Karl der Große

Fränkischer König und römischer Kaiser (748-814)

Matthias Becher (Bonn)

Idealbild Karls des Großen mit erst lange nach seinem Tod hergestellten Teilen der Reichskleinodien, Gemälde von Albrecht Dürer (Original im Germanischen Nationalmuseum), 1513.

Karl der Gro­ße wur­de am 2.4.748 als äl­tes­ter Sohn des frän­ki­schen Haus­mei­ers und spä­te­ren Kö­nigs (seit 751) Pip­pin (714-768) und des­sen Ge­mah­lin Ber­tra­da (um 725-783) ge­bo­ren. Er war 768-814 Kö­nig der Fran­ken und seit 800 rö­mi­scher Kai­ser. Karls Ge­burts­ort ist un­be­kannt, auch wenn Dü­ren als sein Ge­burts­ort er­wo­gen wur­de. Da sich sein Va­ter haupt­säch­lich im heu­ti­gen Frank­reich auf­hielt, dürf­te Karl dort auf­ge­wach­sen sein.

 

Das Ge­wicht der Rhein­lan­de im Fran­ken­reich hat er ent­schei­dend ver­grö­ßert, da er sich in sei­ner frü­hen Zeit als Kö­nig oft am Mit­tel­rhein auf­hielt und ab den 790er Jah­ren <u>Aa­chen</u> zu sei­ner stän­di­gen Win­ter­pfalz und da­mit zur wich­tigs­ten Re­si­denz des Rei­ches aus­bau­te. 

Karl wur­de wäh­rend des Be­suchs Papst Ste­phans II. (Pon­ti­fi­kat 752-757) im Fran­ken­reich 754 zu­sam­men mit sei­nem Bru­der Karl­mann (751-771) zum Kö­nig ge­salbt. Nach Pip­pins Tod 768 wur­den die Brü­der zu Kö­ni­gen der Fran­ken er­ho­ben, das Reich un­ter ih­nen auf­ge­teilt. Als es in Aqui­ta­ni­en 769 zu ei­nem Auf­stand kam, wei­ger­te sich Karl­mann, sei­nen Bru­der zu un­ter­stüt­zen. Karl war zwar auch al­lein sieg­reich, aber die Brü­der wa­ren fort­an ver­fein­det. Al­lein der über­ra­schen­de Tod Karl­manns 771 ver­hin­der­te ei­nen of­fe­nen Krieg. In­ner­halb we­ni­ger Ta­ge über­nahm Karl nun auch die Herr­schaft im Reichs­teil sei­nes Bru­ders, des­sen Wit­we Ger­ber­ga zu­sam­men mit ih­ren jun­gen Söh­nen zum Lan­go­bar­den­kö­nig De­si­de­ri­us (Re­gie­rungs­zeit 757-774, ge­stor­ben nach 786) ent­floh. 

Die­se Kon­stel­la­ti­on führ­te zu ei­nem Krieg ge­gen die Lan­go­bar­den. Karl trenn­te sich von sei­ner zwei­ten Frau, der Toch­ter des De­si­de­ri­us, wäh­rend die­ser Papst Ha­dri­an (Pon­ti­fi­kat 772-795) zwin­gen woll­te, die bei­den Söh­ne Karl­manns zu Kö­ni­gen zu sal­ben, was die Al­lein­herr­schaft Karls im Fran­ken­reich in Fra­ge ge­stellt hät­te. Ha­dri­an wei­ger­te sich und bat Karl um Hil­fe.

Die­ser zog da­her im Spät­som­mer 773 über die Al­pen und be­gann mit der Be­la­ge­rung der lan­go­bar­di­schen Haupt­stadt Pa­via. Erst im Som­mer 774 ka­pi­tu­lier­te De­si­de­ri­us, so dass Karl die Kö­nigs­herr­schaft über die Lan­go­bar­den in Nord- und Mit­tel­ita­li­en über­neh­men konn­te. Wäh­rend die­ser Kämp­fe be­gab sich Karl an Os­tern 774 nach Rom. Er er­neu­er­te das al­te Bünd­nis mit dem Papst­tum und be­stä­tig­te auch die so­ge­nann­te Pip­pi­ni­sche Schen­kung. Nach sei­nem Sieg ver­stand er sich ganz selbst­ver­ständ­lich als Schutz­herr der rö­mi­schen Kir­che.

