Friedrich Spee von Langenfeld

Bekämpfer der Hexenprozesse (1591-1635)

Bernhard Schneider (Trier)

Friedrich Spee von Langenfeld, Gemälde von Martin Mendgen (1893-1970), 1938, nach dem Kölner Ölbild des 17. Jahrhunderts. (Stadtbibliothek Trier)

Fried­rich Spee zählt als Dich­ter und Geg­ner der He­xen­pro­zes­se zu den pro­mi­nen­tes­ten rhei­ni­schen Per­sön­lich­kei­ten im kon­fes­sio­nel­len Zeit­al­ter. Spiel­te sich sein Le­ben tat­säch­lich wei­test­ge­hend im Ho­ri­zont des ka­tho­li­schen Rhein­lan­des ab, so fan­den sein Werk und sei­ne Per­sön­lich­keit ei­ne brei­te Re­zep­ti­on, die die­sen kon­fes­sio­nel­len und re­gio­na­len Rah­men spreng­te. 

 

Am 25.2.1591 wur­de Spee in Kai­sers­werth (heu­te ein Stadt­teil von Düs­sel­dorf) als Sohn de­s kur­k­öl­ni­schen Amt­manns und Burg­vogts Pe­ter Spee (ge­bo­ren vor­ 1531, ge­stor­ben vor 1612) und sei­ner Frau Mech­tel (Mecht­hild) ge­bo­ren. Er hat­te we­nigs­tens drei Ge­schwis­ter ([Hans] Adolf, Ar­nold, Sy­bil­la, evtl. auch noch El­sa), über die we­nig be­kannt ist. In den da­mals nur kurz zu­rück­lie­gen­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen um den Re­for­ma­ti­ons­ver­such des Köl­ner Erz­bi­schof­s Geb­hard Truch­seß von Wald­burg be­harr­te Spees Va­ter an­schei­nend auf der ka­tho­li­schen Po­si­ti­on. 

Nach Kin­der­jah­ren in Kai­sers­werth be­such­te Spee seit 1603 ein Köl­ner Gym­na­si­um (Tri­co­ro­na­tum oder Mon­tanum) und er­hielt 1606 am Mon­tanum die Zu­las­sung für das Bak­ka­lau­re­at. An der Uni­ver­si­tät Köln schrieb er sich in die Phi­lo­so­phi­sche Fa­kul­tät ein und er­warb 1609 den Grad ei­nes Bak­ka­lau­reus. 1610-1612 ab­sol­vier­te er sein No­vi­zi­at (Vor­be­rei­tung zur Auf­nah­me in ei­nen Or­den) bei den Je­sui­ten in Trier (bzw. zwi­schen­zeit­lich in Ful­da) und durch­lief seit­dem die or­dens­in­ter­ne Aus­bil­dung, die 1612 mit ei­nem Phi­lo­so­phie­stu­di­um in Würz­burg be­gann, auf das seit 1615 prak­ti­sche Ein­sät­ze im Schul­dienst folg­ten (Spey­er 1615/1516, Worms 1616-1618, Mainz 1618/1619). 1619 bis 1623 schloss sich ein Theo­lo­gie­stu­di­um in Mainz an. Dort wur­de Spee 1622 zum Pries­ter ge­weiht. 1623 bis 1626 wirk­te er als Hoch­schul­leh­rer für Phi­lo­so­phie in Pa­der­born, seit 1629 für Mo­ral­theo­lo­gie. 

Friedrich Spee von Langenfeld, Porträt, Ölbild, 17. Jahrhundert, entstanden in Köln. (Erzbischöfliches Friedrich-Spee-Kolleg Neuss)

 

