Heinrich Lindenborn

Schriftsteller (1706-1750)

Christian Schlöder (Halle)

Heinrich Lindenborn. (Universitäts- und Stadtbibliothek Köln)

Hein­rich Lin­den­born war ei­ner der frü­hes­ten Ver­tre­ter der Auf­klä­rung im Rhein­land, der in sei­nen sa­ti­ri­schen Schrif­ten auf Miss­stän­de in der ba­ro­cken Ge­sell­schaft im Kur­fürs­ten­tum Köln auf­merk­sam mach­te.

Hein­rich Lin­den­born ent­stamm­te ei­ner an­ge­se­he­nen ­K­öl­ner Woll­we­ber­fa­mi­lie und wur­de am 27.7.1706 in der Pfarr­kir­che St. Paul ge­tauft. Er war das neun­te von ins­ge­samt elf Kin­dern des Her­mann Lin­den­born und sei­ner Frau Ka­tha­ri­na Pitt­lin­ger, die am 24.11.1689 eben­falls in St. Paul ge­hei­ra­tet hat­ten.

Be­reits als klei­ner Jun­ge zeig­te sich sein Bil­dungs­drang, der vom Va­ter ge­för­dert wur­de. An­ge­se­he­ne und wohl­ha­ben­de Freun­de der Fa­mi­lie ge­stat­te­ten dem wiss­be­gie­ri­gen Jun­gen Zu­gang zu ver­schie­de­nen Bi­blio­the­ken, wo er mit gro­ßem Ei­fer las und die al­ten und neu­en Spra­chen lern­te. 1713 trat er in das Köl­ner Je­sui­ten­gym­na­si­um ein, das er bis 1723 be­such­te. Im An­schluss an sei­ne Schul­zeit im­ma­tri­ku­lier­te er sich an der Phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Köln. Er galt als un­ter­stüt­zungs­wür­di­ger Stu­dent, des­sen Ar­mut ihm ver­mut­lich ei­nen Ein­tritt in den Je­sui­ten­or­den ver­wehr­te. Statt Theo­lo­gie stu­dier­te der jun­ge Lin­den­born Ju­ra. Er üb­te ei­nen ju­ris­ti­schen Be­ruf je­doch nie aus. 

In den nach­fol­gen­den Jah­ren führ­te er ein un­ste­tes und durch Ar­mut ge­kenn­zeich­ne­tes Le­ben. Zwar konn­te er durch Ge­le­gen­heits­poe­sie – meist er­hielt er Auf­trä­ge für Ge­dich­te zu be­son­de­ren An­läs­sen wie Hoch­zei­ten, Tau­fen oder pa­trio­ti­schen Fei­er­lich­kei­ten – sei­nen Le­bens­un­ter­halt ver­die­nen, aber sein Ein­kom­men ver­prass­te er meist in­ner­halb kür­zes­ter Zeit in Gast­stät­ten. Sein au­ßer­ge­wöhn­li­ches schrift­stel­le­ri­sches Ta­lent ver­band sich mit dem ei­gen­wil­li­gen Cha­rak­ter ei­nes frei­heits­lie­ben­den Le­be­man­nes. 

Erst 1738 nahm er als „Con­ci­pis­t“ – heu­te wür­de man Re­dak­teur sa­gen – ei­ne Fest­an­stel­lung bei der vom Ver­le­ger Bal­tha­sar Wilms neu be­grün­de­ten Köl­ner Wo­chen­zei­tung „Eil­fer­ti­ger Welt und Staats-Bo­the“ an. Die Zei­tung wur­de ein vol­ler Er­folg, nicht zu­letzt durch die spitz­fin­di­gen und in­tel­li­gen­ten Bei­trä­ge Lin­den­borns, die sich gro­ßer Be­liebt­heit un­ter den Le­sern er­freu­ten.

Lei­der sind nur vier Aus­ga­ben der Zei­tung aus den Jah­ren 1738 bis 1742 über­lie­fert. Die we­ni­gen Aus­ga­ben ver­ra­ten je­doch, dass Lin­den­born nicht nur Fak­ten wie­der­gab, son­dern äu­ßerst kri­tisch die Nach­rich­ten auf­be­rei­te­te. Er gilt da­her als ei­ner der ers­ten Jour­na­lis­ten, der sei­ne Zei­tung nach mo­der­nen Ge­sichts­punk­ten re­di­gier­te. Sei­ne Of­fen­heit und kri­ti­sche Be­richt­er­stat­tung brach­te ihn häu­fig in Kon­flikt mit der Ob­rig­keit. Mehr­fach muss­te er auf­grund von Ein­grif­fen der Zen­sur­be­hör­den Ar­ti­kel wi­der­ru­fen, was ihn je­doch nicht da­von ab­hielt, auch wei­ter­hin kri­tisch zu be­rich­ten. 

