Elisabeth Alföldi-Rosenbaum

Archäologin (1911-1992)

Markus Kirschbaum (Koblenz)

Elisabeth Aföldi-Rosenbaum, undatiert. (The Canadian Institute in Greece)

Schlagworte

Eli­sa­beth Alf­öl­di-Ro­sen­baum ge­hör­te ei­ner Ge­ne­ra­ti­on an, de­ren Le­bens­zeit un­ge­heu­re welt­ge­schicht­li­che Er­eig­nis­se um­spann­te. Den Un­ter­gang des Deut­schen Kai­ser­reichs und des 19. Jahr­hun­derts in der Ur­ka­ta­stro­phe des al­ten Eu­ro­pa, die ers­te deut­sche Re­pu­blik im Ran­ge ei­ner Na­ti­on, Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und Ver­nich­tungs­krieg so­wie den Kal­ten Krieg bis zur deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung. Gleich­wohl war sie ein Kind des 19. Jahr­hun­derts und wand­te sich der Al­ten Phi­lo­lo­gie so­wie der Klas­si­schen Ar­chäo­lo­gie zu. Wäh­rend ih­res Le­bens­we­ges, der sie in vier Kon­ti­nen­te führ­te, er­fuhr sie un­mit­tel­bar den Ein­fluss des his­to­ri­schen Be­reichs auf ihr Fach­ge­biet.

Eli­sa­beth Ro­sen­baum wur­de am 6.9.1911 in Ko­blenz ge­bo­ren. Sie wuchs in Köln auf, wo sie von 1927 bis 1939 die Ur­su­li­nen­schu­le be­such­te. Die­ses tra­di­ti­ons­rei­che Gym­na­si­um, des­sen Ein­rich­tung 1639 auf die ers­te Nie­der­las­sung des von An­ge­la Me­ri­ci (1470/1474-1540) ge­grün­de­ten Or­dens in Deutsch­land zu­rück­geht, präg­te Ro­sen­baum nach­hal­tig.

Ab dem Win­ter­se­mes­ter 1939/1940 stu­dier­te Eli­sa­beth Ro­sen­baum an der Hoch­schu­le für Leh­rer­bil­dung in Leip­zig. Un­ter dem Ein­druck des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus wand­te sie sich je­doch schon im Som­mer­se­mes­ter 1940 den Klas­si­schen Al­ter­tums­wis­sen­schaf­ten zu. Ne­ben Alt­phi­lo­lo­gie und Klas­si­scher Ar­chäo­lo­gie stu­dier­te sie Kunst­ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Köln. Aber auch hier emp­fand sie den po­li­tisch-psy­cho­lo­gi­schen Druck als so stark, dass sie im Som­mer­se­mes­ter 1941 ihr Stu­di­um an der Uni­ver­si­tät Wien fort­setz­te. Von Ja­nu­ar bis Ok­to­ber 1942 er­hielt sie ein Sti­pen­di­um für die Uni­ver­si­tät Bu­da­pest. Die­se Zeit wur­de für Eli­sa­beth Ro­sen­baum zum Wen­de­punkt in ih­rem aka­de­mi­schen und pri­va­ten Le­ben. Bei Fried­rich Ger­ke (1900-1960) hör­te sie Ar­chäo­lo­gie und Kunst­ge­schich­te. Er weck­te in ihr das In­ter­es­se an der Christ­li­chen Ar­chäo­lo­gie. Ger­ke selbst wur­de 1935 au­ßer­or­dent­li­cher Pro­fes­sor am In­sti­tut für Christ­li­che Ar­chäo­lo­gie der Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät Ber­lin und mach­te sich ei­nen Na­men bei der Er­for­schung von christ­li­chen Sar­ko­pha­gen aus der Zeit vor Kon­stan­tin. Der be­rühm­te By­zan­ti­nist Gyu­la Mo­ra­vcsik (1892-1972) in­spi­rier­te Ro­sen­baum zur Be­schäf­ti­gung mit der Ge­schich­te Ost­roms. Die nach­hal­tigs­te Wir­kung aber hat­ten die Vor­le­sun­gen, die sie bei An­dre­as Alf­öl­di (1895-1981) in Al­ter Ge­schich­te hör­te. Hier ent­wi­ckel­te sich ihr In­ter­es­se für ihr spä­te­res Be­tä­ti­gungs­feld, die Spät­an­ti­ke und das Frü­he Mit­tel­al­ter. Die­ses In­ter­es­se schloss auch ih­ren aka­de­mi­schen Leh­rer selbst mit ein, der spä­ter ihr Ehe­mann wer­den soll­te.

