Clara Schumann

Pianistin, Komponistin (1819-1896)

Nina Sträter (Düsseldorf)

Clara Schumann, ca. 1853. (public domain)

Schlagworte

Cla­ra Schu­manns fa­cet­ten­rei­che Per­sön­lich­keit und ihr er­eig­nis­rei­ches, wech­sel­vol­les Le­ben dürf­ten zu der heu­ti­gen, oft wi­der­sprüch­li­chen Dar­stel­lung der Künst­le­rin in der Li­te­ra­tur bei­ge­tra­gen ha­ben. Für ei­ne Frau des 19. Jahr­hun­derts mach­te sie in au­ßer­ge­wöhn­li­cher Wei­se Kar­rie­re, wur­de ei­ne ge­fei­er­te Pia­nis­tin, au­ßer­dem Kom­po­nis­tin, Päd­ago­gin, Kon­zert­un­ter­neh­me­rin und Her­aus­ge­be­rin mu­si­ka­li­scher Wer­ke. Mit an­de­ren Be­rühmt­hei­ten ih­rer Zeit ver­ban­den sie Freund­schaf­ten. Und gleich­zei­tig war sie auch die Ehe­frau des Kom­po­nis­ten Ro­bert Schu­mann, ei­ne Haus­frau und acht­fa­che Mut­ter. Je nach­dem, wel­cher Teil die­ser Bio­gra­phie in den Vor­der­grund ge­rückt wird, ent­ste­hen un­ter­schied­li­che, bis­wei­len schein­bar un­ver­ein­ba­re Bil­der von Cla­ra Schu­mann: Auf der ei­nen Sei­te wird sie als star­ke und lie­be­vol­le Frau an der Sei­te ih­res be­rühm­ten, aber la­bi­len Ehe­man­nes ge­se­hen, die ihn stütz­te, die Haus­halts­kas­se durch un­er­müd­li­ches Kon­zer­tie­ren auf­bes­ser­te und nach sei­nem tra­gi­schen Tod sein An­denken hoch­hielt und die ge­mein­sa­men Kin­der ver­sorg­te. Auf der an­de­ren Sei­te gibt es das Bild der eman­zi­pier­ten und be­rech­nen­den Kar­rie­re­frau, die für ih­ren Ruhm ih­re Auf­ga­ben als Mut­ter ver­nach­läs­sig­te, an­de­re Men­schen um sich her­um in­stru­men­ta­li­sier­te und da­mit ge­gen die ge­sell­schaft­li­chen Kon­ven­tio­nen der Zeit ver­stieß.

 

Fest steht, dass die Rol­le des Wun­der­kin­des und der spä­te­ren Vir­tuo­sin von ih­rem Va­ter und Leh­rer Fried­rich Wieck (1785-1873) ge­zielt vor­be­rei­tet wur­de. Die­ser hat­te im Jahr 1815 in Leip­zig ei­ne Mu­si­ka­li­en­hand­lung er­öff­ne­te und ein Jahr spä­ter die erst neun­zehn­jäh­ri­ge Pia­nis­tin und So­pra­nis­tin Ma­ri­an­ne Trom­litz (1797-1872) ge­hei­ra­tet, die aus ei­ner be­kann­ten Mu­si­ker­fa­mi­lie stamm­te. Ähn­lich wie spä­ter ih­re Toch­ter Cla­ra muss­te sie ih­re künst­le­ri­schen Auf­trit­te, u.a. bei den Leip­zi­ger Ge­wand­haus­kon­zer­ten, und ih­re Tä­tig­keit als Ge­sangs- und Kla­vier­leh­re­rin mit den Auf­ga­ben im Haus­halt und der Er­zie­hung ih­rer Kin­der un­ter ei­nen Hut brin­gen. Das jäh­zor­ni­ge Tem­pe­ra­ment ih­res Man­nes war wohl der Grund da­für, dass sie ihn ver­ließ und die Ehe im Jahr 1825 ge­schie­den wur­de. Die Kin­der blie­ben bei ih­rem Va­ter. 

