Adolf Kempkes

Rechtsanwalt, nationalliberaler Politiker (1871-1931)

Jürgen Frölich (Gummersbach/Bonn)

Adolf Kempkes. (Haus der Essener Geschichte, Signatur: 952-432, aus: Adolf Kempkes (Hg.), Deutscher Aufbau, Berlin 1927.)

Adolf Kemp­kes war ein Es­se­ner Rechts­an­walt, der als lang­jäh­ri­ger Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ter und kurz­zei­ti­ger Staats­e­kre­tär zum engs­ten Füh­rungs­kreis der na­tio­nal­li­be­ra­len Deut­schen Volks­par­tei ge­hör­te.

Am 30.8.1871 kam Adolf Kemp­kes als äl­tes­ter Sohn des aus We­sel zu­ge­zo­ge­nen Ma­ga­zin-Ver­wal­ters und spä­te­ren Kauf­man­nes Bern­hard Kemp­kes (geb. 1847) und der Es­se­ne­rin Jo­han­na ge­bo­re­ne Kley (geb. 1847) in Es­sen zur Welt. Bei­de El­tern wa­ren ka­tho­lisch, hat­ten aber ver­mut­lich erst ei­ni­ge Jah­re nach der Ge­burt des Soh­nes ge­hei­ra­tet. In sei­ner Ge­burts­stadt ab­sol­vier­te er die Volks­schu­le und das hu­ma­nis­ti­sche Kö­nig­li­che Gym­na­si­um (heu­te Burg­gym­na­si­um), an dem er 1891 das Ab­itur ab­leg­te. 1891-1894 stu­dier­te er an den Uni­ver­si­tä­ten Mar­burg, Frei­burg und Ber­lin Rechts­wis­sen­schaf­ten. Wäh­rend die­ser Zeit war er Korps­stu­dent. Nach dem Re­fe­ren­da­ri­at in Es­sen und Han­no­ver und der Ab­le­gung des zwei­ten Staats­ex­amens 1899 ließ er sich noch im sel­ben Jahr an sei­nem Her­kunfts­ort als Rechts­an­walt nie­der.

Schon vor dem Ers­ten Welt­krieg wur­de er po­li­tisch in der Na­tio­nal­li­be­ra­len Par­tei ak­tiv und saß für die­se von 1906 bis zum En­de des Kai­ser­rei­ches in der Es­se­ner Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung. Zeit­wei­se war er Vor­sit­zen­der des Jung­li­be­ra­len Ver­ban­des in Es­sen und in die­ser Funk­ti­on Mit­glied des rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­vor­stan­des der Mut­ter­par­tei. Un­mit­tel­bar vor Kriegs­aus­bruch nahm er die glei­che Funk­ti­on im Ge­schäfts­füh­ren­den Aus­schuss des west­fä­li­schen Pro­vin­zi­al­ver­ban­des der Na­tio­nal­li­be­ra­len Par­tei ein, nach­dem sich die Es­se­ner Na­tio­nal­li­be­ra­len, an de­ren Spit­ze Kemp­kes jetzt stand, or­ga­ni­sa­to­risch die­sem an­ge­schlos­sen hat­ten. Den Ers­ten Welt­krieg er­leb­te er als Of­fi­zier ei­nes west­fä­li­schen Feld­ar­til­le­rie­re­gi­ments.

Ob­wohl Kemp­kes als „Jung­li­be­ra­ler“ eher auf dem lin­ken Flü­gel der Na­tio­nal­li­be­ra­len Par­tei ge­stan­den hat­te, schloss er sich nach der No­vem­ber­re­vo­lu­ti­on nicht wie vie­le sei­ner jung­li­be­ra­len Mit­strei­ter der Deut­schen De­mo­kra­ti­schen Par­tei (DDP), son­dern der Deut­schen Volks­par­tei (DVP) an, die Gus­tav Stre­se­mann (1878-1929) nach der ge­schei­ter­ten Fu­si­on von Frei­sinn und Na­tio­nal­li­be­ra­len im De­zem­ber 1918 vor al­lem aus dem rech­ten Flü­gel der Na­tio­nal­li­be­ra­len Par­tei ge­bil­det hat­te. Auf ei­ner ge­mein­sa­men Lis­te von DVP und Deutsch­na­tio­na­ler Volks­par­tei (DNVP) für den Wahl­kreis Düs­sel­dorf-Ost wur­de Kemp­kes im Ja­nu­ar 1919 als ei­ner von nur 22 Volks­par­tei-Ab­ge­ord­ne­ten in die Deut­sche Na­tio­nal­ver­samm­lung ge­wählt; im letz­ten Reichs­tag des Kai­ser­rei­ches hat­ten die Na­tio­nal­li­be­ra­len noch über 45 Man­da­te bei ge­rin­ge­rer Ge­samt­zahl an Sit­zen ver­fügt. Mit sei­ner Par­tei stand Kemp­kes zu­nächst in Op­po­si­ti­on zur Re­gie­rung, die aus So­zi­al­de­mo­kra­ten, DDP und po­li­ti­schem Ka­tho­li­zis­mus als „Wei­ma­rer Ko­ali­ti­on“ ge­bil­det wur­de.

