DR durch die Ver­ord­nung 118 der Bri­ti­schen Mi­li­tär­re­gie­rung (VO 118) als öf­fent­lich-recht­li­che, ge­büh­ren­fi­nan­zier­te Rund­funk­an­stalt li­zen­siert. Gleich­zeit trat das NW­DR-Sta­tut in Kraft, und die Sen­de­an­la­gen im nord­west­deut­schen Sen­de­ge­biet gin­gen von der Reichs­post an den NW­DR über. Nach dem Vor­bild der BBC soll­te der Ge­ne­ral­di­rek­tor von ei­nem Ver­wal­tungs­rat er­nannt und in sei­ner Amts­füh­rung kon­trol­liert wer­den, der sei­ner­seits von ei­nem Haupt­aus­schuss ge­wählt wur­de. Ge­ne­ral­di­rek­tor und Ver­wal­tungs­rat muss­ten von der Bri­ti­schen Mi­li­tär­re­gie­rung be­stä­tigt wer­den.

Der NW­DR-Haupt­aus­schuss kon­sti­tu­ier­te sich am 12.3.1948 und wähl­te den sie­ben­köp­fi­gen Ver­wal­tungs­rat, dem vier SPD- und drei CDU-Mit­glie­der an­ge­hör­ten. Im Herbst 1948 zo­gen sich die letz­ten bri­ti­schen Kon­troll­of­fi­zie­re aus der Auf­sicht des NW­DR zu­rück. Zum Ge­ne­ral­di­rek­tor und Nach­fol­ger des bri­ti­schen „Chief Con­trol­ler­s“ Gree­ne wur­de der nie­der­säch­si­sche Kul­tus­mi­nis­ter Adolf Grim­me (1889-1963) er­nannt, der das Amt bis zur Li­qui­da­ti­on des NW­DR in­ne­hat­te. Durch die ers­te Än­de­rung der VO 118 vom 1.7.1949 ent­fiel schlie­ß­lich auch die Zu­stim­mung der Bri­ti­schen Mi­li­tär­re­gie­rung zur Wahl des Ge­ne­ral­di­rek­tors und des Ver­wal­tungs­ra­tes. Ju­ris­tisch ge­se­hen blieb nun die Klä­rung des Ver­hält­nis­ses des NW­DR zu den Län­der­re­gie­run­gen. Die Ver­hand­lun­gen mit dem Ziel des Ab­schlus­ses ei­nes Staats­ver­tra­ges führ­ten am 16.2.1950 zum Staats­ver­trag für die vier Län­der, die zum Sen­de­ge­biet des NW­DR ge­hör­ten. Das Ge­setz zur Ein­rich­tung ei­ner Lan­des­rund­funk­an­stalt für Nord­rhein-West­fa­len, dem „West­deut­schen Rund­funk (WDR)“ wur­de am 25.5.1954 un­ter­zeich­net. Zum 1.1.1956 trenn­te sich der NW­DR in die nun selbst­stän­di­gen Rund­funk­an­stal­ten Nord­deut­scher Rund­funk (NDR), West­deut­scher Rund­funk (WDR) so­wie den Sen­der Frei­es Ber­lin (SFB) – und in Köln nahm man be­frie­digt zur Kennt­nis: „Dat ‚N‘ es fott!“ In der Tat war das Ver­hält­nis zwi­schen der Zen­tra­le in Ham­burg und der Ne­ben­stel­le des NW­DR in Köln von An­fang an nicht frei von Span­nun­gen. Dies hat­te so­wohl tech­ni­sche, als auch po­li­ti­sche, kon­fes­sio­nel­le, his­to­ri­sche und lan­des­po­li­ti­sche Grün­de. 

Dr. Adolf Grimme, der erste Generaldirektor des NWDR, undatiert. (NDR)

 

Im Mai 1945 hat­ten die Bri­ten die Lan­gen­ber­ger Mit­tel­wel­le 658 kHz für die Aus­strah­lung des Pro­gramms von Bri­tish Forces Net­work (BFN) und des deutsch­spra­chi­gen Diens­tes der BBC re­qui­riert, so dass sich Köln und Ham­burg in ei­nen Gleich­wel­len­be­trieb auf der Mit­tel­wel­le 904 kHz ge­zwun­gen sa­hen. Dies be­deu­te­te, dass Köln und Ham­burg ihr Pro­gramm auf nur ei­ner Mit­tel­wel­le aus­strah­len konn­ten. Ver­tei­lungs­kämp­fe um die Sen­de­zei­ten wa­ren da­mit zwi­schen den bei­den Häu­sern vor­pro­gram­miert. 1945/46 strahl­te der NW­DR ins­ge­samt 180.000 Sen­de­mi­nu­ten aus, wo­bei 150.000 auf Ham­burg ent­fie­len und 30.000 auf Köln. Im Jah­re 1954/55 wa­ren es ins­ge­samt 478.600 Sen­de­mi­nu­ten, mit ei­nem Ham­bur­ger Pro­gramm­an­teil von 55,4 Pro­zent und ei­nem Köl­ner An­teil von 39 Pro­zent. Ob­wohl mehr als die Hälf­te der Hö­re­rin­nen und Hö­rer in Rhein­land und West­fa­len leb­ten, war der NW­DR Köln im Ge­samt­pro­gramm un­ter­re­prä­sen­tiert. Stän­di­ge Rei­be­rei­en um die Pro­gramm­ko­or­di­nie­rung, den In­for­ma­ti­ons­fluss und die Kri­tik Ham­burgs am „Pro­vin­zia­lis­mus“ des Köl­ner Pro­gramms ver­mehr­ten die Miss­stim­mung. Um­ge­kehrt fühl­ten sich Köln und die Rhein­län­der zu­rück­ge­setzt, wenn et­wa die Ham­bur­ger Sen­de­lei­tung am Abend des Ro­sen­mon­tags 1947 zur bes­ten Sen­de­zeit ein Sin­fo­nie­kon­zert an­be­raum­te, wäh­rend der NW­DR Köln erst um 22.20 Uhr zu ei­ner Kar­ne­vals­sit­zung schal­ten konn­te. Schon 1946/47 for­mier­te sich da­her ei­ne brei­te „Los-von-Ham­bur­g“-Be­we­gung, bei der sich die po­li­ti­schen Par­tei­en und ge­sell­schaft­li­chen Grup­pie­run­gen in Nord­rhein-West­fa­len in der For­de­rung nach ei­ner Lan­des­rund­funk­an­stalt (und idea­ler­wei­se auch ei­ner ei­ge­nen Wel­le) für NRW ei­nig wa­ren.

Mit der Un­ab­hän­gig­keit Kölns soll­te es noch bis An­fang 1956 dau­ern, doch er­wies sich das Gleich­wel­len­kon­strukt auf der an­de­ren Sei­te als Mo­tor für die Ent­wick­lung ei­ner tech­ni­schen In­no­va­ti­on, näm­lich des UKW-Funks (Ul­tra­kurz­wel­le), die zu ei­ner ver­bes­ser­ten re­gio­na­len Ver­sor­gung füh­ren soll­te. Die Ein­füh­rung der Ul­tra­kurz­wel­le für Ham­burg, Ber­lin und Köln ge­stat­te­te es Köln schlie­ß­lich, ein ei­ge­nes Pro­gramm auf UKW aus­zu­strah­len, das so ge­nann­te „2. Pro­gram­m“ oder „UKW-Wes­t“, das am 30.4.1950 mit neu­en Ma­gaz­in­for­ma­ten und viel Un­ter­hal­tungs­mu­sik star­te­te. Auf­grund der Pro­gramm­au­to­no­mie auf UKW konn­ten nun auch die Be­lan­ge West­fa­lens bes­ser be­rück­sich­tigt wer­den. 1954/53 be­trug die täg­li­che Sen­de­dau­er auf UKW-West be­reits 15,2 Stun­den, Flagg­schiff war die be­lieb­te Sen­de­rei­he „Zwi­schen Rhein und We­ser“, die erst­mals am 30.4.1950 aus­ge­strahlt wur­de.

