Karl Arnold

Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen (1901-1958)

Michael A. Kanther (Duisburg)

Karl Arnold, Porträtfoto, Repro von 1956. (LVR-Zentrum für Medien und Bildung)

Karl Ar­nold, ein aus Würt­tem­berg stam­men­der, ge­lern­ter Schu­ma­cher, der bis 1933 lei­ten­der An­ge­stell­ter bei den christ­li­chen Ge­werk­schaf­ten in Düs­sel­dorf war, ge­hör­te nach dem Kriegs­en­de 1945 zu den Grün­dern der west­deut­schen CDU und wur­de im Ju­ni 1947 ers­ter ge­wähl­ter (ins­ge­samt zwei­ter) Mi­nis­ter­prä­si­dent von Nord­rhein-West­fa­len. Er führ­te die Lan­des­re­gie­rung fast neun Jah­re, in de­nen gro­ße wirt­schaft­li­che und po­li­ti­sche Pro­ble­me zu lö­sen wa­ren. Im Fe­bru­ar 1956 durch ein Miss­trau­ens­vo­tum der Land­tags­mehr­heit ge­stürzt, starb er plötz­lich wäh­rend des Wahl­kamp­fes von 1958.

Ge­bo­ren am 21.3.1901 in Herrlis­hö­fen bei Bi­berach (Würt­tem­berg) als Sohn ei­nes Land­wirts, er­lern­te Ar­nold den Be­ruf des Schuh­ma­chers. An­schlie­ßend stu­dier­te er 1920/1921 an der So­zia­len Hoch­schu­le in Ko­chel (Bay­ern) So­zi­al­we­sen. Durch das Stu­di­um für die Ge­werk­schafts­ar­beit qua­li­fi­ziert, zog er im Herbst 1921 nach Düs­sel­dorf, um ei­ne Funk­tio­närs­stel­le beim Christ­li­chen Le­der­ar­bei­ter-Ver­band zu über­neh­men. 1924 wur­de er Lei­ter des Be­zirks­kar­tells Düs­sel­dorf der Christ­li­chen Ge­werk­schaf­ten. Bis 1933 ge­hör­te Ar­nold der Zen­trums­par­tei an, auf de­ren Lis­te er 1929 zum Stadt­ver­ord­ne­ten ge­wählt wur­de; er ver­lor das Man­dat, als die Par­tei un­ter dem Druck der Re­gie­rung Hit­ler im Ju­li 1933 selbst ih­re Exis­tenz be­en­de­te. Schon zu­vor durch die Auf­lö­sung der Christ­li­chen Ge­werk­schaf­ten stel­lungs­los ge­wor­den, ar­bei­te­te Ar­nold zu­nächst als An­ge­stell­ter im Ka­tho­li­schen Kir­chen­steu­er­amt Düs­sel­dorf. Seit Ok­to­ber 1934 be­stritt er den Le­bens­un­ter­halt sei­ner Fa­mi­lie als Teil­ha­ber ei­nes Un­ter­neh­mens für Heiz- und In­stal­la­ti­ons­tech­nik. Er hielt Ver­bin­dung zu an­de­ren christ­li­chen Geg­nern der NS-Dik­ta­tur, leis­te­te aber nicht ak­tiv Wi­der­stand. Im Au­gust 1944 wur­de er von der Ge­sta­po we­gen Ver­dachts auf re­gi­me­feind­li­che Ak­ti­vi­tä­ten ver­haf­tet, je­doch aus Man­gel an Be­wei­sen bald wie­der frei­ge­las­sen.