Am 25.3.1742 hei­ra­te­te Lin­den­born in der Köl­ner Pfar­rei St. Lau­renz Ma­ria Eli­sa­beth Car­m­ans. Das jun­ge Paar be­kam zwei Söh­ne: den am 27.7.1744 ge­tauf­ten Jo­seph Ma­ria Hein­rich und den am 24.8.1745 ge­tauf­ten Ma­ria Fran­zis­kus. Wie aus Lin­den­borns ei­ge­nen Auf­zeich­nun­gen her­vor­geht, scheint die Ehe we­nig glück­lich ge­we­sen zu sein. 

Im Win­ter 1742/1743 trat er über­ra­schend als Re­dak­teur der Zei­tung zu­rück, blieb aber mit dem Ver­le­ger Wilms in den nach­fol­gen­den Jah­ren ge­schäft­lich ver­bun­den. Ob die stän­di­gen Ein­grif­fe der Ob­rig­keit in sei­ne jour­na­lis­ti­sche Tä­tig­keit der Grund für den Rück­tritt bil­de­ten, muss al­ler­dings of­fen­blei­ben.

Be­reits 1740/1741 hat er selbst ei­ne sa­ti­ri­sche Wo­chen­schrift, „Der die Welt be­leuch­ten­de Cöll­ni­sche Dio­ge­nes“, her­aus­ge­ge­ben, die bis 1743 re­gel­mä­ßig er­schien. In die­ser Schrift konn­te er weit mu­ti­ger noch als im „Staats-Bo­then“ ge­sell­schaft­li­che und po­li­ti­sche Ge­scheh­nis­se sa­ti­risch ver­ar­bei­ten. Da­bei ver­fass­te er sei­ne Tex­te durch die Mas­ke des an­ti­ken Phi­lo­so­phen Dio­ge­nes (um 400-324/323 v. Chr.) in der Ich-Form. In sei­nen Bei­trä­gen wies er auf Miss­stän­de nicht nur in Kir­che und Po­li­tik hin, son­dern auch in vie­len an­de­ren ge­sell­schaft­li­chen Be­rei­chen. Es fin­den sich zu­dem zahl­rei­che An­spie­lun­gen auf ein­zel­ne Per­so­nen aus sei­nem Köl­ner Um­feld, die heu­te je­doch in der Re­gel nicht mehr iden­ti­fi­ziert wer­den kön­nen. Die Form der Sa­ti­re fun­gier­te da­bei als Schutz­man­tel für die auf­ge­klär­ten, mo­ra­lisch-be­leh­ren­den und kri­ti­schen In­hal­te sei­ner Bei­trä­ge. 

1741 gab er das Kir­chen­lied­buch „Toch­ter Si­on“ her­aus, ei­nes der ers­ten ka­tho­li­schen Ge­sang­bü­cher, das der Auf­klä­rung zu­zu­ord­nen ist. Da­her stieß es auch auf Ab­leh­nung un­ter den Je­sui­ten, die ihr bis da­hin im Rhein­land do­mi­nie­ren­des Ge­sang­buch, das „Psäl­ter­lein“, ge­fähr­det sa­hen. Den­noch konn­te sich das Ge­sang­buch Lin­den­borns in der ­K­öl­ner Diö­ze­se ­schnell durch­set­zen. Noch heu­te fin­den sich in deut­schen und so­gar eng­li­schen Kir­chen­lied­bü­chern Tex­te, die aus sei­ner Fe­der stam­men.

