Erich Zweigert

Oberbürgermeister der Stadt Essen (1849-1906)

Klaus Wisotzky (Essen)

Erich Zweigert, Porträtfoto. (Haus der Essener Geschichte / Stadtarchiv)

Erich Zwei­gert zählt zu den be­deu­tends­ten Ober­bür­ger­meis­tern der Stadt Es­sen im 19. und 20. Jahr­hun­dert. Wäh­rend sei­ner Amts­zeit von 1886 bis 1906 wur­de Es­sen Groß­stadt (1896). Au­ßer­dem leg­te er den Grund­stock für die Ent­wick­lung Es­sens von ei­ner we­nig an­sehn­li­chen In­dus­trie­stadt zum Wirt­schafts- und Ver­wal­tungs­mit­tel­punkt des Ruhr­ge­biets.

Zwei­gert, der am 25.2.1849 in Neu­stet­tin/Pom­mern als Sohn von Wil­helm (ge­stor­ben 1892) und sei­ner Ehe­frau Ju­lie ge­bo­re­ne Kin­dorff ge­bo­ren wur­de, ent­stamm­te ei­ner Ju­ris­ten­fa­mi­lie. Der Va­ter war Ober­land­ge­richts-As­ses­sor und wur­de spä­ter zum Ap­pel­la­ti­ons­ge­richts­prä­si­den­ten in Ber­lin be­ru­fen. Die Fa­mi­lie war evan­ge­lisch. Nach dem Ab­itur Os­tern 1869 am Fried­rich-Wil­helm-Gym­na­si­um in Ber­lin stu­dier­te Erich Zwei­gert 1869-1872 Rechts­wis­sen­schaft in Hal­le, Hei­del­berg und Ber­lin, wo er im Sep­tem­ber 1872 die ers­te ju­ris­ti­sche Staats­prü­fung ab­leg­te. Es folg­te das Re­fe­ren­da­ri­at in Arns­berg, wel­ches er mit der gro­ßen Staats­prü­fung am 22.9.1877 ab­schloss. Sei­ne wei­te­re Lauf­bahn führ­te ihn als Hilfs-, Kreis- und Amts­rich­ter über die Sta­tio­nen Ber­lin, Bri­lon und Wa­ren­dorf am 1.10.1879 an das Amts­ge­richt Pots­dam.

So sehr Zwei­gert auch in sei­nem spä­te­ren Wir­ken der aus­ge­wie­se­ne Ju­rist blieb, so be­frie­dig­te ihn sei­ne Ar­beit als Rich­ter nicht sehr, wes­halb er sich er­folg­reich um das Amt des Ers­ten Bür­ger­meis­ters der Stadt Gu­ben be­warb. Am 3.1.1881 wur­de er in dem Amt be­stä­tigt, am 28.11.1885 ihm der Ober­bür­ger­meis­ter-Ti­tel ver­lie­hen. Aber schon bald such­te er ei­nen grö­ße­ren Wir­kungs­kreis als den, den die Klein­stadt in der Nie­der­lau­sitz bie­ten konn­te, und er fand die­sen in Es­sen. Sei­ne Be­wer­bung war so über­zeu­gend, dass die Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung ihn am 1.6.1886 oh­ne Ge­gen­stim­me zum Stadt­ober­haupt wähl­te. Am 9. Au­gust wur­de die Wahl be­stä­tigt und am 2. Ok­to­ber er­folg­te die Amts­ein­füh­rung. Zwei­gert wur­de am 14.1.1898 wie­der­ge­wählt und am 14. Sep­tem­ber er­hielt er die er­neu­te Be­stä­ti­gung. 

