Gustav Lindemann

Mitgründer des Düsseldorfer Schauspielhauses (1872-1960)

Christof Dahlmann (Swisttal)

Louise Dumont und Gustav Lindemann. (Stadtarchiv Düsseldorf)

Gus­tav Lin­de­mann war ein be­rühm­ter Thea­ter­lei­ter in Düs­sel­dorf. Nach ers­ten In­sze­nie­run­gen grün­de­te er dort zu­sam­men mit sei­ner spä­te­ren Frau, der Schau­spie­le­rin Loui­se Du­mont,  in der rhei­ni­schen Stadt ein Thea­ter und ei­ne Thea­ter­schu­le. Be­kannt ist er vor al­lem für sei­ne Re­form­ver­su­che des deut­schen Thea­ters.

Gus­tav Lin­de­mann wur­de am 24.8.1872 in Dan­zig als Sohn von Bern­hard Lin­de­mann, ei­nem jü­di­schen Kauf­mann, und sei­ner Ehe­frau Ka­ro­li­ne Blum­berg ge­bo­ren. Über den Va­ter ist le­dig­lich be­kannt, dass er mit 36 Jah­ren wäh­rend Gus­tavs Kind­heit starb; sei­ne Ehe­frau über­leb­te ihn nur um neun Jah­re. Nach dem frü­hen Tod der El­tern wur­den die drei Ge­schwis­ter Lin­de­mann ge­trennt, die Schwes­ter blieb in ei­ner Dan­zi­ger Pen­si­on zu­rück, wäh­rend Gus­tav mit sei­nem Bru­der in ein In­ter­nat in Wol­fen­büt­tel kam. Von nicht nä­her be­kann­ten Ver­wand­ten wur­de Gus­tav Lin­de­mann mit 17 Jah­ren nach Ber­lin ge­holt, wo er den Kauf­manns­be­ruf er­ler­nen soll­te. Nach der Aus­bil­dung wech­sel­te er je­doch das Me­tier und ging zum Thea­ter.

Es ist un­klar, was der end­gül­ti­ge Aus­lö­ser für die­se Ent­schei­dung war. Er selbst schreibt, dass er in sei­ner Wol­fen­büt­te­ler Zeit ei­ni­ge Klas­si­ker und Mär­chen­auf­füh­run­gen ge­se­hen ha­be, bei de­nen er ge­merkt hät­te, dass nur ein Le­ben als Schau­spie­ler für ihn sinn­voll sei. In der Fol­ge­zeit ließ sich Lin­de­mann in der „Ber­li­ner Büh­nen­schu­le“ un­ter­rich­ten. Kur­ze Zeit dar­auf wur­de er Vo­lon­tär am Les­sing­thea­ter in Ber­lin un­ter dem Schrift­stel­ler Ot­to Blu­men­thal (1852-1917). Nach ei­ni­gen Thea­ter­rei­sen in die deut­sche Pro­vinz wur­de Lin­de­mann 1897 Thea­ter­di­rek­tor in Grau­denz und Ma­ri­en­wer­der. Da das klei­ne Thea­ter ei­nen stän­dig wech­seln­den Spiel­plan zum fi­nan­zi­el­len Er­folg brauch­te und Lin­de­mann künst­le­risch ge­ho­be­ner und be­stän­di­ger ar­bei­ten woll­te, quit­tier­te er die An­stel­lung und or­ga­ni­sier­te ei­ne Tour­nee, auf der die Stü­cke des Nor­we­gers Hen­rik Jo­han Ib­sens (1828-1906) ge­spielt wer­den soll­ten. Für die Rei­se konn­te er sich die Un­ter­stüt­zung ei­ner der grö­ß­ten deut­schen Schau­spie­le­rin­nen der da­ma­li­gen Zeit, Loui­se Du­mont, si­chern.

