Die Steingutfabrik Franz Anton Mehlem in Bonn 1838-1931

Helmut Vogt (Bonn)

Ansicht der Fabrik 1874. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

Süd­lich des Ha­fen­ge­bie­tes ist da­s Bon­ner R­hein­ufer heu­te an bei­den Strom­sei­ten frei von in­dus­tri­el­ler Nut­zung. Dies ist, ver­folgt man den Fluss­lauf zwi­schen Düs­sel­dorf un­d Ko­blenz, durch­aus nicht selbst­ver­ständ­lich und trägt viel zur At­trak­ti­vi­tät der Bun­des­stadt bei. Letz­te Schrit­te wa­ren Still­le­gun­g un­d A­b­riss der Ober­kas­se­ler Ze­ment­fa­brik (1988) so­wie die ge­lun­ge­ne Um­ge­stal­tung der ehe­ma­li­gen Ver­la­de­an­la­gen im “Bon­ner Bo­gen”. Wäh­rend hier zu­min­dest ei­ni­ge denk­mal­ge­schütz­te Ge­bäu­de­tei­le in die neue Bü­ro­be­bau­ung in­te­griert wur­den, er­in­nert nichts mehr dar­an, dass fast 100 Jah­re lang auf der lin­ken Rhein­sei­te an der Stel­le des spä­te­ren Post­mi­nis­te­ri­ums ein ähn­lich be­deu­ten­des In­dus­trie­un­ter­neh­men exis­tiert hat­te. In sei­ner Blü­te­zeit war es mit cir­ca 1.000 Be­schäf­tig­ten lan­ge Jah­re der grö­ß­te Pro­duk­ti­ons­be­trieb am Ort. Sei­ne Pro­duk­te ver­bes­ser­ten sei­ner­zeit den Wohn­kom­fort der Städ­ter und sind heu­te be­gehr­te Samm­ler­stü­cke.

 

1. Die Gründung 1838/1839

Im Sep­tem­ber 1838 an­non­cier­ten die Brü­der Paul Jo­seph (1779-1853) und Ever­hard Jo­seph (ge­stor­ben 1865) Meh­lem im “Bon­ner Wo­chen­blatt” ih­re Ab­sicht, süd­lich der Zwei­ten Fähr­gas­se zwi­schen Rhein­ufer und Ko­blen­zer Stra­ße (heu­te: Ade­nau­er­al­lee) ei­ne Fay­ence-, Stein­gut- und Por­zel­lan­fa­brik er­rich­ten zu wol­len. Zu­sam­men mit ih­rem Schwa­ger Gus­tav von Reck­ling­hau­sen (Le­bens­da­ten un­be­kannt) hat­ten sie zwei Jah­re zu­vor als Haupt­gläu­bi­ger die her­un­ter­ge­wirt­schaf­te­te Ro­sen­kranz’sche Fay­en­ce­rie im be­nach­bar­ten Pop­pels­dorf (heu­te Stadt Bonn) über­nom­men, sich je­doch we­gen der schlech­ten Ver­kehrs­an­bin­dung und feh­len­der Re­ser­ve­flä­chen bald für ei­ne Ver­la­ge­rung an ei­nen güns­ti­ge­ren Stand­ort ent­schie­den. Das neue aus dem Be­sitz der Fa­mi­lie We­ber er­wor­be­ne Grund­stück er­schien zu die­sem Zeit­punkt ide­al: am äu­ße­ren Rand der da­ma­li­gen Bon­ner Be­bau­ung ge­le­gen, auf dem Land­weg durch die brei­te Chaus­see Köln-Ko­blenz, auf dem Was­ser­weg durch den R­hein er­schlos­sen. Doch be­reits 30 Jah­re spä­ter pro­du­zier­te die Aus­deh­nung des fluss­na­hen Vil­len­vier­tels nach Sü­den die ers­ten Kon­flik­te mit der ver­mö­gen­den Nach­bar­schaft. Zu­dem mach­te sich der feh­len­de Ei­sen­bahn­an­schluss hem­mend be­merk­bar, wäh­rend sich die Stra­ßen­an­bin­dung im­mer stär­ker zu ei­ner viel be­fah­re­nen städ­ti­schen Haupt­ach­se ent­wi­ckel­te, auf der die zahl­rei­chen Fuhr­wer­ke der Fir­ma den Ver­kehrs­fluss stör­ten.

Am Neu­jahrs­tag 1840 zog die Pro­duk­ti­on von Pop­pels­dorf in die neu­en Fa­bri­ka­ti­ons­an­la­gen am Rhein. Die nicht mehr be­nö­tig­ten Grund­stü­cke und Ge­bäu­de wur­den an die Por­zel­lan- und Stein­gut­fa­brik Lud­wig Wes­sel ver­kauft. Trotz der be­schei­de­nen An­fän­ge - man be­gann mit zwei Öfen und be­saß noch kei­ne An­triebs­ma­schi­ne - gab es in Bonn vor der Jahr­hun­dert­mit­te kei­ne ver­gleich­ba­re in­dus­tri­el­le Grün­dung von Be­deu­tung. Für vier Jahr­zehn­te soll­te da­her die nach dem Va­ter der Grün­der be­nann­te Stein­gut­fa­brik Franz An­ton Meh­lem (1754-1821) der ein­zi­ge nen­nens­wer­te In­dus­trie­be­trieb in der Uni­ver­si­täts-, Rent­ner- und Gar­ni­sons­stadt blei­ben.

Franz Guilleaume, Porträtfoto. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

2. Die erste Ausbaustufe (1840-1874)

Bis 1848 ver­drei­fach­te sich die Zahl der Brenn­öfen. Die Auf­be­rei­tung der Ton­mas­se wur­de durch ei­ne 1846 in­stal­lier­te Dampf­ma­schi­ne von 12 PS un­ter­stützt. Bei gu­ter Kon­junk­tur be­schäf­tig­te das Un­ter­neh­men cir­ca 150 Kräf­te. Nach dem To­de des letz­ten Mit­glie­des der Grün­der­fa­mi­lie ver­kauf­te die Er­ben­ge­mein­schaft die An­la­ge an den Köl­ner Kauf­mann Fer­di­nand Frings (Le­bens­da­ten un­be­kannt), der die Hand­ma­le­rei ein­führ­te, für ei­ne Ver­grö­ße­rung des Ab­satz­ge­bie­tes sorg­te und wei­te­re In­ves­ti­tio­nen tä­tig­te. Dies führ­te 1869 zu ers­ten Kon­flik­ten mit den An­lie­gern. In ei­nem vier­sei­ti­gen Pro­test­schrei­ben an die Stadt­spit­ze be­klag­ten sie Ruß und schwe­ren, schwar­zen Rauch, der sich nicht nur in un­mit­tel­ba­rer Werks­nä­he, son­dern auch in be­nach­bar­ten Stra­ßen­zü­gen nie­der­schlug.

