Jacques Offenbach

Komponist (1819-1880)

Karsten Lehl (Düsseldorf)

Jacques Offenbach im Pelzmantel, ca. 1860er, Foto: Nadar (Gaspard-Félix Tournachon). (Gallica Digital Library, ID: btv1b530922314)

Jac­ques Of­fen­bach war ein Kom­po­nist, des­sen Büh­nen­wer­ke bis heu­te welt­weit ge­spielt wer­den. Ne­ben der Oper „Hoff­manns Er­zäh­lun­gen“ wur­den vor al­lem sei­ne Ope­ret­ten be­kannt. Die­se sind in Frank­reich noch heu­te als mu­si­ka­li­sches Syn­onym für die Re­gie­rungs­zeit Kai­ser Na­po­le­on III. (Staats­prä­si­dent 1848−1852, Kai­ser 1852−1870) re­gel­recht Teil des na­tio­na­len Selbst­ver­ständ­nis­ses.

Ja­cob Of­fen­bach wur­de am 20.6.1819 in Köln als sieb­tes von zehn Kin­dern des Ehe­paars Isaac Of­fen­bach (1779–1850) und Ma­ri­an­ne Rinds­kopf (1785–1840) ge­bo­ren. Isaac Of­fen­bach hieß mit Nach­na­men ur­sprüng­lich Eberst. Er hat­te sich spä­tes­tens, als er 1816 nach Köln kam, den Na­men sei­ner Ge­burts­stadt Of­fen­bach am Main zum neu­en Na­men ge­wählt, viel­leicht auch, um sich von sei­nem Va­ter ab­zu­set­zen, der eben­falls Isaac mit Vor­na­men hieß. Isaac Of­fen­bach war ein viel­sei­tig be­gab­ter Mu­si­ker, der nicht nur als Kan­tor der jü­di­schen Ge­mein­de, son­dern auch als Vio­li­nist, Gi­tar­rist und Flö­tist tä­tig war und auf den ent­spre­chen­den In­stru­men­ten­Un­ter­richt er­teil­te. Da­ne­ben kom­po­nier­te er, wo­bei er sich vor al­lem auf geist­li­che Mu­sik kon­zen­trier­te. Sei­ne er­hal­te­nen Wer­ke, die teils auch im Druck er­schie­nen sind, wer­den im His­to­ri­schen Ar­chiv der Stadt Köln ge­sam­melt und gel­ten als be­deu­ten­de Zeug­nis­se des jü­di­schen Kul­tur­le­bens der Stadt Köln. Ei­ni­ge Me­lo­di­en aus sei­nen Kom­po­si­tio­nen wur­den von Jac­ques Of­fen­bach in spä­te­ren Pa­ri­ser Par­ti­tu­ren zi­tiert.

Al­le Kin­der des Hau­ses Of­fen­bach er­lern­ten das Violin­spiel. Auch der jun­ge Ja­cob brach­te es dar­in zu be­acht­li­chem Kön­nen, doch galt sei­ne ei­gent­li­che Lie­be dem Vio­lon­cel­lo. Nach­dem er sich ei­ni­ge Zeit au­to­di­dak­tisch auf dem In­stru­ment ver­sucht hat­te, er­mög­lich­te ihm der Va­ter schlie­ß­lich ge­re­gel­ten Un­ter­richt bei Jo­seph Alex­an­der (1772–1840), der sei­ner­zeit ei­nen gu­ten Ruf als In­stru­men­ta­list und Päd­ago­ge hat­te. Bald wa­ren Ja­cobs Küns­te so weit fort­ge­schrit­ten, dass er mit sei­nem Bru­der Ju­da (spä­ter Ju­li­us oder Ju­les, 1815–1880) als Vio­li­nist und der Schwes­ter Isa­bel­la (1817–1891) am Kla­vier im Trio auf­tre­ten konn­te und so die ewig knap­pe Kas­se des Of­fen­bach‘schen Haus­halts ent­las­ten half. Um grö­ße­res Auf­se­hen mit dem jun­gen Cel­lis­ten zu er­re­gen, wur­de sein Ge­burts­da­tum auf das Jahr 1821 „ver­leg­t“ – ein da­mals gän­gi­ger Kniff, den Of­fen­bach schlie­ß­lich wohl selbst als Wahr­heit an­nahm. Auch in pri­va­ten Pa­pie­ren und au­to­bio­gra­phi­schen Skiz­zen gab er spä­ter sein Ge­burts­jahr mit 1821 an. Dies führ­te zu ei­ni­gen Ver­wir­run­gen, bis schlie­ß­lich in den 1950er Jah­ren die Auf­fin­dung des ent­spre­chen­den Köl­ner Stan­des­amts­re­gis­ters end­gül­ti­ge Klar­heit brach­te.

