Reichstagswahlen und Reichstagsmandate der Rheinprovinz 1871 bis 1918

Lothar Weiß (Frechen)

Otto von Bismarck, Gemälde von Franz von Lenbach (1836-1904), 1894. (Privatsammlung)

1. Einleitung

Wah­len sind Per­so­nal­ent­schei­dun­gen der Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler, durch die po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tungs­trä­ger re­kru­tiert und le­gi­ti­miert wer­den sol­len. Mit Wah­len wer­den Re­prä­sen­ta­tiv­or­ga­ne wie der Reichs­tag oder Per­so­nen für ein Wahl­amt be­stimmt. Sie kön­nen in der Ge­sell­schaft vor­han­de­ne In­ter­es­sen und Strö­mun­gen in­te­grie­ren. Durch Wah­len sol­len po­li­ti­sche Pro­zes­se be­ein­flusst und Wäh­ler für be­stimm­te ge­sell­schaft­li­che Wer­te und Zie­le mo­bi­li­siert wer­den. Wah­len sind ein ent­schei­den­des Ele­ment der De­mo­kra­tie. Die Le­gi­ti­ma­ti­on von Wahl­er­geb­nis­sen wird von ver­schie­de­nen Be­din­gun­gen ab­hän­gig ge­macht. Durch sie wer­den for­ma­le Vor­aus­set­zun­gen ge­schaf­fen, da­mit die durch Wah­len er­zeug­ten Per­so­nal- und Sach­ent­schei­dun­gen von den Wäh­lern als bin­dend ak­zep­tiert wer­den: all­ge­mein, gleich, un­mit­tel­bar oh­ne die Zwi­schen­schal­tung von Wahl­män­nern und -frau­en und ge­heim. Für die Wahl­be­wer­bung ist ih­re Frei­heit oh­ne Sank­ti­ons­ge­fahr ent­schei­dend. Die for­ma­le Gleich­heit der Chan­cen der Kan­di­da­ten und der Wäh­ler ist ma­ß­ge­bend für die Ent­schei­dung im Wahl­gang. Da­bei soll es sich mög­lichst um ei­nen Wett­be­werb von min­des­tens zwei Kan­di­da­tu­ren han­deln, die ver­schie­de­ne po­li­ti­sche Pro­gram­me an­bie­ten. Die Wahl ist dann im Ide­al­fall ei­ne Per­so­nal­ent­schei­dung mit ei­ner Prä­fe­renz für ein po­li­ti­sches Pro­gramm ei­ner Par­tei oder ei­nen Po­li­tik­stil. Die un­ab­hän­gi­ge, ehr­li­che Äu­ße­rung der Prä­fe­ren­zen der Wahl­be­rech­tig­ten wird durch ei­ne ge­hei­me Ab­ga­be des Vo­tums ge­si­chert. Das Wahl­sys­tem mit sei­nen Ver­fah­rens­vor­schrif­ten und Stim­men­ver­wer­tungs­re­geln darf nicht zu ei­ner Ver­zer­rung des Vo­tums der Wäh­ler füh­ren. Wah­len sol­len schlie­ß­lich nicht von frü­he­ren Ent­schei­dun­gen be­ein­flusst wer­den.

 

Die­ser Bei­trag the­ma­ti­siert ein her­aus­ra­gen­des In­stru­ment der po­li­ti­schen Ar­ti­ku­la­ti­on un­ter ei­ni­ger­ma­ßen de­mo­kra­ti­schen Be­din­gun­gen. Er kann nur ei­nen kur­so­ri­schen Über­blick über die Wah­len im en­ge­ren Sin­ne bie­ten. Für den po­li­ti­schen, ge­sell­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen „Rah­men“ der Wah­len auf der Ebe­ne des Deut­schen Reichs muss auf all­ge­mein­his­to­ri­sche Li­te­ra­tur ver­wie­sen wer­den. Eben­so wird auf de­tail­lier­te lo­ka­le Zah­len­rei­hen über die Wah­len aus quan­ti­ta­ti­ven Grün­den ver­zich­tet. Al­le ih­re Quel­len lie­gen als amt­li­che sta­tis­ti­sche Ver­öf­fent­li­chun­gen oder als Ein­zel­ver­öf­fent­li­chun­gen der his­to­ri­schen Wahl­for­schung ge­druckt vor. Mit der ge­mein­sa­men Be­trach­tung der Wah­len zu den Reichs­ta­gen von 1871 bis 1932 soll auch un­ter­sucht wer­den, wie stark der Ein­fluss re­gio­na­ler Struk­tur­merk­ma­le beim Wahl­ver­hal­ten den Bruch ei­nes po­li­ti­schen Sys­tems über­la­gern kön­nen. Es wird aber an der „klas­si­schen“ Auf­tei­lung des Zeit­raums von 1871 bis 1918 und von 1918 bis 1933 fest­ge­hal­ten. Dies dürf­te auch den Über­blick und die Ver­knüp­fung mit der his­to­ri­schen Li­te­ra­tur er­leich­tern. Für die da­mit fest­ge­leg­ten bei­den Haupt­ab­schnit­te gilt ei­ne par­al­le­le Glie­de­rungs­struk­tur. Zu­nächst wird ei­ne ein­fa­che Ein­füh­rung in das Staats­or­ga­ni­sa­ti­ons­recht der je­wei­li­gen Reichs­ver­fas­sung ge­bo­ten. Im An­schluss dar­an wer­den das Wahl­recht und die Pro­gram­ma­tik der po­li­ti­schen Par­tei­en in Grund­zü­gen vor­ge­stellt. Nun fol­gen in chro­no­lo­gi­scher Rei­hen­fol­ge die Wah­len und Man­da­te für die Reichs­ta­ge mit An­ga­be des Haupt­the­mas be­zie­hungs­wei­se des Haupt­grun­des für das Wahl­er­geb­nis. Das reichs­wei­te Wahl­er­geb­nis wird das Re­sul­tat in der Rhein­pro­vinz er­gän­zen. In ei­nem ab­schlie­ßen­den Fa­zit wer­den the­sen­ar­tig lang­fris­ti­ge Trends durch struk­tu­rel­le Ein­fluss­fak­to­ren in der Rhein­pro­vinz auf­ge­zeigt.

Otto von Bismarck, Gemälde von Franz von Lenbach (1836-1904), 1894. (Privatsammlung)

 

2. Der Zeitraum

Der hier be­trach­te­te Zeit­raum ist von meh­re­ren tie­fen his­to­ri­schen Ein­schnit­ten durch­zo­gen. Die auf­fäl­ligs­te Un­ter­tei­lung bie­tet sich zwi­schen dem so ge­nann­ten „Kai­ser­reich“ von 1871 bis 1918 und der „Wei­ma­rer Re­pu­bli­k“ von 1918 bis 1933 an. Der Zu­sam­men­bruch der Mon­ar­chie und ihr Er­satz durch ei­ne re­pu­bli­ka­ni­sche Ver­fas­sung sind au­gen­schein­lich. Mit die­sem Wech­sel des po­li­ti­schen Sys­tems war zu­gleich ei­ne fun­da­men­ta­le Neu­ge­stal­tung des Wahl­rechts ver­bun­den. Aber auch in­ner­halb die­ser Zeit­räu­me gab es his­to­risch mar­kan­te Ein­schnit­te. Für das Kai­ser­reich ist es die „Bis­marck­zeit“ von 1871 bis 1888, in wel­cher der Reichs­kanz­ler und Preu­ßi­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Ot­to von Bis­marck (1815-1898, Reichs­kanz­ler 1871-1890) fast un­ein­ge­schränkt von sei­nem Mon­ar­chen Wil­helm I. (1797-1888, Re­gent­schaft ab 1858, als Kai­ser 1871-1888) in der La­ge war, Preu­ßen und dem Deut­schen Reich sei­nen Stem­pel auf­zu­drü­cken. Es war kei­ne gren­zen­lo­se und selbst­ver­ständ­lich auch kei­ne to­ta­li­tä­re Herr­schaft, son­dern sie war ein­ge­fügt in ei­ne Ver­fas­sung. Aber am „Ei­ser­nen Kanz­ler“ als Haupt­ak­teur des po­li­ti­schen Ge­sche­hens kam kei­ner vor­bei. In den letz­ten Jah­ren sei­ner Amts­zeit konn­te er nicht mehr oh­ne wei­te­res der ge­sell­schaft­li­chen, wirt­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Dy­na­mik fol­gen. In­so­fern mar­kiert das „Drei-Kai­ser-Jahr“ 1888, in wel­chem bin­nen we­ni­ger Mo­na­te auf Wil­helm I. sein tod­kran­ker Sohn Fried­rich III. (1831-1888, Re­gent­schaft 1888) und schlie­ß­lich sein En­kel Wil­helm II. (1859-1941, Re­gent­schaft 1888-1918) im Al­ter von 29 Jah­ren als Reichs­ober­haupt folg­ten, ei­nen Ein­schnitt. Für ei­ne kur­ze Über­gangs­zeit bis 1890 stell­te sich ein Rin­gen um die Macht zwi­schen dem al­ten Reichs­kanz­ler und dem jun­gen Kai­ser ein. Mit der Reichs­tags­wahl und der Ent­las­sung Bis­marcks aus den po­li­ti­schen Spit­zen­äm­tern des Reichs und Preu­ßens im Jahr 1890 tritt das Deut­sche Reich in ei­nen neu­en his­to­ri­schen Ab­schnitt. Durch die Be­grif­fe „Wil­hel­mi­nis­mus“ oder „Wil­hel­mi­ni­sche Är­a“ wird das „per­sön­li­che Re­gi­men­t“ für den Po­li­tik­stil Wil­helms II. ge­prägt, der 1918 en­de­te.

Friedrich III., undatiertes Porträt.

 

Der Bruch, der mit der No­vem­ber­re­vo­lu­ti­on in Deutsch­land ein­trat, war zwei­fel­los tief­grei­fend. Die re­vo­lu­tio­nä­re be­zie­hungs­wei­se vor­kon­sti­tu­tio­nel­le Pe­ri­ode der Wei­ma­rer Re­pu­blik trat mit der Wahl zur ver­fas­sung­ge­ben­den Na­tio­nal­ver­samm­lung am 19.1.1919 in die Pha­se der Par­la­men­ta­ri­sie­rung, je­doch blieb die Re­pu­blik in ei­ner sehr la­bi­len La­ge. In der mitt­le­ren Pha­se von der Wäh­rungs­re­form ab sta­bi­li­sier­te sich die Re­pu­blik schein­bar. Die ers­te Volks­wahl des Reichs­prä­si­den­ten im Jahr 1925 in zwei Wahl­gän­gen brach­te al­ler­dings mit dem ehe­ma­li­gen kai­ser­li­chen Ge­ne­ral­feld­mar­schall Paul von Hin­den­burg (1847-1934) ei­nen Prot­ago­nis­ten des al­ten Sys­tems an die Spit­ze der Re­pu­blik. Mit dem Aus­ein­an­der­bre­chen der „Gro­ßen Ko­ali­ti­on“ un­ter dem SPD-Reichs­kanz­ler Her­mann Mül­ler (1876-1931, Amts­zei­ten 1920, 1928-1930) im Jahr 1930 en­de­te die letz­te Reichs­re­gie­rung, die sich auf ei­ne Mehr­heit im Reichs­tag stüt­zen konn­te. Nun trat die Re­pu­blik in ei­ne an­hal­ten­de Staats­kri­se, die 1933 in die Hit­ler-Dik­ta­tur mün­de­te. Es gab nur noch „Prä­si­di­al­ka­bi­net­te“, die sich aus­schlie­ß­lich auf das Ver­trau­en des Reichs­prä­si­den­ten stüt­zen konn­ten. Die schwe­ren Fol­ge­er­schei­nun­gen der Welt­wirt­schafts­kri­se ab 1929 be­schleu­nig­ten die Ero­si­on der ers­ten deut­schen Re­pu­blik. Das Jahr 1932 mit sei­ner wirt­schaft­li­chen und so­zia­len De­pres­si­on und sei­nen vier reichs­wei­ten Wahl­gän­gen wur­de zum „Ka­ta­stro­phen­jahr“ der Re­pu­blik. Mit ihr en­de­ten auch die frei­en und fai­ren Wah­len zum Reichs­tag.

3. Das Kaiserreich von 1871 bis 1912

3.1 Rechtliche Grundlagen

Die Reichs­ver­fas­sung

Nach dem Sieg im Deutsch-Fran­zö­si­schen Krieg 1870/1871 war Bis­marck dar­an in­ter­es­siert, rasch den Nord­deut­schen Bund um die süd­deut­schen Staa­ten Ba­den, Bay­ern, Würt­tem­berg und Gro­ßher­zog­tum Hes­sen als „klein­deut­sche Lö­sun­g“ oh­ne Ös­ter­reich zu er­wei­tern. Das neue Reich in Mit­tel­eu­ro­pa be­stand aus 25 deut­schen Bun­des­staa­ten und dem „Reichs­land El­sass-Loth­rin­gen“.