Wäh­rend die­ser Zeit be­gann sie auch mit der Ma­te­ri­al­samm­lung für ih­re Dis­ser­ta­ti­on  über Por­träts auf pan­no­ni­schen Grab­s­te­len. 1942 er­hielt sie ei­ne Stel­le als wis­sen­schaft­li­che Hilfs­kraft am In­sti­tut für Christ­li­che Ar­chäo­lo­gie in Ber­lin, die sie bis 1946 in­ne hat­te. Am 4.8.1944 wur­de sie hier pro­mo­viert. Ihr aka­de­mi­scher Leh­rer Fried­rich Ger­ke, der wäh­rend des Krie­ges als „Son­der­füh­rer“, als zi­vi­ler Spe­zia­list oh­ne mi­li­tä­ri­sche Aus­bil­dung, aber mit mi­li­tä­ri­schem Rang, in Grie­chen­land ge­ar­bei­tet hat­te, be­auf­trag­te sie, mit der Uni­ver­si­tät Ber­lin über sei­ne Rück­kehr zu ver­han­deln. Als das fehl­schlug, ging Ro­sen­baum als Ger­kes As­sis­ten­tin 1946 nach Mainz, wo Ger­ke Di­rek­tor des Kunst­his­to­ri­schen In­sti­tuts der neu ge­grün­de­ten Jo­han­nes-Gu­ten­berg-Uni­ver­si­tät wur­de. Das Win­ter­se­mes­ter 1950/1951 und das Som­mer­se­mes­ter 1951 nutz­te Ro­sen­baum als For­schungs­se­mes­ter in Lon­don. Im Sep­tem­ber 1951 schied sie im Streit mit Ger­ke aus dem Dienst in Mainz aus.

1952 wur­de sie am Cour­tauld In­sti­tu­te der Uni­ver­si­ty of Lon­don ein zwei­tes Mal in Kunst­ge­schich­te pro­mo­viert. Da­nach folg­ten Lehr­auf­trä­ge am War­burg In­sti­tu­te der Uni­ver­si­ty of Lon­don so­wie am New­ham Col­le­ge von Cam­bridge. In die­ser Zeit er­folg­ten zwei Gra­bungs­kam­pa­gnen in Li­by­en. In Zu­sam­men­ar­beit mit den bri­ti­schen Ar­chäo­lo­gen Ri­chard Ge­or­ge Good­child (1918-1968) und John Bryan Ward-Per­kins (1912-1981) be­rei­te­te sie den Ka­ta­log der rö­mi­schen Por­trät­plas­tik aus der Ky­re­nai­ka vor. Die­ser er­schien 1960 in der Ox­ford Uni­ver­si­ty Press und fes­tig­te Ro­sen­baums Ruf als Ex­per­tin des kai­ser­zeit­li­chen rö­mi­schen Por­träts.

The­ma­tisch hat­te sie ihr For­schungs­feld ge­fun­den, geo­gra­phisch er­wei­ter­te sie ih­re Ak­ti­vi­tä­ten auf Klein­asi­en. Von 1963 bis 1966 war sie ar­chäo­lo­gi­sche Mit­ar­bei­te­rin des Türk Ta­rih Ku­ru­mu, der Tür­ki­schen His­to­ri­schen Ge­sell­schaft in An­ka­ra. Die­se In­sti­tu­ti­on be­schäf­tigt sich mit tür­ki­scher Ge­schich­te und ana­to­li­scher Ar­chäo­lo­gie. In­wie­weit sich Ro­sen­baum mit dem bis heu­te gel­ten­den Stand­punkt der Ge­sell­schaft, den Ge­no­zid an den Ar­me­ni­ern 1915/1916 zu leug­nen, aus­ein­an­der­ge­setzt hat­te, ist nicht zu er­mit­teln. Sie ar­bei­te­te in der Zeit in An­ka­ra ge­mein­sam mit ih­rer Stu­di­en­freun­din aus Ber­li­ner Ta­gen, Ja­le İn­an (1914-2001). İn­ans Va­ter Aziz Ogan war Di­rek­tor des Ar­chäo­lo­gi­schen Mu­se­ums Is­tan­bul und sie selbst hat­te noch den be­rühm­ten Ar­chäo­lo­gen Theo­dor Wie­gand ken­nen ge­lernt.

