Reichsstift und Fürstentum Essen

Klaus Wisotzky (Essen)

Basilika St. Liudger Werden, 2009. (Stadtbildstelle Essen)

In der Mit­te des 9. Jahr­hun­derts grün­de­ten Al­fried, seit 851 Bi­schof von Hil­des­heim, und sei­ne Ver­wand­te (ver­mut­lich sei­ne Schwes­ter) Ger­s­wid, die zu­gleich ers­te Äb­tis­sin wur­de, ei­ne geist­li­che Frau­en­gemein­schaft. Die An­ga­ben müs­sen so va­ge blei­ben, nicht nur weil die schrift­li­chen Zeug­nis­se für die Früh­zeit bei ei­nem gro­ßen Brand 946 ver­lo­ren ge­gan­gen sind. Die Grün­dung war zu­dem ein lang­wie­ri­ger Pro­zess: Es muss­te Land zur Ver­sor­gung der Frau­en­gemein­schaft zur Ver­fü­gung ge­stellt wer­den, die Kir­che und die Kon­vents­ge­bäu­de wa­ren zu er­rich­ten. Es be­durf­te des Per­so­nals und der Re­li­qui­en. Da­her führt das ver­meint­lich ex­ak­te Grün­dungs­da­tum 852, das ein Ka­no­ni­ker auf dem Schutz­blatt des „Li­ber or­di­na­ri­us", ei­nes Ko­dex aus dem 14. Jahr­hun­dert, no­tiert hat, in die Ir­re.

Die Grün­dung er­folg­te an der Kreu­zung des Hell­we­ges, des be­deu­ten­den Haupt­ver­kehrs­we­ges des frü­hen Mit­tel­al­ters, der das Rhein­land mit dem Os­ten ver­band, mit zwei von Köln kom­men­den Stra­ßen, die Rich­tung Nor­den wei­ter ver­lie­fen. Na­tur­räum­lich bo­ten sich die bes­ten Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne land­wirt­schaft­li­che Nut­zung. So war die Ge­gend zur Zeit Al­frieds und Ger­s­wids be­reits be­sie­delt. Dies be­zeu­gen un­ter an­de­rem Grä­ber aus der Me­ro­win­ger­zeit im Um­kreis des Müns­ters. Auch der Na­me Ast­ni­de, der seit dem 9. Jahr­hun­dert be­legt ist, dürf­te wohl äl­te­ren Ur­sprungs sein. Er wird neu­er­dings als „Ort im Os­ten" ge­deu­tet, wo­bei ei­ne Sied­lung Wes­ten­dorp der Ge­gen­pol war. Der äl­te­re Na­me ging auf die Neu­grün­dung über, wäh­rend die schon exis­tie­ren­de Sied­lung nun Al­ten­es­sen ge­nannt wur­de.

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Reichsstift und Fürstentum Essen (braun umrandet), Ausschnitt aus der Karte 'Territorien im Rheinland 1789', Bonn 2010. (LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte)

 

Ob die spi­ri­tu­ell fun­dier­te Frau­en­kom­mu­ni­tät als Ab­tei oder als Stift or­ga­ni­siert war, lässt sich nicht mehr klä­ren. Es ist aber da­von aus­zu­ge­hen, dass die Frau­en kei­ne Non­nen nach der Be­ne­dik­ti­ner­re­gel wa­ren. Die In­sas­sin­nen leg­ten – mit Aus­nah­me der Äb­tis­sin – kei­ne ewi­gen Ge­lüb­de ab. Sie konn­ten aus der Ge­mein­schaft wie­der aus­tre­ten und hei­ra­ten. Die Ka­no­nis­sen, von de­nen in Es­sen seit dem 12. Jahr­hun­dert die Re­de ist, be­wohn­ten ei­ge­ne Häu­ser (Ku­ri­en) und hat­ten ei­ge­nen Be­sitz.

Die Es­se­ner Frau­en­kom­mu­ni­tät wur­de nicht nur durch die Grün­der­fa­mi­lie und nach de­ren Aus­ster­ben durch die Li­udol­fin­ger ge­för­dert, son­dern auch mit zahl­rei­chen kö­nig­li­chen Schen­kun­gen be­dacht. Sie ver­füg­te über um­fang­rei­chen Grund­be­sitz im Ruhr­ge­biet, in der nie­der­län­di­schen Pro­vinz Ove­r­i­js­sel, am Rhein (Brei­sig, Go­des­berg, Kö­nigs­win­ter) und an der Lahn bei Mar­burg. Mit et­wa 3.000 Hu­fen, die in über 100 Ober­hö­fen or­ga­ni­siert wa­ren, ge­hör­te Es­sen zu den grö­ß­ten Stif­ten des Rei­ches. Von der Glanz­zeit, als es zu ei­ner ot­to­ni­schen Haus­kom­mu­ni­tät wur­de, zeu­gen noch heu­te das West­werk des Müns­ters und der wert­vol­le Kir­chen­schatz. Die Äb­tis­sin Mat­hil­de, ei­ne En­ke­lin Ot­tos des Gro­ßen (Re­gie­rungs­zeit 936-973) , stat­te­te die Kir­che eben­so mit kost­ba­ren Bild­wer­ken („Gol­de­ne Ma­don­na") und lit­ur­gi­schen Ge­rä­ten („Sie­ben­ar­mi­ger Leuch­ter", präch­ti­ge Vor­tra­ge­kreu­ze) aus wie Kai­ser Ot­to III. („Kin­der­kro­ne", Ze­re­mo­ni­al­schwert?). Die Es­se­ner Frau­en­gemein­schaft stand wohl seit Be­ginn des 10. Jahr­hun­derts – be­zeugt für das Jahr 947 – un­ter dem be­son­de­ren Schutz des Kö­nigs (Reichs­frei­heit). Sie ge­noss Im­mu­ni­tät von der Ge­walt des zu­stän­di­gen Gra­fen und be­saß das Recht auf freie Wahl der Äb­tis­sin. Zu­dem war das Stift seit 951 (Pri­vi­leg Papst Aga­pets II., Pon­ti­fi­kat 946-955) ex­emt, das hei­ßt es war von der Ju­ris­dik­ti­ons­ge­walt des zu­stän­di­gen Orts­bi­schofs, des Köl­ner Erz­bi­schofs, be­freit und dem Papst di­rekt un­ter­stellt.