Hermann Müller, 1928. (Bundesarchiv / Bild 146-1979-122-28A)

 

Die Ver­fas­sung des Deut­schen Reichs vom 16.4.1871 war im Prin­zip ei­ne Über­nah­me der Ver­fas­sung des Nord­deut­schen Bun­des von 1.7.1867, der un­ter der He­ge­mo­ni­al­macht Preu­ßen ge­stan­den hat­te. Für die Süd­deut­schen wur­den ein paar ver­fas­sungs­recht­li­che Mar­gi­na­li­en ein­ge­fügt. An der Spit­ze des Reichs stand als „Deut­scher Kai­ser“ der Kö­nig von Preu­ßen. Er ver­trat das Reich völ­ker­recht­lich. Der Kai­ser konn­te mit Zu­stim­mung des „Bun­des­ra­tes“ Krieg er­klä­ren und Frie­den schlie­ßen. Im Mi­li­tär­we­sen be­saß der Kai­ser ei­ne aus­ge­präg­te Macht­fül­le. Es ent­stand ei­ne Art „mi­li­tä­ri­scher Ne­ben­re­gie­run­g“. Dem Kai­ser stand das Recht zu, oh­ne ein Mit­wir­kungs­recht Drit­ter je­der­zeit den Reichs­kanz­ler zu er­nen­nen und zu ent­las­sen. Der Reichs­kanz­ler be­saß als Vor­sit­zen­der des „Bun­des­ra­tes“ ei­ne star­ke Stel­lung in der Exe­ku­ti­ve. Sei­ne Ge­stal­tungs­macht hing aus­schlie­ß­lich vom per­sön­li­chen Ver­trau­en des Kai­sers ab. Mi­nis­te­ri­en des Reichs wa­ren nicht vor­ge­se­hen. An­fäng­lich über­nahm das Reichs­kanz­ler­amt die or­ga­ni­sa­to­ri­schen Auf­ga­ben der Reich­sexe­ku­ti­ve. Im Lau­fe der Jah­re ent­stan­den dann fach­lich dif­fe­ren­zier­te „Reichs­äm­ter“. Al­ler­dings gab es ei­ne en­ge per­so­nel­le Ver­flech­tung zwi­schen den Be­hör­den des Reichs und Preu­ßens, die sich auch in der lang­jäh­ri­gen Per­so­nal­uni­on des Am­tes des Reichs­kanz­lers mit dem des Preu­ßi­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten an der Spit­ze aus­drück­te. Da das „Deut­sche Reich“ ein Fürs­ten­bund war, stand die for­ma­le Sou­ve­rä­ni­tät wei­ter­hin den Bun­des­glie­dern, das hei­ßt den re­gie­ren­den Mon­ar­chen und Se­na­ten der frei­en Han­se­städ­te zu. Die­ser Fürs­ten­bund hat­te im „Bun­des­ra­t“ sein ge­mein­sa­mes Reichs­or­gan. Zwar hat­te Preu­ßen nicht die Mehr­heit der Stim­men, konn­te sich aber fak­tisch sei­ne He­ge­mo­nie si­chern. Der Bun­des­rat über­nahm in der Ge­setz­ge­bung des Reichs ei­ne zen­tra­le Rol­le. Au­ßer­dem war der Bun­des­rat für die Aus­füh­rungs­be­stim­mun­gen der Ver­wal­tun­gen ver­ant­wort­lich. In der Öf­fent­lich­keit wur­de der Bun­des­rat kaum wahr­ge­nom­men. Ge­gen die Rich­tungs­ent­schei­dun­gen des Kai­sers und des Reichs­kanz­lers gab es kaum wirk­sa­me Op­po­si­ti­on. Der Reichs­tag als „Volks­ver­tre­tun­g“ und „Zwei­te Kam­mer“ in der Ge­setz­ge­bung be­saß nur ein­ge­schränk­te Rech­te im Ver­gleich zur par­la­men­ta­ri­schen De­mo­kra­tie. Er konn­te vom Bun­des­rat mit Zu­stim­mung des Kai­sers je­der­zeit für Neu­wah­len auf­ge­löst wer­den, oh­ne dass es ei­ner qua­li­fi­zier­ten Be­grün­dung be­durf­te. Ge­setz­ent­wür­fe konn­ten vom Bun­des­rat in den Reichs­tag ein­ge­bracht wer­den oder aus dem Reichs­tag selbst kom­men. Ge­set­ze konn­ten aber nur in Kraft tre­ten, wenn der Bun­des­rat und der Reichs­tag je­weils Mehr­heits­be­schlüs­se ge­fasst hat­ten. Da­mit wa­ren In­itia­ti­ven des Reichs­ta­ges en­ge Gren­zen und nur mit dem Wil­len der Re­gie­run­gen der Bun­des­staa­ten mög­lich. Das Recht für den Reichs­haus­halt war die wich­tigs­te Kom­pe­tenz des Reichs­tags. Da die­ses Recht für den Mi­li­tä­re­tat ein­ge­schränkt war, die­ser aber das bei wei­tem grö­ß­te Aus­ga­ben­vo­lu­men hat­te, war auch hier die Zu­stän­dig­keit der Volks­ver­tre­tung be­schnit­ten, zu­mal die Mi­li­tär­aus­ga­ben für län­ge­re Zeit­räu­me („Sep­ten­na­te“) als der Jah­res­haus­halts­plan be­schlos­sen wur­den. Auch auf die Au­ßen­po­li­tik, ein Schwer­punkt im Zu­stän­dig­keits­ka­ta­log des Reichs, hat­te der Reichs­tag nach die­ser Ver­fas­sung nur ei­nen be­grenz­ten Ein­fluss. Un­ter die­sen ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­din­gun­gen kann nur von ei­ner „halb­kon­sti­tu­tio­nel­len Mon­ar­chie“ oder von ei­nem „ex­tra­kon­sti­tu­tio­nel­len Kern“ (Tho­mas Nip­per­dey) auf Reichs­ebe­ne ge­spro­chen wer­den. Ins­be­son­de­re in der zwei­ten Hälf­te des Kai­ser­reichs ge­lang je­doch ei­ne zu­neh­men­de „Par­la­men­ta­ri­sie­run­g“ des Reichs, oh­ne die Ver­fas­sungs­norm an­zu­pas­sen.

Das Wahl­recht

Für das Wahl­recht zum Reichs­tag des Deut­schen Reichs wa­ren das Wahl­ge­setz für den Reichs­tag des Nord­deut­schen Bun­des vom 31.5.1869 (BGBl. S. 145) und das Re­gle­ment vom 28.5.1870 zur Aus­füh­rung des Wahl­ge­set­zes ma­ß­ge­bend. Die Ein­tei­lung der Wahl­krei­se er­folg­te in Preu­ßen durch die An­la­ge C die­ses Re­gle­ments. Von den 382 Wahl­krei­sen im Deut­schen Reich im Jahr 1871 be­zie­hungs­wei­se 397 nach dem Ein­schluss von El­sass-Loth­rin­gen in die Reichs­tags­wah­len ab 1874 ent­fie­len 236 auf Preu­ßen, dar­un­ter 35 für die Rhein­pro­vinz (oh­ne den als „Ho­hen­zol­lern­sche Lan­de“ be­zeich­ne­ten Re­gie­rungs­be­zirk Sig­ma­rin­gen, der 1850 recht­lich par­ti­ell der Rhein­pro­vinz zu­ge­ord­net wor­den war). Der An­teil der rhei­ni­schen Man­da­te ent­sprach mit fast 15 Pro­zent auch sei­nem Be­völ­ke­rungs­an­teil im Kö­nig­reich Preu­ßen. Je­der Wahl­kreis um­fass­te 100.000 Ein­woh­ner be­zie­hungs­wei­se 20.000 Wahl­be­rech­tig­te. Die Fest­le­gung der Wahl­kreis­gren­zen er­folg­te nach dem Stand der Volks­zäh­lung von 1864 an­läss­lich der Wahl zum Kon­sti­tu­ie­ren­den Nord­deut­schen Reichs­tag am 12.2.1867. Das ak­ti­ve Wahl­recht be­sa­ßen al­le männ­li­chen Reichs­deut­schen nach der Voll­endung des 25. Le­bens­jah­res, die in ei­nem Bun­des­staat ih­ren Wohn­sitz hat­ten. Für ak­ti­ve Sol­da­ten ruh­te das Wahl­recht. Vom Wahl­recht aus­ge­schlos­sen wa­ren Per­so­nen, de­nen die bür­ger­li­chen Eh­ren­rech­te ent­zo­gen oder die aus po­li­ti­schen Grün­den be­straft wor­den wa­ren, ei­nen Vor­mund brauch­ten, in ei­nem In­sol­venz­ver­fah­ren stan­den oder mit öf­fent­li­chen Mit­teln we­gen Ar­mut un­ter­stützt wur­den. Als Kan­di­da­ten ka­men die Wahl­be­rech­tig­ten und Sol­da­ten im Mi­li­tär­dienst in Be­tracht, die min­des­tens seit ei­nem Jahr die Staats­an­ge­hö­rig­keit ei­nes Bun­des­staa­tes be­sa­ßen. Die Be­wer­ber konn­ten in meh­re­ren Wahl­krei­sen kan­di­die­ren. Ein mehr­fach Ge­wähl­ter muss­te er­klä­ren, wel­ches der ge­won­ne­nen Man­da­te er an­neh­men woll­te. In den üb­ri­gen Wahl­krei­sen fan­den dann Neu­wah­len statt. Das Wahl­ver­fah­ren für die männ­li­chen Wahl­be­rech­tig­ten soll­te all­ge­mein, gleich, di­rekt und ge­heim sein. Die­se Wahl­grund­sät­ze wa­ren durch­aus nicht selbst­ver­ständ­lich. Die mo­dern und de­mo­kra­tisch schei­nen­den Maß­stä­be ei­ner fai­ren Wahl stan­den zum Bei­spiel im Ge­gen­satz zum Drei-Klas­sen-Wahl­recht für das Preu­ßi­sche Ab­ge­ord­ne­ten­haus. Die Reichs­tags­wahl war ei­ne rei­ne Per­sön­lich­keits­wahl nach den Grund­sät­zen der ab­so­lu­ten Mehr­heits­wahl in den Wahl­krei­sen. In den Wahl­krei­sen war je­weils ein Be­wer­ber ge­wählt, der im ers­ten Wahl­gang min­des­tens 50 Pro­zent der ab­ge­ge­be­nen gül­ti­gen Stim­men auf sich ver­ei­ni­gen muss­te. Falls dies nicht ge­lang, fand in ei­nem zwei­ten Wahl­gang ei­ne Stich­wahl zwi­schen den zwei Kan­di­da­ten mit den meis­ten Stim­men aus dem ers­ten Wahl­gang statt. Der Kreis der Wahl­be­rech­tig­ten war im zwei­ten Wahl­gang mit dem des ers­ten Wahl­gangs iden­tisch. Je­der Wäh­ler hat­te ei­ne Stim­me, die er in ei­nem Wahl­lo­kal per­sön­lich ab­gab („Ur­nen­wahl“). Die Nach­wahl von Er­satz­ab­ge­ord­ne­ten an­stel­le von vor­zei­tig Aus­ge­schie­de­nen ge­schah un­ter den Be­din­gun­gen der Haupt­wahl für den Rest der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode. Wäh­rend des Kai­ser­reichs wur­den die Grund­zü­ge des Wahl­rechts bis kurz vor dem En­de des Ers­ten Welt­krie­ges nicht ge­än­dert. Die Ein­tei­lung der Wahl­krei­se blieb un­ver­än­dert, ob­wohl die Be­völ­ke­rung vor al­lem in den In­dus­trie- und Berg­bau­re­gio­nen an Rhein und Ruhr stark ge­wach­sen war. Da­mit er­gab sich ei­ne zu­neh­men­de Un­gleich­heit des Ge­wichts der ein­zel­nen Wäh­ler­stim­me für die Be­stim­mung ei­nes Ab­ge­ord­ne­ten zu­guns­ten länd­li­cher und zu­las­ten in­dus­tria­li­sier­ter Re­gio­nen der Rhein­pro­vinz. Das Wahl­recht brach­te ins­ge­samt Vor­tei­le für grö­ße­re Par­tei­en, de­ren Wäh­ler re­gio­nal kon­zen­triert wa­ren und eher auf dem Lan­de wohn­ten. Die Wahl­pe­ri­ode des Deut­schen Reichs­tags be­trug zu­nächst drei Jah­re und wur­de am 18.3.1888 auf fünf Jah­re ver­län­gert.

3.2 Die politischen Parteien

Im Lau­fe des 19. Jahr­hun­derts ent­wi­ckel­te sich das so ge­nann­te „Fünf-Par­tei­en-Sys­te­m“, das ty­pisch für das deut­sche Kai­ser­reich von 1871 bis 1912 war: Kon­ser­va­ti­ve (Deutsch­kon­ser­va­ti­ve, Frei­kon­ser­va­ti­ve als „Deut­sche Reichs­par­tei“), Po­li­ti­scher Ka­tho­li­zis­mus (Zen­trum), Rechts­li­be­ra­le („Na­tio­nal­li­be­ra­le“), Links­li­be­ra­le („Fort­schrit­t“ oder „Frei­sin­ni­g“), so­zia­lis­ti­sche Ar­bei­ter­be­we­gung (SPD und ih­re Vor­gän­ge­rin­nen). For­ciert wur­de die Ent­ste­hung po­li­ti­scher Par­tei­en im mo­der­nen Sin­ne durch die Re­vo­lu­ti­on im Jahr 1848, die wach­sen­den so­zia­len Span­nun­gen durch die In­dus­tria­li­sie­rung und das Be­völ­ke­rungs­wachs­tum so­wie die Ein­füh­rung re­gel­mä­ßi­ger Wah­len zu par­la­men­ta­ri­schen Kör­per­schaf­ten.

Im Ge­biet der Rhein­pro­vinz er­hiel­ten fol­gen­de Par­tei­en be­zie­hungs­wei­se Grup­pie­run­gen von po­li­tisch rechts nach links Man­da­te:

Kon­ser­va­ti­ve (K), Deutsch-Kon­ser­va­ti­ve Par­tei (DKP)

Auf dem rech­ten po­li­ti­schen Spek­trum sam­mel­ten sich die „Kon­ser­va­ti­ven“. Von ih­nen wur­de 1876 die DKP ge­grün­det. Sie ver­trat vor al­lem das tra­di­tio­nel­le Preu­ßen­tum in ei­nem fö­de­ral-mon­ar­chisch ver­fass­ten Deut­schen Reich. Die Deutsch-Kon­ser­va­ti­ven lehn­ten den Par­la­men­ta­ris­mus ab und woll­ten ei­ne au­to­ri­tä­re Herr­schaft. Ih­re Kli­en­tel wa­ren die Land­wirt­schaft und der ost­el­bi­sche Gro­ßgrund­be­sitz. Die DKP un­ter­hielt gu­te Ver­bin­dun­gen zu staat­li­chen Ver­wal­tungs­stel­len und zur evan­ge­li­schen Kir­che in Preu­ßen.

Deut­sche Reichs­par­tei (DRP)

Im Jahr 1867 trenn­te sich ei­ne Grup­pe kon­ser­va­ti­ver Ab­ge­ord­ne­ter („Frei­kon­ser­va­ti­ve“) von den so ge­nann­ten „Alt­kon­ser­va­ti­ven“ (sie­he DKP). Sie trat pro­gram­ma­tisch als ge­mä­ßig­te Rechts­par­tei zwi­schen der DKP und der rechts­li­be­ra­len NLP auf und un­ter­stütz­te die Ei­ni­gungs- und Wirt­schafts­po­li­tik Bis­marcks. Mit der Reichs­grün­dung 1871 nahm sie den Par­tei­na­men an. Bei der DRP han­del­te es sich um ei­ne Ho­no­ra­tio­ren­par­tei ein­fluss­rei­cher Ade­li­ger, Gro­ßgrund­be­sit­zer, Di­plo­ma­ten und In­dus­tri­el­ler. Rhei­ni­sche Bei­spie­le sind die bei­den In­dus­tri­el­len Fried­rich Al­fred Krupp (1854-1902, Ab­ge­ord­ne­ter des Wahl­krei­ses Es­sen in der 9. Wahl­pe­ri­ode 1893-1898) und Carl Fer­di­nand Frei­herr von Stumm-Hal­berg (1836-1901, Ab­ge­ord­ne­ter des Wahl­krei­ses Ott­wei­ler-St. Wen­del-Mei­sen­heim 1.-4. Wahl­pe­ri­ode 1871-1881 und 8.-10. Wahl­pe­ri­ode 1890-1901).

