Stadt Aachen

Thomas R. Kraus (Aachen)

Panoramaansicht der Stadt Aachen. (Andreas Hermann)

Ab­ge­se­hen vom spät­neo­li­thi­schen Feu­er­stein­berg­bau auf dem Lous­berg (3600 bis 3200 v. Chr.) ist Aa­chen als Sied­lungs­platz erst wie­der in rö­mi­scher Zeit seit dem 1. Jahr­hun­dert nach Chris­tus fass­bar, und zwar als Mi­li­tär­bad so­wie Han­dels- und Ge­wer­be­platz. Der im Mit­tel­al­ter ge­bräuch­li­che la­tei­ni­sche Na­me „Aquis­gra­num" wird vom rö­misch-kel­ti­schen Gott Apol­lo Gran­nus her­ge­lei­tet. Im 4. und 5. Jahr­hun­dert er­hol­te sich die Sied­lung von den Ein­fäl­len der Fran­ken des 3. Jahr­hun­derts. Im Jah­re 765 wird Aa­chen erst­mals in schrift­li­chen Quel­len er­wähnt, 769 als Pfalz. Die­se wur­den we­gen ih­rer Ther­mal­quel­len seit 794 zum Dau­er­auf­ent­halts­ort Karls des Gro­ßen (um 742-814) und zu ei­nem kul­tu­rel­len Mit­tel­punkt. Zur Pfalz ge­hör­te die bis um 800 über ei­nem äl­te­ren christ­li­chen Sa­kral­bau er­rich­te­te Ma­ri­en­kir­che, de­ren Ok­to­gon  vom ers­ten gro­ßen Kup­pel­bau nörd­lich der Al­pen über­wölbt ist. In ihr wur­de Karl der Gro­ße an bis heu­te um­strit­te­ner Stel­le bei­ge­setzt, sei­ne Söh­ne und En­kel wur­den hier 813 und 817 ge­krönt.

Nach 830, be­son­ders nach der Tei­lung des Ka­ro­lin­ger­rei­ches im Ver­trag von Meer­sen 870, ge­riet Aa­chen in ei­ne Rand­la­ge. Dar­aus trat es erst un­ter Ot­to dem Gro­ßen und den 936 ein­set­zen­den Krö­nun­gen rö­misch-deut­scher Kö­ni­ge wie­der her­aus (bis 1531: 28 Krö­nun­gen). Un­ter Ot­to III. kam es 997 zur Grün­dung ei­nes Frau­en­klos­ters auf dem Sal­va­tor­berg und des Ka­no­ni­ker­stifts St. Adal­bert, 996/998 der Ab­tei Burt­scheid und im Jah­re 1000 zur Öff­nung des Gra­bes Karls des Gro­ßen. Die­ser wur­de 1165 un­ter Kai­ser Fried­rich Bar­ba­ros­sa (um 1122-1190) hei­lig ge­spro­chen. 

Seit dem 12. Jahr­hun­dert tra­ten die im Ge­wer­be tä­ti­gen und mit Tuch Han­del trei­ben­den Bür­ger mehr und mehr her­vor. Nach halb­jäh­ri­ger Be­la­ge­rung durch den Ge­gen­kö­nig  Wil­helm von Hol­land 1248 nahm ih­re Be­deu­tung ne­ben den bis da­hin al­les be­stim­men­den Amt­leu­ten des Stauf­er­kö­nigs Fried­rich II. wei­ter zu. In den 1260er Jah­ren er­lang­ten sie das Selbst­ver­wal­tungs­recht, er­kenn­bar in den In­sti­tu­tio­nen von Bür­ger­meis­tern und Rat. 1267 wur­de das ers­te Rat­haus er­rich­tet (Gras­haus am Fisch­markt). Der Mau­er­ring von 1171/1175 wur­de seit et­wa 1250 er­wei­tert. 

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Karolingisches Oktogon mit Barbarossaleuchter im Aachener Dom. (aachen tourist service e.v.)

