August Bebel

SPD-Vorsitzender (1840-1913)

Ilse Fischer (Bonn)

August Bebel, Porträtfoto. (Archiv der Sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung)

Au­gust Be­bel zähl­te zu den be­kann­tes­ten Po­li­ti­kern im 1871 ge­grün­de­ten deut­schen Kai­ser­reich. Der ge­lern­te Drechs­ler­ge­sel­le ge­hör­te zu den „Grün­der­vä­tern" der deut­schen So­zi­al­de­mo­kra­tie. Als SPD-Vor­sit­zen­der, Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ter und elo­quen­ter Ge­gen­spie­ler des Reichs­kanz­lers Ot­to von Bis­marck (1815-1898) wur­de er zur Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur der um po­li­ti­sche und so­zia­le Rech­te kämp­fen­den Ar­bei­ter­schaft.

Fer­di­nand Au­gust Be­bel wur­de am 22.2.1840 in den Ka­se­mat­ten von (Köln)-Deutz als Sohn des in preu­ßi­schen Diens­ten ste­hen­den Un­ter­of­fi­ziers Jo­hann Gott­lieb Be­bel (1809-1844) und des­sen Frau Wil­hel­mi­ne (1804-1853) ge­bo­ren. Nach dem frü­hen Tod des Va­ters und der Hei­rat der Mut­ter mit dem Zwil­lings­bru­der des Ver­stor­be­nen ver­brach­te Be­bel zwei Jah­re bei sei­nem Stief­va­ter, ei­nem Auf­se­her in der „Pro­vin­zi­al- und Kor­rek­ti­ons­an­stalt" Brau­wei­ler, wo das Kind in dem düs­te­ren An­stalts­mi­lieu Zeu­ge der in­hu­ma­nen Be­hand­lung der In­sas­sen wur­de. Nach dem Tod ih­res zwei­ten Ehe­man­nes ging Wil­hel­mi­ne Be­bel in ih­re Hei­mat­stadt Wetz­lar zu­rück, wo sie sich müh­se­lig mit Heim­ar­beit den Le­bens­un­ter­halt ver­dien­te und schon 1853 ver­starb.

Au­gust Be­bel, des­sen grö­ß­ter Wunsch es in sei­ner Ju­gend ge­we­sen war, sich „ein­mal an But­ter­brot tüch­tig satt es­sen zu kön­nen", galt als be­gab­ter Schü­ler; er konn­te je­doch nur die städ­ti­sche Ar­men­schu­le be­su­chen und ab­sol­vier­te an­schlie­ßend ei­ne Leh­re bei ei­nem Drechs­ler­meis­ter. 1858 be­gab er sich auf die Ge­sel­len-Wan­der­schaft, die ihn 1860 nach Leip­zig führ­te. Der Meis­ter, bei dem er Ar­beit fand, stell­te Tür- und Fens­ter­grif­fe her – ein Ar­ti­kel, mit dem sich Be­bel 1864 selbst­stän­dig mach­te. 1866 er­warb er die säch­si­sche Staats­bür­ger­schaft und hei­ra­te­te die Putz­ma­che­rin Ju­lie Ot­to.