Li­be­ra­le Reichs­par­tei (LRP)

Die LRP wur­de von ge­mä­ßigt Kon­ser­va­ti­ven und eher rechts ste­hen­den alt­li­be­ra­len Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ten im Jahr 1871 ge­grün­det. Ih­re Po­si­ti­on war fö­de­ra­lis­tisch und kon­sti­tu­tio­nell. Die Par­tei wand­te sich scharf ge­gen den Ul­tra­mon­ta­nis­mus der ka­tho­li­schen Kir­che und en­ga­gier­te sich für den Kul­tur­kampf Bis­marcks. Be­reits 1874 ver­sank sie in völ­li­ge Be­deu­tungs­lo­sig­keit, die Mit­glie­der tra­ten zur NLP oder zu den „Frei­kon­ser­va­ti­ven“ über.

Deut­sche Zen­trums­par­tei (Zen­trum, Z)

Ei­ne Volks­par­tei im en­gen Sin­ne des Be­griffs ent­stand ab 1870 mit dem „Zen­trum“, das den po­li­ti­schen Ka­tho­li­zis­mus in al­len Schich­ten und Be­rufs­grup­pen ver­trat. Sein ent­schei­den­des Bin­dungs­mit­tel war die Zu­ge­hö­rig­keit zur rö­misch-ka­tho­li­schen Kir­che. Die Par­tei ver­trat die In­ter­es­sen der Land­wirt­schaft, des Mit­tel­stan­des und der Ar­bei­ter. Das ka­tho­li­sche Ver­eins­we­sen bil­de­te die Grund­la­ge für sei­ne po­li­ti­sche Stär­ke. Sei­ne ver­fas­sungs­recht­li­chen und ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Vor­stel­lun­gen las­sen sich mit den Be­grif­fen Bun­des­staat, Sub­si­dia­ri­tät, Selbst­ver­wal­tung und Na­tur­recht um­schrei­ben. Das Zen­trum en­ga­gier­te sich für ka­tho­li­sche Be­kennt­nis­schu­len und Er­zie­hung. Es war an­ti­re­vo­lu­tio­när und wand­te sich ge­gen das so­zia­lis­ti­sche Pro­gramm der So­zi­al­de­mo­kra­ten. Im „Kul­tur­kampf“ stand das Zen­trum im Rah­men der Ver­fas­sung in schar­fer Geg­ner­schaft zum evan­ge­lisch do­mi­nier­ten preu­ßi­schen Staat. War das Zen­trum bei der ers­ten Reichs­tags­wahl 1871 noch schwach or­ga­ni­siert, so be­för­der­te der an­schlie­ßen­de „Kul­tur­kampf“ Bis­marcks die Iden­ti­täts­fin­dung und Wahl­kampf­fä­hig­keit des Zen­trums. Stan­den das Zen­trum und Bis­marck in den ers­ten Jah­ren des Kai­ser­reichs in ei­nem gro­ßen Ge­gen­satz, so ent­krampf­te sich das Ver­hält­nis in dem Ma­ße, wie das Zen­trum ei­ne staats­tra­gen­de Rol­le über­nahm.

Na­tio­nal­li­be­ra­le Par­tei (NLP)

Die NLP er­schloss den rech­ten Flü­gel des deut­schen Li­be­ra­lis­mus. Li­be­ra­le, die Bis­marcks Po­li­tik un­ter­stüt­zen woll­ten, grün­de­ten die Par­tei im Jahr 1867. Pro­gram­ma­tisch ver­band die NLP li­be­ral-rechts­staat­li­che Zie­le wie die Ver­ein­heit­li­chung des Zi­vil­rechts durch ein Bür­ger­li­ches Ge­setz­buch und den Aus­bau der Selbst­ver­wal­tung mit For­de­run­gen nach ei­nem star­ken Staat und Na­tio­na­lis­mus. Im „Kul­tur­kampf“ ge­gen die ka­tho­li­sche Kir­che war sie ei­ne der trei­ben­den Kräf­te. In der Par­tei tra­ten star­ke Span­nun­gen über die Zoll- und Wirt­schafts­po­li­tik und das Ver­hält­nis zu den So­zi­al­de­mo­kra­ten an­läss­lich des So­zia­lis­ten­ge­set­zes auf. 1880 trenn­te sich der lin­ke Flü­gel von der NLP. Die Par­tei wur­de von der In­dus­trie und von ein­fluss­rei­chen bür­ger­li­chen Krei­sen un­ter­stützt. Die NLP war vor al­lem für Pro­tes­tan­ten wähl­bar.

Die links­li­be­ra­len Par­tei­en: Deut­sche Fort­schritts­par­tei (DFP), Deut­sche Frei­sin­ni­ge Par­tei (DFrP), Frei­sin­ni­ge Ver­ei­ni­gung (FVg)

Wie die Rechts­li­be­ra­len hat­ten die Links­li­be­ra­len die Grund­sät­ze des Rechts­staats und die in­di­vi­du­el­len Frei­heits­rech­te im Blick. In der Wirt­schafts­po­li­tik ver­tra­ten sie die Frei­heit der Markt­wirt­schaft. Die Links­li­be­ra­len stan­den im Rah­men der Ver­fas­sung und des Par­la­men­ta­ris­mus in ei­ner ten­den­zi­ell op­po­si­tio­nel­len Hal­tung zur Reichs­lei­tung. Im Un­ter­schied zu den „Na­tio­nal­li­be­ra­len“ en­ga­gier­ten sie sich für ei­ne ak­ti­ve So­zi­al­po­li­tik und ei­ne weit­ge­hen­de Par­la­men­ta­ri­sie­rung der Mon­ar­chie. Der Links­li­be­ra­lis­mus war von meh­re­ren Par­tei­spal­tun­gen und -fu­sio­nen be­trof­fen. 1861 hat­ten sich de­mo­kra­ti­sche und li­be­ra­le Ab­ge­ord­ne­te des Preu­ßi­schen Ab­ge­ord­ne­ten­hau­ses zur DFP zu­sam­men­ge­schlos­sen. Po­li­ti­ker des lin­ken Flü­gels der NLP tra­ten 1880 aus der Par­tei aus. Die­se als „Se­zes­sio­nis­ten“ be­zeich­ne­te Grup­pe grün­de­te die „Li­be­ra­le Ver­ei­ni­gun­g“. Die DFP und die „Li­be­ra­le Ver­ei­ni­gun­g“ fu­sio­nier­ten 1884 zur DFrP. We­gen des Ab­stim­mungs­ver­hal­tens zur Re­gie­rungs­vor­la­ge für die Mi­li­tär­fi­nan­zie­rung kam es 1893 zur Spal­tung der DFrP in die ge­mä­ßig­te FVg und in die schär­fer op­po­si­tio­nel­le „Frei­sin­ni­ge Volks­par­tei“. An­läss­lich der Reichs­tags­wahl 1907 ver­stän­dig­ten sich die FVg mit der „Deut­schen Volks­par­tei“ und der „Frei­sin­ni­gen Volks­par­tei“ über ei­nen ge­mein­sa­men Wahl­kampf. Die drei Par­tei­en schlos­sen sich 1910 zur „Fort­schritt­li­chen Volks­par­tei“ zu­sam­men.

So­zi­al­de­mo­kra­ten (S), So­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei Deutsch­lands (SPD)

Die Grün­dung der so­zia­lis­ti­schen Par­tei­en, die die Wur­zeln der spä­te­ren SPD bil­de­ten, er­folg­te 1863 („All­ge­mei­ner Deut­scher Ar­bei­ter­ver­ein“ Las­sal­le) und 1869 („So­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Ar­bei­ter­par­tei“ Be­bel). 1875 schlos­sen sich die bei­den Par­tei­en der Ar­bei­ter­be­we­gung zur „So­zia­lis­ti­schen Ar­bei­ter­par­tei Deutsch­land­s“ zu­sam­men. Nach dem En­de des So­zia­lis­ten­ge­set­zes 1890 er­folg­te die Um­be­nen­nung in die SPD.

Die so­zia­lis­ti­sche Ar­bei­ter­be­we­gung stand in ei­nem fun­da­men­ta­len Ge­gen­satz zu den herr­schen­den po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Prot­ago­nis­ten und der Staats­ver­fas­sung. Pro­gram­ma­tisch grün­de­te sie ih­re Welt­an­schau­ung auf dem Mar­xis­mus. Die So­zi­al­de­mo­kra­ten for­der­ten so­zia­le und po­li­ti­sche Gleich­be­rech­ti­gung. Sie sa­hen in der Re­vo­lu­ti­on den ad­äqua­ten Weg zur Durch­set­zung ih­rer Zie­le. Ihr re­vi­sio­nis­ti­scher Flü­gel un­ter dem Ein­fluss der Ge­werk­schaf­ten ver­lang­te ei­nen Acht-Stun­den-Tag, Ar­bei­ter­schutz­recht, Teil­nah­me an Wah­len und am Par­la­men­ta­ris­mus. Die So­zi­al­de­mo­kra­ten stan­den von 1878-1890 un­ter Ver­fol­gung durch das So­zia­lis­ten­ge­setz. Die Kli­en­tel der SPD war vor­nehm­lich die ge­lern­te Ar­bei­ter­schaft.

Wilhelm I., Porträt des Hoffotografen Wilhelm Kuntzemüller (1845-1918), 1884.

 

An­ti­se­mi­ten (A)

Erst re­la­tiv spät in der Ge­schich­te des Kai­ser­reichs for­mier­ten sich die An­ti­se­mi­ten in der Par­tei­en­land­schaft. 1878 kam es zur Grün­dung der „Christ­lich­so­zia­len Ar­bei­ter­par­tei“ (ab 1881 „Christ­lich­so­zia­le Par­tei“). 1889 wur­de die „Deutsch­so­zia­le An­ti­se­mi­ti­sche Par­tei“ als Zu­sam­men­schluss meh­re­rer Split­ter­grup­pen ge­grün­det. Die Par­tei­en stell­ten sich als pro­tes­tan­tisch dar und wa­ren an­ti­li­be­ral, an­ti­ka­pi­ta­lis­tisch und an­ti­so­zia­lis­tisch. Zu­spruch er­hiel­ten die An­ti­se­mi­ten nach den Wirt­schafts­kri­sen 1873 und in den frü­hen 1890er Jah­ren. 1890 konn­te ei­ne an­ti­se­mi­ti­sche Frak­ti­on ge­bil­det wer­den. Es kam zu ei­ner Rei­he von Zu­sam­men­schlüs­sen, Spal­tun­gen und Um­be­nen­nun­gen. Un­ter den an­ti­se­mi­ti­schen Po­li­ti­kern hat­te der evan­ge­li­sche Hof­pre­di­ger in Ber­lin, Adolf Stoecker (1835-1909), als Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ter ei­ne pro­mi­nen­te Stel­lung. Die An­ti­se­mi­ten ge­wan­nen vor al­lem auf dem Land Stim­men. Auch der städ­ti­sche Mit­tel­stand, die Klein­bau­ern und die Un­ter­schicht fühl­ten sich an­ge­spro­chen. Nach der Reichs­tags­wahl 1903 kam es zur Bil­dung ei­ner ge­mein­sa­men Frak­ti­on von an­ti­se­mi­ti­schen Par­tei­en un­ter dem Na­men „Wirt­schaft­li­che Ver­ei­ni­gun­g“.

3.3 Die Wahlen und Mandate 1871-1912 (vgl. Tabelle 1)

Wahl zum 1. Reichs­tag am 3.3.1871 am Be­ginn der „Bis­marck­zeit“

Für die Dau­er des Deutsch-Fran­zö­si­schen Krie­ges war die Le­gis­la­tur­pe­ri­ode des Reichs­ta­ges des Nord­deut­schen Bun­des, wel­cher zu­letzt am 31.8.1867 ge­wählt wor­den war, ver­län­gert wor­den. Der Wahl­ter­min wur­de nach dem En­de des Krie­ges auf den 3.3.1871 fest­ge­legt. Die Wahl zum ers­ten Deut­schen Reichs­tag stand ganz im Zei­chen der er­folg­rei­chen Au­ßen- und Deutsch­land­po­li­tik des Preu­ßi­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten und neu­en Reichs­kanz­lers Ot­to von Bis­marck. Die of­fen­sicht­lich ein­drucks­vol­le po­li­ti­sche Bi­lanz Bis­marcks stell­te sei­ne Geg­ner in den Schat­ten. Die ka­tho­li­sche Zen­trums­par­tei hat­te sich ge­ra­de erst im De­zem­ber 1870 als po­li­ti­sche Kraft auf Reichs­ebe­ne kon­sti­tu­iert. Am Vor­abend des „Kul­tur­kamp­fes“ war sie aber wei­ter­hin ein ziem­lich lo­cke­rer Zu­sam­men­schluss. Die po­li­ti­sche Lin­ke trat in zwei La­gern zur Wahl an und war kaum wahl­kampf­fä­hig. Ihr in­ter­na­tio­na­ler po­li­ti­scher An­satz pass­te bei die­sem Wahl­gang gar nicht zur na­tio­na­len Hoch­stim­mung nach dem Sieg über den „Erb­fein­d“ Frank­reich. Auch die Li­be­ra­len, seit 1867 in Links- und Rechts­li­be­ra­le ge­spal­ten, konn­ten die­sem Reichs­kanz­ler nichts ent­ge­gen set­zen, zu­mal un­ter ih­nen Un­ei­nig­keit über das Ver­hält­nis zu Bis­marck be­stand. Bis­marck ge­lang es, die Rechts­li­be­ra­len auf sei­ne Sei­te zu zie­hen und zu in­stru­men­ta­li­sie­ren. Für die Kon­ser­va­ti­ven des „al­ten Preu­ßen“ wur­de das neue Reich ei­ne Her­aus­for­de­rung. Ih­re un­be­ding­te Loya­li­tät galt dem preu­ßi­schen Kö­nig und Staat. In den ers­ten Jah­ren des Kai­ser­reichs er­wie­sen sich die Kon­ser­va­ti­ven als ver­läss­li­che Stüt­ze Bis­marcks.

