Joseph Kardinal Höffner

Christlicher Sozialwissenschaftler und Erzbischof von Köln (1906-1987)

Lothar Roos (Bonn)

Joseph Kardinal Höffner, Porträtfoto. (Historisches Archiv des Erzbistums Köln)

Jo­seph Höff­ner er­lang­te als Kar­di­nal­erz­bi­schof von Köln gro­ße Po­pu­la­ri­tät. Der vier­fach pro­mo­vier­te Theo­lo­gie- und Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler lehr­te 1951 bis 1962 Christ­li­che So­zi­al­wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät Müns­ter, ehe er 1962 Bi­schof von Müns­ter wur­de. 1969 bis 1987 war er Kar­di­nal­erz­bi­schof von Köln und 1976 bis 1987 Vor­sit­zen­der der Deut­schen Bi­schofs­kon­fe­renz.

Jo­seph Höff­ner wur­de am 24.12.1906 in Hor­hau­sen (Wes­ter­wald) in ei­ner Bau­ern­fa­mi­lie ge­bo­ren. Ihm folg­ten fünf Schwes­tern. Mit neun Jah­ren ver­lor er sei­ne Mut­ter. In zwei­ter Ehe wur­den sei­nem Va­ter noch zwei Söh­ne ge­bo­ren. Von 1919 bis 1922 be­such­te Höff­ner das na­he­ge­le­ge­ne Kai­ser-Wil­helm-Gym­na­si­um in Mon­ta­baur, dann wech­sel­te er an das Fried­rich-Wil­helm-Gym­na­si­um nach Trier, wo er 1926 – wie vor ihm Karl Marx und Os­wald von Nell-Bre­u­ning – die Rei­fe­prü­fung ab­leg­te, um dann am Pries­ter­se­mi­nar in Trier den Weg zum Pries­ter­be­ruf zu be­gin­nen. Noch im sel­ben Jahr schick­te der Trie­rer Bi­schof den Theo­lo­gie­stu­den­ten nach Rom an die Päpst­li­che Uni­ver­si­tät Gre­go­ria­na. Dort wur­de er zu­nächst 1929 zum Dok­tor der Phi­lo­so­phie pro­mo­viert und er­lang­te 1934 mit ei­ner Ar­beit über „So­zia­le Ge­rech­tig­keit und so­zia­le Lie­be. Ver­such ei­ner Be­stim­mung ih­res We­sens" auch den theo­lo­gi­schen Dok­tor­grad. Zu­vor hat­te er am 30.10.1932 in Rom die Pries­ter­wei­he emp­fan­gen.

Weil die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten das rö­mi­sche theo­lo­gi­sche Dok­to­rat nicht an­er­kann­ten, er­warb Jo­seph Höff­ner ein zwei­tes theo­lo­gi­sches Dok­to­rat an der Uni­ver­si­tät Frei­burg im Breis­gau mit ei­ner Ar­beit über „Bau­er und Kir­che im deut­schen Mit­tel­al­ter".

Gleich­zei­tig hat­te Jo­seph Höff­ner an der Uni­ver­si­tät Frei­burg mit dem Stu­di­um der Volks­wirt­schafts­leh­re be­gon­nen, das er 1939 als Di­plom­volks­wirt ab­schloss. Ein Jahr spä­ter folg­te die bei Wal­ter Eu­cken (1891-1950), dem geis­ti­gen Be­grün­der des „Ordo-Li­be­ra­lis­mus", an­ge­fer­tig­te wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­che Dis­ser­ta­ti­on mit dem The­ma „Wirt­schafts­ethik und Mo­no­po­le im 15. und 16. Jahr­hun­dert".

1944 ha­bi­li­tier­te sich Höff­ner, eben­falls in Frei­burg, für das Fach Mo­ral­theo­lo­gie.mit der Ar­beit „Chris­ten­tum und Men­schen­wür­de. Das An­lie­gen der spa­ni­schen Ko­lo­ni­al­ethik im Gol­de­nen Zeit­al­ter". Das 1947 erst­mals ver­öf­fent­lich­te Werk er­schien 1969 in zwei­ter, ver­bes­ser­ter Auf­la­ge un­ter dem Ti­tel „Ko­lo­nia­lis­mus und Evan­ge­li­um. Spa­ni­sche Ko­lo­ni­al­ethik im Gol­de­nen Zeit­al­ter". Durch Über­set­zun­gen in die spa­ni­sche und por­tu­gie­si­sche Spra­che fand das Werk in La­tein­ame­ri­ka wei­te Ver­brei­tung.