 

Aa­chen war in ganz Eu­ro­pa Ziel für Pil­ger­rei­sen. Seit 1349 wur­den dort al­le sie­ben Jah­re die aus dem Schatz Karls des Gro­ßen her­rüh­ren­den Hei­lig­tü­mer ge­zeigt. Aa­chens Tu­che wur­den in die­ser Zeit bis nach Now­go­rod und Un­garn ge­han­delt. Seit 1351 ga­ran­tier­te Aa­chen mit an­de­ren den Frie­den zwi­schen Maas und Rhein. Seit den 1330er Jah­ren ent­stand am Markt das gro­ße Rat­haus mit dem Reichs­saal für die Krö­nungs­fest­mäh­ler. 

Ansicht des Rathauses mit dem Markt, Stahlstich aus: Johan du Vivier: Beschryving van de Stad Aken, Leiden 1727. (Stadtarchiv Aachen)

 

Bis zur Mit­te des 16. Jahr­hun­derts er­blüh­te in Aa­chen die Mes­sing­in­dus­trie und da­mit ver­bun­den die Her­stel­lung von Waf­fen. Das 16. und 17. Jahr­hun­dert stan­den im Zei­chen re­li­giö­ser Un­ru­hen. Nach dem Sturz des pro­tes­tan­ti­schen Ra­tes 1598 und dem ge­schei­ter­ten Auf­stand von 1614 re­gier­ten, an­er­kannt im West­fä­li­schen Frie­den (1648), aus­schlie­ß­lich Ka­tho­li­ken. Die Ab­wan­de­rung des von Pro­tes­tan­ten be­herrsch­ten Ge­wer­bes (Mes­sing- und Waf­fen­in­dus­trie, Tei­le des Tuch­ge­wer­bes) lei­te­te den wirt­schaft­li­chen Nie­der­gang der Stadt ein. Er ver­schärf­te sich durch Kont­ri­bu­tio­nen (Zwangs­ab­ga­ben) in den zahl­rei­chen Krie­gen je­ner Zeit so­wie durch den Stadt­brand vom 2.5.1656. Mit dem ge­ziel­ten Aus­bau des Kur- und Ba­de­we­sens und der An­la­ge ei­nes Kur­vier­tels in der heu­ti­gen Kom­phaus­bad­stra­ße wur­de die Grund­la­ge für Aa­chens Ruhm als Mo­de­bad Eu­ro­pas ge­legt. Des­halb wur­den hier­her 1668 und 1748 Frie­dens­kon­gres­se ge­legt. Am En­de des 18. Jahr­hun­derts war Aa­chen durch die so ge­nann­te Mä­ke­lei von po­li­ti­schen Un­ru­hen er­schüt­tert, die erst mit dem Ein­rü­cken fran­zö­si­scher Re­vo­lu­ti­ons­trup­pen (1792) be­zie­hungs­wei­se de­ren Rück­kehr 1794 be­en­det wur­den. Aa­chen war nun ei­ne be­setz­te Stadt, in der mi­li­tä­ri­sche Be­lan­ge Vor­rang hat­ten, bis 1798 mit der Ein­rich­tung de­s Ro­er­de­par­te­ments und Aa­chen als Ver­wal­tungs­sitz die zi­vi­le Or­ga­ni­sa­ti­on in den Vor­der­grund rück­te. Im Frie­den von Lun­é­vil­le 1801 wur­de Aa­chen völ­ker­recht­lich ei­ne fran­zö­si­sche Stadt, 1802 Bi­schofs­sitz, er­leb­te 1804 den Be­such von Na­po­le­on (1769-1821) und der Kai­se­rin Jo­se­phi­ne (1763-1814) und hat­te Teil am all­ge­mei­nen wirt­schaft­li­chen Auf­schwung. In des­sen Ge­fol­ge stieg die Be­völ­ke­rung von 23.500 im Jah­re 1800 auf 30.200 im Jah­re 1812/1813 an. Nach den Be­frei­ungs­krie­gen (1813/1814) fand die fran­zö­si­sche Zeit in Aa­chen am 17.1.1814 ihr En­de. Auf dem Wie­ner Kon­gress kam Aa­chen 1815 an Preu­ßen, wur­de 1816 Sitz ei­nes Re­gie­rungs­prä­si­den­ten (bis 1972) und er­hielt ei­ne Mi­li­tär­gar­ni­son. 1818 fand in Aa­chen der Mon­ar­chen­kon­gress statt. Da­s fran­zö­si­sche Bis­tum wur­de 1821 zu­guns­ten Kölns auf­ge­löst. Sein An­se­hen al­s in­ter­na­tio­na­les Bad konn­te Aa­chen durch die Ver­bes­se­rung der In­fra­struk­tur und durch ver­schie­de­ne Bau­ten und Kul­tur­ein­rich­tun­gen fes­ti­gen: Stadt­thea­ter (1822/1825), Eli­sen­brun­nen (1822/1827), Ba­de­häu­ser, Pro­me­na­den und neue Wohn­vier­tel, 1882 Su­er­mondt- (seit 1977 Su­er­mondt-Lud­wig-Mu­se­um), In­ter­na­tio­na­les Zei­tungs­mu­se­um (1885).