Sei­nem Leh­rer war Ja­cob Of­fen­bach bald ent­wach­sen und wech­sel­te zu Bern­hard Breu­er (1808–1877), der ihn nicht nur als Cel­lis­ten wei­ter­bil­de­te, son­dern ihm wohl auch ers­te Kom­po­si­ti­ons­stun­den gab; zu­min­dest ist ihm Of­fen­bachs Opus 1 ge­wid­met. Viel­leicht war es auch Breu­ers Ein­fluss, der Of­fen­bach spä­ter der Ope­ret­te zu­stre­ben ließ. Von ihm exis­tiert zu­min­dest ei­ne „Kar­ne­vals-Ope­ret­te“ mit dem Ti­tel „Die Köl­ner in Pa­ris“.

Der junge Jacques Offenbach, 1840er. (Bibliothèque nationale de France)

 

Die­ser Ti­tel soll­te sich als ge­ra­de­zu pro­phe­tisch er­wei­sen, denn im Jahr 1833 fass­te Isaac Of­fen­bach den Ent­schluss, mit sei­nen Söh­nen Ju­li­us und Ja­cob nach Pa­ris zu rei­sen, wo er bes­se­re Le­bens­um­stän­de für sei­ne mu­si­zie­ren­den Söh­ne er­hoff­te. Per Re­gie­rungs­ver­fü­gung durf­te am dor­ti­gen Con­ser­va­toire, das da­mals die ein­zi­ge staat­li­che Aus­bil­dungs­stät­te für Mu­si­ker in Eu­ro­pa war, seit 1822 kein Aus­län­der mehr auf­ge­nom­men wer­den, doch Isaac Of­fen­bach war au­ßer­or­dent­lich hart­nä­ckig und er­reich­te schlie­ß­lich, dass Jac­ques dem we­gen sei­ner Stren­ge ge­fürch­te­ten Di­rek­tor Lu­i­gi Che­ru­bi­ni (1760–1842) per­sön­lich vor­spie­len durf­te – und zum all­ge­mei­nen Er­stau­nen mit ei­ner Son­der­ge­neh­mi­gung auf­ge­nom­men wur­de.In der Cel­lo­klas­se von Oli­ve-Char­lier Vas­lin (1794–1889) hielt es den von Na­tur aus rast­lo­sen Jac­ques Of­fen­bach, wie er sich nun nann­te, al­ler­dings nicht lan­ge. Das Stu­di­um mit sei­nem ri­gi­den Stun­den­plan war ihm ei­ne Qual und hin­der­te ihn da­ne­ben am Geld­ver­die­nen; die Ein­künf­te von Bru­der Ju­les durch Un­ter­rich­ten und ge­le­gent­li­che En­ga­ge­ments reich­ten kaum für das Not­wen­digs­te. Dass er schlie­ß­lich auch von den pres­ti­ge­träch­ti­gen Preis-Wett­be­wer­ben aus­ge­schlos­sen wur­de, da er kein sat­zungs­ge­mä­ßer Stu­dent war, führ­te da­zu, dass Of­fen­bach be­reits im De­zem­ber 1834 das Con­ser­va­toire ver­ließ. Trotz sei­ner Ju­gend ge­lang es ihm bald, als Cel­list im Or­ches­ter der Opé­ra-Co­mi­que an­ge­stellt zu wer­den, die im­mer­hin das zweit­grö­ß­te Opern­haus der Kul­tur­me­tro­po­le war.

