Bernhard Letterhaus

Gewerkschaftsführer und NS-Widerstandskämpfer (1894-1944)

Jennifer Striewski (Bonn)

Bernhard Letterhaus bei der Verhandlung vor dem Volksgerichtshof, 13.11.1944.

Bern­hard Let­ter­haus war als christ­li­cher Ge­werk­schafts­füh­rer und Wi­der­stands­kämp­fer ge­gen das NS-Re­gime ein be­deu­ten­des Mit­glied des „Köl­ner Krei­ses". We­gen sei­ner Un­ter­stüt­zung des At­ten­tats vom 20.7.1944 und sei­ner Be­tei­lung an der Pla­nung für ei­ne Neu­ord­nung Deutsch­lands nach ei­nem Ge­lin­gen des At­ten­tats wur­de er zum To­de ver­ur­teilt und hin­ge­rich­tet.

Emil Bern­hard Let­ter­haus wur­de am 10.7.1894 in Bar­men (heu­te Stadt Wup­per­tal) als Sohn des Schuh­ma­cher­meis­ters Jo­hann Bern­hard Let­ter­haus (1859-1939) und sei­ner Frau Emi­lie ge­bo­re­ne Des­sel (1863-1942) ge­bo­ren. Zu­sam­men mit zwei Brü­dern wuchs er in ei­nem streng ka­tho­lisch ge­präg­ten El­tern­haus auf. Nach dem Be­such der Volks­schu­le er­lern­te er den Be­ruf des Band­wir­kers, ab­sol­vier­te an­schlie­ßend die Preu­ßi­sche Hö­he­re Fach­schu­le für Tex­til­in­dus­trie und wur­de Tex­til­tech­ni­ker. Im Ers­ten Welt­krieg wur­de er mehr­fach ver­wun­det und mit dem Ei­ser­nen Kreuz 1. Klas­se aus­ge­zeich­net. An­schlie­ßend ar­bei­te­te er kurz­zei­tig für die Zen­trums­par­tei in Bar­men, be­vor er 1920 zum Zen­tral­ver­band der christ­li­chen Tex­til­ar­bei­ter nach Düs­sel­dorf wech­sel­te. Abends be­such­te er die Staat­li­che Fach­schu­le für Wirt­schaft und bil­de­te sich au­ßer­dem in au­to­di­dak­ti­scher Wei­se fort.

1927 ging Let­ter­haus auf Wunsch Ot­to Mül­lers als Ver­bands­se­kre­tär zum West­deut­schen Ver­band der ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­ne zu­nächst nach Mön­chen­glad­bach, ab 1928 in das Köl­ner Ket­te­ler-Haus. Hier ent­wi­ckel­te er Pro­gram­me für die Ar­beit der Ver­ei­ne, hielt Vor­trä­ge, schul­te Ar­bei­ter­se­kre­tä­re und schrieb in der „West­deut­schen Ar­bei­ter-Zei­tung" zu theo­re­ti­schen und po­li­ti­schen Fra­ge­stel­lun­gen.

1928 wur­de Bern­hard Let­ter­haus als Ab­ge­ord­ne­ter der Zen­trums­par­tei für den Wahl­kreis Düs­sel­dorf-Ost in den Preu­ßi­schen Land­tag so­wie in den Rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­land­tag ge­wählt, wo­bei zu­nächst die Aus­ein­an­der­set­zung mit der po­li­ti­schen Lin­ken im Vor­der­grund stand. Ne­ben den Kom­mu­nis­mus als Haupt­geg­ner trat für Let­ter­haus ab 1930 die NS­DAP, die bei den Reichs­tags­wah­len 107 Man­da­te er­reicht hat­te. Be­reits vor dem Wahl­sieg der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten hat­te Let­ter­haus An­fang Sep­tem­ber 1930 als Vi­ze­prä­si­dent des Deut­schen Ka­tho­li­ken­ta­ges in Müns­ter zur Ab­wehr des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus auf­ge­ru­fen. Ge­gen die SA und an­de­re Par­tei­kampf­trup­pen der NS­DAP for­der­te er am 24.3.1931 im Land­tag ein staat­li­ches Ein­grei­fen. Ein 1932 un­ter­nom­me­ner Ver­such, ei­ne Art „Volks­front" aus christ­li­chen Ge­werk­schaf­ten und ka­tho­li­schen Ar­bei­ter- und Ge­sel­len­ver­ei­nen ge­gen die SA zu bil­den, schei­ter­te.