 

Nach dem Kriegs­en­de be­tei­lig­te sich Ar­nold am Wie­der­auf­bau der Ge­werk­schaf­ten. Er ge­hör­te zu den Grün­dern der CDU in Düs­sel­dorf und pro­fi­lier­te sich auf dem „lin­ken" Flü­gel der neu­en Par­tei. Die bri­ti­sche Mi­li­tär­re­gie­rung be­rief ihn in den Be­ra­ten­den Land­tag der Nord­rhein­pro­vinz (1945/1946) und 1946 in den Land­tag für das neue Land Nord­rhein-West­fa­len. Den fol­gen­den, ge­wähl­ten Land­ta­gen ge­hör­te Ar­nold bis zu sei­nem Tod 1958 an. Von Ja­nu­ar 1946 bis Ju­li 1947 war er au­ßer­dem Ober­bür­ger­meis­ter von Düs­sel­dorf. Am 5.12.1946 trat er als Stell­ver­tre­ten­der Mi­nis­ter­prä­si­dent und Mi­nis­ter oh­ne Ge­schäfts­be­reich in das zwei­te Ka­bi­nett Ame­lun­xen ein. Nach der ers­ten Land­tags­wahl am 20.4.1947, in de­ren Fol­ge die CDU die stärks­te Frak­ti­on bil­de­te und sich mit Zen­trum, SPD und KPD zu ei­ner Ko­ali­ti­on ver­band, wur­de Ar­nold am 17.6.1947 zum Mi­nis­ter­prä­si­den­ten ge­wählt. In sei­ner Re­gie­rungs­er­klä­rung for­der­te er u.a. die Über­füh­rung des Koh­len­berg­baus, der Ei­sen- und Stahl­in­dus­trie und der Gro­ßche­mi­schen In­dus­trie in „Ge­mein­wirt­schaft" so­wie ei­nen en­er­gi­schen Kampf ge­gen den Hun­ger der Be­völ­ke­rung und den Man­gel an Woh­nun­gen und vie­len le­bens­not­wen­di­gen Gü­tern.

Zu den gro­ßen Pro­ble­men, die das ers­te Ka­bi­nett Ar­nold be­wäl­ti­gen muss­te, ge­hör­te auch die von den Al­li­ier­ten an­ge­ord­ne­te De­mon­ta­ge von An­la­gen der Stahl ver­ar­bei­ten­den und che­mi­schen In­dus­trie. Nach­dem Ar­nold am 16.10.1947 von der Mi­li­tär­re­gie­rung die De­mon­ta­ge­lis­te für Nord­rhein-West­fa­len über­ge­ben wor­den war, be­gann ein har­ter Kampf der Lan­des­re­gie­rung um je­den ein­zel­nen Be­trieb. En­de 1949 wur­den die De­mon­ta­gen mit we­ni­gen Aus­nah­men ein­ge­stellt. Die Fra­ge der „So­zia­li­sie­rung" des Berg­baus und der Ei­sen- und Stahl­in­dus­trie blieb so lan­ge in der Schwe­be, bis die Zeit dar­über hin­weg­ge­gan­gen war. Ar­nold konn­te sein Kon­zept für die So­zia­li­sie­rung im Land­tag nicht durch­set­zen, der am 6.8.1948 das auf der Ba­sis ei­nes wei­ter­ge­hen­den Ent­wurfs der SPD ent­stan­de­ne „Ge­setz zur So­zia­li­sie­rung der Koh­len­wirt­schaft" ver­ab­schie­de­te. Das Ge­setz wur­de je­doch von der bri­ti­schen Be­sat­zungs­macht, die sich ei­ner ent­spre­chen­den For­de­rung der Ver­ei­nig­ten Staa­ten ge­fügt hat­te und die Ent­schei­dung über die So­zia­li­sie­rung des Berg­baus ei­ner künf­ti­gen west­deut­schen Bun­des­re­gie­rung vor­be­hal­ten woll­te, ab­ge­lehnt. In der er­bit­ter­ten öf­fent­li­chen De­bat­te über die Zu­kunft des Schul­sys­tems trat Ar­nold wie al­le CDU-Po­li­ti­ker für die Be­kennt­nis­schu­le ein; sein Ka­bi­nett war zwi­schen An­hän­gern der Be­kennt­nis­schu­le (CDU und Zen­trum) und der Ge­mein­schafts­schu­le oh­ne re­li­giö­se Aus­rich­tung (SPD und KPD) ge­spal­ten. Die Ent­na­zi­fi­zie­rung, auch sie ein Haupt­the­ma der Lan­des­po­li­tik, wur­de im April 1947 von der Mi­li­tär­re­gie­rung in deut­sche Hän­de ge­legt. Bei der so­zia­len und wirt­schaft­li­chen Ein­glie­de­rung der knapp 500.000 Ver­trie­be­nen und Flücht­lin­ge aus den deut­schen Ost­ge­bie­ten in den Jah­ren 1948 bis 1953 ver­zeich­ne­te die Lan­des­re­gie­rung gro­ße Er­fol­ge. Die ge­sam­te So­zi­al­po­li­tik der Re­gie­rung Ar­nold ver­folg­te das Ziel, durch Bes­se­rung der wirt­schaft­li­chen und so­zia­len Ver­hält­nis­se den Ra­di­ka­len auf der Lin­ken und der Rech­ten den Bo­den für ih­re Agi­ta­ti­on zu ent­zie­hen.