Ansicht des Aachener Stadttheaters von Nordwesten, Lithographie von Robert Geissler (1819-1893). (Stadtarchiv Aachen)

Historische Stätten in Aachen, 2010. (LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte)

 

Aa­chen war Ein­falls­tor für die In­dus­tria­li­sie­rung Deutsch­lands (1817 ers­te Dampf­ma­schi­ne) mit der Schat­ten­sei­te von Kin­der­ar­beit und früh­in­dus­tri­el­lem Pro­le­ta­ri­at (Ar­bei­te­r­un­ru­hen 1830). De­ren Fol­gen such­ten vor al­lem der „So­zia­le Ka­tho­li­zis­mus" und ent­spre­chend ori­en­tier­te neue Or­den zu lin­dern. Aa­chen wur­de Zen­trum pri­va­ter Fi­nanz­wirt­schaft (Feu­er­ver­si­che­rung 1825), an das Ei­sen­bahn­netz von Köln nach Ant­wer­pen an­ge­schlos­sen (1841/1843) und er­leb­te den Auf­schwung von Tex­til-, Na­del- und Ma­schi­nen­in­dus­trie, den Bau ei­ner Wag­gon­fa­brik (1841) wie von Hüt­ten- und Walz­wer­ken (seit 1847). Süß­wa­ren und Au­to­mo­bi­le wur­den hier seit dem En­de des Jahr­hun­derts her­ge­stellt. Die 1870 er­öff­ne­te Rhei­nisch-West­fä­lisch-Tech­ni­sche Hoch­schu­le ent­wi­ckel­te sich zu ei­nem be­deu­ten­den For­schungs­zen­trum (RWTH heu­te: cir­ca 30.000 Stu­den­ten), das zu­sam­men mit an­de­ren Hoch­schu­len ei­nen für Aa­chen we­sent­li­chen Wirt­schafts­fak­tor dar­stellt. 

Hauptgebäude der Technischen Hochschule, Holzschnitt von Richard Brend'amour (1831-1915), um 1880. (Stadtarchiv Aachen)

Die Werksanlagen Rothe Erde, 1884, Druck aus: H. Becker, Aachener Hütten-Aktien-Verein Rothe Erde. Festschrift für den 60-jährigen Gedenktag der Inbetriebnahme seiner Werksanlagen 1847 - 1907, Aachen 1907. (Stadtarchiv Aachen)

 

1897 und 1906 wur­den die Stadt Burt­scheid und die Ge­mein­de Forst nach Aa­chen ein­ge­mein­det. Den Ers­ten Welt­krieg über­stand Aa­chen oh­ne we­sent­li­che Schä­den, litt aber un­ter der fol­gen­den wirt­schaft­li­chen Ab­schnü­rung und un­ter der erst 1929 be­en­de­ten bel­gi­schen Be­sat­zung, wäh­rend der hier 1923 für we­ni­ge Ta­ge die „Rhei­ni­sche Re­pu­blik" aus­ge­ru­fen wor­den war. Das 1864 ge­grün­de­te Hüt­ten­werk „Ro­the Er­de" muss­te 1926 we­gen der neu­en Zoll­gren­ze zu Lu­xem­burg ge­schlos­sen wer­den. Statt des­sen sie­del­ten sich nie­der­län­di­sche, bel­gi­sche und fran­zö­si­sche Fir­men der Elek­tro-, Glas- und Rei­fen­in­dus­trie an. 1930 wur­de das zwei­te Bis­tum Aa­chen ein­ge­rich­tet.

