Die Rheinischen Expressionisten

Denise Steger (Linz am Rhein)

August Macke, Einladung zur Ausstellung Rheinischer Expressionisten in Bonn, 1913, Linolschnitt mit Buchdrucktext (Faltblatt). (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

1. Begriffsbestimmung

Die Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten wa­ren ei­ne An­zahl von Künst­le­rin­nen und Künst­lern, die vor dem Ers­ten Welt­krieg, in der Re­zep­ti­on zeit­ge­nös­si­scher fran­zö­si­scher Kunst­strö­mun­gen, avant­gar­dis­ti­sche, dem Ex­pres­sio­nis­mus ver­pflich­te­te Kunst im Rhein­land eta­blier­ten. Der Be­griff wur­de von Au­gust Ma­cke ge­prägt, auf des­sen In­itia­ti­ve vom 10.7.-10.8.1913 un­ter dem Ti­tel „Rhei­ni­sche Ex­pres­sio­nis­ten“ 16 Künst­ler die Band­brei­te ih­res zeit­ge­nös­si­schen Kunst­schaf­fens in der Bonner Buch- und Kunst­hand­lung Fried­rich Co­hen der Öf­fent­lich­keit prä­sen­tier­ten.

 

Die be­tei­lig­ten Ma­ler in der Bon­ner Aus­stel­lung wa­ren, ne­ben dem Or­ga­ni­sa­tor, Au­gust Ma­cke: M. G. Bar­nett, ali­as Paul Adolf See­haus (1891-1919) aus Bonn, Hein­rich Cam­pen­donk (1889-1957) aus Sin­dels­dorf, Max Ernst (1891-1976) aus Brühl, Ernst Mo­ritz En­gert (1892-1986) aus Bonn, Ot­to Feld­mann (1881-1942) aus Köln, Franz Se­raph Hen­se­ler (1883-1918) aus Bonn, Franz Mat­thi­as Jan­sen (1885-1958) aus Köln, Jo­seph Kölsch­bach (1892-1947) aus Köln, Hel­muth Ma­cke (1891-1936) aus Kre­feld, Car­lo Men­se (1886-1965) aus Düs­sel­dorf, Ma­rie von Ma­la­chow­ski-Nau­en (1880-1943) und Hein­rich Nau­en aus Brüg­gen (1880-1940), Ol­ga Op­pen­hei­mer (1886-1941) aus Köln, Wil­liam Strau­be (1871-1945) aus Ko­blenz un­d Hans Thu­ar (1887-1945) aus Köln. Ne­ben die­sen Aus­stel­lern lässt sich der Kreis der im Rhein­land im ex­pres­sio­nis­ti­schen Sin­ne tä­ti­gen Künst­ler noch sehr viel wei­ter fas­sen.

Der Be­griff „Ex­pres­sio­nis­mus“ war um 1911 ein all­ge­mei­ner Ter­mi­nus für die jun­ge avant­gar­dis­ti­sche Kunst in Eu­ro­pa. Der Kunst­his­to­ri­ker Wil­helm Worrin­ger (1881-1965) er­klär­te ihn 1911 in der Zeit­schrift „Der Stur­m“ als „ei­ne zeit­ge­schicht­li­che Not­we­nig­keit“ und er­kann­te in den ex­pres­sio­nis­ti­schen Kunst­äu­ße­run­gen die Ab­kehr von der äu­ße­ren Wirk­lich­keits­nä­he hin zu ei­ner in­ne­ren Wahr­haf­tig­keit[1]. Der Kunst­his­to­ri­ker Ri­ch­art Rei­che (1876-1943) spricht im Vor­wort des Ka­ta­lo­ges zur Son­der­bund­aus­stel­lung 1912 von „je­ner jüngs­ten Be­we­gung, die nach ei­ner Ver­ein­fa­chung und Stei­ge­rung der Aus­drucks­for­men, ei­ner neu­en Rhyth­mik und Far­big­keit, nach de­ko­ra­ti­ver oder mo­nu­men­ta­ler Ge­stal­tung streb­t“.[2] 

Ein Bild als Aus­druck ge­fühls­mä­ßi­ger Er­fah­run­gen zu ver­ste­hen und beim Be­trach­ter ent­spre­chend star­ke Emo­tio­nen her­vor­zu­ru­fen, war ein Ziel, dass ei­ne star­ke In­di­vi­dua­li­tät und Sub­jek­ti­vi­tät des Künst­lers evo­zier­te, wes­halb nicht von ei­nem ein­heit­li­chen Stil ge­spro­chen wer­den kann. Ver­mut­lich war es Max Ernst, der in der Bon­ner Ta­ges­zei­tung „Volks­mun­d“ vom 12.7.1913 in ei­ner Be­spre­chung der Aus­stel­lung der Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten schrieb: „Die Aus­stel­lung zeigt, wie in der gro­ßen Strö­mung des Ex­pres­sio­nis­mus ei­ne Rei­he von Kräf­ten wirk­sam sind, die un­ter­ein­an­der kei­ne Ähn­lich­keit ha­ben, son­dern nur die ge­mein­sa­me Rich­tung der Kraft, näm­lich der Ab­sicht, Aus­druck für ein See­li­sches zu ge­ben, al­lein durch die Form. Das Ziel ist die ab­so­lu­te Ma­le­rei.“[3] 

Das spe­zi­fisch Rhei­ni­sche, das die in Re­de ste­hen­den Künst­ler mit­ein­an­der ver­band, ist zum ei­nen be­dingt durch die Rhein-Land­schaft mit dem Strom als Le­bens­ader, die im Mo­tiv­re­per­toire al­ler ei­nen be­vor­zug­ten Platz ein­nimmt, zum an­de­ren die rhei­ni­sche His­to­rie und Tra­di­ti­on, mit der sich je­der auf sei­ne Wei­se aus­ein­an­der­setz­te und ih­re Kon­ti­nui­tät mit neu­en Mit­teln fort­zu­schrei­ben ver­such­te.

2. Tendenzen zur Durchsetzung avantgardistischer Kunst im Rheinland

2.1. Der Sonderbund

Die Kunst­aka­de­mie in Düs­sel­dorf, die im 19. Jahr­hun­dert un­ter dem Stich­wort „Düs­sel­dor­fer Ma­ler­schu­le“ be­stim­men­der Fak­tor der Kunst­ent­wick­lung ge­we­sen war, schied, da von in­ter­nen Rich­tungs­kämp­fen zer­ris­sen und als ein dem wil­hel­mi­ni­schen Reich ver­pflich­te­ter, von kon­ser­va­ti­ven Ten­den­zen be­stimm­ter Kunst­be­trieb, als Trä­ger ei­ner Avant­gar­de aus.

Der von 1892-1897 in der Land­schafts­klas­se der Düs­sel­dor­fer Kunst­aka­de­mie aus­ge­bil­de­ten Ma­ler und Meis­ter­schü­ler Pe­ter Jans­sens (1844-1908), Au­gust De­us­ser (1870-1942), such­te zu­sam­men mit sei­nen Kol­le­gen Max Cla­ren­bach (1880-1952), Ju­li­us Bretz (1870-1953), Wal­ter Ophey (1882-1930) und Wil­helm Schmurr (1878-1959) neue, von der Aka­de­mie un­ab­hän­gi­ge Prä­sen­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten. Un­ter der In­itia­ti­ve De­us­sers stell­ten die fünf Ma­ler zu­sam­men mit Al­fred Sohn-Re­thel (1875-1958) und des­sen Bru­der Ot­to Sohn-Re­thel (1877-1949) so­wie dem Kunst­hand­wer­ker und Wie­ner Se­zes­sio­nis­ten Jo­seph Ma­ria Ol­brich (1867-1908) ih­re Ge­mäl­de und Zeich­nun­gen in ei­ner so ge­nann­ten „Son­der-Aus­stel­lun­g“ vom 10.-31.5.1908 in der Düs­sel­dor­fer Kunst­hal­le aus. Na­tio­na­len Be­kannt­heits­grad er­reich­ten die Künst­ler, nach­dem die Aus­stel­lung im Au­gust im Kre­fel­der Kai­ser-Wil­helm-Mu­se­um un­ter der Ägi­de des Di­rek­tors Fried­rich De­ne­ken (1857-1927) und von De­zem­ber 1908 bis Mai 1909 in der Ga­le­rie Edu­ard Schul­te in Ber­lin ge­zeigt wur­de.

Aus die­ser Künst­ler­ver­ei­ni­gung ging die Grün­dung des „Son­der­bun­des“ her­vor, de­ren Mit­glie­der sich von Mai-Ju­ni 1909 mit ei­ner ers­ten Aus­stel­lung in der Kunst­hal­le Düs­sel­dorf prä­sen­tier­ten. Zum Kreis der Aus­stel­ler ge­hör­ten zu­sätz­lich Ru­dolf Bos­selt (1871-1938), Ot­to van Wät­jen (1881-1942), Ernst te Pe­erdt (1852-1932) und Chris­ti­an Rohlfs (1849-1938), Max Lie­ber­mann (1847-1935) als Gast so­wie der Gra­fi­ker und Schrift­stel­ler Fritz Hel­muth Ehm­ke (1878-1965)[4].

Den ins­ge­samt 85 Wer­ken die­ser im Rhein­land tä­ti­gen Künst­ler wur­den 15 Wer­ke der in­ter­na­tio­na­len Avant­gar­de – fran­zö­si­scher Im­pres­sio­nis­ten und Po­st­im­pres­sio­nis­ten so­wie Gra­fi­ken aus dem Be­sitz des Kunst­samm­ler­s Al­fred Flecht­heim (1878-1937) im Wech­sel ge­gen­über­ge­stellt. Die­se, zu je­nem Zeit­punkt für Düs­sel­dorf ein­ma­li­ge re­vo­lu­tio­nä­re Schau wur­de von Ri­ch­art Rei­che (1876-1943), Di­rek­tor des Bar­mer Kunst­ver­eins, Al­fred Ha­gel­stan­ge (1874-1914), Di­rek­tor des Köl­ner Wall­raf-Ri­ch­artz-Mu­se­ums, und Adolf Bü­ning vom Lan­des­mu­se­um in Müns­ter (heu­te LWL-Mu­se­um für Kunst und Kul­tur) über­nom­men.