Es­sen hat­te in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts ein Be­völ­ke­rungs­wachs­tum son­der­glei­chen zu ver­zeich­nen. Die Be­schäf­ti­gungs­mög­lich­kei­ten im Berg­bau und vor al­lem bei der Kruppschen Guss­stahl­fa­brik zo­gen im­mer mehr Men­schen an. Aus dem klei­nen Land­städt­chen mit ge­ra­de ein­mal 7.000 Ein­woh­nern (1843) war beim Amts­an­tritt Zwei­gerts ei­ne In­dus­trie­stadt mit 66.000 Ein­woh­nern ge­wor­den. Den Zu­strom der Ar­beits­mi­gran­ten und den ho­hen Ge­bur­ten­über­schuss konn­te die Stadt nur schwer ver­kraf­ten. Die Woh­nungs­not war groß, die Be­völ­ke­rungs­dich­te so hoch wie in kaum ei­ner an­de­ren deut­schen Stadt und die In­fra­struk­tur un­zu­rei­chend. Ob­wohl Zwei­gert die Ge­stal­tungs­mög­lich­keit ei­nes Ober­bür­ger­meis­ters als ge­ring ein­stuf­te: „Wir kön­nen in der Ver­wal­tung die Ent­wick­lung der Städ­te nicht vor­schrei­ben, son­dern wir kön­nen ihr nur vor­sich­tig fol­gen und wir kön­nen hin und wie­der an ir­gend­ei­ner Stel­le den Weg ein­mal wäh­len oder auch viel­leicht ein we­nig len­ken nach der ei­nen oder an­de­ren Sei­te, im we­sent­li­chen aber wird die Tä­tig­keit der Ver­wal­tung im­mer ei­ne nach­fol­gen­de sein und blei­ben.“ Den­noch präg­te er in den kom­men­den 20 Jah­ren die Stadt­ge­schi­cke ganz ent­schei­dend.

Ge­mäß sei­ner Er­kennt­nis, dass nur gro­ße und räum­lich aus­ge­dehn­te Ge­mein­den die an­ste­hen­den Pro­ble­me lö­sen könn­ten, wid­me­te sich Zwei­gert seit sei­nem Amts­an­tritt der Ver­grö­ße­rung des Stadt­ge­bie­tes, das nur 1.023 Hekt­ar um­fass­te. Doch die Ein­ge­mein­dung der um­lie­gen­den Bür­ger­meis­te­rei­en schei­ter­te vor­erst am Wi­der­stand des Land­ra­tes. Erst 1901 ge­lang es, die „wür­gen­den Klam­mern“ des Land­krei­ses (Bran­di) zu spren­gen und Al­ten­dorf an­zu­glie­dern. 1905 folg­te das süd­lich ge­le­ge­ne Rüt­ten­scheid. Es­sen zähl­te nun 230.000 Ein­woh­ner auf 2.549 Hekt­ar.

Die Ver­grö­ße­rung des Stadt­ge­bie­tes schuf die Mög­lich­keit, das Sied­lungs­pro­blem ak­tiv mit­zu­ge­stal­ten. Ge­gen hef­ti­gen Wi­der­stand in der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung ver­moch­te es Zwei­gert, Bo­den sei­tens der Stadt auf­zu­kau­fen und da­mit die Woh­nungs­po­li­tik mit­zu­steu­ern. Eben­so wur­den durch Ro­bert Schmidt neue Bau­po­li­zei-Ver­ord­nun­gen ent­wor­fen, mit­tels de­rer Fort­schrit­te in ge­sund­heit­li­cher, aber auch äs­the­ti­scher Hin­sicht er­zielt wer­den soll­ten. Da Zwei­gert die Ver­bes­se­rung der Wohn­ver­hält­nis­se als wich­tigs­tes Mo­ment zur Be­frie­dung der Ge­sell­schaft und zur Mil­de­rung der so­zia­len Span­nun­gen an­sah, en­ga­gier­te er sich schon früh­zei­tig in die­sem Be­reich beim Ver­ein für öf­fent­li­che Ge­sund­heits­pfle­ge und beim Ver­ein für So­ci­al­po­li­tik. Fol­ge­rich­tig führ­te Es­sen auch als ers­te Stadt in Deutsch­land 1899 ei­ne Woh­nungs­in­spek­ti­on ein.

Für die Re­ge­ne­ra­ti­on der Groß­stadt­be­woh­ner, be­son­ders der Ar­bei­ter­be­völ­ke­rung, er­ach­te­te Zwei­gert ei­nen na­he­ge­le­ge­nen Stadt­wald als wich­tig. Auch in die­sem Fall wa­ren die Wi­der­stän­de im Stadt­rat zu über­win­den, ehe er sei­ne Plä­ne ver­wirk­li­chen und die Wald­flä­chen an­kau­fen konn­te. Um sei­ne Ver­diens­te bei der Schaf­fung die­ses bis heu­te ge­nutz­ten Nah­er­ho­lungs­be­zir­kes zu wür­di­gen lie­ßen Freun­de hier 1909 ei­nen Ge­denk­stein er­rich­ten.