Zu die­ser ers­ten Wahl wa­ren im Reich rund 7,7 Mil­lio­nen Ein­woh­ner wahl­be­rech­tigt, das ent­sprach un­ge­fähr ei­nem Fünf­tel der orts­an­we­sen­den Be­völ­ke­rung. Da nach dem Deutsch-Fran­zö­si­schen Krieg der Frie­dens­ver­trag von Frank­furt erst im Mai 1871 ab­ge­schlos­sen wur­de, nah­men die Ein­woh­ner der neu­en deut­schen Ge­bie­te El­sass und Loth­rin­gen nicht an die­ser Wahl teil. Die Wahl­be­tei­li­gung fiel mit 51 Pro­zent in ganz Deutsch­land re­la­tiv schwach aus. In der Rhein­pro­vinz kam es zu re­gio­nal gra­vie­ren­den Un­ter­schie­den. Wäh­rend im Re­gie­rungs­be­zirk Düs­sel­dorf über 58 Pro­zent zur Wahl gin­gen, be­trug die Wahl­be­tei­li­gung im Re­gie­rungs­be­zirk Aa­chen nur 43 Pro­zent. Nimmt man die orts­an­we­sen­de Be­völ­ke­rung als Be­zugs­grö­ße, wird deut­lich, wie klein der An­teil der Wäh­ler wirk­lich war. Er lag zum Bei­spiel im Re­gie­rungs­be­zirk Aa­chen ge­ra­de bei knapp 9 Pro­zent. In den 35 Wahl­krei­sen der Rhein­pro­vinz konn­ten 30 Ab­ge­ord­ne­te gleich im ers­ten Wahl­gang be­stimmt wer­den. Durch Stich­wah­len im zwei­ten Wahl­gang wur­den schlie­ß­lich die üb­ri­gen Man­da­te für den Reichs­tag ver­ge­ben. Das Er­geb­nis war Aus­druck der na­tio­na­len Be­geis­te­rung. Es sieg­ten die Kan­di­da­ten der Par­tei­en, die die Reichs­grün­dungs­po­li­tik Bis­marcks un­ter­stütz­ten: Die Frei­kon­ser­va­ti­ven be­zie­hungs­wei­se Deut­sche Reichs­par­tei, die Li­be­ra­le Reichs­par­tei und die Na­tio­nal­li­be­ra­le Par­tei. Die Kon­ser­va­ti­ven er­lit­ten deut­li­che Ver­lus­te im Ver­gleich zum letz­ten Reichs­tag des Nord­deut­schen Bun­des. Die stärks­te po­li­ti­sche Be­we­gung im Reichs­tag war der Li­be­ra­lis­mus, der sich al­ler­dings in ver­schie­de­ne Grup­pie­run­gen auf­teil­te. Die erst kurz vor der Wahl ge­grün­de­te Zen­trums­par­tei wur­de auf An­hieb zweit­stärks­te Par­tei im ers­ten Deut­schen Reichs­tag. Das Zen­trum er­wies sich schon bei die­ser Wahl als funk­tio­nie­ren­des Sam­mel­be­cken des Ka­tho­li­zis­mus, ob­wohl es noch un­zu­rei­chend or­ga­ni­siert war und es nicht für je­den Wahl­kreis Kan­di­da­ten auf­stel­len konn­te. In länd­li­chen Re­gio­nen des Rhein­lands wie in der Nord­ei­fel oder im Links­rhei­ni­schen ge­lan­gen dem Zen­trum aus dem Stand her­vor­ra­gen­de Er­geb­nis­se, wo es ei­ne ka­tho­li­sche Mehr­heit gab. Ins­ge­samt er­hielt es 23 von 35 rhei­ni­schen Wahl­krei­sen. Der gro­ße Er­folg des Zen­trums im Rhein­land führ­te da­zu, dass sei­ne Reichs­tags­frak­ti­on stark von Rhein­län­dern ge­prägt wur­de. Im Ver­gleich da­zu hat­ten die So­zi­al­de­mo­kra­ten gro­ße Schwie­rig­kei­ten. Die Er­geb­nis­se blie­ben sehr be­schei­den. Mit über 47 Pro­zent der Stim­men ge­lang ih­nen im ge­mein­sa­men Wahl­kreis der ber­gi­schen In­dus­trie­städ­te Bar­men und El­ber­feld (heu­te Tei­le von Wup­per­tal) ein her­aus­ra­gen­des Er­geb­nis. In Wahl­krei­sen mit ei­nem ho­hen pro­tes­tan­ti­schen An­teil ge­wan­nen Kan­di­da­ten von Par­tei­en, die rechts von der Mit­te stan­den: Wetz­lar-Al­ten­kir­chen, Kreuz­nach-Sim­mern, Saar­brü­cken und Ott­wei­ler-St. Wen­del-Mei­sen­heim so­wie in den ver­städ­ter­ten Re­gio­nen des Ber­gi­schen Lan­des und am Nie­der­rhein.

Die nun fol­gen­den Aus­ein­an­der­set­zung Bis­marcks mit der ka­tho­li­schen Kir­che ist als „Kul­tur­kampf" (Ru­dolf Vir­chow) in die Ge­schichts­bü­cher ein­ge­gan­gen. Bis­marck ver­such­te mit Ge­set­zen und schi­ka­nö­sen Maß­nah­men die ka­tho­li­sche Kir­che zu­rück­zu­drän­gen. Der "Kul­tur­kampf" ließ den Ge­gen­satz zwi­schen Preu­ßen und dem rhei­ni­schen Ka­tho­li­zis­mus wie­der auf­bre­chen. Oh­ne letzt­lich das po­li­ti­sche Ziel zu er­rei­chen, zog sich die Aus­ein­an­der­set­zung bis 1887 hin, wo­bei Bis­marck be­reits seit En­de der 1870er Jah­re be­gann ein­zu­len­ken.

Die Wahl zum 2. Reichs­tag am 10.1.1874 war vom Hö­he­punkt des „Kul­tur­kamp­fes“ zwi­schen Bis­marck und der ka­tho­li­schen Kir­che be­stimmt, vor al­lem im ka­tho­li­schen Rhein­land. Die als Maß­nah­me des Bis­marck­schen "Kul­tur­kamp­fes" im Mai 1873 er­las­se­nen Ge­set­ze hat­ten die ka­tho­li­sche Kir­che fast voll­stän­dig der staat­li­chen Re­gle­men­tie­rung un­ter­wor­fen. Am 9.3.1874 wur­den die ob­li­ga­to­ri­sche Zi­vil­ehe und das Zi­vil­stands­re­gis­ter auch in den Tei­len der Rhein­pro­vinz ein­ge­führt, in de­nen bis­lang der Code Na­po­lé­on nicht galt. Es kam zu mas­si­ven Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit dem rhei­ni­schen Kle­rus. Stell­ver­tre­tend da­für stan­den der Köl­ner Erz­bi­schof Pau­lus Mel­chers und der Trie­rer Bi­schof Mat­thi­as Eber­hard (1815-1876, Epis­ko­pat 1867-1876).

Adolf Stoecker, um 1880/1890, Porträtfoto.

 

Ge­gen­über der ers­ten Reichs­tags­wahl war die reichs­wei­te Wahl­be­tei­li­gung ge­gen­über 1871 um zehn Pro­zent­punk­te auf über 61 Pro­zent an­ge­stie­gen, in der Rhein­pro­vinz be­trug sie zwi­schen 80,6 Pro­zent im Re­gie­rungs­be­zirk Ko­blenz und 64,2 Pro­zent im Re­gie­rungs­be­zirk Aa­chen. Bei die­ser Wahl wur­den erst­mals Ab­ge­ord­ne­te für das Reichs­land El­sass-Loth­rin­gen be­stimmt. Das Wahl­er­geb­nis war ein Vo­tum der kon­fes­si­ons­po­li­ti­schen Ge­gen­sät­ze in der Aus­ein­an­der­set­zung Bis­marcks mit der ka­tho­li­schen Kir­che. Die ka­tho­li­sche Zen­trums­par­tei er­ziel­te gro­ße Ge­win­ne. Im Rhein­land konn­te sie in 27 von 35 Wahl­krei­sen ih­re Kan­di­da­ten durch­set­zen. Der po­li­ti­sche Ka­tho­li­zis­mus des Zen­trums wur­de zur be­stim­men­den Kraft in den nächs­ten Jahr­zehn­ten. Auch die li­be­ra­len Par­tei­en konn­ten sich ver­bes­sern, die Bis­marck un­ter­stüt­zen­den Na­tio­nal­li­be­ra­len hat­ten im Reichs­tag die mit Ab­stand meis­ten Man­da­te in­ne, ge­wan­nen aber in der Rhein­pro­vinz nur fünf Man­da­te. Den op­po­si­tio­nel­len Links­li­be­ra­len ge­lang der Ge­winn des Man­dats im Wahl­kreis So­lin­gen. Die Kon­ser­va­ti­ven er­lit­ten auch bei die­ser Wahl her­be Ver­lus­te. Auf dem lin­ken Spek­trum muss­te Bis­marck ein deut­li­ches Wachs­tum der bei­den so­zia­lis­ti­schen Par­tei­en auf reichs­weit ins­ge­samt fast 7 Pro­zent zur Kennt­nis neh­men. Im Rhein­land konn­te der „All­ge­mei­ne Deut­sche Ar­bei­ter­ver­ein“ (ADAV) das Man­dat im Wahl­kreis El­ber­feld-Bar­men ge­win­nen.

Die Wahl zum 3. Reichs­tag am 10.1.1877 brach­te nur ge­rin­ge Ab­wei­chun­gen ge­gen­über 1874. Auch die Wahl­be­tei­li­gung wich nur ge­ring­fü­gig von 1874 ab. Auf­fal­lend war der Rück­gang der Wahl­be­tei­li­gung im Re­gie­rungs­be­zirk Ko­blenz um 7 Pro­zent­punk­te. Die Bis­marck­sche Po­li­tik brach­te den Na­tio­nal­li­be­ra­len deut­li­che Ver­lus­te an Wäh­ler­stim­men und Man­da­ten ein, auch wenn sie wei­ter­hin im Reichs­tag die mit Ab­stand stärks­te Frak­ti­on blie­ben. Im Rhein­land konn­te sie aber noch das Man­dat im Wahl­kreis El­ber­feld-Bar­men von den So­zi­al­de­mo­kra­ten über­neh­men. Das ka­tho­li­sche Zen­trum konn­te sich in et­wa be­haup­ten und be­hielt sei­ne Wahl­krei­se. Reichs­wei­te Wahl­ge­win­ner wa­ren die Kon­ser­va­ti­ven als Geg­ner der Li­be­ra­len. Die 1876 for­mier­te DKP stand in der Nach­fol­ge der preu­ßi­schen Alt­kon­ser­va­ti­ven. Die Li­be­ra­len be­fan­den sich in wach­sen­den Span­nun­gen mit Bis­marcks Au­ßen­wirt­schafts­po­li­tik. Bis­marck war von ei­ner Frei­han­dels- zu ei­ner Schutz­zoll­po­li­tik über­ge­gan­gen und sah sich durch das Wahl­er­geb­nis in sei­nem Po­li­tik­wech­sel be­stä­tigt. Die „So­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Ar­bei­ter-Par­tei Deutsch­land­s“ (SAP) konn­te Ge­win­ne er­zie­len. In der Rhein­pro­vinz ver­lor sie das Man­dat des al­ten ADAV in El­ber­feld-Bar­men an die Na­tio­nal­li­be­ra­len, ge­wann da­für aber erst­ma­lig den be­nach­bar­ten ber­gi­schen Wahl­kreis So­lin­gen.

Der 3. Deut­sche Reichs­tag hat­te nur ei­ne kur­ze Le­gis­la­tur­pe­ri­ode. Bis­marck nahm die At­ten­ta­te auf Kai­ser Wil­helm I. im Mai und Ju­ni 1878 und die Aus­ein­an­der­set­zun­gen um sein Ge­setz zur Be­kämp­fung der so­zia­lis­ti­schen Be­we­gung im li­be­ral do­mi­nier­ten Reichs­tag zum An­lass Neu­wah­len her­bei­zu­füh­ren.

Haupt­the­ma des Wahl­kampfs für die Wahl zum 4. Reichs­tag am 30.6.1878 war das ge­plan­te „So­zia­lis­ten­ge­set­z“. Da Bis­marck zwei Wo­chen vor dem Wahl­ter­min durch den Ber­li­ner Kon­gress mit den eu­ro­päi­schen Mäch­ten ei­nen au­ßen­po­li­ti­schen Er­folg für Deutsch­land ver­buch­te, stie­gen sei­ne Chan­cen für das ge­wünsch­te Wahl­er­geb­nis. Bei die­ser Reichs­tags­wahl war die reichs­wei­te Wahl­be­tei­li­gung wie­der mi­ni­mal an­stie­gen, im Rhein­land da­ge­gen sehr un­ter­schied­lich stark. Am stärks­ten nahm sie im Re­gie­rungs­be­zirk Köln um 7 Pro­zent zu. Im Er­geb­nis war Bis­marcks in­nen­po­li­ti­sches Kal­kül auf­ge­gan­gen. Die kon­ser­va­ti­ven Par­tei­en ge­wan­nen klar. Im Rhein­land konn­te die frei­kon­ser­va­ti­ve „Reichs­par­tei“ ne­ben dem tra­di­tio­nel­len Man­dat im Wahl­kreis Ott­wei­ler-St. Wen­del-Mei­sen­heim noch zwei neue Wahl­krei­se im Re­gie­rungs­be­zirk Düs­sel­dorf (Len­nep-Mett­mann-Rem­scheid, So­lin­gen) ge­win­nen. Die Na­tio­nal­li­be­ra­len muss­ten spür­ba­re Ver­lus­te hin­neh­men, dar­un­ter im Rhein­land zwei ber­gi­sche von sechs Sit­zen. Sie blie­ben aber reichs­weit noch stärks­te Frak­ti­on knapp vor dem Zen­trum als zweit­stärks­te Par­tei. Die So­zi­al­de­mo­kra­ten ge­wan­nen wie­der den Wahl­kreis El­ber­feld-Bar­men, ver­lo­ren aber den be­nach­bar­ten Wahl­kreis So­lin­gen. Das Zen­trum blieb im Rhein­land sta­bil bei 27 Man­da­ten. Der Reichs­tag stimm­te in sei­ner neu­en Zu­sam­men­set­zung durch die Ab­ge­ord­ne­ten der Kon­ser­va­ti­ven und Na­tio­nal­li­be­ra­len dem „So­zia­lis­ten­ge­set­z“ zu. Die So­zi­al­de­mo­kra­ten be­hiel­ten ih­re Reichs­tags­man­da­te, wur­den nun aber mas­siv recht­lich und po­li­zei­lich in ih­rer Ar­beit ein­ge­schränkt. Mit den Stim­men der Kon­ser­va­ti­ven und der Zen­trums­par­tei wur­den im Ju­li 1879 Schutz­zöl­le für die Stüt­zung der deut­schen Wirt­schaft ein­ge­führt. Über die­se Au­ßen­han­dels­po­li­tik kam es zu tief­grei­fen­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen un­ter den Li­be­ra­len und zu Rück­trit­ten meh­re­rer li­be­ra­ler Mi­nis­ter. Der lin­ke Flü­gel der NLP trenn­te sich von der Par­tei­mehr­heit. Es setz­te nun der Ver­fall der po­li­ti­schen Macht des Li­be­ra­lis­mus ein. Der „Kul­tur­kampf“ zwi­schen Staat und ka­tho­li­scher Kir­che ging dem En­de ent­ge­gen. Die Ein­wei­hung des voll­ende­ten Köl­ner Doms am 15.10.1880 in Ge­gen­wart von Kai­ser Wil­helm I. stand im Zei­chen ei­ner An­nä­he­rung zwi­schen preu­ßi­schem Staat und ka­tho­li­scher Kir­che.