1874 nahm Frings den jun­gen Fran­z Guil­leau­me (1848-1914) als Teil­ha­ber in die Fir­ma. Der Sohn des Köl­ner In­dus­tri­el­len Theo­dor Guil­leau­me hat­te nach­ ei­ner kauf­män­ni­schen Aus­bil­dung meh­re­re Jah­re in Eng­land und den USA ge­ar­bei­tet und such­te ei­ne Be­tä­ti­gung in ei­nem zu­kunfts­träch­ti­gen Fa­bri­ka­ti­ons­feld. Die macht­voll ein­set­zen­de Ur­ba­ni­sie­rung, wach­sen­de bür­ger­li­che Wohn- und Hy­gie­ne­be­dürf­nis­se und nicht zu­letzt der Mas­sen­be­darf der ex­pan­die­ren­den Ho­tel­le­rie ver­spra­chen gu­te Ab­satz­chan­cen für fein­ke­ra­mi­sche Pro­duk­te als Zie­r­ele­men­te oder Ge­brauchs­ge­gen­stän­de. In der Her­stel­lung güns­ti­ger als Por­zel­lan, konn­te Stein­gut zu­dem den schnell wech­seln­den De­ko­ra­ti­ons­wün­schen des Pu­bli­kums leich­ter an­ge­passt wer­den. Als der Se­ni­or­part­ner 1874 im Al­ter von nur 40 Jah­ren ver­starb, über­nahm der 25-jäh­ri­ge Guil­leau­me in al­lei­ni­ger Ver­ant­wor­tung die Lei­tung der Ge­schäf­te. Spä­ter über­nahm er auch den von der Wit­we Ma­rie Frings (cir­ca 1841-1917) ge­hal­te­nen An­teil. Auf ei­ne ers­te Pe­ri­ode mehr­fa­cher Wech­sel in der Füh­rung der Fir­ma folg­ten jetzt 40 Jah­re Kon­ti­nui­tät, in de­nen das Bon­ner Un­ter­neh­men sein vol­les Po­ten­zi­al ent­fal­ten konn­te.

Ansicht der Fabrik vom Rhein aus mit dem Elevator. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

3. Die zweite Ausbaustufe (1875-1896)

Mit­te der 1870er Jah­re be­gann ei­ne Pe­ri­ode zü­gi­ger Aus­wei­tung der Werks­an­la­gen am Rhein. Un­be­irrt durch die ge­ra­de über­wun­de­ne Grün­der­kri­se setz­te man dar­auf, durch Ver­grö­ße­rung der Ka­pa­zi­tät die Pro­fi­ta­bi­li­tät im Mas­sen­ge­schäft zu stei­gern, wo­bei we­gen des ho­hen Lohn­ni­veaus in Bonn der Schwer­punkt auf Qua­li­täts­er­zeug­nis­sen lie­gen muss­te. Die Rech­nung ging auf: Als 1895 die fast zwei Jahr­zehn­te an­hal­ten­de Pe­ri­ode prak­tisch un­ge­bro­che­nen na­tio­nal- und welt­wirt­schaft­li­chen Wachs­tums ein­setz­te, hat­te sich die Be­leg­schaft von F. A. Meh­lem mehr als ver­fünf­facht. Stän­di­ge Neu- und Um­bau­ten dien­ten der op­ti­ma­len Aus­nut­zung des nur cir­ca 14 000 Qua­drat­me­ter gro­ßen Are­als mit sei­nen drei- bis fünf­stö­cki­gen Ge­bäu­den, un­ter de­nen sich die ge­räu­mi­gen, teil­wei­se in meh­re­ren Eta­gen über­ein­an­der lie­gen­den Kel­ler aus­dehn­ten.

Vor­aus­set­zung für die Ka­pa­zi­täts­er­wei­te­rung war die gründ­li­che Mo­der­ni­sie­rung der ver­al­ter­ten Mahl- und Auf­be­rei­tungs­an­la­gen für Roh­stof­fe. 1885 lös­ten neue Ku­gel­müh­len die al­ten Schlepp­müh­len ab. Ei­ne 30 PS star­ke Dampf­ma­schi­ne trieb so­wohl Ton­k­net­ma­schi­nen als auch die neu­en groß di­men­sio­nier­ten Stein­bre­cher und Walz­wer­ke zur Zer­klei­ne­rung des Roh­ma­te­ri­als an. Die gleich­zei­ti­ge Ver­grö­ße­rung der Brenn­ka­pa­zi­tät durch ein neu­es Glatt­brenn­haus, des­sen drei Öfen in ei­nen 41 Me­ter ho­hen Schorn­stein mün­de­ten, er­for­der­te den vor­über­ge­hen­den Um­zug der Ma­le­rei in das ehe­ma­li­ge Wohn­ge­bäu­de an der Ko­blen­zer Stra­ße. 1892 hat­te die Nach­fra­ge nach hand­de­ko­rier­ter hö­her­wer­ti­ger Wa­re schlie­ß­lich so zu­ge­nom­men, dass ein se­pa­ra­tes Ma­ler­ge­bäu­de er­rich­tet wur­de. Sei­ne drei ho­hen Ge­schos­se mit 19 Me­tern Stra­ßen­front zur Ko­blen­zer Stra­ße und 43,5 Me­tern zur Zwei­ten Fähr­gas­se bil­de­ten ei­nen deut­li­chen Blick­fang an der Nord­west­e­cke der Fa­brik. Die Au­ßen­fron­ten prä­sen­tier­ten sich na­he­zu kom­plett ver­glast; zur Ver­mei­dung stö­ren­der Son­nen­ein­strah­lung war die Haupt­licht­front nach Nor­den aus­ge­rich­tet. Hier fand sich auch der Fir­men­na­me in Form ei­nes Frie­ses über der drit­ten Eta­ge. Eben­so de­ko­ra­tiv wur­de die Rhein­front um­ge­stal­tet. An die Stel­le der be­moos­ten Pfan­nen­dä­cher des ehe­ma­li­gen Roh­ma­te­ria­li­en­la­gers trat 1888-1896 das zwei­ge­schos­si­ge Rhein­ge­bäu­de im Sti­le der Neu­go­tik. Wie ei­ne hoch auf­ra­gen­de, turm­be­wehr­te und zin­nen­ge­krön­te Fes­tungs­mau­er schloss die 21-ach­si­ge Ge­bäu­de­front die Fa­brik op­tisch zum Fluss hin ab.

Er­satz für den feh­len­den Gleis­an­schluss fand sich an der Tra­jekt­bahn, der Ver­bin­dung zwi­schen der 1871 er­öff­ne­ten Ei­sen­bahn­fäh­re Ober­kas­sel-Gro­nau und dem Bon­ner Haupt­bahn­hof. Kurz hin­ter der Ab­zwei­gung der Ne­ben­stre­cke von der links­rhei­ni­schen Haupt­li­nie Köln-Ko­blenz ent­stand auf Kes­se­ni­cher Ge­biet zwi­schen Ei­sen­bahn und der heu­ti­gen Bun­des­stra­ße 9 ein werks­ei­ge­ner Gü­ter­bahn­hof. Die hier zwi­schen 1891 und 1915 er­rich­te­ten Schup­pen dien­ten als La­ger für Fer­tig­wa­re, als Pa­cke­rei und als Zwi­schen­la­ger für Koh­le, Ton­er­den, Packstroh und Pfer­de­fut­ter und ent­las­te­ten so die be­eng­ten Räum­lich­kei­ten an der Ko­blen­zer Stra­ße.

