Hermann Herberts

Politiker, Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal (1900-1995)

Volkmar Wittmütz (Köln)

Porträtfoto von Hermann Herberts, ca. 1967. (Archiv der SPD Wuppertal)

Der we­gen sei­nes so­zia­len En­ga­ge­ments und sei­ner sach­li­chen, und kom­pro­miss­be­rei­ten Hal­tung po­pu­lä­re Po­li­ti­ker Her­mann Her­berts ge­noss auch beim po­li­ti­schen Geg­ner Re­spekt. Sei­ne be­son­de­re Für­sor­ge galt dem Wie­der­auf­bau der zer­stör­ten Stadt Wup­per­tal, ins­be­son­de­re der Er­rich­tung von Wohn- und Schul­ge­bäu­den, aber auch dem Sport und der Kul­tur.

Her­mann Her­berts wur­de am 4.4.1900 in Sud­berg im Sü­den des Städt­chens Cro­nen­berg (heu­te Stadt Wup­per­tal) in ei­ne po­li­tisch ak­ti­ve Fa­mi­lie ge­bo­ren. Der Va­ter war Werk­zeug­schlei­fer und trat früh der SPD und dem „Deut­schen Me­tall­ar­bei­ter-Ver­ban­d“, ei­ner Ge­werk­schaft, bei. Im Ers­ten Welt­krieg wur­de er Mit­glied der USPD, ei­ner Ab­spal­tung der Kriegs­geg­ner von der Mut­ter­par­tei SPD. Nach dem Krieg ra­di­ka­li­sier­te sich die Par­tei in Cro­nen­berg und schloss sich der KPD an, wäh­rend der rech­te Flü­gel und mit ihm der Va­ter Her­berts 1922 den Weg zu­rück in die SPD fand.

Der Sohn wuchs in Cro­nen­berg auf und ab­sol­vier­te ei­ne kauf­män­ni­sche Leh­re. Als 17-Jäh­ri­ger trat er eben­falls der Ge­werk­schaft und der USPD bei, wur­de de­ren Par­tei­se­kre­tär für den Be­zirk Rem­scheid-Cro­nen­berg und schrieb Ar­ti­kel für die „Volks­tri­bü­ne“, ei­ne Zei­tung sei­ner Par­tei. Im März 1920 or­ga­ni­sier­te er in sei­nem Be­zirk den Ge­ne­ral­streik, zu dem die Ge­werk­schaf­ten, un­ter­stützt von Par­tei­en wie der USPD, deutsch­land­weit auf­ge­ru­fen hat­ten, um den Sturz des ho­hen preu­ßi­schen Be­am­ten Wolf­gang Kapp (1858-1922) und sei­ner Re­gie­rung her­bei­zu­füh­ren. Kapp hat­te mit der Un­ter­stüt­zung ei­ni­ger mi­li­tä­ri­scher Ver­bän­de durch ei­nen Putsch die Macht in Ber­lin über­nom­men und die de­mo­kra­tisch ge­wähl­te Re­gie­rung zur Flucht ge­zwun­gen. Si­cher­lich hat Her­berts auch haut­nah er­lebt, wie am 16.3.1920 in Cro­nen­berg im Rah­men von Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen der be­rüch­tig­ten Si­cher­heits­po­li­zei und de­mons­trie­ren­den Ar­bei­tern die­se nie­der­ge­schos­sen und da­bei min­des­tens acht Men­schen ge­tö­tet und et­li­che ver­letzt wur­den.