Sei­ne ers­te Ple­nar­re­de hielt er am 7.3.1919 zur Vor­la­ge ei­nes So­zia­li­sie­rungs­ge­set­zes, bei der Kemp­kes die Ge­fah­ren, die aus der So­zia­li­sie­rung ge­ra­de zur jet­zi­gen Zeit ent­ste­hen - ge­meint war die wirt­schaft­li­che La­ge nach dem ver­lo­re­nen Welt­krieg - her­aus­stell­te. Nicht nur des­halb galt Kemp­kes all­ge­mein als der In­dus­trie „na­he­ste­hen­d“ (Lo­thar Al­ber­tin). Er hat­te zu­vor als An­walt In­ter­es­sen der Es­se­ner In­dus­trie ver­tre­ten.

Auch sein zwei­ter grö­ße­rer Auf­tritt als Ple­nar­red­ner galt Wirt­schafts- be­zie­hungs­wei­se Fi­nanz­the­men. En­de 1919 kri­ti­sier­te er ve­he­ment die vor al­lem von Reichs­fi­nanz­mi­nis­ter Ma­thi­as Erz­ber­ger (1875-1921) vor­an­ge­trie­be­nen Plä­ne ei­ner Lu­xus­steu­er und ei­nes Reichs­not­op­fers zur De­ckung der kriegs­be­ding­ten Fi­nanz­not. Da­nach ist Kemp­kes al­ler­dings kaum noch im Ple­num auf­ge­tre­ten. Ob­wohl er im Ju­ni 1920, im Mai und De­zem­ber 1924 je­weils im Wahl­kreis Düs­sel­dorf-Ost, der auch Es­sen ein­schloss, so­wie im Mai 1928 auf der Reichs­lis­te der DVP wie­der­um in den Reichs­tag ge­wählt wur­de, hat er als Red­ner nach Sep­tem­ber 1923 nicht mehr in­ter­ve­niert. Das Par­la­ments­ple­num ge­hör­te nicht zu sei­ner be­vor­zug­ten po­li­ti­schen Are­na.

Ganz an­ders ver­hielt es sich mit den „Hin­ter­zim­mern“ der par­tei­in­ter­nen und zwi­schen­par­tei­li­chen De­bat­ten, wie spä­ter ein Nach­ruf auf Kemp­kes fest­hal­ten soll­te: „Er war der Ge­ne­ral­stabs­chef der Par­tei, der die Ver­trau­lich­keit des stil­len Be­ra­tungs­zim­mers vor­zog.“ (Vos­si­sche Zei­tung) In der Tat war Kemp­kes schon bald ei­ne Art „Graue Emi­nen­z“ in sei­ner Par­tei: En­de 1919 wur­de er de­ren Schatz­meis­ter; 1920 über­nahm er den Vor­sitz im Ge­schäfts­füh­ren­den Aus­schuss der DVP, dem ei­gent­li­chen Ent­schei­dungs­zen­trum der Par­tei, da der for­mal über­ge­ord­ne­te Zen­tral­vor­stand auf­grund sei­ner Grö­ße sel­ten zu­sam­men­trat und sehr schwer­fäl­lig war. Auch wei­te­ren wich­ti­gen Par­tei­gre­mi­en so­wie dem Vor­stand der Reichs­tags­frak­ti­on ge­hör­te Kemp­kes über lan­ge Jah­re an und lei­te­te zu­dem als obers­ter haupt­amt­li­cher Mit­ar­bei­ter die Reichs­ge­schäfts­stel­le der Par­tei. Nicht von un­ge­fähr be­zeich­ne­te ihn der DVP-Vor­sit­zen­de Stre­se­mann als „ge­schäfts­füh­ren­den Par­tei­vor­sit­zen­den“.

