Hanns Hartmann

Schauspieler, Theater- und Rundfunkintendant (1901-1972)

Birgit Bernard (Köln/Heidelberg)

Hanns Hartmann, von 1947-1955 Intendant des NWDR-Funkhauses Köln und anschließend bis 1961 Intendant des Westdeutschen Rundfunks, Porträtfoto, 1954, Foto: Heinz Karnine. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)

Hanns Hart­mann war Schau­spie­ler, In­ten­dant an den Büh­nen Ha­gen und Chem­nitz so­wie am Me­tro­pol­thea­ter Ber­lin, Ge­schäfts­füh­rer ei­nes Mu­sik­ver­la­ges und zwei­ter Nach­kriegs­in­ten­dant de­s West­deut­schen Rund­funks Köln.

Jo­han­nes Alex­an­der („Hann­s“) Hart­mann wur­de am 22.4.1901 in Es­sen in ein klein­bür­ger­li­ches Mi­lieu ge­bo­ren. Sei­ne El­tern wa­ren der Schlos­ser Jo­seph Hart­mann und Eli­sa­beth, ge­bo­re­ne Koh­len. In sei­ner Va­ter­stadt be­such­te Hart­mann die Krupp-Ober­re­al­schu­le (heu­te Al­fred-Krupp-Schu­le), die er nach der Ober­se­kun­da ver­ließ, um vom 2.4.1918 bis zum 31.3.1920 ei­ne Kauf­män­ni­sche Leh­re bei der Aren­berg’sche AG für Berg­bau- und Hüt­ten­be­trieb zu ab­sol­vie­ren. Das drit­te Lehr­jahr wur­de ihm auf­grund über­ra­gen­der Leis­tun­gen er­las­sen. Im Herbst 1919 be­gann er – als Jo­han­nes Alex­an­der - mit der Schau­spiel­aus­bil­dung am Städ­ti­schen Thea­ter in Es­sen. Hier lern­te er ver­mut­lich auch sei­ne spä­te­re Frau, Ot­ti­lie Schwart­z­kopf ( um 1885-1966), ken­nen, die un­ter dem Künst­ler­na­men Ot­ti­lie Schott von 1922 bis 1928 als Sän­ge­rin an der Es­se­ner Oper en­ga­giert war. 1927 fand die Hei­rat statt. Von 1921 bis 1922/1923 war Hart­mann Mit­glied des Schau­spiel­ensem­bles in Es­sen, zur Be­ginn der Spiel­zeit 1923/1924 wech­sel­te er als ju­gend­li­cher Held und Lieb­ha­ber an das Stadt­thea­ter Müns­ter.

Die kaum be­gon­ne­ne Schau­spiel­kar­rie­re en­de­te, als Hart­mann, der ei­nen aus­ge­präg­ten Sinn für die kauf­män­ni­schen As­pek­te des Kul­tur­be­triebs be­saß, im Jah­re 1925 Stell­ver­tre­ten­der In­ten­dant und Ver­wal­tungs­chef des Stadt­thea­ters Ha­gen und 1927 des­sen Di­rek­tor wur­de. Hat­te er ur­sprüng­lich er­wo­gen, das Ab­itur nach­zu­ho­len und in Köln Be­triebs­wirt­schaft zu stu­die­ren, so leg­te er den Plan nun ad ac­ta. Im Jah­re 1930 über­nahm er als Nach­fol­ger von Ri­chard Tau­ber (1861-1942) die Ge­ne­ral­in­ten­danz am Städ­ti­schen Thea­ter in Chem­nitz. Am 9.3.1933 wur­de er von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten be­ur­laubt und am 30.6.1933 ent­las­sen. An­griffs­punk­te wa­ren die „jü­disch-mar­xis­ti­sche“ Pro­gramm­ge­stal­tung und Hart­manns Wei­ge­rung – so kol­por­tiert Ed­mund Nick –, sich von sei­ner 16 Jah­re äl­te­ren jü­di­schen Ehe­frau Ot­ti­lie zu tren­nen.

Wäh­rend der NS-Dik­ta­tur „über­win­ter­te“ Hart­mann in der Pri­vat­wirt­schaft als Se­kre­tär ei­nes böh­mi­schen In­dus­tri­el­len und als Ge­schäfts­füh­rer in dem 1926 von dem Film- und Ope­ret­ten­kom­po­nis­ten Will Mei­sel (1897-1967) ge­grün­de­ten Büh­nen- und Mu­sik­ver­la­ges Edi­ti­on Mei­sel & Co in Ber­lin. Sei­ne letz­te In­sze­nie­rung wäh­rend der NS-Zeit war die Ur­auf­füh­rung der Ope­ret­te „Der gol­de­ne Pier­ro­t“ von Wal­ter W. Goet­ze (1883-1961) im „Thea­ter des Wes­ten­s“ am 31.3.1934 in Ber­lin.

