Ernst von Bayern

Erzbischof und Kurfürst von Köln (1583-1612)

Martin Bock (Frechen)

Erzbischof Ernst von Bayern, Köln, Dom, Kapitelsaal, Foto: Matz und Schenk. (Dombauarchiv Köln)

Als Ernst von Bay­ern im Jahr 1583 im drit­ten An­lauf end­lich zum Erz­bi­schof und Kur­fürst von Köln ge­wählt wor­den war, be­gann in Kur­k­öln die Zeit der Wit­tels­ba­cher Herr­scher, die bis 1761 an­dau­ern soll­te. Ob­wohl Ernst per­sön­lich kaum ge­eig­ne­ter war als sei­ne Vor­gän­ger, fand wäh­rend sei­ner Re­gie­rungs­zeit die In­sta­bi­li­tät und Kri­sen­an­fäl­lig­keit des Erz­stif­tes ein En­de, und die ka­tho­li­sche Kon­fes­sio­na­li­sie­rung konn­te sich mit ei­ni­ger Ver­spä­tung nun auch in Kur­k­öln ent­fal­ten – auch wenn er selbst dar­an kei­nen An­teil hat­te, son­dern die Re­gie­rungs­ge­schäf­te be­reits im Jahr 1595 sei­nem erst 18-jäh­ri­gen Nef­fen Fer­di­nand als Ko­ad­ju­tor über­las­sen muss­te.

Ernst wur­de am 17.12.1554 am Mün­che­ner Hof ge­bo­ren, als jüngs­ter Sohn des ehr­gei­zi­gen Her­zogs Al­brecht V. (1528-1579) und der Schwes­ter Kai­ser Ma­xi­mi­li­ans II. (1503-1564), Erz­her­zo­gin An­na von Ös­ter­reich (1528-1590). Be­reits im Al­ter von neun Jah­ren ge­noss er ei­ne fun­dier­te Aus­bil­dung am Je­sui­ten­kol­leg in In­gol­stadt, die mit Leh­rern wie Jo­han­nes Eck (1486-1543) oder Pe­trus Ca­ni­si­us (1521-1597) ei­ne der be­deu­tends­ten ka­tho­li­schen Aus­bil­dungs­stät­ten im deutsch­spra­chi­gen Raum und geis­ti­ges Zen­trum der Ge­gen­re­for­ma­ti­on war. Ernst re­bel­lier­te ge­gen die stren­ge Er­zie­hung, muss­te sich je­doch stets dem Wil­len des Va­ters und sei­nes Haus­leh­rers, des Lö­we­ner Phi­lo­so­phen An­dre­as Fa­bri­ci­us (1520-1581), fü­gen. Her­zog Al­brecht er­warb ei­ne Viel­zahl von kirch­li­chen Pfrün­den für sei­nen Sohn, al­lei­ne neun Dom­her­ren­stel­len im gan­zen Reich. In Köln wur­de Ernst kurz vor Weih­nach­ten 1565 ein­ge­führt. Ein Jahr spä­ter wur­de er, 12-jäh­rig, Bi­schof von Frei­sing, das Bis­tum Hil­des­heim folg­te 1573. Um sei­ne Bil­dung welt­läu­fig zu ver­voll­komm­nen und die zu­min­dest er­for­der­li­che Sub­dia­ko­nats­wei­he zu emp­fan­gen, schick­te sein Va­ter ihn 1574/1575 nach Rom.