Dreherei der Fabrik. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

4. Arbeitskräfteversorgung

Konn­ten es sich die Bon­ner Stein­gut­pro­du­zen­ten 1890 noch leis­ten, Ar­bei­ter al­lein auf Grund ih­rer Mit­glied­schaft in ei­ner Ge­werk­schaft zu ent­fer­nen, so hat­ten sich in den im kon­junk­tu­rel­len Auf­schwung 189518/96 bis 1899 die Ge­wich­te gründ­lich ver­scho­ben. Die ver­grö­ßer­ten und mo­der­ni­sier­ten An­la­gen hät­ten die stei­gen­de Nach­fra­ge sehr wohl be­wäl­ti­gen kön­nen, wä­ren nur ge­nug Ar­beits­kräf­te vor­han­den ge­we­sen. Doch die­se wur­den in ei­ner Pe­ri­ode stür­mi­scher Ur­ba­ni­sie­rung rar. Denn das­sel­be Städ­te­wachs­tum, wel­ches F. A. Meh­lem als Her­stel­ler von Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­den vol­le Auf­trags­bü­cher be­scher­te, be­wirk­te deut­li­che Lohn­stei­ge­run­gen und mit ih­nen ei­ne ver­stärk­te Ab­wan­de­rung von qua­li­fi­zier­ten Ar­bei­tern und Hilfs­kräf­ten zum boo­men­den Bau­ge­wer­be. Hin­zu trat die läs­ti­ge Lohn­kon­kur­renz der staat­li­chen Mu­ni­ti­ons­fa­bri­ken im be­nach­bar­ten Sieg­burg. Trotz ei­ner fünf­pro­zen­ti­gen Lohn­er­hö­hung konn­te bei F.A. Meh­lem 1897 die Ver­sor­gung mit Fach­ar­bei­tern nicht si­cher­ge­stellt wer­den, so dass Qua­li­täts­ein­bu­ßen in der Pro­duk­ti­on hin­ge­nom­men wer­den muss­ten. Auch im Fol­ge­jahr wur­den zahl­rei­che Kon­trakt­brü­che ge­mel­det. Kon­kur­ren­ten ver­such­ten gar, vor Ort Ar­beit­kräf­te ab­zu­wer­ben. Im Ju­li und Au­gust 1898 muss­ten Leu­te aus Hes­sen, der Ei­fel und dem Wes­ter­wald an­ge­wor­ben wer­den, weil in den ers­ten Ar­beits­ta­gen der Wo­che oft meh­re­re hun­dert Ar­bei­ter fehl­ten. Erst mit dem Kon­junk­tur­ein­bruch des Jah­res 1900, als die ab­flau­en­de Nach­fra­ge nach Stein­gut­pro­duk­ten die Pro­duk­ti­ons­eng­päs­se ver­rin­ger­te, er­reich­te die Be­leg­schaft der Fir­ma mit cir­ca 1.000 Köp­fen wie­der den Soll­stand. Zwei Jah­re spä­ter konn­te so­gar ein Teil der beim Kon­kur­ren­ten Lud­wig Wes­sel ent­las­se­nen Ar­bei­ter über­nom­men wer­den. Über­ka­pa­zi­tä­ten und star­ke Kon­kur­renz auf dem deut­schen Markt und im Ex­port kenn­zeich­nen das ers­te Jahr­zehnt des 20. Jahr­hun­dert. Die schlech­te Bau­kon­junk­tur ließ 1908 die Zahl der bei Meh­lem be­schäf­tig­ten Ar­bei­ter auf 775 sin­ken, be­vor mit dem Auf­schwung der letz­ten Frie­dens­jah­re die al­ten Höchst­stän­de noch ein­mal er­reicht wur­den.

Glasurerei der Fabrik. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

5. Die Fabrik im Jubiläumsjahr 1899

Der vol­le Aus­bau der Werks­an­la­gen am Rhein fällt zeit­lich zu­sam­men mit der Fei­er der 25-jäh­ri­gen Tä­tig­keit des Ei­gen­tü­mers Franz Guil­leau­me im Un­ter­neh­men. Die zu die­sem Er­eig­nis her­aus­ge­brach­te Fest­schrift ver­mit­telt, un­ter­stützt durch zahl­rei­che Pho­tos, Ein­bli­cke in den Her­stel­lungs­pro­zess, die Pro­dukt­pa­let­te und das Selbst­ver­ständ­nis des Fa­bri­kan­ten. We­sent­li­che be­trieb­li­che Ver­än­de­run­gen über den hier er­reich­ten Stand hin­aus sind bis in die Zeit des Ers­ten Welt­kriegs hin­ein nicht er­folgt.

Auf der Hö­he der Zeit zeig­te sich der Ein­satz der Elek­tri­zi­tät. Ins­ge­samt 31 Te­le­phon­an­schlüs­se ver­ban­den die ver­schie­de­nen Ab­tei­lung des Werks. Die zen­tra­le Dampf­ma­schi­ne trieb zwei mit ei­ner Ak­ku­mu­la­to­ren­bat­te­rie ver­bun­de­ne Dy­na­mos an, die Strom für Ar­beits­ma­schi­nen so­wie die Be­leuch­tung al­ler Räu­me durch 1.400 Glüh- und meh­re­re Bo­gen­lam­pen lie­fer­ten. Es ist ver­ständ­lich, dass die Fir­men­lei­tung nicht be­reit war, ih­re ge­ra­de erst mit gro­ßem Auf­wand mo­der­ni­sier­te Fa­brik zu ver­le­gen und folg­lich 1899 die von der Stadt Bonn an­ge­bo­te­nen In­dus­trie­flä­chen im Nor­den der Stadt ab­lehn­te. Man ver­zich­te­te be­wusst auf die hier vor­han­de­nen Er­wei­te­rungs­mög­lich­kei­ten, um wei­ter vom kos­ten­güns­ti­gen Roh­stoff­be­zug per Schiff zu pro­fi­tie­ren: Kao­lin und Feld­spat aus Corn­wall, Ton aus Dor­set und Feu­er­stei­ne von der fran­zö­si­schen Ka­nal­küs­te wur­den auf dem Was­ser­we­ge di­rekt an die Fa­brik her­an­ge­führt und auf ei­ser­ne Kipp­wa­gen ver­la­den. Ein elek­tri­scher Auf­zug von 100 Ton­nen Ta­geska­pa­zi­tät hob die­se auf das Ni­veau der Fa­brik an und be­för­der­te sie über die Rhein­ufer­stra­ße hin­weg in die La­ger­kel­ler des Rhein­ge­bäu­des.

Auf der Hö­he der Zeit zeig­te sich der Ein­satz der Elek­tri­zi­tät. Ins­ge­samt 31 Te­le­phon­an­schlüs­se ver­ban­den die ver­schie­de­nen Ab­tei­lung des Werks. Die zen­tra­le Dampf­ma­schi­ne trieb zwei mit ei­ner Ak­ku­mu­la­to­ren­bat­te­rie ver­bun­de­ne Dy­na­mos an, die Strom für Ar­beits­ma­schi­nen so­wie die Be­leuch­tung al­ler Räu­me durch 1.400 Glüh- und meh­re­re Bo­gen­lam­pen lie­fer­ten. Es ist ver­ständ­lich, dass die Fir­men­lei­tung nicht be­reit war, ih­re ge­ra­de erst mit gro­ßem Auf­wand mo­der­ni­sier­te Fa­brik zu ver­le­gen und folg­lich 1899 die von der Stadt Bonn an­ge­bo­te­nen In­dus­trie­flä­chen im Nor­den der Stadt ab­lehn­te. Man ver­zich­te­te be­wusst auf die hier vor­han­de­nen Er­wei­te­rungs­mög­lich­kei­ten, um wei­ter vom kos­ten­güns­ti­gen Roh­stoff­be­zug per Schiff zu pro­fi­tie­ren: Kao­lin und Feld­spat aus Corn­wall, Ton aus Dor­set und Feu­er­stei­ne von der fran­zö­si­schen Ka­nal­küs­te wur­den auf dem Was­ser­we­ge di­rekt an die Fa­brik her­an­ge­führt und auf ei­ser­ne Kipp­wa­gen ver­la­den. Ein elek­tri­scher Auf­zug von 100 Ton­nen Ta­geska­pa­zi­tät hob die­se auf das Ni­veau der Fa­brik an und be­för­der­te sie über die Rhein­ufer­stra­ße hin­weg in die La­ger­kel­ler des Rhein­ge­bäu­des.