Schon ein Jahr vor sei­nem Auf­bruch nach Ita­li­en hat­te Karl ei­nen Kriegs­zug ge­gen die Sach­sen un­ter­nom­men und die Ir­min­sul, das zen­tra­le Hei­lig­tum der heid­ni­schen Sach­sen, zer­stört. Ne­ben re­li­giö­sen Mo­ti­ven streb­te Karl ver­mut­lich auch ganz ein­fach nach ei­ner wei­te­ren Ex­pan­si­on des Fran­ken­rei­ches und nach ei­ner Stär­kung der ei­ge­nen Stel­lung. Mit dem Krieg ge­gen die Sach­sen ver­la­ger­te sich der Schwer­punkt des Fran­ken­rei­ches all­mäh­lich vom Pa­ri­ser Be­cken an den Rhein, nicht zu­letzt weil sich die­ser Krieg über rund 30 Jah­re hin­zog und die per­sön­li­che An­we­sen­heit Karls in Sach­sen selbst und den un­mit­tel­bar be­nach­bar­ten Ge­bie­ten not­wen­dig mach­te.

Ein ers­ter Rück­schlag für die Fran­ken hing mit Karls Lan­go­bar­den­krieg zu­sam­men. Wäh­rend sei­ner Ab­we­sen­heit nah­men die Sach­sen Ra­che und über­fie­len zahl­rei­che christ­li­che Kir­chen im nörd­li­chen Hes­sen. Seit 775 stieß Karl dann im­mer wie­der kon­se­quent nach Sach­sen vor und er­zwang die Un­ter­wer­fung und Chris­tia­ni­sie­rung ein­zel­ner säch­si­scher Grup­pen. Zwei Jah­re spä­ter hielt er in Pa­der­born ei­ne ers­te Reichs­ver­samm­lung auf säch­si­schem Bo­den ab. Karl schien da­mit sei­ne Kriegs­zie­le er­reicht zu ha­ben und wand­te sich ei­nem an­de­ren, eben­falls nicht­christ­li­chen Nach­barn zu.

Im Jahr 778 zog Karl auf Bit­ten des mus­li­mi­schen Statt­hal­ters von Sa­ra­gos­sa nach Spa­ni­en, um die­sen ge­gen den Emir von Cor­do­ba zu un­ter­stüt­zen. Karls Feld­zug en­de­te al­ler­dings in ei­nem De­ba­kel, un­ter an­de­rem weil es ei­nen Um­sturz in Sa­ra­gos­sa ge­ge­ben hat­te. Auf dem Rück­zug durch die Py­re­nä­en wur­de zu­dem sei­ne Nach­hut von den Bas­ken ver­nich­tet.

Die Sach­sen nutz­ten die­se Ent­wick­lung zu ei­nem er­neu­ten Ge­gen­schlag, der sie 778 so­gar bis an den Rhein führ­te. 779 sieg­te Karl in ei­ner of­fe­nen Schlacht bei Bo­cholt und er­ober­te in den fol­gen­den Jah­ren gro­ße Tei­le des Lan­des. 782 muss­te er je­doch ei­nen gro­ßen Rück­schlag hin­neh­men. Am Sün­tel­ge­bir­ge er­litt ei­nes sei­ner Hee­re ei­ne ver­hee­ren­de Nie­der­la­ge. Dies ver­an­lass­te Karl zu ei­ner – wohl auch in der Per­spek­ti­ve vie­ler Zeit­ge­nos­sen – aus­ge­spro­chen dras­ti­schen Re­ak­ti­on: In Ver­den an der Al­ler ließ er zahl­rei­che Sach­sen – in den Quel­len ist von 4.500 die Re­de – hin­rich­ten. Ein har­tes Be­sat­zungs­recht soll­te je­den Wi­der­stand so­wohl ge­gen den Herr­scher als auch ge­gen die Chris­tia­ni­sie­rung mit dem To­de be­dro­hen. Schlie­ß­lich in­ten­si­vier­te er in den fol­gen­den Jah­ren sei­ne mi­li­tä­ri­schen Maß­nah­men ge­gen wi­der­stän­di­ge Sach­sen. 