Ne­ben die­sen in fast atem­be­rau­ben­der Ge­schwin­dig­keit er­stell­ten wis­sen­schaft­li­chen Ar­bei­ten war Jo­seph Höff­ner von 1934 bis 1937 als Seel­sor­ger in Saar­brü­cken, von 1939 bis 1943 in der klei­nen Ge­mein­de St. Bar­tho­lo­mä­us in Kail an der Mo­sel und von 1943 bis 1945 als Stadt­pfar­rer der neu ge­grün­de­ten Ar­bei­ter­pfar­rei Hei­lig­kreuz in Trier tä­tig.

Wer sich den wis­sen­schaft­li­chen Wer­de­gang Jo­seph Höff­ners zwi­schen 1926 bis 1944 vor Au­gen führt, könn­te viel­leicht den Ein­druck ge­win­nen, dass sei­ne eben er­wähn­ten pas­to­ra­len Tä­tig­kei­ten eher „vor­läu­fig" und ne­ben­säch­lich ge­we­sen sei­en. Dies wä­re al­ler­dings völ­lig un­zu­tref­fend. Erst nach dem Krieg wur­de be­kannt, dass der tap­fe­re Höff­ner in Kail seit März 1943 das 7-jäh­ri­ge jü­di­sche Mäd­chen Ali­ce Es­ther Sa­rah Mey­e­ro­witz, das mit der Kin­der­land­ver­schi­ckung un­ter dem fal­schen Na­men Chris­ta Koch von Ber­lin un­ter Mit­wir­kung sei­ner dort als Seel­sor­ge­hel­fe­rin tä­ti­gen Schwes­ter Eli­sa­beth nach Kail ge­kom­men war, ver­steckt hielt, um es dem Zu­griff der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten zu ent­zie­hen.

Eben­falls 1943 hat­te Höff­ner die Jü­din Dr. Edith No­wak im Hau­se sei­ner El­tern und sei­ner Schwes­ter He­le­ne Hes­se­ler im Wes­ter­wald für sechs Mo­na­te ver­bor­gen. Die­ses mu­ti­ge Tun Jo­seph Höff­ners und sei­ner Schwes­ter He­le­ne Hes­se­ler wur­de vie­le Jah­re spä­ter, am 25.8.2003, da­durch be­son­ders ge­wür­digt, dass bei­de in den Kreis der „Ge­rech­ten un­ter den Völ­kern" der is­rae­li­schen Ge­denk­stät­te Yad Vas­hem auf­ge­nom­men wur­den.

1945 wur­de Jo­seph Höff­ner Pro­fes­sor für Pas­to­ral­theo­lo­gie und Christ­li­che So­zi­al­leh­re am Pries­ter­se­mi­nar in Trier, 1951 über­nahm er den Lehr­stuhl für Christ­li­che So­zi­al­wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät Müns­ter. Man­fred Herr­manns über­schreibt in sei­ner Ge­schich­te des Müns­te­ra­ner Lehr­stuhls die 1951 mit Jo­seph Höff­ner be­gin­nen­de Zeit mit „Uni­ver­sa­ler So­zi­al­ge­lehr­ter und wis­sen­schaft­li­cher Po­li­tik­be­ra­ter". Als pro­mo­vier­ter Na­tio­nal­öko­nom hat­te Höff­ner das Recht, auch in­ner­halb der Rechts- und Staats­wis­sen­schaft­li­chen Fa­kul­tät The­men für Dis­ser­ta­tio­nen aus sei­nem Ge­biet zu ver­ge­ben und bei der ent­spre­chen­den münd­li­chen Dok­tor­prü­fung mit­zu­wir­ken. Er wur­de auch in die wis­sen­schaft­li­chen Bei­rä­te bei den Bonnern Bun­des­mi­nis­te­ri­en für Fa­mi­li­en- und Ju­gend­fra­gen, für Woh­nungs­bau und für Ar­beit- und So­zi­al­ord­nung be­ru­fen.