Im Be­reich der Haus­halts­ar­ti­kel un­ter­schei­det die Fest­schrift aus­drück­lich bil­li­ge Sta­pel­wa­re für das Über­see­ge­schäft und die Pas­sa­gier­schiff­fahrt von der gro­ßen Aus­wahl an ge­schmack­vol­ler ge­stal­te­ten Ge­schir­ren “für den deut­schen und eng­li­schen Tisch”. Ei­nen zwei­ten Schwer­punkt bil­de­ten Wasch­ge­schir­re, al­so vor al­lem Wasch­schüs­seln und Was­ser­krü­ge für Räu­me oh­ne ei­ge­nen Was­ser­an­schluss so­wie Bett­pfan­nen und Nacht­töp­fe. Auch hier hat­te der Kon­su­ment die Wahl zwi­schen ein­fa­cher wei­ßer Wa­re, be­druck­ten oder gar hand­be­mal­ten Ge­fä­ßen. Ei­ne drit­te Fa­bri­ka­ti­ons­li­nie ver­ei­nig­te so­ge­nann­te “Fas­sungs­ar­ti­kel” wie Lam­pen­kör­per, Bis­kuit­do­sen oder Uhr­ge­häu­se. Die pres­ti­ge­träch­tigs­ten und bei heu­ti­gen Samm­lern be­lieb­tes­ten Pro­duk­te -präch­tigst ver­zier­te Va­sen, Säu­len, Schirm­stän­der, Blu­men­töp­fe, Kü­bel in der je­wei­li­gen Mo­de an­ge­pass­ten For­men und De­kors - stamm­ten aus der Ab­tei­lung “Kunst­ge­gen­stän­de“. In die­sem Lu­xus­seg­ment fin­den sich auch na­ment­lich si­gnier­te Stü­cke. Doch trotz ho­her Qua­li­fi­ka­ti­on sah sich auch die klei­ne, gut be­zahl­te Eli­te un­ter den Stein­gut­ma­lern eher als Hand­wer­ker denn als Künst­ler.

Glattofen der Fabrik. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

6. Der Unternehmer Franz Guilleaume

1865 über­trug Theo­dor Guil­leau­me sei­nem erst­ge­bo­re­nen Sohn Franz Carl (1834-1887) das Köl­ner Seil- und Ka­bel­un­ter­neh­men und zog sich als Rent­ner nach Bonn zu­rück. Im sel­ben Jahr, in dem der äl­te­re Sohn mit der Grün­dung des “Carls­werks” (1874) in (Köln-)Mül­heim den Grund­stein für den schnel­len Auf­stieg der Fir­ma leg­te, er­warb der Va­ter zur Ver­sor­gung des ein­zi­gen Sohn aus der zwei­ten Ehe - der Wit­wer war seit 1844 mit Hen­ri­et­te Bütt­gen (1823-1902) ver­hei­ra­tet - die Teil­ha­ber­schaft an der Stein­gut­fa­brik Franz An­ton Meh­lem. 1875 hei­ra­te­te der jun­ge In­dus­tri­el­le Leo­nie Frings (1855-1917), Toch­ter von En­gel­hard (1824-1887) und Ama­lie (1835-1911) Frings, und be­grün­de­te mit den ge­mein­sa­men vier Kin­dern die Bon­ner Li­nie der Un­ter­neh­mer­fa­mi­lie. 1881 be­zo­gen die Guil­leau­mes das 1856/1857 er­bau­te “Châ­teau du Rhin” in der Nord­west­e­cke des er­wei­ter­ten Fa­bri­kare­als. Erst 1892, nach­dem der In­ves­ti­ti­ons­be­darf der Fa­brik ge­deckt war, gönn­te man sich je­nen zeit­ty­pi­schen groß­bür­ger­li­chen Wohn­lu­xus, den die Pho­to­gra­phi­en in der 1899 er­schie­ne­nen Fest­schrift do­ku­men­tie­ren. Das “Châ­teau du Rhin” wur­de um­ge­baut und um Win­ter­gar­ten, Ke­gel­bahn so­wie ein Stall- und Re­mi­sen­ge­bäu­de er­wei­tert.

Malerei der Fabrik. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

Die un­ter­neh­me­ri­sche Leis­tung des Fa­bri­kan­ten ist um so hö­her ein­zu­schät­zen, als Franz Guil­leau­me an­fangs kei­ne Kennt­nis­se der Stein­gut­in­dus­trie be­saß. Sein Er­folg be­ruh­te auf dem ge­schick­ten Ein­satz tech­ni­scher Neue­run­gen und ei­nem si­che­ren Ge­spür für Kun­den­wün­sche und Märk­te. Die wäh­rend der Aus­bil­dungs­zeit er­wor­be­nen Aus­lands­er­fah­run­gen wa­ren nütz­lich beim Auf­bau ei­nes weit ver­zweig­ten Net­zes von Aus­lands­ver­tre­tun­gen. Er ver­folg­te die kunst­ge­werb­li­chen Re­form­be­we­gun­gen als Re­ak­ti­on auf den über­la­de­nen Prunk­stil des His­to­ris­mus und re­agier­te früh mit ei­ge­nen Pro­duk­ten im neu­en Stil, ob­wohl an den Ver­kaufs­zah­len ge­mes­sen die tra­di­tio­nel­len Kol­lek­tio­nen über­wo­gen. Be­legt ist für 1901 ei­ne Zu­sam­men­ar­beit mit Pe­ter Beh­rens (1868-1940), der für sein ei­ge­nes Wohn­haus ent­wor­fe­ne ke­ra­mi­sche For­men bei Meh­lem aus­füh­ren ließ. Auch der Bon­ner Ex­pres­sio­nist Au­gust Ma­cke ar­bei­te­te 1912 ei­ne Zeit lang in den Be­triebs­räu­men der Stein­gut­fa­brik am Rhein.

Über die In­ter­es­sen der ei­ge­nen Fir­ma hin­aus setz­te sich Guil­leau­me für die Stär­kung des Wirt­schafts­stand­or­tes Bonn ein. 1889 ge­hör­te er zu den In­itia­to­ren der zwei Jah­re spä­ter vom Preu­ßi­schen Han­dels­mi­nis­te­ri­um ge­neh­mig­ten [In­dus­trie- und] Han­dels­kam­mer Bonn (Stadt- und Land­kreis Bonn, Sieg­burg, Berg­heim, Wald­bröl, Rhein­bach). Von 1902 bis 1904 und wie­der von 1905 bis 1914 stand er, den der Bon­ner Ober­bür­ger­meis­ter zu den “an­ge­se­hens­ten Gro­ß­in­dus­tri­el­len der Rhein­pro­vinz” zähl­te, als eh­ren­amt­li­cher Kam­mer­vor­sit­zen­der an der Spit­ze der In­sti­tu­ti­on, die ne­ben ih­rer Auf­ga­be als In­ter­es­sen­ver­tre­tung der Re­gio­nal­wirt­schaft in be­trächt­li­chem Um­fang auch be­hörd­li­che Auf­ga­ben wahr­nahm. Be­reits 1897 war Franz Guil­leau­me in An­er­ken­nung sei­ner Leis­tung als Un­ter­neh­mer und Ar­beit­ge­ber der Ti­tel ei­nes Kom­mer­zi­en­rats ver­lie­hen wor­den.

Die für ei­nen sol­chen Be­weis kö­nig­li­cher Huld er­war­te­te fi­nan­zi­el­le Zu­wen­dung hat­te der Ge­ehr­te 1895 in Form ei­ner “Bis­marck­spen­de” (zum 80. Ge­burts­tag des Reichs­grün­ders) ge­leis­tet. 50.000 Gold­mark bil­de­ten den Grund­stock für ei­ne be­trieb­li­che “Pen­si­ons- und Hin­ter­blie­be­nen-Kas­se” für lang­jäh­rig be­schäf­tig­te An­ge­stell­te und Ar­bei­ter der Fir­ma Meh­lem. Kei­nes­falls hat sich Guil­leau­me durch die­se Stif­tung den be­gehr­ten Ti­tel er­kauft: Mehr­fach stock­te er in den fol­gen­den Jah­ren zu un­ter­schied­li­chen An­läs­sen den Ka­pi­tal­fonds auf, da der er­folg­rei­che Auf­bau ei­ner be­triebs­treu­en Stamm­be­leg­schaft lang­fris­tig hö­he­re Leis­tun­gen für Kran­ke, Ar­beits­un­fä­hi­ge, Wit­wen und Wai­sen er­for­der­te. Die hier auf­ge­wand­ten Mit­tel schmä­ler­ten in­des das Pri­vat­ver­mö­gen des Un­ter­neh­mers nur un­we­sent­lich: Nach knapp 40 Jah­ren an der Spit­ze der Fir­ma wur­de es 1913 auf vier bis fünf Mil­lio­nen Gold­mark ge­schätzt. Die zum sel­ben Zeit­punkt ver­steu­er­ten 400.000 Mark Jah­res­ein­kom­men be­le­gen die Pro­fi­ta­bi­li­tät des Werks am Vor­abend des Ers­ten Welt­kriegs.