In der Sum­me hat­ten Karls Maß­nah­men Er­folg: Der west­fä­li­sche Ad­li­ge Wi­du­kind (ge­stor­ben nach 785), An­füh­rer des Auf­stands, gab 785 sei­nen Wi­der­stand auf und wur­de in At­ti­gny ge­tauft. In der fol­gen­den Zeit wur­den die Sach­sen zwar zu­neh­mend in das Fran­ken­reich in­te­griert, aber in den 790er Jah­ren kam es er­neut zu hef­ti­gen Auf­stän­den, vor al­lem im Nor­den Sach­sens. Erst 804 un­ter­war­fen sich die letz­ten Sach­sen sei­ner Herr­schaft. Ei­ne Vor­aus­set­zung da­für war ge­we­sen, dass Karl vie­le ko­ope­ra­ti­ons­be­rei­te säch­si­sche Ad­li­ge auf sei­ne Sei­te ge­zo­gen und in sein Herr­schafts­sys­tem in­te­griert und so dem Wi­der­stand all­mäh­lich den Bo­den ent­zo­gen hat­te.

Darstellung Karls des Großen in der Chronik des Ekkehard von Aura um 1112/14.

 

Auch nach Süd­os­ten hin er­wei­ter­te Karl das Fran­ken­reich. Als sich sein Ver­hält­nis zu sei­nem Vet­ter, dem Bay­ern­her­zog Tas­si­lo III. (741- nach 11.12.794) ab dem Be­ginn der 780er Jah­re ver­schlech­ter­te, mar­schier­te Karl 787 in Bay­ern ein. Tas­si­lo un­ter­warf sich kampf­los auf dem Lech­feld, leis­te­te ei­nen Treu­eid und nahm sein Her­zog­tum vom frän­ki­schen Kö­nig zu Le­hen. Schon ein Jahr spä­ter wur­de der Her­zog auf ei­ner Reichs­ver­samm­lung in In­gel­heim des Treu­bruchs be­schul­digt und zum To­de ver­ur­teilt. Karl wan­del­te die­se Stra­fe in ei­ne le­bens­lan­ge Kla­ge­haft um. Der Kö­nig über­nahm nun selbst die Herr­schaft in Bay­ern und hielt sich ei­ni­ge Jah­re lang vor al­lem in Re­gens­burg auf. Von dort aus zog er 791 erst­mals ge­gen die Awa­ren, die als Tas­si­los Ver­bün­de­te gal­ten und seit 788 Bay­ern be­un­ru­hig­ten. Das Un­ter­neh­men en­de­te er­folg­los, und erst 795/796 konn­te Karls Sohn Pip­pin die Awa­ren end­gül­tig be­zwin­gen.