Brie­fe und Un­ter­la­gen aus die­ser rö­mi­schen Zeit of­fen­ba­ren den Cha­rak­ter des jun­gen Her­zogs als le­bens­froh, ge­fäl­lig und mun­ter. Aus sei­ner Woh­nung im Va­ti­kan soll er sich des Öf­te­ren mit Hil­fe ei­ner Strick­lei­ter ge­schli­chen ha­ben, um sich in der spiel- und aben­teu­er­freu­di­gen rö­mi­schen Ge­sell­schaft zu ver­gnü­gen: beim Wür­fel- oder Kar­ten­spiel, aber auch man­cher Lieb­schaft. Wohl des­we­gen ver­such­ten Her­zog Al­brecht und Fa­bri­ci­us, Ernst durch ei­ne Rei­he von Vor­schrif­ten und Ver­bo­ten zu gän­geln und zu kon­trol­lie­ren. Sich nicht un­ter­zu­ord­nen und be­vor­mun­den­der Über­wa­chung zu ent­zie­hen, blieb, ge­paart mit ei­ner ge­wis­sen Dick­köp­fig­keit, ein We­sens­zug auch des äl­te­ren Ernst, der ihn et­wa von sei­nem Nef­fen und Nach­fol­ger Fer­di­nand un­ter­schied. Fast könn­te man von ei­ner „rhei­ni­schen Men­ta­li­tät" des Bay­ern­her­zogs spre­chen, ob­wohl er sich lie­ber im ru­hi­ge­ren West­fa­len auf­hielt.

 

Be­vor ihn das Köl­ner Dom­ka­pi­tel am 23.5.1583 ein­stim­mig zum Erz­bi­schof wähl­te, war er be­reits zwei­mal ge­schei­tert. 1567 war er nicht of­fi­zi­ell ins Ren­nen ge­schickt wor­den, da die Kan­di­da­tur ei­nes 13-jäh­ri­gen im Kon­flikt be­la­de­nen und hoch ver­schul­de­ten Köl­ner Erz­stift kaum Er­folg ver­spre­chend war. 1577 zo­gen die Dom­her­ren mit Geb­hard Truch­sess von Wald­burg ei­nen Erz­bi­schof vor, von dem sie sich wei­ter­hin kon­fes­sio­nel­le In­dif­fe­renz und die To­le­rie­rung neu­gläu­bi­ger Pfrün­den­in­ha­ber ver­spra­chen. Das Fi­as­ko sei­nes Re­for­ma­ti­ons­ver­su­ches, der das oh­ne­hin arg ge­beu­tel­te Kur­fürs­ten­tum in ei­nen mehr­jäh­ri­gen Krieg (Köl­ner Krieg) führ­te, und die deut­li­che Ein­fluss­nah­me von Papst Gre­gor XIII. (Pon­ti­fi­kat 1572-1585) und sei­nes Nun­ti­us Gio­van­ni Fran­ces­co Bo­no­mi (1536-1587) lie­ßen dem Ka­pi­tel al­ler­dings kei­ne an­de­re Wahl, als mit Ernst von Bay­ern nicht nur ei­nen zwei­fels­frei ka­tho­li­schen Fürs­ten zu wäh­len, der das Erz­stift in ei­ne glo­ba­le­re In­ter­es­sen­la­ge mit hin­ein­zie­hen wür­de, son­dern auch ei­nen Re­gen­ten, des­sen fi­nan­zi­el­ler Hin­ter­grund da­bei hel­fen soll­te, den gor­di­schen Kno­ten der no­to­ri­schen Über­schul­dung des Ter­ri­to­ri­ums zu durch­schla­gen. Wie sehr Ernst von höchs­ter Sei­te pro­te­giert wur­de, zeigt, dass so­wohl das kai­ser­li­che Lehns­in­dult als auch die apos­to­li­sche Be­stä­ti­gung be­reits im Sep­tem­ber 1583 er­folg­ten – ob­wohl Ernst zeit­le­bens über die Wei­he­stu­fe ei­nes Sub­dia­kons nie hin­aus­kam und ei­ne im Kir­chen­recht nicht zu­läs­si­ge Zahl von Bis­tü­mern auf sich ver­ein­te: zu Frei­sing, Hil­des­heim und Köln ka­men noch Lüt­tich ab 1581 und Müns­ter ab 1585. Sei­ne Vor­gän­ger hat­ten al­lein für die Er­lan­gung der päpst­li­chen Kon­fir­ma­ti­on Jah­re ge­braucht oder wa­ren, wie Fried­rich IV. von Wied, so­gar dar­an ge­schei­tert.

