Euskirchen 1914–1918. Der Krieg an der Heimatfront

Gabriele Rünger (Euskirchen) & Reinhold Weitz (Euskirchen)

Das Musikkorps des 2. Ersatz-Bataillons des Infanterie- Regiments 28 auf dem Weg in die Innenstadt, 1917. (Stadtarchiv Euskirchen)

1. Am Vorabend des Weltkrieges

Al­les ließ sich fried­lich und fort­schritt­lich an in die­sem schein­ba­ren Bil­der­buch­som­mer. Die Stadt und ih­re Bür­ger leb­ten in der Ge­wiss­heit, dass sie Teil ei­ner Ge­sell­schaft wa­ren, mit der es wirt­schaft­lich und kul­tu­rell auf­wärts­ging. „Eus­kir­chen er­weckt den Ein­druck ei­ner vom Geist des 20. Jahr­hun­derts em­por ge­tra­ge­nen Stadt, die ge­grün­det ist auf rast­lo­sen Han­del und Ge­wer­be­fleiß […] und so konn­te sie ins­be­son­de­re im letz­ten Jahr­zehnt [vor dem Welt­krieg] ei­nen er­staun­li­chen Auf­stieg be­gin­nen.“ Al­le „wett­ei­fer­ten in Ent­wick­lungs­plä­nen“. Die öf­fent­li­chen Bau­ten bo­ten die au­gen­fäl­ligs­ten Ak­zen­te: Amts­ge­richt und Land­rats­amt, Wai­sen­haus und Hos­pi­tal, Post­amt und Schlacht­hof, Volks­schu­len und vor al­lem ein pracht­vol­les) Gym­na­si­um. Im Ju­ni 1914 war die Pro­vin­zi­al-Taub­stum­men­an­stalt für die nörd­li­che Rhein­pro­vinz ein­ge­weiht wor­den, der Grund­stein für die Bau­grup­pe der Pro­vin­zi­al-Für­sor­ge-Er­zie­hungs­an­stalt Er­len­hof an der Köl­ner Land­stra­ße war ge­legt, ei­ne gro­ße In­fan­te­rie-Ka­ser­ne am west­li­chen Stadt­rand soll­te im Ok­to­ber 1914 be­zo­gen wer­den. Die ver­kehrs­mä­ßi­ge In­fra­struk­tur hat­te die Vor­aus­set­zung für die städ­ti­sche In­dus­tria­li­sie­rung so­wie für ih­re Rol­le als Gar­ni­sons- und Etap­pen­ort im Au­gust 1914 ge­schaf­fen.

Bahnhofsvorplatz Euskirchen mit Kriegerdenkmal, um 1912. (Stadtarchiv Euskirchen)

 

Die ge­wer­be­bür­ger­li­che Stadt­ge­sell­schaft war of­fen und viel­schich­tig; ei­ne Aus­nah­me mach­ten die Tuch­fa­bri­kan­ten mit ih­ren in­ter­fa­mi­liä­ren Hei­ra­ten. Die Kom­mu­nal­po­li­tik war um Aus­gleich be­müht und von Per­sön­lich­kei­ten be­stimmt. Die kon­fes­sio­nel­le Ho­mo­ge­ni­tät, die der Ka­tho­li­zis­mus als vor­herr­schen­de Re­li­gi­on schuf, kam po­li­tisch der Zen­trums­par­tei zu­gu­te. Sie bil­de­te die vor­herr­schen­de po­li­ti­sche Strö­mung. Ein ent­schei­den­der Re­prä­sen­tant wur­de Tho­mas Eßer (1870-1948), der re­de­ge­wand­te und tat­kräf­ti­ge Grün­der des Ver­eins selb­stän­di­ger Hand­wer­ker und Ge­wer­be­trei­ben­der (1898), Lei­ter der Ge­wer­be­bank (1900) und Grün­der der Eus­kir­che­ner Volks­zei­tung (1904).

Eus­kir­chen hat­te kei­ne Mi­li­tär­tra­di­ti­on. Sol­da­ten wa­ren im Stra­ßen­bild sel­ten zu se­hen, Of­fi­zie­re spiel­ten kei­ne ge­sell­schaft­li­che Rol­le. Die Merk­ma­le rhei­nisch, ge­werb­lich, ka­tho­lisch schie­nen ei­ne Ge­währ für ei­nen zi­vi­lis­ti­schen Geist zu sein. Doch das schien nur so. Seit der Jahr­hun­dert­wen­de mehr­ten sich die An­zei­chen ei­nes Zeit­geis­tes, für den der Krieg das Den­ken und Füh­len be­stimm­te. Seit 1903 stand auf dem Bahn­hofs­vor­platz ein Krie­ger­denk­mal. Ei­nes der ers­ten gro­ßen Bau­pro­jek­te des seit 1910 am­tie­ren­den Bür­ger­meis­ters Gott­fried Dis­se (1877-1945) war der Plan ei­ner In­fan­te­rie-Ka­ser­ne, die im Ju­ni 1914 im Roh­bau fer­tig ge­stellt war und im März 1915 be­zo­gen wur­de.

Thomas Eßer, 1917. (Stadtarchiv Euskirchen)

 

2. Der Krieg bricht aus – Euskirchen in den ersten Augusttagen

„Ge­ra­de soll­te die in­dus­tri­el­le Ent­wick­lung der Stadt durch die An­sied­lung ei­ner gro­ßen Brü­cken­bau-Mon­ta­ge­fir­ma in den See­ben­den ge­för­dert wer­den, als der un­er­war­te­te Kriegs­aus­bruch den Fa­den der güns­ti­gen Zeit­ver­hält­nis­se ab­riss […]“, so er­in­ner­te Bür­ger­meis­ter Dis­se im rück­bli­cken­den Ver­wal­tungs­be­richt. Die un­mit­tel­ba­ren Zeit­zeug­nis­se ge­ben ei­nen an­de­ren Ein­blick in die Dra­ma­tik der Ta­ge zwi­schen Frie­den und Krieg. Am Frei­tag­nach­mit­tag, dem 31.7.1914, wur­de der Zu­stand der Kriegs­be­reit­schaft er­klärt; ein Bahn­schutz so­wie Stra­ßen­sper­ren wur­den ein­ge­rich­tet[1]. Da Russ­land sei­ne Mo­bil­ma­chung nicht wie ge­for­dert zu­rück­nahm, er­folg­te am Sams­tag, dem 1. Au­gust, die deut­sche Kriegs­er­klä­rung an das Za­ren­reich. Im Be­zirk des VIII. Ar­mee­korps wur­de der Kriegs­zu­stand aus­ge­ru­fen. Die Ar­ti­kel 5-7, 27-29, 30 und 36 der Preu­ßi­schen Ver­fas­sung von 1850 wa­ren au­ßer Kraft ge­setzt. Dem Eus­kir­che­ner Bür­ger­meis­ter wur­de auf dem Rat­haus im Bei­sein der Bei­ge­ord­ne­ten Gis­sin­ger, Goe­bel und Tho­mas Eßer ge­gen 18.00 Uhr die Mo­bil­ma­chungs­de­pe­sche über­reicht; zur glei­chen Zeit hing am Post­amt das Pla­kat: „Mo­bil­ma­chung an­ge­ord­net!“ Der Bür­ger­meis­ter „ver­kün­de­te vom Rat­haus­fens­ter der drau­ßen in tie­fem Schwei­gen har­ren­den Men­ge das welt­ge­schicht­li­che Er­eig­nis. Mit fes­ter Stim­me er­mahn­te er sei­ne Mit­bür­ger er­neut zur Ru­he und Be­son­nen­heit und for­der­te sie zur treu­es­ten Pflicht­er­fül­lung auf.“ Es folg­te die Öff­nung der ver­sie­gel­ten Kis­te mit den Mo­bil­ma­chungs­vor­schrif­ten, ers­te Be­feh­le wur­den er­teilt. „Drau­ßen wog­ten die Men­schen­mas­sen hin und her [...] Ge­gen halb 1 Uhr nachts kam ei­ne star­ke Grup­pe von Tur­nern vor das Rat­haus und brach­te in stür­mi­scher Be­geis­te­rung ein Ge­löb­nis der Treue zum Aus­druck“.[2] 

In den ers­ten Au­gust­ta­gen mach­te sich ei­ne pa­nik­ar­ti­ge Stim­mung breit, der öf­fent­lich ge­gen­ge­steu­ert wur­de. Die Ver­sor­gung mit Le­bens- und Fut­ter­mit­teln sei ge­si­chert, hieß es. Die Angst vor Geld­knapp­heit hielt je­doch an, wes­halb so viel Geld von den Kon­ten ab­ge­ho­ben und zu­hau­se ge­hor­tet wur­de, dass De­chant Stoll­mann der Städ­ti­schen Spar­kas­se und der Ge­wer­be­bank mit Klein­geld aus Kir­chen­kol­lek­ten aus­hel­fen muss­te[3].