Ne­ben all die­sen äu­ße­ren Krie­gen pfleg­te Karl auch sei­ne Be­zie­hun­gen zum Papst. An­ge­sichts der Ent­fer­nung er­schien er selbst nur sel­ten in Ita­li­en, das von sei­nen Amts­trä­gern frän­ki­scher, ale­man­ni­scher und spä­ter auch baye­ri­scher Her­kunft ver­wal­tet wur­de. Zur Fei­er des Os­ter­fes­tes 781 reis­te der Kö­nig dann aber per­sön­lich nach Rom. Er und Papst Ha­dri­an er­neu­er­ten ihr Bünd­nis. Zu­dem salb­te und krön­te Ha­dri­an Pip­pin (777-810) und Lud­wig (813 Mit­kai­ser, 814-840 Kai­ser) die jün­ge­ren Söh­ne Karls, zu Kö­ni­gen (von Ita­li­en und von Aqui­ta­ni­en). Karl über­ließ dem Papst Ein­künf­te be­zie­hungs­wei­se Ge­bie­te in Tus­zi­en und dem Her­zog­tum Spole­to, er­füll­te aber wei­te­re päpst­li­che For­de­run­gen nicht. Auch folg­te er des­sen an­ti­by­zan­ti­ni­scher Hal­tung nicht, son­dern schloss ein Bünd­nis mit dem Kai­ser. Wäh­rend vor­ge­se­hen war, die­ses durch ei­ne Hei­rat von Karls Toch­ter Ro­trud (ge­stor­ben 810) mit dem jun­gen Kon­stan­tin VI. (Re­gie­rungs­zeit 780-797) ab­zu­si­chern, hielt die Ver­lo­bung nicht lan­ge: Sechs Jah­re spä­ter er­schien Karl er­neut in Ita­li­en und brach­te das Fürs­ten­tum Be­nevent in Süd­ita­li­en in sei­ne Ab­hän­gig­keit. Da­mit war er in ost­rö­mi­sches In­ter­es­sens­ge­biet vor­ge­drun­gen und das Bünd­nis mit Ostrom en­de­te.

Ne­ben Karls Vor­ge­hen hat­te auch das Kon­zil von Nicäa im Jahr 787 die frän­kisch-by­zan­ti­ni­schen Be­zie­hun­gen be­las­tet. Wäh­rend Papst Ha­dri­an die Ab­sicht un­ter­stütz­te, mit die­sem Kon­zil den so­ge­nann­ten Bil­der­streit und da­mit die Spal­tung der Kir­che zu be­en­den und Le­ga­ten nach Nicäa ent­sand­te, blie­ben Karl der Gro­ße und die frän­ki­schen Bi­schö­fe au­ßen vor. Als Re­ak­ti­on er­kann­ten die Fran­ken die Be­schlüs­se des Kon­zils nicht an. Da­mit hat­te Karl der Gro­ße in ei­ner der zen­tra­len Fra­gen der Chris­ten­heit ei­ne ei­ge­ne Po­si­ti­on be­zo­gen und mach­te da­mit deut­lich, dass sein Reich selbst in theo­lo­gi­schen Fra­gen ei­ne ei­gen­stän­di­ge Rol­le ne­ben den bei­den Uni­ver­sal­ge­wal­ten spiel­te. 

En­de 795 ver­starb Papst Ha­dri­an. An­schei­nend kam es dar­auf­hin in Rom zu ei­nem Macht­wech­sel. Nicht wie bis­her ein Ver­tre­ter der Aris­to­kra­tie, son­dern mit Leo III. (Pon­ti­fi­kat 795-816) wur­de ein Auf­stei­ger aus dem Kle­rus zum Nach­fol­ger des hei­li­gen Pe­trus ge­wählt. Die in­ne­ren Span­nun­gen ent­lu­den sich in ei­nem Auf­stand, bei dem im Früh­jahr 799 der Papst an­geb­lich ge­blen­det und der Zun­ge be­raubt wur­de. 

Leo flüch­te­te und fand Schutz bei Karl, der sich da­mals in Pa­der­born auf­hielt. Dort wur­de we­ni­ger über ei­ne mög­li­che Kai­ser­krö­nung ver­han­delt als viel­mehr um die Re­ha­bi­li­tie­rung des Paps­tes, ge­gen den sei­ne Geg­ner schwe­re An­kla­gen er­ho­ben. Karl ließ Leo im Herbst nach Rom zu­rück­füh­ren, aber die Vor­wür­fe ge­gen den Papst blie­ben im Raum ste­hen. Erst als Karl ein Jahr spä­ter selbst nach Rom kam, wur­den die An­kla­gen auf ei­ner Syn­ode ver­han­delt. Die­se konn­ten nur aus der Welt ge­räumt wer­den, in­dem Leo ei­nen Rei­ni­gungs­eid leis­te­te. 