1630 wur­de er nach Kon­flik­ten we­gen sei­ner Po­si­ti­on in der He­xen­fra­ge und der Um­ge­hung der or­dens­in­ter­nen Zen­sur beim Druck sei­ner Schrift ge­gen die He­xen­pro­zes­se sei­nes Amts ent­ho­ben. Nach wei­te­ren Kon­flik­ten wäh­rend sei­ner Zeit als Pro­fes­sor in Köln 1631/1632 wur­de ihm mit dem Or­dens­aus­schluss ge­droht. Die­ser un­ter­blieb je­doch trotz der aus­drück­li­chen An­ord­nung des Or­dens­ge­ne­rals, weil der zu­stän­di­ge Pro­vin­zi­al (Lei­ter der Or­dens­pro­vinz) Gos­win Ni­ckel ihn schütz­te. So wur­de Spee 1632 statt­des­sen nur nach Trier ver­setzt, wo er zu­nächst wie­der als Pro­fes­sur für Mo­ral­theo­lo­gie wirk­te. Seit 1634 über­nahm er die Pro­fes­sur für Bi­bel­wis­sen­schaft, was als or­dens­ty­pi­sche Form des Auf­stiegs und als Re­ha­bi­li­tie­rung gel­ten kann. 

Friedrich Spee von Langenfeld, Skulptur am Kölner Rathausturm, 1990, Bildhauerin: Marianne Lüdicke. (Stadtkonservator Köln)

 

Spee war re­gel­mä­ßig auch als Seel­sor­ger in un­ter­schied­li­chen Ein­satz­fel­dern tä­tig. Her­vor­zu­he­ben ist sein Wir­ken als Seel­sor­ger der De­vo­tes­sen­ge­mein­schaft St. Ur­su­la in Köln (1627/1628). Die zu­nächst er­folg­rei­chen Er­obe­run­gen der ka­tho­li­schen Trup­pen im 30jäh­ri­gen Krieg führ­ten da­zu, dass Spee 1628/1629 zur Mit­ar­beit bei der Re­ka­tho­li­sie­rung des Amts Pei­ne (Nie­der­sach­sen) ab­ge­ord­net wur­de. Spees Ar­beit war nach da­ma­li­gem Maß­stab er­folg­reich, je­doch wur­de er 1629 bei ei­nem Über­fall schwer ver­letzt, des­sen nä­he­re Um­stän­de nicht rest­los klar sind (war es ein Ra­che­akt von Pro­tes­tan­ten oder ein „ein­fa­cher" Raub­über­fall?). In sei­ner letz­ten Le­bens­pha­se wirk­te Spee in Trier als Seel­sor­ger in den Spi­tä­lern. Als sol­cher setz­te er sich bei der Rück­erobe­rung Triers durch kai­ser­li­che und spa­ni­sche Trup­pen auch für die ver­wun­de­ten Sol­da­ten ein. Er zog sich da­bei ei­ne In­fek­ti­on zu, der er am 7.8.1635 er­lag. An die­sem Tag wur­de er in der Kryp­ta (Gruft) un­ter der so ge­nann­ten Je­sui­ten­kir­che bei­ge­setzt. Spee kann da­her auch als Mär­ty­rer der Nächs­ten­lie­be gel­ten. Sein Grab ist nach der Wie­der­ent­de­ckung im Jahr 1980 und der wür­di­gen Her­rich­tung ei­ner Spee-Gruft heu­te frei zu­gäng­lich. 

Titelblatt von Friedrich Spees Schrift 'Cautio Criminalis sae de Processibus contra Sagas [...]' gegen die Hexenprozesse, 1631. (Stadtbibliothek Trier)

 