Bis zu sei­ner Er­nen­nung zum Bi­schof von Müns­ter (1962) war er „Geist­li­cher Be­ra­ter" des 1949 ge­grün­de­ten Bun­des Ka­tho­li­scher Un­ter­neh­mer (BKU). Dank sei­ner glei­cher­ma­ßen volks­wirt­schaft­li­chen wie so­zi­al­ethi­schen Sach­kom­pe­tenz wur­de Jo­seph Höff­ner in den fol­gen­den Jah­ren zu ei­nem Rat­ge­ber, der die pro­gram­ma­ti­schen Grund­aus­sa­gen und die kon­kre­ten Hand­lungs­fel­der im Be­reich der Un­ter­neh­mens­ethik und der Wirt­schafts- und So­zi­al­po­li­tik ma­ß­ge­bend präg­te. Zu­sam­men mit drei an­de­ren Pro­fes­so­ren leg­te er 1955 ein von Bun­des­kanz­ler Kon­rad Ade­nau­er er­be­te­nes Me­mo­ran­dum zur „Neu­ord­nung der so­zia­len Leis­tun­gen" vor. In­so­fern gilt er als ei­ner der „Vä­ter der dy­na­mi­schen Ren­te", die aber nur teil­wei­se in sei­nem Sin­ne aus­fiel.

Als rei­fe Frucht sei­ner aka­de­mi­schen Tä­tig­keit und so­zi­al­po­li­ti­schen Er­fah­rung ver­öf­fent­lich­te er 1962 sein in­zwi­schen zum „Klas­si­ker" ge­wor­de­nes Lehr­buch „Christ­li­che Ge­sell­schafts­leh­re". In gut 20 Jah­ren er­leb­te es bis 1983 acht, teil­wei­se er­wei­ter­te Auf­la­gen und sechs fremd­sprach­li­che Über­set­zun­gen. Zehn Jah­re nach sei­nem Tod wur­de 1997 ei­ne er­gänz­te Neu­aus­ga­be vor­ge­legt. In­zwi­schen lie­gen da­von zehn Über­set­zun­gen vor (eng­lisch, spa­nisch, fran­zö­sisch, li­tau­isch, pol­nisch, rus­sisch, kroa­tisch, ko­rea­nisch, slo­wa­kisch, chi­ne­sisch).

Höff­ner wand­te sich so­wohl ge­gen die Be­haup­tung an­geb­li­cher „Sach­ge­set­ze", ge­mäß de­ren Lo­gik ei­ne ethi­sche Wert- und theo­lo­gi­sche Sinn­ana­ly­se von vorn­her­ein ab­ge­wehrt wird; an­de­rer­seits ge­gen ei­ne theo­lo­gi­sche Grenz­über­schrei­tung, in der aus theo­lo­gi­schen Vor­ga­ben oh­ne Ver­mitt­lung von Phi­lo­so­phie und So­zi­al­wis­sen­schaf­ten nor­ma­ti­ve Ur­tei­le über ge­sell­schaft­li­che Tat­be­stän­de be­zie­hungs­wei­se de­ren Ver­än­de­rung ge­fällt wer­den. Des­halb kri­ti­sier­te er auch die Über­nah­me der „mar­xis­ti­schen Ana­ly­se" durch die ra­di­ka­le „Be­frei­ungs­theo­lo­gie". Er hielt die na­tur­recht­li­che Ar­gu­men­ta­ti­on für un­ver­zicht­bar, weil er dar­in die wich­tigs­te Grund­la­ge für die uni­ver­sel­le An­er­ken­nung der Men­schen­rech­te in ei­ner zu­sam­men­wach­sen­den Welt sah. Höff­ner weist nach­drück­lich auf den per­so­na­len Fak­tor als letz­ten Maß­stab ge­sell­schaft­li­chen Han­delns hin: „Letz­ter Sinn al­ler So­zia­li­tät ist die Ver­kün­dung der Per­so­na­li­tät". Sein Ein­tre­ten für die so­zia­le Si­cher­heit war stets ver­bun­den mit sei­nem Be­kennt­nis zu ei­ner frei­heit­li­chen Wirt­schafts­ord­nung.