Auf­grund die­ser Vor­zugs­stel­lung, des gro­ßen Grund­be­sit­zes und zahl­rei­cher Rech­te (vor al­lem Zehnt­recht zwi­schen Ruhr und Em­scher vom Leit­her Bach im Os­ten bis Lip­pern-Li­rich im Wes­ten) ge­lang im 13. Jahr­hun­dert die Ar­ron­die­rung ei­nes klei­nen Ter­ri­to­ri­ums von et­wa zwölf Qua­drat­ki­lo­me­tern mit den Städ­ten Es­sen und Stee­le so­wie den Dör­fern und Bau­er­schaf­ten Lip­per­hei­de, Bor­beck, Kar­nap, Al­ten­es­sen, Stop­pen­berg, Ka­tern­berg, Rott­hau­sen, Fril­len­dorf, Frohn­hau­sen, Al­ten­dorf, Hol­s­ter­hau­sen, Rüt­ten­scheid, Hut­trop und Ber­ger­hau­sen. Zur Lan­des­herr­schaft der Äb­tis­sin ge­hör­te auch das Länd­chen Brei­sig am Rhein (ge­teilt mit den Her­zö­gen von Berg) und Hu­ckar­de bei Dort­mund.

1228 wur­de die Es­se­ner Äb­tis­sin in ei­ner Ur­kun­de Hein­richs [VII.] (Re­gent­schaft 1222-1235, ge­stor­ben1242) erst­mals als „Fürs­tin" (dilec­ta prin­ceps nos­tra) ge­nannt. Durch die Wahl Kö­nig Ru­dolfs I. (Re­gie­rungs­zeit 1273-1291) zum Vogt (1275-1291) und der Nie­der­la­ge de­s Köl­ner Erz­bi­schofs Sieg­fried von Wes­ter­burg in der Schlacht bei Worrin­gen 1288 konn­te die Äb­tis­sin die Vog­tei zu ei­nem Wahl­amt ma­chen. Sie si­cher­te sich zu­gleich mit der Aus­übung der ho­hen und der nie­de­ren Ge­richts­bar­keit, der Mün­ze und dem Ju­den­ge­leit die wich­tigs­ten Rech­te ei­ner Lan­des­her­rin.

Die Un­ab­hän­gig­keit der Reichs­ab­tei, die zu­m Nie­der­rhei­nisch-West­fä­li­schen Reichs­kreis ge­hör­te und beim Reichs­tag zur Rhei­ni­schen Reichsprä­la­ten­bank (seit 1654) zähl­te, ging im drit­ten „Äb­tis­sin­nen­streit" ver­lo­ren. Der Vogt, Her­zog Jo­hann II. von Kle­ve (Re­gie­rungs­zeit 1481-1521), setz­te die erb­li­che Be­leh­nung durch, so­dass die Vog­tei in der Hand der kle­vi­schen Her­zö­ge und dann der preu­ßi­schen Herr­scher ver­blieb.

Seit dem Spät­mit­tel­al­ter nahm das Stift nur noch Frau­en aus dem ho­hen Adel auf, de­ren edel­freie Ab­stam­mung an­hand von Ah­nen­pro­ben ge­nau­es­tens über­prüft wur­de. Die Zahl der Stifts­da­men wur­de nach dem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg auf zehn be­schränkt.

Als Ent­schä­di­gung für die ab­ge­tre­te­nen Län­de­rei­en am lin­ken Rhein­ufer er­hielt der preu­ßi­sche Kö­nig un­ter an­de­rem das Stift Es­sen, in das am 3.8.1802 preu­ßi­sche Trup­pen ein­rück­ten. Per Ka­bi­netts­ord­re vom 18.4.1803 wur­den die bei­den Ka­pi­tel des Stif­tes auf­ge­löst. Fast „1000 Jah­re Herr­schaft ade­li­ger Frau­en in Es­sen" hat­ten da­mit ihr En­de ge­fun­den.

Literatur

Es­sen. Ge­schich­te ei­ner Stadt, hg. von Ul­rich Bors­dorf, Es­sen 2002.
Fa­bri­ci­us, Wil­helm, Er­läu­te­run­gen zum ge­schicht­li­chen At­las der Rhein­pro­vinz, Band 2: Die Kar­te von 1789, Bonn 1898, Nach­druck 1965, S. 333-336.
Küp­pers-Braun, Ute, Macht in Frau­en­hand. 1000 Jah­re Herr­schaft ade­li­ger Frau­en in Es­sen, Es­sen 2002.

Das Große Essener Stadtsiegel. (Stadtarchiv Essen)

 
Zitationshinweis

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Wisotzky, Klaus, Reichsstift und Fürstentum Essen, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Orte-und-Raeume/reichsstift-und-fuerstentum-essen/DE-2086/lido/57d117f9d15103.12802646 (14.11.2018)

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