Friedrich Wieck, um 1830. (Robert-Schumann-Haus, Zwickau)

 

Wieck ent­deck­te früh das gro­ße Ta­lent sei­ner am 13.9.1819 ge­bo­re­nen Toch­ter Cla­ra und plan­te sys­te­ma­tisch ih­re Aus­bil­dung. Ne­ben den ge­nau nach sei­nen päd­ago­gi­schen Vor­stel­lun­gen durch­ge­führ­ten Kla­vier­stun­den be­kam sie auch Un­ter­richt in Eng­lisch und Fran­zö­sisch, Mu­sik­theo­rie, Kon­tra­punkt, Or­ches­trie­rung, Par­ti­tur­le­sen, Gei­gen­spiel, Ge­sang und – un­ent­behr­lich für die an­ge­streb­te Vir­tuo­sen­kar­rie­re – Kom­po­si­ti­on. Bald be­gann Wieck da­mit, ein wir­kungs­vol­les Re­per­toire auf­zu­bau­en und Kon­zert­pro­gram­me für sei­ne Toch­ter zu­sam­men­zu­stel­len, die ei­ne Kom­bi­na­tio­nen aus zeit­ge­nös­si­schen und ef­fekt­vol­len Vir­tuo­sen­stü­cken bei­spiels­wei­se von Si­gis­mund Thal­berg (1812-1871) oder Adolf (von) Hen­selt (1814-1889) so­wie auf den Kon­zert­plä­nen da­mals we­ni­ger gän­gi­gen und auch an­spruchs­vol­le­ren Kom­po­si­tio­nen von Lud­wig van Beet­ho­ven, Jo­hann Se­bas­ti­an Bach (1685-1750), Frédé­ric Cho­pin (1810-1849) und Fe­lix Men­dels­sohn Bar­thol­dy (1809-1847) dar­stell­ten. Auch ei­ge­ne Kom­po­si­tio­nen der klei­nen Cla­ra wur­den, wie es das Pu­bli­kum er­war­te­te, die­sen Pro­gram­men bald hin­zu­ge­fügt. Seit Cla­ras elf­tem Le­bens­jahr or­ga­ni­sier­te ihr Va­ter lan­ge, oft stra­pa­ziö­se Kon­zert­rei­sen, un­ter an­de­rem nach Dres­den und Pa­ris, auf de­nen er sei­ne Toch­ter ge­zielt in der mu­si­ka­li­schen Welt be­kannt mach­te. Wäh­rend die­ser Zeit ent­stan­den be­reits Kon­tak­te zu an­de­ren Künst­lern wie Gi­a­co­mo Mey­er­beer (1791-1864), Fer­di­nand Hil­ler, Frédé­ric Cho­pin, Franz Liszt (1811-1886) und Fe­lix Men­dels­sohn Bar­thol­dy; aus ei­ni­gen die­ser Be­geg­nun­gen ent­stan­den le­bens­lan­ge Freund­schaf­ten.

Clara Wieck, Ausschnitt einer Elfenbeinminiatur, anonymer Maler, 1828. (Robert-Schumann-Haus, Zwickau)

 

Als der da­mals 20-jäh­ri­ge Ro­bert Schu­mann Schü­ler von Fried­rich Wieck wur­de, zog er 1830 in des­sen Haus ein, wo er die da­mals 11-jäh­ri­ge Cla­ra ken­nen­lern­te. Das her­an­wach­sen­de Mäd­chen ent­wi­ckel­te im Lau­fe der nächs­ten Jah­re in­ni­ge Ge­füh­le für ihn, die Schu­mann schlie­ß­lich er­wi­der­te. Im No­vem­ber des Jah­res 1835 be­gann die Lie­bes­be­zie­hung zwi­schen ih­nen. Als Wieck da­von er­fuhr, tat er al­les, um den Kon­takt zwi­schen den bei­den zu ver­hin­dern und wies Ro­berts of­fi­zi­el­les Ge­such um die Hand sei­ner Toch­ter vom 13.9.1837 zu­rück. 