Muffelöfen der Fabrik. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

7. Arbeitsverhältnisse vor dem Ersten Weltkrieg

Wich­tigs­ter Ein­zel­fak­tor bei der Si­che­rung der Ren­ta­bi­li­tät blieb an­ge­sichts des re­la­tiv ho­hen Lohn­ni­veaus am Stand­ort Bonn (“da bei dem gan­zen Cha­rak­ter der Stadt Ar­bei­ter­ver­hält­nis­se nicht ge­ra­de güns­tig lie­gen”) die Kon­trol­le der Ar­beits­kos­ten mit­tels star­ker Lohn­dif­fe­ren­zie­rung. Mit ei­nem Frau­en­an­teil an der Be­leg­schaft von cir­ca ei­nem Drit­tel lag die Stein­gut­fa­brik an der Spit­ze der Bon­ner In­dus­trie. Um teu­ren Aus­schuss zu ver­mei­den, muss­te man an un­ter­schied­li­chen Stel­len des Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses qua­li­fi­zier­te Kräf­te be­schäf­ti­gen und ent­spre­chend be­zah­len. Die be­nö­tig­ten Fach­ar­bei­ter ver­such­te man selbst aus­zu­bil­den. Je­des Jahr stell­te man ei­ne ho­he Zahl von Lehr­lin­gen ein, so dass die Fir­ma zu Be­ginn der 1890er Jah­re bis zur Hälf­te al­ler in der Bon­ner In­dus­trie tä­ti­gen Ju­gend­li­chen be­schäf­tig­te. Trotz der ge­staf­fel­ten, zu die­ser Zeit kei­nes­wegs ver­brei­te­ten Ver­gü­tung von 0,50 bis 1,50 Mark pro Tag kün­dig­ten vie­le El­tern nach ei­nem Jahr das Lehr­ver­hält­nis und lie­ßen die Söh­ne lie­ber als Hand­lan­ger auf dem Bau oder in Zie­gel­gru­ben ar­bei­ten. Wenn sie zum Win­ter ei­ne Rück­kehr in die Fa­brik ver­such­ten, wur­den sie ab­ge­wie­sen. Be­son­ders lu­kra­tiv für den Ar­beit­ge­ber war das vier­te und letz­te Lehr­jahr, in dem die Ju­gend­li­chen be­reits im Ak­kord zum hal­ben Stück­lohn ar­bei­te­ten. Für cir­ca 30 “Töch­ter der mitt­le­ren Volks­klas­se” rich­te­te man bei Meh­lem 1894 ein be­son­de­res Ma­le­rin­nen-Ate­lier (mit se­pa­ra­tem Ein- und Aus­gang) ein. Die Mäd­chen gal­ten als Lehr­lin­ge und wur­den bei ei­nem Wo­chen­ver­dienst von 6 Mark von ei­nem Ober­ma­ler an­ge­lernt. Spä­ter ver­dien­ten sie bis zu 18 Mark im Ak­kord, ein Spit­zen­wert für Frau­en: Weib­li­che Tag­löh­ner er­hiel­ten 1888 mit 1,20 Mark pro Tag nur halb so viel Lohn wie ih­re männ­li­chen Kol­le­gen. Hand­wer­ker und Ofen­ar­bei­ter tru­gen 3,50 Mark nach Hau­se, Ma­ler und Dre­her bis zu 4 Mark. Zum Ver­gleich: Der Durch­schnitts­ver­dienst für Fa­brik­ar­bei­ter lag in Bonn wäh­rend der 1880er Jah­re bei 2,00 bis 2,50 Mark.

Ge­gen die ge­fürch­te­ten Kon­trakt­brü­che half man sich durch Ein­be­hal­tung von Lohn­an­sprü­chen. Der Ab­rech­nungs­ter­min war so ge­legt, dass am Zahl­tag im­mer ein Wo­chen­lohn in der Fir­ma ver­blieb. Vom Un­ter­neh­mer er­setz­te Fahrt­kos­ten für Ei­sen­bahn oder Tram ban­den sol­che Ar­bei­ter an die Fir­ma, die we­gen der ho­hen Mie­ten im Bon­ner Sü­den oder ei­ner Ne­ben­er­werbs­land­wirt­schaft aus grö­ße­rer Ent­fer­nung ein­pen­deln muss­ten. Guil­leau­me bot Ba­de­ge­le­gen­hei­ten für die Be­leg­schaft an und ließ für das Mit­tag­es­sen ei­nen Spei­se­saal er­rich­ten, in dem mit­ge­brach­te Spei­sen auf­ge­wärmt wer­den konn­ten. Die Ver­wen­dung von Ge­schirr aus Meh­lem’scher Pro­duk­ti­on ver­bot die Ar­beits­ord­nung aus­drück­lich. Wie al­le grö­ße­ren In­dus­trie­un­ter­neh­men der Zeit be­saß die Fir­ma ei­ne ei­ge­ne, den ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten ent­spre­chend ver­wal­te­te Fa­brik­kran­ken­kas­se. Wei­te­re So­zi­al­leis­tun­gen wur­den in der pa­ter­na­lis­ti­schen Tra­di­ti­on der wil­hel­mi­ni­schen Zeit vom Ei­gen­tü­mer nach Gut­dün­ken ge­währt. Den Ab­stand der Be­leg­schaft zur Un­ter­neh­mens­lei­tung in ei­nem Groß­be­trieb ver­deut­licht der vor­ge­schrie­be­ne Be­schwer­de­weg. Er lief über den di­rek­ten Vor­ge­setz­ten, in nächs­ter In­stanz den Vor­ste­her des Fa­brik-Bü­ros zum “Fa­brik­herrn”, des­sen An­ru­fung - als wei­te­res Hin­der­nis - nur schrift­lich mög­lich war.