Auch der Dienst im Opern­or­ches­ter wan­del­te sich je­doch bald zum Zwang ei­nes spär­li­chen Brot­er­werbs. Ein Aus­weg deu­te­te sich an in der Per­son des be­rühm­ten Kom­po­nis­ten Jac­ques Fro­men­tal Halé­vy (1799–1862). Nach der Pro­be ei­nes Halé­vy-Ein­ak­ters, bei der der Kom­po­nist an­we­send war, wag­te es Of­fen­bach nach ei­ni­gem Zö­gern, ihn um ei­ne Frei­kar­te für des­sen sen­sa­tio­nell er­folg­rei­che Oper „La Jui­ve“ am Gro­ßen Opern­haus zu bit­ten. Halé­vy war das jun­ge Ta­lent sym­pa­thisch, und schlie­ß­lich er­teil­te er Of­fen­bach so­gar kos­ten­los ge­le­gent­li­chen Kom­po­si­ti­ons­un­ter­richt. Ne­ben erns­ten Stu­di­en wa­ren es je­doch schon da­mals die Tän­ze und Ver­gnü­gun­gen der Pa­ri­ser Ca­fés und Ball­sä­le, die Of­fen­bach fas­zi­nier­ten. 1836 stan­den ers­te Wer­ke von ihm in den Pro­gram­men der gro­ßen Pa­ri­ser Tanz­or­ches­ter und im Ja­nu­ar er­schie­nen ers­te Dru­cke. Of­fen­bach er­wies sich rasch als Wer­be­ge­nie, in­dem er im­mer wie­der wit­zi­ge Mel­dun­gen in den Pa­ri­ser Zei­tun­gen lan­cier­te und da­mit auf sich auf­merk­sam mach­te: 1837 et­wa schrieb der „Me­ne­st­rel“, Of­fen­bach ha­be ein Ta­schen­tuch ver­lo­ren, auf dem er ei­nen Wal­zer skiz­ziert ha­be, und bot ei­ne ho­he Be­loh­nung für die Rück­ga­be des (wohl fik­ti­ven) Tuchs.

Jacques Offenbach am Violoncello, 1840er.

 

Die Freund­schaft mit dem Kom­po­nis­ten Fried­rich von Flo­tow (1812–1883) half Of­fen­bach zu­sätz­lich. Die­ser fi­nan­zi­ell un­ab­hän­gi­ge Aris­to­krat war in der Pa­ri­ser Ge­sell­schaft bes­tens ver­netzt und be­nutz­te sei­nen Ein­fluss, um Of­fen­bach dort be­kannt zu ma­chen. Nicht zu­letzt hier­durch gab der nicht ein­mal 20-Jäh­ri­ge sein ers­tes So­lo-Kon­zert als Cel­list im Ja­nu­ar 1839 vor ei­nem über­füll­ten Saal mit grö­ß­tem Er­folg. In sei­nen Qua­li­tä­ten als Kom­po­nist und Vir­tuo­se wur­de er mit Frédé­ric Cho­pin (1810–1849) ver­gli­chen. Ein ers­tes Büh­nen­werk al­ler­dings wur­de we­nig spä­ter nicht zu­letzt auf­grund er­zwun­ge­ner Kür­zun­gen zum Miss­er­folg. Da­her kon­zen­trier­te sich Of­fen­bach zu­nächst auf Kon­zer­te. Die­se Tä­tig­keit führ­te ihn auch im Som­mer 1839 wie­der nach Köln, wo er drei Mo­na­te in sei­nem El­tern­haus ver­brach­te und ge­mein­sam mit sei­nem Bru­der Ju­les kon­zer­tier­te. Nach ei­nem kur­zen In­ter­mez­zo in Frank­reich reis­te er aus fa­mi­liä­ren Grün­den wie­der­um nach Köln, wo er 1840 in­ner­halb we­ni­ger Mo­na­te sei­nen jüngs­ten Bru­der Mi­cha­el und sei­ne Mut­ter be­er­di­gen muss­te, be­vor er wie­der nach Pa­ris zu­rück­kehr­te.