In­no­va­tiv war Zwei­gert nicht al­lein bei der Woh­nungs­in­spek­ti­on, son­dern auch im Be­reich des Ta­rif­we­sens. Als 1904 bei den Lohn­kämp­fen im Bau­ge­wer­be des Ruhr­re­viers die Ar­bei­ter aus­ge­sperrt wur­den, kri­ti­sier­te das Stadt­ober­haupt die Ar­beit­ge­ber und woll­te die Aus­ge­sperr­ten un­ter­stüt­zen. Auf sei­ne In­itia­ti­ve gab es dann Ver­hand­lun­gen un­ter dem Vor­sitz des Bei­ge­ord­ne­ten Ot­to Wied­feldt (1871-1926), die mit ei­nem Ta­rif­ab­schluss für das ge­sam­te Ruhr­ge­biet en­de­ten.

Auch beim Berg­ar­bei­ter­streik 1905 be­zog Zwei­gert ein­deu­tig Po­si­ti­on, in­dem er sehr zum Miss­fal­len der „Schlot­ba­ro­ne“ be­kun­de­te, dass er „auf ei­nem voll­kom­men ab­wei­chen­den so­zi­al­po­li­ti­schen Stand­punkt wie die Berg­werks­un­ter­neh­mer“ stün­de: „Der rein pri­vat­recht­li­che Stand­punkt be­züg­lich des Ar­beits­ver­tra­ges ist ver­kehrt.“ Aus sol­chen Äu­ße­run­gen und Hand­lun­gen darf man aber nicht auf Sym­pa­thi­en Zwei­gerts für die or­ga­ni­sier­te Ar­bei­ter­be­we­gung schlie­ßen. Sein teil­wei­ses Ent­ge­gen­kom­men ge­gen­über den Be­lan­gen der Ar­bei­ter­schaft soll­te viel­mehr den Ein­fluss der Ge­werk­schaf­ten und der So­zi­al­de­mo­kra­tie schmä­lern, de­nen er in un­zwei­fel­haf­ter Geg­ner­schaft ge­gen­über­stand.

Ei­nen Aus­gleich der so­zia­len Span­nun­gen ver­sprach er sich auch von ei­ner stär­ke­ren Be­tei­li­gung der Ar­bei­ter an der Kom­mu­nal­po­li­tik, wes­halb er ei­ne Re­form, nicht die Ab­schaf­fung, des Drei­klas­sen­wahl­rechts for­der­te. Das glei­che Wahl­recht für al­le Bür­ger lehn­te er ab, weil es da­zu füh­ren wür­de, „dass ein Teil der Bür­ger­schaft die Ge­mein­de­las­ten trägt, wäh­rend ein an­de­rer Teil, der nichts oder we­nig da­zu bei­ge­tra­gen hat, über die ein­ge­zahl­ten Steu­ern zu ver­fü­gen hät­te. Die Ge­mein­de­ver­wal­tung wür­de da­durch zu ei­nem Spiel­bal­le der po­li­ti­schen Par­tei­en wer­den und die bis­he­ri­ge se­gens­rei­che und ru­hi­ge Ent­wi­cke­lung der preu­ßi­schen Ge­mein­den wür­de durch die Ein­füh­rung ei­nes sol­chen Wahl­sys­tems ganz si­cher­lich ernst­lich ge­fähr­det wer­den. Das Prin­zip, die städ­ti­sche Wäh­ler­schaft ent­spre­chend der Steu­er­leis­tung in Klas­sen ein­zu­tei­len, darf da­her nicht ver­las­sen wer­den.“ Statt­des­sen plä­dier­te Zwei­gert für die Ein­rich­tung ei­ner vier­ten Klas­se.