Wäh­rend die­ser Zeit ent­stand das Kor­pus der rö­mi­schen und früh­by­zan­ti­ni­schen Bild­nis­se aus Klein­asi­en, das 1966 und 1979 in zwei Bän­den ver­öf­fent­licht wur­de. Die­se vor­bild­li­che Pu­bli­ka­ti­on war für die Wis­sen­schafts­ge­schich­te von gro­ßer Be­deu­tung. Sie schloss die Lü­cke zu den zahl­rei­chen Ver­öf­fent­li­chun­gen über Por­trät­plas­tik aus den zen­tra­len und west­li­chen Pro­vin­zen des Rö­mi­schen Rei­ches. Ins­ge­samt wa­ren die Jah­re bis 1970 für Ro­sen­baum ei­ne sehr in­ten­si­ve Zeit, be­ruf­lich wie pri­vat. Von 1965 bis 1970 nahm sie an den Aus­gra­bun­gen von Ana­mur in Ki­li­ki­en und Adra­sos in Isau­ri­en - bei­des in der heu­ti­gen süd­öst­li­chen Tür­kei - teil. 1966 er­hielt sie ei­nen Lehr­auf­trag an der Uni­ver­si­tät To­ron­to. Dort lehr­te sie bis zu ih­rer Eme­ri­tie­rung 1984 als Pro­fes­sor of Fi­ne Arts Ar­chäo­lo­gie und Kunst­ge­schich­te. Im März 1964 hei­ra­te­te Eli­sa­beth Ro­sen­baum ih­ren aka­de­mi­schen Leh­rer aus Bu­da­pes­ter Ta­gen An­dre­as Alf­öl­di.

An­dre­as Alf­öl­di leis­te­te für den Do­nau­raum das, was Fran­cis John Ha­ver­field (1860-1919) für Groß­bri­tan­ni­en ge­leis­tet hat­te. Mit Alf­öl­di be­gann die sys­te­ma­ti­sche Aus­wer­tung der Mün­zen, In­schrif­ten, der ar­chäo­lo­gi­schen Quel­len ein­schlie­ß­lich der Klein­f­un­de un­ter his­to­ri­schen Fra­ge­stel­lun­gen. Wie Ha­ver­field be­fass­te sich Alf­öl­di erst­mals wis­sen­schaft­lich mit der Ro­ma­ni­sie­rung ei­ner Pro­vinz im Macht­ge­fü­ge des Im­pe­ri­um Ro­ma­num. Dank sei­ner Frau konn­te Alf­öl­di, der in Prin­ce­ton im US- Bun­des­staat New Jer­sey lehr­te und leb­te, trotz an­dau­ern­der Krank­hei­ten sei­ne viel­fäl­ti­gen For­schungs­pro­jek­te fort­set­zen. Die Ehe wur­de zu ei­ner idea­len Part­ner­schaft, die auf ge­mein­sa­men In­ter­es­sen und Tä­tig­kei­ten ba­sier­te. Die bei­den Ehe­leu­te stamm­ten vom Rhein und von der Do­nau, und wa­ren da­durch prä­des­ti­niert, sich in der gan­zen Welt zu Hau­se zu füh­len. Eli­sa­beth Alf­öl­di-Ro­sen­baum konn­te ih­ren Gat­ten durch ih­re ei­ge­ne Ex­per­ti­se oft­mals vor all­zu ge­wag­ten In­ter­pre­ta­tio­nen be­wah­ren. Den Hang zur Über­span­nung des Bo­gens konn­te sie ihm al­ler­dings nie ganz aus­trei­ben. Aber sie sorg­te da­für, dass die Be­ses­sen­heit des Nu­mis­ma­ti­kers nicht aus­ufer­te. So­mit trug Eli­sa­beth Alf­öl­di-Ro­sen­baum auch ei­nen ge­wich­ti­gen Teil da­zu bei, dass An­dre­as Alf­öl­di heu­te in der Wis­sen­schafts­ge­schich­te als ei­ner der ganz we­ni­gen Ge­lehr­ten ge­ach­tet wird, die der Rö­mi­schen Ge­schich­te neue Di­men­sio­nen er­schlos­sen ha­ben.

Eli­sa­beth Alf­öl­di-Ro­sen­baum be­gann wäh­rend ih­rer Ehe, ei­ne ei­ge­ne Samm­lung an­ti­ker Spiel­stei­ne aus Bein und El­fen­bein auf­zu­bau­en. Die­se we­nig be­ach­te­te Denk­mä­ler­klas­se rück­te sie in ei­ner Rei­he von Auf­sät­zen in das In­ter­es­se der For­schung und schloss hier aber­mals ei­ne Lü­cke.

Nach­dem ihr Mann am 12.2.1981 ge­stor­ben war, sah Alf­öl­di-Ro­sen­baum ih­re vor­nehm­li­che Auf­ga­be in der Ord­nung sei­nes Nach­las­ses. Be­son­de­re Auf­merk­sam­keit er­reg­te die mo­nu­men­ta­le Neu­fas­sung des Kon­tor­nia­ten­bu­ches. Die­ses Stan­dard­werk be­han­delt ei­ne Gat­tung rö­mi­scher Me­dail­lons der spä­ten Kai­ser­zeit (4. und 5. Jahr­hun­dert), de­ren rät­sel­haf­ten Ver­wen­dungs­zweck An­dre­as Alf­öl­di in Rich­tung an­ti­christ­li­cher Pro­pa­gan­da stadt­rö­mi­schen Adels deu­ten woll­te.