Hilfsdienst für Soldaten am Bahnhof Euskirchen, 1914: Der Vaterländische Frauenverein und Mitglieder des DRK, in der Mitte die Vorsitzende Susanne Kaufmann, Ehefrau des Landrats. (Stadtarchiv Euskirchen)

 

Der Sonn­tag, 2. Au­gust, war ein reg­ne­ri­scher Tag. Die deut­sche Mo­bil­ma­chung be­gann. Fahr­zeu­ge und Pfer­de wur­den auf dem Platz an der Erft­brü­cke ne­ben der Köl­ner Stra­ße un­ter dem Vor­sitz des Land­rats und Bür­ger­meis­ters aus­ge­ho­ben. Auf der Bahn­stre­cke roll­ten die ers­ten Mi­li­tär­trans­por­te, ei­ne Bahn­hofs­kom­man­dan­tur wur­de ein­ge­rich­tet. Im Saal Pohé stell­te das Be­zirks­kom­man­do Bonn ein Land­sturm­ba­tail­lon (VIII/6) zu­sam­men. Mit der ab­leh­nen­den No­te Bel­gi­ens am 3. Au­gust be­gann der deut­sche Ein­marsch. Nach­mit­tags kam es zur Kriegs­er­klä­rung des Deut­schen Reichs an Frank­reich. Das bri­ti­sche Ul­ti­ma­tum und der Ab­bruch der di­plo­ma­ti­schen Be­zie­hun­gen am 4. Au­gust wa­ren gleich­be­deu­tend mit ei­ner Kriegs­er­klä­rung Groß­bri­tan­ni­ens an das Deut­sche Reich, die am 5. Au­gust um 12.52 Uhr er­folg­te. Die Eus­kir­che­ner er­fuh­ren an die­sem Ta­ge den Wort­laut der kai­ser­li­chen „Thron­re­de“ und da­mit die of­fi­zi­el­le Les­art über die Art des Krie­ges: „Uns treibt nicht Er­obe­rungs­lust, uns be­seelt der un­beug­sa­me Wil­le, den Platz zu be­wah­ren, auf den uns Gott ge­stellt ha­t“, sagt Wil­helm II. (Re­gent­schaft 1888-1918).

Eus­kir­chen ent­wi­ckel­te sich schnell zu ei­nem wich­ti­gen Etap­pen­ort. „Das Ro­te Kreuz er­bau­te am Bahn­hof ei­ne Kaf­fee­kü­che und Ver­pfle­gungs­sta­ti­on. In un­un­ter­bro­che­nem Tag- und Nacht­dienst wur­den Lie­bes­ga­ben an die durch­zie­hen­den Trup­pen ver­teilt. Die Ei­sen­bahn­ab­tei­lung des gro­ßen Ge­ne­ral­stabs rich­te­te in den ers­ten Ta­gen un­ter Haupt­mann Heu­bes im Ho­tel zur Post ei­ne Trup­pen­wei­ter­lei­tungs­stel­le ein. Über ei­ne hal­be Mil­li­on Sol­da­ten durch­fuhr die Sta­ti­on in Zug­fol­gen von 10 Mi­nu­ten wäh­rend der ers­ten Ta­ge und Näch­te. In das Ma­ri­en­hos­pi­tal wur­den die ers­ten Ver­wun­de­ten von Lüt­tich in Kraft­wa­gen über­führt. Re­ser­ve­la­za­ret­te wur­den in der Taub­stum­men-An­stalt so­wie vor­über ge­hend im Ly­ze­um der Do­mi­ni­ka­ne­rin­nen ein­ge­rich­tet und als­bald mit Ver­wun­de­ten be­legt. […] Wäh­rend der Kriegs­jah­re durch­fuh­ren täg­lich Trup­pen­trans­por­te und Etap­pen­zü­ge den Bahn­hof Eus­kir­chen.“[4] Bis Mai 1915 be­trug die An­zahl der in der Ka­ser­ne un­ter­ge­brach­ten Sol­da­ten 5.000 Mann, da­nach bis zum Kriegs­en­de 1.800.

Auf dem alten Markt in Euskirchen am 1. August 1914. (Stadtarchiv Euskirchen)

 

Ei­ne Wo­che nach Kriegs­aus­bruch zog der Lo­kal­re­dak­teur der Eus­kir­che­ner Zei­tung am 10.8.1914 un­ter der Schlag­zei­le „Kriegs­zei­ten“ ei­ne ers­te Bi­lanz über die Stim­mungs­la­ge in der Stadt. „Wie hat sich doch al­les in kür­zes­ter Zeit ver­än­dert […] Mit ei­nem Schla­ge hat sich un­ser Ta­ges­le­ben ge­wan­delt, un­se­re Emp­fin­dungs­welt ist ei­ne an­de­re ge­wor­den […] Wir emp­fin­den, dass Un­ge­heu­res über uns ge­kom­men ist […] Ein ei­ni­ges Deutsch­land, das wir Gott sei Dank auch heu­te wie­der ha­ben, ist noch nie be­siegt wor­den.“[5] Von ei­ner Wo­ge des na­tio­na­len Hoch­ge­fühls wur­de auch die rhei­ni­sche Klein­stadt er­fasst. Die Eus­kir­che­ner Tur­ner, Se­mi­na­ris­ten und Gym­na­si­as­ten be­kun­de­ten scha­ren­wei­se in den Stra­ßen ih­ren Pa­trio­tis­mus, in den sich nicht sel­ten ei­ne Por­ti­on Aben­teu­er­lust misch­te. Vie­le jun­ge Män­ner mel­de­ten sich als Frei­wil­li­ge zur Ar­mee. Auch die Frau­en und Mäd­chen, die an den Bahn­sta­tio­nen die Sol­da­ten in den Mi­li­tär­zü­gen mit But­ter­bro­ten, Kaf­fee, Li­mo­na­de und Zi­gar­ren ver­sorg­ten oder an den Land­stra­ßen die Marsch­trup­pen mit Ge­trän­ken er­frisch­ten, be­zeug­ten den Ge­mein­schafts­geist die­ser Ta­ge. „Mit lau­tem Ju­bel“ wur­den die Wag­gons be­grü­ßt, die mit Grün­zeug ge­schmückt wa­ren und ag­gres­si­ve Auf­schrif­ten tru­gen (Je­der Stoß ein Fran­zos – Je­der Schuß ein Ruß o.ä.). Op­fer­ge­sin­nung und Spen­den­freu­dig­keit wa­ren nicht er­zwun­gen, sie zeig­ten sich un­ab­hän­gig von Al­ter und Ge­schlecht, Klas­se und Kon­fes­si­on. Die städ­ti­sche Ver­wal­tung und Po­li­tik, die an staat­li­che Au­to­ri­tät und ob­rig­keit­li­chen Dienst ge­wöhnt war, ver­such­ten mit Rou­ti­ne und sach­ge­mä­ßem Han­deln die Un­si­cher­hei­ten der Zeit zu über­spie­len und die neu­en Auf­ga­ben zu be­wäl­ti­gen.

Trotz­dem ist beim Blick in die ver­öf­fent­lich­ten Zeit­zeug­nis­se in und um Eus­kir­chen fest­zu­stel­len: Mar­ki­ge Wor­te vol­ler Kriegs­pa­thos ga­ben nicht den Haupt­ton an, das Hur­ra-Ge­schrei be­stimm­te nicht die Kom­men­ta­re. Ei­ne kriegs­trei­be­ri­sche Ag­gres­si­vi­tät fehl­te. Viel stär­ker such­ten die Men­schen ei­nen Halt in der Re­li­gi­on. Dorf- und Schul­chro­ni­ken, Zei­tun­gen und Ta­ge­bü­cher lie­fern zahl­rei­che Be­le­ge, dass die Ei­feler from­me Leu­te sind. In den ers­ten Kriegs­ta­gen wur­den Ge­bets­stun­den und Bittan­d­ach­ten ge­hal­ten, Pro­zes­sio­nen gin­gen zu Ka­pel­len. Kriegs­an­d­ach­ten wa­ren so zahl­reich be­sucht, dass so­gar der Platz drau­ßen be­setzt war.

Für die Kreis­stadt und das Um­land gilt: Das deut­sche Volk als Not­ge­mein­schaft, die zu­sam­men­steht, war an­fangs nur ei­ne Pro­pa­gan­da-Idee. Die klein­städ­ti­sche und länd­li­che Be­völ­ke­rung fühl­te und han­del­te in­di­vi­du­ell und da­mit mensch­lich oft an­ders, als die na­tio­na­len Ma­ni­fes­ta­tio­nen es ver­kün­de­ten. Die Un­ter­schie­de zwi­schen deutsch-na­tio­na­lem und ka­tho­lisch-ul­tra­mon­ta­nem Mi­lieu wur­den in den ers­ten Au­gust­ta­gen wie­der sicht­bar, ob­wohl die Mehr­heit der Eus­kir­che­ner wil­hel­mi­nisch und pa­trio­tisch dach­te, wie es die of­fi­zi­el­le Po­li­tik vor­gab.