Die Kri­tik am Ver­hal­ten der Ar­beit­ge­ber bei den Ar­beits­kämp­fen be­deu­te­te nicht, dass Zwei­gert in­dus­trie­feind­lich ein­ge­stellt ge­we­sen wä­re. Er hat­te zwar sei­nen ei­ge­nen Kopf und Fried­rich Al­fred Krupp klag­te, dass es nicht an­ge­nehm sei, „un­ter dem Zep­ter von Zwei­gert zu le­ben“, den­noch wuss­te der Ober­bür­ger­meis­ter nur zu ge­nau, dass er sei­ne po­li­ti­schen Vor­stel­lun­gen nicht ge­gen die füh­ren­den Schich­ten in der Kom­mu­ne, al­so ge­gen Krupp, die Ge­wer­ke und die Bau­un­ter­neh­mer, durch­füh­ren konn­te. Er be­nö­tig­te ih­re Zu­stim­mung und Un­ter­stüt­zung und so ver­brach­te er viel Zeit in der Ge­sell­schaft „Ver­ein“, wo al­le wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen vor­be­spro­chen wur­den.

Oh­ne Ein­ver­ständ­nis und Be­tei­li­gung der In­dus­trie wä­ren auch nicht die über­re­gio­na­len Was­ser­ver­bän­de – der Ruhr­ver­band, der Ruhr­talsper­ren­ver­ein und die Em­scher­ge­nos­sen­schaft – ge­schaf­fen wor­den, auf de­ren Grün­dung Zwei­gert ma­ß­geb­lich Ein­fluss ge­nom­men hat. Ihm ge­lang es, die un­ter­schied­li­chen In­ter­es­sen aus­zu­glei­chen und die Kom­mu­nen, die Land­krei­se und die In­dus­trie­be­trie­be ge­mein­sam in die Ver­ant­wor­tung zu neh­men. Er ar­bei­te­te in lang­wie­ri­gen Ver­hand­lun­gen den Ver­trags­text und die Sta­tu­ten aus. In An­er­ken­nung sei­ner Ver­diens­te über­trug man ihm den Vor­sitz in den Ver­bän­den, die ih­ren Sitz bis heu­te in Es­sen ha­ben.

Dank der Un­ter­stüt­zung durch Krupp und an­de­rer In­dus­tri­el­ler hat­te Zwei­gert Er­folg bei der An­sied­lung von Ver­wal­tun­gen. Die Ei­sen­bahn­di­rek­ti­on ließ sich eben­so wie das Rhei­nisch-West­fä­li­sche Koh­len­syn­di­kat, das Rhei­nisch-West­fä­li­sche Elek­tri­zi­täts­werk (RWE) und die Gel­sen­kir­che­ner Berg­werks AG hier nie­der. Die­se Ent­wick­lung Es­sens zu ei­nem Dienst­leis­tungs­stand­ort konn­te aber nur ge­lin­gen, wenn da­zu be­stimm­te Vor­aus­set­zun­gen vor­han­den wa­ren: ei­ne leis­tungs­fä­hi­ge Kom­mu­nal­ver­wal­tung, ei­ne mo­der­ne In­fra­struk­tur, ei­ne aus­rei­chen­de Zahl an Bil­dungs- und Fort­bil­dungs­ein­rich­tun­gen, viel­fäl­ti­ge Kul­tur­an­ge­bo­te. Auf al­len Ge­bie­ten gab es wäh­rend der Amts­zeit von Zwei­gert gro­ße Fort­schrit­te, wenn­gleich sich die ei­ne oder an­de­re Ent­schei­dung im Nach­hin­ein als falsch er­wie­sen hat. Doch ins­ge­samt ist die Leis­tungs­bi­lanz be­ein­dru­ckend.

Der Aus­bau der Ver­wal­tung ist nicht al­lein quan­ti­ta­tiv be­acht­lich. Die Zahl der Be­am­ten stieg von 91 (1885) auf 377 (1900) und ver­grö­ßer­te sich in der Fol­ge­zeit noch­mals um ein Viel­fa­ches. Zwei­gert hat­te zu­dem die Ga­be, über­aus qua­li­fi­zier­te Mit­ar­bei­ter zu ge­win­nen, un­ter de­nen Ot­to Wied­feldt und Ro­bert Schmidt (1869-1934) be­son­ders her­aus­rag­ten.

