Johannes Maria Verweyen

NS-Widerstandskämpfer (1883-1945)

Jennifer Striewski (Bonn)

Johannes Maria Verweyen, Porträtfoto.

Jo­han­nes Ma­ria Verw­ey­en lehr­te als Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie von 1908 bis zu sei­ner Ent­las­sung durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten 1934 an der Rhei­ni­schen Fried­rich Wil­helms-Uni­ver­si­tät Bonn. Auf­grund sei­ner öf­fent­li­chen Ab­leh­nung des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus wur­de er 1941 ver­haf­tet und we­ni­ge Mo­na­te vor Kriegs­en­de in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ber­gen-Bel­sen ver­schleppt, wo Verw­ey­en am 21.3.1945 starb.

Ge­bo­ren am 11.5.1883 auf ei­nem Bau­ern­hof in Till (heu­te Ge­mein­de Bed­burg-Hau), wuchs Jo­han­nes Ma­ria Verw­ey­en bei sei­ner Mut­ter An­na Sy­bil­la (1865-1936) – der Va­ter Hu­bert Verw­ey­en (1853-1883) starb be­reits ein hal­bes Jahr nach sei­ner Ge­burt – in der ka­tho­li­schen Tra­di­ti­on des Nie­der­rheins auf. Er be­such­te die Grund­schu­le in Till und das Kö­nig­li­che Gym­na­si­um in Kle­ve so­wie ab 1896 die Bi­schöf­li­che Stu­di­en­an­stalt Col­le­gi­um Au­gus­ti­nia­num in Ga­es­donck bei Goch. Ne­ben sei­nen Stu­di­en wid­me­te sich der jun­ge Verw­ey­en der Mu­sik und be­tä­tig­te sich als Or­ga­nist und Chor­lei­ter. Wäh­rend sei­ner Zeit in Ga­es­donck be­gann Verw­ey­en erst­ma­lig die ka­tho­li­sche Kir­che in Fra­ge zu stel­len.

Im Herbst 1899 ver­ließ Verw­ey­en das Col­le­gi­um und zog zu sei­ner Mut­ter, die mitt­ler­wei­le nach Düs­sel­dorf über­ge­sie­delt war, wo er 1902 am Ho­hen­zol­lern-Gym­na­si­um das Ab­itur ab­leg­te. Hat­te er sich ur­sprüng­lich dem Stu­di­um der Theo­lo­gie und Rechts­wis­sen­schaf­ten wid­men wol­len, so wähl­te er zu Be­ginn sei­nes Stu­di­ums in Frei­burg im Breis­gau auf­grund sei­ner auf­kei­men­den Glau­bens­zwei­fel die Phi­lo­so­phie. Im Win­ter­se­mes­ter 1902/1903 war Verw­ey­en in Leip­zig im­ma­tri­ku­liert, ehe er sich im Som­mer­se­mes­ter 1903 in Bonn ein­schrieb, wo er sich der Phi­lo­so­phie, Psy­cho­lo­gie so­wie den Na­tur- und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten wid­me­te. Es folg­ten kür­ze­re Stu­di­en­auf­ent­hal­te in Ber­lin und Straß­burg, doch kehr­te Verw­ey­en 1904 nach Bonn zu­rück, wo er im No­vem­ber 1905 mit ei­ner Dis­ser­ta­ti­on zu „Eh­ren­fried Wal­ter von Tschirn­haus und die Phi­lo­so­phie sei­ner Zeit" pro­mo­viert wur­de.

Seit 1906 ar­bei­te­te Verw­ey­en in Straß­burg an sei­ner Ha­bi­li­ta­ti­ons­schrift mit dem The­ma „Das Pro­blem der Wil­lens­frei­heit in der Scho­las­tik", 1907/1908 ver­brach­te er er­neut ein Se­mes­ter in Leip­zig. 1908 wur­de Verw­ey­en schlie­ß­lich in Bonn ha­bi­li­tiert und 1918 zum au­ßer­or­dent­li­chen Pro­fes­sor er­nannt. Sei­ne Vor­le­sun­gen fan­den un­ter den Stu­den­ten gro­ßen An­klang.

Verw­ey­ens Phi­lo­so­phie war ge­prägt durch den Ver­such nach ei­nem Her­aus­tre­ten aus der blo­ßen Theo­rie und dem Auf­ruf zur Tat, wes­halb er die Ethik in den Vor­der­grund sei­nes phi­lo­so­phi­schen Den­kens stell­te. Sei­ne un­kon­ven­tio­nel­le Art der Be­hand­lung phi­lo­so­phi­scher The­men und sei­ne ste­ti­ge Su­che nach Wahr­heit er­reg­ten Auf­se­hen und mach­ten Verw­ey­en zu ei­nem der meist dis­ku­tier­ten Phi­lo­so­phen sei­ner Zeit. Ne­ben sei­ner Lehr­tä­tig­keit war er auch als Dich­ter, Kom­po­nist und Schrift­stel­ler tä­tig.

