Erwin Albrecht

Saarländischer Politiker (1900–1985)

Marc Zirlewagen (Wehrheim)

Erwin Albrecht, Porträtfoto.

Er­win Al­brecht war 1941–1945 als Rich­ter beim Ober­lan­des­ge­richt Prag an Un­rechts­ur­tei­len be­tei­ligt. Nach 1945 war er Mit­te bis En­de der 1950er Jah­re ein po­li­ti­sches Schwer­ge­wicht im Saar­land, bis ihn 1960 die Ver­gan­gen­heit ein­hol­te, sei­ne Im­mu­ni­tät auf­ge­ho­ben und ein Ver­fah­ren ge­gen ihn ein­ge­lei­tet wur­de, das je­doch oh­ne Er­geb­nis­se ein­ge­stellt wur­de. 

Er­win Karl Edu­ard Al­brecht wur­de am 21.2.1900 in Düs­sel­dorf als Sohn ei­nes Ei­sen­bahn-Bau­in­ge­nieurs ge­bo­ren. Nach dem Tod des Va­ters muss­te er al­s ­Fa­mi­liener­näh­rer für sei­ne Mut­ter und sei­ne vier Ge­schwis­ter ein­sprin­gen. Er brach die Schul­aus­bil­dung mit der Mitt­le­ren Rei­fe ab. Nach ei­ner Kauf­manns­leh­re ar­bei­te­te er bis 1925 als An­ge­stell­ter in der In­dus­trie und im Bank­we­sen. Da­ne­ben be­stand er 1924 in Saar­brü­cken das Ab­itur. 1926–1929 ar­bei­te­te er beim Pressein­sti­tut des Deutsch­na­tio­na­len Hand­lungs­ge­hil­fen­ver­ban­des (DNHV) in Ber­lin und Ham­burg. In Ham­burg war er au­ßer­dem DNHV-Gau­bil­dungs­ob­mann Nord­mark. Ne­ben­bei stu­dier­te er Rechts­wis­sen­schaf­ten und Volks­wirt­schaft. Im Som­mer­se­mes­ter 1926 trat er dem Ver­ein Deut­scher Stu­den­ten Ber­lin bei und war im Som­mer­se­mes­ter 1927 des­sen Vor­sit­zen­der. 1929 wech­sel­te er an die Uni­ver­si­tät Mar­burg, wo er 1931 das 1. Ju­ris­ti­sche Staats­ex­amen ab­leg­te. Im fol­gen­den Jahr pro­mo­vier­te er in Mar­burg zum Dr. jur. Der Rechts­re­fe­ren­dar trat 1933 der SA und 1936 der NS­DAP bei. Ab 1936 war er As­ses­sor bei der Staats­an­walt­schaft und den Ge­rich­ten Saar­brü­cken un­d Ko­blenz. In den Jah­ren 1939 bis 1945 war er - ab­ge­se­hen von sei­ner Ver­wen­dung in Prag und Brünn - Land­ge­richts­ra­t in Mön­chen­glad­bach

Aus der am 9.3.1937 mit Eva Lu­de­wig ein­ge­gan­ge­nen Ehe gin­gen min­des­tens ei­ne Toch­ter, ein Sohn so­wie der Sohn Er­win Ot­fried Det­lev (ge­bo­ren 1941) her­vor. 

Wäh­rend der Jah­re 1941–1945 war er dem Ober­lan­des­ge­richt Prag zu­ge­wie­sen und vom De­zem­ber 1941 bis Mai 1942 Rich­ter am Son­der­ge­richt Brünn. Das Son­der­ge­richt dien­te der „Aus­schal­tung po­li­ti­scher Geg­ner“. Im Ju­ni 1942 war er Rich­ter am Land­ge­richt Brünn und von Ju­li 1942 bis Mai 1943  er Bei­sit­zer der II. und IV. Straf­kam­mer am Land­ge­richt Prag. Ab Mit­te Mai 1943 bis zu sei­ner Flucht im April 1945 war er dann Rich­ter am Son­der­ge­richt Prag. Ab 1944 wirk­te er wie­der­holt als Ein­zel­rich­ter und Vor­sit­zen­der; ins­ge­samt war er an der Ver­hän­gung von min­des­tens 31 To­des­ur­tei­len (Wi­der­stands­kämp­fer, „Wirt­schafts­sa­bo­teu­re“ und Ju­den) be­tei­ligt. Dar­un­ter war die Schau­spie­le­rin und Sän­ge­rin Ma­ri­an­ne Golz (1895–1943), die zu ei­ner Wi­der­stands­grup­pe ge­hör­te, die ver­folg­ten Ju­den zur Flucht ver­hol­fen hat­te. Die CSSR und die Ver­ei­nig­ten Na­tio­nen setz­ten Al­brecht 1945 auf ih­re Kriegs­ver­bre­cher­lis­te (Nr. A/38/61). 