NWDR/WDR-Intedant Hanns Hartmann, Porträtfoto, Ende der 1950er Jahre, Foto: Liselotte Strelow. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)

 

Von Ok­to­ber 1945 bis Ok­to­ber 1946 wirk­te Hart­mann als In­ten­dant des Me­tro­pol­thea­ters in Ber­lin, das, 1944 in der Beh­ren­stra­ße durch ei­nen Bom­ben­an­griff ver­nich­tet, 1945 im Ki­no „Co­los­se­um“ in der Schön­hau­ser Al­lee (Ost­ber­lin) wie­der­er­öff­net wor­den war. Zu­gleich am­tier­te er als Prä­si­dent der Ent­na­zi­fi­zie­rungs­kom­mis­si­on der Kunst­schaf­fen­den in Ber­lin.

Im Ok­to­ber 1946 ging das Ehe­paar Hart­mann un­ter fal­schem Na­men in den Wes­ten, zu­nächst nach Frank­furt am Main, dann nach Ham­burg. In der Bri­ti­schen Be­sat­zungs­zo­ne war der po­li­tisch un­be­las­te­te Hart­mann nun auf­grund sei­ner Ex­per­ti­se als Thea­ter­in­ten­dant und im Ver­lags­we­sen als Füh­rungs­kraft ge­fragt. Sei­ne nächs­te Kar­rie­re­sta­ti­on führ­te ihn zum Rund­funk.

Am Nord­west­deut­schen Rund­funk (NW­DR) in Ham­burg er­hielt er die Po­si­ti­on ei­nes stell­ver­tre­ten­den Lei­ters der Rund­funk­schu­le. Die­se war von Alex­an­der Maass bb, ei­nem 1902 in Es­sen ge­bo­re­nen Schau­spie­ler und bri­ti­schen Kon­troll­of­fi­zier ge­grün­det und im Ja­nu­ar 1947 er­öff­net wor­den. Maass war 1945 aus der Emi­gra­ti­on zu­rück­ge­kehrt und üb­te ma­ß­geb­li­chen Ein­fluss auf Per­so­nal­ent­schei­dun­gen am Sen­der aus. So auch durch die Lan­cie­rung Hart­manns an den NW­DR. Maass und Hart­mann kann­ten sich aus ge­mein­sa­men Es­se­ner Zei­ten. Die von Maass ge­lei­te­te Rund­funk­schu­le war als Ka­der­schmie­de für künf­ti­ge Rund­funk­jour­na­lis­ten nach dem Mus­ter der „Trai­ning School“ der BBC ein­ge­rich­tet wor­den, aus ihr gin­gen so be­deu­ten­de Jour­na­lis­ten wie Gerd Ru­ge (ge­bo­ren 1928), Wal­ter Eras­my (1924-1993) oder Er­win Beh­rens (geb. 1928) her­vor. Auf der Rund­funk­schu­le er­hielt Hart­mann die nö­ti­gen Grund­la­gen­kennt­nis­se für sei­ne nächs­te Po­si­ti­on.

Am 1.9.1947 folg­te er Max Burg­hardt (1893-1977) als In­ten­dant des NW­DR Köln. Hart­mann be­klei­de­te die­ses Amt bis En­de 1955. Im Vor­feld der Tren­nung des NW­DR in die selbst­stän­di­gen öf­fent­lich-recht­li­chen Rund­funk­an­stal­ten NDR und WDR zum 1.1.1956 wur­de Hart­mann am 25.5.1955 zum ers­ten WDR-In­ten­dan­ten mit ei­ner fünf­jäh­ri­gen Amts­zeit bis zum 31.12.1960 ge­wählt. Hart­manns Wi­der­wahl schei­ter­te im Herbst 1960 im drit­ten Wahl­gang an der Be­stä­ti­gung durch den Rund­funk­rat. Als Kon­se­quenz aus dem Ab­stim­mungs­de­ba­kel ver­zich­te­te Hart­mann auf ei­ne wei­te­re Kan­di­da­tur. Zum Jah­res­en­de 1960 schied er aus dem WDR aus.

In die Ära des par­tei­lo­sen In­ten­dan­ten Hart­mann fällt nicht nur die von ihm un­ter­stütz­te Li­qui­da­ti­on des NW­DR, son­dern auch die Ein­füh­rung des UKW-Funks im Jah­re 1950. Sie er­öff­ne­te Köln durch die Ein­rich­tung ei­nes zwei­ten Hör­funk­pro­gramms („UKW-Wes­t“) ei­ne grö­ße­re Un­ab­hän­gig­keit von der Ham­bur­ger NW­DR-Zen­tra­le und die Mög­lich­keit zur Schaf­fung ei­nes Re­gio­nal­pro­gram­mes mit Sen­de­rei­hen wie dem Flagg­schiff „Zwi­schen Rhein und We­ser“, aber auch Wer­ner Hö­fers „In­ter­na­tio­na­lem Früh­schop­pen“.