1962 wur­de der Pro­fes­sor von Papst Jo­han­nes XXIII. (Pon­ti­fi­kat 1958-1963) zum Bi­schof von Müns­ter be­ru­fen. Am An­fang sei­nes bi­schöf­li­chen Wir­kens stand die Teil­nah­me am Zwei­ten Va­ti­ka­ni­schen Kon­zil (1962–1965). En­de 1968 be­stell­te ihn Papst Paul VI. (Pon­ti­fi­kat 1963-1978) zum Ko­ad­ju­tor des fast er­blin­de­ten Erz­bi­schofs Jo­sef Kar­di­nal Frings  in Köln. In­ner­halb we­ni­ger Mo­na­te wur­de Höff­ner des­sen Nach­fol­ger und im April 1969 in das Kar­di­nals­kol­le­gi­um be­ru­fen. Es ge­lang Kar­di­nal Höff­ner – trotz sei­ner in­tel­lek­tu­el­len Nüch­tern­heit – im Lau­fe der Jah­re die Zu­nei­gung der Rhein­län­der zu ge­win­nen. Als Erz­bi­schof leg­te Höff­ner Wert dar­auf, selbst jähr­lich we­nigs­tens ein De­ka­nat der Erz­diö­ze­se zu vi­si­tie­ren und für Ge­sprä­che – mit Diö­ze­san­gre­mi­en, aber vor al­lem mit zahl­rei­chen Pries­tern und Lai­en – zur Ver­fü­gung zu ste­hen.

Sei­ne Fä­hig­keit hin­zu­hö­ren, sei­ne Ge­duld und Gü­te in sol­chen Ge­sprä­chen wa­ren all­ge­mein an­er­kannt. Sei­ne Schwes­ter Ma­ria, die ihm den Haus­halt führ­te, sag­te ein­mal: "Wenn mein Bru­der an­ge­grif­fen wur­de, hat er stets mit Gü­te zu­rück­ge­schla­gen." Bei al­lem und vor al­lem war Jo­seph Kar­di­nal Höff­ner ein Mann und Zeu­ge des Glau­bens. In­nig ver­bun­den da­mit und wohl auch nicht un­ab­hän­gig da­von war sei­ne aus­strah­len­de, ge­win­nen­de Mensch­lich­keit.

Jo­seph Höff­ner war in den fast 19 Jah­ren, in de­nen er als Erz­bi­schof von Köln wirk­te, in ei­ne nicht we­ni­ger an­ge­se­he­ne und un­an­ge­foch­te­ne Po­si­ti­on hin­ein­ge­wach­sen, wie es ehe­dem bei dem Müns­te­ra­ner Theo­lo­gie­pro­fes­sor der Fall ge­we­sen war. Sein ehe­ma­li­ger Ge­ne­ral­vi­kar Nor­bert Feld­hoff be­merk­te ein­mal: „Kar­di­nal Höff­ner hat un­ge­zähl­te Ma­le gern und mit­rei­ßend als Bi­schof ge­pre­digt. Er hat durch sei­ne Ver­öf­fent­li­chun­gen zu ak­tu­el­len Fra­gen vie­len Men­schen Ori­en­tie­rung ge­ge­ben."

Im Sep­tem­ber 1976 wur­de der Köl­ner Kar­di­nal nach dem über­ra­schen­den Tod sei­nes Vor­gän­gers Ju­li­us Kar­di­nal Döpf­ner (1913-1976) zum neu­en Vor­sit­zen­den der Deut­schen Bi­schofs­kon­fe­renz ge­wählt und am 21.9.1982 für sechs Jah­re wie­der ge­wählt. Zu den gro­ßen äu­ße­ren Er­eig­nis­sen die­ser Zeit zähl­ten die bei­den Pas­to­ral­be­su­che von Jo­han­nes Paul II. (Pon­ti­fi­kat 1978-2005) in Deutsch­land (1980, 1987), letz­te­rer be­son­ders her­vor­ge­ho­ben durch die Se­lig­spre­chung von Edith Stein in Köln. Jo­seph Höff­ner hat sich als Bi­schof stets mit gro­ßem Nach­druck für das Le­bens­recht ge­ra­de der Schwächs­ten ein­ge­setzt. Er ist nie mü­de ge­wor­den, den Skan­dal der ho­hen Ab­trei­bungs­zah­len öf­fent­lich beim Na­men zu nen­nen.