Vierfach-Quirrl-UKW-Antenne des NWDR auf dem Hanshochhaus in Köln, undatiert. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv / NWDR-Bildstelle)

 

2. Die Funkhäuser des NWDR Köln: Dagobertstraße 38 und Wallrafplatz 5

Pro­du­ziert wur­de nach Kriegs­en­de zu­nächst wie­der im al­ten Funk­haus in der Da­go­bert­stra­ße 38 (an der Stel­le der heu­ti­gen Mu­sik­hoch­schu­le), das die Bri­ten in den Jah­ren 1945-1947 wie­der in­stand setz­ten. 1947 war der Gro­ße Sen­de­saal, in dem je­doch kaum Pu­bli­kum Platz fand, be­triebs­be­reit. Die Män­gel des Funk­hau­ses Da­go­bert­stra­ße, das 1927 von der in­sol­ven­ten Schlos­se­r­in­nung über­nom­men wor­den war, wa­ren hin­läng­lich be­kannt. Des­halb hat­te sich die West­deut­sche Rund­funk AG (WER­AG) schon An­fang der 1930er Jah­re mit dem Ge­dan­ken an ei­nen Funk­haus­neu­bau ge­tra­gen. Ein Ent­wurf des Köl­ner Ar­chi­tek­ten Jo­sef Op Gen Oorth (1895-1975) aus den spä­ten 1930er Jah­ren für ein Funk­haus im äu­ße­ren Köl­ner Grün­gür­tel am Deck­stei­ner Wei­her, der 1940 in der „Bau­welt“ pu­bli­ziert wor­den war, wur­de wäh­rend des Krie­ges je­doch nicht mehr rea­li­siert.

Eröffnung des wiederhergestellten Großen Sendesaals im Funkhaus Dagoberstraße mit einem Festkonzert der Kölner Kammermusikvereinigung, 28.2.1947, Foto: Walter Dick. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv / Walter Dick)

 

Auf­grund von Raum­not und der be­kann­ten akus­ti­schen Män­gel des Funk­hau­ses Da­go­bert­stra­ße hielt auch der NW­DR Köln Aus­schau nach ei­nem ge­eig­ne­te­ren Ob­jekt. Um die Jah­res­wen­de 1947/48 wur­de man in der Ge­schäfts­lei­tung auf die Rui­ne des ehe­ma­li­gen Ho­tels „Mo­no­pol“ am Wall­raf­platz auf­merk­sam. Im April 1948 wur­de mit der Ent­trüm­me­rung des Grund­stücks be­gon­nen, die Wahl des Ar­chi­tek­ten für den Funk­haus­neu­bau am Wall­raf­platz 5 fiel auf Pe­ter Fried­rich Schnei­der (1901-1981), der sich un­ter an­de­rem im Bau­bü­ro von Ed­mund Kör­ner (1874-1940) beim Bau des Folk­wang­mu­se­ums in Es­sen und in der Zu­sam­men­ar­beit mit den Ford-Wer­ken in Köln-Niehl ei­nen Na­men ge­macht hat­te.

WDR-GEBÄUDE in der Kölner Innenstadt, Luftaufnahme Funkhaus Wallrafplatz mit Kölner Dom, ca. 1955. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv / Aero Lloyd)

 

Das Richt­fest am Wall­raf­platz wur­de be­reits im Fe­bru­ar 1949 be­gan­gen, in Kölns ers­ter Groß­bau­stel­le nach dem Krieg ar­bei­te­te man so­gar in Nacht­schich­ten. Am 8.10.1951 wur­de der Gro­ße Sen­de­saal mit ei­ner Ka­pa­zi­tät von bis zu 800 Be­su­chern mit ei­nem Kon­zert des Köl­ner Rund­funksin­fo­nie­or­ches­ters un­ter der Lei­tung von Igor Stra­wins­ky (1882-1971) ein­ge­weiht. Ein ste­ter Zank­ap­fel zwi­schen Köln und Ham­burg blie­ben die Bau­kos­ten, denn der Köl­ner In­ten­dant Hanns Hart­mann (1901-1972) und der Ver­wal­tungs­rat fa­vo­ri­sier­ten die In­nen­stadt­la­ge di­rekt am Köl­ner Dom für das neue Funk­haus, was die Kos­ten für bauakus­ti­sche Maß­nah­men in die Hö­he trieb. Ab­ge­se­hen da­von war das heu­te un­ter Denk­mal­schutz ste­hen­de Funk­haus mit sei­nen zahl­rei­chen Bei­spie­len für die Kunst am Bau der frü­hen 1950er Jah­re, zum Bei­spiel dem Mo­nu­men­tal­fens­ter von Ge­org Meis­ter­mann (1911-1990) im Haupt­trep­pen­haus, so­wohl ar­chi­tek­to­ni­sches Bei­spiel für Trans­pa­renz ge­gen­über der Öf­fent­lich­keit als auch Sym­bol für das Selbst­be­wusst­sein des „Ne­bens­en­der­s“.

Eröffnungskonzert des Kölner Rundfunksinfonieorchesters im Großen Sendesaal im Funkhaus am Wallrafplatz, 21.6.1952. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv / Fischer)

 

3. Personalpolitik

Im Herbst 1945 be­gann der Sen­de­be­trieb in der Da­go­bert­stra­ße mit nur cir­ca 40 Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern, wäh­rend zu An­fang der 1930er Jah­re noch cir­ca 300 Per­so­nen auf der Ge­halts­lis­te ge­stan­den hat­ten. Ei­ne vor­dring­li­che Auf­ga­be beim Auf­bau des Pro­gramms war da­her die Su­che nach ge­eig­ne­tem Per­so­nal, und dies be­deu­te­te in ers­ter Li­nie nach po­li­tisch un­vor­be­las­te­ten Per­so­nen. Ei­ne be­son­de­re Rol­le spiel­te da­bei der bri­ti­sche Kon­troll­of­fi­zier beim NW­DR Ham­burg, Alex­an­der Maass (1902-1971). Der in Es­sen ge­bo­re­ne Kom­mu­nist war 1933 emi­griert und 1945 als Re­mi­grant nach Ham­burg zu­rück­ge­kehrt. Als Ex-Schau­spie­ler und Spre­cher beim West­deut­schen Rund­funk vor der Zä­sur im Jah­re 1933 kann­te er den Köl­ner Sen­der aus ei­ge­ner Er­fah­rung. Auf sei­ne Emp­feh­lung hin wur­den ehe­ma­li­ge Kol­le­gen wie die frü­he­re Kin­der­funk­lei­te­rin Els Vor­dem­ber­ge (1902-1999), der Kom­po­nist und Mu­sik­ab­tei­lungs­lei­ter Hans Ebert (1889-1952) oder Franz-Pe­ter Brück­ner (1905-1952), Chef­re­dak­teur der Rund­funk­zeit­schrift „Die Wer­ag“, wie­der ein­ge­stellt – oder eben nicht, wie zum Bei­spiel die ehe­ma­li­gen Li­te­ra­tur­re­dak­teu­re Mar­tin Ro­cken­bach (1898-1948) und Wil­li Schä­fer­diek (1903-1993), der Spre­cher und En­ter­tai­ner Ru­di Rau­her (1901-1958) oder der be­lieb­te Sän­ger Wil­ly Schnei­der. Als Emi­grant und Mit­glied der In­ter­na­tio­na­len Bri­ga­den im Spa­ni­schen Bür­ger­krieg war Maass nicht wil­lens, de­nen Par­don zu ge­wäh­ren, die sich als – wenn auch „un­po­li­ti­sche“ - Nutz­nie­ßer im NS-Sys­tem ein­ge­rich­tet hat­ten.