Glattdruckerei der Fabrik. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

8. Umweltbelastungen

Im Un­ter­schied zu Fa­bri­ken, in de­nen le­dig­lich die Kes­sel­feue­rung stö­ren­de Emis­sio­nen ver­ur­sach­te, war die Por­zel­lan- und Stein­gut­her­stel­lung von pe­ri­odisch star­ker Rauch­ent­wick­lung be­glei­tet. Der lan­ge Brenn­pro­zess er­for­der­te ho­he Tem­pe­ra­tu­ren, die nur durch den Ein­satz ru­ßen­der Gas­flamm­koh­le zu er­rei­chen wa­ren. In Bonn kon­zen­trier­te sich die öf­fent­li­che An­fein­dung über­wie­gend auf die Wes­sel-Wer­ke im 1904 ein­ge­mein­de­ten Pop­pels­dorf, wo im Jah­res­mit­tel 20.000 Ton­nen Koh­le ver­feu­ert wur­den. Nach­bar­schafts­kla­gen  ge­gen Rauch und Ruß zo­gen sich durch meh­re­re In­stan­zen. Ob­wohl die Fir­ma Meh­lem im Vil­len­vier­tel am Rhein eben­so ex­po­niert ge­le­gen war wie der Kon­kur­rent Wes­sel am Bo­ta­ni­schen Gar­ten der Uni­ver­si­tät, zeig­te die Un­ter­neh­mens­lei­tung grö­ße­res Ge­schick im Um­gang mit An­lie­gern. 1880 bot man zur Ent­las­tung der Ko­blen­zer Stra­ße den Neu­bau ei­nes hö­he­ren Schorn­steins an (“wo­durch die nächs­ten Nach­barn we­ni­ger in­com­mo­diert wer­den“). 1896 wur­den die al­ten Muf­fel­öfen mit di­rekt ab­zie­hen­den Ga­sen durch fünf Öfen mit rück­schla­gen­den, mehr­fach aus­ge­brann­ten Ga­sen er­setzt und an ei­nen 35 Me­ter ho­hen Ka­min an­ge­schlos­sen. Auf Be­trei­ben der Ge­wer­be­auf­sicht, die sich am je­wei­li­gen Stand der Tech­nik ori­en­tier­te, er­folg­ten stän­di­ge Ver­än­de­run­gen an den Öfen und Muf­feln. Güns­ti­ge­re Mi­schun­gen der ver­wen­de­ten Brenn­ma­te­ria­li­en und der Ein­bau ei­ner fast rauch­lo­sen Ket­ten­rost­feue­rung re­du­zier­ten die Emis­sio­nen kon­ti­nu­ier­lich. Zu die­sen tech­ni­schen Maß­nah­men trat, wie der Ge­wer­bein­spek­tor 1907 ver­merk­te, die na­tür­li­che Be­güns­ti­gung durch die vor­herr­schen­den West­win­de: “Die Fir­ma hat aber den Vor­teil, dass […] die Rauch­schwa­den über den Rhein nach der Beu­eler Sei­te ge­trie­ben wer­den, wie […] die Be­bau­ung und die Emp­find­lich­keit der Be­woh­ner ge­rin­ger ist.”

Ei­ne Er­wei­te­rung der Fa­brik­an­la­gen am al­ten Stand­ort hat die Bon­ner Stadt­ver­wal­tung kon­se­quent ver­wei­gert, ob­wohl Franz Guil­leau­me in den Ver­hand­lun­gen als Ge­gen­leis­tung ei­ne op­ti­sche Auf­wer­tung der Front zur süd­li­chen Prach­tal­lee an­bot so­wie wei­te­re Maß­nah­men, um “den stö­ren­den An­blick und et­wai­ge Be­läs­ti­gun­gen der ei­gent­li­chen Fa­brik­an­la­ge von dem auf der Co­blen­zer­stra­ße ver­keh­ren­den Pu­bli­kum so­wie den Be­woh­nern des be­nach­bar­ten Ge­bie­tes fern­zu­hal­ten”. Auch der Ver­such, die auf dem Stam­mare­al un­er­wünsch­ten neu­en Pro­duk­ti­ons­an­la­gen auf dem Ge­län­de des fir­men­ei­ge­nen Gü­ter­bahn­hofs un­ter­zu­brin­gen, schei­ter­ten am Ve­to der Kom­mu­ne. An­ders als 1838 woll­te die steu­er­star­ke Uni­ver­si­täts- und Rent­ner­stadt die An­sied­lung “be­läs­ti­gen­der In­dus­trie” mit al­len Mit­teln ver­hin­dern und nahm hier­zu auch lang­wie­ri­ge Ge­richts­ver­fah­ren in Kauf. Die ab­ge­wie­se­ne Fir­ma Meh­lem be­gnüg­te sich schlie­ß­lich da­mit, ent­lang der fir­men­ei­ge­nen Glei­se zu­sätz­li­che Gü­ter­schup­pen zur Ver­mie­tung zu er­rich­ten.

Lagerraum der Fabrik. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

9. Kriegswirtschaft 1914-1918

Der Kriegs­aus­bruch im Au­gust 1914 führ­te zu er­heb­li­chen Ver­wer­fun­gen: Die Pro­duk­ti­on litt un­ter Ein­be­ru­fun­gen, Ver­kehrs­sper­ren und dem Aus­fall von im­por­tier­ten Roh­stof­fen, auf der Ab­satz­sei­te bü­ß­te die Fir­ma wich­ti­ge Ex­port­märk­te ein. Ein Fünf­tel der Be­leg­schaft wur­de so­fort ent­las­sen. Nach En­de der Kurz­krieg-Il­lu­sio­nen war­ben die be­nach­bar­ten Rüs­tungs­un­ter­neh­men mas­siv Ar­beits­kräf­te ab. Al­lein die - per Stra­ßen­bahn von Bonn leicht er­reich­ba­ren - Sieg­bur­ger Wer­ke (Kö­nig­li­che Ge­schoß­fa­brik und Feu­er­werks­la­bo­ra­to­ri­um) wuch­sen in­ner­halb von Mo­na­ten von 4.000 auf 15.000 Be­schäf­tig­te an. Zu­sam­men mit der Pul­ver­fa­brik in Trois­dorf und dem dor­ti­gen Ei­sen­walz­werk Mann­sta­edt ban­den sie 1917 mit cir­ca 40.000 Ar­beits­kräf­ten das Sechs­fa­che der Frie­dens­be­leg­schaf­ten. Die hier ge­bo­te­nen Löh­ne la­gen er­heb­lich über je­nen 24 bis 40 Mark, die Meh­lem ge­lern­ten Ar­bei­tern für die 59-Stun­den-Wo­che zahl­te.

En­de 1914 sta­bi­li­sier­te sich die La­ge auf nied­ri­gem Ni­veau. Mit hal­bier­ter Be­leg­schaft er­reich­te das Un­ter­neh­men 50 Pro­zent der Vor­jah­res­pro­duk­ti­on. Gro­ße Vor­rä­te aus­län­di­scher Roh­ma­te­ria­li­en er­leich­ter­ten die zeit­rau­ben­de und kost­spie­li­ge Um­stel­lung auf böh­mi­sche Kao­li­ne und säch­si­sche To­ne. Auch wa­ren der Was­ser­weg und die werks­ei­ge­nen Ent­la­de­vor­rich­tun­gen we­ni­ger stör­an­fäl­lig als das durch mi­li­tä­ri­sche Be­an­spru­chung über­las­te­te Ei­sen­bahn­sys­tem. Der Ver­lust des eng­li­schen und des fran­zö­si­schen Mark­tes, in Frie­dens­zei­ten Ab­neh­mer vor al­lem ge­ho­be­ner Qua­li­tä­ten, führ­te zu Ent­las­sun­gen in der kos­ten­in­ten­si­ven Ma­le­rei. Nach­fra­ge­stüt­zend wirk­ten Be­stel­lun­gen aus den Nie­der­lan­den und Skan­di­na­vi­en. Noch Mit­te 1916 wur­den vor Kriegs­aus­bruch fer­tig ge­stell­te Par­ti­en für die USA und In­di­en in der Hoff­nung auf bal­di­ge Ver­schif­fungs­mög­lich­keit be­reit­ge­hal­ten.