Die Wahl zum 5. Reichs­tag am 27.10.1881 wur­de von der De­bat­te über die Fi­nanz- und Au­ßen­wirt­schafts­po­li­tik be­stimmt. Die Wahl­be­tei­li­gung ging um rund 7 Pro­zent­punk­te stark zu­rück, im Rhein­land war der Rück­gang noch deut­lich stär­ker. Die kon­ser­va­ti­ven Par­tei­en ver­lo­ren zahl­rei­che Man­da­te. Die Na­tio­nal­li­be­ra­len muss­ten nach der Ab­spal­tung ih­res lin­ken Flü­gels ei­nen Ver­lust der Zu­stim­mung und Man­da­te um mehr als die Hälf­te von 1878 hin­neh­men. Die neue „Li­be­ra­le Ver­ei­ni­gun­g“ konn­te den Ver­lust nicht aus­glei­chen. Deut­li­che Ge­win­ner wa­ren die Links­li­be­ra­len der „Deut­schen Fort­schritts­par­tei“, die erst­mals zweit­stärks­te Reichs­tags­frak­ti­on wur­den. Im Re­gie­rungs­be­zirk Düs­sel­dorf konn­ten sie erst­mals im Ber­gi­schen Land zwei Wahl­krei­se ge­win­nen. Die Zen­trums­par­tei er­fuhr reichs­weit leich­te Stim­men­ver­lus­te, konn­te aber durch die neue Si­tua­ti­on bei sei­nen Kon­kur­ren­ten die Zahl der Man­da­te auf ein Vier­tel im Reichs­tag er­hö­hen und da­mit dort erst­mals stärks­te Frak­ti­on wer­den. Das rhei­ni­sche Zen­trum konn­te sei­ne Vor­macht­stel­lung durch­weg be­haup­ten. Den So­zi­al­de­mo­kra­ten ge­lang es trotz reichs­wei­ter star­ker Be­hin­de­run­gen Man­da­te hin­zu­zu­ge­win­nen. Sie konn­ten den Wahl­kreis So­lin­gen zu­rück­ge­win­nen, den sie bei der letz­ten Wahl an die DRP ver­lo­ren hat­ten. Die­sen Wahl­kreis konn­ten sie durch­ge­hend bis 1907 be­hal­ten. Die DKP konn­te den Na­tio­nal­li­be­ra­len den Wahl­kreis Wetz­lar-Al­ten­kir­chen ab­neh­men. Die Na­tio­nal­li­be­ra­len über­nah­men den Wahl­kreis Ott­wei­ler-St. Wen­del-Mei­sen­heim von der DRP. Die Wahl war ei­ne Nie­der­la­ge Bis­marcks. Nun muss­te sich der Reichs­kanz­ler in den letz­ten Jah­ren sei­ner Amts­zeit für sei­ne Po­li­tik wech­seln­de Mehr­hei­ten im Reichs­tag su­chen.

Im Vor­feld der Wahl zum 6. Reichs­tag am 28.10.1884 stand die ein­set­zen­de Ko­lo­ni­al­po­li­tik Deutsch­lands im Mit­tel­punkt des öf­fent­li­chen In­ter­es­ses. Die reichs­wei­te Wahl­be­tei­li­gung nahm im Ver­gleich zu 1881 um 4 Pro­zent­punk­te zu. Der zwi­schen­zeit­li­che Zu­sam­men­schluss der Links­li­be­ra­len zur „Deutsch-Frei­sin­ni­gen Par­tei“ blieb hin­ter dem Ge­samt­er­geb­nis von 1881 der ge­trennt an­ge­tre­te­nen „Li­be­ra­len Ver­ei­ni­gun­g“ und DFP zu­rück und stand in den städ­ti­schen Wahl­krei­sen zu­neh­mend im Wett­be­werb mit den So­zi­al­de­mo­kra­ten, wie zum Bei­spiel beim Wech­sel des Wahl­krei­ses El­ber­feld-Bar­men von der DFP zu den So­zi­al­de­mo­kra­ten. Die So­zi­al­de­mo­kra­ten ge­hör­ten zu den Wahl­ge­win­nern. Sie konn­ten den reichs­wei­ten Stim­men­an­teil von gut 6 Pro­zent auf 9,7 Pro­zent und die Zahl der Man­da­te von zwölf auf 24 er­hö­hen. Die Na­tio­nal­li­be­ra­len er­hiel­ten mehr Stim­men als zu­vor, wa­ren aber weit von ih­rer frü­he­ren Be­deu­tung ent­fernt.

Die DKP konn­te trotz reichs­wei­ten Stim­men­ver­lus­ten die Zahl der Man­da­te so stark er­hö­hen, dass sie hin­ter dem Zen­trum zweit­stärks­te Frak­ti­on im Reichs­tag wur­de. Die Zen­trums­par­tei blieb knapp auf dem Ni­veau der vor­he­ri­gen Wahl und deut­lich stärks­te Par­tei. Im Rhein­land stand ih­re Man­dats­zahl wie ein­ze­men­tiert.

Nach der vor­zei­ti­gen Auf­lö­sung die­ses Reichs­ta­ges fand die Wahl zum 7. Reichs­tag am 21.2.1887 statt. An­lass war die Ab­leh­nung der so ge­nann­ten „Hee­res­vor­la­ge“ Bis­marcks durch die Reichs­tags­mehr­heit. Die­ser Ge­setz­ent­wurf soll­te das be­fris­te­te Hee­res­ge­setz von 1881 ab­lö­sen, wie­der sie­ben Jahr gül­tig sein und die Son­der­stel­lung des Mi­li­tärs fest­schrei­ben. Es war ge­plant, die Stär­ke des Hee­res um 10 Pro­zent we­gen an­geb­lich dro­hen­der Kriegs­ge­fahr zu er­hö­hen. Kom­pro­miss­vor­schlä­ge schlug Bis­marck aus in der Hoff­nung auf ei­ne Neu­wahl des Reichs­tags, die zu­guns­ten ei­ner ihm ge­neh­men Mehr­heit aus Kon­ser­va­ti­ven und Na­tio­nal­li­be­ra­len aus­fal­len könn­te. Der Wahl­kampf war von der Grund­satz­fra­ge be­stimmt, ob Kai­ser und Reichs­re­gie­rung oder der Reichs­tag über das Heer be­stim­men soll­ten. Für die Wahl am 21.2.1887 hat­ten NLP, DKP und DRP ein Wahl­bünd­nis ge­schlos­sen, um ih­ren aus­sichts­reichs­ten Be­wer­ber zum Wahl­er­folg zu ver­hel­fen. Die­se „Kar­tel­l“-Par­tei­en un­ter­stütz­ten Bis­marcks Kurs. Die Hee­res- und Ver­fas­sungs­fra­ge mo­bi­li­sier­te die Wahl­be­rech­tig­ten. Die­ser Wahl­gang zeich­ne­te sich durch ei­ne be­son­ders ho­he Wahl­be­tei­li­gung aus. Mit ei­ner Stei­ge­rung um über 17 Pro­zent­punk­te auf reichs­wei­te 77,5 Pro­zent war sie so hoch wie noch nie zu­vor. In der Rhein­pro­vinz lag sie so­gar noch deut­lich hö­her. Die Mo­bi­li­sie­rung der Wäh­ler er­reich­te im Re­gie­rungs­be­zirk Düs­sel­dorf mit über 87 Pro­zent den höchs­ten Wert. Dem Bis­marck-„Kar­tel­l“ ge­lang nicht zu­letzt durch ge­schick­te Ab­spra­chen in den Wahl­krei­sen ein ful­mi­nan­ter Wahl­sieg und der Ge­winn ei­ner kom­for­ta­blen Mehr­heit im 7. Deut­schen Reichs­tag, den ins­be­son­de­re die NLP mit ei­ner Er­hö­hung ih­rer Ab­ge­ord­ne­ten­zahl von 51 auf 99 er­reich­te. Erst­mals zog ein An­ti­se­mit in den Reichs­tag ein. Das Zen­trum ver­lor leicht Stim­men und blieb noch mit ei­nem Sitz mehr als die Na­tio­nal­li­be­ra­len stärks­te Par­tei im Reichs­tag. Die Bis­marck-Op­po­nen­ten, Links­li­be­ra­le und So­zi­al­de­mo­kra­ten, wur­den ge­schwächt. Ob­wohl die So­zi­al­de­mo­kra­ten ih­ren Stim­men­an­teil noch leicht stei­gern konn­ten, er­hiel­ten sie durch die schär­fe­re Kon­kur­renz durch das „Kar­tel­l“ und das Wahl­recht nur noch elf statt der bis­he­ri­gen 24 Ab­ge­ord­ne­ten. Im Un­ter­schied da­zu gab es in der Rhein­pro­vinz trotz des star­ken An­stiegs der Wahl­be­tei­li­gung kei­ne Ver­än­de­run­gen bei der Man­dats­ver­tei­lung ge­gen­über der Vor­wahl. Nur we­ni­ge Wo­chen nach der Neu­wahl stimm­te am 11.3.1887 die Mehr­heit des neu­en Reichs­tags der Hee­res­vor­la­ge der Reichs­re­gie­rung zu und ver­zich­te­te auf den wei­te­ren Kampf um ein voll­stän­di­ges Bud­get­recht. Bis­marcks po­li­ti­sche Rech­nung war auf­ge­gan­gen.

Matthias Eberhard, 1898, Porträtfoto.

 

Wahl zum 8. Reichs­tag am 20.2.1890 am Be­ginn der „Wil­hel­mi­ni­schen Är­a“

Zieht man an die­ser „Schnitt­stel­le“ der Ge­schich­te des Deut­schen Kai­ser­reichs ei­ne Zwi­schen­bi­lanz und ver­gleicht die La­ge im Jahr 1890 mit je­ner von 1871, so lässt sich fest­stel­len: Deutsch­land hat­te ei­nen ra­san­ten und fun­da­men­ta­len Wan­del in ei­ner hal­ben mensch­li­chen Ge­ne­ra­ti­on durch­ge­macht. Deutsch­land war zu ei­ner der füh­ren­den Welt­han­dels­na­tio­nen auf­ge­stie­gen. Un­ter an­de­rem hat­te sich die Ei­sen­er­zeu­gung in die­sem Zeit­raum ver­vier­facht. Ähn­lich war die Ent­wick­lung in der Stahl­er­zeu­gung ge­lau­fen. Im Herbst 1886 setz­te ei­ne Pha­se der Hoch­kon­junk­tur von vier Jah­ren Dau­er ein. Das Jahr 1889 wur­de zu ei­nem Boom­jahr. Bis in die ers­te Hälf­te 1890 herrsch­te in der Wirt­schaft ei­ne op­ti­mis­ti­sche Stim­mung vor, ob­wohl die Kon­junk­tur an Schwung ver­lor. Nach der Reichs­tags­wahl 1890 ging die Wirt­schaft in ei­ne fünf­jäh­ri­ge De­pres­si­on über. Vom bis da­hin vor­han­de­nen Wirt­schafts­wachs­tum und von der In­dus­tria­li­sie­rung Deutsch­lands hat­ten die Ar­bei­ter we­nig pro­fi­tiert. Ih­re schlech­te La­ge er­zeug­te Un­zu­frie­den­heit. Ar­bei­ter­ver­ei­ne, Ge­werk­schaf­ten und die op­po­si­tio­nel­le SPD er­hiel­ten Zu­lauf. Auch die Ein­füh­rung ei­ner ge­setz­li­chen Un­fall- und Kran­ken­ver­si­che­rung so­wie In­va­li­di­täts- und Al­ters­ver­sor­gung durch Bis­marck konn­te den zu­neh­men­den Un­mut über die Un­gleich­heit an der Teil­ha­be am wirt­schaft­li­chen Er­folg nicht dämp­fen. Ab En­de April 1889 kam es zu ei­nem Berg­ar­bei­ter­streik im Ruhr­ge­biet. Er be­gann am 25. April mit spon­ta­nen Ar­beits­nie­der­le­gun­gen auf der Ze­che Prä­si­dent in Bo­chum. Am 1. und 3. Mai folg­ten Es­se­ner Ze­chen, und in kür­zes­ter Zeit kam es im ge­sam­ten Ruhr­ge­biet zu Ar­beits­nie­der­le­gun­gen so­wie zu blu­ti­gen Zu­sam­men­stö­ßen zwi­schen Strei­ken­den, ih­ren Vor­ge­setz­ten und der Po­li­zei. Die Aus­ein­an­der­set­zun­gen es­ka­lier­ten, als Mi­li­tär ein­ge­setzt wur­de. Der Streik blieb weit­ge­hend er­folg­los. Auf die im­mer mehr und of­fen­sicht­li­cher auf­tre­ten­den so­zia­len Span­nun­gen re­agier­te Papst Leo XIII. (1810-1903, Pon­ti­fi­kat 1878-1903) im Jahr 1891 mit sei­ner So­zi­al-En­zy­kli­ka „Rer­um No­var­um“, die vor al­lem für den Ka­tho­li­zis­mus im Rhein­land prä­gend wur­de.

Papst Leo XIII., Gemälde von Philip Alexius de László (1869-1937), 1900.

 

Auch po­li­tisch stand das Reich am Schei­de­weg. Seit der letz­ten Reichs­tags­wahl 1887 hat­te sich ein zwei­fa­cher Wech­sel in der Reichs­spit­ze voll­zo­gen. Im „Drei-Kai­ser-Jahr“ 1888 war Wil­helm II. nach dem Tod sei­nes Gro­ßva­ters und sei­nes Va­ters auf dem Thron ge­folgt. Der jun­ge, sprung­haf­te Kai­ser, dach­te nicht dar­an, sich vom al­ten amts­er­fah­re­nen Bis­marck re­gie­ren zu las­sen wie sein Gro­ßva­ter, son­dern woll­te selbst re­gie­ren. Um­ge­kehrt konn­te sich Bis­marck auch nicht vor­stel­len, nach ei­ner lan­gen Amts­zeit mit au­ßer­or­dent­li­cher po­li­ti­scher Ge­stal­tungs­frei­heit, sich mit ei­ner rein aus­füh­ren­den Rol­le zu­frie­den zu ge­ben. Die Au­ßen­po­li­tik und der Um­gang mit der So­zi­al­de­mo­kra­tie wur­den zu Haupt­streit­punk­ten zwi­schen den bei­den Macht­po­li­ti­kern. Wäh­rend sich Bis­marck in der Ko­lo­ni­al­po­li­tik zu­rück­hielt und das klas­si­sche In­stru­men­ta­ri­um der Di­plo­ma­tie und der Bünd­nis­po­li­tik be­vor­zug­te, ging Wil­helm II. mit sei­nem viel­fach un­be­dach­ten im­pe­ria­lis­ti­schen Ha­bi­tus gro­ße Ri­si­ken ein. In­nen­po­li­tisch lo­cker­ten sich mit dem jun­gen Kai­ser Ver­kramp­fun­gen des al­ten Kanz­lers. Das Ver­hält­nis zwi­schen Ber­lin und dem Rhein­land ent­spann­te sich. Be­züg­lich des Ver­hält­nis­ses zur So­zi­al­de­mo­kra­tie war Wil­helm II. un­be­fan­ge­ner als Bis­marck. Kurz vor der Wahl be­stand Wil­helm ge­gen den Wi­der­stand Bis­marcks auf dem Er­lass von Vor­schrif­ten zum Ar­beits­schutz. Be­reits 1889 such­te sich Bis­marck ei­ne neue Mehr­heit im Reichs­tag durch ei­ne An­nä­he­rung an das ka­tho­li­sche Zen­trum. Für den Wech­sel der po­li­ti­schen Kon­stel­la­ti­on eig­ne­te sich das So­zia­lis­ten­ge­setz, wel­ches we­gen sei­ner Be­fris­tung bis 1890 nun zur Ver­län­ge­rung an­stand. Ge­nau an der Naht­stel­le zwi­schen der NLP, wel­che ge­gen ei­ne Ver­län­ge­rung war und der DKP, die da­für ein­trat, brach das al­te Bünd­nis aus­ein­an­der.