Alexander Maass, 1929. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)

 

Auch Max Burg­hardt (1893-1977) und Hanns Hart­mann ver­dank­ten ih­re Be­ru­fung zum In­ten­dan­ten des NW­DR Köln den Kon­tak­ten zu Alex­an­der Maass. Des­sen Plä­ne, sei­nen frü­he­ren Chef, den von 1926 bis 1933 am­tie­ren­den WER­AG-In­ten­dan­ten Ernst Hardt als ers­ten deut­schen Ge­ne­ral­di­rek­tor an den NW­DR Ham­burg zu lan­cie­ren, schei­ter­ten je­doch an Hardts pre­kä­rem Ge­sund­heits­zu­stand. Als po­li­tisch ver­läss­lich gal­ten auch jun­ge Män­ner, die ihr Hand­werks­zeug als Jour­na­lis­ten in bri­ti­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­gern und/oder bei der BBC ge­lernt hat­ten wie Karl-Edu­ard von Schnitz­ler (1918-2001), Wil­helm Sem­mel­roth und Wer­ner Ho­nig (1922-2006) be­zie­hungs­wei­se Ab­sol­ven­ten der „NW­DR-Rund­funk­schu­le“ in Ham­burg, die nach BBC-Mo­dell ge­grün­det wor­den war und aus der so be­deu­ten­de Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten her­vor­gin­gen wie Gerd Ru­ge (ge­bo­ren 1928), Wal­ter Eras­my (1924-1993), Ju­lia (Ding­wort-) Nuss­eck (ge­bo­ren 1921) oder Hil­de Stall­mach (1923-2011).

Ins­ge­samt ist in der Per­so­nal­po­li­tik der Bri­ten bis An­fang 1947, ganz im Ge­gen­satz zu der der Ame­ri­ka­ner, ei­ne ge­wis­se Duld­sam­keit auch ge­gen­über kom­mu­nis­ti­schen Mit­ar­bei­tern fest­zu­stel­len. Ab­ge­se­hen vom In­ten­dan­ten Max Burg­hardt wa­ren es drei Re­dak­teu­re im po­li­ti­schen Pro­gramm, Karl-Edu­ard von Schnitz­ler, Karl-Ge­org Egel (1919-1995) und Karl Gass (1917-2009), die sich of­fen zum Kom­mu­nis­mus be­kann­ten. Die­se Pha­se der Per­so­nal­po­li­tik en­de­te je­doch be­reits 1947 im Zei­chen des be­gin­nen­den Kal­ten Krie­ges. So­wohl Burg­hardt als auch Schnitz­ler, Gass und Egel zo­gen ih­re Kon­se­quen­zen und gin­gen in die So­wje­ti­sche Be­sat­zungs­zo­ne.

NWDR-Intendant Hanns Hartmann und Alexander Maass bei einer Veranstaltung zum 65. Geburtstag Adolf Grimmes in Hamburg, 1953/54. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)

 

Der ers­te Köl­ner Nach­kriegs­in­ten­dant Max Burg­hardt war am 27.11.1893 in Wi­cken­dorf bei Schwe­rin ge­bo­ren wor­den und in Ber­lin auf­ge­wach­sen. Nach ei­ner ab­ge­bro­che­nen Schul- und Be­rufs­aus­bil­dung vo­lon­tier­te er 1918/19 am Stadt­thea­ter in Bre­men und spiel­te an di­ver­sen Büh­nen in der Pro­vinz, un­ter an­de­rem in Müns­ter, wo er den eben­falls dort en­ga­gier­ten Alex­an­der Maass ken­nen­lern­te. Im Jah­re 1930 trat Burg­hardt in die KPD ein. 1933 ver­steck­te er Maass bei des­sen Flucht ins Aus­land vor der Ge­sta­po. Am 5.12.1935 wur­de Burg­hardt selbst ver­haf­tet. Es folg­ten ei­ne vier­wö­chi­ge „Schutz­haf­t“ und die Ver­ur­tei­lung zu vier Jah­ren und sechs Mo­na­ten Zucht­haus. Nach sei­ner Haft­ent­las­sung kehr­te Burg­hardt nach Bre­men zu­rück und en­ga­gier­te sich nach Kriegs­en­de er­neut für die KPD. Als de­si­gnier­ter In­ten­dant des NW­DR Köln er­hielt er ei­ne kur­ze Ein­ar­bei­tung am Ham­bur­ger Sen­der, ehe er am 2./3.5.1946 in Köln die Ge­schäf­te auf­nahm. In sei­ner nur zehn Mo­na­te wäh­ren­den Amts­zeit ge­lang es Burg­hardt je­doch, „die Ne­ben­stel­le Köln ent­schei­dend zu pro­fi­lie­ren“ (H.-U. Wag­ner) und den Or­ga­ni­sa­ti­ons­auf­bau vor­an­zu­trei­ben. Be­reits im Fe­bru­ar 1947 leg­te Burg­hardt sein Amt nie­der, nach­dem man ihm die­ses sei­tens der Bri­ti­schen Mi­li­tär­be­hör­de na­he­ge­legt hat­te. In der So­wje­ti­schen Be­sat­zungs­zo­ne und spä­te­ren DDR mach­te er Kar­rie­re als Ge­ne­ral­in­ten­dant der Städ­ti­schen Büh­nen in Leip­zig, In­ten­dant an der Staats­oper Un­ter den Lin­den in Ber­lin und als Prä­si­dent des Kul­tur­bun­des der DDR. Er starb am 22.1.1977 hoch­de­ko­riert in Ost-Ber­lin.

Max Burghardt, undatiert. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv / Walter Dick)

 

Nach­fol­ger Burg­hardts in Köln wur­de Hanns Hart­mann, ge­bo­ren am 22.4.1901 in Es­sen als Sohn ei­nes Schlos­sers. Hart­mann hat­te die Ober­re­al­schu­le bis zur Ober­se­kun­da be­sucht und im An­schluss dar­an ei­ne Kauf­män­ni­sche Leh­re in der Schwer­in­dus­trie ab­sol­viertt. Da sein Herz je­doch für das Thea­ter schlug, vo­lon­tier­te er am Städ­ti­schen Thea­ter Es­sen und war von 1921-1923 Mit­glied des dor­ti­gen Schau­spiel­ensem­bles. In der Spiel­zeit 1923/24 war Hart­mann am Stadt­thea­ter Müns­ter en­ga­giert. 1925 be­gann sei­ne Kar­rie­re in der Kul­tur­ver­wal­tung, zu­nächst am Stadt­thea­ter Ha­gen und ab 1930 als Ge­ne­ral­in­ten­dant am Städ­ti­schen Thea­ter in Chem­nitz. Am 30.6.1933 wur­de er von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ent­las­sen – we­gen „po­li­ti­scher Un­zu­ver­läs­sig­keit“ und weil er sich wei­ger­te, sich von sei­ner jü­di­schen Frau, der Opern­sän­ge­rin Ot­ti­lie Schwart­z­kopf (1885-1966), zu tren­nen. Das „Drit­te Reich“ über­stand Hart­mann dank sei­ner ex­zel­len­ten kauf­män­ni­schen Fä­hig­kei­ten in der Pri­vat­wirt­schaft, un­ter an­de­rem als Ge­schäfts­füh­rer des Mu­sik­ver­la­ges Mei­sel & Co in Ber­lin. Von Ok­to­ber 1945 bis Ok­to­ber 1946, bis zur Flucht in den Wes­ten, war Hart­mann In­ten­dant des Ber­li­ner Me­tro­pol­thea­ters und am­tier­te zeit­gleich als Prä­si­dent der Ent­na­zi­fi­zie­rungs­kom­mis­si­on der Kunst­schaf­fen­den in Ber­lin. Beim NW­DR in Ham­burg er­hielt er zu­nächst den Pos­ten des Stell­ver­tre­ten­den Lei­ters der Rund­funk­schu­le, am 1.9.1947 trat er das Amt des In­ten­dan­ten in Köln an – er soll­te es bis En­de 1960 in­ne­ha­ben.