Noch im glei­chen Jahr er­folg­te die Grün­dung des „Son­der­bun­des West­deut­scher Kunst­freun­de und Künst­ler“, ei­ne Ver­ei­ni­gung von Künst­lern, Samm­lern, Mu­se­ums­fach­leu­ten so­wie Kunst­kri­ti­kern, un­ter dem Vor­sitz von Karl Ernst Ost­haus (1874-1921), Grün­der des Folk­wang-Mu­se­ums in Ha­gen. Sie soll­te zu ei­ner der be­deu­tends­ten Aus­stel­lungs­in­itia­ti­ven mo­der­ner Kunst im Rhein­land wer­den: Vom 16.7.-9.10.1910 wur­de un­ter dem Ti­tel „Deut­sche und fran­zö­si­sche Neu­kunst“ die zwei­te Son­der­bund-Aus­stel­lung im Städ­ti­schen Kunst­pa­last Düs­sel­dorf prä­sen­tiert. Ne­ben dem Düs­sel­dor­fer Kern wa­ren auch die ex­pres­sio­nis­ti­schen Ma­ler der Künst­ler­ver­ei­ni­gung „Brü­cke“ (Ernst Lud­wig Kirch­ner – 1880-1938, Karl Schmidt-Rott­luff – 1884-1976, Max Pech­stein – 1881-1955, Emil Nol­de – 1867-1956) und ei­ni­ge des spä­te­ren „Blau­en Rei­ter­s“ (Was­si­ly Kandins­ky – 1866-1944, Alex­an­der von Jaw­lens­ky – 1864 oder 1865-1941) ver­tre­ten – Sei­te an Sei­te mit fran­zö­si­schen Po­st­im­pres­sio­nis­ten, den Fau­ves und frü­hen ku­bis­ti­schen Wer­ken von Pa­blo Pi­cas­so (1881-1973) und Ge­or­ges Braque (1882-1963). Von Mai bis Ju­li 1911 folg­te die drit­te Aus­stel­lung mit dem Ti­tel „Rhei­ni­sche und fran­zö­si­sche Kunst“ in der städ­ti­schen Kunst­hal­le Düs­sel­dorf. Von den 147 Ex­po­na­ten stamm­ten 101 aus Frank­reich. Res­sen­ti­ments ge­gen­über der „fran­zö­si­schen Neu­kunst“ auf Sei­ten kon­ser­va­ti­ver Krei­se führ­ten zu ei­ner Ver­le­gung der Son­der­bund­aus­stel­lung im Jahr 1912 nach Köln, die vom 25. Mai – 30. Sep­tem­ber in der Städ­ti­schen Kunst­hal­le am Aa­che­ner Tor stadt­fand[5].

Paul Adolf Seehaus, Leuchtturm mit rotierenden Strahlen, 1913, Öl auf Leinwand. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

 

„Die Aus­stel­lung war ei­ne Prä­sen­ta­ti­on mit dem Ziel, ei­nem brei­ten Pu­bli­kum ei­ne Ent­wick­lungs­li­nie auf­zu­zei­gen – vom Neo­im­pres­sio­nis­mus über Vin­cent van Gogh (1853-1890), Paul Cé­zan­ne (1839-1906), Paul Gau­gu­in (1848-1903) und Ed­vard Munch (1863-1944) hin zum Fau­vis­mus und Ex­pres­sio­nis­mus, der sich da­mals Bahn brach. Auch Pa­blo Pi­cas­so (1881-1973) war 1912 in Köln ver­tre­ten und kün­de­te mit ei­ni­gen jüngs­ten, ku­bis­ti­schen Ar­bei­ten von wei­te­ren Neue­run­gen in der Kunst.“[6] Die „Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten“ wa­ren bei die­ser in­ter­na­tio­na­len Schau mit Car­lo Men­se, Hein­rich Nau­en, Hans Thu­ar, Ol­ga Op­pen­hei­mer (1886-1941), Au­gust Ma­cke und Franz Mat­thi­as Jan­sen (1885-1958) prä­sent.

2.2 Der Gereonsklub

Der „Ge­re­ons­klub von Künst­lern und Kunst­freun­den“ ent­stand 1911 aus ei­ner Kul­turof­fen­si­ve der Köl­ner Künst­ler Franz Mat­thi­as Jan­sen, Ol­ga Op­pen­hei­mer und Em­my Worrin­ger (1878-1961). Sitz des Klubs war das 1909-1910 von dem Ar­chi­tek­ten Carl Mo­ritz (1863-1944) im Auf­trag von Max Op­pen­hei­mer (dem Va­ter von Ol­ga) er­bau­te Bü­ro- und Ge­schäfts­haus in der Köl­ner Ge­re­on­stra­ße 18-31, auch „Ge­re­ons­haus“ ge­nannt. Ol­ga Op­pen­hei­mer, die 1907 in Mün­chen und Dach­au und 1909 bei Paul Sé­ru­si­er (1864-1927), ei­nem Weg­ge­fähr­ten Paul Gau­gu­ins (1848-1903), in Pa­ris stu­diert hat­te, un­ter­hielt hier im 5. Stock ihr Ate­lier und ei­ne Mal­schu­le, de­ren Räum­lich­kei­ten sie für die Ak­ti­vi­tä­ten des Klubs zur Ver­fü­gung stell­te.

Hans Thuar, Drei Frauen im Grünen, 1912, Öl auf Leinwand. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

 

Ziel der durch Ol­ga Op­pen­hei­mer über Mün­chen bis Pa­ris ver­netz­ten Grup­pe war die Pro­pa­gie­rung und Durch­set­zung avant­gar­dis­ti­scher Kunst­strö­mun­gen in Form von wech­seln­den Aus­stel­lun­gen, Dich­ter-Le­sun­gen und Vor­trags­pro­gram­men, letz­te­re wur­den von Em­mys Bru­der, dem Kunst­his­to­ri­ker Wil­helm Worrin­ger (1881-1965), ge­lei­tet. Be­ra­tend und för­dernd er­wies sich auch der jun­ge Di­rek­tor des Köl­ner Wall­raf-Ri­ch­artz-Mu­se­ums, Al­fred Ha­gel­stan­ge. Die Er­öff­nungs­aus­stel­lung am 20.1.1911 prä­sen­tier­te die Künst­ler Cu­no Amiet (1886-1976), Theo von Brock­hu­sen (1882-1919), An­dré De­rain (1880-1954), Pie­ter Du­pont (1870-1911), Vin­cent van Gogh, Au­gus­te Her­bin (1882-1960), Fer­di­nand Hod­ler (1853-1918), Pa­blo Pi­cas­so und Paul Sé­ru­si­er. Das Rah­men­pro­gramm wur­de durch die Le­sung aus den „Brie­fen ei­nes Zu­rück­ge­kehr­ten“ von Hu­go von Hoff­manns­thal (1874-1929) so­wie Kom­po­si­tio­nen am Kla­vier von Ju­lio Gos­lar (1883-1976) ge­stal­tet. Die Wer­ke Franz Marcs (1889-1916) im Ok­to­ber 1911 in ei­ner Ein­zel­aus­stel­lung ge­zeigt wer­den. Die zwei­te Grup­pen­aus­stel­lung, im No­vem­ber 2011, prä­sen­tier­te wei­te­re Ex­po­na­te über­wie­gend fran­zö­si­scher zeit­ge­nös­si­scher Künst­ler. Im De­zem­ber wur­den Mit­glie­der der von Was­si­ly Kandins­ky 1909 ge­grün­de­ten Neu­en Künst­ler­ver­ei­ni­gung Mün­chen (NKVM) vor­ge­stellt. Zu den Be­su­chern ge­hör­ten auch die be­deu­ten­den Kunst­samm­ler Al­fred Flecht­heim und der Köl­ner Kon­fek­ti­ons­wa­ren­fa­bri­kant Her­mann Hertz (1858-1925), die sich im Rah­men der Ver­nis­sa­ge am 15.12.1911 hef­ti­ge Dis­kus­sio­nen über ein Bild von Hein­rich Cam­pen­donk lie­fer­ten, de­ren tu­mult­ar­ti­ger Aus­gang so­wohl von Au­gust Ma­cke als auch von sei­ner Frau, Eli­sa­beth Erd­mann-Ma­cke, leb­haft ge­schil­dert wird.[7] Ein „Jour fi­xe“ je­den Sams­tag lud zu wei­te­ren De­bat­ten ein. Franz M. Jan­sen er­in­nert sich: „Die Sams­ta­ge er­hiel­ten in der Fol­ge­zeit ei­nen sol­chen Ruf, dass aus­wär­ti­ge In­ter­es­sier­te, Künst­ler al­ler Art, Mu­se­ums­di­rek­to­ren und die es wer­den woll­ten und von de­nen es man­che auch wur­den (wie z.B. Swar­zen­ski Frank­fur­ter Stä­del) zu ih­nen ka­men.“[8]

Be­reits zu Be­ginn des Jah­res 1911 hat­te Au­gust Ma­cke, der En­de 1910 von sei­nem Wohn­sitz in Te­gern­see zu­sam­men mit sei­ner jun­gen Fa­mi­lie nach Bonn zu­rück­ge­kehrt war, Kon­takt zum Ge­re­ons­klub ge­sucht und avan­cier­te bald zur be­stim­men­den Kraft der Un­ter­neh­mung; ins­be­son­de­re mach­te er die Or­ga­ni­sa­to­ren mit Ar­bei­ten der Künst­ler der Re­dak­ti­on des „Blau­en Rei­ter­s“ be­kannt, aus der im Ja­nu­ar 2012 ei­ne ers­te und im Ju­ni 2012 ei­ne zwei­te Aus­stel­lung, die im Wall­raf-Ri­ch­artz-Mu­se­um in Köln ge­zeigt wur­de, her­vor­gin­gen. Auch die Wer­ke der Brü­cke-Ma­ler Ernst Lud­wig Kirch­ner, Max Pech­stein, Emil Nol­de und Erich He­ckel (1883-1970) fan­den auf Ma­ckes An­re­gung im Ge­re­ons­klub Auf­nah­me, dem ent­spre­chend wur­den hier, par­al­lel zur Köl­ner Son­der­bund­aus­stel­lung be­deu­ten­de Ex­pres­sio­nis­ten der Öf­fent­lich­keit zu­gäng­lich ge­macht.

Im Som­mer 1912 sie­del­te der Ge­re­ons­klub in das Han­sa­haus am Frie­sen­platz 16 um; zur Fi­nan­zie­rung der Mie­te stif­te­ten die Mit­glie­der Aqua­rel­le und Zeich­nun­gen, die un­ter den zahl­rei­chen För­de­rern ver­lost wur­den. Im Han­sa­haus zeig­te man – als Pre­mie­ren in Köln - ei­ne Ein­zel­aus­stel­lung von Paul Klee (1879-1940) 1912 und ei­ne des fran­zö­si­sche Künst­lers Ro­bert De­lau­nay (1885-1941) im März 1913; die Ak­ti­vi­tä­ten des Klubs fan­den al­ler­dings auf­grund des „Drucks der Ver­hält­nis­se“ noch im glei­chen Jahr ein En­de. 

2.3 Kölner Künstlerbund 1910 und Kölner Sezession 1912-1913

Ei­ne wei­te­re Aus­stel­lungs­in­itia­ti­ve, die zum über­re­gio­na­len Fo­rum für neue Kunst avan­cier­te, for­mier­te sich in der „Köl­ner Se­zes­si­on“, die un­ter dem Vor­sitz von Au­gust De­us­ser (1870-1954) und dem Köl­ner Büh­nen­bild­ner und Bild­hau­er Hans Wil­der­mann (1884-1954), durch Mit­wir­kung von Al­fred Ha­gel­stan­ge, Franz M. Jan­sen, Ol­ga Op­pen­hei­mer und auch Au­gust Ma­cke am 13.12.1911 ins Le­ben ge­ru­fen wur­de[9]. Ei­ne ers­te Aus­stel­lung fand An­fang Ja­nu­ar 1912 im Köl­ner Kunst­ge­wer­be­mu­se­um, ei­ne zwei­te ein Jahr spä­ter in den Räu­men des Köl­ner Kunst­ver­eins im Wall­raf-Ri­ch­artz-Mu­se­um statt.