Die­se Be­geg­nung im Jah­re 1903 wur­de ent­schei­dend für das Le­ben bei­der wie für die Stadt Düs­sel­dorf, denn nach der ge­mein­sa­men Tour­nee fass­ten die Schau­spie­le­rin und der Thea­ter­di­rek­tor den Plan, ein Thea­ter zu grün­den. Nach ge­schei­ter­ten Ver­su­chen in Darm­stadt und Wei­mar er­klär­te sich 1904 die Stadt Düs­sel­dorf be­reit, beim Bau ei­nes Thea­ters und beim Spiel­be­trieb zu hel­fen. So ent­stand in ei­nem knap­pen Jahr die Schau­spiel­haus Düs­sel­dorf GmbH. Am 28.10.1905 wur­de das Schau­spiel­haus fei­er­lich mit der Tra­gö­die „Ju­dit­h“ von Chris­ti­an Fried­rich Heb­bel (1813-1863) mit Lin­de­mann als Ge­ne­ral­in­ten­dant und der Du­mont in der Haupt­rol­le er­öff­net.

Lin­de­mann hat­te das Ziel, das Thea­ter als geis­ti­ge Macht der Na­ti­on zu eta­blie­ren. Stü­cke soll­ten groß in­sze­niert und nicht nur ein­fach wie­der­ge­ge­ben wer­den. Zur Nach­wuchs­för­de­rung er­öff­ne­te der ehr­gei­zi­ge Lin­de­mann ei­ne Schau­spiel­schu­le. Er gab au­ßer­dem zu­sam­men mit sei­ner Frau und den Schrift­stel­lern Paul Ernst (1866-1933) und Wil­helm Schmidtbonn die Thea­ter­zeit­schrift „Mas­ken“ her­aus. Neu­ar­tig am Düs­sel­dor­fer Thea­ter wa­ren die „Mor­gen­fei­ern“; ge­gen ge­rin­ges Ent­gelt wur­de hier ei­ne Ein­füh­rung in das Le­ben der gro­ßen Künst­ler der Welt ge­bo­ten.

Bald nach der Er­öff­nung und ers­ten po­si­ti­ven Re­so­nan­zen folg­ten je­doch ei­ni­ge  Ent­täu­schun­gen. Das Düs­sel­dor­fer Pu­bli­kum hat­te ei­ne an­de­re Auf­fas­sung von Thea­ter, es woll­te eher leich­te Stü­cke und Ko­mö­di­en se­hen, wäh­rend Lin­de­mann und Du­mont künst­le­risch an­spruchs­vol­le Stü­cke dar­bo­ten. Die fi­nan­zi­el­le Wen­de brach­te ein Er­folg im Aus­land. 1909 ga­ben sie ein Gast­spiel im Pa­ri­ser „Théât­re Ma­ri­gny“. Mit Lo­bes­hym­nen über­schüt­tet zu­rück­ge­kehrt, nahm nun auch das Düs­sel­dor­fer Pu­bli­kum die bei­den bes­ser auf. Ne­ben sei­ner Re­gis­seurs- und In­ten­dan­ten­ar­beit stand Lin­de­mann auch ge­le­gent­lich sel­ber auf der Büh­ne. In der Zwi­schen­zeit hat­te das Paar 1907 in Lon­don ge­hei­ra­tet.

Der Ers­te Welt­krieg brach­te gro­ße Ein­schnit­te. Lin­de­mann mel­de­te sich frei­wil­lig zum Kriegs­dienst. Ger­ne wä­re er als Front­sol­dat ein­ge­setzt wor­den, doch im „In­ter­es­se der Kunst“ ver­brach­te er den Krieg bei der Trup­pen­aus­bil­dung in Düs­sel­dorf. Nach dem Krieg lief das Thea­ter schlecht und muss­te schlie­ß­lich 1922 als Fol­ge der In­fla­ti­on auf­ge­löst wer­den. Nach ei­ner kur­zen Aus­zeit von Lin­de­mann und Du­mont in Ober­bay­ern über­nah­men sie 1924 wie­der die In­ten­dan­ten­rol­le in Düs­sel­dorf. Fi­nan­zi­ell ge­se­hen ging es dem Thea­ter in der Fol­ge­zeit gut. Das Jahr 1932 brach­te zwei Schick­sals­schlä­ge für Lin­de­mann: Am 16.5.1932 starb sei­ne Frau Loui­se Du­mont an ei­ner Lun­gen­ent­zün­dung, au­ßer­dem muss­te als Fol­ge der Welt­wirt­schafts­kri­se das Thea­ter aber­mals ge­schlos­sen wer­den.