Musterzimmer der Fabrik. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

In der zwei­ten Kriegs­hälf­te dräng­ten Lie­fe­run­gen von mit­tel­ba­rem oder un­mit­tel­ba­rem Kriegs­be­darf - Tel­ler, Wasch­schüs­seln, Wasch­ti­sche, Uri­nals und Klo­setts für die Ma­ri­ne und die preu­ßi­schen Ei­sen­bah­nen - die Wün­sche des zi­vi­len Sek­tors und des neu­tra­len Aus­lands wei­ter zu­rück. Er­satz für ein­be­ru­fe­ne Fach­ar­bei­ter zu fin­den wur­de im­mer schwie­ri­ger, zu­mal sol­che Kräf­te nach der An­lern­pha­se häu­fig in die Sieg­bur­ger Mu­ni­ti­ons­fa­bri­ken ab­wan­der­ten. So ist es ver­ständ­lich, dass die Fir­ma ih­re Wer­bung bis ins be­setz­te Rus­sisch-Po­len aus­dehn­te, wo die Still­le­gung ei­ner Stein­gut­fa­brik Ke­ra­mik­ar­bei­ter und Kap­sel­fül­le­rin­nen frei­setz­te. 1917 ließ der ver­mehr­te Ein­satz un­qua­li­fi­zier­ter Frau­en so­wie von Kriegs­ge­fan­ge­nen aus dem “In­dus­trie-Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger der Stadt Bonn” die Pro­duk­ti­vi­tät wei­ter ab­sin­ken. Die Nach­fra­ge konn­te nicht an­nä­hernd ge­deckt wer­den. Hin­zu tra­ten im­mer häu­fi­ger Sto­ckun­gen in der Koh­le­ver­sor­gung. We­gen der lan­gen, en­er­gie­in­ten­si­ven Brenn­pro­zes­se konn­te die Fir­ma nicht auf Holz­feue­rung oder Braun­koh­le­bri­ketts aus­wei­chen. Im Ja­nu­ar/Fe­bru­ar 1918 la­gen die Brenn­öfen für sechs Wo­chen still. Mehr als 100 Ar­beits­kräf­te wa­ren oh­ne Be­schäf­ti­gung. Hat­ten sich be­reits vor 1914 Wachs­tum und re­la­ti­ve Be­deu­tung der Bon­ner Stein­gut­in­dus­trie ab­ge­schwächt, so führ­ten die Be­las­tun­gen der Kriegs­jah­re zu ei­nem deut­li­chen Rück­schlag, vom dem sich der In­dus­trie­zweig - an­ders als die Me­tall­ver­ar­bei­tung und die Bon­ner Schreib­wa­ren­in­dus­trie - auch nach 1918 nicht wie­der er­ho­len soll­te.

Ansicht der Steingutfabrik an der Koblenzerstraße aus der Vogelschau. Im Vordergrund das Wohngebäude des Fabrikinhabers Franz Guilleaume. Unten links Ansicht der Vorderseite des Fabrikgebäudes und rechts Ansicht des Güterbahnhofs der Fabrik. Reproduktion nach einer Lithograhie. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

10. Unter Leitung von Villeroy & Boch 1920-1931

Am 3.1.1914 war Franz Guil­leau­me nach kur­zer Krank­heit in Bonn ver­stor­ben. Sei­nen Platz an der Spit­ze der Fir­ma über­nahm der äl­tes­te, be­reits als Pro­ku­rist im Un­ter­neh­men tä­ti­ge, Sohn Wal­ter (1876-1955). Er­folg­rei­che Ver­su­che mit Schleif­mit­teln für In­dus­trie­ab­neh­mer mün­de­ten 1916 in die Grün­dung ei­ner ei­ge­nen Ab­tei­lung für Schleif­schei­ben, bei de­ren Her­stel­lung man auf die lan­ge Er­fah­rung in der Pro­duk­ti­on von Ke­ra­mik zu­rück­grei­fen konn­te. Die un­ge­wis­sen Zu­kunfts­aus­sich­ten des Stamm­ge­schäfts vor Au­gen, wag­ten Wal­ter Guil­leau­me und sein Schwa­ger, der Ju­rist Dr. Ot­to Go­ertz (1871-1934) ei­nen Neu­an­fang im rechts­rhei­ni­schen Beu­el. Zum 20.4.1920 glie­der­ten sie die Ab­tei­lung aus und über­führ­ten sie kom­plett in die neu ge­grün­de­te Schleif­schei­ben­fa­brik “Guil­leau­me-Werk”. 1927 trat der frisch­ge­ba­cke­ne In­ge­nieur Dr. Alex­an­der Guil­leau­me (1892-1958), der jün­ge­re Sohn des Kom­mer­zi­en­rats, in die Fir­ma ein.

Das be­nö­tig­te Ka­pi­tal er­brach­te der Ver­kauf der Stein­gut­fa­brik an Vil­le­roy & Boch. Der frü­he­re Kon­kur­rent hat­te mit der po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Ab­tren­nung des Saar­ge­biets den deut­schen Markt und mit ihm sein Haupt­ab­satz­ge­biet ver­lo­ren. Ge­schirr und Zier­ke­ra­mik aus der Fa­bri­ka­ti­on von F. A. Meh­lem soll­ten den Aus­fall der Lie­fe­run­gen aus den Wer­ken Mett­lach und Wal­l­er­fan­gen wett­mach­ten und die Po­si­ti­on der Fir­ma bis zu ei­ner Rück­glie­de­rung der Saar si­chern hel­fen. Die­se Hoff­nung wur­de nicht er­füllt. Die neu­en Be­sit­zer muss­ten bald er­ken­nen, wie tech­nisch ver­al­tert die Bon­ner An­la­gen wa­ren. Die sich be­schleu­ni­gen­de In­fla­ti­on ver­hin­der­te die wirt­schaft­lich ge­bo­te­ne Mo­der­ni­sie­rung. Nach der Mark­sta­bi­li­sie­rung war Ka­pi­tal knapp, und die Zwei­fel am Sinn ei­ner sol­chen In­ves­ti­ti­on an ei­nem Stand­ort oh­ne Gleis­an­schluss wuch­sen. Mit der Nor­ma­li­sie­rung der Han­dels­be­zie­hun­gen des Saar­ge­biets zum Reich konn­ten Kun­den zu­dem wie­der auf die ge­wohn­ten Pro­duk­te aus Mett­lach zu­rück­grei­fen. Die Kon­kur­renz bil­li­ger Sta­pel­wa­re, mit der die gro­ßen Wa­ren­häu­ser den Markt über­schwemm­ten, führ­te 1925 zur Ein­stel­lung der Pro­duk­ti­on von Stein­gut­ge­schirr. Es blie­ben Sa­ni­tär­wa­ren aus Hart­stein­gut, wie zum Bei­spiel Flach­spü­ler, Toi­let­ten­be­cken und Wasch­ti­sche. Ihr gro­ßes Ge­wicht er­for­der­te den Er­satz der al­ten Holz­de­cken in der Dre­he­rei durch ei­ne Stahl­be­ton­kon­struk­ti­on.

Ansicht des sogenannten 'Schlößchen', des Eckhauses der Mehlem'schen Steingutfabrik. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

Miss­trau­isch be­äug­te die Nach­bar­schaft die Um­stel­lung der Pro­duk­ti­on. Noch be­vor er sein neu­es Wohn­ge­bäu­de (rhein­ab ne­ben dem Arndt-Haus) be­zog, be­klag­te sich der ein­fluss­rei­che Zei­tungs­ver­le­ger Her­man­n Neus­ser (1879-1937) über Ge­räu­sche der 1926 zur Elek­tri­zi­täts­ver­sor­gung für das gan­ze Werk in­stal­lier­ten Dampf­ma­schi­ne. An­de­re An­woh­ner ver­merk­ten mehr Rauch, Staub und Lärm, un­ter an­de­rem durch die Koh­le­ver­la­dung und die Fa­brik­si­re­ne. Stän­di­ger Stein des An­sto­ßes blieb der stö­ren­de Werks­ver­kehr über die ver­kehrs­rei­che Ko­blen­zer Stra­ße. Auch bei den Be­hör­den war die Fa­brik nicht län­ger wohl ge­lit­ten: “Von den im Wohn­haus- und Land­haus­ge­biet ge­le­ge­nen Wer­ken macht sich be­son­ders un­an­ge­nehm be­merk­bar die Fa­brik von Vil­le­roy & Boch”, schrieb Mit­te 1929 die ört­li­che Bau­po­li­zei. Zu die­sem Zeit­punkt zeich­ne­te sich schon ein En­de der Pro­duk­ti­on ab. Zwi­schen 1926 und 1928 war die Be­leg­schaft be­reits um die Hälf­te re­du­ziert wor­den. Die Welt­wirt­schafts­kri­se traf ein oh­ne­hin ge­schwäch­tes Un­ter­neh­men. An­fang 1931 wur­de we­gen der schlech­ten Bau­kon­junk­tur das Bon­ner Werk still­ge­legt - vor­über­ge­hend, wie es zu­nächst hieß. Ein Teil der Ar­bei­ter kam im säch­si­schen Tor­gau un­ter.