Der Bau neu­er hö­he­ren Schu­len wur­de en­er­gisch vor­an­ge­trie­ben. Zu nen­nen sind das Hum­boldt- und das Helm­holtz-Gym­na­si­um, die Lui­sen- und die Vik­to­ria­schu­le. Doch dem Ober­bür­ger­meis­ter lag nicht al­lein die Fort­ent­wick­lung des hö­he­ren Schul­we­sens am Her­zen, son­dern eben­so hat­te er sich um die Volks­schu­len ge­küm­mert. Un­mit­tel­bar nach sei­nem Amts­an­tritt nahm er die Ver­hand­lun­gen mit den kon­fes­sio­nel­len Ge­mein­den auf, um die Volks­schu­len auf den Kom­mu­nal­etat zu über­neh­men. Die Ver­ein­heit­li­chung des Schul­we­sens er­folg­te 1890 und bil­de­te die Grund­la­ge für den Bau vie­ler neu­er Schul­ge­bäu­de.

Kul­tu­rell hat­te die Stadt bis 1886 we­nig zu bie­ten, doch dann ent­stan­den in ra­scher Fol­ge: das Thea­ter (1892), das städ­ti­sche Or­ches­ter (1898), die städ­ti­sche Bü­che­rei (1904), das Mu­se­um der Stadt (1904) und als Ver­an­stal­tungs­ort der neue Saal­bau (1904). Es war nicht al­lein die Stadt, die in­ves­tier­te. Zwei­gert zeig­te sich in die­sen Be­rei­chen eher zu­rück­hal­tend. Ob hier­für sein nicht sehr stark aus­ge­präg­tes kul­tu­rel­les In­ter­es­se oder doch sei­ne fi­nan­zi­el­le Vor­sicht ur­säch­lich wa­ren, sei da­hin­ge­stellt. Es war da­her ein Glücks­fall, dass sich in vie­len Fäl­len die Bür­ger der Stadt en­ga­gier­ten und die Fi­nan­zie­rung der Kul­tur­ein­rich­tun­gen über­nah­men. So stif­te­te Fried­rich Gril­lo das Thea­ter, das in der Fol­ge­zeit von Krupp un­ter­stützt wur­de, und auch der Saal­bau wur­de nur dank der Spen­den­be­reit­schaft Es­se­ner Bür­ger – Fried­rich Al­fred Krupp wie­der­um an der Spit­ze – er­rich­tet.

Zu­rück­hal­tung zeig­te Zwei­gert auch bei zwei wich­ti­gen Pro­jek­ten. So scheu­te er sich, ein kom­mu­na­les Elek­tri­zi­täts­werk zu bau­en oder ei­ne Stra­ßen­bahn an­zu­le­gen, weil ihm das fi­nan­zi­el­le Ri­si­ko zu hoch er­schien. Spä­ter wa­ren die­se Ent­schei­dun­gen nicht mehr zu re­vi­die­ren, weil die For­de­run­gen der In­ves­to­ren, die ein­ge­sprun­gen wa­ren, so über­zo­gen wa­ren, dass sie nur ei­ne Be­tei­li­gung der Stadt am RWE be­zie­hungs­wei­se an der Süd­deut­schen Ei­sen­bahn­ge­sell­schaft zu­lie­ßen. 

Die zu­letzt an­ge­spro­che­nen Punk­te trü­ben et­was die Er­folgs­bi­lanz, die den­noch be­acht­lich bleibt. Der Um­bau der un­an­sehn­li­chen In­dus­trie­stadt war ein­ge­lei­tet wor­den. Es­sen, das auch wei­ter­hin von Krupp ge­prägt wur­de, war aber mitt­ler­wei­le schon ei­ne mo­der­ne Groß­stadt ge­wor­den mit Sitz vie­ler Ver­wal­tun­gen und Ban­ken. Es be­saß be­acht­li­che Kul­tur- und Frei­zeit­ein­rich­tun­gen, at­trak­ti­ve Ein­kaufs­mög­lich­kei­ten und Ho­tels. Dies war zwar nicht al­lein das Ver­dienst von Zwei­gert und sei­nen Mit­ar­bei­tern, doch er hat­te ei­nen Plan, wie sich Es­sen ent­wi­ckeln, wie aus der gro­ßen Stadt ei­ne Groß­stadt wer­den soll­te. Da­für setz­te er sich un­er­müd­lich ein, be­trieb Raub­bau mit sei­nen Kräf­ten, die all­mäh­lich schwan­den, zu­mal Zwei­gert von Sta­tur eher ha­ger war.