Den Ers­ten Welt­krieg er­leb­te er als „in­ne­re Er­schüt­te­rung", was ihn da­zu trieb, nach „Sinn und Ur­sprung des Übels in der Welt" zu for­schen und ihn noch wei­ter vom christ­li­chen Glau­ben ent­fern­te. Er er­forsch­te als Vor­stands­mit­glied des Mo­nis­ten­bun­des den na­tu­ra­lis­ti­schen Mo­nis­mus, der An­stel­le der Re­li­gi­on als Füh­re­rin des Le­bens die Wis­sen­schaft setz­te, so­wie die Theo­so­phie, die An­thro­po­so­phie, den Ok­kul­tis­mus und das Frei­mau­rer­tum.

Ge­trie­ben von der Su­che nach re­li­giö­ser und phi­lo­so­phi­scher Wahr­heit er­klär­te Verw­ey­en schlie­ß­lich am 21.3.1921 vor dem Bon­ner Amts­ge­richt sei­nen Aus­tritt aus der ka­tho­li­schen Kir­che. Seit 1924 ver­such­te er in ei­nem zu­sätz­li­chen Me­di­zin­stu­di­um den Me­di­um­is­mus im Be­reich der Pa­ra­psy­cho­lo­gie zu er­for­schen und trat dem Bund der Frei­mau­rer bei. 1927 wur­de er Mit­glied der Theo­so­phi­schen Ge­sell­schaft Ay­dar und ge­riet un­ter den Ein­fluss des In­ders Jid­du Krish­na­mur­ti (1895-1986) und sei­ner Leh­re von der Meis­te­rung des Le­bens.nach oben­Bei ei­ner Vor­trags­rei­se in den Nie­der­lan­den lern­te Verw­ey­en die „Li­be­ral-Ka­tho­li­sche-Kir­che" ken­nen und ließ sich 1928 vom ehe­mals an­gli­ka­ni­schen Bi­schof Ja­mes In­gall Wegdwood (1883-1951) zum Pries­ter wei­hen. In der Fol­ge­zeit fei­er­te er un­ter an­de­rem in Düs­sel­dorf re­gel­mä­ßig die Lit­ur­gie und hielt Pre­dig­ten. 

Am 9.4.1934 wur­de Verw­ey­en auf­grund sei­ner öf­fent­li­chen Kri­tik am Na­tio­nal­so­zia­lis­mus mit Be­ru­fung auf das „Ge­setz zur Wie­der­her­stel­lung des Be­rufs­be­am­ten­tums" vom 7.4.1933 die Lehr­be­fug­nis ent­zo­gen. Die Nach­richt er­reich­te ihn auf ei­ner Vor­trags­rei­se in Spa­ni­en.

Im Mai 1935 wur­de Verw­ey­en in Rom Zeu­ge der Hei­lig­spre­chung Tho­mas Mo­rus (1478-1535) und John Fis­hers (1469-1535), was den Phi­lo­so­phen stark be­ein­druck­te und nach ei­ni­ger Über­le­gung da­zu führ­te, dass er sich am 2.2.1936 wie­der zum ka­tho­li­schen Glau­ben be­kann­te. Ob­wohl die ka­tho­li­sche Kir­che zu die­sem Zeit­punkt be­reits den Ver­fol­gun­gen und dem Druck des na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Re­gimes aus­ge­setzt war, äu­ßer­te sich Verw­ey­en öf­fent­lich im Bon­ner Kir­chen­blatt mit den Wor­ten „sei­nen Aus­tritt aus der ka­tho­li­schen Kir­che als den grö­ß­ten Irr­tum sei­nes Le­bens zu be­dau­ern" zu sei­nem Wie­der­ein­tritt. 

We­gen sei­ner Kri­tik am Na­tio­nal­so­zia­lis­mus – ins­be­son­de­re ver­ur­teil­te er im­mer wie­der scharf die an­ti­se­mi­ti­schen Maß­nah­men des Re­gimes –, wur­de Verw­ey­en seit 1936 von der Ge­sta­po über­wacht. Sei­ne Schrif­ten und Bü­cher, wie zum Bei­spiel „Zu­rück zu Chris­tus", „Le­ben und Mys­te­ri­en" oder auch „Heim­kehr", wur­den meist un­mit­tel­bar nach Er­schei­nen durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten be­schlag­nahmt. 

Am 27.8.1941 wur­de Jo­han­nes Ma­ria Verw­ey­en schlie­ß­lich auf ei­ner sei­ner Vor­trags­rei­sen, mit de­nen er sich mitt­ler­wei­le den Le­bens­un­ter­halt ver­dien­te und mit de­nen er gro­ße An­er­ken­nung fand, ver­haf­tet und ins Ber­li­ner Alex-Ge­fäng­nis ge­bracht. Oh­ne An­kla­ge wur­de er am 23.5.1942 ins Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Sach­sen­hau­sen über­führt, wo er als Fremd­spra­chen­leh­rer den pol­ni­schen, rus­si­schen, ukrai­ni­schen, fran­zö­si­schen, hol­län­di­schen und ju­go­sla­wi­schen Häft­lin­gen die meist­ge­brauch­ten Vo­ka­beln und Be­feh­le bei­brin­gen soll­te. Verw­ey­en nut­ze die­se Stel­lung, um sich in der Seel­sor­ge sei­ner Mit­ge­fan­ge­nen zu be­tä­ti­gen und Vor­trä­ge zu hal­ten.