Des­sen an­ge­streb­ter Pia­nis­ten­kar­rie­re hat­te 1832 die Be­ein­träch­ti­gung ei­nes Fin­gers der rech­ten Hand ein frü­hes En­de ge­setzt, so dass sich Ro­bert ganz auf sei­ne Kom­po­si­tio­nen und die Her­aus­ge­ber­schaft der „All­ge­mei­nen Mu­si­ka­li­schen Zei­tun­g“ in Leip­zig kon­zen­trier­te. Den­noch hat­te er kein ge­re­gel­tes Ein­kom­men vor­zu­wei­sen und au­ßer­dem in sei­ner Stu­den­ten­zeit er­heb­li­chen Al­ko­hol­kon­sum be­trie­ben, wes­halb er für Wieck als Schwie­ger­sohn nicht in Fra­ge kam. Der Streit um Cla­ras Hei­rats­wün­sche be­las­te­te das Ver­hält­nis zu ih­rem Va­ter. Den­noch un­ter­nah­men sie wei­ter­hin von ihm or­ga­ni­sier­te Kon­zert­rei­sen nach Ös­ter­reich, Un­garn und Frank­reich, wo­bei nicht zu­letzt Cla­ras Vom-Blatt-Spiel enor­mes Auf­se­hen er­reg­te. Bei Kon­zer­ten im pri­va­ten Rah­men wag­te sie es bis­wei­len, ei­ni­ge der für die Zeit neu­ar­ti­gen und dar­um schwer zu­gäng­li­chen Kom­po­si­tio­nen von Ro­bert Schu­mann auf­zu­füh­ren.

Robert Schumann, Porträt nach einer Zeichnung von Kriehuber(1800-1876), 1839. (public domain)

 

Im glei­chen Ma­ße, wie Cla­ra an ih­ren Hoch­zeits­plä­nen fest­hielt, kämpf­te Wieck da­ge­gen an, denn er fürch­te­te, dass die Ehe mit Ro­bert Schu­mann die Kar­rie­re sei­ner Toch­ter be­en­den wür­de. Schlie­ß­lich je­doch setz­ten Cla­ra und Ro­bert ih­re Plä­ne ge­gen­über Wieck mit ge­richt­li­chen Mit­teln durch, so dass am 12.9.1840 end­lich die er­sehn­te Hoch­zeit statt­fin­den konn­te. Das für bei­de neue Zu­sam­men­le­ben, wel­ches ge­wis­sen­haft in ei­nem Ehe­ta­ge­buch do­ku­men­tiert wur­de, brach­te für Cla­ra ne­ben glück­li­chen Pha­sen auch viel Kum­mer mit sich. 

Da Ro­bert sich beim Kom­po­nie­ren durch Mu­sik im Hau­se ge­stört fühl­te, blieb kaum Zeit für ihr ei­ge­nes Kla­vier­spiel. Den­noch kam sie ge­le­gent­lich so­gar zum Kom­po­nie­ren, wo­für oft Ro­berts Ge­burts­ta­ge An­lass wa­ren. 1841 er­schien das ein­zi­ge ge­mein­sa­me Opus, ei­ne Samm­lung mit zwölf Lied­ver­to­nun­gen von Tex­ten aus Fried­rich Rück­erts (1788-1866) „Lie­bes­früh­lin­g“. Auch wur­den Ge­mein­schafts­kon­zer­te des Ehe­paa­res ver­an­stal­tet, wie bei­spiels­wei­se am 31.3.1841 im Leip­zi­ger Ge­wand­haus un­ter der Lei­tung von Fe­lix Men­dels­sohn Bar­thol­dy, bei dem erst­mals Schu­manns Sym­pho­nie in B-Dur op. 38 er­klang, wäh­rend Cla­ra ne­ben ei­nem ei­ge­nen Kla­vier­stück wei­te­re Wer­ke ih­res Man­nes, aber auch von Si­gis­mund Thal­berg (1812-1871), Cho­pin und Men­dels­sohn auf­führ­te. 