Der Plan für ein rhei­ni­sches Na­tio­nal­thea­ter, wel­ches Lin­de­mann sich nach Ge­sprä­chen mit Kon­rad Ade­nau­er er­hofft hat­te, konn­te zwar noch kon­kre­ti­siert wer­den, doch vor der ers­ten Auf­füh­run­gen er­litt Lin­de­mann 1933 durch die Macht­über­nah­me der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ei­nen wei­te­ren Rück­schlag. Ihm wur­de die Ar­beits­mög­lich­keit ent­zo­gen; im Ge­gen­satz zu an­de­ren Men­schen jü­di­scher Ab­stam­mung wur­de er je­doch nicht in Ge­wahr­sam ge­nom­men oder de­por­tiert. Über sei­ne Si­tua­ti­on in den zwölf Jah­ren der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Dik­ta­tur ist nicht viel be­kannt: Lin­de­mann hielt sich zu der Zeit im ober­baye­ri­schen Ro­sen­heim auf; in ei­ni­gen Brie­fen wird sei­ne Em­pö­rung über das Re­gime deut­lich.

Trotz der An­ti­pa­thie, die Lin­de­mann ge­gen Düs­sel­dorf ent­wi­ckelt hat­te, ging er nach dem Zwei­ten Welt­krieg dort­hin zu­rück. Am 30.5.1947 grün­de­te er das Du­mont-Lin­de­mann-Ar­chiv, wel­ches ein kul­tu­rel­les Zen­trum der Stadt wer­den soll­te. Die auf­be­wahr­ten Stü­cke hat­te er in den zwölf Jah­ren der NS-Zeit ge­sam­melt. Au­ßer­dem wur­de Lin­de­mann Vor­sit­zen­der der Ar­beits­ge­mein­schaft kul­tu­rel­ler Or­ga­ni­sa­tio­nen in Düs­sel­dorf. Die letz­te In­sze­nie­rung Lin­de­manns stammt aus dem Jahr 1948, die üp­pi­ge Ur­auf­füh­rung des Schau­spiels „Das Mahl des Herrn“ von Ju­li­us Ma­ria Be­cker (1887-1949), das von Leo­nar­do da Vin­cis be­rühm­tem Mai­län­der Abend­mahls­fres­ko an­ge­regt ist.

Lin­de­mann wur­den zahl­rei­che Eh­run­gen zu­teil. 1947 wur­de er zum Pro­fes­sor er­nannt, 1948 ver­lieh ihm die Me­di­zi­ni­sche Aka­de­mie Düs­sel­dorf die Eh­ren­dok­tor­wür­de. 1952 er­hielt er das gro­ße Ver­dienst­kreuz der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, im sel­ben Jahr wur­de er Eh­ren­bür­ger der Stadt Düs­sel­dorf. Der Hoch­be­tag­te starb am 6.5.1960.

Lin­de­mann ist be­son­ders da­für an­er­kannt wor­den, dass er zu­sam­men mit sei­ner Frau Loui­se Du­mont das Thea­ter re­for­mie­ren woll­te. Sei­ne Stü­cke soll­ten geis­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen för­dern und nicht al­lein dem Ver­gnü­gen die­nen.

Literatur

En­gel­hard, Man­fred/Wolf, Irm­gard, Go­des­ber­ger Ge­sprä­che, in: Go­des­ber­ger Hei­mat­blät­ter 40 (2002), S. 172-176.

Lin­ke, Man­fred, Gus­tav Lin­de­mann. Re­gie am Düs­sel­dor­fer Schau­spiel­haus, Düs­sel­dorf 1969.

Online

Mat­zig­keit, Mi­cha­el, Gus­tav Lin­de­man­n – Ein Thea­ter­mann im in­ne­ren Exil?, in: Cepl-Kauf­mann, Ger­tru­de/Hart­kopf, Win­fried/Meis­zi­es, Win­rich (Hg.), Bi­lanz Düs­sel­dorf ‚45, Düs­sel­dorf 1992, S. 131-144 (Text als PDF-Da­tei auf der Web­site der Stadt Düs­sel­dorf). [On­line]

 
Zitationshinweis

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Dahlmann, Christof, Gustav Lindemann, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/gustav-lindemann/DE-2086/lido/57c941d5553bb2.44293051 (21.07.2018)