Nach Kriegs­en­de 1945 war Al­brecht An­walts­ver­tre­ter in Saar­brü­cken so­wie 1948–1965 Syn­di­kus und Ge­schäfts­füh­rer der Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gung des Saar­lands, des Saar­län­di­schen Ärz­te­syn­di­kats so­wie Ge­schäfts­füh­rer des Ver­ban­des der Frei­en Be­ru­fe in Saar­brü­cken. Da­ne­ben war er Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­der des Ver­si­che­rungs­kon­zerns Deut­scher Ring. Der Ent­na­zi­fi­zie­rungs­aus­schuss der Jus­tiz für den Land­ge­richts­be­zirk Mön­chen­glad­bach hat­te ihn am 30.6.1948 als „ent­las­te­t“ ein­ge­stuft; ein evan­ge­li­scher Pfar­rer hat­te ihm at­tes­tiert, er sei Mit­glied der Be­ken­nen­den Kir­che ge­we­sen. 1952 wur­de ein Aus­lie­fe­rungs­an­trag der CSSR ab­ge­lehnt. Der Me­di­zin­his­to­ri­ker Lo­thar Sen­ne­wald (ge­bo­ren 1906), der Al­brechts Ta­ten pu­blik mach­te, ver­lor im Zu­ge ei­nes Be­rufs­ge­richts­ver­fah­rens 1955 sei­ne Pro­fes­sur an der Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät des Saar­lan­des in Hom­burg. 

1955 trat Al­brecht der CDU bei. Vom 18.12.1955 bis 2.1.1961 war er Ab­ge­ord­ne­ter im Saar­län­di­schen Land­tag und 1955–1957 stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der der CDU Saar, Vor­sit­zen­der der evan­ge­li­schen Ar­beits­grup­pe der CDU Saar und ab 1956/1957 Vor­sit­zen­der der CDU-Frak­ti­on im Saar-Land­tag. Zu­dem war er Mit­glied der Be­ra­ten­den Ver­samm­lung des Eu­ro­pa­rats und des Uni­ver­si­täts­rats der Uni­ver­si­tät des Saar­lands. 

Er stand zu­nächst auf dem „Hei­mat­flü­gel“ der CDU, der für ei­ne Zu­sam­men­ar­beit mit der De­mo­kra­ti­schen Par­tei des Saar­lan­des (DPS) und der Christ­li­chen Volks­par­tei des Saar­lan­des (CVP) ein­trat. Den­noch kam es 1957 zu ei­ner CVP-Kam­pa­gne ge­gen ihn, als es um die Ei­ni­gung von CDU und CVP an der Saar ging. Am 18.3.1958 leg­te er sei­ne Par­tei­äm­ter nie­der, nach­dem er auf­grund der CVP-Ver­wei­ge­rung als of­fi­zi­el­ler CDU-Kan­di­dat nicht zum Land­tags­prä­si­den­ten ge­wählt wor­den war. Nach Be­kannt -wer­den sei­ner Tä­tig­keit in Prag durch ei­nen Ar­ti­kel in der saar­län­di­schen Wo­chen­zei­tung „Saar­land­bril­le“, in dem Al­brecht als „Blut­rich­ter“ be­zeich­net wur­de, schloss ihn die CDU-Frak­ti­on am 6.12.1958 aus. Er wur­de dar­auf­hin Hos­pi­tant bei der DPS. 1959 trat er aus der CDU aus. Sein po­li­ti­sches „Glau­bens­be­kennt­nis“ hat­te er am 3.3.1959 im Saar­län­di­schen Land­tag so for­mu­liert: „Gott, Volk und Va­ter­land – das sind für die Staats­po­li­tik, ganz ein­fach und schlicht zu­sam­men­ge­fa­ßt, die tra­gen­den Be­grif­fe.“ 

Von Mai 1957 bis Ju­ni 1960 war er Vor­sit­zen­der des Rund­funk­rats des Saar­län­di­schen Rund­funks. Am 2.10.1960 wur­de er zum 2. Vor­sit­zen­den der Christ­lich-Na­tio­na­len Ge­mein­schaft ge­wählt, der es bei den Land­tags­wah­len 1960 je­doch nicht ge­lang, ein Man­dat zu er­lan­gen. An­schlie­ßen schied Al­brecht aus der Po­li­tik aus. 