3. Auf dem Weg in die totale Gesellschaft

Sammlung von Liebesgaben für Soldaten in Euskirchen, 1914. (Stadtarchiv Euskirchen)

 

3.1 Militarisierung

Die Ver­ord­nun­gen des Be­la­ge­rungs- und Kriegs­zu­stan­des brach­ten so­fort ein­schnei­den­de Be­schrän­kun­gen des ge­wohn­ten Le­bens. Der Gou­ver­neur der Fes­tun­g Köln, der nun die höchs­te staat­li­che Exe­ku­ti­ve war, er­ließ schon am 31. Ju­li ei­ne 26 Punk­te um­fas­sen­de Pres­se­zen­sur. Sie ver­bot un­ter an­de­rem die Wei­ter­ga­be von Nach­rich­ten über Trup­pen­be­we­gun­gen, den Ei­sen­bahn­schutz, Ein­quar­tie­run­gen und Bahn­hofs­an­la­gen. Die Fahr­plä­ne der „Son­der­zü­ge für Ein­be­ru­fe­ne“ wur­den eben­so wie die „An­mel­dungs­ta­ge der Land­sturmpf­lich­ti­gen“ öf­fent­lich be­kannt ge­ge­ben. Dass vor al­lem die Feld­post der Zen­sur un­ter­lag und kei­ne Nach­rich­ten zur Ge­fechts­la­ge wei­ter­ge­ge­ben wer­den durf­ten, muss nicht ei­gens be­tont wer­den.

Der Geist des Mi­li­tärs be­stimm­te schon in Frie­dens­zei­ten die Ge­sell­schaft des Kai­ser­reichs. Bei Aus­bruch der Kampf­hand­lun­gen ver­wun­dert es nicht, dass ne­ben der Mi­li­ta­ri­sie­rung des Er­wach­se­nen­all­tags die Kin­der und Ju­gend­li­chen für den Krieg ein­ge­übt wur­den. Vor Ort be­le­gen das zwei Phä­no­me­ne: die Schaf­fung von „Ju­gend­weh­ren“ und die Ein­rich­tung von so­ge­nann­ten Kriegs­vor­trä­gen. Im Rah­men des eu­ro­päi­schen und spe­zi­ell des deut­schen Wett­rüs­tens war es ein öf­fent­li­ches An­lie­gen, die „na­tio­na­le Wehr­kraf­t“ in der tur­ne­ri­schen Er­zie­hung zu stei­gern. An Kai­sers Ge­burts­tag (27. Ja­nu­ar) und am Se­dan­tag (2. Sep­tem­ber) wa­ren mi­li­tä­ri­sche Ri­tua­le üb­lich, Kin­der po­sier­ten mit Ge­wehr und Sä­bel, Pi­ckel­hau­be und Uni­form.

Euskirchener Zeitung vom 14.11.1914. (Stadtarchiv Euskirchen)

 

Mit Kriegs­aus­bruch wur­de aus dem Spiel Ernst. Nicht we­ni­ge Volks­schul­leh­rer rech­ne­ten es sich zur Eh­re an, mög­lichst wirk­lich­keits­nah ih­re Schü­ler auf den Kampf und den Feind vor­zu­be­rei­ten. Schon früh be­rich­te­te die Eus­kir­che­ner Pres­se über den Wett­ei­fer der Schul­ju­gend in der „Er­fül­lung va­ter­län­di­scher Pflich­ten und in der Hilfs­be­reit­schaf­t“[6] und be­reits am 13. Sep­tem­ber wur­de zur Grün­dungs­ver­samm­lung im Ti­vo­li ei­nes „Wehr­bun­des“ für die 16- bis 25-Jäh­ri­gen auf­ge­ru­fen[7]. In der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung am 17. Sep­tem­ber war die mi­li­tä­ri­sche Vor­be­rei­tung der Ju­gend eben­falls ein The­ma. Die Auf­ga­be lag in der Hand des Vor­sit­zen­den des Krie­ger­ver­eins Jo­hann Kreis, „der (sie) mit der ihm ei­ge­nen schöp­fe­ri­schen In­itia­ti­ve in die Hand nah­m“.[8] En­de Sep­tem­ber hat­te der Wehr­bund be­reits 250 Mit­glie­der in zwei Kom­pa­ni­en, die an der Erft und in Turn­hal­len ih­re Übun­gen ab­hiel­ten.[9] 

Als im Herbst 1914 die Hoch­stim­mung der Au­gust­ta­ge ab­ge­klun­gen war und die Hoff­nung auf ei­nen kur­zen Krieg sich nicht er­füll­te, muss­te die deut­sche Staats­füh­rung die Be­völ­ke­rung auf ei­ne lan­ge Dau­er des Krie­ges ein­stim­men. Sol­da­ten und Zi­vi­lis­ten durf­ten den Glau­ben an ei­nen ge­rech­ten Kampf, der je­de Un­ter­stüt­zung ver­dien­te und von al­len ge­tra­gen wer­den muss­te, nicht ver­lie­ren. Die Stun­de der Pro­pa­gan­da war ge­kom­men, die deut­sche Ge­sell­schaft für den Krieg zu mo­bi­li­sie­ren, wo­für Eus­kir­chen ein Spie­gel­bild des­sen bie­tet, was reichs­weit ge­schah.

Für die ge­sam­te Be­völ­ke­rung und Ge­ne­ra­tio­nen über­grei­fend wa­ren die Kriegs­vor­trä­ge ge­dacht, für de­ren Durch­füh­rung ei­gens ein Bür­ger­aus­schuss ein­ge­rich­tet wur­de. Die Vor­trä­ge soll­ten in mo­nat­li­cher Fol­ge die Va­ter­lands­lie­be und das „Ein­heits­ge­fühl“ be­le­ben so­wie die „ed­len Re­gun­gen der Volks­see­le“ be­stär­ken, die „der Krieg in wun­der­ba­rer Wei­se zur Ent­fal­tung ge­bracht ha­t“.[10] 

Die kriegs­pro­pa­gan­dis­ti­sche Ver­an­stal­tungs­rei­he der Stadt Eus­kir­chen konn­te im Un­ter­schied zu an­de­ren Ge­mein­den auf staat­lich emp­foh­le­ne „Wan­der­red­ner“ aus den Krei­sen des Mi­li­tärs und der Leh­rer­schaft ver­zich­ten[11]. Mit tat­kräf­ti­ger Un­ter­stüt­zung des Bür­ger­meis­ters, vor al­lem aber durch das En­ga­ge­ment und die Be­zie­hun­gen des Stadt­ver­ord­ne­ten Tho­mas Eßer wur­den ein­fluss­rei­che Re­fe­ren­ten aus dem kirch­lich-ka­tho­li­schen La­ger ver­pflich­tet.

Wehrbundpioniere bei einer Übung vor der Stadt, 1917, Foto: Dr. Anton Inhoffen. (Stadtarchiv Euskirchen)

 

Die Infanterie-Kaserne in der Commerner Straße, 1915, Feldpostkarte. (Stadtarchiv Euskirchen)

 

Trotz ho­her deut­scher Ver­lus­te in den ers­ten Kriegs­wo­chen kam es nicht zu ei­ner gro­ßen Wel­le von Ver­wun­de­tentrans­por­ten in die Stadt. So wur­de der ers­te Sol­dat, der im Hilfs­la­za­rett Taub­stum­men­an­stalt an sei­nen Ver­let­zun­gen ge­stor­ben war, erst am 18. Sep­tem­ber auf dem Eh­ren­feld des Eus­kir­che­ner Fried­hofs mit dem Ri­tu­al der Krie­ger­ver­ei­ne bei­ge­setzt. Dass der Kriegs­tod all­ge­gen­wär­tig zu wer­den be­gann, macht ein Blick in die „Ver­lust­lis­ten“ der Zei­tun­gen deut­lich. Bis En­de 1914 wa­ren be­reits 76 Eus­kir­che­ner ge­fal­len.

3.2 Kriegswohlfahrt und Kriegsfürsorge

Im Ver­wal­tungs­be­richt der Stadt Eus­kir­chen von 1928 wer­den die Er­geb­nis­se der neun staat­li­chen Kriegs­an­lei­hen auf­ge­lis­tet. Die Bür­ger der Kreis­stadt zeich­ne­ten bei Ban­ken und Spar­kas­sen An­lei­hen in Hö­he von 70.162.600 Mark. Die ers­te An­lei­he 1914 zur Fi­nan­zie­rung der deut­schen Kriegs­kos­ten er­brach­te über 5 Mil­lio­nen Mark, die höchs­te Sum­me wur­de im Früh­jahr 1918 mit über 11 Mil­lio­nen Mark ein­ge­wor­ben, selbst im Ok­to­ber des­sel­ben Jah­res kurz vor Kriegs­en­de ka­men fast 7,5 Mil­lio­nen Mark zu­sam­men. Die­se er­staun­li­che Be­reit­schaft von Pri­vat­per­so­nen und In­sti­tu­tio­nen über die gan­ze Dau­er des mi­li­tä­ri­schen Kon­flikts hin­weg dem Deut­schen Reich die Geld­mit­tel zur Krieg­füh­rung vor­zu­stre­cken, ist nur vor dem Hin­ter­grund ei­nes un­ge­bro­che­nen Glau­bens an den Sieg zu er­klä­ren.

