Eduard Hegel

Kirchenhistoriker (1911-2005)

Gisbert Knopp (Sankt Augustin)

Eduard Hegel, Porträtfoto, Foto: Klaus Lieven.

Der Kir­chen­his­to­ri­ker Edu­ard He­gel hat in sei­nem wis­sen­schaft­li­chen Werk ne­ben dem Ver­hält­nis von Staat und Kir­che im­mer auch das geis­ti­ge und geist­li­che Le­ben der Gläu­bi­gen vor dem tra­gen­den Hin­ter­grund äu­ße­rer Er­eig­nis­se in die Ge­schich­te der Kir­che und ih­rer Ter­ri­to­ri­en ein­be­zo­gen. Von Kind­heit an fas­zi­nier­te ihn Kir­chen­ge­schich­te, ins­be­son­de­re die des Erz­bis­tums Köln, die zu sei­nem For­schungs­schwer­punkt wer­den soll­te, und die er mit ei­nem mehr­bän­di­gen epo­cha­len Stan­dard­werk ab­schloss.

He­gel wur­de als Sohn ei­nes Bau­un­ter­neh­mers am 28.2.1911 in (Wup­per­tal-)Bar­men ge­bo­ren und be­such­te das – stif­tungs­ge­mäß evan­ge­li­sche – hu­ma­nis­ti­sche Gym­na­si­um sei­ner Va­ter­stadt, an dem er 1930 das Ab­itur ab­leg­te. Er be­gann sei­ne theo­lo­gisch-phi­lo­so­phi­schen und ge­schichts­wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en an der Uni­ver­si­tät Bonn: "... aus dem en­gen Dia­spor­a­ka­tho­li­zis­mus des Wup­per­tals kam ich in die kul­tu­rell rei­che­re und freie­re Welt des le­bens­fro­hen rhei­ni­schen Ka­tho­li­zis­mus." Er wech­sel­te an die Uni­ver­si­tät Müns­ter, wo zwei gro­ße Per­sön­lich­kei­ten prä­gend auf ihn ein­wir­ken soll­ten, sei­ne aka­de­mi­schen Leh­rer Ge­org Schrei­ber (1882-1963) und Jo­sef Schmid­lin (1876-1944). Für zwei Se­mes­ter wech­sel­te er dann an die Uni­ver­si­tät Mün­chen, um schlie­ß­lich wie­der an die Uni­ver­si­tät Bonn zu­rück­zu­keh­ren, vor al­lem in das Theo­lo­gen­kon­vikt Col­le­gi­um Al­ber­ti­num. An der Bon­ner Al­ma ma­ter wur­den Wil­helm Neuß und Max Brau­bach für sei­nen wei­te­ren Le­bens­weg be­deut­sam. Bei­de weck­ten sein In­ter­es­se für rhei­ni­sche Kir­chen­ge­schich­te, Brau­bach zu­sätz­lich für Hoch­schul­ge­schich­te, Neuß sei­ner­seits für Christ­li­che Kunst. Noch nicht 23-jäh­rig wur­de er 1933 bei Max Brau­bach mit ei­ner Ar­beit über „Die kir­chen­po­li­ti­schen Be­zie­hun­gen Han­no­vers, Sach­sens und der nord­deut­schen Klein­staa­ten zur rö­mi­schen Ku­rie 1800-1846" zum Dok­tor der Phi­lo­so­phie pro­mo­viert.