Für die an­dau­ern­de Re­zep­ti­on ist vor al­lem Spees schrift­stel­le­ri­sche Tä­tig­keit ver­ant­wort­lich, die auch sein Le­ben we­sent­lich präg­te. Die ers­ten sei­ner rund 130 Kir­chen­lie­der er­schie­nen 1621/1622, an­onym wie al­le an­de­ren auch. Ob und in wel­chem Um­fang Spee auch Me­lo­di­en da­zu schrieb, ist un­si­cher. 1628 lag ei­ne ers­te Fas­sung des „Gül­de­nen Tu­gend-Buchs" vor, das zu­nächst als Lo­se-Blatt-Samm­lung kon­zi­piert war. Der Druck er­schien erst 1649 beim Köl­ner Ver­le­ger Fries­sem. Es ent­hält Übun­gen, die Spee als Beicht­va­ter für die Mit­glie­der der Köl­ner De­vo­tes­sen­ge­mein­schaft St. Ur­su­la kon­zi­piert hat­te, da­mit die­se sich täg­lich in Glau­be, Hoff­nung und Lie­be ver­voll­komm­nen konn­ten. 1631 und 1632 er­schie­nen un­ter rasch auf­ge­deck­tem Pseud­onym (In­cer­tus Theo­lo­gus Or­tho­doxus bzw. In­cer­tus Theo­lo­gus Ro­ma­nus) zwei Auf­la­gen sei­nes heu­te be­kann­tes­ten Werks, der „Cau­tio Cri­mi­na­lis". Es han­delt sich um ei­ne An­kla­ge­schrift ge­gen die in Deutsch­land gras­sie­ren­den He­xen­pro­zes­se, die nach Spees Tod so­wohl ins Deut­sche als auch in an­de­re Spra­chen über­setzt wur­de (deut­sche Über­set­zun­gen 1647 und 1649, nie­der­län­disch 1657, fran­zö­sisch 1660, pol­nisch 1680). Bis kurz vor sei­nem Tod ar­bei­te­te Spee an sei­nem dich­te­ri­schen Haupt­werk, der „Trutz-Nach­ti­gal", wo­von ein Au­to­graph in der Trie­rer Stadt­bi­blio­thek Zeug­nis ab­legt. Auch die­ses Werk er­schien erst post­hum (ge­druckt 1649, tsche­chi­sche Über­set­zun­gen 1661 und 1662). Die „Trutz-Nach­ti­gal" stellt sich als kom­plex ge­glie­der­te Samm­lung von 51 geist­li­chen Ge­dich­ten dar. Sie um­krei­sen die Sehn­sucht der Men­schen nach Gott, den Weg von Um­kehr und Bu­ße, das Lob Got­tes in der Schöp­fung und die Heils­zu­wen­dung Got­tes in Ge­burt, Tod und Auf­er­ste­hung Je­su Chris­ti. Von Spee dürf­te auch der weit ver­brei­te­te Beicht­spie­gel „Geist­li­che Un­ter­richt" (1631, la­tei­nisch 1634 „In­dus­tria spi­ri­tua­lis") stam­men. Ele­men­te sei­ner mo­ral­theo­lo­gi­schen Vor­le­sun­gen ent­hält die sei­ner­zeit un­ge­druck­te Schrift „Theo­lo­gia mo­ra­lis ex­pli­ca­ta", die al­ler­dings nicht von Spee selbst stammt, son­dern von Jo­han­nes Schü­cking. 

Der Trierer Hexentanz-platz, Flugblatt von 1594. (Stadtbibliothek Trier)

 

Spee gilt als be­deu­tends­ter ka­tho­li­scher Ba­rock­dich­ter, nicht zu­letzt weil er in der „Trutz-Nach­ti­gal" in ei­ner „Mi­ni-Poe­tik" und in sei­ner dich­te­ri­schen Pra­xis für die mut­ter­sprach­li­che Dich­tung un­ab­hän­gig von Mar­tin Opitz (1597-1639) zen­tra­le Maß­stä­be setz­te (vor al­lem Zu­sam­men­fall von Vers- und Wort­ak­zent). Vier sei­ner Kir­chen­lie­der ste­hen im „Ev. Ge­sang­buch", wäh­rend sich in den ver­schie­de­nen diö­ze­sa­nen Aus­ga­ben des deut­schen ka­tho­li­schen Ein­heits­ge­sang­buchs „Got­tes­lob" ins­ge­samt 33 mut­ma­ß­li­che Spee-Lie­der fin­den. Die me­tho­disch ge­schick­ten und ab­wechs­lungs­rei­chen An­re­gun­gen des „Gül­de­nen Tu­gend-Buchs" bie­ten noch im­mer Im­pul­se für das spi­ri­tu­el­le Le­ben. Leib­niz pries es als wahr­haft gött­li­ches Buch, das in die Hän­de al­ler Chris­ten ge­hö­re. Spees „Cau­tio cri­mi­na­lis" ist ein Meis­ter­werk der Ar­gu­men­ta­ti­ons­kunst. Der hier klar for­mu­lier­te und für sei­ne Zeit sehr un­ge­wöhn­li­che Ein­satz für die Un­schulds­ver­mu­tung und ge­gen die Fol­ter reiht Spee un­ter die Weg­be­rei­ter ei­nes hu­ma­nen, den Men­schen­rech­ten ver­pflich­te­ten Straf­rechts ein, der da­her in der deut­schen Straf­rechts­ge­schich­te ei­nen her­aus­ge­ho­be­nen Platz ein­nimmt. Die un­mit­tel­ba­re Wir­kung auf die zeit­ge­nös­si­schen He­xen­pro­zes­se blieb da­ge­gen be­grenzt. 