In Leip­zig mit sei­nen li­be­ra­len und de­mo­kra­ti­schen Zir­keln fand Be­bel An­schluss an die or­ga­ni­sa­to­ri­schen und po­li­ti­schen Be­stre­bun­gen der Ar­bei­ter und Ge­sel­len. 1861 trat er in den Ge­werb­li­chen Bil­dungs­ver­ein (spä­ter: Ar­bei­ter­bil­dungs­ver­ein) ein, des­sen Vor­sit­zen­der er 1865 wur­de. Be­bel, der zu­nächst der li­be­ra­len Fort­schritts­par­tei na­he stand und die For­de­run­gen Fer­di­nand Las­sal­les (1852-1864) nach Ein­füh­rung des all­ge­mei­nen glei­chen Wahl­rechts und die Grün­dung des All­ge­mei­nen Deut­schen Ar­bei­ter­ver­eins (ADAV) im Jahr 1863 als ver­früht ab­lehn­te, rück­te je­doch bald nach links und ent­wi­ckel­te sich zum „So­zi­al­de­mo­kra­ten". Ge­mein­sam mit Wil­helm Lieb­knecht (1826-1900) grün­de­te er 1866 die Säch­si­sche Volks­par­tei, wur­de im Fe­bru­ar 1867 in den Nord­deut­schen Reichs­tag ge­wählt und im glei­chen Jahr Prä­si­dent des in Kon­kur­renz zum ADAV ent­stan­de­nen Ver­bands Deut­scher Ar­bei­ter­ver­ei­ne (VDAV). 1868, auf dem Ver­eins­tag des VDAV in Nürn­berg, ge­lang es Be­bel, ei­ne Mehr­heit für das Pro­gramm der In­ter­na­tio­na­len Ar­bei­ter-As­so­zia­ti­on zu ge­win­nen. 1869 grün­de­te er ge­mein­sam mit Wil­helm Lieb­knecht in Ei­se­nach die So­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Ar­bei­ter­par­tei (SDAP), aus der 1875, nach der Ver­ei­ni­gung mit dem ADAV, die So­zia­lis­ti­sche Ar­bei­ter­par­tei Deutsch­lands (SAP) her­vor­ging.

Wäh­rend des Deutsch-Fran­zö­si­schen Krie­ges 1870/1871 brach­te Be­bel Staats­macht und na­tio­na­lis­ti­sches Bür­ger­tum ge­gen sich auf, als er im Reichs­tag nach der Nie­der­la­ge Frank­reichs und der Aus­ru­fung der fran­zö­si­schen Re­pu­blik ge­mein­sam mit Wil­helm Lieb­knecht wei­te­re Kriegs­kre­di­te ab­lehn­te, die An­ne­xi­on El­saß-Loth­rin­gens durch Deutsch­land ver­ur­teil­te und spä­ter den Pa­ri­ser Kom­mu­ne­auf­stand von 1871 ver­tei­dig­te. 1872 wur­de er im „Leip­zi­ger Hoch­ver­rats­pro­zess" zu zwei Jah­ren Fes­tungs­haft ver­ur­teilt. So­zi­al­de­mo­kra­ten gal­ten nun als „va­ter­lands­lo­se Ge­sel­len", die mit al­len Mit­teln po­li­zei­li­cher Re­pres­si­on be­kämpft wur­den. Den Hö­he­punkt er­reich­ten die staat­li­chen Un­ter­drü­ckungs­maß­nah­men 1878, als Reichs­kanz­ler Ot­to von Bis­marck (Amts­zeit 1871-1890) zwei At­ten­tats­ver­su­che auf Kai­ser Wil­helm I. (Re­gie­rungs­zeit 1871-1888) zum Vor­wand nahm, um im Reichs­tag das „Ge­setz ge­gen die ge­mein­ge­fähr­li­chen Be­stre­bun­gen der So­zi­al­de­mo­kra­tie" („So­zia­lis­ten­ge­setz") durch­zu­set­zen. Da­mit wur­den so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Ver­ei­ne, Zei­tun­gen und Pu­bli­ka­tio­nen ver­bo­ten, nur die so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Reichs­tags­frak­ti­on konn­te noch le­gal agie­ren.