Alfred Hagelstange, Gemälde von Wilhelm Giese, 1908, Öl auf Leinwand. (Foto: © Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln – Abteilung Kunsttechnologie und Restaurierung)

 

Be­reits zu­vor lie­fer­te der Köl­ner Künst­ler­bund vom 20.10.-30.12.1910 dort ei­ne Aus­stel­lung, in der Franz Mat­thi­as Jan­sen, auf Emp­feh­lung Ha­gel­stan­ges, mit 34 Ar­bei­ten ei­nen be­deu­ten­den, aber sehr um­strit­te­nen Bei­trag leis­te­te; auch die kurz zu­vor aus Pa­ris zu­rück­ge­kehr­te Ol­ga Op­pen­hei­mer war ver­tre­ten. „Als Ein­zug der Mo­der­ne in die Va­ter­stadt“ apo­stro­phier­te Jan­sen die­se Köl­ner Prä­sen­ta­ti­on[10]. Aus­stel­ler der Se­zes­sio­nen wa­ren un­ter an­de­rem die Mit­glie­der des Ge­re­ons­klubs Hein­rich Nau­en, F. M. Jan­sen, Au­gust Ma­cke, Car­lo Men­se, Ol­ga Op­pen­hei­mer, Mar­tha Worrin­ger, so­wie wei­te­re rhei­ni­sche Ex­pres­sio­nis­ten wie Ot­to Feld­mann und Hans Thu­ar, auch Wil­helm Lehm­bruck (1881-1919) war ver­tre­ten.

2.4 Galeristen, Sammler, Förderer

Die en­ge Ver­net­zung nicht nur der Künst­ler un­ter­ein­an­der, son­dern auch de­ren Kon­tak­te zu Ga­le­ris­ten und Samm­lern trug zum rhei­ni­schen „Kunst­früh­lin­g“ vor dem Ers­ten Welt­krieg ent­schei­dend bei. Fried­rich Co­hen (1836-1912) hat­te 1891 die von sei­nem Va­ter Max Co­hen (1806-1865) 1828 ge­grün­de­te Li­tho­gra­phi­sche An­stalt und Ver­lags­buch­hand­lung in Bonn, un­mit­tel­bar ge­gen­über der Uni­ver­si­tät, Am Hof 14 (spä­ter Am Hof 30) ge­le­gen, über­nom­men und in der obe­ren Eta­ge ei­nen Kunst­sa­lon eta­bliert. 1906 stell­te er hier die Prot­ago­nis­ten der Worps­we­der Künst­ler­ko­lo­nie aus, 1907 die Ma­ler der „Brü­cke“, 1908 Ga­brie­le Mün­ter (1877-1962), im Mai 1912 Au­gust Ma­cke und schlie­ß­lich konn­te 1913 hier Ma­ckes Aus­stel­lung die „Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten“ rea­li­siert wer­den.

Ot­to Feld­mann vvvv, so­wohl Künst­ler als auch Ga­le­rist, rich­te­te im Ja­nu­ar 1912 in Köln am Han­sa­ring 20 den „Rhei­ni­schen Kunst­sa­lon“ ein und im No­vem­ber 1913 die „Neue Ga­le­rie“ in Ber­lin, Len­né-Stra­ße 6a. In Köln zeig­te Feld­mann, der sich 1910 und 1911 in Pa­ris auf­hielt, im Ju­li 1912 ei­ne Ein­zel­aus­stel­lung von Au­gust Ma­cke, im Ok­to­ber des glei­chen Jah­res die ita­lie­ni­schen Fu­tu­ris­ten Um­ber­to Boc­cio­ni (1882-1916), Car­lo Car­rà (1881-1966), Lu­i­gi Rus­so­lo (1885-1947) und Gi­no Se­ve­ri­ni (1883-1966) und im No­vem­ber Zeich­nun­gen und Aqua­rel­le von Ju­les Pa­scin (1885-1930). 1913 über­nahm er die Aus­stel­lung der „Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten“ aus Bonn, im De­zem­ber zeig­te er noch­mals Ju­les Pa­scin, 1914 Erich He­ckel so­wie den Deut­schen Werk­bund, wäh­rend er in Ber­lin die gro­ße Pa­let­te fran­zö­si­scher Ma­le­rei und im Ju­ni 1914 noch­mals die Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten prä­sen­tier­te.

Der in Düs­sel­dorf an­säs­si­ge Kauf­mann Al­fred Flecht­heim ge­hör­te zu den be­deu­tends­ten Kunst­samm­lern in Rhein­land und war auch als Kunst­händ­ler, Pu­bli­zist und Ver­le­ger tä­tig. Er kauf­te Wer­ke von Vin­cent van Gogh (1853-1890), Paul Cé­zan­ne (1839-1906), Früh­wer­ke von Ge­or­ge Braque (1882-1963) und An­dré De­rain (1880-1954) und pfleg­te en­ge Kon­tak­te zu den Künst­lern des Blau­en Rei­ters, des Ge­re­ons­klubs und der Brü­cke. Als Mit­be­grün­der und Schatz­meis­ter des Son­der­bun­des war er an der Köl­ner Son­der­bund-Aus­stel­lung 1912 als Or­ga­ni­sa­tor be­tei­ligt. Au­ßer­dem stell­te er Bil­der aus sei­ner Samm­lung für die Son­der­bund­aus­stel­lung 1909 be­reits zur Ver­fü­gung und schenk­te wei­te­re dem Lan­des­mu­se­um sei­ner Hei­mat­stadt Müns­ter. Im De­zem­ber 1913 er­öff­ne­te Flecht­heim auf der Kö­nigs­al­lee in Düs­sel­dorf ei­ne ei­ge­ne Ga­le­rie „End­lich bin ich in der La­ge, mir ei­nen lang ge­heg­ten Wunsch zu er­fül­len: mich nur mehr mit Din­gen der Kunst zu be­schäf­ti­gen“ schreibt er im ers­ten Ka­ta­log[11]. 1914 stell­te er hier auch die Rhei­ni­sche Ex­pres­sio­nis­ten aus.

Hans Thuar, Rheinische Landschaft (Bahnstrecke), 1912, Öl auf Leinwand. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

 

Als wei­te­re Samm­ler und För­de­rer der rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten kön­nen der be­reits er­wähn­ten Kon­fek­ti­ons­fa­bri­kant Her­mann Hertz aus Köln, den Ma­cke als den „grö­ß­ten und mo­derns­ten Köl­ner Kunst­samm­ler“ be­zeich­ne­te[12], der Li­te­rat und Kauf­mann Jo­sef Fein­hals (1867-1947), der auch als zwei­ter Vor­sit­zen­der des Son­der­bun­des wirk­te, der Aa­che­ner In­dus­tri­el­le und Schrift­stel­ler Ju­li­us Tal­bot Kel­ler (1890-1946), der be­vor­zugt Wer­ke von Nau­en und Hen­se­ler sam­mel­te, der Aa­che­ner Ed­win Su­er­mondt (1883-1923), der mit Nau­en be­freun­det war und Mo­nu­men­tal­ge­mäl­de für sei­ne Burg Dro­ve in der Ei­fel in Auf­trag gab, der Bon­ner Wirt­schafts­theo­re­ti­ker Wil­li Wy­god­zin­ski (1869-1921), der Wer­ke von Au­gust Ma­cke sam­mel­te und auch Paul Adolf See­haus för­der­te, Dr. Wal­ter Co­hen (1888-1942), Bru­der von Fried­rich, Samm­ler und Kunst­his­to­ri­ker, der am Bon­ner Pro­vin­zi­al­mu­se­um tä­tig war, in zahl­rei­chen Ar­ti­keln die Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten pro­pa­gier­te und bei der Durch­füh­rung ih­rer Bon­ner Aus­stel­lung half. Des Wei­te­ren war er Mit­glied im Ge­re­ons­klub, Son­der­bund, im Vor­stand der 1915 ge­grün­de­ten „Ge­sell­schaft zur För­de­rung deut­scher Kunst e.V. in Neuss und ver­fass­te die ers­te Ma­cke-Mo­no­gra­phie. Als wich­ti­ger För­de­rer soll auch der Kunst­his­to­ri­ker Wal­ter Kaes­bach (1879-1961) er­wähnt wer­den, des­sen Samm­ler­tä­tig­keit 1904 mit dem An­kauf ei­nes Wer­kes von Chris­ti­an Rohlfs (1849-1938) ein­setz­te. 1912 schloss er Freund­schaft mit Hein­rich Nau­en und Erich He­ckel. Die Künst­ler des Ex­pres­sio­nis­mus, ne­ben den Brü­cke-Ma­lern un­ter an­de­rem Hein­rich Cam­pen­donk, Hein­rich Nau­en, Wil­helm Lehm­bruck und Au­gust Ma­cke, bil­de­ten Glanz­punk­te sei­ner Samm­lung.

Über­re­gio­nal für die Durch­set­zung der neu­en Ma­le­rei von gro­ßer Be­deu­tung und im en­gen Kon­takt mit der rhei­ni­schen Kunst­sze­ne ste­hend, wa­ren die Ga­le­ris­ten Hein­rich Thann­hau­ser (1859-1934) und Hans Goltz (1873-1927) in Mün­chen so­wie Her­warth Wal­den (1878-1941) in Ber­lin. Prä­sen­tier­te Hein­rich Thann­hau­ser, nach­dem er in der 1904 ge­grün­de­ten Ga­le­rie die fran­zö­si­sche Im­pres­sio­nis­ten so­wie Paul Gau­gu­in, den mit ihm be­freun­de­ten Pa­blo Pi­cas­so und Ge­or­ge Braque ge­zeigt hat­te, 1909 und 1910 die Mit­glie­der der Neu­en Künst­ler­ver­ei­ni­gung Mün­chen (NKVM) un­ter der Fe­der­füh­rung von Was­si­ly Kandins­ky, so auch nach de­ren Spal­tung im De­zem­ber1911 erst­mals die Re­dak­ti­on des „Blau­en Rei­ter­s“ (18.12.1911-1.1.1912). Kandins­ky konn­te für die Aus­stel­lung den in Pa­ris le­ben­den Ro­bert De­lau­nay ge­win­nen, des­sen Werk star­ken Ein­fluss auf die Ex­pres­sio­nis­ten, vor al­lem Ma­cke, aus­üben soll­te. Da­ne­ben konn­ten Wer­ke des 1910 in Pa­ris ver­stor­be­nen „Zöll­ner­s“ Hen­ri Rous­seau (1844-1910) ge­zeigt wer­den. Die zwei­te, an teil­neh­men­den Künst­lern er­heb­lich er­wei­ter­te Aus­stel­lung wur­de 1912 un­ter dem Ti­tel „Schwarz-Wei­ß“, in der Münch­ner Kunst- und Buch­hand­lung von Hans Goltz, der auch die Re­dak­ti­on des Blau­en Rei­ter be­riet und Sub­skrip­ti­on und Aus­lie­fe­rung des im glei­chen Jahr er­schie­ne­nen Al­ma­nachs or­ga­ni­sier­te. 