Bei der Eva­ku­ie­rung des La­gers am 4.2.1945 mel­de­te sich Jo­han­nes Ma­ria Verw­ey­en, ent­ge­gen den War­nun­gen sei­ner Freun­de, er wer­de den 300 Ki­lo­me­ter lan­gen Marsch nicht über­ste­hen, frei­wil­lig zum Trans­port nach Ber­gen-Bel­sen, wo er am 7.2.1945 an­kam. Am 21.3.1945, kurz vor der Be­frei­ung des La­gers durch eng­li­sche Trup­pen am 15.4.1945, starb Verw­ey­en an Fleck­ty­phus. 

Werke

Be­trach­tun­gen über Mys­tik, Mün­chen 1926.

Deutsch­lands Geis­ti­ge Er­neue­rung, Leip­zig 1924.

Heim­kehr – Ei­ne re­li­giö­se Ent­wick­lung, Bres­lau 1940.

Le­ben und Mys­te­ri­en, Bres­lau 1939.

Phi­lo­so­phie und Theo­lo­gie im Mit­tel­al­ter, Bonn 1913.

Das Pro­blem der Wil­lens­frei­heit in der Scho­las­tik, Ha­bi­li­ta­ti­ons­schrift, Hei­del­berg 1909.

Pro­ble­me des Ok­kul­ten, Ber­lin 1926.

Die Tat im Gan­zen der Phi­lo­so­phie, Hei­del­berg 1908.

Vom Geist der Deut­schen Dich­tung, Bonn 1917.

Wal­ter Eh­ren­fried von Tschirn­haus als Phi­lo­soph, Dis­ser­ta­ti­ons­schrift, Bonn 1906.

Zu­rück zu Chris­tus. Ein Buch der Ein­kehr und Um­kehr, Bres­lau 1939.

Literatur

Ge­mein­de Bed­burg-Hau (Hg.), Jo­han­nes Ma­ria Verw­ey­en, Bed­burg-Hau 2005.

Hell­berg, Hel­mut, Jo­han­nes Ma­ria Verw­ey­en. Wahr­heits­su­cher und Be­ken­ner, in: Bon­ner Ge­schichts­blät­ter 31 (1979), S. 122-154.

Kamps, Karl, Jo­han­nes Ma­ria Verw­ey­en, Gott­su­cher, Mah­ner und Be­ken­ner, Wies­ba­den 1955.

Kip­ping, Bern­hard, Zum Ge­den­ken an Jo­han­nes Ma­ria Verw­ey­en, in: Ge­schichts­brief Bed­burg-Hau 1 (2006), S. 16-19.

Klein, Jes­si­ca, Quer­den­ker, Mis­sio­nar und Mär­ty­rer, in: Ga­es­doncker Blät­ter 6 (2004), S. 51-58.

Kloi­dt, Franz, Ver­rä­ter oder Mar­ty­rer. Do­ku­men­te ka­tho­li­scher Blut­zeu­gen der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Kir­chen­ver­fol­gung ge­ben Ant­wort, Düs­sel­dorf 1962, S. 208-229.

Moll, Hel­mut (Hg.), Zeu­gen für Chris­tus: das deut­sche Mar­ty­ro­lo­gi­um des 20.Jahr­hun­derts, Pa­der­born 1999, S. 470-474.

Pfeif­fer, Ar­nold, Jo­han­nes Ma­ria Verw­ey­en (1883-1945) – ein nie­der­rhei­ni­scher Mär­ty­rer ei­ge­ner Art, in: Der Nie­der­rhein 70 (2003), S. 206-209.

See­ger, Hans-Karl, "Jo­han­nes Ma­ria Verw­ey­en", in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon 21 (2003), Spal­ten 1507-1510.

See­ger, Hans-Karl, Jo­han­nes Ma­ria Verw­ey­en, in: Rund­brief In­ter­na­tio­na­ler Karl-Leis­ner-Kreis 38 (1998), S. 57-62.

Zan­der, Hel­mut, Jo­han­nes Ma­ria Verw­ey­en (1883-1945) als Theo­soph, in: Ga­es­doncker Blät­ter 7 (2005), S. 37-70.

Online

De­po­si­tum Kip­ping - Samm­lung Jo­han­nes Ma­ria Verw­ey­en im Ge­mein­de­ar­chiv Bed­burg-Hau, Er­läu­te­rung und Find­buch (In­for­ma­ti­on auf der Web­site Ar­chi­ve in NRW). [On­line]

 
Zitationshinweis

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Striewski, Jennifer, Johannes Maria Verweyen, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/johannes-maria-verweyen/DE-2086/lido/57c938371c7743.31931177 (21.07.2018)