Bei der Reichs­tags­wahl 1890 fiel die Wahl­be­tei­li­gung nur leicht un­ter den Re­kord­wert von 1887. In den rhei­ni­schen Wahl­krei­sen fiel sie da­ge­gen um bis zu 18,5 Pro­zent­punk­te (Re­gie­rungs­be­zirk Aa­chen). Sie knüpf­te da­mit an die durch­schnitt­li­chen Ver­hält­nis­se vor dem Re­kord­jahr 1887 an. Das Reich­s­er­geb­nis be­deu­te­te ei­ne schwe­re Nie­der­la­ge für das al­te „Kar­tel­l“ der Bis­marck-Un­ter­stüt­zer der bei­den kon­ser­va­ti­ven Par­tei­en und den Na­tio­nal­li­be­ra­len. Die ex­tre­me Rech­te, wel­che sich 1889 als „Deutsch­so­zia­le An­ti­se­mi­ti­sche Par­tei“ (DASP) for­miert hat­te, war nun mit fünf statt bis­lang ei­nem Ab­ge­ord­ne­ten im Reichs­tag ver­tre­ten. Die Links­li­be­ra­len ge­hör­ten zu den gro­ßen Wahl­ge­win­nern. Das Zen­trum konn­te durch die po­li­ti­sche Kon­stel­la­ti­on und die Wahl­kreis­zu­schnit­te wei­te­re Man­da­te ge­win­nen, ob­wohl sein Stim­men­an­teil leicht zu­rück­ge­gan­gen war. Mit 106 von 397 Ab­ge­ord­ne­ten der stärks­ten Reichs­tags­frak­ti­on war es nun ein po­li­ti­sches Schwer­ge­wicht. Durch 19,7 Pro­zent reichs­wei­te Zu­stim­mung wur­den die in schar­fer Op­po­si­ti­on zu Bis­marck ste­hen­den So­zi­al­de­mo­kra­ten so­gar stärks­te Par­tei. Sie konn­ten die Zahl der Reichs­tags­man­da­te von elf auf 35 fast ver­drei­fa­chen, die sie vor al­lem in Groß­städ­ten ge­wan­nen. In den in­dus­tria­li­sier­ten Re­gio­nen des Ber­gi­schen Lan­des er­reich­te sie be­reits ho­he Stim­men­an­tei­le. Sie wa­ren Aus­druck der Un­zu­frie­den­heit mit den po­li­ti­schen und so­zia­len Ver­hält­nis­sen. Mit den Wahl­krei­sen El­ber­feld-Bar­men und So­lin­gen ge­wan­nen sie gleich im ers­ten Wahl­gang zwei Man­da­te. Für sie wirk­ten sich die seit Jahr­zehn­ten un­ver­än­der­ten Wahl­kreis­zu­schnit­te be­son­ders nach­tei­lig aus. Durch den sehr un­ter­schied­lich ver­teil­ten Be­völ­ke­rungs­zu­wachs und In­dus­tria­li­sie­rungs­pro­zess fie­len die Wahl­krei­se be­züg­lich der Wahl­be­rech­tig­ten mitt­ler­wei­le ex­trem aus­ein­an­der. Die dis­kri­mi­nie­ren­de Aus­wir­kung der ana­chro­nis­ti­schen Wahl­kreis­ein­tei­lung für die So­zi­al­de­mo­kra­ten wird be­son­ders deut­lich, wenn man ihr Er­geb­nis mit dem Zen­trum ver­gleicht. Das Zen­trum er­hielt für sei­nen ähn­lich ho­hen Stim­men­an­teil von 18,6 Pro­zent reichs­weit 106 Man­da­te. Im Rhein­land blieb die Vor­herr­schaft des Zen­trums er­hal­ten und die Zahl sei­ner ge­wähl­ten Kan­di­da­ten un­ver­än­dert bei 27. Links des Rheins hielt das Zen­trum al­le Man­da­te. Es hat­te ei­ne Macht­ba­sis in al­len Schich­ten durch ka­tho­li­sche Ver­ei­ne, die sich un­ter an­de­rem im Ok­to­ber 1890 in der Grün­dung des „Volks­ver­eins für das ka­tho­li­sche Deutsch­lan­d“ mit Sitz im links­rhei­ni­schen Mön­chen­glad­bach aus­drück­te. Die zweit­stärks­te Reichs­tags­frak­ti­on blie­ben die Na­tio­nal­li­be­ra­len. Die NLP blieb re­la­tiv stark in mehr­heit­lich evan­ge­li­schen Ge­gen­den. Sie ge­wann die Wahl­krei­se Wetz­lar-Al­ten­kir­chen, Kreuz­nach-Sim­mern und Saar­brü­cken so­wie Duis­burg-Mül­heim-Ruhr­ort. Die links­li­be­ra­le DFrP ge­wann nur ei­nen Wahl­kreis. Die An­ti­se­mi­ten er­ziel­ten ers­te Er­fol­ge wie zum Bei­spiel im Wahl­kreis Wetz­lar-Al­ten­kir­chen mit 16,6 Pro­zent.

Wilhelm II., 1888, Porträtfoto.

 

Das Er­geb­nis kann als ei­ne Wahl­nie­der­la­ge für Bis­marck be­trach­tet wer­den. Bis­marcks bis­her un­ter­stüt­zen­de Par­tei­en ver­lo­ren mas­siv an Stim­men­an­tei­len und da­mit das bis­he­ri­ge Ge­wicht im Reichs­tag. Durch den Wahl­sieg ge­lang­te das Zen­trum in ei­ne Schlüs­sel­stel­lung im Reichs­tag. In­so­fern hat­te Bis­marcks po­li­ti­sches Ge­spür mit dem Ko­ali­ti­ons­wech­sel be­reits ein Jahr zu­vor die rich­ti­ge Schluss­fol­ge­rung ge­zo­gen. Für Bis­marck per­sön­lich war je­doch die Zeit ab­ge­lau­fen. Nur vier Wo­chen nach der Reichs­tags­wahl 1890 ent­ließ Wil­helm II. den al­ten Reichs­kanz­ler aus dem Amt und er­setz­te ihn durch Graf Leo von Ca­pri­vi (1831-1899, Amts­zeit 1890-1894). Ca­pri­vi muss­te nun mit wech­seln­den Mehr­hei­ten im Reichs­tag re­gie­ren. En­de Sep­tem­ber 1890 lief das So­zia­lis­ten­ge­setz aus. Die 1888 be­schlos­se­ne Ver­län­ge­rung der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode des Reichs­tags von drei auf fünf Jah­re wur­de nicht ge­nutzt.

Die Wahl zum 9. Reichs­tag am 15.6.1893 war die Kon­se­quenz der Auf­lö­sung des Reichs­tags auf Ver­lan­gen des Reichs­kanz­lers Leo von Ca­pri­vi. Die Sze­ne vor der Reichs­tags­auf­lö­sung 1887 um das Bud­get­recht des Par­la­ments im Kon­flikt mit der Re­gie­rung wie­der­hol­te sich jetzt. Die Hee­res­vor­la­ge der Re­gie­rung, die ei­ne Ver­grö­ße­rung des Hee­res auf 500.000 Mann vor­sah, war an der Mehr­heit von So­zi­al­de­mo­kra­ten, der meis­ten Ab­ge­ord­ne­ten des Zen­trums und Mit­glie­dern der Frei­sin­ni­gen Par­tei ge­schei­tert. Bei der letz­te­ren kam es aus die­sem An­lass zur Spal­tung.

Leo von Caprivi, 1880. (Bundesarchiv / Bild 183-R09316)

 

Die Wahl­be­tei­li­gung war bei die­ser Reichs­tags­wahl mit 72 Pro­zent auf ähn­li­cher Hö­he wie 1890. Die Wahl er­gab ei­nen knap­pen Sieg der Re­gie­rungs­an­hän­ger im Reichs­tag aus Kon­ser­va­ti­ven und NLP. Nach dem sich die Links­li­be­ra­len auf­ge­spal­ten hat­ten, ver­lo­ren sie die­se Wahl deut­lich. Von ih­ren Stim­men­ver­lus­ten pro­fi­tier­ten die So­zi­al­de­mo­kra­ten, die NLP und klei­ne­re Par­tei­en. Die So­zi­al­de­mo­kra­ten er­hiel­ten mit 23,3 Pro­zent die meis­ten Stim­men im Reich. Die­sem Wahl­er­geb­nis ent­sprach ih­re Zahl von 44 Man­da­ten nicht. Die DKP hat­te reichs­weit mit 13,5 Pro­zent Stim­men 72 Man­da­te ge­win­nen kön­nen, das Zen­trum für 19,1 Pro­zent der Stim­men 96 Man­da­te. Das Zen­trum stell­te die mit Ab­stand stärks­te Frak­ti­on im Reichs­tag. Da­nach ka­men die DKP und die NLP. Auf dem rechts­ex­tre­men Spek­trum konn­ten die An­ti­se­mi­ten ei­nen deut­li­chen Zu­wachs auf 16 Ab­ge­ord­ne­te ver­bu­chen. Im Rhein­land brach­te die­se Reichs­tags­wahl für das Zen­trum vor al­lem den Ver­lust von zwei Wahl­krei­sen im Re­gie­rungs­be­zirk Düs­sel­dorf. Der In­dus­tri­el­le Fried­rich Al­fred Krupp konn­te für die DRP den Wahl­kreis Es­sen vom Zen­trum über­neh­men. Im Wahl­kreis Mo­ers-Rees ge­wann ein DKP-Kan­di­dat den tra­di­tio­nel­len Zen­trums­be­zirk. Die DFrP muss­te im Wahl­kreis Len­nep-Mett­mann-Rem­scheid auf ihr ein­zi­ges rhei­ni­sches Man­dat zu­guns­ten der SPD ver­zich­ten. Der neue Reichs­tag nahm die von der Reichs­re­gie­rung ge­wünsch­te Hee­res­vor­la­ge mit knap­per Mehr­heit an. Die Reichs­lei­tung stütz­te sich im Reichs­tag auf das Zen­trum und die „na­tio­na­len Kräf­te“ der „Frei­sin­ni­gen Volks­par­tei“. Kai­ser Wil­helm II. hat­te ei­ne völ­li­ge Kehrt­wen­de im Ver­hält­nis zur So­zi­al­de­mo­kra­tie voll­zo­gen und be­kämpf­te sie nun. Im zwi­schen­zeit­lich er­nann­ten Reichs­kanz­ler Chlod­wig Fürst zu Ho­hen­lo­he-Schil­lings­fürst (1818-1901, Amts­zeit 1894-1900) sah er den Hand­lungs­ge­hil­fen sei­ner Po­li­tik. Mit der „Um­sturz­vor­la­ge“ wur­de nun au­to­ri­tär ver­sucht, was mit Kon­zi­li­anz nicht er­reicht wur­de: Die Zu­rück­drän­gung der wach­sen­den Zu­stim­mung zur SPD und zu den ihr na­he­ste­hen­den Ge­werk­schaf­ten. Im Mai 1895 lehn­te ei­ne brei­te Mehr­heit des Reichs­tags die kai­ser­li­che Vor­la­ge ab. Die Wahl­pe­ri­ode war von ei­ner Rei­he von Per­so­nal­kri­sen in der Reichs­lei­tung ge­kenn­zeich­net, die zu An­se­hens­ver­lus­ten für die Mon­ar­chie führ­ten. 1897 er­reich­te die Kri­sen­si­tua­ti­on den Hö­he­punkt mit dem gro­ßen Re­vi­re­ment von Staats­se­kre­tä­ren we­gen der Kon­flik­te um die Ge­setz­ge­bung für Ver­ei­ne und die Ma­ri­ne. We­ni­ge Mo­na­te vor der nächs­ten Reichs­tags­wahl wur­de das ers­te Flot­ten­ge­setz für die Auf­rüs­tung der Ma­ri­ne ver­ab­schie­det.

Auf wie we­nig An­se­hen bei den Wäh­lern die Po­li­tik der Reichs­lei­tung traf, mach­te die Wahl zum 10. Reichs­tag am 16.6.1898 deut­lich. Im Ver­gleich zur Wahl im Jahr 1893 ging die Wahl­be­tei­li­gung im Reichs­durch­schnitt um rund 4 Pro­zent­punk­te zu­rück, wo­bei die Rück­gän­ge un­ter­schied­lich stark aus­fie­len. Die kon­ser­va­ti­ven Par­tei­en ver­lo­ren die Wahl. Die DKP ge­wann nur 56 statt zu­vor 72 Man­da­te, die DRP ver­lor sechs Ab­ge­ord­ne­te. Im Re­gie­rungs­be­zirk Düs­sel­dorf wech­sel­ten die bei­den Man­da­te der kon­ser­va­ti­ven Par­tei­en wie­der zum Zen­trum. Die SPD ge­wann nur noch ei­nen statt bis­her drei Wahl­krei­se. Das Zen­trum konn­te wie­der wie zu­vor 27 Ab­ge­ord­ne­te aus dem Rhein­land nach Ber­lin ent­sen­den. Die Links­li­be­ra­len ge­wan­nen das bei der letz­ten Wahl ver­lo­re­ne Man­dat zu­rück. Hin­zu kam ein Frak­ti­ons­lo­ser aus dem Wahl­kreis So­lin­gen, der sich als „li­be­ral“ ein­stuf­te. Die An­ti­se­mi­ten fes­tig­ten ih­re Po­si­ti­on. Das Zen­trum über­nahm im­mer mehr ei­ne tra­gen­de Rol­le für die Reichs­kanz­ler nach Bis­marck und brach­te mit sei­nen 101 von 395 Stim­men im Reichs­tag die Vor­la­gen der Re­gie­rung durch. Im Kon­flikt um die so ge­nann­te „Zucht­haus­vor­la­ge“ im Jahr 1900 stimm­te das Zen­trum ge­mein­sam mit den So­zi­al­de­mo­kra­ten und den Li­be­ra­len ge­gen die Re­gie­rung, um ein Son­der­straf­recht ge­gen Ar­bei­ter, Ge­werk­schaf­ten und So­zi­al­de­mo­kra­ten zu ver­hin­dern. Im Ju­ni 1900 wur­de das zwei­te Flot­ten­ge­setz ver­ab­schie­det. Die au­ßen­po­li­ti­schen Ge­gen­sät­ze der eu­ro­päi­schen Mäch­te er­höh­ten die Kriegs­ge­fahr. Durch die von Selbst­be­wusst­sein strot­zen­de Rhe­to­rik der Reichs­lei­tung ge­riet Deutsch­land im­mer mehr in ei­ne Iso­la­ti­on.

Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst, Gemälde von Franz von Lenbach (1836-1904), 1896. (Alte Nationalgalerie Berlin)

 

Die reichs­wei­te Be­tei­li­gung an der Wahl zum 11. Reichs­tag am 16.6.1903 lag mit 76 Pro­zent deut­lich über der vo­ri­gen Wahl. Auch im Rhein­land gab es ei­nen star­ken An­stieg der Wahl­be­tei­li­gung von über 15 Pro­zent­punk­ten im Re­gie­rungs­be­zirk Trier. Die die Re­gie­rung des Reichs­kanz­lers Fürst Bern­hard von Bü­low (1849-1929, Amts­zeit 1900-1909) un­ter­stüt­zen­den Kon­ser­va­ti­ven, Na­tio­nal­li­be­ra­len und das Zen­trum konn­ten ih­re Po­si­ti­on hal­ten. Das Zen­trum ge­wann im Re­gie­rungs­be­zirk Trier so­gar noch ein Man­dat hin­zu und stell­te nun im Rhein­land 28 von 35 Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ten. Wahl­ver­lie­rer wa­ren die Links­li­be­ra­len und die klei­ne­ren Par­tei­en. Die Wahl wur­de zu ei­nem Er­folg der SPD. Im Re­gie­rungs­be­zirk Düs­sel­dorf konn­te sie drei ber­gi­sche Wahl­krei­se statt bis­her nur ei­nen ge­win­nen. Mit reichs­weit fast 32 Pro­zent An­teil an den Wäh­ler­stim­men la­gen sie mit gro­ßem Ab­stand vor der zweit­stärks­ten Par­tei, dem ka­tho­li­schen Zen­trum mit fast 20 Pro­zent. We­gen des Wahl­rechts er­hielt die SPD nur gut ein Fünf­tel der Reichs­tags­man­da­te, das Zen­trum aber rund ein Vier­tel. Die So­zi­al­de­mo­kra­ten stan­den in schar­fer Op­po­si­ti­on zur Au­ßen­po­li­tik der Re­gie­rung, die ih­rer Mei­nung nach mit der all­ge­mei­nen Auf­rüs­tung und in der Ers­ten Ma­rok­ko­kri­se ei­ne hoch­ris­kan­te Po­li­tik be­trie­be. Zu­sam­men mit den Links­li­be­ra­len mach­ten sich die So­zi­al­de­mo­kra­ten für in­nen­po­li­ti­sche Re­for­men stark. Die Kri­tik von Tei­len des Zen­trums an der deut­schen Ko­lo­ni­al­ver­wal­tung in Afri­ka und die Ab­leh­nung der Fi­nan­zie­rung des Ko­lo­ni­al­krie­ges ge­gen die ein­hei­mi­schen He­re­ro und Na­ma in Deutsch-Süd­west­afri­ka durch Zen­trum und So­zi­al­de­mo­kra­ten führ­ten zu ei­nem schwe­ren Kon­flikt mit der Re­gie­rung. Reichs­kanz­ler Bern­hard von Bü­low ließ den Reichs­tag En­de 1906 auf­lö­sen.

Es kam zur vor­zei­ti­gen Wahl zum 12. Reichs­tag am 25.1.1907.

Der Wahl­kampf wur­de von der Afri­ka­po­li­tik des Kai­sers und des Kanz­lers be­herrscht. Zwi­schen den po­li­ti­schen La­gern wur­den schar­fe Ge­gen­sät­ze deut­lich. Die Re­gie­rung ver­such­te ei­ne neue, er­wei­ter­te Ko­ali­ti­on der Zu­sam­men­ar­beit im Reichs­tag zwi­schen Kon­ser­va­ti­ven und Li­be­ra­len auf Kos­ten des Zen­trums zu er­rei­chen. Auf die­sen neu­en „Bü­low-Blo­ck“ nahm sie Ein­fluss und ver­mit­tel­te Wahl­ab­spra­chen bei Stich­wah­len in den Wahl­krei­sen. Die so ge­nann­te „Hot­ten­tot­ten­wahl“ trieb die reichs­wei­te Wahl­be­tei­li­gung mit 84,7 Pro­zent auf ei­nen neu­en Re­kord in der Ge­schich­te des Kai­ser­reichs. Auch in der Rhein­pro­vinz nahm die po­li­ti­sche Mo­bi­li­sie­rung un­ge­ahn­te Aus­ma­ße an. Die Wäh­ler un­ter­stütz­ten den Re­gie­rungs­kurs. Kon­ser­va­ti­ve und Li­be­ra­le im „Bü­low-Blo­ck“ wur­den deut­lich ge­stärkt. Im Re­gie­rungs­be­zirk Düs­sel­dorf er­hiel­ten sie ei­nen neu­en Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ten. Die Wahl­ko­ali­ti­on er­reich­te die Mehr­heit im Reichs­tag. Die NLP bü­ß­te je ei­nen Sitz in den Re­gie­rungs­be­zir­ken Düs­sel­dorf und Ko­blenz ein, und erst­mals ge­wan­nen die An­ti­se­mi­ten „Christ­lich-So­zia­len“ im Re­gie­rungs­be­zirk Ko­blenz ei­nen Wahl­kreis. Das Zen­trum ver­lor nur leicht an Zu­stim­mung und das Zu­satz­man­dat der letz­ten Wahl in Ott­wei­ler-St. Wen­del-Mei­sen­heim. Hin­ge­gen wur­de die Wahl für die SPD ein De­sas­ter. Sie ver­lor die Hälf­te der Man­da­te, ob­wohl sie nur ei­nen Stim­men­an­teil von nicht ein­mal 3 Pro­zent­punk­ten ein­ge­bü­ßt hat­te, weil die Wahl­ab­spra­chen des „Bü­low-Blocks“ von den Kon­ser­va­ti­ven bis zu den Links­li­be­ra­len viel­fach er­folg­reich wa­ren. Von den drei ber­gi­schen Wahl­krei­sen ver­lor sie ei­nen an die links­li­be­ra­le FVg und ei­nen an die DRP, ge­wann aber erst­mals den Wahl­kreis Duis­burg-Mül­heim-Ruhr­ort.

Wahl zum 13. Reichs­tag am 12.1.1912 am Vor­abend des Ers­ten Welt­kriegs

Bernhard von Bülow, Porträtfoto. (Bundesarchiv / Bild 146-2004-0098)

 

In den letz­ten Jah­ren vor dem Ers­ten Welt­krieg nah­men so­wohl die in­nen- als auch die au­ßen­po­li­ti­schen Span­nun­gen zu. Die Steu­er­po­li­tik wur­de zum Ge­gen­stand von In­ter­es­sen­ge­gen­sät­zen zwi­schen der agra­ri­schen und länd­li­chen Wäh­ler­kli­en­tel ei­ner­seits und dem li­be­ra­len und städ­ti­schen Bür­ger­tum an­de­rer­seits. Vor al­lem in der Schwer­in­dus­trie tra­ten Kon­flik­te zwi­schen den Ar­beit­ge­bern und den Ge­werk­schaf­ten auf. In der his­to­ri­schen zwei­ten Hälf­te des deut­schen Kai­ser­reichs nach der Ent­las­sung Bis­marcks als Reichs­kanz­ler und der Über­nah­me des „per­sön­li­chen Re­gi­ments“ durch Kai­ser Wil­helm II. im Jahr 1890 hat­ten sich die wirt­schaft­li­chen und so­zia­len Ver­hält­nis­se wei­ter tief­grei­fend ge­wan­delt. Die Ei­sen­pro­duk­ti­on hat­te sich noch ein­mal bei­na­he ver­vier­facht und die Stahl­er­zeu­gung von 2,1 auf 16,4 Mil­lio­nen Ton­nen er­höht. Ma­schi­nen­bau, che­mi­sche und Elek­tro­in­dus­trie er­fuh­ren ei­nen gro­ßen Auf­schwung, die letz­te­re wur­de füh­rend auf dem Welt­markt. Das Wahl­jahr stand noch im Zei­chen ei­nes Booms der Welt­wirt­schaft. Die Agi­ta­ti­on von Wirt­schafts­ver­bän­den war in der Spät­pha­se des deut­schen Kai­ser­reichs zum Be­stand­teil der po­li­ti­schen Wirk­lich­keit ge­wor­den. Der „Bund der Land­wir­te“ (BdL) trat so­gar als po­li­ti­sche Par­tei bei Wah­len an. Der auf Aus­gleich be­dach­te Reichs­kanz­ler Theo­bald von Beth­mann Holl­weg (1856-1921, Amts­zeit 1909-1917) ver­such­te die Span­nun­gen mit klei­nen Än­de­run­gen die La­ge zu ver­rin­gern. Bei sei­nem Ver­such, in die­sem Zu­sam­men­hang das Drei­klas­sen­wahl­recht zum preu­ßi­schen Ab­ge­ord­ne­ten­haus zu­guns­ten des Mit­tel­stan­des ab­zu­schwä­chen, stieß er auf den er­bit­ter­ten Wi­der­stand kon­ser­va­ti­ver Kräf­te. Bei der Re­form der Ver­fas­sungs­ver­hält­nis­se in El­sass-Loth­rin­gen von ei­nem „Reichs­lan­d“ min­de­ren Rechts zu ei­nem re­gu­lä­ren Bun­des­staat im Deut­schen Reich ge­lang es den So­zi­al­de­mo­kra­ten so­gar, sich erst­mals als Un­ter­stüt­zungs­kraft der Reichs­re­gie­rung zu pro­fi­lie­ren. Da­bei ent­deck­ten sie den Nut­zen des par­la­men­ta­ri­schen Sys­tems für ih­re Zie­le. In der Au­ßen- und Rüs­tungs­po­li­tik stei­ger­ten sich die na­tio­na­lis­ti­schen Emo­tio­nen. Rechts­ex­tre­me und Kon­ser­va­ti­ve wur­den zu Scharf­ma­chern der Reichs­re­gie­rung. Die Ma­rok­ko­kri­se 1911 und die au­ßen­po­li­ti­sche Iso­lie­rung Deutsch­lands wur­den zum Druck­mit­tel für ei­ne Stei­ge­rung des Flot­ten­aus­baus und der Hee­res­ver­grö­ße­rung, wo­für gro­ße Sum­men be­nö­tigt wur­den, die vom Reichs­tag be­wil­ligt wer­den muss­ten. Zur Fi­nan­zie­rung setz­te ei­ne Mehr­heit aus Mit­te- und Links­par­tei­en ge­gen die Re­gie­rung und Kon­ser­va­ti­ven ei­ne pro­gres­si­ve Ver­mö­gens­zu­wachs­steu­er durch.

Das Er­geb­nis der letz­ten Wahl im Kai­ser­reich war ein mar­kan­ter Schluss­punkt. Die Wahl­be­tei­li­gung drück­te ei­nen ho­hen Grad der Po­li­ti­sie­rung und Po­la­ri­sie­rung der deut­schen Ge­sell­schaft am Vor­abend des Welt­krie­ges aus. Lag sie reichs­weit bei fast 85 Pro­zent, so war sie in der Rhein­pro­vinz et­was nied­ri­ger. Es gab aber meh­re­re Wahl­krei­se im Rhein­land, in de­nen sie so­gar mehr als 90 Pro­zent er­reich­te. Die spür­ba­re Stei­ge­rung der Wahl­krei­se, in de­nen nicht auf An­hieb ein Be­wer­ber im ers­ten Wahl­gang mit mehr als 50 Pro­zent der Stim­men ge­wählt wer­den konn­te, war Aus­druck von im­mer dif­fe­ren­zier­te­ren so­zia­len und po­li­ti­schen Ver­hält­nis­sen im Lan­de. Die An­ti­se­mi­ten er­ziel­ten Ach­tungs­er­fol­ge dort, wo ein Pro­tes­tan­tis­mus des Pie­tis­mus und der Er­we­ckungs­be­we­gung ein­fluss­reich war. So ge­wan­nen sie im Wahl­kreis Wetz­lar-Al­ten­kir­chen in der Stich­wahl zum zwei­ten Mal hin­ter­ein­an­der das Reichs­tags­man­dat.

Vom spür­ba­ren Links­ruck der Wäh­ler vor al­lem in den Städ­ten und In­dus­trie­ge­bie­ten so­wie ei­ni­gen bis­her kon­ser­va­ti­ven Land­krei­sen pro­fi­tier­ten die Li­be­ra­len und So­zi­al­de­mo­kra­ten. Letz­te­re wa­ren die ein­deu­ti­gen Sie­ger der Wahl. Für die Stich­wah­len in zwei­ten Wahl­gän­gen konn­te die SPD Bünd­nis­se mit Links­li­be­ra­len ein­ge­hen und Man­da­te in In­dus­trie­re­gio­nen ge­win­nen. Im Re­gie­rungs­be­zirk Düs­sel­dorf ge­lang es der SPD, vier statt bis­her zwei Ab­ge­ord­ne­ten­man­da­te zu ge­win­nen. Ein her­aus­ra­gen­des Er­geb­nis im ers­ten Wahl­gang er­ziel­ten die So­zi­al­de­mo­kra­ten im Wahl­kreis So­lin­gen mit 55,6 Pro­zent. Da­zu konn­te die SPD neu vom Zen­trum den Wahl­kreis Düs­sel­dorf über­neh­men. Im Re­gie­rungs­be­zirk Köln ge­wann die SPD in der Stadt Köln den bis­he­ri­gen Zen­trum-Wahl­kreis. Die SPD er­hielt mit reichs­weit 34,8 Pro­zent Stim­men­an­teil so viel Zu­spruch wie noch nie. Ihr An­teil war dop­pelt so hoch wie der des ka­tho­li­schen Zen­trums. Trotz des dis­kri­mi­nie­ren­den Wahl­rechts ver­grö­ßer­te sich die so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Frak­ti­on von 43 auf 110 Ab­ge­ord­ne­ten und wur­de die stärks­te im letz­ten Reichs­tag des Kai­ser­reichs. Da reichs­weit so­wohl die Kon­ser­va­ti­ven als auch die NLP ver­lo­ren, wel­che bis­her die Re­gie­rung un­ter­stützt hat­ten, war die­se Reichs­tags­wahl ein Miss­trau­ens­vo­tum ge­gen den am­tie­ren­den Reichs­kanz­ler von Beth­mann Holl­weg. Die­ses Schlus­s­er­geb­nis des Kai­ser­reichs hat­te auch die höchst un­gleich wir­ken­de Ein­tei­lung der Wahl­krei­se zu­las­ten der In­dus­trie- und Ar­bei­ter­re­gio­nen nur ver­zö­gern, aber nicht ver­hin­dern kön­nen. Mit die­sen Mehr­heits­ver­hält­nis­sen un­ter­hielt die Reichs­re­gie­rung ei­ne un­si­che­re in­nen­po­li­ti­sche Macht­ba­sis für die Zeit des Ers­ten Welt­krie­ges.