Her­warth Wal­den (1878-1941), ali­as Ge­org Le­win, über­nahm die „Blaue-Rei­ter-Aus­stel­lun­g“, nach­dem sie im Ja­nu­ar 1912 im Ge­re­ons­club in Köln ge­zeigt wor­den war und er­öff­ne­te mit ihr sei­ne in Ber­lin ge­grün­de­te Ga­le­rie „Der Stur­m“ am 12.3.1912. Wal­den be­tä­tig­te sich als Schrift­stel­ler, Ver­le­ger, Ga­le­rist, Mu­si­ker und Kom­po­nist. 1910-1932 gab er in Zu­sam­men­ar­beit mit dem Schrift­stel­ler Al­fred Dö­blin (1878-1957) die Zeit­schrift „Der Stur­m“ her­aus, die zu ei­ner der wich­tigs­ten Pu­bli­ka­tio­nen des Ex­pres­sio­nis­mus avan­cier­te. Ne­ben dem Blau­en Rei­ter prä­sen­tier­te Wal­den in sei­ner Ga­le­rie die ita­lie­ni­schen Fu­tu­ris­ten und in­te­grier­te die rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten in die in­ter­na­tio­na­le Werk­schau „Ers­ter Deut­scher Herbst­sa­lon“ (2.4.-1.12.1913) in der Pots­da­mer Stra­ße 75, die ne­ben der Son­der­bund­aus­stel­lung in Köln 1912 die wohl um­fang­reichs­te Prä­sen­ta­ti­on der eu­ro­päi­schen Avant­gar­de in Deutsch­land bis nach dem Zwei­ten Welt­krieg blei­ben soll­te. 85 Künst­ler mit 366 Ex­po­na­ten, dar­un­ter die Pa­ri­ser Ku­bis­ten der „Sec­tion d´or“ so­wie auf Ver­mitt­lung Ma­ckes ei­ne Grup­pe tsche­chi­scher Ku­bis­ten, die Mit­glie­der des Blau­en Rei­ters, die ita­lie­ni­schen Fu­tu­ris­ten, rus­si­sche Künst­ler, dar­un­ter Marc Cha­gall (1887-1985), Na­ta­li­ja Gontscha­ro­wa (1881-1962), Mi­chail La­ri­o­now (1881-1964), Da­vid Burl­juk ( 1882-1967) und auch die in Ame­ri­ka le­ben­den Lyo­nel Fei­nin­ger (1871-1956), Al­bert Bloch (1882-1961) und Mars­den Hart­ley (1877-1943) wa­ren ver­tre­ten. 

August Macke, Stickende Frau auf Balkon, 1910, Öl und Tempera auf Leinwand. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

 

2.5 Museen und Kunstvereine

Be­reits früh er­kann­ten auch ei­ni­ge pro­gres­siv ein­ge­stell­te Ver­tre­ter rhei­ni­scher Mu­se­en und Kunst­ver­ei­ne die Chan­ce, die eu­ro­päi­sche Kunst der Mo­der­ne in all ih­ren Fa­cet­ten zu zei­gen. Fried­rich De­ne­ken (1857-1927), ers­ter Di­rek­tor des Kre­fel­der Kai­ser-Wil­helm-Mu­se­ums, das 1897 als Mu­se­um für an­ge­wand­te Kunst er­öff­net wor­den war, ge­lang es 1900 in Pa­ris, Ob­jek­te des Art Nou­veau und ja­pa­ni­scher Ge­stal­tungs­kunst für das Kre­fel­der Mu­se­um zu er­wer­ben. Er be­trieb die Grün­dung der „Hand­wer­ker und Kunst­ge­wer­be­schu­le in Kre­feld, an die 1904 der Nie­der­län­der Jo­han Thorn Prik­ker (1868-1932) als Leh­rer be­ru­fen wur­de. Bei ihm ab­sol­vier­ten so­wohl Hel­muth Ma­cke als auch Hein­rich Cam­pen­donk ih­re Aus­bil­dung. 1907 war De­ne­ken an der Grün­dung des deut­schen Werk­bun­des be­tei­ligt. Ne­ben dem kunst­ge­werb­li­chen Zweig för­der­te er nach­hal­tig mo­der­ne zeit­ge­nös­si­sche Kunst. 1900 kauf­te ein Kre­fel­der Un­ter­neh­mer auf der Pa­ri­ser Welt­aus­stel­lung die Mar­morskulp­tur „Eva“ von Au­gus­te Ro­din (1840-1917) und über­ließ sie dem Mu­se­um, Ro­din gab ei­nen Bron­ze­kopf (Yvet­te Guil­bert) als Ge­schenk hin­zu. Des Wei­te­ren zeig­te der auf­ge­schlos­se­ne Di­rek­tor die sei­ner­zeit sen­sa­tio­nel­len Pla­ka­te von Hen­ri Tou­lou­se-Lautrec (1864-1901), 1904 Zeich­nun­gen von Paul Gau­gu­in, 1907 in der „Fran­zö­si­schen Kunst­aus­stel­lun­g“ Wer­ke von van Gogh, Cé­zan­ne, Signac, und kauf­te Clau­de Mo­nets (1840-1926) „Das Par­la­ment, Son­nen­un­ter­gan­g“ aus dem Jahr 1904, trotz mas­si­ver Wi­der­stän­de an. 1908 stell­te er in der aus Düs­sel­dorf über­nom­me­nen Son­der­aus­stel­lung die neus­ten Ten­den­zen der rhei­ni­schen Ma­le­rei vor.

Der Kunst­his­to­ri­ker Dr. Ri­ch­art Rei­che (1876-1943) wur­de 1907 zum Kon­ser­va­tor des Bar­mer Kunst­ver­eins be­ru­fen und über­nahm die Auf­ga­be des künst­le­ri­schen Lei­ters und Aus­stel­lungs­ku­ra­tors. In den Räu­men der „Kai­ser Wil­helm- und Fried­rich-Ruh­mes­hal­le“, dem Sitz des Ver­eins, zeig­te er in meh­re­ren be­deu­ten­den Aus­stel­lun­gen sei­ner­zeit noch un­be­kann­te Künst­ler, die er auch an Ga­le­ri­en und Mu­se­en wei­ter­ver­mit­tel­te. Er über­nahm die Düs­sel­dor­fer Son­der­bund­aus­stel­lung von 1909, dann, im Mai 1910, die Münch­ner Aus­stel­lung des NKVM, im Ok­to­ber zeig­te er „Jun­ge fran­zö­si­sche Ma­le­rei“ und rich­te­te noch im sel­ben Jahr Franz Marc, Ale­xej von Jaw­lens­ky und Emil Nol­de Ein­zel­aus­stel­lun­gen aus, spä­ter prä­sen­tier­te er Adolf Erbs­löh, Ma­ri­an­ne von We­ref­kin (1860-1938) und Au­gust Ma­cke. Ri­ch­art Rei­che war Mit­glied des Ge­re­ons­klubs und hielt dort 1911, an­läss­lich der Ver­nis­sa­ge der NKVM-Aus­stel­lung ei­ne Re­de über den „Na­tu­ra­lis­mus“.

Im März 1912 zeig­te er wie­der­um „Fran­zö­si­sche Ma­le­rei“ und im Ok­to­ber wei­te­re Wer­ke von Franz Marc und Kees van Don­gen (1877-1968). Im glei­chen Jahr war Ri­ch­art Rei­che als Or­ga­ni­sa­tor und Ku­ra­tor ma­ß­geb­lich an der Son­der­bund­aus­stel­lung in Köln be­tei­ligt; da­ne­ben stell­te er, eben­falls noch 1912, Kunst­wer­ke aus der Samm­lung des bei Bar­men le­ben­den Woll­händ­lers und Kunst­samm­lers Gott­lieb Fried­rich Re­ber (1880-1959) im Bar­mer Kunst­ver­ein (Co­rot, Re­noir, Manet, Ce­zan­ne, De­gas, Gau­gu­in) der Öf­fent­lich­keit vor. Im Mai 1913 prä­sen­tiert er Au­gust Ma­cke in ei­ner Ein­zel­aus­stel­lung.

Der Kunst­his­to­ri­ker Al­fred Ha­gel­stan­ge (ge­bo­ren 1874) war von 1908 bis zu sei­nem frü­hen Tod 1914 Di­rek­tor des Wall­raf-Ri­ch­artz-Mu­se­ums in Köln, des Wei­te­ren Be­ra­ter des Ge­re­ons­klubs, Mit­be­grün­der des Köl­ner Künst­ler­bunds und der Köl­ner Se­zes­si­on, or­ga­ni­sier­te 1911 die Aus­stel­lung „Kunst un­se­rer Zeit in Cöl­ner Pri­vat­be­sit­z“ und über­nahm 1912 die zwei­te Aus­stel­lung (Schwarz-Weiss) des Blau­en Rei­ters. Er för­der­te nach­hal­tig die rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten, un­ter an­de­rem Hein­rich Nau­en. Als Mit­glied des Or­ga­ni­sa­ti­ons-Ko­mi­tees der Son­der­bund­aus­stel­lung 1912 hat­te er wei­te­ren Ein­fluss auf die Pro­pa­gie­rung der Kunst der Mo­der­ne.

Karl Ernst Ost­haus, Ban­kiers­sohn und Er­be ei­nes gro­ßen Fa­mi­li­en­ver­mö­gens, der sich nach ei­ner kauf­män­ni­schen Leh­re dem Stu­di­um der Geis­tes-und Na­tur­wis­sen­schaf­ten zu­wen­de­te, war ei­ne der wich­tigs­ten Kunst­samm­ler und Mä­ze­ne zeit­ge­nös­si­scher Kunst am Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts. Am 9.7.1902 er­öff­ne­te un­ter sei­ner Di­rek­ti­on das Folk­wang-Mu­se­um in Ha­gen (heu­te Karl Ernst-Ost­haus-Mu­se­um), des­sen Grün­dung (1899) und Bau durch den Ar­chi­tek­ten Hen­ri Van de Vel­de (1863-1957) er in die We­ge lei­te­te.

Be­reits zur Er­öff­nung konn­te Ost­haus das 1902 an­ge­kauf­te Bild „Korn­feld mit Schnit­ter“ prä­sen­tie­ren, es gilt als das ers­te Werk van Go­ghs in ei­ner öf­fent­li­chen Samm­lung Deutsch­lands. In den Jah­ren von 1902-1914 er­warb Ost­haus Wer­ke von Au­gus­te Ro­din (1840-1917), Ed­gar De­gas (1834-1917), Paul Cé­zan­ne, Au­gus­te Re­noir (1841-1919), Paul Gau­gu­in, Ca­mil­le Co­rot (1796-1875), Vin­cent van Gogh, Aris­ti­de Mail­lol (1861-1944), Ge­or­ge Min­ne(1866-1941), Ed­vard Munch, Hen­ri Rous­seau (1844-1910), Ge­or­ges Seu­rat (1859-1891), Ge­or­ge Fre­de­rick Watts (1801-1889), An­selm Feu­er­bach (1829-1880), Ar­nold Böck­lin (1827-1901), Emil Nol­de, Hen­ri Ma­tis­se (1869-1954), Os­kar Ko­kosch­ka (1886-1980), Franz Marc, Was­si­ly Kandins­ky und Karl Schmidt-Rott­luff (1884-1976).

1906 prä­sen­tier­te er Ed­vard Munch, die „Brü­cke-Ma­ler“ und Hen­ri Ma­tis­se, 1909 in Ein­zel­aus­stel­lun­gen Jaw­lens­ky und Kandins­ky, 1910 Ernst Bar­lach zum Jah­res­wech­sel 1910/1911 die NKVM und 1911 Ein­zel-Aus­stel­lung Franz Marcs, die zu­vor im Köl­ner Ge­re­ons­klub ge­zeigt wor­den war. 