Am 22.7.1937 emp­fing er in Köln die Pries­ter­wei­he und war im An­schluss dar­an ins­ge­samt zwölf Jah­re in der Seel­sor­ge an ver­schie­de­nen Or­ten in und au­ßer­halb der Erz­diö­ze­se Köln tä­tig. Mit­ten im kirch­li­chen Le­ben ei­ner Pfar­rei zu ste­hen, sah er als bes­te Vor­aus­set­zung für ei­nen künf­ti­gen Kir­chen­his­to­ri­ker. „Die prak­ti­sche Seel­sor­ge in ih­ren ver­schie­de­nen Fel­dern lässt ihn ge­schicht­li­che Si­tua­tio­nen und Vor­gän­ge bes­ser ver­ste­hen und be­ur­tei­len – und um­ge­kehrt: die Kennt­nis der Ge­schich­te von Stadt, Dorf und Kir­che bringt dem Seel­sor­ger bes­se­res Ver­ständ­nis für die Men­schen der Ge­gen­wart." Trotz der da­mit ver­bun­de­nen und durch den Zwei­ten Welt­krieg noch ver­schärf­ten Be­las­tun­gen konn­te He­gel 1943 sei­ne von Wil­helm Neuß be­treu­te theo­lo­gi­sche Dis­ser­ta­ti­on un­ter dem Ti­tel „Das Erz­bis­tum Köln un­ter den Erz­bi­schö­fen Max Fried­rich und Max Franz 1763-1796" fer­tig stel­len und wur­de im Mai 1943 von der Ka­tho­lisch-Theo­lo­gi­schen Fa­kul­tät Bonn pro­mo­viert. Da­mit war der For­schungs­schwer­punkt vor­ge­ge­ben, der ihn zeit­le­bens im­mer wie­der be­schäf­ti­gen soll­te.

Nach dem En­de des Zwei­ten Welt­kriegs wur­de er zum kom­mis­sa­ri­schen Lei­ter des His­to­ri­schen Ar­chivs des Erz­bis­tums Köln be­stellt und konn­te nicht nur den Rück­trans­port der aus­ge­la­ger­ten Ak­ten, son­dern auch die Grund­la­gen für den Wie­der­auf­bau und die Neu­ein­rich­tung schaf­fen.

Sei­ne 1948 der Bon­ner Ka­tho­lisch-Theo­lo­gi­schen Fa­kul­tät vor­ge­leg­te Ha­bi­li­ta­ti­ons­schrift galt der Ent­wick­lung und Rechts­ge­schich­te der stadt­köl­ni­schen Pfar­rei. An die­ses The­ma knüpft auch sei­ne 1996 er­schie­ne­ne mo­no­gra­phi­sche Dar­stel­lung der Köl­ner in­ner­städ­ti­schen Pfar­rei St. Ko­lum­ba an, für die er un­ter an­de­rem sei­ne als jun­ger Ka­plan ge­mach­ten Auf­zeich­nun­gen des bald dar­auf durch Kriegs­ein­wir­kun­gen ver­nich­te­ten Pfar­rar­chivs ver­wen­den konn­te, und die, wie im­mer in He­gels Ver­öf­fent­li­chun­gen, bau- und kunst­his­to­ri­sche As­pek­te be­rück­sich­tig­te.

Die Lauf­bahn des aka­de­mi­schen Leh­rers führ­te ihn 1949 nach Trier an das Ru­dol­phi­num, die heu­ti­ge Aka­de­mie, wo er auf den Lehr­stuhl für mitt­le­re und neue­re Kir­chen­ge­schich­te be­ru­fen wur­de. Wäh­rend die­ser Jah­re über­nahm er zu­sam­men mit dem Pa­tro­lo­gen Karl Baus (1904-1994) die Schrift­lei­tung der „Trie­rer Theo­lo­gi­schen Zeit­schrift". Gu­te Freun­de aus die­ser Zeit, Jo­seph Höff­ner und Wil­helm Bre­u­ning (ge­bo­ren 1920), kreuz­ten noch mehr­mals sei­nen Weg: Bre­u­ning als Kol­le­ge in Bonn, Höff­ner als Kol­le­ge in Müns­ter und spä­ter als Kar­di­nal und Erz­bi­schof von Köln.