Wäh­rend sei­ner Tä­tig­keit als Jour­na­list ver­fass­te er wei­ter­hin Ge­le­gen­heits­dich­tun­gen. 1746 reis­te Lin­den­born nach­ Düs­sel­dorf, wo er die In­schrif­ten für die Aus­schmü­ckung der Stadt an­läss­lich des fest­li­chen Ein­zu­ges des pfäl­zi­schen Kur­fürs­ten ­Karl Theo­dor am 15.10.1746 ent­warf. Der Kur­fürst war be­geis­tert von der Krea­ti­vi­tät Lin­den­borns, so­dass er ihm ei­ne Stel­le als kur­fürst­li­cher Se­kre­tär an­bot. Die­se und wei­te­re lu­kra­ti­ve Stel­len­an­ge­bo­te lehn­te Lin­den­born je­doch ab. Of­fen­sicht­lich war ihm die per­sön­li­che Frei­heit und Un­ab­hän­gig­keit wich­ti­ger als ei­ne gut be­zahl­te Fest­an­stel­lung.

Wäh­rend sei­ner Tä­tig­keit als Jour­na­list ver­fass­te er wei­ter­hin Ge­le­gen­heits­dich­tun­gen. 1746 reis­te Lin­den­born nach­ Düs­sel­dorf, wo er die In­schrif­ten für die Aus­schmü­ckung der Stadt an­läss­lich des fest­li­chen Ein­zu­ges des pfäl­zi­schen Kur­fürs­ten ­Karl Theo­dor am 15.10.1746 ent­warf. Der Kur­fürst war be­geis­tert von der Krea­ti­vi­tät Lin­den­borns, so­dass er ihm ei­ne Stel­le als kur­fürst­li­cher Se­kre­tär an­bot. Die­se und wei­te­re lu­kra­ti­ve Stel­len­an­ge­bo­te lehn­te Lin­den­born je­doch ab. Of­fen­sicht­lich war ihm die per­sön­li­che Frei­heit und Un­ab­hän­gig­keit wich­ti­ger als ei­ne gut be­zahl­te Fest­an­stel­lung.

1748 sie­del­te Lin­den­born mit sei­ner Fa­mi­lie nach­ Bon­n ­über. Die Grün­de für sei­nen Um­zug sind un­klar; mög­li­cher­wei­se hat­te er sich in Köln durch sei­ne per­so­nen­be­zo­ge­ne Sa­ti­re zu vie­le Fein­de ge­macht. Kurz nach sei­ner An­kunft in der Re­si­denz­stadt Bonn wur­de er von Kur­fürst Cle­mens Au­gus­t ­mit der Über­set­zung des ita­lie­ni­schen Opern­li­bret­to „Ar­ta­xer­xes“ be­traut. Lin­den­born nutz­te die Nä­he zum glanz­vol­len Köl­ner Kur­fürs­ten, um ihn und sei­nen pom­pö­sen Hof in sei­nen Sa­ti­ren zu be­leuch­ten.

Der Kri­tik am ba­ro­cken Le­bens­stil der Hof­ge­sell­schaft so­wie an der Jagd­lei­den­schaft, dem Um­gang mit Frau­en und den zahl­rei­chen Mas­ken­bäl­len des Kur­fürs­ten hat­te er be­reits im „Dio­ge­nes“ brei­ten Raum ge­ge­ben. Dass sei­ne sa­ti­ri­schen An­spie­lun­gen sich auch tat­säch­lich auf den Kur­fürs­ten be­zo­gen, dürf­te den Zeit­ge­nos­sen nicht ver­bor­gen ge­blie­ben sein. Je­doch ver­stand es Lin­den­born ge­schickt, sach­li­che Kri­tik am Ver­hal­ten des Kur­fürs­ten und am üp­pi­gen Hof­le­ben mit Lob an sei­nem Cha­rak­ter zu ver­bin­den.

1748 gab Lin­den­born die ers­te Bon­ner Zei­tung, „Aus­zug eu­ro­päi­scher Ge­schich­ten“, her­aus, die an­fäng­lich drei­mal wö­chent­lich er­schien, aber schon sehr bald ein­ge­stellt wur­de. Au­ßer­dem er­schien bei Bern­hard Hil­bertz in Bonn ei­ne sa­ti­ri­sche Wo­chen­schrift von Lin­den­born mit dem Na­men „Mor­phe­ana“, die ganz im Sti­le des „Dio­ge­nes“ ver­fasst war. 

Im No­vem­ber 1749 er­krank­te Lin­den­born an Tu­ber­ku­lo­se, zeit­ge­nös­sisch Schwind­sucht ge­nannt. Bis zu sei­nem Tod am 21.5.1750 schrieb er noch zahl­rei­che Tex­te – trotz star­ker ge­sund­heit­li­cher und auch fi­nan­zi­el­ler Ein­schrän­kun­gen.