Hart­mann setz­te sich ziel­stre­big für die Pro­fi­lie­rung und die Ei­gen­stän­dig­keit des NW­DR Köln ein. Der be­ken­nen­de Opern- und Schal­ke 04-Fan ver­ei­nig­te in sich das In­ter­es­se an po­li­ti­schen und kul­tu­rel­len Be­lan­gen, die Kunst der Wirt­schafts­füh­rung und den Rie­cher für gro­ße Ta­len­te, un­ter an­de­rem im Fal­le Wer­ner Hö­fers (1913-1997), dem Hart­mann trotz des­sen sei­ner­zeit schon be­kann­ten Tä­tig­keit als Jour­na­list im NS-Staat Kre­dit gab. Hart­mann starb am 5.4.1972 in Min­del­heim in Bay­ern.

Hanns Hartmann, 1954. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv / Karnine)

 

4. Organisationsaufbau, Studios, Redaktionen und Programm

Nach nur punk­tu­ell über­lie­fer­ten Quel­len zu ur­tei­len, exis­tier­ten im Jah­re 1946 – ab­ge­se­hen von Tech­nik, In­ten­danz und Ver­wal­tung - die fol­gen­den Pro­gramm-Ab­tei­lun­gen:
Ak­tu­el­les Wort (Lei­tung: Bern­hard Ernst) mit Nach­rich­ten, Land­funk, Sport, Hei­mat­sen­dun­gen und Got­tes­diens­ten
Po­li­ti­sches Wort (Lei­tung: Karl-Edu­ard von Schnitz­ler)
Künst­le­ri­sches Wort (Lei­tung: Karl Pe­try, ab 1946 Egon Was­sen­berg) mit den Res­sorts Hör­spiel, Frau­en­funk, Kin­der­funk und Mundart­sen­dun­gen
Mu­sik (Lei­tung: Her­bert Ei­mert) mit den Res­sorts Sin­fo­nie und Oper, Kam­mer­mu­sik, Chor­mu­sik, Geist­li­che Mu­sik, Volks­mu­sik, U-Mu­sik, Tanz­mu­sik, Ope­ret­te so­wie den Ton­meis­tern und dem Schall­ar­chiv. 

Der nächs­te Schnitt von 1953 zeigt die fol­gen­de Glie­de­rung des Pro­gramms:
Haupt­ab­tei­lung (HA) Mu­sik (Lei­tung: Ed­mund Nick) 
HA Po­li­tik (Lei­tung: Wal­ter Steig­ner)
Re­por­ta­ge­ab­tei­lung (Lei­tung: Bern­hard Ernst)
Kul­tu­rel­les Wort (Lei­tung: Frie­del Höm­ke)
Nacht­pro­gramm (Lei­tung: Carl Lin­fert)
Hör­spiel (Lei­tung: Wil­helm Sem­mel­roth)
Schul­funk (Lei­tung: Mar­ga Be­gie­bing)

Ers­ter Lei­ter des Po­li­tik-Res­sorts wur­de Karl-Edu­ard von Schnitz­ler. Des­sen Nach­fol­ger wur­de Wal­ter Steig­ner (1912-1983), der spä­te­re In­ten­dant von SFB und Deut­scher Wel­le (DW), der von 1947 bis 1955 das Res­sort Po­li­tik lei­te­te. In die­ser Funk­ti­on war er auch in Per­so­nal­uni­on für das neue Stu­dio in Bonn zu­stän­dig. Der Stu­dio­bau wur­de im Ju­li 1949 be­gon­nen und konn­te im Sep­tem­ber 1949 in Be­trieb ge­nom­men wer­den. Stu­dio Bonn pro­du­zier­te die Sen­de­rei­he „Be­richt aus Bon­n“, lie­fer­te Bei­trä­ge zur Bun­des­po­li­tik und über­trug ab 1949 auch Ple­nar­de­bat­ten.

Walter Steigner im Bonner Studio, 1954. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)

 

Zum 1.9.1949 über­nahm Pe­ter Funk (ge­bo­ren 1902) in Düs­sel­dorf die Ge­schäf­te als Stu­dio­lei­ter. Die Stadt hat­te 1948/49 drei Räu­me zur Ver­fü­gung ge­stellt. Pe­ter von Zahn (1913-2001) kom­men­tier­te seit 1948 in der Sen­de­rei­he „Zwi­schen Rhein und Ruhr“ wirt­schafts­po­li­ti­sche The­men, die häu­fig für Dis­kus­sio­nen in den Gre­mi­en sorg­ten, be­vor er als ers­ter Ame­ri­ka-Kor­re­spon­dent des NW­DR nach Wa­shing­ton ging.

Mit den bri­ti­schen Kon­troll­of­fi­zie­ren kam die Vor­stel­lung von ei­nem an­gel­säch­si­schen Jour­na­lis­mus de­mo­kra­ti­scher Prä­gung. Ein wich­ti­ges Merk­mal war da­bei die kla­re Tren­nung von Nach­richt und Kom­men­tar, die sich auch in der or­ga­ni­sa­to­ri­schen Tren­nung der bei­den Be­rei­che nie­der­schlug. Nach­rich­ten soll­ten wer­tungs­freie In­for­ma­tio­nen über das Ta­ges­ge­sche­hen bie­ten, wäh­rend das „Po­li­ti­sche Wort“ Ana­ly­sen, Hin­ter­grund­be­rich­te, Dis­kus­sio­nen und eben auch Kom­men­ta­re bei­steu­er­te wie in der Sen­de­rei­he „Zum Ta­ge“ im An­schluss an die Haupt­nach­rich­ten­sen­dung am Abend, die zur frei­en Mei­nungs­bil­dung bei­tra­gen soll­ten. Ge­ra­de an den Kom­men­ta­ren ent­zün­de­ten sich in der jun­gen De­mo­kra­tie hef­ti­ge Kon­tro­ver­sen. Die Nach­rich­ten wur­den bis 1948 von den bri­ti­schen Kon­troll­of­fi­zie­ren ver­fasst, die Ge­samt­lei­tung lag da­bei in Ham­burg. Köln lie­fer­te re­gio­na­le Nach­rich­ten zu und er­hielt erst 1950 ei­nen ei­ge­nen Nach­rich­ten­dienst.

Im Po­li­tik­be­reich eta­blier­te sich dar­über hin­aus ei­ne par­ti­el­le Ar­beits­tei­lung nach The­men, wo­bei Köln über West­deutsch­land, West­eu­ro­pa und (mit Stu­dio Bonn) auch über die Bun­des­po­li­tik be­rich­te­te und mit wirt­schafts­po­li­ti­schen The­men Ak­zen­te setz­te, wäh­rend Ham­burg für die Au­ßen­po­li­tik zu­stän­dig war. Ab 1950 lie­fen in Ham­burg auch die Fä­den für die Be­rich­te der Aus­lands­kor­re­spon­den­ten zu­sam­men. Es wa­ren in den An­fangs­jah­ren freie Mit­ar­bei­ter, die zu­nächst aus Lon­don, Pa­ris, Rom und Stock­holm und ab 1952 auch aus New York und Is­tan­bul be­rich­te­ten. 

Peter von Zahn, 1950. (NDR)

 

Neu wa­ren nun auch Dis­kus­si­ons­fo­ren. Nicht nur Po­li­ti­ker al­ler Par­tei­en ka­men zu Wort, son­dern auch Hö­re­rin­nen und Hö­rer selbst wie in dem er­folg­rei­chen For­mat „Der Hö­rer hat das Wort“. Die Sen­de­rei­he wur­de erst­mals am 1.1.1947 vom NW­DR Ham­burg aus­ge­strahlt wur­de und fiel mit dem Wech­sel des Re­dak­teurs Hans Ot­to We­se­mann (1903-1976) nach Köln ab dem 29.5.1949 ganz in die Zu­stän­dig­keit Kölns. Un­ter­stützt wur­de We­se­mann von der Re­dak­teu­rin Hil­de Stall­mach (1923-2011). In der Sen­dung wur­de ei­ne Aus­wahl aus Brie­fen vor­ge­le­sen, die Hö­re­rin­nen und Hö­rer zu ei­nem brei­ten Spek­trum der in der Sen­dung dis­ku­tier­ten po­li­ti­schen oder ge­sell­schaft­li­chen The­men an den NW­DR schrie­ben und die ei­nen Teil des öf­fent­li­chen Dis­kur­ses spie­gel­ten. Ein­übung in die De­mo­kra­tie be­deu­te­te auch, dass We­se­mann das gan­ze Mei­nungs­spek­trum prä­sen­tier­te, auch wenn es ihm per­sön­lich nicht be­hag­te wie im Fall der Dis­kus­si­on, ob es ei­nen neu­en An­ti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land ge­be. Zur Dis­kus­si­ons­sen­dung „Um­strit­te­ne Sa­chen“, die li­ve aus­ge­strahlt wur­de, lud der NW­DR ab dem 26.10.1954 ins neue Funk­haus am Wall­raf­platz ein. Zu ei­nem „Dau­er­bren­ner“ in der deut­schen Me­di­en­land­schaft ent­wi­ckel­te sich die Sen­de­rei­he „In­ter­na­tio­na­ler Früh­schop­pen“, zu dem Wer­ner Hö­fer ab dem 6.1.1952 in Bonn ak­kre­di­tier­te aus­län­di­sche Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten ein­lud, um in­nen- und au­ßen­po­li­ti­sche The­men zu be­leuch­ten.