Sei­ne Pra­ger Ver­gan­gen­heit wur­de zu­nächst im Rah­men ei­ner Wan­der­aus­stel­lung über un­ge­sühn­te NS-Jus­tiz öf­fent­lich the­ma­ti­siert. Dar­auf­hin er­stat­te­ten Jo­sef P. Krau­se von der Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Na­zi­re­gimes so­wie die SDS-Stu­den­ten Stre­cker und Kop­pel An­zei­gen ge­gen ihn. Ihm wur­de in ei­nem Tö­tungs­fall Rechts­beu­gung wäh­rend sei­ner Tä­tig­keit in Prag vor­ge­wor­fen. Dem­nach hat­te er Ur­tei­le ge­fällt, die „an Will­kür und Grau­sam­keit des Straf­ma­ßes Ver­bre­chen ge­gen die Mensch­lich­keit“ dar­stell­ten. Al­brecht be­stritt im Ja­nu­ar 1960 die ge­gen ihn er­ho­be­nen Vor­wür­fe. Er sei als Rich­ter nicht an Ver­bre­chen be­tei­ligt ge­we­sen, als Bei­sit­zer ei­ner Straf­kam­mer ha­be er nur an To­des­ur­tei­len mit­ge­wirkt, die aus­schlie­ß­lich „Kri­mi­nel­le“ be­trof­fen hät­ten. Im März 1960 be­an­trag­te der Ge­ne­ral­staats­an­walt des Saar­lands beim Prä­si­den­ten des saar­län­di­schen Land­tags die Auf­he­bung der Im­mu­ni­tät von Al­brecht mit dem Ziel, ein Straf­ver­fah­ren ge­gen ihn zu er­öff­nen. Die 13 Ab­ge­ord­ne­ten der DPS stell­ten sich hin­ter Al­brecht, doch nach ei­ner hef­ti­gen De­bat­te im Land­tag wur­de sei­ne Im­mu­ni­tät am 13.6.1960 auf­ge­ho­ben. Ein Ver­fah­ren ge­gen Al­brecht wur­de von der Staats­an­walt­schaft Saar­brü­cken aber nach kur­zer Zeit und oh­ne ver­wert­ba­re Er­geb­nis­se ein­ge­stellt. 

Er­win Al­brecht starb am 24.6.1985 in Saar­brü­cken. 

Quellen

Teil­nach­lass im Ar­chiv für Christ­lich-De­mo­kra­ti­sche Po­li­tik der Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung Sankt Au­gus­tin (dar­un­ter Ta­ge­buch­auf­zeich­nun­gen zur Volks­ab­stim­mung Saar 1955, In­ter­view 1980).

Werke

Das Recht der Re­vo­lu­ti­on, Ber­lin 1934 (Diss. Univ. Mar­burg 1932).
Blick zu­rück in Scham, Ar­ti­kel­se­rie vom 31.12.1976 bis 7.1.1977 in der Deut­schen Wo­chen-Zei­tung.

Literatur

Schmidt, Ro­bert H., Saar­po­li­tik 1945–1957, 3 Bän­de, Ber­lin 1959-1962.

Al­brecht be­strei­tet, in: Die Welt vom 25.1.1960.

Im­mu­ni­tät Dr. Al­brechts soll auf­ge­ho­ben wer­den, in: Saar­brü­cker All­ge­mei­ne Zei­tung vom 16.3.1960.

Im­mu­ni­tät auf­ge­ho­ben, in: Rhein-Ne­ckar­zei­tung vom 18.6.1960.

Kosch, Wil­helm, Bio­gra­phi­sches Staats­hand­buch. Le­xi­kon der Po­li­tik, Pres­se und Pu­bli­zis­tik, Bern/Mün­chen 1963, Band 1, S. 17.

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Klee, Ernst, Das Per­so­nen­le­xi­kon zum Drit­ten Reich, 2. Auf­la­ge, Frank­furt a. M. 2007, S. 11.

Küp­pers, Hein­rich, Jo­han­nes Hoff­mann (1890–1967). Bio­gra­phie ei­nes Deut­schen, Düs­sel­dorf 2008.

Me­ckel An­dre­as/Wiehn, Er­hard R., Der Ge­rech­tig­keit frei­en Lauf zu las­sen – Die Jus­tiz­mor­de an Os­kar Lö­wen­stein und Ma­ri­an­ne Golz durch das Son­der­ge­richt Prag 1943, Kon­stanz 2009.

Spä­ter, Erich, Mord nach Pa­ra­gra­phen. Die NS-Ver­gan­gen­heit des CDU-Po­li­ti­kers Dr. Er­win Al­brecht, in: Saar­brü­cker Hef­te 91 (2004), S. 13-18.

Ta­scher, Gi­se­la, Die Ent­wick­lung des Ge­sund­heits­we­sens im Saar­ge­biet und Saar­land von 1920–1956 im Spie­gel der macht­po­li­ti­schen Ver­hält­nis­se, Diss. Univ. Hei­del­berg 2007.

Ta­scher, Gi­se­la, Ein Pra­ger „Blut­rich­ter“ als Ärz­te-Syn­di­kus im Saar­land. Wie der Ju­rist Er­win Al­brecht trotz üb­ler Ver­gan­gen­heit bei der Ärz­te­kam­mer re­üs­sie­ren konn­te, in: Saar-Ge­schich­ten 2011, Heft 1, S. 36-39.

Online

Er­win Al­brecht auf Saar­land-Bio­gra­fi­en.de. [On­line]

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Zirlewagen, Marc, Erwin Albrecht, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/erwin-albrecht/DE-2086/lido/57a9de9e39fbc4.78139483 (10.11.2018)