Franz Blücher

Bundesminister (1896-1959)

Jürgen Frölich (Gummersbach/Bonn)

Franz Blücher, Bundesminister für Angelegenheiten des Marshallplanes, 1949-1953, Porträtfoto, um 1950/1953. (Bundesarchiv, B 145 Bild-P001512 / CC-BY-SA )

Franz Blü­cher war der zwei­te Vor­sit­zen­de der Frei­en De­mo­kra­ti­schen Par­tei (FDP) und un­ter Kon­rad Ade­nau­er der ers­te „Vi­ze­kanz­ler" der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land.

Ge­bo­ren am 24.3.1896 als Sohn ei­ner klein­bür­ger­li­che Fa­mi­lie in Es­sen, leg­te er 1915 in sei­ner Hei­mat­stadt das Ab­itur am hu­ma­nis­ti­schen Gym­na­si­um ab und zog an­schlie­ßend als Kriegs­frei­wil­li­ger in der Ers­ten Welt­krieg. 1919 als Ober­leut­nant aus fran­zö­si­scher Kriegs­ge­fan­gen­schaft zu­rück­ge­kehrt, nahm er ein Stu­di­um der Ge­schichts- und Staats­wis­sen­schaft auf, wel­ches er aber we­gen des To­des sei­nes Va­ters ab­bre­chen muss­te. Statt­des­sen ab­sol­vier­te Blü­cher ei­ne kauf­män­ni­sche Leh­re und ar­bei­te­te zu­nächst als kauf­män­ni­scher Lei­ter in mit­tel­stän­di­schen In­dus­trie­be­trie­ben, ab1926 im ge­mein­nüt­zi­gen Woh­nungs­bau. Nicht ganz klar ist, ob er be­reits zu die­ser Zeit in der rechts­li­be­ra­len Deut­schen Volks­par­tei (DVP) Gus­tav Stre­se­manns (1878-1929) par­tei­po­li­tisch ak­tiv war. Je­den­falls fühl­te er sich – wie es in ei­nem spä­te­ren Le­bens­lauf hei­ßt – der „staats­er­hal­ten­den va­ter­län­di­schen Mit­te" ver­bun­den.

1938 wech­sel­te er ins Bank­ge­wer­be, wo er bis ins Di­rek­to­ri­um­La­tei­nisch, Vor­stand, lei­ten­de Be­hör­de. Von 1795-1799 im re­vo­lu­tio­nä­ren Frank­reich die obers­te Re­gie­rungs­be­hör­de (Di­rec­toire).  der Es­se­ner „Na­tio­nal­bank" auf­stieg. 1945 galt er als po­li­tisch un­be­las­tet, en­ga­gier­te sich so­fort bei der Wie­der­be­le­bung des po­li­ti­schen Le­bens und war an der Grün­dung ei­ner „Li­be­ral­de­mo­kra­ti­schen Par­tei" in Es­sen be­tei­ligt. Die­se ver­trat er An­fang 1946 in Op­la­den bei der Grün­dung der „Frei­en De­mo­kra­ti­schen Par­tei in der bri­ti­schen Zo­ne", in de­ren Vor­stand er ge­wählt wur­de; im Mai des glei­chen Jah­res folg­te er Wil­helm Hei­le (1881-1969) im Vor­sitz des Zo­nen-Ver­ban­des. Da­mit hat­te der „New­co­mer" Blü­cher ne­ben Theo­dor Heuss (1884-1963) und Wil­helm Külz (1875-1948), die als „Par­tei­ve­te­ra­nen" der Wei­ma­rer Re­pu­blik die li­be­ra­len Ver­bän­de für die ame­ri­ka­ni­sche und so­wje­ti­sche Be­sat­zungs­zo­ne lei­te­ten, ei­ne der wich­tigs­ten Funk­ti­on im re­or­ga­ni­sier­ten deut­schen Li­be­ra­lis­mus in­ne. Er nutz­te dies ei­ner­seits, um sei­nem Zo­nen­ver­band ein aus­ge­spro­chen markt­wirt­schaft­li­ches Pro­fil zu ver­lei­hen, und an­de­rer­seits, um Ein­fluss auf die Po­li­tik des neu ent­stan­de­nen Lan­des Nord­rhein-West­fa­len zu neh­men. So war er im ers­ten Ka­bi­nett un­ter Ru­dolf Ame­lun­xen kurz­zei­tig Fi­nanz­mi­nis­ter und ge­hör­te so­wohl dem er­nann­ten als auch dem ers­ten ge­wähl­ten nord­rhein-west­fä­li­schen Land­tag an.