'Internationaler Frühschoppen', hier mit A. Weinstein, H. Suliak, Werner Höfer, A. Besser, F.R. Allemann und H. Alkayat, 1956. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)

 

Dem Ge­bot der Un­ab­hän­gig­keit, Über­par­tei­lich­keit, Ob­jek­ti­vi­tät und Se­rio­si­tät trug nicht zu­letzt ein neu­er „Soun­d“ Rech­nung, der mit den Kon­troll­of­fi­zie­ren in den Sprech­ha­bi­tus ein­zog und der sich vom Pa­thos und Ver­laut­ba­rungs­jour­na­lis­mus des „Drit­ten Rei­ches“ dis­tan­zier­te.

In der Spar­te „Spor­t“ war die Be­richt­er­stat­tung zu­nächst auf­grund der man­gel­haf­ten tech­ni­schen Über­tra­gungs­mög­lich­kei­ten nur aus ei­nem en­ge­ren Um­feld der Funk­häu­ser und noch nicht aus der Re­gi­on rea­li­sier­bar. Dies än­der­te sich im Lau­fe des Jah­res 1946 und führ­te zur Ent­wick­lung fes­ter Sen­de­plät­ze, vor­nehm­lich am Wo­chen­en­de. Ar­beits­tei­lig wur­de beim NW­DR ver­fah­ren, wenn Ham­burg vom Ga­lopp­der­by be­rich­te­te oder Bern­hard Ernst vom Nür­burg­ring. Im Jah­re 1950 über­nahm Her­bert Zim­mer­mann (1917-1966) die Lei­tung der Sport­ab­tei­lung in Ham­burg, in Köln war es Wil­li Bus­se (geb. 1898), der un­ter an­de­rem von Kurt Brum­me und Wer­ner Labri­ga (1917-1988) un­ter­stützt wur­de.

Kurt Brumme bei der Übertragung eines Fußballspiels in Herne, 1958. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)

 

Von Sport­ver­an­stal­tun­gen wur­den bis in die 1950er Jah­re hin­ein nur we­ni­ge Mi­nu­ten über­tra­gen. Auf­grund der be­grenz­ten Sen­de­ka­pa­zi­tät galt dies selbst für wich­ti­ge Fuß­ball­spie­le. Dies än­der­te sich erst mit dem Tri­umpf der deut­schen Fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft bei der Welt­meis­ter­schaft 1954 in der Schweiz. Nach ei­ner kurz­fris­ti­gen Pro­gramm­um­stel­lung wur­de das End­spiel am 4.7.1954 jetzt li­ve und zur Gän­ze aus Bern über­tra­gen. Dies galt so­wohl für das Fern­se­hen als auch für den Hör­funk, für den Her­bert Zim­mer­mann be­rich­te­te. Die Ton­spur der von Bern­hard Ernst kom­men­tier­ten Fern­seh­über­tra­gung ist nicht er­hal­ten, so dass die Fern­seh­bil­der heu­te für ge­wöhn­lich mit der Kom­men­tie­rung Her­bert Zim­mer­manns für den Hör­funk un­ter­legt wer­den. 

Im Be­reich „Kul­tu­rel­les Wort“ lag das Au­gen­merk der Bri­ten von An­fang an auf drei ge­sell­schaft­li­chen Grup­pen, de­nen im Rah­men der De­mo­kra­ti­sie­rung ei­ne be­son­de­re Rol­le zu­ge­dacht war: Kin­dern und Ju­gend­li­chen, Frau­en und Kir­chen. Der NW­DR re­agier­te folg­lich mit ei­ner er­neu­ten Spe­zia­li­sie­rung auf Ziel­grup­pen­sen­dun­gen, die wäh­rend der Reichs­sen­der­zeit ab­ge­schafft wor­den wa­ren. 

Kurt Brumme auf dem Weg zum Fußball-Länderspiel zwischen Deutschland und Italien, 1955. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)

 

Ganz oben auf der Agen­da stand da­bei der Schul­funk. Bis 12.11.1945, dem Be­ginn der Schul­funk­sen­dun­gen des NW­DR, wur­den die­se über den deutsch­spra­chi­gen Dienst der BBC aus­ge­strahlt. Der NW­DR-Schul­funk ent­wi­ckel­te sich so­dann in en­ger Ab­stim­mung zwi­schen der Mi­li­tär­be­hör­de, den deut­schen Schul­be­hör­den und der Schul­funk­re­dak­ti­on. Die Be­deu­tung des Schul­funks für die Ver­mitt­lung de­mo­kra­tisch-hu­ma­nis­ti­scher Wer­te, In­for­ma­tio­nen zur Funk­ti­ons­wei­se ei­ner Par­la­men­ta­ri­schen De­mo­kra­tie, den Rech­ten und Pflich­ten der Staats­bür­ge­rin­nen und Staats­bür­ger so­wie die Ein­übung ei­ner de­mo­kra­ti­schen Dis­kus­si­ons­kul­tur kön­nen in An­be­tracht des nach Kriegs­en­de herr­schen­den Man­gels an mo­der­nen Lehr­mit­teln nicht hoch ge­nug ein­ge­schätzt wer­den. Der Schul­funk rich­te­te sich auch an die jun­gen Er­wach­se­nen, de­ren Bil­dungs­kar­rie­ren durch den Krieg ge­bro­chen wa­ren.

Aus­ge­strahlt wur­den die Sen­dun­gen, die für al­le Schul­ty­pen glei­cher­ma­ßen pro­du­ziert wur­den, am Vor­mit­tag von mon­tags bis sams­tags; sie wur­den zu ei­nem ho­hen Grad im Un­ter­richt ein­ge­setzt und durch ei­ne Rei­he an Be­gleit­ma­te­ria­li­en für das Lehr­per­so­nal er­gänzt. Wie­der­holt wur­den die Sen­dun­gen am Nach­mit­tag und er­freu­ten sich auch ab­seits der ei­gent­li­chen Ziel­grup­pe gro­ßer Be­liebt­heit. Das Köl­ner Schul­funk­pro­gramm wur­de un­ter der Re­dak­ti­on der pro­mo­vier­ten Phi­lo­lo­gin Mar­ga (Nes­tel-) Be­gie­bing (ge­bo­ren 1915) am 25.8.1947 er­öff­net.