Sein Nach­fol­ger im Amt des Vor­sit­zen­den der Deut­schen Bi­schofs­kon­fe­renz, der Main­zer Bi­schof Karl Kar­di­nal Leh­mann, sag­te in sei­nem Nach­ruf: „Vie­le Men­schen ha­ben ihm – weit über die Kir­che hin­aus – ih­re Zu­stim­mung, we­nigs­tens aber Re­spekt und Wür­di­gung, ge­zollt. Die Men­schen wa­ren dank­bar für ei­ne kla­re Ori­en­tie­rung in ei­ner ver­wirr­ten und ver­wir­ren­den Zeit. (...). So wur­de er rasch über sei­ne Funk­ti­on hin­aus zum an­er­kann­ten Spre­cher der ka­tho­li­schen Kir­che in der Bun­des­re­pu­blik".

Als Kar­di­nal war und wur­de Jo­seph Höff­ner im­mer mehr auch ein Bi­schof der Welt­kir­che. Der Auf­bau ei­nes geis­tig fun­dier­ten und star­ken Eu­ro­pa und die Pro­ble­me ei­ner men­schen­ge­rech­ten Ent­wick­lungs­po­li­tik be­weg­ten ihn bei ver­schie­de­nen in­ter­na­tio­na­len Rei­sen im­mer wie­der. Sei­ne letz­te Welt­rei­se, bei der er im De­zem­ber 1986 meh­re­re la­tein­ame­ri­ka­ni­sche und asia­ti­sche Län­der be­such­te, führ­te ihn auch nach Ni­ca­ra­gua, wo er Kar­di­nal Oban­do y Bra­vo (Epis­ko­pat 1968-2005) in sei­nem Kampf für die Frei­heit der Men­schen und der Kir­che be­stärk­te und in ei­ner per­sön­li­chen Be­geg­nung dem san­di­nis­ti­schen (da­mals mar­xis­ti­schen) Prä­si­den­ten Da­ni­el Or­te­ga ins Ge­wis­sen re­de­te.

Im Früh­jahr 1987 stell­ten die Ärz­te bei Höff­ner ei­nen Ge­hirn­tu­mor fest, der sich nicht auf­hal­ten ließ. Sein dar­auf­hin ein­ge­reich­tes Rück­tritts­er­su­chen nahm der Papst am 14.9.1987 an. In sei­nem Ab­schieds­hir­ten­brief we­ni­ge Wo­chen vor sei­nem Heim­gang gab der Kar­di­nal ei­nen tie­fen Ein­blick in sei­nen per­sön­li­chen Glau­ben und sei­ne pas­to­ra­len Sor­gen: „Es ist un­mög­lich, Chris­tus und die Kir­che von­ein­an­der zu tren­nen, zu Chris­tus ‚Ja‘ zu sa­gen und ge­gen die Kir­che ein ‚N­ein‘ zu set­zen. Die Kir­che ist nichts oh­ne Chris­tus, aber wir fin­den Chris­tus nur in der Kir­che und nicht an ihr vor­bei." Nicht we­ni­ger be­drän­gend emp­fand er die Ge­fahr, dass der Glau­be „sich in Viel­deu­tig­keit auf­löst". Ein sol­cher Glau­be wä­re „nicht mehr der Glau­be der Kir­che. Das Wort Got­tes, so le­sen wir in der Hl. Schrift, ist nicht ‚bil­lig‘ und es gibt Zei­ten, in de­nen es be­son­ders ‚teu­er‘ ist (vgl. 1 Sam 3,1). Heu­te le­ben wir in ei­ner sol­chen Zeit." Trotz al­ler Sor­ge über­wiegt aber sein Dank für das „Zeug­nis des Glau­bens in Fa­mi­lie, Be­ruf und Öf­fent­lich­keit", das er im­mer wie­der in­mit­ten vie­ler An­fech­tun­gen als Bi­schof er­fah­ren durf­te und das ihn hof­fen lässt, „dass die Kir­che jung und mis­sio­na­risch ge­blie­ben ist". Er dank­te vor al­lem je­nen, „die still und un­be­kannt für die Kir­che be­ten, süh­nen, op­fern und dul­den, be­son­ders de­nen, die ein schwe­res kör­per­li­ches und see­li­sches Leid zu tra­gen ha­ben." Der letz­te Satz vor dem Se­gens­spruch lau­tet: „Die Bi­schö­fe kom­men und ge­hen. Chris­tus aber bleibt in Ewig­keit."