Wich­ti­ger wur­de je­doch Blü­chers Mit­glied­schaft im bi­zo­na­len „Wirt­schafts­rat" ab Mit­te 1947, wo er Spre­cher der frei­de­mo­kra­ti­schen Grup­pe war. Hier sorg­te er für ei­ne en­ge Zu­sam­men­ar­beit mit den Christ­de­mo­kra­ten, wel­che ent­schei­den­den Ein­fluss auf die wirt­schafts­po­li­ti­sche Wei­chen­stel­lun­gen hat­ten: Blü­cher und die FDP brach­ten ge­gen Wi­der­stän­de in der CDU Lud­wig Er­hard (1897-1977) als „Di­rek­tor für Wirt­schaft" ins Ge­spräch und hal­fen die­sem bei der Um­set­zung der wirt­schafts- und fi­nanz­po­li­ti­schen Re­for­men vom Ju­ni 1948. Bei der Grün­dung ei­nes frei­de­mo­kra­ti­schen Ge­samt­ver­ban­des für die West­zo­nen im De­zem­ber 1948 wur­de Blü­cher dann zum Stell­ver­tre­ter des Vor­sit­zen­den Heuss ge­wählt und über­nahm fak­tisch die or­ga­ni­sa­to­ri­sche Lei­tung der Par­tei.

Da Heuss sich un­mit­tel­bar nach der Bun­des­tags­wahl vom Au­gust 1949 als frisch ge­wähl­ter Bun­des­prä­si­dent aus al­len Par­tei­äm­tern zu­rück­zog, stand Blü­cher nun auch no­mi­nell an der Spit­ze der FDP und führ­te in die­ser Funk­ti­on die Ver­hand­lun­gen zur Bil­dung der ers­ten Bun­des­re­gie­rung. Wi­der Er­war­ten er­hielt er als Par­tei­füh­rer der zweit­grö­ß­ten Ko­ali­ti­ons­frak­ti­on vom neu­ge­wähl­ten Bun­des­kanz­ler Kon­rad Ade­nau­er kein klas­si­sches Res­sort an­ge­bo­ten, son­dern le­dig­lich die „Stell­ver­tre­tung des Kanz­lers", ver­bun­den mit dem „Mi­nis­te­ri­um für An­ge­le­gen­hei­ten des Mar­shall­plans", des­sen Auf­ga­be die Ver­tei­lung der US-ame­ri­ka­ni­schen Wie­der­auf­bau­hil­fe war. Blü­cher ging auf die­ses An­ge­bot ein, weil er mit­tel­fris­tig die Um­wand­lung die­ses Mi­nis­te­ri­ums in ein Au­ßen­mi­nis­te­ri­um oder zu­min­dest Au­ßen­han­dels­mi­nis­te­ri­um er­hoff­te. In der Tat konn­te Blü­cher in den Fol­ge­jah­ren die Bun­des­re­pu­blik recht häu­fig auf in­ter­na­tio­na­lem Par­kett ver­tre­ten, aber al­le Hoff­nun­gen auf ei­ne Aus­wei­tung sei­ner Kom­pe­ten­zen schei­ter­ten am Wi­der­stand des Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums und Ade­nau­ers, der selbst die Au­ßen­po­li­tik lei­ten woll­te. Eben­so er­wies sich die „Stell­ver­tre­tung des Kanz­lers" – heu­te Vi­ze­kanz­ler­schaft – als ein we­nig ge­eig­ne­tes In­stru­ment zur Er­wei­te­rung von Blü­chers po­li­ti­schem Ge­wicht; Ade­nau­er ließ ihm da­zu ein­fach kei­nen Spiel­raum.

Zwar wur­de Blü­cher mehr­fach als Bun­des­vor­sit­zen­der der FDP wie­der ge­wählt, aber auch in die­ser Funk­ti­on hat­te er we­nig For­tü­ne. Viel­mehr er­wies er sich bei der In­te­gra­ti­on der von Flü­gel­kämp­fen er­schüt­ter­ten Par­tei eher über­for­dert, vor al­lem als sein ei­ge­ner Lan­des­ver­band Nord­rhein-West­fa­len An­fang 1953 in den Ver­dacht ge­riet, ei­ner Un­ter­wan­de­rung des Funk­tio­närs­korps durch ehe­ma­li­ge Na­tio­nal­so­zia­lis­ten Vor­schub zu leis­ten. Als dann die Bun­des­tags­wahl von 1953 zu ei­nem gro­ßen Er­folg Ade­nau­ers und der CDU wur­de, wäh­rend die FDP Stim­men ver­lor, und über­dies bei der Neu­bil­dung des Ka­bi­netts der in der Par­tei be­lieb­te, po­li­tisch aber un­be­re­chen­ba­re Tho­mas Deh­ler (1897-1967) sein Amt als Jus­tiz­mi­nis­ter ver­lor, for­mier­te sich star­ker in­ner­par­tei­li­cher Wi­der­stand ge­gen Blü­cher. 1954 stell­te er sich nicht mehr zur Wahl, sein Nach­fol­ger als FDP-Vor­sit­zen­der wur­de Deh­ler, von dem vie­le Frei­de­mo­kra­ten ei­ne Schär­fung des li­be­ra­len Pro­fils er­war­te­ten.