3.3 Kriegswirtschaft

Wäh­rend die­se Be­wirt­schaf­tungs­pro­gram­me zu­nächst ei­ne Art spon­ta­nes Kriegs­ma­nage­ment wa­ren, nahm die be­hörd­li­che Do­mi­nanz mit dem von der Obers­ten Hee­res­lei­tung in­iti­ier­ten „Hin­den­burg­pro­gram­m“ wei­ter zu. Die Be­wirt­schaf­tung ziel­te nun nicht mehr al­lein auf die Man­gel­ver­wal­tung, son­dern auf die wei­te­re Er­hö­hung der Res­sour­cen. Die Höchst­leis­tungs­be­trie­be wur­den aus­ge­ru­fen. Zu ih­nen zähl­ten al­le Eus­kir­che­ner Be­trie­be. Leis­tungs­schwa­che Be­trie­be soll­ten ge­schlos­sen wer­den[22].

Für die Un­ter­neh­mer be­deu­te­te die zen­tra­lis­tisch ge­lenk­te Wirt­schaft, dass Ar­beits­kräf­te, Ar­beits­zei­ten, Ma­te­ri­al und Roh­stof­fe müh­sam ein­zeln bei den staat­li­chen Be­hör­den be­an­tragt und be­grün­det wer­den muss­ten. Die Re­gle­men­tie­rung be­deu­te­te ei­nen un­ge­heu­ren bü­ro­kra­ti­schen Auf­wand.

3.4 Kriegsgefangenenarbeit

Die Mo­bil­ma­chung und die in Schü­ben er­fol­gen­den Ein­be­ru­fun­gen hat­ten gro­ße Lü­cken auf dem Ar­beits­markt ent­ste­hen las­sen. Es fehl­te über­all an Fach­kräf­ten, vor al­lem in den klei­nen Fa­mi­li­en­wirt­schaf­ten auf dem Lan­de. Die aus Wahn (heu­te Stadt Köln) über­stell­ten Ge­fan­ge­nen ka­men von der Ost­front und wa­ren fast aus­schlie­ß­lich Rus­sen. Fran­zo­sen, Eng­län­der oder Bel­gi­er im Mann­schafts­grad wur­den sel­te­ner im Links­rhei­ni­schen ein­ge­setzt – auch um die Flucht zu ver­hin­dern, und wenn, dann eher in Groß­be­trie­ben und in ge­schlos­se­nen Ab­tei­lun­gen. Die kriegs­wich­ti­gen Eus­kir­che­ner In­dus­trie­be­trie­be wie Dün­ger-, Zu­cker­fa­brik und die West­deut­schen Stein­zeug­wer­ke be­schäf­tig­ten rus­si­sche Ge­fan­ge­ne in ei­gens hier­zu ge­schaf­fe­nen Räu­men. Ein wei­te­res Fi­li­al­la­ger exis­tier­te in der Ei­sen­bahn­be­triebs­werk­statt Eus­kir­chen. Die Un­ter­künf­te wur­den als Mas­sen­quar­tie­re her­ge­rich­tet und nach den Vor­schrif­ten aus­ge­stat­tet. Die Rech­nun­gen be­le­gen, wel­che Leis­tun­gen die kom­mer­zi­el­len Lie­fe­ran­ten er­brach­ten: Sta­chel­draht und Schau­feln, Koh­len, Kar­tof­feln und Reis, Stroh­sä­cke, De­cken und Bett­tü­cher, Schüs­seln, Öfen und Koch­kes­sel, Des­in­fek­ti­ons­mit­tel und Sei­fe. Ein waf­fen­kun­di­ges Be­wa­chungs­per­so­nal war ver­pflich­tet.

Feldpostkarte des 3. Bataillon des 160. Infanterie-Regiments. (Stadtarchiv Euskirchen)

 

3.5 Ernährungslage

Nach dem Steck­rü­ben­win­ter ver­such­te man durch Er­he­bun­gen und Zäh­lun­gen der Ern­te­flä­chen, des Viehs und ei­ner Volks­zäh­lung den Pro-Kopf-Ver­brauch für Le­bens­mit­tel und En­er­gie zu be­rech­nen und schuf da­mit ein wei­te­res Kon­troll­in­stru­ment und ein wei­te­res Ele­ment, die Ge­sell­schaft to­tal zu er­fas­sen.

3.6 Meinungslenkung und Gemeinschaftsideologie

Als im Herbst 1914 die Hoch­stim­mung der Au­gust­ta­ge ab­ge­klun­gen war und die Hoff­nung auf ei­nen kur­zen Krieg sich nicht er­füll­te, kam ei­ne Rie­sen­auf­ga­be auf die deut­sche Staats­füh­rung zu: Die Be­völ­ke­rung muss­te auf ei­ne lan­ge Dau­er des Krie­ges ein­ge­stimmt wer­den. Sol­da­ten und Zi­vi­lis­ten durf­ten den Glau­ben nicht ver­lie­ren, dass Deutsch­land ei­nen ge­rech­ten Kampf führ­te, der je­de Un­ter­stüt­zung ver­dien­te und von al­len ge­tra­gen wer­den muss­te. Die Stun­de der Pro­pa­gan­da war ge­kom­men und ei­nes bis da­hin bei­spiel­lo­sen Ein­sat­zes all der Mit­tel und In­stru­men­te, mit de­nen das Den­ken und Emp­fin­den von Men­schen ge­steu­ert wer­den kann. Auf un­ter­schied­lichs­ten Ebe­nen und bei viel­fäl­ti­gen An­läs­sen wur­de die deut­sche Ge­sell­schaft für den Krieg mo­bi­li­siert, und Eus­kir­chen bie­tet ein Spie­gel­bild des­sen, was über­all im Reich ge­schah.

Für die Zeit­ge­nos­sen in Eus­kir­chen be­stand von An­fang an kein Zwei­fel an der Be­rech­ti­gung, zu den Waf­fen zu grei­fen. Der Krieg war – so die all­ge­mei­ne Mei­nung wie die in der Klein­stadt -, dem Deut­schen Reich auf­ge­zwun­gen wor­den. Zur Ver­tei­di­gung sei­ner Exis­tenz und da­mit „für Kai­ser, Volk und Va­ter­lan­d“ muss­te man sich „ge­gen ei­ne Welt von Fein­den“ zur Wehr set­zen. Ei­ne ge­mein­schafts­bil­den­de Be­griff­lich­keit stütz­te die Kriegs­a­po­lo­ge­tik und ver­wisch­te die Gren­ze zwi­schen Ar­mee und Zi­vil­ge­sell­schaft. Man sprach von „Volks­krie­g“, „Hei­mat­fron­t“ und „Heim­ar­mee“. Als sich die Of­fen­si­ven zum Stel­lungs­krieg wan­del­ten und aus dem kur­zen ein lan­ger Kampf wur­de, kam auch die lo­ka­le Öf­fent­lich­keit nicht um­hin, sich mit den Fra­gen ei­nes Sieg- oder Ver­stän­di­gungs­frie­dens zu be­schäf­ti­gen.

Was man in der Klein­stadt und in der Ei­fel hö­ren, se­hen und le­sen konn­te, war ge­steu­ert wie über­all im Reich. Die ver­öf­fent­lich­te Mei­nung un­ter­lag zwar der Zen­sur, aber die­se war gleich­sam nur die Kehr­sei­te der Pro­pa­gan­da. Man hat den Ein­druck, dass die Zeit­ge­nos­sen be­reit­wil­lig die po­si­ti­ven Selbst­be­kun­dun­gen der deut­schen Hee­res­füh­rung über­nah­men, ih­re „Be­kannt­ma­chun­gen“ und „Kriegs­de­pe­schen“ wahr­heits­ge­mäß die mi­li­tä­ri­schen Vor­gän­ge wie­der­ga­ben. Kai­ser Wil­helms Re­de vor dem Reichs­tag, nach der es kei­ne Par­tei­en mehr ge­ben dür­fe, son­dern nur noch Deut­sche, hat­te das Si­gnal für ei­nen bis da­hin nicht ge­kann­ten Ge­mein­schafts­geist der Kriegs­jah­re ge­ge­ben. Er war an­fangs nicht auf­ge­zwun­gen, viel­mehr ver­stärk­te er sich wech­sel­sei­tig. Die Eus­kir­che­ner Be­völ­ke­rung ließ sich von ei­ner Wel­le des Pa­trio­tis­mus und der Op­fer­be­reit­schaft er­fas­sen. Die öf­fent­li­che Spra­che vor Ort über­nahm ei­ne pa­the­ti­sche Be­griff­lich­keit. Nach der Kriegs­be­geis­te­rung der ers­ten Pha­se ließ die Sie­ges­zu­ver­sicht auch in den Durch­bruch­schlach­ten des Stel­lungs­krie­ges nicht nach. Die Stim­mung, ge­gen „Flau­ma­che­rei“ durch­zu­hal­ten über­wog bis zu­letzt.