Seit 1948 ver­such­te Ar­nold in Über­ein­stim­mung mit al­len west­deut­schen Po­li­ti­kern, die von den West­al­li­ier­ten ge­plan­te Über­wa­chung des Berg­baus und der Stahl­pro­duk­ti­on im Ruhr­ge­biet und die Ver­tei­lung von de­ren Er­zeug­nis­sen durch ei­ne al­li­ier­te „Ruhr-Be­hör­de" – bis No­vem­ber 1949 oh­ne deut­sche Be­tei­li­gung – ab­zu­wen­den. Dies ge­lang nicht; im April 1949 nahm die Be­hör­de ih­re Tä­tig­keit auf. Ar­nolds Ge­gen­vor­schlag ei­ner west­eu­ro­päi­schen In­te­gra­ti­on der Mon­tan­in­dus­trie nahm zum Teil den Schu­man-Plan von 1950, der zur Ba­sis der im Früh­jahr 1953 ge­grün­de­ten Mon­tan­uni­on wur­de, vor­weg. Die­se mach­te das Ruhr­sta­tut von 1949 über­flüs­sig. Die Krö­nung von Ar­nolds En­ga­ge­ment bei der west­deut­schen Staats­bil­dung war die Ent­schei­dung des Par­la­men­ta­ri­schen Rats vom 10.5.1949, Bonn zur pro­vi­so­ri­schen Bun­des­haupt­stadt zu ma­chen. Am 7.9.1949 wähl­te der Bun­des­rat Ar­nold zu sei­nem ers­ten Prä­si­den­ten; er wur­de da­mit nach Ar­ti­kel 57 des Grund­ge­set­zes stell­ver­tre­ten­des Staats­ober­haupt der Bun­des­re­pu­blik.

Karl Arnold, Porträtfoto. (Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland )

 