Durch die Spal­tung der USPD ver­lor Her­berts sei­ne Stel­le als Par­tei­se­kre­tär. Er ar­bei­te­te fort­an als Ver­lags­kauf­mann und Jour­na­list für die El­ber­fel­der „Volks­tri­bü­ne“, ei­nem Blatt der Rest-USPD. Wie sein Va­ter hat­te er sich dem rech­ten Flü­gel der Par­tei an­ge­schlos­sen, 1922 fand er eben­falls den Weg in die SPD. 1921 hat­te das jun­ge Par­tei­mit­glied be­reits die kurz zu­vor ge­grün­de­te Heim­volks­hoch­schu­le Schloss Tinz in Ge­ra (Thü­rin­gen) be­sucht. Dort er­hiel­ten Ar­bei­ter­funk­tio­nä­re in meist sechs­mo­na­ti­gen Kur­sen von an­er­kann­ten Do­zen­ten wie Ernst Fra­en­kel (1898-1975), Karl Korsch (1886-1961) oder Ot­to Suhr (1894-1957) Un­ter­richt in Po­li­tik und ver­wand­ten Fä­chern, um ih­re feh­len­de schu­li­sche Bil­dung wett­zu­ma­chen.

Seit 1922 ar­bei­te­te Her­berts als Jour­na­list für so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Blät­ter in Iser­lohn, Sie­gen und Ha­gen. Wäh­rend die­ser „Wan­der­jah­re“ eig­ne­te er sich um­fang­rei­che Kennt­nis­se in so­zi­al- und wirt­schafts­po­li­ti­schen Fra­gen an, die er 1925 durch den Be­such der staat­li­chen Fach­schu­le für Wirt­schaft und Ver­wal­tung in Düs­sel­dorf noch ver­tie­fen konn­te. Er wur­de Re­dak­teur bei der „Frei­en Pres­se“ in Ha­gen und wech­sel­te 1929 als Wirt­schafts­re­dak­teur nach Leip­zig, zu der an­ge­se­he­nen „Leip­zi­ger Volks­zei­tun­g“, dem wich­tigs­ten so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Or­gan ne­ben dem „Vor­wärts“. Er über­nahm dort auch den Vor­sitz im ehr­wür­di­gen „Leip­zi­ger Ar­bei­ter­bil­dungs­in­sti­tu­t“, aus dem 1863 der „All­ge­mei­ne Deut­sche Ar­bei­ter-Ver­ein“, die Keim­zel­le der SPD, her­vor­ge­gan­gen war, und 1932 war er so­gar von sei­ner Leip­zi­ger Par­tei als Kan­di­dat für ei­nen Sitz im Reichs­tag vor­ge­se­hen.

Nach der Macht­über­nah­me durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten er­hielt Her­berts als Jour­na­list Be­rufs­ver­bot, kehr­te in sei­ne Hei­mat zu­rück und er­rich­te­te mit Hil­fe sei­nes Va­ters ei­ne klei­ne Werk­zeug­fa­brik. Sein Haus wur­de ein Treff­punkt vor al­lem so­zi­al­de­mo­kra­ti­scher Wi­der­ständ­ler aus dem Ber­gi­schen Land, die dort in­ten­siv über die po­li­ti­sche Ord­nung nach dem En­de des „Drit­ten Rei­ches“ dis­ku­tier­ten. Nach des­sen Zu­sam­men­bruch 1945 zog es Her­berts er­neut in die Po­li­tik. Er schrieb Leit­ar­ti­kel für das „Rhein-Echo“, ei­ne der SPD na­he­ste­hen­de Zei­tung in Düs­sel­dorf, und wur­de de­ren stell­ver­tre­ten­der Chef­re­dak­teur. Die Par­tei ent­sand­te ihn, den Fach­mann für Wirt­schafts­fra­gen, 1947 bis 1949 in den Zwei­zo­nen- und spä­ter den Drei­zo­nen-Wirt­schafts­rat in Frank­furt, das par­la­men­ta­ri­sche Kon­troll­or­gan der ge­mein­sa­men Wirt­schafts­ver­wal­tung der west­li­chen Be­sat­zungs­zo­nen. Ein Freund ver­mit­tel­te ihm ei­ne Tä­tig­keit in der Pres­se­stel­le des DGB in Düs­sel­dorf, die er von 1961 bis 1964 lei­te­te.