In Eus­kir­chen er­reich­ten im Herbst 1917 die Er­schei­nungs­for­men von Chau­vi­nis­mus und Ge­mein­schafts­kult mit der Eh­ren­bür­ger­schaft Hin­den­burgs und den Kam­pa­gnen zum Durch­hal­ten ei­nen Hö­he­punkt. Ein mar­kan­tes Bei­spiel lie­fer­te der 70. Ge­burts­tag des Ge­ne­ral­feld­mar­schalls. Wie viel­fach im Lan­de wur­de er in Eus­kir­chen als „Feld­herr, Staats­mann und Er­zie­her“ ge­fei­ert. Die Lo­bes­hym­nen über­tra­fen sich, wenn sie von der „Her­manns­schlacht bei Tan­nen­ber­g“ spra­chen,  die Ju­gend­kraft sei­nes bib­li­schen Al­ters rühm­ten so­wie See­len­grö­ße, Got­tes­furcht und Pflicht­treue, Schlicht­heit und un­er­schüt­ter­li­chen Sie­ges­wil­len. Die Gym­na­si­as­ten sam­mel­ten für die „Hin­den­burg­ga­be“, um die der Mi­li­tär­be­fahls­ha­ber in­nerndei­he ge­be­ten hat­te. Zahl­rei­che Schu­len ver­an­stal­te­ten Ge­burts­tags­fei­ern[30]. Die Eus­kir­che­ner la­sen am 10. Ok­to­ber in der Zei­tung von der ein­stim­mi­gen Ver­lei­hung der Eh­ren­bür­ger­rech­te an Ge­ne­ral­feld­mar­schall Paul von Hin­den­burg (1847-1937) durch die Stadt­ver­ord­ne­ten. Die Klein­stadt am Ran­de der Ei­fel zähl­te da­mit zu den ers­ten, die ihm die­se öf­fent­li­che Eh­rung an­tru­gen.

Wie ge­ra­de in der Schluss­pha­se des Kamp­fes Stim­mung ge­macht und die Be­völ­ke­rung ma­ni­pu­liert wur­de, zeigt die Kam­pa­gne zur VII. Kriegs­an­lei­he vom Sep­tem­ber und Ok­to­ber 1917. Die in den Zei­tun­gen ge­schal­te­te Wer­bung war gra­phisch von Künst­lern ge­stal­tet und mit Tex­ten un­ter­legt, die Agi­ta­ti­on und Pro­pa­gan­da wir­kungs­voll ver­ban­den. Die Se­rie be­zeugt ei­nen Wer­be­feld­zug im Agit­prop-Stil, wie er ‚mo­der­ner’ nicht hät­te sein kön­nen. Er be­legt auch, wie mit fort­schrei­ten­dem Krieg die öf­fent­li­che Mei­nung in ei­ner Art ge­lenkt wur­de, der sich der Ein­zel­ne kaum noch ent­zie­hen konn­te. Ei­ne Viel­zahl von Sam­mel­ak­tio­nen im pri­vat-ka­ri­ta­ti­ven, im städ­ti­schen oder na­tio­na­len Rah­men ap­pel­lier­te im­mer wie­der an den Bür­ger be­zie­hungs­wei­se Ein­zel­nen, ge­mein­nüt­zig zu han­deln. Der Öf­fent­lich­keit sei­nes ei­ge­nen Han­delns konn­te man sich schwer­lich ent­zie­hen. Aus der frei­wil­li­gen Spen­de wur­de schnell ei­ne Pflicht­ab­ga­be. Die pro­kla­mier­te „Volks­ge­mein­schaf­t“ und „Heim­ar­mee“ muss­te auch in der Wahr­neh­mung der Eus­kir­che­ner Zeit­ge­nos­sen die Zü­ge ei­ner to­tal er­fass­ten Ge­sell­schaft an­neh­men.

Über­haupt schien man die Wen­de in der na­tio­na­len Po­li­tik hin zu mehr Par­la­men­ta­ri­sie­rung und zu ei­nem Frie­den oh­ne An­ne­xio­nen vor Ort nicht mit zu voll­zie­hen. Dass der Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­te des Zen­trums, Mat­thi­as Erz­ber­ger (1875-1921), sich vom Ver­tre­ter ei­nes Sieg­frie­dens zum Ver­fech­ter und Vor­kämp­fer ei­ner An­nä­he­rung wan­del­te, woll­ten die lo­ka­len Zen­trums­ak­teu­re of­fen­sicht­lich nicht wahr­ha­ben. Statt­des­sen er­fuhr der Zei­tungs­le­ser, dass die „christ­lich-na­tio­na­len Ar­bei­ter­füh­rer“ beim Emp­fang der Obers­ten Hee­res­lei­tung (OHL) die „Auf­ga­ben der Hei­mat­ar­mee“, das hei­ßt den Ar­bei­ter­ein­satz in der Rüs­tungs­in­dus­trie, tat­kräf­tig zu un­ter­stüt­zen ver­spra­chen[31].

Die Quar­tals­be­rich­te aus den Bür­ger­meis­te­rei­en und Ge­mein­den des Krei­ses Eus­kir­chen spre­chen zwar über­ein­stim­mend von ei­ner ge­drück­ten Stim­mung in der Be­völ­ke­rung, be­to­nen gleich­zei­tig je­doch die „Ent­schlos­sen­heit zum wirt­schaft­li­chen Durch­hal­ten“. Un­ru­hen sei­en nicht zu be­fürch­ten, so­lan­ge die Er­näh­rungs­grund­la­ge ge­si­chert sei. Der Wil­le, sich „bis zur Ent­schei­dung im Völ­ker­kamp­fe“ zu be­haup­ten, wur­de auch als ei­ne Fol­ge der „ste­ten Auf­klä­rung bei je­der sich bie­ten­den Ge­le­gen­heit“ hin­ge­stellt und auf die Ar­beit durch Geist­lich­keit und Leh­rer­schaft zu­rück­ge­führt. Kir­che und Schu­le bil­de­ten al­so ei­ne we­sent­li­che Stüt­ze für den Staat in der End­pha­se des Krie­ges[32].

4. Das Kriegsende – Revolution und Rückzug

Dass das Schei­tern der letz­ten deut­schen Of­fen­si­ve und der Rück­zug von der Mar­ne im Ju­li 1918 den ent­schei­den­den mi­li­tä­ri­schen Wen­de­punkt bil­de­ten, ging nicht aus den of­fi­zi­el­len Hee­res­be­rich­ten her­vor, wohl aber konn­te es der Eus­kir­che­ner Zei­tungs­le­ser er­ah­nen, da bei­de lo­ka­len Blät­ter auch un­zen­siert fran­zö­si­sche La­ge­be­rich­te brach­ten[33].

Die Stun­de des Waf­fen­still­stands am 11.11.1918 war auch die Stun­de der Un­ru­hen und in­ne­ren Um­wäl­zun­gen in Stadt und Land. In Eus­kir­chen hat­te man in der Nacht von Frei­tag auf Sams­tag die Ba­tail­lons­kam­mer in der Ka­ser­ne ge­plün­dert, be­tei­ligt wa­ren Sol­da­ten des Er­satz­ba­tail­lons und Zi­vi­lis­ten. Schon am dar­auf­fol­gen­den Mor­gen je­doch hat­te ein Sol­da­ten­rat die Ord­nung wie­der her­ge­stellt, zu Aus­schrei­tun­gen war es nicht ge­kom­men. Be­kla­gens­wert war nur – so die Lo­kal­pres­se -, dass „gan­ze Scha­ren von Schul­kin­dern lär­mend und to­ben­d“ je­dem Sol­da­ten mit ro­ter Schlei­fe hin­ter­her ge­jagt sei­en. Am Vor­mit­tag be­müh­te sich ei­ne Ver­samm­lung von Ar­beit­ge­bern und Ar­beit­neh­mern im Gast­hof Jois­ten um die Si­che­rung der Ar­beits­plät­ze; die städ­ti­sche Zi­vil­ver­wal­tung setz­te sich mit dem Sol­da­ten­rat ins Be­neh­men und lud für 6 Uhr zu ei­ner Volks­ver­samm­lung im Ti­vo­li ein. Der Saal war „mit ei­ner aus al­len Krei­sen un­se­rer Ein­woh­ner­schaft sich zu­sam­men­set­zen­den er­war­tungs­vol­len Men­ge“ ge­füllt.