Po­li­tisch un­ter­schätz­te er für kur­ze Zeit die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten als wirt­schafts­po­li­ti­sche Lai­en, Dem­ago­gen und Er­fül­lungs­ge­hil­fen der so­zia­len Re­ak­ti­on. Rasch des­il­lu­sio­nier­te ihn die Er­kennt­nis, dass der christ­li­che An­spruch auf Le­bens­ge­stal­tung und Sinn­deu­tung mit dem to­ta­li­tä­ren NS-An­spruch kol­li­dier­te. Da­her mün­de­te sein Be­stre­ben um ein auch öf­fent­lich wirk­sa­mes christ­li­ches Le­ben in ein Stre­ben nach Be­frei­ung vom Sys­tem, wo­bei er letzt­lich auch das Mit­tel des At­ten­tats bil­lig­te.

Hat­te Let­ter­haus die po­li­ti­sche Be­deu­tung und Trag­fä­hig­keit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus zu­nächst un­ter­schätzt und die­sen als „No­ter­schei­nung" ge­deu­tet, so schärf­te er in der fol­gen­den Zeit bis zum Sturz des Reichs­kanz­lers Hein­rich Brü­ning (1885-1970) den Blick für die Ge­fähr­lich­keit der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten. Nach 1933 warb er heim­lich in ka­tho­li­schen Krei­sen für den Wi­der­stand ge­gen das NS-Re­gime.

Nach dem Sturz Brü­nings am 30.3.1932 be­kämpf­te Let­ter­haus ent­schie­den die Po­li­tik von des­sen Nach­fol­ger Franz von Pa­pen (1879-1969). Weil er das Er­mäch­ti­gungs­ge­setz ab­lehn­te, blieb er im März 1933 der Ab­stim­mung im Land­tag fern. Au­ßer­dem kri­ti­sier­te er den Ab­schluss des Reichs­kon­kor­dats, da er be­fürch­te­te, dass sich da­mit die In­sti­tu­tio­nen des po­li­ti­schen Ka­tho­li­zis­mus nicht schüt­zen lie­ßen.

Nach der "Macht­er­grei­fung" der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten am 30.1.1933 wur­de Bern­hard Let­ter­haus nach und nach al­ler po­li­ti­scher Be­tä­ti­gungs­mög­lich­kei­ten in der Öf­fent­lich­keit be­raubt. Da­für in­ten­si­vier­te er die Ver­eins- und Ver­bands­ar­beit, bis es nach Auf­lö­sun­gen von lo­ka­len Ar­bei­ter­ver­ei­nen im Herbst 1935 zum Ver­bot der ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­ne in Müns­ter, im Kern­ge­biet des Ver­ban­des, kam. 1938 wur­den die Diö­ze­san­ver­bän­de in Mainz und Lim­burg ver­bo­ten. Das end­gül­ti­ge Ver­bot der Ver­bands­zeit­schrift „Ket­te­ler-Wacht" im glei­chen Jahr be­raub­te Let­ter­haus sei­nes letz­ten Sprach­rohrs.

1939 wur­de Bern­hard Let­ter­haus zum Wehr­dienst ein­ge­zo­gen und nahm an der West- und der Ost­front an Kriegs­hand­lun­gen teil. 1942 wur­de er zum Haupt­mann be­för­dert und zum Ober­kom­man­do der Wehr­macht nach Ber­lin ver­setzt.

Spä­tes­tens seit 1942 traf sich Let­ter­haus mit Gleich­ge­sinn­ten aus den ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­nen, Christ­li­chen Ge­werk­schaf­ten und der Zen­trums­par­tei in der Ver­bands­zen­tra­le der ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­ne, dem Köl­ner Ket­te­ler-Haus, um im so ge­nann­ten „Köl­ner-Kreis" über Al­ter­na­ti­ven zum NS-Re­gime zu be­ra­ten. Er hat­te en­ge Kon­tak­te zu füh­ren­den Wi­der­stand­kämp­fern, wie Al­fred Delp SJ (1907-1945), Carl Go­er­de­ler (1884-1945), Ni­ko­laus Groß, Ja­kob Kai­ser (1888-1961), Hein­rich Kör­ner, Wil­helm Leu­sch­ner (1890-1944) und Jo­sef Wir­mer (1901-1944). Let­ter­haus soll­te nach dem Um­sturz das Amt des „Po­li­ti­schen Be­auf­trag­ten" im Wehr­kreis VI (Müns­ter) über­neh­men und Auf­bau­mi­nis­ter in ei­nem ge­plan­ten Ka­bi­nett Go­er­de­ler wer­den.