In den kom­men­den Jah­ren stieg sei­ne Be­kannt­heit als Mu­si­ker in Pa­ris be­stän­dig. Hier­zu trug auch sei­ne Ver­bin­dung mit Her­mi­nie d’Al­cain (1826–1887) bei, für die er 1844 vor der Hei­rat zum ka­tho­li­schen Glau­ben kon­ver­tier­te. Ihr Va­ter war ein Kon­zert­agent mit in­ter­na­tio­na­len Ver­bin­dun­gen. Mit sei­ner Hil­fe konn­te Jac­ques Of­fen­bach 1844 kurz vor der Hei­rat ei­ne Kon­zert­rei­se nach Lon­don un­ter­neh­men. So wur­de er auch in­ter­na­tio­nal im­mer mehr ge­fragt. Sei­ne Pa­ri­ser Kar­rie­re je­doch er­litt ei­ne wei­te­re Un­ter­bre­chung, als En­de Fe­bru­ar 1848 in Pa­ris re­vo­lu­tio­nä­re Un­ru­hen be­gan­nen. Aus Sor­ge um die Si­cher­heit der Fa­mi­lie kehr­te Of­fen­bach mit sei­ner Frau und Toch­ter Ber­the (1845–1927), der ers­ten von ins­ge­samt fünf Töch­tern, nach Köln zu­rück. Er hat­te kei­ne Schwie­rig­kei­ten, ei­nen her­vor­ge­ho­be­nen Platz un­ter den Mu­si­kern der Stadt ein­zu­neh­men.

Am 14.8.1848 spiel­te Of­fen­bach bei den Fei­er­lich­kei­ten zum 600. Jah­res­tag der Grund­stein­le­gung des Köl­ner Doms; die „Köl­ni­sche Zei­tun­g“ schrieb da­zu: „Er ist ei­ner der Un­se­ren, und wir sind stolz dar­auf.“ Of­fen­bachs ko­mi­sche Büh­nen­wer­ke, die er in Köln vor­stellt, ver­fehl­ten je­doch die er­hoff­te Wir­kung. Auch wenn sich die re­vo­lu­tio­nä­ren Be­stre­bun­gen in Deutsch­land we­ni­ger hef­tig auf das All­tags­le­ben aus­wirk­ten als in Frank­reich, war der iro­ni­sche Witz Of­fen­bachs hier nicht zur rech­ten Zeit am rech­ten Ort. Ge­ra­de­zu über­mä­ßig pa­trio­ti­sche Wer­ke wie ein „Lied der jun­gen Deut­schen“ oder „Deut­sches Va­ter­lan­d“ ka­men bes­ser an, wur­den aber vom Kom­po­nis­ten selbst spä­ter nach Mög­lich­keit scham­haft ver­schwie­gen. So ver­wun­dert es nicht, dass die Of­fen­bachs nach Pa­ris zu­rück­kehr­ten, so­bald die Re­gie­rungs­über­nah­me durch Louis-Na­po­lé­on Bo­na­par­te, dem spä­te­ren Na­po­le­on III., ge­ord­ne­te­re Ver­hält­nis­se ver­sprach.

Karikatur Jacques Offenbachs als Cellist, Nadar nach Édouard Riou. (Bibliothèque nationale de France)

 

Im Jahr 1850 über­nahm Jac­ques Of­fen­bach die Po­si­ti­on ei­nes Haus­kom­po­nis­ten und Or­ches­ter­lei­ters der „Co­mé­die-Françai­se“. Hier be­gann Of­fen­bach auch, für die Schau­spie­ler des Hau­ses Ge­sangs­ein­la­gen in sei­ne Büh­nen­mu­si­ken zu kom­po­nie­ren; dies hat­te al­ler­dings auf­grund des sehr un­ter­schied­li­chen Mu­sik­ta­l­ents der Dar­stel­ler nicht im­mer den ge­wünsch­ten Er­folg. In klei­nen bur­les­ken Wer­ken, die zwi­schen den Ak­ten wäh­rend der Pau­sen ge­spielt wur­den, ver­fei­ner­te er sein Ge­spür für Büh­nen­wirk­sam­keit in der Mu­sik – al­ler­dings oh­ne, dass das Pu­bli­kum son­der­lich viel da­von be­merk­te. Erst 1855 ge­lang ihm mit der Gro­tes­ke „Oya­yaye oder die Kö­ni­gin der In­seln“ (von Of­fen­bach selbst als „Mu­si­ka­li­sche Men­schen­fres­se­rei“ klas­si­fi­ziert) ein grö­ße­rer Er­folg. Im Som­mer er­öff­ne­te er sein ei­ge­nes klei­nes Thea­ter in Pa­ris, das er „Bouf­fes-Pa­ri­si­en­s“ nann­te. In Lu­do­vic Halé­vy (1834–1908), ei­nem Nef­fen sei­nes ehe­ma­li­gen Leh­rers, fand er ei­nen Li­bret­tis­ten, der in ähn­li­chen Bah­nen dach­te. In ge­mein­sa­mer Ar­beit ent­stand nun in den kom­men­den Jah­ren das Gen­re, das mit „Ope­ret­te“ nur un­zu­rei­chend be­schrie­ben ist: Of­fen­bach selbst nann­te sei­ne Wer­ke zu­meist „ko­mi­sche Oper“ oder in An­leh­nung an sein Thea­ter „Opé­ra bouf­fe“; spä­ter wur­de zeit­wei­lig auch die Be­zeich­nung „Of­fen­ba­ch­i­a­de“ gän­gig, um die ein­ma­li­ge Mi­schung aus Opern­mu­sik, Mo­de­tän­zen, Ge­sell­schafts­sa­ti­re und der Par­odie klas­si­scher Thea­ter­for­men von der Wie­ner Ope­ret­te ab­zu­set­zen.