Schon nach drei Jah­ren, 1953, wur­de He­gel als Nach­fol­ger Ge­org Schrei­bers (1882-1963) an die Ka­tho­lisch-Theo­lo­gi­sche Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Müns­ter be­ru­fen. Es war die Zeit vor und wäh­rend des Zwei­ten Va­ti­ka­ni­schen Kon­zils, nach sei­nen Aus­sa­gen ei­ne Zeit des Auf­bruchs und des be­son­ders leb­haf­ten wis­sen­schaft­li­chen Aus­tauschs auch mit den evan­ge­li­schen Kol­le­gen. Die Eu­pho­rie je­ner Jah­re über­trug sich auf die Stu­den­ten­schaft, die von über­all, auch aus dem Aus­land, her­bei ström­te. „Sel­ten ist mir ei­ne so auf­ge­schlos­se­ne aka­de­mi­sche Ju­gend be­geg­net." Von 1960 stammt He­gels Es­se­ner Kir­chen­ge­schich­te, die er dem 1958 ge­grün­de­ten Bis­tum und sei­nem ers­ten Bi­schof Franz Hengs­bach als „Ge­burts­tags­ge­schenk" de­di­zier­te. Er­freu­li­che Ar­beits­be­din­gun­gen in Müns­ter wa­ren die Vor­aus­set­zung für die zwei­bän­di­ge „Ge­schich­te der Ka­tho­lisch-Theo­lo­gi­schen Fa­kul­tät Müns­ter 1773-1964". Die­se Ar­beit ist ein­zig in ih­rer Art, da es über kei­ne an­de­re deut­sche theo­lo­gi­sche Fa­kul­tät ei­ne Un­ter­su­chung auf so brei­ter Ak­ten­ba­sis, ver­gleich­bar an Gründ­lich­keit und Qua­li­tät, gibt.

Zum Som­mer-Se­mes­ter 1966 - nach ei­nem ab­ge­lehn­ten Ruf in die Grün­dungs­ge­ne­ra­ti­on der Uni­ver­si­tät Bo­chum - kehr­te He­gel als Nach­fol­ger von Hu­bert Je­din an die Ka­tho­lisch-Theo­lo­gi­sche Fa­kul­tät Bonn zu­rück. Bis zu sei­ner Eme­ri­tie­rung im Jah­re 1976 war er Di­rek­tor des ei­gens bei sei­ner Be­ru­fung er­rich­te­ten und durch ihn in­iti­ier­ten „In­sti­tuts für Kir­chen­ge­schich­te". Die­ses zu ei­nem kir­chen­ge­schicht­li­chen Schwer­punkt des nord­deut­schen Rau­mes zu ma­chen, konn­te al­ler­dings aus po­li­ti­schen Grün­den nicht voll ver­wirk­licht wer­den. Von sei­nem Leh­rer Wil­helm Neuß über­nahm He­gel die Her­aus­ga­be der auf sechs Bän­de be­rech­ne­ten, 2008 voll­ende­ten „Ge­schich­te des Erz­bis­tums Köln", wo­von der Eme­ri­tus selbst die Bän­de 4 und 5 ver­fass­te.

Von 1967 bis 1979 war He­gel in der Nach­fol­ge sei­nes Leh­rers Max Brau­bach Vor­sit­zen­der des re­nom­mier­ten, 1854 ge­grün­de­ten „His­to­ri­schen Ver­eins für den Nie­der­rhein", des­sen Ge­schi­cke er mit Um­sicht und Hin­ga­be lei­te­te. Der Ver­ein er­leb­te un­ter sei­ner Lei­tung ei­ne Zeit der Blü­te: Die Ta­gun­gen zeich­ne­ten sich durch ein wis­sen­schaft­lich fun­dier­tes Pro­gramm aus, die „An­na­len", die Zeit­schrift des Ver­eins, nah­men un­ter ihm an in­ne­rem und äu­ße­rem Ge­wicht zu. Der Ver­ein wid­me­te ihm des­halb zum 65. Ge­burts­tag ei­ne Fest­schrift mit Bei­trä­gen zur rhei­ni­schen Ge­schich­te. Zehn Jah­re spä­ter, zum 75. Ge­burts­tag, er­schien un­ter dem Ti­tel „Eccle­si­as­ti­ca Rhen­a­na" ei­ne Aus­wahl sei­ner klei­ne­ren Schrif­ten von 1947 bis 1980. Sein wis­sen­schaft­li­ches Le­bens­werk mit elf Mo­no­gra­phi­en und 66 Auf­sät­zen – da­zu war er Her­aus­ge­ber und Mit­her­aus­ge­ber von fünf grö­ße­ren Wer­ken – zeich­net sich durch ein weit ge­fä­cher­tes Spek­trum vom Früh­mit­tel­al­ter bis zum 20. Jahr­hun­dert aus.