Im Zwei­ten Welt­krieg wur­de Aa­chen durch Luft­an­grif­fe zu mehr als 60 Pro­zent zer­stört. Die Ka­pi­tu­la­ti­on vor ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen er­folg­te be­reits am 21.10.1944. Der von die­sen ein­ge­setz­te Ober­bür­ger­meis­ter Franz Op­pen­hoff (ge­bo­ren 1902) wur­de am 25.3.1944 von ei­nem „Wer­wolf"-Kom­man­do der SS er­mor­det. Nach dem um 1960 ab­ge­schlos­se­nen Wie­der­auf­bau und dem im Wes­ten be­schrit­te­nen Weg der Ei­ni­gung Eu­ro­pas, den der 1950 von Aa­che­ner Bür­gern ge­stif­te­te Karls­preis un­ter­stütz­te, ging die Grenz­la­ge ver­lo­ren, was ei­nen wirt­schaft­li­chen Auf­schwung be­wirk­te. Mit der Ein­glie­de­rung von sie­ben Nach­bar­ge­mein­den im Jah­re 1972 ver­grö­ßer­te sich das Stadt­ge­biet auf et­wa 16.000 Hekt­ar. Den Nie­der­gang der Tex­til- und Na­del­in­dus­trie ver­such­te man durch die An­sied­lung von For­schungs­ein­rich­tun­gen so­wie tech­no­lo­gisch hoch ent­wi­ckel­ter Fir­men aus­zu­glei­chen. Die­ser Pro­zess hält bis heu­te an. Aa­chen zählt cir­ca 259.000 Ein­woh­ner.

Seit Ok­to­ber 2009 bil­det die Stadt Aa­chen zu­sam­men mit dem ehe­ma­li­gen Kreis Aa­chen die Städ­te­re­gi­on Aa­chen.

Literatur

Bruck­ner, Cle­mens, Zur Wirt­schafts­ge­schich­te des Re­gie­rungs­be­zirks Aa­chen, Köln 1967.

En­nen, Edith, Aa­chen im Mit­tel­al­ter, in: Zeit­schrift des Aa­che­ner Ge­schichts­ver­eins 86/87 (1979/1980), S. 457-487.

Eyll, Kla­ra van/Eschwei­ler, Ot­to (Hg.), Wirt­schafts­ge­schich­te der Re­gi­on Aa­chen. Vom En­de des Zwei­ten Welt­kriegs bis zur Ge­gen­wart, Köln 2002.

Flach, Diet­mar, Un­ter­su­chun­gen zur Ver­fas­sung und Ver­wal­tung des Aa­che­ner Reichs­gu­tes von der Ka­ro­lin­ger­zeit bis zur Mit­te des 14. Jahr­hun­derts, Göt­tin­gen 1976.

Gas­ten, El­mar, Aa­chen in der Zeit der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft 1933-1944, Frank­furt a.M. 1990.

Kel­ler, Chris­toph, Ar­chäo­lo­gi­sche For­schun­gen in Aa­chen, Mainz 2004.

Kraus, Tho­mas, Auf dem Weg in die ­Mo­der­ne. Aa­chen in fran­zö­si­scher Zeit 1792/93, 1794-1814, Aa­chen 1994.

Kraus, Tho­mas, Jü­lich, Aa­chen und das Reich, Aa­chen 1987.

Lep­per, Her­bert (Hg.), So­zia­ler Ka­tho­li­zis­mus in Aa­chen. Quel­len zur Ge­schich­te des Ar­bei­ter­ver­eins zum hl. Pau­lus für Aa­chen und Burt­scheid, (1869-1878/88), Mön­chen­glad­bach 1977.

Poll, Bern­hard/Sie­mons, Hans, Ge­schich­te Aa­chens in Da­ten, Aa­chen 2003.

Schmitz, Wal­ter, Ver­fas­sung und Be­kennt­nis. Die Aa­che­ner Wir­ren im Spie­gel der kai­ser­li­chen Po­li­tik, Frank­furt a.M. 1983.

Online

Web­site der Stadt Aa­chen. [On­line]

Südseite des Aachener Rathauses, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges oder kurz nach Kriegsende 1945, Foto: Stadtbildstelle Aachen. (Stadtarchiv Aachen)

 
Zitationshinweis

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Kraus, Thomas R., Stadt Aachen, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Orte-und-Raeume/stadt-aachen/DE-2086/lido/57d11ee6c78f89.85456777 (09.11.2018)

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