1905 be­an­trag­te er zum ers­ten Mal aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den sei­ne Ver­set­zung in den Ru­he­stand, was die Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung je­doch mit Ent­schie­den­heit ab­lehn­te. Doch weil sich sein Ge­sund­heits­zu­stand zu­se­hends ver­schlech­ter­te, nah­men die Stadt­ver­ord­ne­ten ein zwei­tes Ge­such am 20.4.1906 ge­zwun­ge­ner­ma­ßen an. Zu­gleich ver­lie­hen sie ihm das Eh­ren­bür­ger­recht, ei­ne Aus­zeich­nung, die an­sons­ten kei­nem Ober­bür­ger­meis­ter der Stadt zu Teil wur­de. Nur we­ni­ge Wo­chen spä­ter, am 27.5.1906, starb Zwei­gert im Al­ter von 57 Jah­ren. Am glei­chen Tag wur­de im Saal­bau das 42. Ton­künst­ler­fest er­öff­net. Pro­fes­sor Max von Schil­lings (1868-1933) ge­dach­te zu Be­ginn der Ver­an­stal­tung des To­ten, an­schlie­ßend di­ri­gier­te Ri­chard Strauß (1864-1949) Mo­zarts Trau­er­mu­sik.

1902 war Zwei­gert mit der Ver­lei­hung des Ro­ten Ad­ler­or­dens 2. Klas­se mit Ei­chen­laub ge­ehrt wor­den. Er hat­te die Stadt Es­sen im Preu­ßi­schen Her­ren­haus und im Rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­land­tag ver­tre­ten.

Zwei­gert, der seit dem 25.7.1878 mit The­re­se Kess­ler (1853-1928) ver­hei­ra­tet ge­we­sen war, hin­ter­ließ fünf Kin­der. In den Nach­ru­fen wur­den sei­ne rhe­to­ri­schen Fä­hig­kei­ten und sein meis­ter­haf­tes Ge­schick, Ver­hand­lun­gen zu lei­ten, be­tont. Ins­ge­samt wur­de „das un­na­tür­li­che Schaf­fen des Man­nes“ ge­wür­digt, „der kei­ne Rück­sicht ge­gen sich kann­te, dem das Wohl und das Ge­dei­hen der Stadt als obers­tes Ge­setz gal­t“. Die­ses Ur­teil hat auch heu­te noch Be­stand.

Literatur

An­nen, Gun­ther, Erich Zwei­gert und die Grün­dung der Em­scher­ge­nos­sen­schaft, in: Es­se­ner Bei­trä­ge 110 (1998), S. 69-134.
Ba­johr, Frank, Zwi­schen Krupp und Kom­mu­ne. So­zi­al­de­mo­kra­tie, Ar­bei­ter­schaft und Stadt­ver­wal­tung in Es­sen vor dem 1. Welt­krieg, Es­sen 1988.
Bran­di, Paul, Der Auf­stieg der Stadt Es­sen zur In­dus­trie­me­tro­po­le. Ei­ne Er­in­ne­rung an Ober­bür­ger­meis­ter Erich Zwei­gert, in: Es­se­ner Bei­trä­ge 60 (1940), S. 239-294.
Bran­di, Paul, Erich Zwei­gert, in: Rhei­nisch-West­fä­li­sche Wirt­schafts­bio­gra­phi­en 4 (1941), S. 187-216.
Ro­meyk, Horst, Die lei­ten­den staat­li­chen und kom­mu­na­len Ver­wal­tungs­be­am­ten der Rhein­pro­vinz 1816-1945, Düs­sel­dorf 1994, S. 830-831.
Schrö­der, Ernst, Neue Bei­trä­ge zur Bio­gra­phie Erich Zwei­gerts, in: Es­se­ner Bei­trä­ge 93 (1978), S. 215-227. 

 
Zitationshinweis

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Wisotzky, Klaus, Erich Zweigert, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/erich-zweigert/DE-2086/lido/5b9f98a5040bb6.94760043 (17.10.2018)