1841 wur­de zur gro­ßen Freu­de des Ehe­paa­res die ers­te Toch­ter Ma­rie ge­bo­ren (ge­stor­ben 1929); 1843 folg­te die zwei­te Toch­ter Eli­se (ge­stor­ben 1928). Nun galt es für Cla­ra mehr denn je, ih­re künst­le­ri­sche Ar­beit, das Füh­ren des Haus­hal­tes und die neue Rol­le als Mut­ter un­ter ei­nen Hut zu brin­gen. Der gro­ße Er­folg, die ho­hen Ga­gen, die Ab­we­sen­heit Cla­ras durch Aus­lands­rei­sen und die Ehr­er­bie­tung, die ihr in der Mu­sik­welt ent­ge­gen­ge­bracht wur­de, be­las­te­ten ih­ren Mann und tru­gen zu ei­ner Ver­schlech­te­rung sei­nes Ge­sund­heits­zu­stan­des bei. Doch da er mit sei­nen Kom­po­si­tio­nen und der „All­ge­mei­nen Mu­si­ka­li­schen Zei­tun­g“ nicht ge­nü­gend Geld ver­dien­te, um die Fa­mi­lie zu er­näh­ren, war Cla­ra ge­zwun­gen, ih­re Kon­zer­tak­ti­vi­tä­ten fort­zu­setz­ten. Auch der Um­zug 1844 nach Dres­den, das sie als „Kräh­win­kel in mu­si­ka­li­scher Be­zie­hun­g“ be­zeich­ne­te, än­der­te an die­ser Si­tua­ti­on eben­so we­nig wie die ge­mein­sa­men Rei­sen bei­spiels­wei­se nach Nor­der­ney, die un­ter­nom­men wur­den, um Ro­berts Ner­ven­lei­den zu lin­dern. 

Clara Wieck, Lithografie von Andreas Johann Staub (1806-1839), 1839. (public domain)

Titelblatt von Robert und Clara Schumanns 'Zwölf Gedichte aus Rückerts Liebesfrühling für Gesang und Pianoforte' op. 37 / op. 12, 1841. (Yale University Library)

 

Bei den Un­ru­hen 1848 zeig­te sich, dass Cla­ra Schu­mann auch am po­li­ti­schen Le­ben der Zeit re­gen An­teil nahm. So kri­ti­sier­te sie hef­tig die Hal­tung des Preu­ßen­kö­nigs Fried­rich Wil­helm IV. (Re­gent­schaft 1840-1858/1861) und be­dau­er­te im Jahr dar­auf das Schei­tern der bür­ger­li­chen Re­vo­lu­ti­on. In den Dres­de­ner Jah­ren wur­den die drit­te Toch­ter Ju­lie (1845-1872) und die Söh­ne Emil (1846-1847), Lud­wig (1848-1899) und Fer­di­nand (1849-1891) ge­bo­ren. Nicht zu­letzt an­ge­sichts der zahl­rei­chen Kin­der wur­de das 1850 an Ro­bert her­an­ge­tra­ge­ne An­ge­bot, ei­ne Stel­le als Mu­sik­di­rek­tor in Düs­sel­dorf an­zu­tre­ten, er­freut an­ge­nom­men. Im Sep­tem­ber 1850 wur­den die Schu­manns in Düs­sel­dorf be­geis­tert emp­fan­gen. Doch trotz vie­ler po­si­ti­ver Sei­ten, die Ro­berts neu­er Pos­ten mit sich brach­te, wur­de Cla­ra dort nicht hei­misch. Sie tat sich schwer mit der rhei­ni­schen Men­ta­li­tät und dar­über hin­aus kam es schon bald zu Kon­flik­ten zwi­schen ih­rem Mann und den Lai­en­mu­si­kern, die das städ­ti­sche Mu­sik­le­ben über­wie­gend be­strit­ten, wor­an auch Cla­ras re­gel­mä­ßi­ge Un­ter­stüt­zung bei den Pro­ben nichts än­dern konn­te. Un­ter dem Druck ver­schlim­mer­te sich Ro­berts Ner­ven­lei­den, was das Le­ben der in­zwi­schen acht­köp­fi­gen Fa­mi­lie – 1851 war die Toch­ter Eu­ge­nie ge­bo­ren wor­den (ge­stor­ben 1938) – enorm be­las­te­te. Im Som­mer 1852 er­litt Cla­ra bei ei­nem Er­ho­lungs­ur­laub ei­ne Fehl­ge­burt. Trotz all der trau­ri­gen Um­stän­de und ih­rer häus­li­chen Auf­ga­ben fand sie wie in den Jah­ren zu­vor im­mer noch Zeit, Kon­zer­te zu ge­ben und bis­wei­len auch zu kom­po­nie­ren. Ei­ner der Licht­bli­cke der Düs­sel­dor­fer Zeit war für die Schu­manns die ers­te Be­geg­nung mit dem da­mals ge­ra­de ein­mal 20-jäh­ri­gen Jo­han­nes Brahms (1833-1897) im Herbst 1853.