Jo­seph Kar­di­nal Höff­ner starb am 16.10.1987 im Köl­ner Hil­de­gar­dis­kran­ken­haus und wur­de im Köl­ner Dom bei­ge­setzt.

Jo­seph Höff­ner war in ei­ner Per­son His­to­ri­ker und Sys­te­ma­ti­ker, Theo­lo­ge und Na­tio­nal­öko­nom, an­ge­se­he­ner Wis­sen­schaft­ler und ein von den Gläu­bi­gen tief ver­ehr­ter Bi­schof. In die­ser Kom­bi­na­ti­on von Fä­hig­kei­ten grün­det die Brei­te und Tie­fe sei­ner Wirk­sam­keit so­wohl im wis­sen­schaft­li­chen wie im kirch­li­chen Be­reich. Sein An­se­hen als Fach­mann der Ka­tho­li­schen So­zi­al­leh­re mit ei­nem be­son­de­ren Schwer­punkt in wirt­schafts­ethi­schen Fra­gen schlug sich in ei­ner Rei­he von Er­nen­nun­gen zum Eh­ren­dok­tor nie­der. Et­li­che pas­to­ra­le und so­zia­le Ein­rich­tun­gen in Län­dern wie Ko­lum­bi­en, In­di­en oder Ni­ge­ria tra­gen sei­nen Na­men und ste­hen für ei­ne le­ben­di­ge Er­in­ne­rung an Jo­seph Höff­ner.

Im Erz­bis­tum Köln und weit dar­über hin­aus lebt Kar­di­nal Höff­ner im Kle­rus und im Volk nicht zu­letzt auch durch die Ak­ti­vi­tä­ten sol­cher Krei­se, Grup­pen und Ein­rich­tun­gen fort, die sein Werk zum Ori­en­tie­rungs­punkt ih­rer Ar­beit ma­chen. Das gilt für den Ber­li­ner „Kar­di­nal-Höff­ner-Kreis" von Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten und Mi­nis­te­ri­al­be­am­ten, be­son­ders aber für die 2002 in Köln ge­grün­de­te Jo­seph-Höff­ner-Ge­sell­schaft. Sie hat sich zur Auf­ga­be ge­stellt, die So­zi­al­leh­re der Kir­che im Sin­ne des wis­sen­schaft­li­chen, so­zia­len und pas­to­ra­len Le­bens­wer­kes von Jo­seph Kar­di­nal Höff­ner zu pfle­gen, durch wis­sen­schaft­li­che For­schung zu ver­tie­fen, zu ver­brei­ten und im Kon­text ak­tu­el­ler Fra­ge­stel­lun­gen und An­wen­dun­gen zu ver­mit­teln.

Werke

Bau­er und Kir­che im deut­schen Mit­tel­al­ter, Pa­der­born 1939.

Christ­li­che Ge­sell­schafts­leh­re, Neu­aus­ga­be, hg. von Lo­thar Roos, Keve­la­er 1997.

Ko­lo­nia­lis­mus und Evan­ge­li­um. Spa­ni­sche Ko­lo­ni­al­ethik im Gol­de­nen Zeit­al­ter, Chris­ten­tum und Men­schen­wür­de, frü­her un­ter dem Ti­tel: Chris­ten­tum und Men­schen­wür­de. Das An­lie­gen der spa­ni­schen Ko­lo­ni­al­ethik im Gol­de­nen Zeit­al­ter, Trier 1947, 2. über­ar­bei­te­te Auf­la­ge, Trier 1969.