In Zu­sam­men­ar­beit mit dem Es­se­ner Ar­chi­tek­ten Pe­ter Fried­rich Schnei­der (1901-1981) wur­de das neue Funk­haus am Wall­raf­platz in den Jah­ren 1948-1952 rea­li­siert. Es er­setz­te das 1927 von der West­deut­schen Rund­funk AG be­zo­ge­ne und längst nicht mehr für den Sen­de­be­trieb ad­äqua­te Funk­haus Da­go­bert­stra­ße 38. Schnei­ders Funk­haus am Wall­raf­platz stand für die Vor­stel­lung von Trans­pa­renz im Nach­kriegs­rund­funk und war glei­cher­ma­ßen für den Re­dak­ti­ons- wie für den Kon­zert­be­trieb aus­ge­legt. Be­reits we­ni­ge Jah­re spä­ter war ein Er­wei­te­rungs­auf­bau, vor al­lem auf­grund der Ein­füh­rung des neu­en Me­di­ums Fern­se­hen nö­tig (Erst­sen­dung: 25.12.1952), dem Hart­mann al­ler­dings mit deut­li­cher Skep­sis be­geg­ne­te. Lin­fert be­rich­tet, Hart­mann ha­be das Fern­se­hen noch 1959 als ein Mit­tel der Nar­ko­se und Sug­ges­ti­on be­zeich­net.[1] 

Im Jah­re 1950 wur­den die Stu­di­os in Bonn (zu­nächst in be­schei­de­nem Rah­men in­ner­halb der „Päd­ago­gi­schen Hoch­schu­le“, das „West­fa­len­stu­di­o“ in Dort­mund so­wie das Stu­dio in Düs­sel­dorf un­ter der Lei­tung von Pe­ter von Zahn (1913-2001) ge­grün­det, der auch der ers­te Aus­lands­kor­re­spon­dent des NW­DR in Wa­shing­ton wur­de. Rich­tungs­wei­send wa­ren Per­so­nal­ent­schei­dun­gen der Ära Hart­mann, die un­ter an­de­rem mit Na­men wie Wer­ner Hö­fer, Gerd Ru­ge, Hans Ot­to We­se­mann (1903-1976), Carl Lin­fert (1900-1981) oder Karl O. Koch (1911-1982) ver­bun­den sind. Hart­mann ge­lang es, her­vor­ra­gen­de Jour­na­lis­ten an den Sen­der zu zie­hen und dort zu hal­ten – an­ge­sichts der Zer­stö­rung Kölns und der Le­bens- und Ar­beits­be­din­gun­gen der Nach­kriegs­jah­re ei­ne be­acht­li­che Leis­tung.

Hanns Hart­mann, seit 1959 Trä­ger des Bun­des­ver­dienst­kreu­zesstarb, starb am 5.4.1972 in Min­del­heim (Land­kreis Un­ter­all­gäu). In Köln ist ein Platz in der In­nen­stadt an der Ecke Brei­te Stra­ße / Auf dem Ber­lich nach ihm be­nannt.

Literatur

Nick, Ed­mund/Lin­fert, Carl /Höm­ke, Frie­del, Drei Ver­su­che über Hanns Hart­mann, in: Aus Köln in die Welt, hg. von Wal­ter Först, Köln 1974, S. 511-537.
Schwarz­kopf Diet­rich, Aus­bil­dung und Ver­trau­ens­bil­dung. Die Rund­funk­schu­le des NW­DR. Nord­west­deut­sche Hef­te zur Rund­funk­ge­schich­te Heft 6, Ham­burg 2007.
Wag­ner, Hans-Ul­rich, Hanns Hart­mann – Der „Va­ter des Köl­ner Rund­funks“, in: Am Puls der Zeit, hg. von Pe­tra Wit­ting-Nö­then, Köln 2006, S. 182-184. 

Einweihung des WDR Funkhauses am Wallrafplatz, 21.6.1952, v.l. Peco Bauwens, Intendant Hanns Hartmann, Architekt Peter Friedrich Schneider, Bundespräsident Theodor Heuss, Adolf Grimme und der Kölner Oberbürgermeister Robert Görlinger, Foto: Walter Dick. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv)

 
Anmerkungen
  • 1: Linfert, in: Nick [u.a.], Drei Versuche über Hanns Hartmann, S. 527.
Zitationshinweis

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Bernard, Birgit, Hanns Hartmann, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/hanns-hartmann/DE-2086/lido/5f3b8a191e53b0.72980550 (abgerufen am 26.10.2020)