Dr. Marga Nestel-Begiebung, Leiterin des NWDR-Schulfunks, 1957. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)

 

In An­be­tracht der Rol­le, die Frau­en für den Wie­der­auf­bau oder als (al­lein)er­zie­hen­de Müt­ter in der un­mit­tel­ba­ren Nach­kriegs­zeit spiel­ten, soll­te auch die­se Ziel­grup­pe für die De­mo­kra­ti­sie­rung Deutsch­lands ge­won­nen wer­den. Ei­ne voll­stän­di­ge po­li­ti­sche oder ge­sell­schaft­li­che Gleich­be­rech­ti­gung der Frau schweb­te al­ler­dings we­der den Bri­ten noch der Ade­nau­er-Re­gie­rung vor. Im Gro­ßen und Gan­zen war der NW­DR-Frau­en­funk, dem Stand der da­ma­li­gen Eman­zi­pa­ti­on ent­spre­chend, eher kon­ser­va­tiv bis ge­mä­ßigt-fort­schritt­lich. Wäh­rend sich der Frau­en­funk in den An­fangs­jah­ren – auf tra­di­tio­nell vor­mit­täg­li­chen Sen­de­plät­zen – dar­um be­müh­te, prak­ti­sche Hil­fe­stel­lung zur Be­wäl­ti­gung des All­tags in der Man­gel­ge­sell­schaft zu ge­ben - es ging um Fra­gen der Er­näh­rung, Be­klei­dung, Hy­gie­ne und na­tür­lich der Kin­der­er­zie­hung -, konn­te sich der Frau­en­funk ab der Wen­de zu den 1950er Jah­ren mit zu­sätz­li­cher Sen­de­zeit am Nach­mit­tag nun auch an be­rufs­tä­ti­ge Frau­en rich­ten und zum Bei­spiel Mo­de- oder Part­ner­schafts­fra­gen the­ma­ti­sie­ren. In­so­fern er­wei­ter­te sich das Spek­trum all­mäh­lich hin zu ei­nem Fa­mi­li­en­funk. Ex­po­nier­te sich die Köl­ner Frau­en­funk­lei­te­rin Dr. Frie­del Höm­ke (1906-1996) in­des all­zu eman­zi­pa­to­risch, ha­gel­te es Kri­tik, un­ter an­de­rem auch vom „Bund deut­scher Frau­en­kul­tur“.

Dr. Friedel Hömke, Leiterin des Frauenfunks, 1955. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)

 

Weit­ge­hen­der Kir­chen­kri­tik ent­hielt sich auch der NW­DR-Kir­chen­funk. Hier war man nach dem Krieg zu­nächst be­müht, den sta­tus quo an­te wie­der­her­zu­stel­len, und zwar in der Form, wie sie sich be­reits im Wei­ma­rer Rund­funk her­aus­kris­tal­li­siert hat­te. Für per­so­nel­le Kon­ti­nui­tät sorg­te in Köln der Be­auf­trag­te der Ka­tho­li­schen Kir­che, Prä­lat Bern­hard Mar­schall (1888-1963), das das Amt be­reits in der Wei­ma­rer Re­pu­blik bis 1933 bei der WER­AG in­ne­ge­habt hat­te. Am 12.3.1948 wur­de er zu­dem Stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der des Haupt­aus­schus­ses des NW­DR. Er ge­hör­te dem Gre­mi­um bis 1955 an.

Nach­dem die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten den Kir­chen­funk im April 1939 ein­ge­stellt hat­ten, be­gann der Sen­de­tag bei „Ra­dio Ham­bur­g“ seit Ju­ni 1945 mit ei­ner Mor­gen­an­dacht. Die ers­te Über­tra­gung ei­nes Got­tes­diens­tes ging von Ham­burg aus am 18.11.1945 in den Äther, der NW­DR Köln folg­te am 6.1.1946. Im Kir­chen­funk ist zwi­schen den so­ge­nann­ten „Ver­kün­di­gungs­sen­dun­gen“ und de­nen mit all­ge­mein-re­li­giö­ser The­ma­tik zu un­ter­schei­den. Über­tra­gun­gen lit­ur­gi­scher Fei­ern fie­len in den Zu­stän­dig­keits­be­reich der Kirch­li­chen Be­auf­trag­ten der Ka­tho­li­schen und Evan­ge­li­schen Kir­che, wäh­rend die Rund­funk­an­stal­ten in die­sem Be­reich le­dig­lich für die tech­ni­sche Ab­wick­lung zu­stän­dig wa­ren. Nach der kon­fes­sio­nel­len Ver­tei­lung im Sen­de­ge­biet ver­fuhr der NW­DR auch hier ar­beits­tei­lig: Ham­burg zeich­ne­te für zwei Drit­tel der evan­ge­li­schen Sen­dun­gen zu­stän­dig, Köln für zwei Drit­tel der ka­tho­li­schen. Au­ßer­dem gab es je ei­nen frei­kirch­li­chen Got­tes­dienst pro Quar­tal. Mit der Ein­füh­rung des 2. Pro­gramms konn­te Köln zu­dem re­gel­mä­ßi­ge Sams­tag­abend­sen­dun­gen aus­strah­len wie zum Bei­spiel die Sen­de­rei­he „Zum Aben­d“. Bis in die 1950er Jah­re hin­ein hat­ten die kirch­li­chen Be­auf­trag­ten auch ein Ve­to­recht in Be­zug auf Sen­dun­gen all­ge­mein-re­li­giö­sen In­halts, die vom Kir­chen­funk pro­du­ziert wur­den wie zum Bei­spiel Nach­rich­ten, Hör­fol­gen oder Hör­spie­le.

Fe­der­füh­rend im Be­reich „Hör­spiel“ war der Schau­spie­ler und Re­gis­seur Wil­helm Sem­mel­roth, der sein Hand­werks­zeug ab Mai 1945 beim deutsch­spra­chi­gen Dienst der BBC ge­lernt hat­te und im Mai 1946 nach Köln kam, um dort „Spiel­lei­ter“ im Hör­spiel zu wer­den. Hör­spie­le wur­den bis zu die­sem Zeit­punkt ma­ß­geb­lich in Ham­burg pro­du­ziert, ab 1947 dann in vier­zehn­täg­li­chem Wech­sel mit Köln. Sem­mel­roth in­sze­nier­te auf der NW­DR-Mit­tel­wel­le vor al­lem deut­sche Klas­si­ker, aber auch zeit­ge­nös­si­sche fran­zö­si­sche und an­glo­ame­ri­ka­ni­sche Au­to­ren, die im „Drit­ten Reich“ nicht auf den Spiel­plä­nen ge­stan­den hat­ten. Im April 1947 wur­de Sem­mel­roth Lei­ter ei­ner ei­ge­nen Hör­spiel­ab­tei­lung, im Jah­re 1949 wur­de er zu­dem zum „Chef­dra­ma­tur­gen“ be­för­dert.

Prälat Bernard Marschall, stellvertretender Hauptausschussvorsitzender des NWDR, undatiert. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv / Werz)

NWDR-Übertragung aus der katholischen Kirche St. Franziskus in Gummersbach, 1949. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv / Jürgen Woelke)

 

Mit der Ein­füh­rung der Ul­tra­kurz­wel­le er­öff­ne­ten sich neue Per­spek­ti­ven auch für das Hör­spiel. Wäh­rend Sem­mel­roth auf der Mit­tel­wel­le wei­ter­hin Hör­spiel­ad­ap­tio­nen von Klas­si­kern zur Sen­dung brach­te, konn­te er auf UKW nun Kurz­hör­spie­le in­sze­nie­ren, aber auch sol­che in rhei­ni­scher und west­fä­li­scher Mund­art, die auf der Mit­tel­wel­le kaum ei­ne Chan­ce ge­habt hät­ten. Zu re­gel­rech­ten „Stra­ßen­fe­gern“ ent­wi­ckel­ten sich die über­aus be­lieb­ten Kri­mi­nal­hör­spie­le, zum Bei­spiel die le­gen­dä­re Hör­spiel­fol­ge „Paul Temp­le“ mit Re­né Deltgen (1909-1979) in der Haupt­rol­le nach der Vor­la­ge von Fran­cis Durbridge (1912-1998).

Sem­mel­roth ar­bei­te­te je­doch nicht nur für den Hör­funk, son­dern war in den fol­gen­den Jah­ren auch als Büh­nen­re­gis­seur und in den 1960er und 1970er Jah­ren auch als Re­gis­seur von Fern­seh­spie­len ak­tiv.