So­zia­le Ge­rech­tig­keit und so­zia­le Lie­be. Ver­such ei­ner Be­stim­mung ih­res We­sens, Rom 1929.

Wirt­schafts­ethik und Mo­no­po­le im 15. und 16. Jahr­hun­dert, Je­na 1941.

Schrif­ten­ver­zeich­nis Jo­seph Höff­ners 1933-1983, Köln 1986, Er­gän­zungs­band 1984-1988, hg. von Win­fried Weyand, Köln 1989.

Gedenkschriften

Jus­tia et Ca­ri­tas. Ge­denk­au­stel­lung des His­to­ri­schen Ar­chivs des Erz­bis­tums Köln zum 100. Ge­burts­tag von Jo­seph Kar­di­nal Höff­ner, hg. von Ul­rich Hel­bach/Joa­chim Oepen/Wolf­gang Schmitz, Köln 2007.

Um den Preis des ei­ge­nen Le­bens... Is­ra­el ehrt Jo­seph Kar­di­nal Höff­ner (post­hum) und sei­ne Schwes­ter He­le­ne Hes­se­ler-Höff­ner, Köln 2004.

  1. Ge­burts­tag von Jo­seph Kar­di­nal Höff­ner (1906-1987). Ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on der Ju­bi­lä­ums­fei­er­lich­kei­ten am 20. und 21. Ja­nu­ar 2007, Köln 2007.

Literatur

Co­lom, En­ri­que (Hg.), Dott­ri­na so­cia­le e testi­mo­ni­an­za cris­tia­na (At­ti del Sim­po­sio in ono­re del Car­di­na­le Jo­seph Höff­ner), Cit­tà del Va­ti­ca­na 1999.

De­sc­zyk, An­d­rey Ni­co­lai, Jo­seph Kar­di­nal Höff­ners So­zi­al­ver­kün­di­gung im Bi­schofs­amt, Ber­lin 2004.

Ga­bri­el, Karl / Her­mann-Jo­sef Gro­ße Kracht (Hg.), Jo­seph Höff­ner (1906-1987). So­zi­al­leh­re und So­zi­al­po­li­tik. „Der per­so­na­le Fak­tor...", Pa­der­born 2006.

Gold­schmidt, Nils /Not­hel­le-Wild­feu­er,  Ur­su­la (Hg.), Christ­li­che Ge­sell­schafts­leh­re und Frei­bur­ger Schu­le. Zur Ak­tua­li­tät des Den­kens von Jo­seph Kar­di­nal Höff­ner, Tü­bin­gen 2009.

Her­manns, Man­fred, Höff­ner, Jo­seph, in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon, Bd. 34, Nord­hau­sen 2013, Sp. 550-584.

Her­m­ans, Man­fred, So­zi­al­ethik im Wan­del der Zeit, Ge­schich­te des Lehr­stuhls für Christ­li­che Ge­sell­schafts­leh­re in Müns­ter 1893-1997, Pa­der­born u. a. 2006.

Roos, Lo­thar, Jo­seph Kar­di­nal Höff­ner (1906-1977), in: Jür­gen Aretz / Ru­dolf Mor­sey / An­ton Rau­scher (Hg.), Zeit­ge­schich­te in Le­bens­bil­dern 8 (1997), S.173-195, 319.

Trip­pen, Nor­bert, Jo­seph Kar­di­nal Höff­ner (1906-1987), 2 Bän­de, Pa­der­born 2009/2012.

Online

Jo­seph Kar­di­nal Höff­ner (Bio­gra­phi­sche und bi­blio­gra­phi­sche In­for­ma­ti­on der Jo­seph-Höff­ner-Ge­sell­schaft).

Stein­mann, Marc, Grab­kam­mer des Kar­di­nals Höff­ner(In­for­ma­ti­on auf der Web­site des Köl­ner Doms).

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Roos, Lothar, Joseph Kardinal Höffner, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/joseph-kardinal-hoeffner/DE-2086/lido/57c830f31db1d9.54423960 (23.10.2018)