Nach­dem sich die ma­te­ri­el­le und so­zia­le Si­tua­ti­on der Be­völ­ke­rung in­fol­ge der Wäh­rungs­re­form von 1948 und der ers­ten Er­fol­ge der Woh­nungs­bau­pro­gram­me des Lan­des ge­bes­sert hat­te, wand­ten sich die Lan­des­re­gie­rung und Ar­nold per­sön­lich den gro­ßen staats­recht­li­chen Pro­ble­men zu, die bis 1949 fak­tisch lie­gen ge­blie­ben wa­ren, wenn man da­von ab­sieht, dass der Land­tag sich be­reits 1947/1948 mit der Aus­ar­bei­tung ei­ner Lan­des­ver­fas­sung be­schäf­tigt hat­te. Nach ei­ner durch den Grün­dungs­pro­zess der Bun­des­re­pu­blik be­ding­ten Un­ter­bre­chung nahm das Par­la­ment im Som­mer 1949 die Ar­beit an der Ver­fas­sung wie­der auf. Sie wur­de am 6.6.1950 ver­ab­schie­det und am 18.6.1950 durch ei­nen Volks­ent­scheid be­stä­tigt. Die eben­falls über­fäl­li­ge Ver­wal­tungs­re­form um­fass­te un­ter an­de­rem die 1952 in Kraft ge­tre­te­ne Ge­mein­de­ord­nung für Nord­rhein-West­fa­len. Er­fol­ge der Re­gie­rung Ar­nold wa­ren auch die Wie­der­er­rich­tung der Pro­vin­zi­al­ver­bän­de als Land­schafts­ver­bän­de Rhein­land und West­fa­len-Lip­pe (Ok­to­ber 1953) und die Grün­dung des West­deut­schen Rund­funks als Nach­fol­ger des Nord­west­deut­schen Rund­funks mit Sitz in Köln (1954).

Ar­nold wur­de nach den Land­tags­wah­len im Ju­li 1950 und im Ju­li 1954 wie­der ge­wählt. Von En­de Ja­nu­ar bis En­de Ju­li 1954 war er in Per­so­nal­uni­on auch Mi­nis­ter für Bun­des­an­ge­le­gen­hei­ten. Am 20.2.1956 wur­de er vor dem Hin­ter­grund bun­des­po­li­ti­scher Vor­gän­ge durch ein Miss­trau­ens­vo­tum der Land­tags­mehr­heit von SPD, FDP und Zen­trum ge­stürzt. Zu sei­nem Nach­fol­ger wähl­te der Land­tag Fritz Stein­hoff (SPD). Von Sep­tem­ber 1957 bis zu sei­nem Tod ge­hör­te Ar­nold dem Deut­schen Bun­des­tag an. Er starb wäh­rend des Land­tags­wahl­kampfs am 29.6.1958 in Düs­sel­dorf an ei­nem Herz­in­farkt.

Quellen

Die Ka­bi­netts­pro­to­kol­le der Lan­des­re­gie­rung von Nord­rhein-West­fa­len 1946 bis 1950 (Er­nen­nungs­pe­ri­ode und ers­te Wahl­pe­ri­ode). Ein­ge­lei­tet und be­ar­bei­tet von Mi­cha­el Al­fred Kan­ther, Sieg­burg 1992.
Die Ka­bi­netts­pro­to­kol­le der Lan­des­re­gie­rung von Nord­rhein-West­fa­len 1950 bis 1954 (Zwei­te Wahl­pe­ri­ode). Ein­ge­lei­tet und be­ar­bei­tet von Gi­se­la Fle­cken­stein, Sieg­burg 1995.
Die Ka­bi­netts­pro­to­kol­le der Lan­des­re­gie­rung von Nord­rhein-West­fa­len 1954 bis 1958 (Drit­te Wahl­pe­ri­ode). Ein­ge­lei­tet und be­ar­bei­tet von Vol­ker Acker­mann, Sieg­burg 1997.

Literatur

Hüwel, Det­lev, Karl Ar­nold. Ei­ne po­li­ti­sche Bio­gra­phie, Wup­per­tal 1980.
Land­tag Nord­rhein-West­fa­len (Hg.), Karl Ar­nold. Nord­rhein-West­fa­lens Mi­nis­ter­prä­si­dent 1947 bis 1956, Düs­sel­dorf 2001.
Ro­meyk, Horst, Klei­ne Ver­wal­tungs­ge­schich­te Nord­rhein-West­fa­lens, Sieg­burg 1988, S. 57, 283.

Karl Arnold am Schreibtisch, Porträtfoto. (Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland)

 
Zitationshinweis

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Kanther, Michael A., Karl Arnold, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/karl-arnold-/DE-2086/lido/57adb1d7146db5.00224413 (22.04.2018)