Im Erz­stift re­gier­te Ernst al­ler­dings recht plan­los. Er war im We­sent­li­chen be­müht, die krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen in den Griff zu be­kom­men, die die noch Jah­re durch das Land ma­ro­die­ren­den Trup­pen sei­nes Vor­gän­gers schür­ten. Da­bei war ihm bei­na­he je­des Mit­tel recht, um sei­ne ei­ge­nen und die von Spa­ni­en zur Ver­fü­gung ge­stell­ten Söld­ner­trup­pen zu be­zah­len. Es ist in­so­fern be­zeich­nend, dass er mit Sa­len­tin von Isen­burg sei­nen Vor­vor­gän­ger re­ak­ti­vier­te und zum Statt­hal­ter des Köl­ner Erz­stifts er­nann­te, wohl wis­send, dass Sa­len­tins Ak­zep­tanz am Rhein und sei­ne re­al­po­li­ti­schen Fä­hig­kei­ten ihm vor­aus wa­ren. An­sons­ten ver­ließ Ernst sich auf aus Bay­ern mit­ge­brach­te Rä­te, was den Un­mut der Köl­ner Land­stän­de, die sich von Frem­den re­giert fühl­ten, nur stei­ger­te, und die päpst­li­chen Nun­ti­en, die sich nun dau­er­haft in Köln nie­der­ge­las­sen hat­ten. Er selbst zog sich zu­neh­mend in sein Schloss Arns­berg zu­rück, wo er ei­nen fürst­li­chen, aber mehr oder we­ni­ger un­geist­li­chen Le­bens­wan­del führ­te. Mit sei­nem Bru­der Wil­helm V. (1548-1626), der 1579 auf dem baye­ri­schen Her­zogsthron ge­folgt war, hat­te er sich über­wor­fen und ris­kier­te, dass die­ser die enor­me Sum­me von über 700.000 Gold­gul­den, die Bay­ern in sei­ne köl­ni­sche Un­ter­neh­mung und den Kampf ge­gen den Truch­ses­sen in­ves­tiert hat­te, auf ei­nen Schlag zu­rück­for­der­te. Es war der Nun­ti­us Ot­ta­vio Mir­to Fran­gi­pa­ni (ge­stor­ben 1612), der Ernst letzt­lich vor wei­te­rer Be­dräng­nis be­wahr­te, in­dem er ei­ne Mit­re­gie­rung von des­sen Nef­fen Fer­di­nand ein­fä­del­te, der 1595 als Ko­ad­ju­tor in­stal­liert wur­de. Die­se Re­ge­lung er­mög­lich­te, Ernst von den Re­gie­rungs­ge­schäf­ten fern­zu­hal­ten, der da­bei aber sein Ge­sicht und sei­nen Sta­tus wah­ren konn­te.

Wandepitaph des Erzbischofs Ernst von Bayern im Kölner Dom, um 1612. (Dombauarchiv Köln)

 