Für Bür­ger­meis­ter Dis­se konn­te die „heu­ti­ge Be­we­gung nur zum Gu­ten füh­ren, wenn sie auch auf die Völ­ker der uns feind­li­chen Geg­ner“ über­grif­fe. Die nach­fol­gen­de „ein­drucks­vol­le Re­de“ des Bei­ge­ord­ne­ten Tho­mas Eßer skiz­zier­te die po­li­ti­sche La­ge. „Wir ha­ben seit heu­te Mor­gen kei­nen Kai­ser mehr, das deut­sche Kai­ser­reich ge­hört der Ver­gan­gen­heit an. Wer aber auch die Ge­schi­cke des Lan­des in die Hand neh­men mö­ge, wir müs­sen in ihm die gott­ge­woll­te Ob­rig­keit er­bli­cken und mit ihm ar­bei­ten zum Woh­le des Gan­zen. Zu klein­li­chem Par­tei­ha­der ist jetzt nicht die Zeit.“ Der Ab­ge­sand­te des Köl­ner Ar­bei­ter- und Sol­da­ten­rats, der Re­dak­teur der Rhei­ni­schen Zei­tung und So­zi­al­de­mo­krat Pe­ter Trim­born (ge­stor­ben 1941), er­gänz­te und prä­zi­sier­te un­ter „leb­haft an­hal­ten­dem Bra­vo“ der Ver­samm­lung: „Dem Mi­li­ta­ris­mus ist durch un­se­re Be­we­gung end­gül­tig der To­des­stoß ver­setzt wor­den. Aber wir wol­len nicht die An­ar­chie.“ Der Ka­da­ver­ge­hor­sam müs­se durch ei­nen ech­ten Ge­hor­sam aus frei­em Wil­len er­setzt wer­de, die Ord­nung auch in der ge­gen­wär­ti­gen La­ge durch Mit­hil­fe der Bür­ger ge­währ­leis­tet sein.

Dem an­schlie­ßend ge­grün­de­ten Sol­da­ten-, Ar­bei­ter- und Bür­ger­rat von Eus­kir­chen ge­hör­ten fol­gen­de Mit­glie­der an: 
– Ja­kob Breu­er, Tuch­ma­cher
– Wil­helm Flo­ry, Ma­jor 
– Jo­sef Kes­sel, For­mer
– Fer­di­nand Klei­nertz, Tuch­fa­bri­kan­t 
– Erik Lu­cas, Sol­dat
– Max May­er, Sol­dat
– Max Mül­ler, Sol­dat
– Jo­sef Pe­ters, Fort­bil­dungs­schul­di­rek­tor
– Ul­rich Pohl, Leut­nant
– Hans Schänz­ler, Sol­dat
– Mat­thi­as Schä­ven, Sand­for­mer
– Jo­hann Schmitz, Tuch­ma­cher
– Wi­nand Schuh­ma­cher, Keramar­bei­ter
– Jo­hann Strick, Tuch­ma­cher.
Mit ei­nem „Hoch das neue Deutsch­land!“ und ei­nem Auf­ruf an die Bür­ger­schaft zur frei­wil­li­gen Dis­zi­plin un­ter die neu­en Si­cher­heits­or­ga­ne en­de­te die Ver­samm­lung. Der Rat ar­bei­te­te im Ein­ver­neh­men mit der Stadt­ver­wal­tung. Auf Be­fehl der bri­ti­schen Hee­res­lei­tung lös­te er sich am 20.12.1918 in sei­ner 19. Voll­sit­zung auf. 

Es war viel, was den Deut­schen und spe­zi­ell den Rhein­län­dern in den No­vem­ber­ta­gen 1918 zu­ge­mu­tet wur­de. Als wei­te­re Her­aus­for­de­rung kam hin­zu, dass die Be­din­gun­gen des Waf­fen­still­stands ei­ne Rück­füh­rung des deut­schen Hee­res hin­ter die Rhein­li­nie bis zum 4. De­zem­ber vor­sa­hen. Die links­rhei­ni­sche Zi­vil­be­völ­ke­rung stell­te das zu­sätz­lich vor ma­te­ri­el­le, or­ga­ni­sa­to­ri­sche und hu­ma­ni­tä­re Auf­ga­ben. Was sie im Au­gust 1914 schon für die Hun­dert­tau­sen­de auf dem Weg zur Front ge­leis­tet hat­te, muss­te sie nun in ei­nem sich auf­lö­sen­den Staats­ge­fü­ge und bei äu­ßers­ter wirt­schaft­li­cher Not­la­ge im­pro­vi­sie­ren. Der städ­ti­sche Ver­wal­tungs­be­richt, Zei­tun­gen und Schul­chro­ni­ken ge­ben ein Bild der Er­eig­nis­se und Stim­mun­gen. Von Tag zu Tag an­wach­send flu­te­ten die Ar­mee-Ein­hei­ten aus Bel­gi­en und Nord­frank­reich zu­rück. Die Vor­hu­ten - das wa­ren meist die Ein­hei­ten aus der Etap­pe - tauch­ten schon am 15. No­vem­ber auf. Die ein­hei­mi­sche Be­völ­ke­rung wur­de auf­ge­for­dert, ih­nen „ein herz­li­ches Will­kom­men“ zu be­rei­ten. In über­füll­ten Zü­gen sa­ßen und stan­den die Feld­grau­en, oft mit ro­ten Arm­bin­den. Ge­schlos­se­ne Trup­pen­for­ma­tio­nen – zu Fuß, mit Kraft­wa­gen oder Pfer­de­fuhr­wer­ken und al­len mög­li­chen Ge­gen­stän­den -, pas­sier­ten die Stadt Eus­kir­chen über die Kom­mer­ner und Köl­ner Stra­ße. Eh­ren­pfor­ten an den Ein­gän­gen der Stadt wur­den er­rich­tet und vie­le Häu­ser be­flaggt. Vor­keh­run­gen für die kurz­fris­ti­ge Un­ter­brin­gung von 10.000 Mann wur­den ge­trof­fen. Die Haus­be­sit­zer konn­ten da­für Quar­tier­schei­ne ab­ho­len. Mit be­son­de­rer Herz­lich­keit wur­de das Res. Inf. Reg Nr. 239, das über­wie­gend aus Eus­kir­che­nern be­stand, in der Ka­ser­ne er­war­tet. Bis zum 21. No­vem­ber ha­ben die Eus­kir­che­ner 15.000 Sol­da­ten ein Quar­tier ge­ge­ben, und vor Ort „er­ga­ben sich kei­ne Schwie­rig­kei­ten“ – we­der die vom VIII. Ar­mee­korps be­fürch­te­ten Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen der Trup­pen noch Plün­de­run­gen der Le­bens­mit­tel­vor­rä­te oder Aus­schrei­tun­gen. Am 6. De­zem­ber er­schie­nen die ers­ten bri­ti­schen Be­sat­zungs­trup­pen.

Aus heu­ti­ger Sicht hat man den Ein­druck, dass zu die­sem Zeit­punkt des Um­bruchs in Eus­kir­chen tra­di­tio­nel­le Seh­wei­sen wie­der hoch­ka­men, die äl­te­ren ent­spra­chen als die neu ein­ge­üb­ten Kdon­ven­tio­nen des wil­hel­mi­ni­schen Kai­ser­reichs. Die an­ti-bo­rus­si­schen und an­ti-mi­li­ta­ris­ti­schen Ein­stel­lun­gen des ka­tho­li­schen Rhein­län­ders zäh­len eben­so da­zu wie die Epo­chen über­grei­fen­de Hei­ma­tideo­lo­gie.

Wer war schuld an der Nie­der­la­ge? Die Aus­ein­an­der­set­zung um die Deu­tungs­ho­heit be­gann auch bei den Eus­kir­che­nern schon im No­vem­ber 1918, als vor­ran­gig die All­tags­pro­ble­me ge­löst wer­den muss­ten – die Le­bens­mit­tel­ver­sor­gung und die Ar­beits­plät­ze, die Quar­tier­leis­tun­gen und die öf­fent­li­che Si­cher­heit. Ers­te Um­ris­se des Streits zeich­ne­ten sich be­reits Mit­te Ok­to­ber ab. Mit Hin­den­burgs Auf­ruf an das Heer vom 12. No­vem­ber wur­den ers­te Schlag­wor­te po­pu­lär: „Bis zum heu­ti­gen Tag ha­ben wir un­se­re Waf­fen in Eh­ren ge­führt, in treu­er Hin­ga­be und Pflicht­er­fül­lung hat die Ar­mee Ge­wal­ti­ges voll­bracht. In sieg­rei­chen Ab­wehr­schlach­ten […]  auf­recht und stolz ge­hen wir aus dem Kampf, in dem wir über vier Jah­re ge­gen ei­ne Welt von Fein­den stan­den.“[34] Als die Eus­kir­che­ner Zei­tung ei­nen Leit­ar­ti­kel ih­res Schwes­ter­blat­tes, der Köl­ner Zei­tung, am 21.11.1918 mit dem Ti­tel „Den Un­be­sieg­ten“ ver­öf­fent­lich­te, war auch für das Eus­kir­che­ner Pu­bli­kum ei­ne Ar­gu­men­ta­ti­ons­li­nie vor­ge­ge­ben, die mit der Dolch­sto­ß­le­gen­de ei­ne ver­hee­ren­de Wir­kung auf die Wei­ma­rer Re­pu­blik hat­te. Die Front­li­ni­en in die­ser Streit­fra­ge wur­den vor Ort schnell par­tei­po­li­tisch be­setzt. Das be­setz­te Rhein­land und da­mit auch Eus­kir­chen be­kam ei­nen Frie­den, der noch kei­ner war. Es folg­ten Jah­re, die in der lo­ka­len Er­in­ne­rung so hart und be­schwer­lich wa­ren wie die Kriegs­jah­re.