Kurz vor sei­nem Tod un­ter­nahm Eli­sa­beth Alf­öl­di-Ro­sen­baum mit ih­rem Mann ei­ne Wall­fahrt mit dem Au­to nach Po­maz, ei­nem Dorf nörd­lich von Bu­da­pest. Auf dem dor­ti­gen Fried­hof war sein Va­ter, ein Land­arzt, be­gra­ben. Ne­ben der Wis­sen­schaft war das Au­to­fah­ren für Eli­sa­beth Alf­öl­di-Ro­sen­baum ei­ne Lei­den­schaft. Nur in Be­glei­tung ih­res Hun­des fuhr sie bei je­dem Wet­ter die Stre­cke von ih­rem Wohn­ort Prin­ce­ton in New Jer­sey nach To­ron­to hin und wie­der zu­rück. Die­se Pas­si­on der Mo­bi­li­tät präg­te ihr gan­zes Le­ben. Durch die na­tür­li­che Welt­läu­fig­keit ih­rer rhei­ni­schen Hei­mat prä­des­ti­niert, war die gan­ze Welt ihr Zu­hau­se. Die Men­ta­li­tät li­by­scher No­ma­den und ki­li­ki­scher Rin­der­hir­ten war ihr eben­so ver­traut wie der Charme der Do­nau­mon­ar­chie, der For­scher­drang der Bri­ten, die Bo­den­stän­dig­keit Neu­eng­lands oder die Welt­of­fen­heit der Ka­na­di­er. So viel­fäl­tig wie die his­to­ri­schen Epo­chen ih­rer Le­bens­span­ne, so reich war der Er­trag ih­res Forscher­le­bens, das am 6.10.1992 in Prin­ce­ton in Fol­ge ei­ner Herz­ope­ra­ti­on en­de­te. Durch ih­re Akri­bie, die sie mit ih­rem Ehe­mann teil­te, schloss sie man­che wis­sen­schaft­li­che Lü­cke und in­spi­rier­te vie­le kom­men­de For­scher, den Blick vor al­lem für das bis­lang Ver­nach­läs­sig­te zu schär­fen.

Werke (Auswahl)

The Ro­man Coo­ke­ry Book. A Cri­ti­cal Trans­la­ti­on of the Art of Coo­king, for Use in the Stu­dy and the Kit­chen, New York 1958.

A Ca­ta­lo­gue of Cy­re­nai­can Por­trait Sculp­tu­re, Ox­ford 1960.

[zu­sam­men mit] Ja­le İn­an, Ro­man and Ear­ly By­zan­ti­ne Por­trait Scupltu­re in Asia Mi­nor, Ox­ford 1966.

[zu­sam­men mit] An­dre­as Alf­öl­di, Die Kon­tor­ni­at-Me­dail­lons, 2 Bän­de, Ber­lin [u. a.] 1976/1990.

[zu­sam­men mit]Ja­le İn­an, Rö­mi­sche und früh­by­zan­ti­ni­sche Por­trät­plas­tik aus der Tür­kei. Neue Fun­de, Mainz 1979.

[zu­sam­men mit] John Bryan Ward-Per­kins, Jus­ti­nia­nic Mo­saic Pa­ve­ments in Cy­re­nai­can Church­es, Rom 1980.

Literatur

Cahn, Her­bert A., Eli­sa­beth Alf­öl­di-Ro­sen­baum †, in: Gno­mon 65 (1993), S. 762-763.

Fo­cke Mu­se­um (Hg.), Gra­ben für Ger­ma­ni­en. Ar­chäo­lo­gie un­term Ha­ken­kreuz, Stutt­gart 2013.

Den­nert, Mar­tin, Eli­sa­beth Alf­öl­di-Ro­sen­baum, in: Held, Ste­fan/Den­nert, Mar­tin (Hg.), Per­so­nen­le­xi­kon zur Christ­li­chen Ar­chäo­lo­gie. For­scher und Per­sön­lich­kei­ten vom 16. bis zum 21. Jahr­hun­dert, Band 1, Re­gens­burg 2012, S. 64-65.

 
Zitationshinweis

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Kirschbaum, Markus, Elisabeth Alföldi-Rosenbaum, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/elisabeth-alfoeldi-rosenbaum/DE-2086/lido/5933ca75814ee6.55935983 (20.09.2018)