Auch Be­bel wur­de 1881 aus Leip­zig aus­ge­wie­sen, 1886 wur­de er zu ei­ner mehr­mo­na­ti­gen Ge­fäng­nis­stra­fe we­gen „Ge­heim­bün­de­lei" ver­ur­teilt. Bis­marck ge­lang es in den zwölf Jah­ren des So­zia­lis­ten­ge­set­zes nicht, die So­zi­al­de­mo­kra­tie dau­er­haft zu un­ter­drü­cken. Bei den Reichs­tags­wah­len im Fe­bru­ar 1890 wur­de sie zur stim­men­stärks­ten Par­tei, was sich auf­grund der für sie un­güns­ti­gen Wahl­kreis­ein­tei­lung je­doch nicht in der Zahl der Man­da­te nie­der­schlug. Sein mu­ti­ges Auf­tre­ten ge­gen die Staats­macht brach­te Be­bel, der von 1881 bis 1890 auch säch­si­scher Land­tags­ab­ge­ord­ne­ter war, gro­ße Sym­pa­thi­en in der Ar­bei­ter­be­völ­ke­rung ein. Nach dem En­de des So­zia­lis­ten­ge­set­zes war er die un­be­strit­te­ne Füh­rungs­per­sön­lich­keit sei­ner Par­tei. Er über­sie­del­te 1890 nach Ber­lin und wur­de 1892 ne­ben Paul Sin­ger (1844-1911) zu ei­nem der bei­den Vor­sit­zen­den der SPD ge­wählt. Mit Aus­nah­me ei­ner kur­zen Un­ter­bre­chung im Jahr 1882 ge­hör­te Be­bel bis zu sei­nem Tod dem Deut­schen Reichs­tag an, wo er haupt­säch­lich den Wahl­kreis Ham­burg I ver­trat. Als „Zähl­kan­di­dat" trat er je­doch auch mehr­fach in sei­ner „Va­ter­stadt" Köln an, in der die So­zi­al­de­mo­kra­tie al­ler­dings auf­grund der star­ken Stel­lung der ka­tho­li­schen Zen­trums­par­tei ei­nen schwe­ren Stand hat­te.

1893 hielt Be­bel auf dem SPD-Par­tei­tag in Köln sei­ne be­rühm­te Re­de ge­gen den An­ti­se­mi­tis­mus. Im Zen­trum von Be­bels po­li­ti­scher Ar­beit stand die Aus­ein­an­der­set­zung um die so­zia­len und po­li­ti­schen Rech­te der Ar­bei­ter, die zum Bei­spiel durch das in Preu­ßen gel­ten­de Drei­klas­sen­wahl­recht mas­siv be­nach­tei­ligt wa­ren. Be­bel, der von der Not­wen­dig­keit der Lan­des­ver­tei­di­gung durch­aus über­zeugt war, pran­ger­te in zahl­rei­chen Reichs­tags­re­den den preu­ßisch-deut­schen Mi­li­ta­ris­mus und die Sol­da­ten­miss­hand­lun­gen im Heer an. Auch warn­te er im­mer wie­der vor der ag­gres­si­ven Au­ßen- und Ko­lo­ni­al­po­li­tik un­ter Wil­helm II. und der da­mit ver­bun­de­nen Ge­fahr ei­nes Welt­kriegs.

Be­bel zähl­te zu den en­ga­gier­tes­ten Vor­kämp­fern für das Frau­en­wahl­recht und trat in vie­len sei­ner Reichs­tags­re­den für die recht­li­che Gleich­stel­lung und die ge­sell­schaft­li­che Eman­zi­pa­ti­on der Frau­en ein. Un­ter den zahl­rei­chen po­li­ti­schen Schrif­ten, die er ver­fass­te, wur­de vor al­lem sein in vie­le Spra­chen über­setz­tes Buch „Die Frau und der So­zia­lis­mus" (1879) be­rühmt, in dem er zu­gleich die Vi­si­on ei­ner so­zia­lis­ti­schen „Zu­kunfts­ge­sell­schaft" ent­warf.

Au­gust Be­bel präg­te den po­li­ti­schen Kurs der deut­schen So­zi­al­de­mo­kra­tie ma­ß­geb­lich. Be­ein­flusst von der re­vo­lu­tio­nä­ren Theo­rie von Karl Marx und Fried­rich En­gels, mit de­nen er auch per­sön­lich in Kon­takt stand, war er vom be­vor­ste­hen­den Zu­sam­men­bruch der ka­pi­ta­lis­ti­schen Ge­sell­schaft und der Ent­ste­hung ei­nes so­zia­lis­ti­schen „Zu­kunfts­staa­tes" zu­tiefst über­zeugt. Den­noch be­hielt sich Be­bel in po­li­ti­schen Fra­gen stets ei­gen­stän­di­ge Ent­schei­dun­gen vor; da­zu ge­hör­te auch die prag­ma­ti­sche Nut­zung der par­la­men­ta­ri­schen Ar­beit für sei­ne Zie­le – ein Span­nungs­ver­hält­nis, das auch in dem 1891 be­schlos­se­nen „Er­fur­ter Pro­gramm" der SPD an­ge­legt war: Dort stan­den ne­ben re­vo­lu­tio­nä­ren Er­war­tun­gen in dem von Karl Kau­tsky (1854-1938) ver­fass­ten ers­ten Teil die von Edu­ard Bern­stein (1850-1932) for­mu­lier­ten „Ge­gen­warts­for­de­run­gen" im zwei­ten Teil. Be­bels in­ner­par­tei­li­cher Au­to­ri­tät ge­lang es, die ver­schie­de­nen Flü­gel in­ner­halb der SPD zu­sam­men­zu­hal­ten, wo­bei er sich ve­he­ment ge­gen die ein­set­zen­de theo­re­ti­sche Re­vi­si­on des Mar­xis­mus durch Edu­ard Bern­stein wand­te.