Mit sei­ner Kon­ku­bi­ne Ger­trud von Plet­ten­berg (ge­stor­ben 1608) zog er sich fort­an end­gül­tig nach Arns­berg zu­rück, wo er sich von öf­fent­li­cher Kri­tik un­be­hel­ligt sei­nen Las­tern, aber auch sei­nen viel­sei­ti­gen In­ter­es­sen hin­ge­ben konn­te. Ne­ben sei­ner Trunk- und Spiel­sucht, sei­ner Jagd­lei­den­schaft und ei­ner Rei­he von amou­rö­sen Aben­teu­ern stand ein aus­ge­präg­tes In­ter­es­se an den mo­der­nen Wis­sen­schaf­ten wie Ma­the­ma­tik und As­tro­no­mie, aber auch Mu­sik und Kunst. Sei­nem un­beug­sa­men Na­tu­rell ent­sprach, dass er sich um die Ver­ein­ba­run­gen, die im Rah­men der Ein­rich­tung der Ko­ad­ju­to­rie ge­trof­fen wor­den wa­ren, nicht scher­te. So be­an­spruch­te er sämt­li­che Rech­te und vor al­lem Ein­nah­men im west­fä­li­schen Teil des Kur­fürs­ten­tums für sich und un­ter­nahm man­chen, eher un­durch­sich­ti­gen au­ßen­po­li­ti­schen Al­lein­gang. Da­bei mag ihm ent­ge­gen ge­kom­men sein, dass Kai­ser Ru­dolf II. (Re­gie­rungs­zeit 1576-1612) im Al­ter zur Ei­gen­bröt­le­rei neig­te und bei­de sich von da­her gut mit­ein­an­der ver­stan­den ha­ben könn­ten. Je­den­falls be­such­te Ernst den Kai­ser mehr­fach auf der Pra­ger Burg, das letz­te Mal kurz vor sei­nem Tod. Sie star­ben kurz nach­ein­an­der am Jah­res­an­fang 1612, Ru­dolf am 20. Ja­nu­ar und Ernst we­ni­ge Wo­chen spä­ter am 17. Fe­bru­ar. Mit gro­ßem Ze­re­mo­ni­ell und Ge­prän­ge wur­de er im Köl­ner Dom bei­ge­setzt, wo sich sein Grab in der 2000 neu ge­stal­te­ten Wit­tels­ba­cher­gruft un­ter der Achs­ka­pel­le im Cho­r­um­gang be­fin­det. Po­li­tisch hat­te sein Tod kei­ne Aus­wir­kung: fast zwei Jahr­zehn­te schon hat­te Fer­di­nand an sei­ner Stel­le re­giert, und er war zeit­le­bens ein In­stru­ment der bay­ri­schen Bis­tums­po­li­tik ge­blie­ben.

Literatur (Auswahl)

Am­berg, Gott­fried, Tod und Be­gräb­nis des Kur­fürs­ten Ernst und In­thro­ni­sa­ti­on sei­nes Nef­fen Fer­di­nand von Bay­ern al­s Kur­fürs­t in Köln im Jah­re 1612, in: Köl­ner Dom­blatt 49 (1984), S. 111-128.

Bos­bach, Franz, Ernst, Her­zog von Bay­ern (1554-1612), in: Gatz, Er­win (Hg.), Die Bi­schö­fe des Hei­li­gen Rö­mi­schen Rei­ches 1448 bis 1648, Ber­lin 1996, S. 163-171.

Lo­je­w­ski, Gün­ter von, Bay­erns Weg nach Köln. Ge­schich­te der baye­ri­schen Bis­tums­po­li­tik in der zwei­ten Hälf­te des 16. Jahr­hun­dert, Bonn 1962.

Los­sen, Max, Der Köl­ni­sche Krieg, 2 Bän­de, Go­tha/Mün­chen 1882/1897.

Mo­li­tor, Hans­ge­org, Das Erz­bis­tum Köln im Zeit­al­ter der Glau­bens­kämp­fe 1515-1688 (Ge­schich­te des Erz­bis­tums Köln 3), Köln 2008, S. 226-238.

Schell­hass, Karl, Ita­lie­ni­sche Schlen­der­ta­ge Ernsts von Bay­ern, vor­nehm­lich auf Grund der Kor­re­spon­denz Ca­mil­lo Ca­pi­lu­pi’s mit Rom (1575), in: Quel­len und For­schun­gen aus ita­lie­ni­schen Ar­chi­ven und Bi­blio­the­ken 10 (1907), S. 325-364.

Gedenktafel für die fünf Kölner Kurfürsten aus dem Hause Wittelsbach in der Dreikönigenkapelle des Kölner Doms, Dombauarchiv Köln, Foto: Winfried Kralisch.

 
Zitationshinweis

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Bock, Martin, Ernst von Bayern, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ernst-von-bayern-/DE-2086/lido/57c6a55da11372.14570538 (15.07.2018)