Das Mu­sik­pro­gramm der Nach­kriegs­zeit war von zwei Grund­sät­zen ge­prägt: Die po­li­ti­sche Mu­sik des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus wur­de eli­mi­niert, wäh­rend nun auch wie­der die in der NS-Zeit ver­fem­ten Kom­po­nis­ten, Mu­sik­gat­tun­gen und So­lis­ten oder En­sem­bles im Ra­dio ge­hört wer­den konn­ten. Ide­al­ty­pisch hier­für steht die Über­tra­gung des Vio­lin­kon­zer­tes von Fe­lix Men­dels­sohn-Bar­thol­dy (1809-1847) am 29.7.1945 mit Ye­hu­di Men­u­hin (1916-1999). Ins­ge­samt be­trug der An­teil an Mu­sik­pro­duk­tio­nen, die nun auch „in­ter­na­tio­na­ler“ wur­den, im Jah­re 1953 51,8 Pro­zent auf der Mit­tel­wel­le und 74,5 Pro­zent auf UKW.

Arbeit am Hörspiel 'Die Nacht vor dem andern Tag', v.l.: Wilhelm Semmelroth, Scholz, N.N., Kallinich, Woytt, Regie: Wilhelm Semmelroth, 1949. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)

 

Das Köl­ner Mu­sik­pro­gramm be­gann im Herbst 1945 vor­nehm­lich mit Schall­plat­ten­sen­dun­gen und Über­nah­men aus Ham­burg. Erst im No­vem­ber 1945 ge­lang die Über­tra­gung ei­nes Kon­zer­tes aus der Au­la der Uni­ver­si­tät. Der NW­DR Köln ver­füg­te zu die­sem Zeit­punkt noch nicht wie­der über ei­ge­ne Klang­kör­per, da die­se im Zu­ge der Still­le­gung des Reichs­sen­ders Köln An­fang der 1940er Jah­re auf­ge­löst und die Mu­si­ker auf die Or­ches­ter an­de­rer Reichs­sen­der ver­teilt wor­den wa­ren. Das einst um­fang­rei­che No­ten­ar­chiv war im Zu­ge die­ser Maß­nah­me an die Pro­duk­ti­ons­stät­te des Gro­ß­deut­schen Rund­funks in St. Flo­ri­an bei Linz/Do­nau über­ge­gan­gen. Ei­ne be­son­de­re Be­deu­tung kam des­halb nach dem Krieg dem Wie­der­auf­bau der Klang­kör­per zu. 

Be­son­de­re Ak­zen­te ver­moch­te der NW­DR Köln in der Al­ten Mu­sik mit der Sen­de­rei­he „Von al­ter Mu­si­k“ (ab dem 21.5.1951) und den Kon­zer­ten der „Cap­pel­la Co­lo­ni­en­sis“ zu set­zen.

In­ter­na­tio­na­les An­se­hen er­warb Köln auch in Be­zug auf die Neue Mu­sik und die Elek­tro­ni­sche Mu­sik. Ab Fe­bru­ar 1951 stand die Sen­de­rei­he „Neue Mu­si­k“ mit Stu­dio­kon­zer­ten des Köl­ner Rund­funksin­fo­nie­or­ches­ters auf dem Pro­gramm, in der Sai­son 1954/55 star­te­te der Kon­zert­zy­klus „Mu­sik der Zeit“. Als För­de­rer Neu­er Mu­sik mach­te sich der NW­DR durch ei­ne Rei­he von Kom­po­si­ti­ons­auf­trä­gen ver­dient, die un­ter an­de­rem an Bo­ris Bla­cher (1903-1975), Gi­sel­her Kle­be (1925-2009), Bernd Alois Zim­mer­mann (1918-1970) oder Hans Wer­ner Hen­ze (1926-2013) ver­ge­ben wur­den, des­sen Funko­per „Ein Land­arz­t“ am 10.11.1951 zu hö­ren war. Her­vor­zu­he­ben ist in die­sem Kon­text die Vor­rei­ter­rol­le, die der NW­DR Köln auf dem Ge­biet der Elek­tro­ni­schen Mu­sik spiel­te.

In der Spar­te „Mu­si­ka­li­sche Un­ter­hal­tun­g“ wur­den wei­ter­hin „Bun­te Aben­de“ oder „Bun­te Nach­mit­ta­ge“ aus­ge­strahlt, die sich schon in der Wei­ma­rer Re­pu­blik und der NS-Zeit gro­ßer Be­liebt­heit er­freut hat­ten. For­ma­te, an de­ren Un­ter­hal­tungs­ni­veau so­wohl die bri­ti­schen Kon­troll­of­fi­zie­re als auch Ernst Hardt in sei­ner Ei­gen­schaft als Pro­gramm­be­ob­ach­ter für den NW­DR häu­fig Kri­tik üb­ten. An­fang 1949 kam es zum Ver­such der Wie­der­be­le­bung der in der NS-Zeit äu­ßerst er­folg­rei­chen Sen­de­rei­he „Der fro­he Sams­tag­nach­mit­ta­g“, der wie­der­um als Li­ve-Ver­an­stal­tung aus di­ver­sen Or­ten des Sen­de­ge­bie­tes ge­ge­ben wur­de. Da­bei setz­te sich die Sen­dung aus Con­fé­ren­cen und Mu­sik­ti­teln im Sti­le ei­nes Wunsch­kon­zer­tes zu­sam­men. Neu war nun die Ver­bin­dung des „Fro­hen Sams­tag­nach­mit­tags“ mit ei­ner Lot­te­rie.

Die Cappella Coloniensis bei einem Festakt mit den Sängerknaben der Wiener Hofkapelle, 1954. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)

 

Neu wa­ren auch die aus dem ame­ri­ka­ni­schen Raum stam­men­den Quiz­sen­dun­gen und Ra­te­spie­le, die nun zu be­lieb­ten For­ma­ten avan­cier­ten. Die wohl be­kann­tes­te Sen­de­rei­he war „Das idea­le Braut­paar“, erst­mals aus­ge­strahlt im No­vem­ber 1951, mo­de­riert von Jac­ques Kö­nig­stein (1897-1971). Es han­del­te sich da­bei um öf­fent­li­che Ver­an­stal­tun­gen mit ei­nem mu­si­ka­li­schen Pot­pour­ri und Quiz­ein­la­gen. Im Mit­tel­punkt stan­den da­bei je­weils vier Braut­paa­re, die ge­trennt von­ein­an­der je vier Fra­gen be­ant­wor­ten muss­ten, die für Hei­ter­keit sorg­ten, oh­ne ins Voy­eu­ris­ti­sche ab­zu­glei­ten. 

Das un­ter­hal­ten­de Gen­re war nun auch das Ve­hi­kel für den Auf­stieg ei­ner neu­en Ge­ne­ra­ti­on von Show- und Quiz­mas­tern oder En­ter­tai­nern, wie et­wa Heinz Er­hardt (1909-1979), Hans Joa­chim Ku­len­kampff (1921-1988) mit der Sen­de­rei­he „Der bun­te Nach­mit­ta­g“ oder Pe­ter Fran­ken­feld (1913-1979) in der erst­mals am 7.11.1953 aus­ge­strahl­ten Sen­de­rei­he „Wer zu­letzt lacht...“. In Ham­burg er­leb­te der in der NS-Zeit ver­folg­te Ka­ba­ret­tist Wer­ner Finck (1902-1978) ein Come­back, in Köln war es – bis sie 1948 ih­re Zu­sam­men­ar­beit mit dem Sen­der ein­stell­te – die Schrift­stel­le­rin Irm­gard Keun.

'Das ideale Brautpaar', Vier Brautpaare auf der Bühne, Sendung vom 31.12.1951. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)

 

Selbst pro­du­zier­te ge­ho­be­ne und leich­te Un­ter­hal­tungs­mu­sik war in Sen­de­rei­hen wie „Mu­sik am Mit­ta­g“, „Mu­sik für Früh­auf­ste­her“ oder ab 1952 auch in der Sen­de­rei­he „Mu­sik bis mor­gen früh“ am Wo­chen­en­de zu hö­ren. Hier herrsch­te ein bun­tes Pot­pour­ri aus in- und aus­län­di­schen Schla­gern, Ever­greens, Swing und Ope­ret­ten­ti­teln vor. Am 4.5.1947 wur­de das „Ham­bur­ger Ha­fen­kon­zer­t“ wie­der­auf­ge­nom­men, am 11.5.1952 folg­te die Erst­sen­dung des „Duis­bur­ger Ha­fen­kon­zer­tes“. 