Zum zehn­jäh­ri­gen Ju­bi­lä­um 1912 ver­zeich­ne­te der ers­te Samm­lungs­ka­ta­log das gro­ße Spek­trum der künst­le­ri­schen Avant­gar­de. Den Rei­gen der Aus­stel­lun­gen er­öff­ne­te Emil Nol­de, es folg­ten Wil­helm Lehm­bruck, Egon Schie­le (1890-1918); im Ju­li macht die ers­te Aus­stel­lung des Blau­en Rei­ters im Folk­wang-Mu­se­um Sta­ti­on, es folg­te Jo­han Thorn Prik­ker. 1913 stell­te Ernst Lud­wig Kirch­ner aus, 1914 wur­de Karl Schmidt-Rott­luff ge­zeigt.[13] 

1909 war Ost­haus Grün­dungs­mit­glied des „Son­der­bun­des West­deut­scher Kunst­freun­de und Künst­ler“ in Düs­sel­dorf und über­nahm den Vor­sitz. 1910 ver­wen­de­te er sich für die Künst­ler­grup­pe Brü­cke so­wie für Mail­lol und Ma­tis­se, die auf der zwei­ten Düs­sel­dor­fer Son­der­bund­aus­stel­lung prä­sen­tiert wer­den konn­ten, dem ent­spre­chend war Ost­haus ma­ß­geb­lich an die­ser Ge­samt­schau ex­pres­sio­nis­ti­scher Strö­mun­gen be­tei­ligt.

3. Die Ausstellung Rheinischer Expressionisten in Bonn 1913

„Die rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten ha­be ich ge­macht in Bonn, so ne­ben­bei, ers­tens, um Cas­si­rer zu­vor­zu­kom­men, und die Leu­te hier zu­sam­men­zu­brin­gen, zwei­tens als ei­ne Pro­be für den Herbst­sa­lon.“[14] Die­ses State­ment von Au­gust Ma­cke um­schreibt in knapps­ter Form sei­ne Mo­ti­ve, in Bonn die ge­mein­sa­me Aus­stel­lung sei­ner Ma­ler­freun­de zwi­schen den gro­ßen eu­ro­päi­schen Ge­samt­schau­en des Son­der­bunds in Köln 2012 und des Herbst­sa­lons in Ber­lin 2013 zu or­ga­ni­sie­ren.

3.1 Vorbereitung

Um Ma­cke hat­te sich im Früh­som­mer 1913 in Bonn ein Kreis von Ma­ler­kol­le­gen ge­bil­det, die sich in ei­ner Vil­la in Grau-Rhein­dorf zum Bei­sam­men­sein und Ar­bei­ten tra­fen. Ma­ckes Schwa­ger, Walt­her Ger­hardt, hat­te je­ne, di­rekt am Rhein in der Es­ter­mann­stra­ße 158 ge­le­ge­ne Vil­la W. v. Plüs­kow ge­mie­tet, En­gert so­wie Hen­se­ler und der Schrift­stel­ler Karl Ot­ten (1889-1963) be­wohn­ten dort je­weils ein Zim­mer. In die­sem Kon­text wur­de die Idee zur Aus­stel­lung „Rhei­ni­scher Ex­pres­sio­nis­ten“, ge­bo­ren, die Au­gust Ma­cke ziel­stre­big um­setz­te.

„Wir sa­ßen in sei­nem Gar­ten un­ter der Lau­be am Rhein und blin­zel­ten in den strah­len­den Som­mer. Ma­cke, Max Ernst, der zar­te, buck­li­ge See­haus, der schlan­ke, un­end­lich be­gab­te Franz Hen­se­ler, der aus Mün­chen hier­her ver­schla­gen wur­de. Manch­mal tauch­te Hein­rich Nau­en auf, und Franz Marc be­stieg sein blau­es Ross, um den Af­fen­fries im Ate­lier aus­zu­ma­len. Zwi­schen­durch geis­ter­te der schlauch­ar­tig sich win­den­de Ha­ru En­gert um­her, saß mit un­ter­ge­schla­ge­nen Bei­nen und schnitt Sil­hou­et­ten. Aus un­se­ren eu­ro­päi­schen Ge­sprä­chen – wir be­trach­te­ten Köln und Bonn als Vor­or­te von Pa­ris, Wien und Rom – form­te sich in Ma­cke die Idee ei­ner re­prä­sen­ta­ti­ven Aus­stel­lung Rhei­ni­scher Ex­pres­sio­nis­ten, die oh­ne je­de Vor­be­rei­tung oder frem­de Hil­fe in den Tag sprang.“ So schil­der­te Karl Ot­ten die At­mo­sphä­re in der Ge­burts­stun­de der Aus­stel­lung[15].

Au­gust Ma­cke, der ne­ben dem Grau-Rhein­dor­fer Künst­ler­kreis en­ge Be­zie­hun­gen zu den Mit­glie­dern des Köl­ner Ge­re­ons­klubs pfleg­te, zum Ar­beits­aus­schuss der Köl­ner Son­der­bund­aus­stel­lung 1912 ge­hör­te und als Mit­glied des Blau­en Rei­ters her­vor­ra­gen­de Be­zie­hun­gen nach Mün­chen un­ter­hielt, dürf­te kaum Mü­he ge­habt ha­ben, ei­ne re­prä­sen­ta­ti­ve Lis­te der Aus­stel­ler zu­sam­men­zu­stel­len und den dem Ex­pres­sio­nis­mus auf­ge­schlos­se­nen Fried­rich Co­hen, in des­sen Kunst­sa­lon 1907 die Brü­cke-Ma­ler, 1908 Holz­schnit­te von Ga­brie­le Mün­ter und 1912 be­reits Au­gust Ma­cke prä­sen­tiert hat­te, für das Un­ter­neh­men zu ge­win­nen.

August Macke (1887-1914), Helle Frauen vor Hutladen, 1913, Öl auf Leinwand. (Osthaus Museum Hagen)

 

3.2 Die Künstler der Ausstellung

Paul Adolf See­haus, 1891 in Bonn ge­bo­ren und durch ei­ne schwe­re Er­kran­kung 1904 blei­bend kör­per­be­hin­dert, trat in der Aus­stel­lung un­ter dem Pseud­onym „H.G. Bar­net­t“ (der Na­me stammt von ei­nem eng­li­schen Fi­scher­dorf, wo er sei­ne ers­ten Mal­fe­ri­en ver­bracht hat­te) auf. Seit 1910 war er mit Ma­cke eng be­freun­det und be­zeich­ne­te sich als sei­nen „un­ent­gelt­li­cher Meis­ter­schü­ler“. Wich­ti­ge An­re­gun­gen sam­mel­te er auf der Köl­ner Son­der­bund- und der Fu­tu­ris­ten-Aus­stel­lung im Rhei­ni­schen Kunst­sa­lon von Ot­to Feld­mann 1912. Par­al­lel zu sei­nem Kunst­ge­schichts­stu­di­um 1914-1917 war See­haus wei­ter als Ma­ler, ins­be­son­de­re auch als Ra­die­rer und als Aus­stel­lungs­or­ga­ni­sa­tor tä­tig. Knapp vier Mo­na­te nach sei­ner Pro­mo­ti­on an der Uni­ver­si­tät Bonn starb er am 13.3.1919 in Ham­burg an ei­ner Lun­gen­ent­zün­dung. In der Bon­ner Aus­stel­lung war See­haus mit zwei Ge­mäl­den - „Rhein­ufer bei Bon­n“, „Ha­fen­an­la­ge“ - und zwei Hin­ter­glas­bil­dern ver­tre­ten. See­haus´ en­ge Ver­bun­den­heit zur Mu­sik spie­gelt sich im Farb- und Form­rhyth­mus sei­ner kam­mer­mu­si­ka­li­schen Bil­der wi­der, die von idyl­li­scher Zart­heit bis zu dy­na­mi­schen Kraft­zir­keln rei­chen.[16] 

Hein­rich Cam­pen­donk, 1889 in Kre­feld ge­bo­ren, be­such­te 1905-1909 die Kunst­ge­wer­be­schu­le in Kre­feld und war wie Hel­muth Ma­cke Schü­ler von Jan Thorn Prik­ker. Mit Hel­muth Ma­cke un­ter­hielt er ei­ne Ate­lier­ge­mein­schaft und knüpf­te Kon­takt zu Au­gust Ma­cke, der NKVM und den Ver­tre­tern des Blau­en Rei­ters. 1911 sie­del­te er ins Baye­ri­sche Sin­dels­dorf um und schloss sich den Krei­sen um Kandins­ky und Marc an. Zur Bon­ner Aus­stel­lung steu­er­te er ein Bild mit dem Ti­tel „Fisch­pre­dig­t“ und ei­ni­ge Aqua­rel­le bei. Men­schen und Din­ge sind in sei­nem stark­far­bi­gen Wer­ken auf mys­tisch-ge­heim­nis­vol­le Wei­se mit der Um­ge­bung ver­schlun­gen. Wal­ter Co­hen wuss­te sei­ne Ge­mäl­de als „An­dachts­bil­der ei­nes Welt­from­men“ zu um­schrei­ben[17].

Ernst Mo­ritz En­gert, 1892 in Yo­ko­ha­ma als Sohn ei­nes aus Ha­d­a­mar (Wes­ter­wald) stam­men­den Kauf­manns ge­bo­ren, kehr­te mit sei­nen El­tern 1904/1905 nach Deutsch­land zu­rück. An­ge­regt durch ei­nen Sil­hou­et­ten­schnei­der, den En­gert auf ei­nem Jahr­markt be­geg­ne­te, be­gann er, sich die­ser Tech­nik zu­zu­wen­den und setz­te sie, nach spo­ra­di­schem Kunst­stu­di­um in Mün­chen, kon­se­quent fort. Von Bild­nis­sil­hou­et­ten über Pla­kat­ent­wür­fe bis zu Schat­ten­spie­len ent­wi­ckel­te En­gert ei­ne Meis­ter­schaft, die den ei­gent­lich in der Kunst­welt nicht hoch an­ge­se­he­nen Sche­ren­schnitt ei­ne neue Di­men­si­on ver­leiht. In der Bon­ner Aus­stel­lung zeig­te En­gert ne­ben Sche­ren­schnit­ten das Ge­mäl­de „Run­de Ma­don­na“.

Max Ernst, 1891 in Brühl ge­bo­ren, stu­dier­te 1910-1914 Phi­lo­so­phie und Kunst­ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Bonn, lern­te 1911 Au­gust Ma­cke ken­nen und fass­te den Ent­schluss, Ma­ler zu wer­den. Sei­ne frü­hen, be­reits 1909 ent­stan­den Bil­der zeu­gen noch von im­pres­sio­nis­ti­scher Stim­mung, wäh­rend er im Ver­band mit den rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten, oh­ne aka­de­mi­sche Kennt­nis­se, sich mit der fran­zö­si­schen Stilp­lu­ra­li­tät aus­ein­an­der­setz­te und Bil­der mit gro­ßem Ex­pe­ri­men­tier­wil­len schuf. Er de­bu­t­ier­te 1913 in der Bon­ner Aus­stel­lung mit den Wer­ken „Die Stra­ße“ (1912), „Mar­ty­ri­um“, „Chris­tus und die Jün­ger“, „Weib­li­cher Kopf“ (Hin­ter­glas­bild).

Ot­to Feld­man­n  (1881-1942)  trat 1908 in der Jah­res­aus­stel­lung der Ver­ei­ni­gung Köl­ner Künst­ler in Köln erst­mals in Er­schei­nung und er­öff­ne­te, nach Pa­risauf­ent­hal­ten, 1912 die Ga­le­rie „Rhei­ni­scher Kunst­sa­lon am Han­sa­ring 20 in Köln, in der er avant­gar­dis­ti­scher Kunst bis 1914 ein Fo­rum bot. 1911 be­schick­te er von Pa­ris aus die Win­ter-Aus­stel­lung der Ber­li­ner Se­zes­si­on „Zeich­nen­de Küns­te“, im Ja­nu­ar 1913 war er an der zwei­ten Aus­stel­lung der Köl­ner Se­zes­si­on im Wal­raff-Ri­ch­artz-Mu­se­um in Köln be­tei­ligt und er­öff­ne­te im glei­chen Jahr ei­ne „Neue Ga­le­rie“ in Ber­lin. Ot­to Feld­mann mach­te sich als Zeich­ner und Aqua­rel­list ei­nen Na­men, ei­ne Ka­ri­ka­tur von dem Kunst­händ­ler Al­fred Flecht­heim 1911 zeugt von sei­nen zahl­rei­chen Kon­tak­ten in der Rhei­ni­schen Kunst-Sze­ne.