Ansichten des Verwaltungsgebäudes und der Fabrikanlagen der Firma F.A. Mehlem, seit 1920 Villeroy & Boch vor dem Abbruch an der Koblenzer Straße. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

11. Abriss der Fabrikanlagen und neue Nutzung des Grundstücks

Als sich die Hoff­nun­gen auf ei­ne wirt­schaft­li­che Be­le­bung nicht er­füll­ten, be­gan­nen die Ei­gen­tü­mer ab De­zem­ber 1933 mit dem Ab­riss der Fa­brik­ge­bäu­de. Als In­ter­es­sen­ten für das wert­vol­le Grund­stück wur­den zu­nächst ein Kran­ken­haus­or­den, dann das Ar­beits­amt, spä­ter das Bon­ner Fi­nanz­amt ge­nannt. 1935 leg­te man sich un­ter Bei­fall der Pres­se (“Nie­mand wird dem Fa­brik­kas­ten ei­ne Trä­ne nach­wei­nen, denn ei­ne Zier­de ist die­ser Bau nie ge­we­sen.”) auf ei­ne über­wie­gen­de Nut­zung zu Wohn­zwe­cken fest, wie es dem Cha­rak­ter der Um­ge­bung ent­sprach. Zwei Wohn­stra­ßen soll­ten das Ge­län­de er­schlie­ßen. Ob­wohl be­reits Ver­kaufs­schil­der auf­ge­stellt wa­ren, wur­den Ab­schlüs­se zu­rück­ge­stellt, um dem Bon­ner Fi­nanz­amt ge­nü­gend Zeit für ei­ne Neu­bau­pla­nun­gen zu ver­schaf­fen. Seit 1936 nutz­te die Wehr­macht das Ge­län­de, zum Bei­spiel als Ab­stell­flä­che für Fahr­zeu­ge. 1941 wur­de auf dem - in­zwi­schen zum über­wie­gen­den Teil an den Fis­kus ver­kauf­ten - Ab­bruch­grund­stück ein öf­fent­li­cher Luft­schutz-De­ckungs­gra­ben aus­ge­ho­ben.

Ansichten des Verwaltungsgebäudes und der Fabrikanlagen der Firma F.A. Mehlem, seit 1920 Villeroy & Boch vor dem Abbruch an der Koblenzer Straße. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

An­ge­sichts der star­ken Kriegs­zer­stö­run­gen ent­lang der Ko­blen­zer Stra­ße (Ge­bäu­de der Le­se, Beet­ho­ven-Gym­na­si­um, Arndt-Haus) war die un­ter­blie­be­ne Wie­der­be­bau­ung kein Scha­den ge­we­sen. So bil­de­te das freie Are­al in der Grün­dungs­pha­se der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ei­ne will­kom­me­ne Ver­län­ge­rung je­ner Ach­se ent­lang des Rheins, auf der sich zwi­schen Gro­nau und Zwei­ter Fähr­gas­se Ver­fas­sungs­or­ga­ne und Mi­nis­te­ri­en (Bun­des­tag, Bun­des­rat, Bun­des­kanz­ler, Bun­des­prä­si­dent, Aus­wär­ti­ges Amt) in Sze­ne setz­ten. We­ni­ge Mo­na­te nach Grün­dung des deut­schen West­staa­tes dräng­te die Bon­ner Stadt­ver­wal­tung den Bund zum Er­werb von Rest­grund­stü­cken, da­mit nicht durch vor­schnel­le Wie­der­be­bau­ung die best­mög­li­che Ver­wer­tung die­ses “Fi­let­stücks” ge­fähr­det wür­de. Der grö­ß­te Teil des eins­ti­gen Meh­lem-Ge­län­des be­fand sich als ehe­ma­li­ger Reichs­be­sitz oh­ne­hin in der Ver­fü­gung des Fi­nanz­mi­nis­ters. Noch vor der Ka­bi­netts­ent­schei­dung zu Guns­ten ei­nes Neu­baus für das un­zu­rei­chend un­ter­ge­brach­te Mi­nis­te­ri­um ließ die Post­ver­wal­tung um­fang­rei­che Erd­boh­run­gen und Ver­mes­sungs­ar­bei­ten auf dem ehe­ma­li­gen Fa­brik­ge­län­de durch­füh­ren. Als Son­der­ver­mö­gen des Bun­des war die Be­hör­de be­rech­tigt, in ei­ge­ner Re­gie zu pla­nen, un­ter­lag al­so nicht den stren­gen Re­strik­tio­nen, die in der pro­vi­so­ri­schen Haupt­stadt für Neu­bau­ten gal­ten. Die ei­gent­li­chen Ar­bei­ten an dem breit ge­la­ger­ten Baublock mit ins­ge­samt 350 Räu­men be­gan­nen erst im Mai 1953. Das ehe­ma­li­ge Fa­bri­kare­al wird von der kom­pak­ten Vier­flü­gel­an­la­ge voll­stän­dig aus­ge­füllt, so dass heu­te jeg­li­cher Hin­weis auf fast 100 Jah­re Stein­gut­pro­duk­ti­on an die­sem Ort fehlt.

Quellen

Die Bon­ner Por­zel­lan-Stein­gut­fa­brik von Franz Ant. Meh­lem, Bonn, Co­blen­zer­stra­ße 79. Ge­schich­te der Ent­ste­hung und Ent­wick­lung der Stein­gut-Fa­brik von Franz Ant. Meh­lem in Bonn von 1755-1880, Bonn o.J. [1880].
Jah­res­be­rich­te der Han­dels­kam­mer zu Bonn, Bonn 1892-1913.

Jah­res­be­rich­te der preu­ßi­schen Ge­wer­be-Auf­sichts­be­am­ten und Berg­be­hör­den, Ber­lin 1882-1908.
Stadt­ar­chiv Bonn Pr 24/133 (Bau­ak­te)

Stein­gut­fa­brik und Kunst­töp­fe­rei von Franz An­ton Meh­lem in Bonn. Fest­schrift zum fünf­und­zwan­zig­jäh­ri­gen Ju­bi­lä­um des der­zei­ti­gen In­ha­bers Kom­mer­zi­en­rath Franz Guil­leau­me 1. Ju­li 1899, Al­ten­burg o.J [1899].

Literatur

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Höroldt, Diet­rich, Bonn zwi­schen Re­vo­lu­ti­on und Reichs­grün­dung (1850-1870), in: Höroldt, Diet­rich /van Rey, Man­fred, (Hg.), Ge­schich­te der Stadt Bonn in vier Bän­den, Band 4, S. 187-266.
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Online

Stein­gut­fa­brik F.A. Meh­lem auf Porce­lain Marks & Mo­re. [On­line]

Ansichten des Verwaltungsgebäudes und der Fabrikanlagen der Firma F.A. Mehlem, seit 1920 Villeroy & Boch, nach dem Abbruch an der Koblenzer Straße. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 
Zitationshinweis

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Vogt, Helmut, Die Steingutfabrik Franz Anton Mehlem in Bonn 1838-1931, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-steingutfabrik-franz-anton-mehlem-in-bonn-1838-1931/DE-2086/lido/57d12a44aebcc1.96530689 (09.12.2018)