Jun­ge Hö­re­rin­nen und Hö­rer wur­den ge­zielt durch den „Plat­ten-Jo­ckey“ Chris How­land (1928-2013) an­ge­spro­chen, ei­nem jun­gen Mo­dera­tor bei dem Sol­da­ten­sen­der BFN (Bri­tish Forces Net­work), der die neu­es­ten Ti­tel aus Rock’n Roll und Pop prä­sen­tier­te. Sei­ne Mo­dera­tio­nen in ge­bro­che­nem Deutsch wa­ren nach da­ma­li­gen Hör­ge­wohn­hei­ten be­tont lo­cker und un­kon­ven­tio­nell und brach­ten auch in die­ser Spar­te ei­nen neu­en „Soun­d“ ins Ra­dio. Nach sei­nem Wech­sel nach Köln mo­de­rier­te „Mis­ter Pum­per­ni­ckel“ ab dem 28.4.1954 die Sen­de­rei­he „Spie­le­rei­en mit Schall­plat­ten“.

Duisburger Hafenkonzert, 1953. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)

 

Am 26.4.1948 star­te­te die Sen­de­rei­he „Jazz Al­ma­na­ch“ mit Diet­rich Schulz-Köhn (1912-1999). Ori­gi­nä­rer Jazz, vor al­lem in der „ho­t“-Va­ri­an­te, war nach Kriegs­en­de für das Pu­bli­kum im Gro­ßen und Gan­zen nach dem Jazz-Ver­bot der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten von 1935 ge­wöh­nungs­be­dürf­tig. Fans des Min­der­hei­ten­pro­gramms wur­den da­her auch eher im Pro­gramm der Sol­da­ten­sen­der BFN und AFN (Ame­ri­can Forces Net­work) fün­dig.

Ge­lei­tet wur­de die Ab­tei­lung „Mu­si­ka­li­sche Un­ter­hal­tun­g“ in Köln von 1948 bis 1950 von dem re­nom­mier­ten Schla­ger­tex­ter Kurt Feltz (1910-1982). Sein Na­me ist heu­te in ers­ter Hin­sicht mit ei­nem Skan­dal ver­bun­den, der 1949 durch An­schul­di­gun­gen der Pres­se ans Licht kam. So wur­de Feltz vor­ge­wor­fen, be­son­ders häu­fig ei­ge­ne Ti­tel zu spie­len, um da­durch zu­sätz­li­che Tan­tie­men zu kas­sie­ren. Die ju­ris­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung zog sich bis 1959 hin, das Ver­fah­ren wur­de letzt­lich ein­ge­stellt. Der NW­DR zog je­doch 1950 die Kon­se­quen­zen: So durf­te je­der Kom­po­nist oder Text­dich­ter auf MW und UKW mit ma­xi­mal 30 Ti­teln pro Mo­nat ver­tre­ten sein. Als of­fen­kun­dig wur­de, dass Feltz je­doch mit bis zu 15 Pseud­ony­men ope­riert hat­te, ließ die GE­MA fort­an nur noch ein Pseud­onym pro Ur­he­ber zu.

Der Schlagerkomponist Kurt Feltz (l.) und Werner Höfer, undatiert. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)

 

5. Beginn des Fernsehens

In die Ära des NW­DR fällt auch der Be­ginn des bun­des­deut­schen Fern­se­hens, das sich im Lau­fe der 1960er Jah­re zum deut­schen Leit­me­di­um ent­wi­ckel­te. Am 25.9.1950 war ein Fern­seh­sen­der beim NW­DR in ei­nem Hoch­bun­ker in Ham­burg-Lok­stedt zu Ver­suchs­sen­dun­gen in Be­trieb ge­nom­men wor­den. Die ers­te bun­des­deut­sche Fern­seh­über­tra­gung fand dann am 25.12.1952 durch den NW­DR statt, am 1.1.1953 star­te­te die Fern­seh­brü­cke Ham­burg-Köln. 1953-55 be­trug die Zu­lie­fe­rungs­quo­te von Köln für das NW­DR-Fern­seh­pro­gramm 37 Pro­zent. Es wur­de in ver­schie­de­nen, über die Stadt ver­streu­ten Pro­vi­so­ri­en pro­du­ziert, da ein ei­gens als sol­ches kon­zi­pier­tes Fern­seh­stu­dio erst am 19.1.1955 im Er­wei­te­rungs­bau des Funk­hau­ses am Mar­ga­re­then­klos­ter in Be­trieb ge­nom­men wer­den konn­te. Der Neu­bau, wie­der­um nach Plä­nen von Pe­ter Fried­rich Schnei­der, wur­de im Au­gust 1953 be­gon­nen. Frei­lich war zu die­sem Zeit­punkt die stür­mi­sche Ent­wick­lung des neu­en Me­di­ums noch nicht ab­zu­se­hen, und der Köl­ner In­ten­dant Hanns Hart­mann stand ihm re­ser­viert bis ab­leh­nend ge­gen­über. Doch schon nach we­ni­gen Jah­ren wur­de ein er­neu­ter Er­wei­te­rungs­bau für Fern­seh­stu­di­os an der Recht­schu­le not­wen­dig, der sich vis-à-vis vom heu­ti­gen Mu­se­um für An­ge­wand­te Kunst an das Funk­haus Wall­raf­platz an­schlie­ßt. Bau­be­ginn war der 2.2.1959, am 27.5.1966 wur­de das neue Haus ein­ge­weiht.

Literatur

Da­ni­len­ko Leo, Die Tech­nik, in: Am Puls der Zeit. 50 Jah­re WDR, Band 1: Die Vor­läu­fer 1924-1955, hg. v. Pe­tra Wit­ting-Nö­then, Köln 2006, S. 271-283.
Nord­west­deut­scher Rund­funk (Hg.), NW­DR. Ein Rück­blick <1956>.
Rü­den, Pe­ter von/Wag­ner, Hans-Ul­rich (Hg.), Die Ge­schich­te des Nord­west­deut­schen Rund­funks, Band 1, Ham­burg 2005.
Wag­ner, Hans-Ul­rich (Hg.), Die Ge­schich­te des Nord­west­deut­schen Rund­funks, Band 2, Ham­burg 2008.
Wag­ner, Hans-Ul­rich (Hg.). Von der Ne­ben­stel­le zur ei­gen­stän­di­gen Rund­funk­an­stalt, Ein ei­ge­nes Pro­fil ge­win­nen, Ein neu­es Me­di­um mel­det sich, in: Am Puls der Zeit. 50 Jah­re WDR, Band 1: Die Vor­läu­fer 1924-1955, hg. v. Pe­tra Wit­ting-Nö­then, Köln 2006, S. 169-269. 
Wit­ting-Nö­then, Pe­tra, Der Nord­west­deut­sche Rund­funk in Köln 1945/46, in: Ge­schich­te im Wes­ten 10 (1995), S. 29-37.
Zahn, Ro­bert von, Re­set or Ree­du­ca­ti­on: Mu­si­ka­li­scher Wie­der­be­ginn, in: Am Puls der Zeit. 50 Jah­re WDR, Band 1: Die Vor­läu­fer 1924-1955, hg. v. Pe­tra Wit­ting-Nö­then, Köln 2006, S. 230-251. 

Erstes Studio des NWDR-Fernsehens im Bunker auf dem Hamburger Heiligengeistfeld, undatiert. (NDR)

 
Zitationshinweis

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Bernard, Birgit, Der Nordwestdeutsche Rundfunk Köln (NWDR) 1945-1955, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/der-nordwestdeutsche-rundfunk-koeln-nwdr-1945-1955/DE-2086/lido/5e5d0d1173b478.07238196 (abgerufen am 01.10.2020)