Aus christ­li­cher Ver­ant­wor­tung her­aus führ­te für Let­ter­haus ein ge­ra­der Weg in die Geg­ner­schaft zum Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Der Be­sei­ti­gung Hit­lers durch ei­nen Staats­streich stimm­te er zwar zu, ei­ne per­sön­li­che Be­tei­li­gung lehn­te er je­doch ab. Nach dem ge­schei­ter­ten At­ten­tat vom 20.7.1944 wei­ger­te er sich, in den Nie­der­lan­den un­ter­zu­tau­chen. Be­reits am 25.7.1944 wur­de er ver­haf­tet. Er wur­de aus der Wehr­macht aus­ge­sto­ßen und kam über das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ra­vens­brück in die Haft­an­stalt Ber­lin-Te­gel. Am 13.11.1944 ver­ur­teil­te ihn der Volks­ge­richts­hof un­ter der Lei­tung Ro­land Freis­lers (1893-1945) we­gen Lan­des- und Hoch­ver­rats zum Tod durch den Strang. Al­le Gna­den­ge­su­che wur­den ab­ge­lehnt, und am 14.11.1944 wur­de Bern­hard Let­ter­haus im Straf­ge­fäng­nis Ber­lin-Plöt­zen­see hin­ge­rich­tet.

Be­reits 1948 wur­de in Köln die Oden­kir­che­ner Stra­ße in Bern­hard-Let­ter­haus-Stra­ße um­be­nannt. Auch in Bonn, Wup­per­tal-Bar­men und Le­ver­ku­sen er­in­nern Stra­ßen­na­men an den Wi­der­stands­kämp­fer. Am 2.5.1987 ehr­te Papst Jo­han­nes Paul II. (Pon­ti­fi­kat 1978-2005) Bern­hard Let­ter­haus, in­dem er ihn in die Rei­he der Män­ner und Frau­en stell­te, die ihr Le­ben für ih­ren Glau­ben hin­ge­ge­ben ha­ben. Im Fi­gu­ren­pro­gramm des Köln-Rat­haus­tur­mes wur­de ihm ei­ne Fi­gur (Bild­hau­er: Mar­tin Krä­mer) ge­wid­met.

Literatur

Aretz, Jür­gen, Bern­hard Let­ter­haus (1894-1944), in: Ru­dolf Mor­sey (Hg.), Zeit­ge­schich­te in Le­bens­bil­dern. Aus dem deut­schen Ka­tho­li­zis­mus des 20.Jahr­hun­derts, Mainz 1975, S. 11-24.

Bern­hard-Let­ter­haus-Schu­le (Hg.), Nur aus Stand­haf­tig­keit wird die Welt ge­ret­tet, Wup­per­tal 1994.

Bü­cker, Ve­ra, Bern­hard Let­ter­haus, in: Karl-Jo­seph Hum­mel (Hg.), Zeu­gen ei­ner bes­se­ren Welt. Christ­li­che Mär­ty­rer des 20. Jahr­hun­derts, Leip­zig 2000, S. 276-296.

Hür­ten, Heinz, Deut­sche Ka­tho­li­ken 1918-1945, Pa­der­born 1992, S. 523-541.

Kier, Hil­trud/ Bernd Ern­sting u.a. (Hg.), Köln: Der Ratsturm. Sei­ne Ge­schich­te und sein Fi­gu­ren­pro­gramm, Köln 1996, S. 601-603.

Noe­then, Ste­fan, Plä­ne für das Vier­te Reich. Der Wi­der­stands­kreis im Köl­ner Ket­te­ler­haus 1941-1944, in: Ge­schich­te in Köln 39 (1996), S. 51-73.

Persch, Mar­tin, "Let­ter­haus, Bern­hard", in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon 4 (1992), Sp. 1555-1558.

Steh­käm­per, Hu­go, Pro­test, Op­po­si­ti­on und Wi­der­stand im Um­kreis der (un­ter­ge­gan­ge­nen) Zen­trums­par­tei, in: Hu­go Steh­käm­per, Köln – und dar­über hin­aus. Aus­ge­wähl­te Ab­hand­lun­gen, Band 2, Köln 2004, S. 1523-1589.

Stein­bach, Pe­ter, Wi­der­stand ge­gen den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, Ber­lin 1994, S. 153-163.

Online

Aretz, Jür­gen, "Let­ter­haus, Bern­hard", in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 14 (1985), S. 357-358. [On­line]

Bern­hard Let­ter­haus (Bio­gra­phi­sche Kurz­in­for­ma­ti­on auf der Web­site der Ge­denk­stät­te Deut­scher Wi­der­stand). [On­line]

Bü­cker, Ve­ra, Mit­glie­der des Köl­ner Krei­ses - Bern­hard Let­ter­haus (In­for­ma­ti­on auf der Web­site echt­nah­dran - His­to­risch-wis­sen­schaft­li­che Diens­te und Stu­di­en­tou­ren im Ruhr­ge­biet). [On­line]

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Striewski, Jennifer, Bernhard Letterhaus, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/bernhard-letterhaus/DE-2086/lido/57c9400fbec555.31179023 (20.04.2018)