Gedenktafel für Friedrich Spee von Langenfeld am ehemaligen Gebäude des Kölner Dreikönigsgymnasiums.

 

Galt Spee zur Zeit der Auf­klä­rung vor­wie­gend als Kämp­fer ge­gen den „Aber­glau­ben" des He­xen­wahns, so ent­deck­te man in der Ro­man­tik ge­ra­de den „kind­lich-from­men" Dich­ter. In der ka­tho­li­schen Be­we­gung des 19. Jahr­hun­dert nahm man Spee als kon­fes­sio­nel­len Hel­den und Re­prä­sen­tan­ten ei­ner ei­ge­nen Hoch­kul­tur wahr. Heu­te ver­steht man ihn als Ver­tre­ter des kon­fes­sio­nel­len Zeit­al­ters, der des­sen zeit­ty­pi­sche Be­gren­zun­gen viel­fach spreng­te und so kon­fes­si­ons­über­grei­fend re­zi­piert wer­den konn­te. Die letz­te Spee-Re­nais­sance wur­de durch die Wie­der­ent­de­ckung sei­nes Grabs 1980 aus­ge­löst. 1990 wur­de ihm ei­ne Fi­gur am Köl­ner Rat­haus­turm ge­wid­met (Bold­haue­rin: Ma­ri­an­ne Lü­di­cke). Die Spee-Ge­sell­schaf­ten in Düs­sel­dorf und Trier pfle­gen sein An­denken in­ten­siv und för­dern ge­zielt die For­schung zu Spee. Ge­mein­sam ge­ben sie seit 1994 das Spee Jahr­buch her­aus. 

Quellen/Werke

Sämt­li­che Schrif­ten. His­to­risch-kri­ti­sche Aus­sa­ge, be­arb. von Theo G. M. van Oor­schot, 4 Bän­de, Ba­sel/Tü­bin­gen 1985-2005.

Literatur

Em­bach, Mi­cha­el, "Spee, Fried­rich SJ", in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon 14 (1998), Sp. 1497-1506.

Franz, Gun­ter (Hg.), Fried­rich Spee. Dich­ter, Seel­sor­ger, Be­kämp­fer des He­xen­wahns, Trier 1991 (Aus­stel­lungs­ka­ta­log und Auf­satz­band).

Franz, Gun­ter (Hg.), Fried­rich Spee zum 400. Ge­burts­tag, Pa­der­born 1995.

Franz, Gun­ter/Wirtz, Hans-Gerd (Hg.), Fried­rich Spee als Theo­lo­ge, Trier 1997.

van Oor­schot, Theo G. M., Fried­rich Spee von Lan­gen­feld. Zwi­schen Zorn und Zärt­lich­keit, Göt­tin­gen 1992.

We­ber, Hart­mut/Franz, Gun­ter, Fried­rich Spee (1591-1635). Le­ben und Werk und sein An­denken in Trier, 3. Auf­la­ge, Trier 2004.

Wirtz, Hans-Gerd (Hg.), Fried­rich Spee. Was ist ge­blie­ben, was hat ge­wirkt?, Trier 2002.

Online

Dre­wes, Gui­do Ma­ria, "Spee, Fried­rich v.", in: All­ge­mei­ne Deut­sche Bio­gra­phie 35 (1893), S. 92-94. [On­line]

Fried­rich Spee von Lan­gen­feld 1591-1635 (Web­site der Fried­rich-Spee-Ge­sell­schaft). [On­line]

Denkmal über der Spee-Gruft in der Trierer Jesuitenkirche, Foto: Stefan Kühn.

 
Zitationshinweis

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Schneider, Bernhard, Friedrich Spee von Langenfeld, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/friedrich-spee-von-langenfeld/DE-2086/lido/57c9537ab741e1.30560080 (19.10.2018)