Im Fe­bru­ar des Jah­res 1854 er­litt Ro­bert ei­nen Zu­sam­men­bruch und ver­such­te, sich im Rhein zu er­trän­ken. Da­nach blie­ben ihm noch gut zwei Jah­re, die er zu­neh­mend geis­tig um­nach­tet in ei­ner Ner­ven­heil­an­stalt in En­de­nich bei Bonn ver­brach­te. In die­ser schwe­ren Zeit gab es vie­le Freun­de, die Cla­ra Schu­mann bei­stan­den, al­len vor­an Jo­han­nes Brahms, der in Düs­sel­dorf im glei­chen Haus Quar­tier be­zog, sich um den Haus­halt küm­mer­te und die Kin­der ver­sorg­te, wenn ih­re Mut­ter auf Kon­zert­rei­se ging. Bald kur­sier­ten Ge­rüch­te über ei­ne heim­li­che Lie­bes­be­zie­hung, und von Cla­ras jüngs­tem Sohn Fe­lix, den sie im Ju­ni 1854 zur Welt brach­te und des­sen Pa­te Brahms war, wur­de bis­wei­len ge­mun­kelt, er sei des­sen Kind – ei­ne Be­haup­tung, die heu­te als wi­der­legt gilt.

Robert und Clara Schumann, Lithografie von Eduard Kaiser (1820-1895), 1847. (public domain)

Die Kinder von Clara Schumann, v.l.n.r.: Ludwig, Marie, Felix, Elise, Ferdinand und Eugenie, es fehlen Julie und Emil, Ambrotypie, 1854. (public domain)

 

Um ih­re Fa­mi­lie zu er­näh­ren und die teu­re me­di­zi­ni­sche Be­hand­lung ih­res Man­nes zu be­zah­len, war Cla­ra ge­zwun­gen, im­mer wie­der auf Tour­nee zu ge­hen. Auch nach dem Tod Ro­bert Schu­manns am 29.7.1856 blieb ihr nur we­nig Zeit, zur Ru­he zu kom­men und zu trau­ern. Nur die bei­den jüngs­ten Kin­der blie­ben bei ihr, die an­de­ren wur­den in ver­schie­de­nen Städ­ten un­ter­ge­bracht. Im Ok­to­ber 1856 ver­ließ Jo­han­nes Brahms Düs­sel­dorf und Cla­ra nahm er­neut ih­re Tour­nee­tä­tig­keit auf. Im De­zem­ber des­sel­ben Jah­res schrieb sie in Er­in­ne­rung an ih­ren ver­stor­be­nen Mann die Ro­man­ze in h-moll, die letz­te Kom­po­si­ti­on ih­res Le­bens. Auch wenn Cla­ra Schu­manns Kom­po­si­tio­nen heu­te kaum auf den Kon­zert­pro­gram­men zu fin­den sind – im 19. Jahr­hun­dert wa­ren sie po­pu­lär und wur­den in zahl­rei­chen Sam­mel­bän­den ver­öf­fent­licht.