1952 wur­de Her­berts Stadt­ver­ord­ne­ter in Wup­per­tal. Der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung ge­hör­te er bis 1969 an, und von 1956 bis 1961 und er­neut von 1964 bis 1969 lei­te­te er sie als Ober­bür­ger­meis­ter der Stadt Wup­per­tal. Sei­ne sach­li­che und ver­mit­teln­de, um Aus­gleich un­ter­schied­li­cher In­ter­es­sen be­müh­te Lei­tung brach­te ihm ho­he An­er­ken­nung von al­len Sei­ten, und am En­de sei­ner Amts­zeit konn­te er sich rüh­men, dass von 7.647 Be­schlüs­sen des Ra­tes un­ter sei­ner Lei­tung 7.311 ein­stim­mig ge­fasst wor­den wa­ren.

Als Ober­bür­ger­meis­ter Wup­per­tals setz­te er den ra­schen, oft auch ge­sichts­lo­sen Wie­der­auf­bau von Wohn- und Schul­ge­bäu­den in der Stadt fort, den sei­ne Vor­gän­ger schon bald nach Kriegs­en­de in die We­ge ge­lei­tet hat­ten. Doch er drück­te der Stadt auch sei­nen ei­ge­nen Stem­pel auf. So zum Bei­spiel fiel in sei­ne Amts­zeit die ers­te grenz­über­schrei­ten­de Städ­te­part­ner­schaft Wup­per­tals, die 1959 mit der fran­zö­si­schen Stadt St. Eti­en­ne ver­ein­bart wur­de. Mit der so­ge­nann­ten „Schw­imm­oper“ in El­ber­feld wur­de 1957 ein mo­der­ner städ­te­bau­li­cher Ak­zent ge­setzt und Wup­per­tal zu ei­nem Mek­ka des Schwimm­sports ent­wi­ckelt. 1958 wur­de die „Ruh­mes­hal­le“ im Zen­trum Bar­mens, ein wil­hel­mi­ni­scher Mu­se­ums­bau, wie­der­her­ge­stellt, 1965 das Schul­zen­trum „Am Ko­then“ in Be­trieb ge­nom­men, 1966 ein neu­es Schau­spiel­haus in El­ber­feld mit ei­ner weit­hin be­ach­te­ten Re­de Hein­rich Bölls (1917-1985) ein­ge­weiht.

Auch bun­des­po­li­tisch war Her­berts ak­tiv, von 1963 bis 1968 hat­te er ein Bun­des­tags­man­dat in­ne, zu­nächst als Nach­rü­cker für Hein­rich De­ist (1902-1964), den Wirt­schafts­fach­mann der SPD, seit 1965 als di­rekt ge­wähl­ter Ab­ge­ord­ne­ter des Wahl­krei­ses Wup­per­tal-West.

Le­gen­där war die Be­schei­den­heit des Wup­per­ta­ler Ober­bür­ger­meis­ters. Sei­ne Amts­ket­te trug er nur sel­ten, den ihm zu­ste­hen­den Dienst­wa­gen nahm er eben­falls nur ge­le­gent­lich in An­spruch. Nach der Ar­beit im Rat­haus sah man ihn da­für oft mit der Stra­ßen­bahn nach Hau­se in Cro­nen­berg fah­ren. Als er, durch ei­ne län­ge­re Sit­zung in Bonn auf­ge­hal­ten, ei­nes Abends nicht recht­zei­tig in Wup­per­tal sein konn­te und sei­ne Ver­spä­tung te­le­fo­nisch mel­de­te, bot man ihm an, sei­nen Dienst­wa­gen nach Bonn zu schi­cken. Her­berts lehn­te ab, als Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter ha­be er doch ei­ne Bahn­kar­te und kön­ne die­se nut­zen.