Be­reits mit sei­ner ers­ten Pro­duk­ti­on wur­de Of­fen­bach end­gül­tig be­rühmt: „Die bei­den Blin­den“ wur­de auf­grund des über­wäl­ti­gen­den Zu­laufs über ein Jahr ge­spielt. Im Au­gust ent­deck­te Of­fen­bach in Hor­ten­se Schnei­der (1833–1920) ei­nen Star, um den ihn an­de­re Häu­ser be­nei­de­ten. Be­reits im De­zem­ber 1855 be­zog die „Opé­ra bouf­fe“ ein neu­es, dop­pelt so gro­ßes Haus. In den kom­men­den Jah­ren war Of­fen­bach als Kom­po­nist und Un­ter­neh­mer un­er­müd­lich im Ein­satz. Im ei­ge­nen Haus pro­du­zier­te er Er­fol­ge wie „Or­pheus in der Un­ter­welt“ (1858), „For­t­uni­os Lie­d“ (1861) oder „Pa­ri­ser Le­ben“ (1866), doch war er auch für an­de­re Büh­nen tä­tig: So schrieb er et­wa „Die schö­ne He­len­a“ (1864) und „Rit­ter Blau­bar­t“ (1867) für die „Va­rié­té­s“. An der Opé­ra-Co­mi­que schlie­ß­lich er­schien 1869 die Oper „Vert-Ver­t“, die al­ler­dings eben­so wie na­he­zu al­le an­de­ren Wer­ke die Er­war­tun­gen des Kom­po­nis­ten nicht er­füll­te, wenn er für grö­ße­re Häu­ser schrieb. Erst der post­hu­me Er­folg von „Hoff­manns Er­zäh­lun­gen“ eta­blier­te Of­fen­bach in der öf­fent­li­chen Wahr­neh­mung als Meis­ter auch der erns­te­ren For­men.

Werbeplakat des Theaters 'Bouffes-Parisiens', illustriert von Nadar, 1865. (Bibliothèque nationale de France)

 

Au­ßen­ste­hen­den muss­te Of­fen­bachs Le­ben ge­ra­de­zu un­glaub­lich hek­tisch er­schei­nen: Ne­ben et­wa fünf neu­en Büh­nen­wer­ken jähr­lich ging er auf Kon­zert­tour­ne­en, die ihn bis in die USA führ­ten, küm­mer­te sich um neue Kräf­te für sein Thea­ter und sorg­te ge­schickt da­für, dass er in der Pres­se und beim Hof ge­gen­wär­tig blieb. Lu­do­vic Halé­vy er­in­ner­te sich sicht­lich be­ein­druckt: „Er schrieb, schrieb und schrieb – mit un­wahr­schein­li­cher Ge­schwin­dig­keit! Ab und zu schlug er da­zwi­schen mit der lin­ken Hand ei­ni­ge Ak­kor­de auf dem Kla­vier an, nach ei­ner Ton­fol­ge su­chend, wäh­rend die Rech­te un­auf­hör­lich über das Pa­pier glitt. Sei­ne Kin­der tum­mel­ten sich um ihn her­um, schrei­end, spie­lend, la­chend und sin­gend. Freun­de und Mit­ar­bei­ter ka­men – völ­lig un­be­fan­gen plau­der­te, scherz­te und un­ter­hielt er sich, wäh­rend sei­ne rech­te Hand im­mer wei­ter schrieb [...]“.