Quellen

Ver­wal­tungs­be­richt. Stadt Eus­kir­chen 1907 bis 1928, hg. von Gott­fried Dis­se 1928., Stadt­ar­chiv Eus­kir­chen EU IV, 253
Eus­kir­che­ner Zei­tung, Stadt­ar­chiv Eus­kir­chen
Eus­kir­che­ner Volks­baltt, Stadt­ar­chiv Eus­kir­chen

Literatur

Der Ers­te Welt­krieg in re­gio­na­len Zeit­zeug­nis­sen = Ge­schich­te im Kreis Eus­kir­chen 22 (2008).
Dis­se, Gott­fried (Hg.), Aus dem Ver­wal­tungs­be­richt der Stadt Eus­kir­chen über die Kriegs­jah­re 1914-1918, in: Der Ers­te Welt­krieg in re­gio­na­len Zeit­zeug­nis­sen = Ge­schich­te im Kreis Eus­kir­chen 22 (2008), S. 15-30.
Im Kai­ser­reich. Die Zeit Wil­helms II. im Kreis Eus­kir­chen = Zur Ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts Band 1 = Ge­schich­te im Kreis Eus­kir­chen 13 (1999).
Rün­ger, Ga­brie­le, So­zia­le Un­ter­stüt­zung im Ers­ten Welt­krieg, in: Im Kai­ser­reich. Die Zeit Wil­helms II. im Kreis Eus­kir­chen = Ge­schich­te im Kreis Eus­kir­chen 13 (1999), S. 299-318.
Sten­der, Det­lef, „Ein wir­ken­des Rad in der gro­ßen Ma­schi­ne der Zeit“- Skiz­zen zur In­dus­trie­ge­schich­te Eus­kir­chen, in: Die Zeit Wil­helms II. im Kreis Eus­kir­chen = Ge­schich­te im Kreis Eus­kir­chen 13 (1999), S. 113–133.
Vor 20 Jah­ren. Ar­ti­kel­se­rie, er­schie­nen 1934 im Eus­kir­che­ner Volks­blatt, in: Der Ers­te Welt­krieg in re­gio­na­len Zeit­zeug­nis­sen = Ge­schich­te im Kreis Eus­kir­chen 22 (2008), S. 31-49.

In der Samenhandlung Inhoffen, Neustraße 9, wurden am 1.3.1917 400 Zentner Felderbsen verkauft, Foto: Dr. Anton Inhoffen. (Stadtarchiv Euskirchen)