 

Nach sei­nem Aus­schei­den aus dem Amt und dem Stadt­rat en­ga­gier­te sich Her­berts als „in­ter­es­sier­ter Bür­ger“ in meh­re­ren Aus­schüs­sen des Stadt­ra­tes, et­wa im Pla­nungs- und Bau­aus­schuss. Vor al­lem aber bau­te er sein Hob­by, die Er­for­schung der lo­ka­len Ge­schich­te des Wup­per­tals, aus. Zum 100-jäh­ri­gen Ju­bi­lä­um der SPD 1963 hat­te er be­reits ei­ne Ge­schich­te der Wup­per­ta­ler SPD ver­fasst, die ihm den zwei­ten Preis der Ot­to-Wels-Ge­sell­schaft ein­ge­tra­gen hat­te. Die Ar­beit an dem Werk hat­te sei­nen Blick auf den Vor­märz ge­lenkt, und so be­schäf­tig­te er sich als Pen­sio­när mit For­schun­gen zur Wirt­schaft und Ge­sell­schaft des Wup­per­tals in der Zeit des Vor­märz. Sie gip­fel­ten in dem Buch „Al­les ist Kir­che und Han­del...“, das ge­schickt ei­nen Aus­spruch des Bon­ner Theo­lo­gen Karl Im­ma­nu­el Nitzsch (1787-1868) über das Wup­per­tal auf­nahm und 1980 vom Ber­gi­schen Ge­schichts­ver­ein ver­öf­fent­licht wur­de.

Her­berts er­hielt vie­le Eh­run­gen. Am wich­tigs­ten war ihm wohl die Er­nen­nung zum Eh­ren­bür­ger Wup­per­tals aus An­lass sei­nes 80. Ge­burts­ta­ges. Am 25.12.1995 starb er in Wup­per­tal im Al­ter von 95 Jah­ren.

Im Stadt­teil Cro­nen­berg er­in­nert die Her­mann-Her­berts-Grund­schu­le an den lang­jäh­ri­gen Ober­bür­ger­meis­ter und SPD-Po­li­ti­ker. Die SPD Cro­nen­berg ver­leiht jähr­lich für be­son­de­ren Ein­satz für das Ge­mein­wohl die Her­mann-Her­berts-Me­dail­le.

Quellen

Im Stadt­ar­chiv Wup­per­tal: Be­stand „Zeit­ge­schicht­li­che Por­traits“ und Be­stand Zei­tungs­aus­schnitt-Samm­lung zu Her­mann Her­berts. - Nach­lass Her­mann Her­berts.

Werke

Zur Ge­schich­te der SPD in Wup­per­tal. Ein Bei­trag zum Hun­dert­jahr-Ju­bi­lä­um 1963, Wup­per­tal-El­ber­feld 1963.
„Al­les ist Kir­che und Han­del...“ Wirt­schaft und Ge­sell­schaft des Wup­per­tals im Vor­märz und in der Re­vo­lu­ti­on 1848/49, Neu­stadt/Aisch 1980.

Literatur

Po­li­tik und Bür­ger. Auf­sät­ze zum 65. Ge­burts­tag von Her­mann Her­berts, Ober­bür­ger­meis­ter der Stadt Wup­per­tal, Wup­per­tal [1965].
Rhefus, Rei­ner, Spu­ren­si­che­rung 1920. Der Ar­bei­ter­auf­stand ge­gen den Kapp-Putsch und die da­ma­li­ge Ar­bei­ter­kul­tur im Ber­gi­schen Land, Es­sen 2000.
Vier­haus, Ru­dolf/Herbst, Lu­dolf (Hg.), Bio­gra­phi­sches Hand­buch der Mit­glie­der des Deut­schen Bun­des­ta­ges 1949–2002, Band 1: A–M, Mün­chen 2002, S. 332.

Hermann Herberts um 1992. (Archiv der SPD Wuppertal)

 
Zitationshinweis

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Wittmütz, Volkmar, Hermann Herberts, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/hermann-herberts-/DE-2086/lido/5f5f164614a601.96949298 (abgerufen am 20.09.2021)