Mehr­fach hat­te Of­fen­bach die Lei­tung sei­nes Thea­ters ab­ge­ge­ben, um sie schlie­ß­lich doch wie­der zu über­neh­men – die per­ma­nen­te Ge­schäf­tig­keit über­deck­te, dass Of­fen­bach be­reits seit meh­re­ren Jah­ren an Gicht litt und sich sein Ge­sund­heits­zu­stand im­mer mehr ver­schlech­ter­te. Cel­lo konn­te er be­reits seit Jah­ren nicht mehr spie­len, und auch das Di­ri­gie­ren fiel ihm zu­neh­mend schwer. Ob­wohl es na­he­liegt, im Deutsch-Fran­zö­si­schen Krieg 1870/1871 den Grund für ei­ne all­mäh­lich schwin­den­de Po­pu­la­ri­tät Of­fen­bachs zu se­hen, ist doch das kör­per­li­che Be­fin­den des Kom­po­nis­ten ein we­sent­li­che­rer Fak­tor ge­we­sen. Dass an­ti-deut­sche Strö­mun­gen Of­fen­bach zwar bis­wei­len tra­fen, aber nicht dau­er­haft grif­fen, be­legt al­lein die Tat­sa­che, dass im Herbst 1875 in Pa­ris nicht we­ni­ger als drei Of­fen­bach-Pre­mie­ren in­ner­halb ei­nes Mo­nats statt­fan­den. Zu­dem wur­den im­mer mehr sei­ner äl­te­ren Wer­ke neu in­sze­niert. Dies freu­te den Kom­po­nis­ten nicht un­be­dingt, da er lie­ber neue Wer­ke her­aus­ge­bracht hät­te, doch be­tei­lig­te er sich auch hier, so­weit sei­ne Kräf­te es noch zu­lie­ßen. Bei der Pre­mie­re des neu in­sze­nier­ten „Or­pheus“ am 4.8.1878 (zu­gleich die 1000. Auf­füh­rung des Werks) konn­te er nur noch das Di­ri­gat des zwei­ten Ak­tes über­neh­men.

Um die per­ma­nen­ten Schmer­zen durch Wär­me zu lin­dern, trug Of­fen­bach nun per­ma­nent Pelz­män­tel, auch im Hau­se. Noch ein­mal kehr­te er nach ei­nem Kur­auf­ent­halt in Wild­bad 1879 in sei­ne Ge­burts­stadt zu­rück. Das Er­leb­nis war zu­tiefst ent­täu­schend für den Kom­po­nis­ten: Die meis­ten Freun­de wa­ren be­reits tot und sein Ge­burts­haus ab­ge­ris­sen. „Die Toch­ter des Tam­bour­ma­jor­s“ (trotz der Opus­zahl 100 laut Werk­ver­zeich­nis al­lein das 105. Büh­nen­werk des Kom­po­nis­ten!) war die letz­te Pre­mie­re, die Of­fen­bach am 13.12.1879 noch er­leb­te – ein letz­ter in­ter­na­tio­na­ler Tri­umph. Ein Eh­ren­di­ner nach der 101. Pa­ri­ser Vor­stel­lung und das Di­ri­gat der Pre­mie­re in Brüs­sel wa­ren ei­ne Qual für Of­fen­bach, der sich 1880 end­gül­tig aus der Öf­fent­lich­keit zu­rück­zog, um sei­ne letz­ten Kräf­te auf die wei­test­mög­li­che Fer­tig­stel­lung sei­ner Kom­po­si­ti­ons­frag­men­te zu ver­wen­den, in­dem er sich teils mi­nu­ten­wei­se vom Bett zum Schreib­tisch und Kla­vier zwang. Am 4.10.1880 schlie­ß­lich brach er am Schreib­tisch ohn­mäch­tig zu­sam­men. Im Kreis sei­ner Fa­mi­lie starb Jac­ques Of­fen­bach am fol­gen­den Mor­gen, dem 5.10.1880.