Paul Adolf Seehaus, Kessenich bei Bonn, 1913, Öl auf Leinwand. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

 

Franz Se­raph Hen­se­ler, 1883 im Ober­baye­ri­schen Ro­sen­heim ge­bo­ren, be­gann ne­ben sei­nem Ju­ra­stu­di­um als künst­le­ri­scher Au­to­di­dakt und mach­te sich ei­nen Na­men mit ori­gi­nel­len Wer­be­gra­fi­ken und Buch­il­lus­tra­tio­nen. Im Kreis der Schwa­bin­ger Bohè­me lern­te er Ernst Mo­ritz En­gert und Karl Ot­ten ken­nen, mit de­nen er 1913 die Grau-Rhein­dor­fer Vil­la W. v. Plüs­kow bei Bonn be­zog. Im en­gen Aus­tausch mit Au­gust Ma­cke be­tei­lig­te er sich an der Bon­ner Aus­stel­lung mit den Ge­mäl­den „Rhei­ni­sche Ma­don­na“, „Se­bas­ti­an“, „Mon­d­an­be­ter“, fer­ner mit den Tusch­zeich­nun­gen und/oder Ra­die­run­gen „Ver­füh­run­g“, „Kreuz­tra­gun­g“ und „Fa­mi­lie“.

Franz Mat­thi­as (Lam­bert) Jan­sen, 1885 in Köln ge­bo­ren, stu­dier­te 1905-1906 Ar­chi­tek­tur an der TH Karls­ru­he und 1906-1910 bei dem Ar­chi­tek­ten Ot­to Wag­ner (1841-1918) an der Aka­de­mie der Küns­te in Wien. Nach sei­ner Rück­kehr nach Köln be­schloss er 1910 die Ar­chi­tek­tur zu­guns­ten der Ma­le­rei auf­zu­ge­ben und de­bü­tier­te im glei­chen Jahr auf Ver­mitt­lung von Al­fred Ha­gel­stan­ge mit 34 Ge­mäl­den an der 2. Aus­stel­lung des Köl­ner Künst­ler­bun­des, war an den Son­der­bund­aus­stel­lun­gen 1911 in Düs­sel­dorf und 1912 in Köln, und 1913 als Mit­be­grün­der an den Aus­stel­lun­gen der Köl­ner Se­zes­si­on be­tei­ligt, da­ne­ben war er 1911 auch Mit­be­grün­der des Ge­re­ons­klubs. Der Vor­wurf des Stilp­lu­ra­lis­mus, dem ihm Kri­ti­ker vor­war­fen, zeug­te von der ra­schen Ad­ap­ti­on, die der Au­to­di­dakt Jan­sen in der Aus­ein­an­der­set­zung mit den zahl­rei­chen fran­zö­si­schen Strö­mun­gen voll­zog. Da­ne­ben ent­stand seit 1912 ein um­fang­rei­ches gra­phi­sches Werk in Zy­klen. In der Bon­ner Aus­stel­lung war Jan­sen mit dem Ge­mäl­de der „Som­mer“ ver­tre­ten. 

Jo­sef Kölsch­bach, 1892 in Köln ge­bo­ren, (ge­stor­ben 1947) stu­dier­te 1912 an der Kunst­aka­de­mie in Düs­sel­dorf, brach aber nach dem Be­such der Son­der­bund­aus­stel­lung noch im glei­chen Jahr sein Aka­de­mie­stu­di­um ab und wur­de frei­schaf­fen­der Künst­ler. Über Max Ernst lern­te er Au­gust Ma­cke ken­nen, der ihn zur Bon­ner Aus­stel­lung ein­lud. Sei­ne Be­wun­de­rung für Kandins­ky mach­te sich in sei­nen frü­hen Aqua­rell­zy­klen be­merk­bar, wäh­rend sei­ne Hin­ter­glas­bil­der mit re­li­giö­sen Mo­ti­ven den 21-Jäh­ri­gen durch ei­ne Ein­zel­aus­stel­lung im Aa­chener Reiff-Mu­se­um im Ju­ni/Ju­li 1913 schon be­kannt mach­ten, be­vor er in der Bon­ner Aus­stel­lung sei­ne „Gro­ße Kom­po­si­ti­on mit Kopf im Bild­zen­trum“ so­wie wei­te­re Hin­ter­glas­bil­der „Köp­fe“ zeig­te.

Franz Seraph Henseler, Kreuztragung, 1913, Öl auf Leinwand. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

 

Hel­muth Ma­cke, 1891 in Kre­feld ge­bo­ren, stu­dier­te wie Hein­rich Cam­pen­donk, mit dem er ge­mein­sam ein Ate­lier führ­te, 1906-1908 an der Kre­fel­der Kunst­ge­wer­be­schu­le bei Jo­han Thorn Prik­ker. Mit sei­nem Vet­ter Au­gust Ma­cke war er freund­schaft­lich ver­bun­den. Nach dem Stu­di­um leb­te er von 1909-1910 in Ate­lier­ge­mein­schaft mit Wil­helm Wie­ger (1890-1964) und Hein­rich Nau­en in Or­b­roich bei Kre­feld. 1910-1911 hielt er sich mit Au­gust Ma­cke am Te­gern­see auf und lern­te die Künst­ler des Blau­en Rei­ters ken­nen, wäh­rend er ein Jahr spä­ter in Ber­lin Kon­tak­te zu den Ma­lern der Brü­cke auf­nahm und Freund­schaft mit Erich He­ckel schloss. Nach sei­ner Be­tei­li­gung an der Son­der­bund­aus­stel­lung 1912 in Köln war er 1913 beim „Ers­ten Deut­schen Herbst­sa­lon in Ber­lin ver­tre­ten. In Bonn zeig­te er Fi­gu­ren­bil­der und Land­schaf­ten aus sei­ner ers­ten, vom Blau­en Rei­ter be­ein­fluss­ten Schaf­fens­pe­ri­ode.

Car­lo Men­se, 1886 in Rhei­ne/West­fah­len ge­bo­ren, ab 1891in Köln auf­ge­wach­sen, stu­dier­te 1906-1908 an der Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf und lern­te Au­gust Ma­cke ken­nen. Auf sei­nen Rat wur­de er 1909 Pri­vat­schü­ler von Lo­vis Corinth (1858-1925) in Ber­lin und setz­te 1911 sein Kunst­stu­di­um in Wei­mar fort, sie­del­te im glei­chen Jahr mit sei­nem Bru­der Ru­di nach Mün­chen über und wur­de Mit­glied im Ge­re­ons­klub in Köln. Auch er nahm an der Köl­ner Son­der­bund­aus­stel­lung 1912 und am Ers­ten Deut­schen Herbst­sa­lon in Ber­lin 1913 teil. 1914 ent­warf er Gra­phi­ken und Ti­tel­blät­ter für die ex­pres­sio­nis­ti­schen Zeit­schrif­ten „Der Stur­m“ und „Die Ak­ti­on“ und über­nahm die Or­ga­ni­sa­ti­on der Fol­ge­aus­stel­lung „Rhei­ni­sche Ex­pres­sio­nis­ten“ in der Ga­le­rie Flecht­heims in Düs­sel­dorf. Mehr­fa­che Rei­sen nach As­co­na zum Mon­te Vé­rità führ­ten zur Be­kannt­schaft mit der ex­pres­sio­nis­ti­schen Tän­ze­rin Ma­ry Wig­man (1886-1973). 

Sein Werk nahm bis zum Ers­ten Welt­krieg die un­ter­schied­lichs­ten Ein­flüs­se, auch die durch sei­ne Kol­le­gen, auf. In Bonn war er mit Land­schafts­bil­dern und Ra­die­run­gen ver­tre­ten.

Helmut Macke, Interieur, 1910, Öl auf Leinwand. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

 

Hein­rich Nau­en, 1880 in Kre­feld ge­bo­ren, be­such­te 1898 die Düs­sel­dor­fer Kunst­aka­de­mie, 1899 die Pri­vat­schu­le von Hein­rich Knirr (1862-1944) in Mün­chen und von 1899-1902 die Kunst­aka­de­mie Stutt­gart als Meis­ter­schü­ler Leo­pold von Kalck­reuths (1855-1928). An­schlie­ßend hielt er sich bis 1905 in der Künst­ler­ko­lo­nie Lae­them-Saint-Mar­tin bei Gent in Flan­dern auf. 1906-1911 mach­te er Sta­ti­on in Ber­lin, Or­b­roich bei Kre­feld und Bel­gi­en. 1910 wur­de sein groß­for­ma­ti­ges Ge­mäl­de „Die Ern­te“, das im Zen­trum der ers­ten Aus­stel­lung der Köl­ner Se­zes­si­on stand, in Pa­ris prä­sen­tiert, was ihm gro­ße An­er­ken­nung, auch in ei­nem Brief von Hen­ri Ma­tis­se, brach­te. 1911 sie­del­te er nach Schloss Dil­born bei Brüg­gen über, das zum ge­sell­schaft­li­chen Mit­tel­punkt der Kunst­sze­ne wur­de. 1912/1913 schuf er im Auf­trag von Er­win Su­er­mondt sechs Wand­bil­der für die Burg Dro­ve bei Dü­ren und be­tei­lig­te sich an der Köl­ner Son­der­bund­aus­stel­lung 1912 mit sechs Bil­dern. 1914 rich­te­te ihm Al­fred Flecht­heim ei­ne Ein­zel­aus­stel­lung in sei­ner Ga­le­rie aus, in der der Dro­ve-Zy­klus der Öf­fent­lich­keit prä­sen­tiert wur­de. Nau­ens wich­tigs­tes The­ma war die Land­schaft und auch der in ihr ar­bei­ten­de Mensch sym­bo­lis­tisch über­höht und von star­ker Far­big­keit. Der Ein­fluss van Go­ghs ist in vie­len sei­ner frü­hen Ge­mäl­de spür­bar. In Bonn wur­den sein Por­trät von Hel­muth Ma­cke und das Bild zwei­er „Mäd­chen im Boo­t“ ge­zeigt.

Cla­ra Ma­ria von Ma­la­chow­ski-Nau­en, 1880 in Han­no­ver ge­bo­ren, be­gann ih­re Aus­bil­dung 1899 an der pri­va­ten Kunst­schu­le bei Wil­helm Clau­di­us (1854-1942) in Dres­den, die sie 1900-1905 bei Leo­pold von Kalck­reuth in Stutt­gart fort­setz­te, wo sie ih­ren spä­te­ren Mann, Hein­rich Nau­en ken­nen­lern­te. Sie setz­te ihr Stu­di­um bei W.C.H. Clau­di­us in Dres­den fort, hei­ra­te­te dort 1905 und folg­te ih­rem Mann nach Pa­ris an die Aca­dé­mie Ju­li­an und auf sei­nen wei­te­ren Sta­tio­nen. Ma­ria Nau­en be­tä­tig­te sich als Ma­le­rin, Ra­die­re­rin und Holz­schnei­de­rin, vor al­lem auch als Ma­le­rin von Kin­der­por­träts. Die ein­zi­ge Aus­stel­lung, an der sie vor dem Ers­ten Welt­krieg be­tei­ligt war, war die der Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten in Bonn, wo vier ih­rer Land­schaftsaqua­rel­le ge­zeigt wur­den.