 
Anmerkungen
  • 1: Disse, Verwaltungsbericht, S. 15-16.
  • 2: Vor 20 Jahren, S. 33-34.
  • 3: Disse, Verwaltungsbericht, S. 15-16.
  • 4: Verwaltungsbericht 1928, S. 129.
  • 5: Euskirchener Zeitung vom 10.8.1914.
  • 6: Euskirchener Zeitung vom 3.9.1914.
  • 7: Euskirchener Zeitung vom 12.9.1814.
  • 8: Vor 20 Jahren, S. 39.
  • 9: Euskirchener Zeitung vom 13.11.1914 und 21.11.1914.
  • 10: Euskirchener Zeitung vom 5.11.1914.
  • 11: Stadtarchiv Euskirchen, Kuchenheim I 701.
  • 12: it Beginn der Kampfhandlungen schlug auch die Stunde des nationalen Sanitätswesens, wofür vor allem das Rote Kreuz stand. In Preußen wie im örtlichen Zweigverein sah es sich als eine Vorfeldorganisation des Kaiserreichs und teilte dessen politisch-ideologisches Selbstverständnis. Das Rote Kreuz war auf den Krieg vorbereitet. Die zusätzlichen Aufgaben des Lazarettdienstes übernahm man in Abstimmung mit den kirchlichen Krankenpflegeeinrichtungen. In Euskirchen hatte 1913 das katholische Marien-Hospital einen Anbau erhalten, der für Zwecke der neuen Kaserne errichtet und von der Intendantur des VIII. Armeekorps finanziert worden war. Im Kriegsfall musste er als Militärlazarett dienen
  • 13: ie Aufgaben waren gewaltig. Den Soldaten an der Front sollte geholfen werden, aber größere Verpflichtungen hatte man gegenüber den Familien der Hinterbliebenen. Dazu zählten alle, deren Männer einberufen wurden, wie diejenigen, die Kriegswitwen und Kriegswaisen wurden. Private, gesellschaftliche und staatliche Wohltätigkeit und Fürsorge mussten ins Werk gesetzt werden
  • 14: ie staatliche Familienunterstützung im Kriege reichte über die herkömmliche Armenhilfe hinaus. Trotzdem wurde es für die Betroffenen schwierig, nicht in Armut zu geraten, da die Lebensmittelpreise schon bald stiegen
  • 15: ie staatliche Familienunterstützung im Kriege reichte über die herkömmliche Armenhilfe hinaus. Trotzdem wurde es für die Betroffenen schwierig, nicht in Armut zu geraten, da die Lebensmittelpreise schon bald stiegen
  • 16: ie Tuchherstellung bildete das traditionell vorherrschende Gewerbe in Euskirchen. 23 Textilfabriken (1913) mit knapp 1.200 Arbeitern stellten fast ausschließlich Uniformstoffe (75 Prozent) her, die an den preußischen Staat geliefert wurden, gelegentlich sogar bis nach Übersee. Es waren Familienbetriebe, die auf der Tatkraft und dem Unternehmergeist ihrer Gründer aufgebaut waren und über Generationen fortgeführt wurden. Sie hatten eine Belegschaft zwischen 20 und 250 Arbeitern
  • 17: ie örtlichen Tonvorkommen lieferten den Rohstoff für die keramische Industrie. Die Westdeutschen Steinzeug-, Schamotte- und Dinas-Werke in Bahnhofsnähe mit annähernd 500 Beschäftigten produzierten überwiegend Rohre für die Kanalisation und waren mit Großfertigungen sogar auf der Weltausstellung vertreten. Während der Rüben-Kampagne im Herbst beschäftigte die Zuckerfabrik Pfeifer und Langen, ein weiterer Großbetrieb, circa 500 Saisonarbeiter. Die eisenverarbeitende Industrie war durch Fabriken vertreten, in denen Küchengeräte und Laternen, Sicherheits- und andere Nadeln, Landmaschinen, Ventilatoren und Saugpumpen hergestellt wurden. Zur Diversität der industriellen Angebote gehörten auch die Lacke und Farben einer Bleiweißfabrik. Die Tuchfabrikanten besaßen allerdings die Monopolstellung auf dem einheimischen Arbeitsmarkt
  • 18: it Kriegsausbruch nahm die Bedeutung der Behörden als kontrollierende, planende und verwaltende Organe zu. Die Abhängigkeit von Rohstoffen aus dem Ausland sowie Blockade- und Embargomaßnahmen der Entente machten von Beginn an die prekäre Lage Deutschlands evident. Auftragsstornierungen, Transportschwierigkeiten und zunehmende Arbeitslosigkeit waren die Folge. Angesichts der gewaltigen Kriegsaufgaben glaubte der preußische Staat, dass ein „rascher, autoritativer Eingriff“
  • 19: o widersprüchlich es klingen mag: Die Textilstadt Euskirchen erlebte nach den anfänglichen Panikeinkäufen und der Sorge um die Sicherung der Ernährung mit Kriegsbeginn einen unbestreitbaren Wirtschaftsboom. Die preußische Heeresverwaltung hatte mit der Rekrutierung von Millionen von Soldaten einen zusätzlichen militärischen Bekleidungsbedarf, der den einheimischen Tuchfabriken, die seit jeher auf die Lieferung von Uniformtuchen spezialisiert war, zugute kam. Bereits Anfang September 1914 berichtete die örtliche Presse unter der Schlagzeile „Hochkonjunktur der heimischen Militärtuchindustrie“ von einer um ein Drittel gestiegenen Mitgliederzahl in der Krankenkasse der Tuchmacher
  • 20: as Kriegsministerium war in erster Linie daran interessiert, das Heer schnell und gut einzukleiden, und setzte daher die Höchstpreise auf das Niveau des Juli 1914. Zwar garantierte der Staat die Abnahme der den Fabriken zugewiesenen Tuche, aber dafür musste die im Verlauf des Krieges immer minderwertiger werdende Ware zu Festpreisen bezogen werden. Anfang 1915 regte die KRA die Verwendung von Abfallprodukten an
  • 21: Stender, Ein wirkendes Rad, S. 125 ff.
  • 22: Vgl. Scholtyseck, Joachim, Der Aufstieg der Quandts. Eine deutscher Unternehmergynastie, München 2011, S. 53.
  • 23: b 1917 warben sämtliche Industriezweige um Arbeiterinnen. Ein städtischer Kinderhort und Kindergarten wurde errichtet, in denen 120 Kindern, deren Mütter durch Arbeit tagsüber von zu Hause abwesend waren, von zwölf freiwilligen Helferinnen betreut wurden. Dies darf nicht darüber hinweg täuschen, dass die Frauen gerade in der Tuchindustrie die Facharbeiter nicht ersetzen konnten. Als ungelernte Arbeiterinnen waren sie hauptsächlich in der Nopperei, Zwirnerei und Kettschererei beschäftigt. Bei Kriegsende schieden die meisten von ihnen als Arbeitskräfte wieder aus
  • 24: benso suchten die nun auf die Rüstungswirtschaft verpflichteten Steinzeugwerke wie auch die Düngerfabrik nach einer großen Zahl von neuen Arbeitern
  • 25: benso suchten die nun auf die Rüstungswirtschaft verpflichteten Steinzeugwerke wie auch die Düngerfabrik nach einer großen Zahl von neuen Arbeitern
  • 26: inen näheren Einblick, wie die Fabrikarbeit für Gefangene organisiert werden konnte, liefert das Beispiel der Zuckerfabrik in den Jahren 1915/1916. Der Personalbedarf war wie die Produktion saisonal, in den Monaten Oktober und November wurde dann mit Pausen von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends (oder sogar in Nachtschichten) gearbeitet. Während der sogenannten Rübenkampagne brauchte man Hunderte von Arbeitern, was im Krieg zwangsläufig erschwert wurde. Was lag also näher, als die Lücke mit Kriegsgefangenen zu schließen. Die Lösung war ein zeitlich befristetes, man könnte sagen – improvisiertes Lager, das neben den schon bestehenden aufgebaut wurde. Die Unternehmensleitung hatte vom Stammlager Wahn die Zusage über 200 Gefangene ab Anfang Oktober 1915. Der Amtsbürgermeister wollte für Unterkunft und Beköstigung in Kuchenheim sorgen. Zwei Sammelplätze für je 100 Mann entstanden zusätzlich in den Sälen der Gaststätten Rosen und Bitz. 200 Betten samt Zubehör sowie Wäsche und Geschirr waren durch den Arbeitgeber Pfeifer und Langen auf seine Kosten angeschafft worden. Die Verpflegung hatte man dem Restaurant Jac. Koenen jr. übertragen. Mit der Arbeit der Russen war die Zuckerfabrik zufrieden. Diese beschwerte sich beim Bürgermeister jedoch schon am 16. Oktober über mangelhafte Brotrationen, die mit 362 Gramm das geforderte „Sollgewicht“ von 600 Gramm nicht einhielten. „Wenn infolge solcher Profitjägerei seitens der Unternehmer ein Gefangener flüchtig wird, und uns die Heeresverwaltung die 200 Gefangenen entzieht, stehen wir vor der gänzlichen Unmöglichkeit, das wertvolle Rübenmaterial […] seiner Bestimmung zuzuführen. […] Ein unabsehbarer Schaden wäre die Folge einer solchen leicht auszumerzenden Unregelmäßigkeit.“ Die Kommandantur Wahn schickte daraufhin einen Kontrolloffizier, der, auch nach Befragung der Russen, sofortige Abhilfe verlangte. Die Unternehmensleitung drohte ihrerseits am 8. November, um die Gefangenen nicht zu verlieren, die Verpflegung in eigene Hände zu nehmen. Da eine Endaufstellung vom Dezember vorliegt, ist anzunehmen, dass der Streitfall einvernehmlich geregelt wurde
  • 27: rst allmählich wurde den Zeitgenossen die entbehrungsreiche Kehrseite des Wirtschaftsmarktes bewusst. Man weiß heute, dass die deutsche Militärführung von einem kurzen Krieg ausging. Infolgedessen hatte man trotz der Teilabhängigkeit von Agrarimporten keine langfristige Vorratshaltung an Lebensmitteln betrieben. Reichsweite Pläne für die Versorgung der Bevölkerung bestanden nicht. Die Städte und Gemeinden entschieden selbst, was zu tun war. Es kam also zu unorganisierten Vorgängen, im Herbst 1914 sogar zu einem Überkonsum. Die überreichen „Liebesgaben“-Pakete geben davon ein Zeugnis. Die öffentliche Bewirtschaftung begann mit der Einführung der Höchstpreise am 28.10.1914. In Euskirchen war mit einer Preisüberwachungskommission unter Leitung von Thomas Eßer eine erste planwirtschaftliche Organisationsform geschaffen worden
  • 28: ürgermeister Gottfried Disse bilanzierte im Verwaltungsbericht der Stadt Euskirchen nüchtern und zutreffend die Anfänge der kommunalen Kriegswirtschaft: „Die Volkswirtschaft im Kriege gehört zu den bedeutendsten Kapiteln. Vor allem spielten Ernährungs- und Bekleidungsfragen nach der Umstellung auf Rüstungsindustrie neben den Finanz- und Rohstoffsorgen eine maßgebende Rolle. […] Im Interesse der Volksernährung traf die Stadt in den ersten Mobilmachungstagen Maßnahmen durch Ankauf von 2000 Zentner Mehl, von Frühkartoffeln, Speck sowie Erbsen, um den Preissteigerungen zu begegnen, insbesondere aber auch als Vorsichtsmaßregel für den Notfall. Da eine kurze Dauer des Krieges allgemein erhofft wurde, so blieb die freie Lebensmittelwirtschaft bestehen, indem hier und da mit Höchstpreisen zu helfen versucht wurde. Im Laufe der Kriegswochen stellte sich aber heraus, dass die Ernährungsdecke zu kurz werden könnte. Deshalb kam im Oktober 1914 das Verbot, Brotgetreide zu verfüttern. Die Bestandsaufnahme an Getreide und Mehl im Dezember ergab die Notwendigkeit der Beschlagnahme im Januar 1915. Die Kriegsgetreidegesellschaft und die Reichsverteilungsstelle wurden ins Leben gerufen. Durch Bundesratsverordnung wurden Mehl und Getreide zugunsten des Kommunalverbandes beschlagnahmt. Damit fing die Zwangswirtschaft und die Kreisgetreideversorgung an. Brot musste gestreckt werden, für Minderbemittelte mussten Kartoffeln seitens der Stadt eingelagert werden. Im Januar 1915 wurde das große Schweineschlachten angeordnet, das sich bald als verfehlt herausstellte. Der Obst- und Gemüsebewirtschaftung wurde ein besonderes Augenmerk gewidmet. Im Herbst 1914 sowie 1915 wurden in der Umgegend reife Pflaumen aufgekauft und in der Malzfabrik von Frings gedörrt. Desgleichen wurden in jedem Herbst während der Kriegszeit große Mengen von Weißkohl beschafft und alsbald an die Bevölkerung und die Geschäfte verteilt. Der nicht abgesetzte Teil wurde von der Stadt als Sauerkraut eingemacht. Im November 1916 begann ein eiskalter Winter, in dem zudem die Lebensmittelvorräte sich dem Ende neigten. Kälte und Hunger hielten bis Ende Februar an. Im Februar schlossen dann die Schulen und Kinos, öffentliche Veranstaltungen wurden verboten. Der Mangel an Kohle war zu groß.“
  • 29: n der lokalen Öffentlichkeit herrscht lange Zeit die Siegeszuversicht vor. Man konnte sich nur einen Frieden vorstellen, dessen Inhalte das Deutsche Reich bestimmte. Ein „erstes Friedensangebot des Kaisers“ im Dezember 1916 bildete danach den Auftakt. Dessen Ablehnung wie das Scheitern der päpstlichen Aktion und der Friedensresolution des Reichstags im September 1917 wurde den Gegnern angelastet. Vor allem der amerikanische Präsident Woodrow Wilson (1856-1924, Amtszeit 1913-1921) mit seinen Forderungen nach einer Demokratisierung des Deutschen Reiches stieß bei den Euskirchenern auf Ablehnung. Für die beiden städtischen Zeitungen „verhetzte“ er den Kaiser. Der Stadtrat sah in den diplomatischen Schritten der USA „unerträgliche Einmischungsversuche“
  • 30: Euskirchener Zeitung vom 1.10., 3.10., 10.10.1917.
  • 31: Euskirchener Zeitung vom 2.10.1917.
  • 32: Kreisarchiv Euskirchen I 168.
  • 33: EV vom 30.07.1938.
  • 34: Euskirchener Zeitung vom 14.11.1918.
Zitationshinweis

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Rünger, Gabriele, Weitz, Reinhold, Euskirchen 1914–1918. Der Krieg an der Heimatfront, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/euskirchen-1914%25E2%2580%25931918.-der-krieg-an-der-heimatfront/DE-2086/lido/5e8b313b42b043.72169086 (abgerufen am 28.10.2020)