4. Fazit

Wahl­sys­tem

Im Kai­ser­reich ging die ab­so­lu­te Mehr­heits­wahl von Ein­zel­per­so­nen in un­ver­bun­de­nen Ei­ner­wahl­krei­sen oh­ne ei­nen Aus­gleich für die Un­ter­le­ge­nen („The win­ner ta­kes all.“) von ei­ner Per­sön­lich­keits­wahl und ei­ner en­gen Bin­dung zwi­schen dem Ab­ge­ord­ne­ten und den Wahl­be­rech­tig­ten in ei­nem re­la­tiv klei­nen Wahl­kreis aus. Die Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit soll­te eher nach­ran­gig sein. In ei­nem ge­wis­sen Ma­ße war dies der Fall. Im Er­geb­nis brach­te die­ses Wahl­recht Vor­tei­le für mitt­le­re und grö­ße­re Par­tei­en, de­ren Wäh­ler re­gio­nal kon­zen­triert wa­ren und eher auf dem Lan­de wohn­ten. Das Wahl­recht der Wei­ma­rer Re­pu­blik war als Al­ter­na­ti­ve zum Wahl­recht des Kai­ser­reichs aus­ge­stal­tet, wel­ches man als dis­kri­mi­nie­rend er­lebt hat­te. Das weit­ge­hend rei­ne Ver­hält­nis­wahl­recht in Groß­wahl­krei­sen mit ge­bun­de­nen Par­tei­lis­ten, ei­ner fes­ten Zu­ord­nung ei­nes Man­dats für ei­ne be­stimm­te Zahl von Wäh­lern und ei­ner zwei­stu­fi­gen Rest­stim­men­ver­wer­tung in Wahl­kreis­ver­bän­den und auf Reichs­ebe­ne soll­te je­de Un­gleich­heit der Stim­men­ver­wer­tung aus­schal­ten. Die­ses star­re Sys­tem der Par­tei­en­wahl be­för­der­te ei­ne in­trans­pa­ren­te Auf­stel­lung von Kan­di­da­ten und ei­nen nur lo­cke­ren per­sön­li­chen Be­zug zwi­schen dem Ab­ge­ord­ne­ten und sei­nen Wahl­kreis.

Par­tei­en­prä­fe­ren­zen

Der Wech­sel vom Mehr­heits- und Per­sön­lich­keits­wahl­recht in klei­nen Wahl­krei­sen zum Ver­hält­nis- und Par­tei­en­wahl­recht in Groß­wahl­krei­sen mo­di­fi­zier­te die Man­dats­er­trä­ge der Par­tei­en ent­spre­chend ih­rer tat­säch­li­chen Stim­men­an­tei­le zu­las­ten des Zen­trums und zu­guns­ten der Links- und klei­nen Par­tei­en. Die fun­da­men­ta­len Wahl­prä­fe­ren­zen blie­ben er­hal­ten. Die Ein­füh­rung des Frau­en­wahl­rechts än­der­te nichts an den re­gio­na­len Prä­fe­ren­zen für be­stimm­te Par­tei­en. Der Wech­sel des po­li­ti­schen Sys­tems von der Mon­ar­chie zur Re­pu­blik in­klu­si­ve ei­nes ge­sell­schaft­li­chen Um­bruchs brach­te auch kei­nen fun­da­men­ta­len Wan­del des Par­tei­en­sys­tems. Die Grund­strö­mun­gen des „Fünf-Par­tei­en-Sys­tem­s“ seit 1848 las­sen sich - bei et­was ver­grö­ber­ter Be­trach­tung - in der Wei­ma­rer Re­pu­blik wie­der­fin­den: Die Kon­ser­va­ti­ven in der Ge­stalt der DNVP, der Rechts­li­be­ra­lis­mus in der DVP, die Links­li­be­ra­len in der DDP, der po­li­ti­sche Ka­tho­li­zis­mus fast un­ver­än­dert im Zen­trum und die so­zia­lis­ti­sche Ar­bei­ter­be­we­gung. Im letz­ten Fall spreiz­te sich das Spek­trum in die tra­di­tio­nel­le SPD und wei­te­re links von ihr ste­hen­de po­li­ti­sche For­ma­tio­nen auf. Der CS­VD er­fass­te haupt­säch­lich ei­ne Schnitt­men­ge aus An­hän­gern, die im Kai­ser­reich die Par­tei Adolf Stoeckers oder die DNVP un­ter­stütz­ten. Da­ne­ben gab es ei­ne Viel­zahl von Klein­par­tei­en, die je­doch im Rhein­land kei­ne wirk­li­che Rol­le spiel­ten. Al­ler­dings ka­men in den Jah­ren 1919/1920 an den ex­tre­men En­den mit KPD und NS­DAP Par­tei­en auf, „die als ra­di­ka­le po­li­ti­sche In­no­va­tio­nen das bis­he­ri­ge Par­tei­en­sys­tem spreng­ten“ (Hans-Ul­rich Weh­ler).

Wenn sich die­se Par­tei­en be­stimm­te mehr­heits­fä­hi­ge Mi­lieus er­schlie­ßen konn­ten, ge­lang es ih­nen, das Man­dat ei­nes Wahl­krei­ses über ei­ne län­ge­re Zeit zu ge­win­nen. Zu die­sen mehr­heits­fä­hi­gen Mi­lieus ge­hör­te zu­erst die Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner christ­li­chen Kon­fes­si­on. Die Wahl­prä­fe­ren­zen des 19. Jahr­hun­derts lau­fen ent­lang den Kon­fes­si­ons­gren­zen und den Kon­fes­si­ons­mehr­hei­ten in den Wahl­krei­sen. Es ist ins­be­son­de­re das ka­tho­li­sche Mi­lieu, das ei­ne kon­fes­sio­nel­le po­li­ti­sche Ver­tre­tung des Ka­tho­li­zis­mus im Rhein­land in der Ge­stalt des Zen­trums be­vor­zug­te. In den 35 Reichs­tags­wahl­krei­sen in der Rhein­pro­vinz konn­te das Zen­trum die Mehr­heit der Man­da­te ge­win­nen, wo­bei der re­gio­na­le Schwer­punkt deut­lich in den links­rhei­ni­schen Mit­tel­ge­bir­gen und am lin­ken Nie­der­rhein lag, wo die Ka­tho­li­ken do­mi­nier­ten. Un­ter den Be­din­gun­gen des Ver­hält­nis­wahl­rechts in Groß­wahl­krei­sen konn­te das Zen­trum in der Wei­ma­rer Re­pu­blik zwar nicht mehr die ab­so­lu­te Mehr­heit der Man­da­te in der Rhein­pro­vinz er­rei­chen, blieb aber stets mit mehr oder we­ni­ger wei­tem Ab­stand zur Kon­kur­renz die stärks­te Par­tei. Das Zen­trum er­füll­te um­fas­send die Rol­le ei­ner Volks­par­tei mit kon­fes­sio­nel­ler Iden­ti­tät. Nach­weis­bar ist der Zu­sam­men­hang von christ­li­cher Kon­fes­si­on und Wahl­ent­schei­dung auch für den Pro­tes­tan­tis­mus. Hier war die Par­tei­en­bin­dung lo­cke­rer als in den ka­tho­li­schen Ge­gen­den mit der Prä­fe­renz zum Zen­trum. Dort, wo die Be­völ­ke­rungs­mehr­heit evan­ge­lisch war, wur­den kon­ser­va­ti­ve und li­be­ra­le Par­tei­en be­vor­zugt. Im länd­li­chen Pro­tes­tan­tis­mus hat­te der po­li­ti­sche An­ti­se­mi­tis­mus sei­ne ers­ten Wahl­er­fol­ge ab der zwei­ten Hälf­te des Kai­ser­reichs. Die In­dus­tria­li­sie­rung wie in der ber­gi­schen Städ­teagglo­me­ra­ti­on präg­te ei­ne Ar­bei­ter­schaft aus, die gro­ßen­teils sä­ku­la­ri­siert war und ih­re Iden­ti­tät als Ar­bei­ter zum Leit­mo­tiv für die Wahl­ent­schei­dung mach­te. Sie stand in Op­po­si­ti­on zum po­li­ti­schen Sys­tem des Kai­ser­reichs und be­vor­zug­te im­mer mehr die Par­tei­en der so­zia­lis­ti­schen Ar­bei­ter­be­we­gung – auch über den Wech­sel des po­li­ti­schen Sys­tems hin­weg. In Re­gio­nen und Städ­ten, in de­nen im Kai­ser­reich So­zi­al­de­mo­kra­ten zu Ab­ge­ord­ne­ten ge­wählt wur­den, blie­ben die Links­par­tei­en in der Wei­ma­rer Re­pu­blik auf­fal­lend stark. Das galt ins­be­son­de­re für die USPD be­zie­hungs­wei­se die KPD. Die zu­neh­men­de Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Ge­sell­schaft in Welt­an­schau­un­gen, Be­kennt­nis­sen, Le­bens­sti­len und Le­bens­be­din­gun­gen, wirt­schaft­li­chen und so­zia­len In­ter­es­sen spie­gel­te sich ein gu­tes Stück in der For­mie­rung im­mer neu­er Klein­par­tei­en wi­der, die im Ver­hält­nis­wahl­recht der Re­pu­blik ei­ne re­el­le Chan­ce hat­ten. Der An­ti­se­mi­tis­mus fand Ein­gang in bür­ger­li­che Krei­se. Der Auf­stieg der NS­DAP in der Staats- und Wirt­schafts­kri­se der Re­pu­blik mach­te erst­mals ei­ne de­zi­diert an­ti­se­mi­ti­sche Par­tei dort sa­lon- und re­gie­rungs­fä­hig, wo we­der die ka­tho­li­sche Kon­fes­si­on noch die Ideo­lo­gie der so­zia­lis­ti­schen Ar­bei­ter­be­we­gung ein ge­schlos­se­nes und un­hin­ter­frag­tes Welt- und Le­bens­bild ver­mit­tel­ten.

Die rhei­ni­schen Ab­ge­ord­ne­ten in grö­ße­ren Reichs­tags­frak­tio­nen (vgl. Ta­bel­le rechts)

Die star­ken Ab­wei­chun­gen der Wahl­er­geb­nis­se in der Rhein­pro­vinz im Ver­hält­nis zu je­nen im ge­sam­ten Deut­schen Reich führ­ten zu auf­fal­len­den Un­ter­schie­den bei den Zu­sam­men­set­zun­gen der Frak­tio­nen im Reichs­tag. Nimmt man den An­teil der Rhein­pro­vinz an den Wahl­be­rech­tig­ten im Deut­schen Reich zum Maß­stab für das po­li­ti­sche Ge­wicht der Rhein­lan­de in der Reichs­po­li­tik, dann wird deut­lich:

Im Jahr 1871 be­trug der An­teil der Rhein­pro­vinz 9,2 Pro­zent, der An­teil der Rhein­län­der in Zen­trums­frak­ti­on er­reich­te aber 36,5 Pro­zent, da­ge­gen in der NLP-Frak­ti­on 4 Pro­zent. Nach der Volks­zäh­lung 1887 hat­te die Rhein­pro­vinz 9,5 Pro­zent der Be­völ­ke­rung des Deut­schen Reichs, aber 27,6 der Zen­trums­ab­ge­ord­ne­ten ka­men aus dem Rhein­land, bei der ähn­lich gro­ßen NLP-Frak­ti­on wa­ren es nur 3 Pro­zent. Bei der letz­ten Wahl des Kai­ser­reichs 1912 hat­te die Rhein­pro­vinz 11 Pro­zent der Wahl­be­rech­tig­ten in Deutsch­land, in Zen­trums­frak­ti­on wa­ren die Rhein­län­der mit fast 29 Pro­zent weit über­pro­por­tio­nal ver­tre­ten, da­ge­gen wa­ren die Rhein­län­der bei der NLP (fast 7 Pro­zent) und bei der SPD (4,5 Pro­zent) deut­lich un­ter­re­prä­sen­tiert. Die­se Pro­por­tio­nen blie­ben in der Wei­ma­rer Re­pu­blik weit­ge­hend kon­stant.

Statistische Quellen

Sta­tis­ti­sches Reich­s­amt (Hg.), Sta­tis­tik des Deut­schen Reichs. 

Fal­ter, Jür­gen/ Lin­den­ber­ger, Tho­mas/ Schu­mann, Sieg­fried, Wah­len und Ab­stim­mun­gen in der Wei­ma­rer Re­pu­blik, Mün­chen 1986.

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Literatur

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Hal­ter, Win­frid, In­nen­po­li­tik im Kai­ser­reich 1871-1914, 2. Auf­la­ge, Darm­stadt 2006.
Kolb, Eber­hard, Die Wei­ma­rer Re­pu­blik, 7. er­wei­ter­te Auf­la­ge, Mün­chen 2009.
Mö­lich, Ge­org/ Veltz­ke, Veit/ Wal­ter, Bernd (Hg.), Rhein­land, West­fa­len und Preu­ßen. Ei­ne Be­zie­hungs­ge­schich­te, Müns­ter 2011.
Nip­per­dey, Tho­mas, Deut­sche Ge­schich­te 1866-1918, Band 2, Mün­chen 1992.
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Weh­ler, Hans-Ul­rich, Deut­sche Ge­sell­schafts­ge­schich­te, Band 3 u. 4, Mün­chen 1995/ 2003.
Weiß, Lo­thar, Wah­len im 19. und 20. Jahr­hun­dert (Ge­schicht­li­cher At­las der Rhein­lan­de, Kar­te und Bei­heft V/6-8), Bonn 2006.

Theobald von Bethmann-Hollweg, Porträtfoto.

 
Zitationshinweis

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Weiß, Lothar, Reichstagswahlen und Reichstagsmandate der Rheinprovinz 1871 bis 1918, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/reichstagswahlen-und-reichstagsmandate-der-rheinprovinz-1871-bis-1918/DE-2086/lido/57d12d14e7d854.99438760 (16.11.2018)