Kemp­kes nutz­te sei­ne zen­tra­le in­ner­par­tei­li­che Stel­lung aber nicht da­zu, um sei­ne ei­ge­ne Kar­rie­re zu be­för­dern. Viel­mehr sah er sei­ne ei­gent­li­che Auf­ga­be dar­in, sei­nen Vor­sit­zen­den zu un­ter­stüt­zen und ihm den Rü­cken ge­gen­über den zahl­rei­chen in­ner­par­tei­li­chen Geg­nern frei­zu­hal­ten. Bis zum Tod Stre­se­manns im Ok­to­ber 1929 ist Kemp­kes des­sen Kurs fast be­din­gungs­los ge­folgt: Er stimm­te in der Na­tio­nal­ver­samm­lung ge­gen den Ver­sailler Ver­trag und die Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung. Wie Stre­se­mann schwank­te er beim Kapp-Putsch im März 1920 zwi­schen Un­ter­stüt­zung und Dis­tan­zie­rung. Ur­sprüng­lich ein Ver­fech­ter ei­ner en­gen Zu­sam­men­ar­beit mit den Deutsch­na­tio­na­len, die er im Wes­ten Deutsch­lands für un­ver­zicht­bar hielt, trat er bald für ei­ne kla­re Ab­gren­zung ge­gen­über der Rechts­par­tei ein. 1928 un­ter­stütz­te er Stre­se­mann, der als Au­ßen­mi­nis­ter qua­si im Al­lein­gang ei­ne Neu­auf­la­ge der Gro­ßen Ko­ali­ti­on ge­gen er­bit­ter­ten in­ner­par­tei­li­chen Wi­der­stand durch­setz­te, an der Kemp­kes auch nach dem Tod des Par­tei­vor­sit­zen­den bis zu­letzt fest­hielt.

So er­wies sich schon schnell Stre­se­manns Ver­zicht auf den ge­schäfts­füh­ren­den Vor­sitz als „Glücks­grif­f“ für ihn: „Kemp­kes war auf­grund sei­ner ire­ni­schen Art ge­ra­de­zu ide­al ge­eig­net, zwi­schen der Par­tei und Stre­se­mann zu ver­mit­teln.“ (Lud­wig Rich­ter) Für sein zwei­tes Ka­bi­nett mach­te Stre­se­mann sei­nen Ver­trau­ten im Ok­to­ber 1923 zum Staats­se­kre­tär in der Reichs­kanz­lei, vor al­lem um die ei­ge­ne Frak­ti­on auf Kurs der Gro­ßen Ko­ali­ti­on zu hal­ten. 

Al­ler­dings zer­mürb­ten die­se Be­haup­tungs­ver­su­che au­gen­schein­lich Kemp­kes psy­chisch und kör­per­lich; mehr­fach konn­te er nur mit Mü­he von Stre­se­mann zum Wei­ter­ma­chen er­mun­tert wer­den. An­de­rer­seits zog Stre­se­mann Kemp­kes ins Ver­trau­en, als er An­fang 1929 sei­ner­seits mit ei­nem po­li­ti­schen Rück­zug lieb­äu­gel­te, wor­auf­hin Kemp­kes von ei­ner nicht zu über­tref­fen­den Un­dank­bar­keit ei­ner Par­tei, die Ih­nen al­les ver­dankt sprach.

Mit Stre­se­manns Tod ver­lor Kemp­kes nicht nur sei­nen po­li­ti­schen Fix­punkt, son­dern auch sei­nen in­ner­par­tei­li­chen Rück­halt: Zwar schlug er selbst im De­zem­ber 1929 den DVP-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den Ernst Scholz (1874-1932) als Stre­se­manns Nach­fol­ger an der Par­tei­spit­ze vor, wur­de aber bald dar­auf, da sich nun Par­tei- und Frak­ti­ons­vor­sitz erst­mals in ei­ner Hand be­fan­den, fak­tisch ent­mach­tet. Für die Reichs­tags­wahl im Sep­tem­ber 1930 er­hielt er kei­nen si­che­ren Lis­ten­platz mehr und kurz dar­auf gab er – for­mal aus „per­sön­li­chen Grün­den“ – sei­ne Po­si­ti­on im Ge­schäfts­füh­ren­den Aus­schuss der Par­tei auf. We­nig spä­ter er­lag Adolf Kemp­kes nicht ein­mal 60-jäh­rig am 6.1.1931 in Ber­lin ei­nem Herz­schlag, ge­sund­heit­lich ein Op­fer der in­ner­par­tei­li­chen Gra­ben­kämp­fe, wie sein Köl­ner Par­tei­kol­le­ge Paul Mol­den­hau­er (1877-1947) wohl nicht zu Un­recht ver­mu­te­te. 