War die Be­ru­fung in die Rhei­nisch-West­fä­li­sche Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten 1973 die An­er­ken­nung sei­ner wis­sen­schaft­li­chen Leis­tung von aka­de­mi­scher Sei­te, so folg­ten bald die kirch­li­chen Aus­zeich­nun­gen: 1974 wur­de er zum Päpst­li­chen Eh­ren­prä­la­ten, 1985 zum Apos­to­li­schen Pro­to­no­tar er­nannt.

Edu­ard He­gel leb­te in den letz­ten Jah­ren in der für ihn ty­pi­schen be­schei­de­nen Art eher zu­rück­ge­zo­gen, nahm aber wei­ter­hin wa­chen An­teil am Le­ben „sei­ner" Fa­kul­tät und an den Dis­kus­sio­nen sei­nes Fachs. Am 23.11.2005 ver­starb er im 95. Le­bens­jahr und im 69. Jahr sei­nes Pries­ter­tums in Bonn. Sein Grab be­fin­det sich dort auf dem Kes­se­ni­cher Berg­fried­hof.

Werke (Auswahl)

Eccle­si­as­ti­ca Rhen­a­na. Auf­sät­ze zur rhei­ni­schen Kir­chen­ge­schich­te, hg. von Se­ve­rin Cors­ten und Gis­bert Knopp, Bonn 1986 [mit Schrif­ten­ver­zeich­nis 1934-1985].

Das Erz­bis­tum Köln un­ter den Erz­bi­schö­fen Max Fried­rich und Max Franz 1763-1793. Der Ein­fluss des Fe­bro­nia­nis­mus und der Auf­klä­rung, Kath.-theol. Dis­ser­ta­ti­on, Bonn 1943 [un­ge­druckt].

Das Erz­bis­tum Köln zwi­schen Ba­ro­ck und Auf­klä­rung. Vom Pfäl­zi­schen Krieg bis zum En­de der fran­zö­si­schen Zeit 1688-1814 (Ge­schich­te des Erz­bis­tums Köln 4), Köln 1979.

Das Erz­bis­tum Köln zwi­schen der Re­stau­ra­ti­on des 19. Jahr­hun­derts und der Re­stau­ra­ti­on des 20. Jahr­hun­derts 1815-1962 (Ge­schich­te des Erz­bis­tums Köln 5), Köln 1987.

Ge­schich­te der Ka­tho­lisch-Theo­lo­gi­schen ­Fa­kul­tät ­Müns­ter 1773-1964, 2 Tei­le, Müns­ter 1966/1971.

Die kir­chen­po­li­ti­schen Be­zie­hun­gen Han­no­vers, Sach­sens und der nord­deut­schen Klein­staa­ten zur rö­mi­schen Ku­rie 1800-1846. Ein Bei­trag zur Ge­schich­te der Re­stau­ra­ti­on, Pa­der­born 1934.

Kirch­li­che Ver­gan­gen­heit im Bis­tum Es­sen, Es­sen 1960.

Das mit­tel­al­ter­li­che Pfarr­sys­tem und sei­ne kirch­li­che Struk­tur in Köln um 1500 (Ge­schicht­li­cher At­las der Rhein­lan­de, Bei­heft IX/1 mit Kar­te), Köln 1993.

Die stadt­köl­ni­sche Pfar­rei. Grund­li­ni­en ih­rer Ent­wick­lung und Rechts­ge­schich­te, Ha­bi­li­ta­ti­ons­schrift Bonn 1948 [un­ge­druckt].

St. Ko­lum­ba in Köln. Ei­ne mit­tel­al­ter­li­che Groß­stadt­pfar­rei in ih­rem Wer­den und Ver­ge­hen, Sieg­burg 1996.

Literatur

Fest­schrift Edu­ard He­gel zum 65. Ge­burts­tag, hg. von Se­ve­rin Cors­ten/Gis­bert Knopp/Nor­bert Trip­pen = An­na­len des His­to­ri­schen Ver­eins für den Nie­der­rhein 177 (1975).

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Knopp, Gisbert, Eduard Hegel, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/eduard-hegel-/DE-2086/lido/57c82927556ec5.68156096 (11.11.2018)