In­ner­halb der So­zia­lis­ti­schen In­ter­na­tio­na­le, an de­ren Kon­gres­sen und Dis­kus­sio­nen er sich be­tei­lig­te, zähl­te Be­bel bald zu den pro­mi­nen­tes­ten Per­sön­lich­kei­ten. Be­bels po­li­ti­sche Ein­stel­lung war un­über­seh­bar ge­prägt vom po­li­ti­schen Sys­tem des Kai­ser­reichs, das ech­te de­mo­kra­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on nicht vor­sah und im­mer wie­der mit re­pres­si­ven Mit­teln ge­gen die nach Ver­bes­se­rung ih­rer Le­bens­be­din­gun­gen und po­li­ti­scher Gleich­be­rech­ti­gung stre­ben­de Ar­bei­ter­schaft vor­ging

In sei­nen letz­ten Le­bens­jah­ren war Be­bels po­li­ti­sche Ar­beit zu­neh­mend von län­ge­ren Krank­hei­ten be­ein­träch­tigt. Au­gust Be­bel starb am 13.8.1913 in Pas­sugg im Schwei­zer Kan­ton Grau­bün­den wäh­rend ei­nes Kur­auf­ent­halts. Dem Trau­er­zug des „Ar­bei­ter­kai­sers" zum Fried­hof Sihl­feld in Zü­rich, auf dem Be­bel bei­ge­setzt wur­de, folg­ten fast 10.000 Men­schen.

Quellen

Au­gust Be­bel. Aus­ge­wähl­te Re­den und Schrif­ten, be­arb. von An­ne­lie­se Bes­ke u.a., Mün­chen 1995-1997.

Fi­scher, Il­se, Au­gust Be­bel und der Ver­band deut­scher Ar­bei­ter­ver­ei­ne 1867/68. Brief­ta­ge­buch und Do­ku­men­te, Bonn 1994.

Herr­mann, Ur­su­la (Hg.), Au­gust und Ju­lie Be­bel. Brie­fe ei­ner Ehe, Bonn 1997.

Literatur

Cars­ten, Fran­cis L., Au­gust Be­bel und die Or­ga­ni­sa­ti­on der Mas­sen, Ber­lin 1991. Her­mann, Ur­su­la / Em­me­rich, Vol­ker  u.a., Au­gust Be­bel: Ei­ne Bio­gra­phie, Ber­lin 1989. Jung, Wer­ner, Au­gust Be­bel: Deut­scher Pa­tri­ot und in­ter­na­tio­na­ler So­zia­list. Sei­ne Stel­lung zu Pa­trio­tis­mus un­d In­ter­na­tio­na­lis­mus, Pfaf­fen­wei­ler 1988. See­ba­cher, Bri­git­te, Be­bel: Kün­der und Kärr­ner im Kai­ser­reich, 2. durch­ges. Auf­la­ge, Bonn 1991.

Online

Be­bel, Au­gust, Aus mei­nem Le­ben, 2 Tei­le, Stutt­gart 1910-1912 (Pro­jekt Gu­ten­berg). [On­line]
Heuss, Theo­dor, Ar­ti­kel "Be­bel, Au­gust", in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 1 (1953), S. 683-685. [On­line]
Web­site der Au­gust-Be­bel-Ge­sell­schaft. [On­line]

 
Zitationshinweis

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Fischer, Ilse, August Bebel, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/august-bebel-/DE-2086/lido/57c5765a68d355.99194317 (07.12.2018)