Über sein Le­ben jen­seits der Po­li­tik ist kaum et­was über­lie­fert, er war seit 1899 mit An­na, ge­bo­re­ne Boos ver­hei­ra­tet – die Ehe blieb of­fen­bar kin­der­los – und sei­nem ehe­ma­li­gen Gym­na­si­um le­bens­lang ver­bun­den. Be­zeich­nen­der­wei­se ist auch die ein­zi­ge be­kann­te grö­ße­re Pu­bli­ka­ti­on von Adolf Kemp­kes ein Buch über „sei­ne“ DVP, das er zum 70. Jah­res­tag der Grün­dung der Na­tio­nal­li­be­ra­len Par­tei her­aus­gab, in de­ren Tra­di­ti­on sich die DVP nach wie vor selbst sah. Da­zu steu­er­te er selbst ei­nen Bei­trag über die „Or­ga­ni­sa­ti­on der DVP“ bei. Lan­ge Jah­re war er Mit­glied der Frei­mau­rer Lo­ge „Al­fred zur Lin­de im Ori­ent Es­sen“, wo er die Po­si­ti­on ei­nes „Red­ner­s“ und dann des „Zu­ge­ord­ne­ten Meis­ter­s“, al­so des stell­ver­tre­ten­den Vor­sit­zen­den, ein­nahm. 

Trotz sei­ner Ver­or­tung im „Rhei­nisch-West­fä­li­schen“ und sei­ner In­dus­tri­enä­he ge­hör­te Kemp­kes nicht je­nem, ge­nau von die­sen Krei­sen un­ter­stüt­zen rech­ten, DNVP-na­hen Flü­gel der DVP an, der Stre­se­mann das Le­ben lan­ge Zeit schwer­mach­te und nach sei­nem Tod fak­tisch die Macht in der Par­tei über­nahm. Viel­mehr lässt sich an der po­li­ti­schen Bio­gra­phie Adolf Kemp­kes sehr gut je­ner Weg vom an­fäng­li­chen Skep­ti­ker zum Ver­tei­di­ger der re­pu­bli­ka­nisch-de­mo­kra­ti­schen Ord­nung nach­zeich­nen, den auch Kemp­kes‘ gro­ßes Vor­bild Stre­se­mann ge­gan­gen ist.

Werke

(Hg.), Deut­scher Auf­bau. Na­tio­nal­li­be­ra­le Ar­beit der Deut­schen Volks­par­tei, Ber­lin 1927. 

Literatur

Al­ber­tin, Lo­thar, Li­be­ra­lis­mus und De­mo­kra­tie am An­fang der Wei­ma­rer Re­pu­blik, Düs­sel­dorf 1972.
Dick­hoff, Er­win, Es­se­ner Köp­fe. Wer war was? Es­sen 1985, S. 119.
Kolb, Eber­hard/Rich­ter, Lud­wig (Hg.), Na­tio­nal­li­be­ra­lis­mus in der Wei­ma­rer Re­pu­blik. Die Füh­rungs­gre­mi­en der Deut­schen Volks­par­tei, Düs­sel­dorf 1999.
Or­ga­ni­sa­ti­ons­hand­buch der Na­tio­nal­li­be­ra­len Par­tei, Ber­lin 1907 u. 1914. 
Reichs­hand­buch der deut­schen Ge­sell­schaft, Band 1, Ber­lin 1930, S. 909. 
Rich­ter, Lud­wig, Die Deut­sche Volks­par­tei 1918-1933, Düs­sel­dorf 2002.
Schul­te, W., Adolf Kemp­kes †, in: Akro­po­lis. Zeit­schrift des Staat­li­chen Burg­gym­na­si­ums in Es­sen (1931), S. 1.

Online

Nach­ruf in der Vos­si­schen Zei­tung v. 7.1.1931. [on­line]  

 
Zitationshinweis

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Frölich, Jürgen, Adolf Kempkes, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/adolf-kempkes/DE-2086/lido/5e8850021374e7.47760480 (abgerufen am 20.09.2021)