Auch in der zwei­ten Hälf­te von Cla­ras Le­bens blie­ben re­gel­mä­ßi­ge, von ihr selbst höchst pro­fes­sio­nell or­ga­ni­sier­te Kon­zert­rei­sen nach Eng­land, Ös­ter­reich, Hol­land, Russ­land, Un­garn, Bel­gi­en, Frank­reich, Dä­ne­mark und in die Schweiz der Mit­tel­punkt ih­rer künst­le­ri­schen Tä­tig­keit. Nach ih­rem ers­ten gro­ßen Er­folg in Eng­land 1856 un­ter­nahm sie noch 18 wei­te­re Ma­le Kon­zert­rei­sen dort­hin. Wie bei vie­len an­de­ren ih­rer Auf­trit­te war sie auch in Lon­don be­müht, den Wer­ken ih­res ver­stor­be­nen Man­nes zu grö­ße­rer Po­pu­la­ri­tät zu ver­hel­fen, doch auch Stü­cke von Brahms und von Franz Schu­bert (1797-1828) setz­te sie in der glei­chen Ab­sicht aufs Pro­gramm. Ab 1878 un­ter­rich­te­te Cla­ra Schu­mann au­ßer­dem am Frank­fur­ter Kon­ser­va­to­ri­um, wo­bei ih­re Töch­ter Ma­rie und Eu­ge­nie neue Schü­ler tech­nisch vor­be­rei­te­ten, be­vor die Stun­den bei ih­rer Mut­ter be­gan­nen. Von ih­ren be­kann­ten Schü­le­rin­nen Ade­li­na de La­ra (1872-1961), Ilo­na Ei­ben­schütz (1872-1967) und Fan­ny Da­vies (1861-1934) sind Ton­auf­nah­men er­hal­ten, die ei­nen Ein­druck des von Cla­ra Schu­mann ver­mit­tel­ten Mu­sik­ver­ständ­nis­ses ver­mit­teln.

Clara Schumann, Fotografie von Franz Hanfstaengel (1804-1877), 1857. (public domain)

 

Die teil­wei­se ho­hen Ein­nah­men, die sie bei ih­ren Tour­ne­en und durch das Un­ter­rich­ten er­ziel­te, wa­ren er­for­der­lich, um die Er­zie­hung der sie­ben Kin­der zu fi­nan­zie­ren. Hin­zu ka­men im Lau­fe der Jah­re me­di­zi­ni­sche Be­hand­lungs­kos­ten für ih­re ei­ge­nen rheu­ma­ti­schen Be­schwer­den, die ihr im­mer wie­der das Kla­vier­spiel er­schwer­ten, aber auch für ih­re Söh­ne: Lud­wig muss­te 1870 in ei­ne Ir­ren­an­stalt ein­ge­lie­fert wer­den, Fer­di­nand hat­te sich im Deutsch-Fran­zö­si­schen Krieg 1870 ein Rheu­malei­den zu­ge­zo­gen, wo­durch er mor­phi­um­ab­hän­gig ge­wor­den war, und Fe­lix er­krank­te an Tu­ber­ku­lo­se, an der er 1879 starb. Auch ih­re Toch­ter Ju­lie, die bei schwa­cher Ge­sund­heit ih­re drit­te Schwan­ger­schaft nicht über­lebt hat­te, muss­te Cla­ra zu Gra­be tra­gen.

Nach­dem sich seit 1884 zu­neh­mend Ge­hör­pro­ble­me bei ihr ein­stell­ten, nahm sie 1891 mit ei­ner Kom­po­si­ti­on von Brahms in Frank­furt Ab­schied von der Büh­ne. Doch auch in den letz­ten Jah­ren ih­res Le­bens ar­bei­te­te und kor­re­spon­dier­te sie un­er­müd­lich wei­ter, wirk­te auf die Ge­samt­aus­ga­be der Wer­ke von Ro­bert Schu­mann ein und pfleg­te ih­re Freund­schaf­ten, wo­bei Jo­han­nes Brahms nach wie vor ei­ner der Men­schen war, der ihr am nächs­ten stand. Cla­ra Schu­mann starb nach zwei Schlag­an­fäl­len am 20.5.1896. Sie wur­de ne­ben ih­rem Mann auf dem Al­ten Fried­hof in Bonn bei­ge­setzt. Das Grab­mal des Künst­lers Adolf von Donn­dorf (1835-1916) zeigt sie sit­zend und wie ei­ne Mu­se zu dem Por­trät ih­res Man­nes auf­bli­ckend. Mit ih­rer Dar­stel­lung als lie­ben­de Ehe­frau war Cla­ra Schu­mann, die 1880 der Ent­hül­lung des Grab­mals bei­ge­wohnt hat­te, of­fen­sicht­lich glück­lich.

Clara Schumann, Pastell nach Skizzen aus dem Jahr 1878 von Franz von Lenbach (1836-1904). (public domain)

 

Zahl­rei­che Schu­len, Stra­ßen und We­ge sind nach Cla­ra Schu­mann be­zie­hungs­wei­se Cla­ra Wieck be­nannt und er­in­nern an die her­aus­ra­gen­de Pia­nis­tin und be­gab­te Kom­po­nis­tin.