In sei­ner kur­zen Schaf­fens­zeit von 1738-1750 war er äu­ßerst pro­duk­tiv und viel­sei­tig, wie ei­ne Über­sicht sei­ner Schrif­ten zeigt.

Hein­rich Lin­den­born wur­de von den rhei­ni­schen Auf­klä­rern im letz­ten Drit­tel des Jahr­hun­derts als Ver­fech­ter auf­ge­klär­ter Idea­le ge­wür­digt, als „ver­nünf­tigs­ter Mensch der Welt bis auf ei­nen Punkt, den Punkt des ein­mal ge­fass­ten Ci­ni­cis­mus“ (Gnä­digst pri­vi­le­gir­tes Bön­ni­sches In­tel­li­genz­blatt, 10.3.1791, S. 78.). Es be­stand so­gar die Ab­sicht, ei­ne Fort­set­zung des „Dio­ge­nes“ zu ver­öf­fent­li­chen. Sei­ne li­te­ra­ri­schen Wer­ke – mit Aus­nah­me des Kir­chen­lied­bu­ches – konn­ten sich aber über das Rhein­land hin­aus kaum ver­brei­ten.

In Köln sind ei­ne Stra­ße und ei­ne Ge­mein­schafts­grund­schu­le nach ihm be­nannt.

Werke (Auswahl)

Die über­lie­fer­ten Schrif­ten Lin­den­borns sind bei Beck­mann, Hein­rich Lin­den­born, der köl­ni­sche Dio­ge­nes, Bonn 1908, S. 259-267, auf­ge­führt.
Der Die Welt Be­leuch­ten­de Cöll­ni­sche Dio­ge­nes, 3 Bän­de, Cölln 1740-1743.

Neu­es Gott und dem Lamm ge­hei­lig­tes Kir­chen- und Hauß-Ge­sang (Kir­chen- und Haus-Ge­sang) der auf dem drey­fa­chen We­ge der Voll­kom­men­heit nach dem himm­li­schen Je­ru­sa­lem wan­dern­den Toch­ter Si­on, Cölln 1741 [es er­schie­nen sechs wei­te­re Auf­la­gen bis 1790].

Mor­phea­na Oder Traum-Ge­sich­ter In dem Rei­che der Thie­ren Nach der Ord­nung Ae­so­pi, Wor­in Die lä­cher­li­che Ei­gen­schaf­ten und Thor­hei­ten der Welt gleich­sam ab­ge­spie­gelt wer­den, Auf­daß ein je­der an sei­ner hier und da viel­leicht er­blick­ten Copey Das Ori­gi­nal Er­ken­nen, be­trach­ten und bes­se­ren kön­ne, Bonn 1748.

Literatur

Beck­mann, Karl, Hein­rich Lin­den­born, der köl­ni­sche Dio­ge­nes. Sein Le­ben und sei­ne Wer­ke. Ein Bei­trag zur Li­te­ra­tur und Kul­tur­ge­schich­te des Rhein­lan­des, Bonn 1908. 

Bo­ge, Bir­git, Cle­mens Au­gust und sei­ne Zeit im Spie­gel der Zeit­schrif­ten des Köl­ner Sa­ti­ri­kers Hein­rich Lin­den­born, in: Mö­lich, Ge­org/ Schwer­hoff, Gerd (Hg.), Köln als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zen­trum. Stu­di­en zur früh­neu­zeit­li­chen Stadt­ge­schich­te, Köln 1999, S. 211-226.

Brau­bach, Max, Die ers­te Bon­ner Zei­tung, in: Alt-Bonn 2 (1948), S. 25-27.

Nie­sen, Jo­sef, Bon­ner Per­so­nen­le­xi­kon, 3., ver­bes­ser­te und er­wei­ter­te Auf­la­ge, Bonn 2011, S. 280-281.

Zeim, Char­lot­te E., Die rhei­ni­sche Li­te­ra­tur der Auf­klä­rung. Köln und Bonn, Je­na 1932.

Online

„Zur va­ter­län­di­schen Lit­te­ra­tur­ge­schich­te“, in: Gnä­digst Pri­vi­le­gir­tes Bön­ni­sches In­tel­li­genz­blatt vom 10. März 1791, S. 75-78. [On­line]

 
Zitationshinweis

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Schlöder, Christian, Heinrich Lindenborn, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/heinrich-lindenborn/DE-2086/lido/57c941b21771b1.81099619 (19.10.2018)