Blü­cher be­hielt sein Bun­des­tags­man­dat und blieb wei­ter­hin im Ka­bi­nett Ade­nau­er, nun­mehr als „Mi­nis­ter für eu­ro­päi­sche wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit". Schon früh setz­te er sich für ei­ne Aus­wei­tung des Zu­stän­dig­keits­be­reichs auf die Ent­wick­lungs­län­der ein. Das ge­lang aber erst un­ter sei­nem spä­te­ren Nach­fol­ger Wal­ter Scheel (ge­bo­ren 1919), der ab 1961 als Mi­nis­ter auch für die Ent­wick­lungs­hil­fe zu­stän­dig wur­de. In der bald aus­bre­chen­den Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Tho­mas Deh­ler und Kon­rad Ade­nau­er, die vor al­lem deutsch­land­po­li­ti­sche Ur­sa­chen hat­te, trat Franz Blü­cher im­mer mehr auf die Sei­te des Kanz­lers. So stimm­te er zu­sam­men mit we­ni­gen Ab­ge­ord­ne­ten sei­ner Frak­ti­on als ein­zi­ger li­be­ra­ler Mi­nis­ter im Fe­bru­ar 1955 für das Saar­sta­tut, das von der FDP-Mehr­heit lei­den­schaft­lich be­kämpft wur­de. Als der Kon­flikt zwi­schen den Ko­ali­ti­ons­par­tei­en ein Jahr spä­ter we­gen ei­ner von Ade­nau­er vor­ge­schla­ge­nen Wahl­rechts­än­de­rung, die die FDP mit ei­nem Ko­ali­ti­ons­wech­sel in Düs­sel­dorf zu­guns­ten der nord­rhein-west­fä­li­schen SPD be­ant­wor­te­te, es­ka­lier­te, trat Blü­cher wie sei­ne drei li­be­ra­len Mi­nis­ter­kol­le­gen und 16 Ab­ge­ord­ne­te zu­nächst aus der FDP-Bun­des­tags­frak­ti­on aus. Nach­dem kurz dar­auf ein Bun­des­par­tei­tag je­doch Deh­lers Kurs be­stä­tigt hat­te, er­klär­ten Blü­cher und sei­ne Ge­sin­nungs­freun­de ih­ren Par­tei­aus­tritt und grün­de­ten die „Freie Volks­par­tei" (FVP).

Der neu­en Par­tei war je­doch kein Er­folg be­schie­den. Zwar im Ka­bi­nett und im Bun­des­tag in­fol­ge der Ab­spal­tung ver­tre­ten, ver­füg­te sie aber über kei­nen or­ga­ni­sa­to­ri­schen Un­ter­bau. Trotz ei­ner Fu­si­on mit der „Deut­schen Par­tei" er­leb­te sie bei der Bun­des­tags­wahl 1957 ein De­sas­ter; Blü­cher ver­lor sei­nen Ka­bi­netts­pos­ten und gab bald dar­auf sein in Göt­tin­gen di­rekt ge­won­ne­nes Man­dat auf. Gut ein Jahr fun­gier­te er noch als Ver­tre­ter der Bun­des­re­pu­blik in der Lu­xem­bur­ger „Ho­hen Be­hör­de der Mon­tan­uni­on", ehe er zwei Ta­ge nach sei­nem 63. Ge­burts­tag am 26.3.1959 über­ra­schend in Bad Go­des­berg (heu­te Bonn) ver­starb.

Literatur

Fur­tok, Karl, Blü­cher, Franz, in: Kempf, Udo / Merz, Hans-Ge­org (Hg.), Kanz­ler und Mi­nis­ter 1949-1998, Wies­ba­den 2001, S. 143-146.

Hen­ning, Fried­rich, Franz Blü­cher. Ein Por­trät, in: Ge­schich­te im Wes­ten 11 (1996), S. 216-233.

Laak, Dirk van, Franz Blü­cher, in: Op­pel­land, Thors­ten (Hg.), Deut­sche Po­li­ti­ker 1949-1969, Band 1, Darm­stadt 1999, S. 117-128.

Rü­ter, An­ne, Blü­cher als Mar­shall­plan-Mi­nis­ter und Par­tei­vor­sit­zen­der – Mit­strei­ter für ei­ne li­be­ra­le Wirt­schafts­ord­nung, in: Jahr­buch zur Li­be­ra­lis­mus-For­schung 20 (2008), S. 59-82.

 
Zitationshinweis

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Frölich, Jürgen, Franz Blücher, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/franz-bluecher/DE-2086/lido/57c583d5305093.76416104 (21.07.2018)