Ol­ga Frie­de­ri­ke Op­pen­hei­mer, 1886 in Köln ge­bo­ren, be­gann ih­re künst­le­ri­sche Aus­bil­dung zu­sam­men mit ih­rer Freun­din Em­my Worrin­ger bei Adolf Höl­zel (1853-1934) in Dach­au und an der Aka­de­mie in Mün­chen. 1908 be­zog sie ein Ate­lier in Köln am Mar­si­li­en­stein 28. 1909 wur­de sie in Pa­ris Schü­le­rin von Paul Sé­ru­si­er, ein Jahr spä­ter grün­de­te sie zu­sam­men mit Em­my Worrin­ger ei­ne Mal- und Zei­chen­schu­le im Köl­ner Ge­re­ons­haus und war ei­ne der Grün­de­rin­nen des Köl­ner Ge­ronsklubs. Zu­sam­men mit ihr be­wies sie sich als klu­ge Or­ga­ni­sa­to­rin, um ge­gen die kon­ser­va­ti­ve Köl­ner Kunst­sze­ne zu op­po­nie­ren, was sich auch als Mit­be­grün­de­rin der Köl­ner Se­zes­si­on be­stä­tig­te. Als ei­ne der we­ni­gen Künst­le­rin­nen im Kreis ih­rer Kol­le­gin­nen war sie bis 1913 in wich­ti­gen Aus­stel­lun­gen ver­tre­ten: 1910 in der 2. Aus­stel­lung des Köl­ner Künst­ler­bun­des im Wall­raf-Ri­ch­artz-Mu­se­um, 1911 „Gra­phik Köl­ner Künst­ler“, 1912 an der Son­der­bund­aus­stel­lung in Köln, im glei­chen Jahr in der 1. Aus­stel­lung der Köl­ner Se­zes­si­on im Kunst­ge­wer­be­mu­se­um, 1913 in der 2. im Wall­raf-Ri­ch­artz-Mu­se­um und 1913 als ein­zi­ge deut­sche Re­prä­sen­tan­tin in der le­gen­dä­ren Ar­mo­ry-Show in New York. Im glei­chen Jahr hei­ra­te­te sie Em­mys Bru­der, den Gas­tro­no­men Adolf Worrin­ger (1882-1960). Nach der Ge­burt zwei­er Söh­ne gab sie 1916 die Ma­le­rei auf. Auf­grund schwe­rer De­pres­sio­nen wur­de sie 1918 in die Heil­an­stalt Wald­breit­bach ein­ge­lie­fert und 1941 im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ma­jda­n­ek er­mor­det.

Heinrich Nauen, Ernte, 1909, Öl auf Leinwand. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

 

Wil­liam Strau­be, 1871 in Ber­lin ge­bo­ren, be­such­te von 1886-1888 Abend­kur­se im Akt­zeich­nen, 1890-1893 ab­sol­vier­te er ei­ne De­ko­ra­ti­ons­leh­re, stu­dier­te ab 1894 an der Kö­nig­li­chen Kunst­schu­le in Ber­lin, mach­te 1896 sein Zei­chen­leh­rer­ex­amen und setz­te sein Stu­di­um als Meis­ter­schü­ler des His­to­ri­en­ma­lers Jo­sef Scheu­ren­berg (1846-1914) fort. Seit 1898 war er als Zei­chen­leh­rer in Ko­blenz tä­tig und un­ter­nahm in den Fol­ge­jah­ren zahl­rei­che Rei­sen durch Eu­ro­pa, mach­te 1901 in Pa­ris die Be­kannt­schaft mit Ma­tis­se und hat­te ei­ne ers­te Aus­stel­lung in Düs­sel­dorf. 1908 gab er sei­ne Zei­chen­leh­rer­stel­le zu­guns­ten ei­ner frei­schaf­fen­den Künst­ler­tä­tig­keit auf, stu­dier­te an der Aca­dé­mie Ma­tis­se in Pa­ris und 1915-1916 als Schü­ler von Adolf Hoel­zel an der Stutt­gar­ter Aka­de­mie. Ver­mut­lich wur­de Ma­cke auf Strau­be bei des­sen Teil­nah­me an der Köl­ner Son­der­bund­aus­stel­lung 1912 auf­merk­sam, und lud ihn, auf­grund der Stil­ver­wandt­schaft zu den Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten, zur Bon­ner Aus­stel­lung ein.

Hans Thu­ar, 1887 in Trep­pen­dorf bei Lüb­ben ge­bo­ren, wuchs ab 1892 in Köln auf. Os­tern 1897 schloss er Freund­schaft mit Au­gust Ma­cke, zwei Jah­re spä­ter wur­de er von ei­ner Pfer­de­bahn über­fah­ren und ver­lor bei­de Bei­ne. Am Kran­ken­la­ger mach­te er ers­te Mal­ver­su­che mit Au­gust Ma­cke, nahm von 1903-1907 Un­ter­richt bei Pro­fes­sor We­ge­lin in Köln, ver­ließ die Schu­le, be­tä­tig­te sich als De­ko­ra­ti­ons­ma­ler und stu­dier­te von 1907-1908 an der Düs­sel­dor­fer Kunst­aka­de­mie, ar­bei­te­te 1909-1910 ab­wech­selnd in Köln und Düs­sel­dorf: Nach ei­ner de­pres­si­ven Pha­se schwang er sich, nach Um­zug nach Bonn-En­de­nich, 1911-1914 zu ei­ner ers­ten Schaf­fens­pe­ri­ode auf, be­tei­ligt sich an den Aus­stel­lun­gen der Köl­ner Se­zes­si­on 1911 und 1913, an der Köl­ner Son­der­bund­aus­stel­lung 1912, und am Ers­ten Deut­schen Herbst­sa­lon in Ber­lin 1913. In der Bon­ner Aus­stel­lung wur­den Land­schafts­bil­der ge­zeigt, die sich durch ei­ne von star­ken Grund­far­ben ge­präg­te, kla­re und re­du­zier­te For­men­spra­che aus­zeich­nen.

Au­gust Ma­cke selbst war in der Aus­stel­lung mit den Bil­dern: „Vier Mäd­chen“, „Ba­den­den Mäd­chen“, „Gar­ten­re­stau­ran­t“, „Kin­der am Was­ser“, „Ak­te“ und ei­nem Holz­schnitt ver­tre­ten.

3.3 Rezeption der Ausstellung

An­ge­sichts der aus­ge­spro­chen zwie­späl­ti­gen Auf­nah­me der Köl­ner Son­der­bund­aus­stel­lung und den Prä­sen­ta­tio­nen der Köl­ner Se­zes­si­on - ei­ner klei­nen Grup­pe von Samm­lern, För­de­rern und pro­gres­siv ein­ge­stell­ten Kunst­his­to­ri­kern - stand das kras­se Un­ver­ständ­nis der kon­ser­va­ti­ven na­tio­na­len Krei­se, der Ta­ges­pres­se und das der Be­völ­ke­rung ge­gen­über - lässt sich, in der Äu­ße­rung „hof­fent­lich wer­den kei­ne Schei­ben ein­ge­schla­gen“ im Vor­feld der Er­öff­nung Au­gust Ma­ckes An­span­nung er­ken­nen[18]. Sei­ne Be­sorg­nis er­wies sich je­doch als un­be­grün­det, die Aus­stel­lung wur­de gut be­sucht, Ma­cke ver­an­stal­te­te ei­ne Füh­rung, an der cir­ca 70 Per­so­nen teil­nah­men, 15 Bil­der wur­den ver­kauft.

Die Re­zen­sio­nen fie­len aus­ge­spro­chen aus­führ­lich und über­wie­gend po­si­tiv aus, was wohl auch dar­an lag, dass die Ver­fas­ser, als Stu­den­ten des Bon­ner Kunst­his­to­ri­schen In­sti­tuts, dem Freun­des­kreis der Ma­ler na­he­stan­den, so Joa­chim Benn, Max Ernst, Al­fred Sal­mo­ny und Karl Ot­ten. Au­ßer­dem wa­ren meh­re­re der Be­tei­lig­ten in Bonn orts­an­säs­sig und Ma­cke durch frü­he­re Aus­stel­lun­gen in Bonn und durch sei­ne Fa­mi­lie be­kannt, so dass sich ein klei­ner fa­mi­liä­rer Kreis von In­ter­es­sen­ten bil­den konn­te.

Die „Pro­be“ für den Ers­ten Deut­schen Herbst­sa­lon in Ber­lin, wie es Ma­cke aus­drück­te, war ge­lun­gen. Es folg­te dann noch im glei­chen Jahr die Über­nah­me der Aus­stel­lung in den „Rhei­ni­schen Kunst­sa­lon“ von Ot­to Feld­mann in Köln, und von Sep­tem­ber bis No­vem­ber die Aus­stel­lungs­be­tei­li­gung am Ers­ten Deut­sche Herbst­sa­lon bei Her­warth Wal­den in Ber­lin, im Ja­nu­ar 1914 un­ter dem Ti­tel „Die Neue Ma­le­rei“ ei­ne Ex­pres­sio­nis­ten-Aus­stel­lung in der Ga­le­rie Ernst Ar­nold in Dres­den. Im Mai wur­den die Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten un­ter der Ku­ra­tie von Car­lo Men­se in der Düs­sel­dor­fer Ga­le­rie von Al­fred Flecht­heim prä­sen­tiert, im Ju­ni, in un­ter­schied­li­che Zu­sam­men­set­zung ge­gen­über Bonn, noch­mals in der „Neu­en Ga­le­rie“ von Ot­to Feld­mann, in Ber­lin ge­zeigt.

William Straube, Selbstbildnis an der Staffelei, 1911, Öl auf Leinwand. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

 

3.4 Vorläufiges Ende durch den Ersten Weltkrieg

Der Ers­te Welt­krieg schlug ei­ne gro­ße Zä­sur in die Wei­ter­ent­wick­lung der rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten, vie­le wur­den ein­ge­zo­gen, Cam­pen­donk bis 1916, En­gert bis 1916, Ernst bis 1918, Jan­sen, we­gen Krank­heit 1915 zu­rück­ge­stellt, Kölsch­bach bis 1916, Hel­muth Ma­cke bis 1918 (er ar­bei­te­te 1915 als Kriegs­ma­ler von Ver­dun), Men­se bis 1918, Nau­en bis 1918. Au­gust Ma­cke und Franz Hen­se­ler star­ben im Feld, Paul Adolf See­haus 1919 an Lun­gen­ent­zün­dung. Thu­ar litt 1914-1920 an tie­fer De­pres­si­on, Ma­rie von Ma­la­chow­ski-Nau­en trat nach der Bon­ner Aus­stel­lung 1913 nicht mehr in Er­schei­nung, Ol­ga Op­pen­hei­mer gab 1916 die Ma­le­rei auf.