Werke (Auswahl)

Quat­re Po­lo­nai­ses pour le Pfte. op. 1 (1830)
Ro­mance va­riée pour le Pfte. op. 3 (R. Schu­mann ge­wid­met; 1833)
Soi­rées mu­si­ca­les (Toc­ca­ti­na, Bal­la­de, Noc­turne, Po­lo­nai­se, 2 Ma­zur­kas) pour le Pfte. op. 6 (1836)
Pre­mier Con­cert a pour le Pfte. avec acc. d'Or­ches­t­re op. 7 (L. Sp­ohr ge­wid­met; 1836)
Va­ria­ti­ons de Con­cert pour le Pfte. sur la Ca­vati­ne du Pi­ra­te de Bel­li­ni op. 8 (A. Hen­selt ge­wid­met; 1837)
Trois Ro­man­ces pour le Pfte. op. 11 (1839)
Drei Ge­dich­te aus Rück­erts »Lie­bes­früh­ling« f. 1 Singst, m. Pfte., op. 12 (in R. Schu­manns op. 37 als Nr. 2, 4, 11 ver­öf­fent­licht; 1841)
Sechs Lie­der f. 1 Singst, m. Pfte., op. 13 (der Kö­ni­gin v. Dä­ne­mark ge­wid­met; 1844)
Quat­re Pièces fu­gi­ti­ves op. 15 (Ma­rie Wieck ge­wid­met; 1845)
Trio g f. Pfte., V. u. Vc. op. 17 (1846)
3 gem. Ch. auf Tex­te v. Gei­bel WoO (1848)
Var. über ein The­ma v. R. Schu­mann f. Pfte., Ihm ge­wid­met op. 20 (1853)
Drei Ro­man­zen f. Pfte. u. V. op. 22 (J. Joa­chim ge­wid­met; 1853)
Sechs Lie­der aus Ju­cun­de v. Rol­let f. 1 Singst., op. 23 (1853)
Marsch in Es (1879 f. ei­ne gol­de­ne Hoch­zeit komp., in­str. v. J. Grimm) 

Nachlass

Staats­bi­blio­thek zu Ber­lin - Preu­ßi­scher Kul­tur­be­sitz, Mu­sik­ab­tei­lung (Kom­po­si­tio­nen, Brie­fe).
Ro­bert-Schu­mann-Haus Zwi­ckau (Ta­ge­bü­cher Cla­ra Wieck und Ehe­ta­ge­bü­cher Cla­ra Schu­mann, Brie­fe, Pro­gramm­samm­lung, 1299 Num­mern).
Teil­nach­läs­se: Hein­rich-Hei­ne-In­sti­tut, Düs­sel­dorf, Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek Frank­furt/M.  

Quellen

Litz­mann, Bert­hold (Hg.), Cla­ra Schu­mann. Ein Künst­ler­le­ben. Nach Ta­ge­bü­chern und Brie­fen, 3 Bän­de, Leip­zig 1902-1908; [Ein­zel­bän­de in wei­te­ren Auf­la­gen] Leip­zig 1920, ND 1971.
Litz­mann, Bert­hold (Hg.), Cla­ra Schu­mann, Jo­han­nes Brahms. Brie­fe aus den Jah­ren 1853–1896, 2 Bän­de, Leip­zig 1927. 

Literatur

Bor­chard, Bea­trix, Cla­ra Schu­mann. Ihr Le­ben. Ei­ne bio­gra­phi­sche Mon­ta­ge, Hil­des­heim [u.a.] 2015.
Brück, Ma­ri­on, Schu­mann, Cla­ra, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 23 (2007), S. 746-749.
Steegmann, Mo­ni­ca, Cla­ra Schu­mann, Rein­bek bei Ham­burg 2001. 

Grabstätte von Robert und Clara Schumann auf dem Alten Friedhof in Bonn, 2008. (Sir James via Wikipedia / CC BY-SA 3.0)

 
Zitationshinweis

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Sträter, Nina, Clara Schumann, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/clara-schumann/DE-2086/lido/5d9b2ada80ed48.23840234 (abgerufen am 21.10.2019)