Jacques Offenbach und sein Sohn Auguste, Bild aus 'Le Figaro', 1865. (Bibliothèque nationale de France)

 

Of­fen­bachs Grab be­fin­det sich auf dem Mont­mart­re-Fried­hof in Pa­ris, das Grab­mal schuf Charles Gar­nier (1825-1898), Ar­chi­tekt der Pa­ri­ser Oper (Gar­nier-Oper).

In Of­fen­bachs Va­ter­stadt Köln ist ei­ner der zen­tra­len Plät­ze der Stadt um Oper und Schau­spiel­haus nach ihm be­nannt. 2015 wur­de in Köln die Jac­ques-Of­fen­bach-Ge­sell­schaft e.V. ge­grün­det, um das Le­ben und Wir­ken des deutsch-fran­zö­si­schen Kom­po­nis­ten stär­ker ins Be­wusst­sein der Stadt Köln wie der Re­gi­on zu rü­cken.

Werke (Auswahl)

Wer­ke für Vio­lon­cel­lo:
Di­ver­ti­men­to über Schwei­zer­lie­der, Op. 1
Priè­re et Bo­lé­ro, Op. 22
Trois grands du­os con­cer­t­ants, Op. 43
Cours mé­tho­di­que de du­os (par deux vio­lon­cel­les), Op. 49, 50,51, 52, 54, 54
Har­mo­nie du soir, Op. 61 

Wer­ke für Kla­vier:
Fleurs d’hi­ver (1836)
Le Dé­ca­me­ron dra­ma­tique (1854)
The Ti­mes – Grand Waltz
Schü­ler-Pol­ka 

Vo­kal­wer­ke:
Fa­bles de La Fon­tai­ne (1842)
Le Lan­ga­ge des fleurs (1846)
Le Dé­sert (1846) [Ora­to­ri­en-Par­odie]
Das Va­ter­land (1848)
Les Voix mys­té­ri­eu­ses (1852)
Der klei­ne Tromm­ler (1863)

Büste auf Jacques Offenbachs Grab auf dem Cimetière de Montmartre, 2012. (Wowo2008 / via wikimedia commons / CC BY-SA 4.0)

 

Büh­nen­wer­ke [deut­sche Ti­tel der Erst­auf­füh­rung in ecki­gen Klam­mern]:
Oya­yaye ou la Rei­ne des Îles [Oya­yaye oder die Kö­ni­gin der In­seln] (1855)
Les Deux Aveugles [Die zwei Blin­den] (1855)
Le Ma­ria­ge aux lan­ter­nes [Die Hoch­zeit bei der La­ter­ne] (1857)
Or­phée aux En­fers [Or­pheus in der Un­ter­welt] (1858)
Les Vi­van­diè­res de la Gran­de Ar­mée (1859)
La Chan­son de For­t­unio [For­t­uni­os Lied] (1861)
Die Rhein­ni­xen (1864)
La Bel­le Hé­lè­ne [Die schö­ne He­le­na] (1864)
Bar­be-Bleue [Blau­bart] (1866)
La Vie pa­ri­si­en­ne [Pa­ri­ser Le­ben] (1866)
La Gran­de-Du­ch­es­se de Ge­rol­stein [Die Gro­ßher­zo­gin von Ge­rol­stein] (1867)
La Pé­ri­cho­le [Pe­ri­cho­le] (1868)
Le Roi Ca­rot­te (1872)
Le voya­ge dans la Lu­ne (1875)
Ma­da­me Fa­vart (1879)
La Fil­le du Tam­bour-Ma­jor [Die Toch­ter des Tam­bour­ma­jors] (1879)
Les Con­tes d’Hoff­mann [Hoff­manns Er­zäh­lun­gen] (1881)

Literatur

Brin­de­jont-Of­fen­bach, Jac­ques, Mein Gro­ßva­ter Jac­ques Of­fen­bach, Ber­lin 1967.
De­caux, Alain: Jac­ques Of­fen­bach, Mün­chen 1960.
Fa­ris, Alex­an­der, Jac­ques Of­fen­bach, Lon­don/Bos­ton 1980.

Teil eines Werbeplakates für die Premiere von Offenbachs 'Les Contes d’Hoffmann', 1881. (Bibliothèque nationale de France)

 
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Lehl, Karsten, Jacques Offenbach, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/jacques-offenbach/DE-2086/lido/5d0233e6315da6.13765871 (abgerufen am 24.07.2019)