4. Die Rheinischen Expressionisten nach dem Ersten Weltkrieg

4.1 Die Ausstellung „Das junge Rheinland“ in Köln

Paul Adolf See­haus or­ga­ni­sier­te mit Hil­fe von Dr. Wal­ter Co­hen 1918 im Köl­ni­schen Kunst­ver­ein ei­ne Aus­stel­lung mit dem Ti­tel „Das jun­ge Rhein­lan­d“, in der die ers­te Bi­lanz der rhei­ni­schen Kunst un­mit­tel­bar nach dem Krieg ge­zo­gen wur­de. Un­ter dem Ti­tel „Au­gust Ma­cke zum Ge­dächt­nis“ schrieb Co­han das Vor­wort zum Ka­ta­log, wäh­rend See­haus in der im „Kunst­blat­t“ er­schie­ne­nen Re­zes­si­on for­mu­lier­te: „Das Ge­sicht der ty­pisch rhei­ni­schen Kunst ist ge­blie­ben […] Wie der Duft der At­mo­sphä­re, sil­ber­grau und vio­lett die rhei­ni­sche Land­schaft schmei­chelnd um­gibt und aus­glei­chend um­la­gert, so durch­dringt ei­ne fast tra­di­tio­nel­le Schön­heit die Wer­ke die­ser rhei­ni­schen Ma­ler […] Frank­reichs Nach­bar­schaft klingt lei­se her­ein.“[19] Im Mit­tel­punkt stan­den 30 Wer­ke von Au­gust Ma­cke, da­ne­ben Ar­bei­ten von Nau­en, Kölsch­bach, Max Ernst, Cam­pen­donk, Jan­sen und See­haus und auch von wei­te­ren dem Kreis ver­bun­de­nen Ma­ler.

Heinrich Campendonk, Pferde-Komposition, 1912, Öl auf Pappe. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

 

4.2 Die Künstlervereinigung „Das junge Rheinland“ in Düsseldorf

Der Ti­tel „Das Jun­ge Rhein­lan­d“ wur­de für die gleich­na­mi­ge Künst­ler­ver­ei­ni­gung über­nom­men, die am 24.2.1919 in Düs­sel­dorf von dem Dich­ter Her­bert Eu­len­berg, dem Ma­ler Ar­thur Kauf­mann (1888-1971) und dem Ma­ler und Schrift­stel­ler Adolf Uzar­ski (1885-1970) ins Le­ben ge­ru­fen wur­de. Der Zu­sam­men­schluss soll­te die In­ter­es­sen der rhei­ni­schen Künst­ler­schaft ver­tre­ten und ih­nen un­ab­hän­gi­ge Aus­stel­lungs­mög­lich­kei­ten bie­ten. Die ers­te Aus­stel­lung fand im Ju­li 1919 in der Düs­sel­dor­fer Kunst­hal­le mit 113 Teil­neh­mern statt, dar­un­ter post­hum Ma­cke und See­haus. Noch im sel­ben Jahr wur­de die Schau in Bar­men ge­zeigt. Un­ter an­de­rem schlos­sen sich Max Ernst, Car­lo Men­se, Hein­rich Nau­en, Wal­ter Ophey und Ot­to Sohn-Re­thel die­ser Ver­ei­ni­gung an, die, ne­ben an­de­ren in den 1920er-Jah­ren ent­stan­de­nen Künst­ler­grup­pie­run­gen, 1933 auf­ge­löst wur­de.

Be­rühm­tes Zen­trum der zeit­ge­nös­si­schen rhei­ni­schen Künst­ler war die Düs­sel­dor­fer Alt­stadt-Ga­le­rie „Jun­ge Kunst – Frau Ey“ die von Jo­han­na Ey (1864-1947), be­kannt als Mut­ter Ey, ge­lei­tet wur­de. Doch der Ze­nit der ex­pres­sio­nis­ti­schen Kunst­ent­wick­lung war über­schrit­ten, Kunst­strö­mun­gen wie Da­da, Sur­rea­lis­mus und Neue Sach­lich­keit bra­chen sich Bahn. So fand Max Ernst über Da­da zum Sur­rea­lis­mus, wäh­rend Hein­rich Cam­pen­donk, Hans Thu­ar, Hein­rich Ma­cke und Hein­rich Nau­en, der 1921 an die Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf be­ru­fen wur­de, ihr Spät­werk auf­bau­ten. Mit der Macht­er­grei­fung der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten wur­den, so wie vie­le an­de­re, die Wer­ke der Ex­pres­sio­nis­ten als „ent­ar­te­t“ er­klärt, teil­wei­se zer­stört, Samm­lun­gen zer­schla­gen, aus Mu­se­en ent­fernt und der Öf­fent­lich­keit ent­zo­gen. 

4.3 Würdigung der Rheinischen Expressionisten nach dem Zweiten Weltkrieg

1952 or­ga­ni­sier­te Wal­ter Holz­hau­sen (1896-1968) ei­ne ers­te um­fas­sen­de Aus­stel­lung der Städ­ti­schen Kunst­samm­lun­gen Bonn mit dem Ti­tel „Bonn und der rhei­ni­sche Ex­pres­sio­nis­mus“ im Kauf­hof Bonn und rief da­mit die Er­in­ne­rung an den künst­le­risch so frucht­ba­ren Kreis um Au­gust Ma­cke zu­rück ins Le­ben.

Das städ­ti­sche Kunst­mu­se­um Bonn, das Au­gust-Ma­cke-Haus in Bonn, das Kai­ser-Wil­helm Mu­se­um in Kre­feld und wei­te­re Mu­se­en ver­wal­ten heu­te das Er­be der Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten, sor­gen für die kunst­his­to­ri­sche Auf­ar­bei­tung und mit kon­ti­nu­ier­li­chen Aus­stel­lun­gen für ih­re Prä­sen­ta­ti­on in der Öf­fent­lich­keit.

Literatur

Kur­siv = Kurz­zi­tier­wei­se 
 
Schä­fer, Bar­ba­ra (Hg.), 1912 – Mis­si­on Mo­der­ne. Die Jahr­hun­dert­schau des Son­der­bun­des, Aus­stel­lungs­ka­ta­log Köln, Wall­raf-Ri­ch­artz-Mu­se­um, 31. Au­gust-30. De­zem­ber 2012, Köln 2012.

Der Blaue Rei­ter, Do­ku­men­te ei­ner geis­ti­gen Be­we­gung, hg. v. An­dre­as Hü­ne­ke, 3. Auf­la­ge, Leip­zig 1991.

Der Ge­re­ons­klub 1911-1913. Eu­ro­pas Avant­gar­de im Rhein­land, hg. vom Ver­ein Au­gust-Ma­cke-Haus e.V., Bonn 1993. 
 
Die Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten - Au­gust Ma­cke und sei­ne Ma­ler­freun­de, Aus­stel­lungs­ka­ta­log Städ­ti­sches Kunst­mu­se­um Bonn, Kai­ser Wil­helm-Mu­se­um Kre­feld, Von der Heydt-Mu­se­um Wup­per­tal, hg. v. Städ­ti­sches Kunst­mu­se­um Bonn, Reck­ling­hau­sen 1979.
 
Möl­ler, Mag­da­le­na M., Au­gust Ma­cke und die Rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­ten, Wer­ke aus dem Kunst­mu­se­um Bonn und an­de­ren Samm­lun­gen. Aus­stel­lungs­ka­ta­log Brü­cke-Mu­se­um Ber­lin 2002/2003 und Kunst­hal­le Tü­bin­gen 2003, Mün­chen 2002.

Online

In­for­ma­tio­nen beim Au­gust-Ma­cke-Haus. [On­line
Wei­te­re In­for­ma­tio­nen beim Kunst­mu­se­um Bonn. [On­line]

Carlo Mense, Stromlandschaft, 1913, Öl auf Leinwand. (Foto: Reni Hansen, Kunstmuseum Bonn)

 
Anmerkungen
  • 1: Worringer, Wilhelm, Zur Entwicklungsgeschichte der modernen Malerei, in: Der Sturm, Jahrgang 2, Heft 75 (1911), S. 597-598, zitiert nach Schäfer, Barbara, 1912 - Mission Moderne, S. 302.
  • 2: Reiche, Richart, Vorwort in: Internationale Kunstausstellung des Sonderbundes Westdeutscher Kunstfreunde und Künstler zu Cöln 1912, zitiert nach Stamm, Rainer, „wir wenigen Menschen, die diese Dinge gesammelt haben“, in: Schäfer, 1912 – Mission Moderne, S. 67.
  • 3: E[rnst?], Ausstellung Rheinischer Expressionisten, in: „Volksmund“ (Bonn) 12.7.1913, zitiert in: Die Rheinischen Expressionisten 1979, S. 5, 54.
  • 4: Kepetzis, Ekaterini, Am besten wäre die Sache und künstlerisch am stärksten, wenn wir nur zu fünfen wären. August Deusser und die Düsseldorfer Maler des Sonderbundes, in: Schäfer, 1912 – Mission Moderne, S. 28-35.
  • 5: Rekonstruktion der Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum Köln vom 31. 8.– 30.12.2012.
  • 6: Zitiert nach Schäfer, 1912 - Mission Moderne, S. 36.
  • 7: August Macke in einem Brief an Franz und Maria Marc vor Weihnachten 1911, zitiert in: Der Gereonsklub, S. 36-37 und Elisabeth Erdmann-Macke, Erinnerungen an August Macke, zitiert in: Der Blaue Reiter, S. 173-174.
  • 8: Franz M. Jansen „Von damals bis heute“, zitiert in: Der Blaue Reiter, S. 172-173. – Georg Swarzenski (1876-1957) war seit 1906 Direktor des Städelschen Kunstinstituts in Frankfurt.
  • 9: August Macke in einem Brief an Kandinsky vom 14.12.1911: „Gestern habe ich in Köln die neue Sezession gründen helfen“, zitiert in: Der Gereonsklub, S. 12.
  • 10: Jansen, Franz M., Rückblick auf fünf Jahrzehnte, zitiert in: Der Gereonsklub, S. 56.
  • 11: Zitiert nach Rezension von Michael Sontheimer am 2.12.2011 zu Dascher, Ottfried: „Es ist was Wahnsinniges mit der Kunst“ – Alfred Flechtheim, 2011. www.taz.de
  • 12: Macke in einem Brief an Franz und Maria Marc vor Weihnachten 1911, zitiert in: Der Gereonsklub, S. 37.
  • 13: Zusammenstellung vgl. Dorsz, Christoph (Folkwang Universität der Künste, Essen): Karl Ernst Osthaus, 2012, www.osthausmuseum.de
  • 14: Brief von August Macke an Herwarth Walden vom 9.7.1913, zitiert in: Die Rheinischen Expressionisten 1979, S. 10.
  • 15: Karl Otten: 1914 – Sommer ohne Herbst, aus: Raabe, Paul (Hg.), Expressionismus. Aufzeichnungen und Erinnerungen der Zeitgenossen, 1965, zitiert nach: Die Rheinischen Expressionisten, 1979, S. 13-14.
  • 16: Heusinger von Waldegg, Joachim, Versuch einer Rekonstruktion der in der Rheinischen Expressionisten-Ausstellung gezeigten Werke, in: Die Rheinischen Expressionisten, 1979, S. 51.
  • 17: Zitiert nach Stemmler, Dierk, in: Die Rheinische Expressionisten 1979, S. 87.
  • 18: Elisabeth Erdmann-Macke, Erinnerungen an August Macke, Stuttgart 1962, zitiert in: Die Rheinische Expressionisten 1979, S. 10.
  • 19: Seehaus, P. A., Das Junge Rheinland, in: Kunstblatt II, 1918, S. 120, zitiert in: Die Rheinische Expressionisten 1979, S. 25.
Zitationshinweis

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Steger, Denise, Die Rheinischen Expressionisten, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-rheinischen-expressionisten/DE-2086/lido/5f97d542608d88.24054171 (abgerufen am 18.09.2021)