Im Ge­gen­zug vo­tier­te der Papst an der Spit­ze der Syn­ode da­für, Karl zum Kai­ser zu er­he­ben. Am Weih­nachts­tag des Jah­res 800 wur­de der Fran­ken­kö­nig vom Papst zum Kai­ser ge­krönt und von den Rö­mern ak­kla­miert. Für sei­ne An­er­ken­nung als Kai­ser war je­doch das Ver­hält­nis zu Ostrom ent­schei­dend. Kai­ser Ni­ke­pho­ros I. (802-811) woll­te den Fran­ken je­doch kei­nes­falls als gleich­be­rech­tig­ten Kai­ser an­er­ken­nen. Di­plo­ma­ti­sche We­ge schei­ter­ten spä­tes­tens als sich Karl in ei­nen in­ne­ren Kon­flikt in dem zu By­zanz ge­hö­ren­den Ve­ne­dig ein­misch­te. Es kam zum Krieg, der un­ent­schie­den en­de­te. Nach lan­gen Ver­hand­lun­gen wur­de Karl En­de 812 vom neu­en ost­rö­mi­schen Kai­ser Mi­cha­el I. (Kai­ser 811-813, ge­stor­ben 844) als Kai­ser letzt­lich an­er­kannt. 

Im In­nern such­te Karl mit Hil­fe von schrift­li­chen Er­las­sen, den so­ge­nann­ten Ka­pi­tu­la­ri­en, der in­ne­ren Pro­ble­me sei­nes Rei­ches Herr zu wer­den: Man­geln­de Dis­zi­plin so­wohl der ho­hen Geist­lich­keit als auch der welt­li­chen Amts­trä­ger, feh­len­de Rechts­ein­heit und vor al­lem ein un­ge­nü­gen­der Bil­dungs­stand in kirch­li­chen Krei­sen. Mit dem Ka­pi­tu­lar von Her­s­tal (779) for­der­te er ei­ne bes­se­re Amts­füh­rung und ei­nen kor­rek­te­ren Le­bens­wan­del von Kle­ri­kern und Mön­chen ein.

Die Ad­mo­ni­tio ge­ne­ra­lis (789) han­del­te eben­falls von den Pflich­ten und dem Le­bens­wan­del der Geist­li­chen. Da­bei streb­te Karl ei­ne ein­heit­li­che Or­ga­ni­sa­ti­on des kirch­li­chen Le­bens im ge­sam­ten Fran­ken­reich an. Ins­be­son­de­re soll­ten Bi­schö­fe die Seel­sor­ge in den Mit­tel­punkt ih­rer Tä­tig­keit stel­len, re­gel­mä­ßig Diö­ze­san­syn­oden ab­hal­ten und den Kle­rus re­gel­mä­ßig vi­si­tie­ren. Zen­tra­les An­lie­gen aber war ei­ne Ver­bes­se­rung des Bil­dungs­stands von Geist­li­chen und Mön­chen. Da­her soll­ten Schu­len an Bi­schofs­kir­chen und in Klös­tern ein­ge­rich­tet wer­den. 

Die Ver­bes­se­rung der Bil­dung war kein Selbst­zweck, son­dern soll­te ei­ne ein­heit­li­che Or­ga­ni­sa­ti­on des kirch­li­chen Le­bens im ge­sam­ten Fran­ken­reich för­dern. Da­zu ge­hör­te auch ei­ne ein­heit­li­che und leicht les­ba­re Schrift, die ka­ro­lin­gi­sche Mi­nus­kel, die ei­ne wich­ti­ge Vor­aus­set­zung für die Ver­brei­tung neu­er Ide­en und al­ter Tex­te war. Die Lai­en soll­ten schlie­ß­lich der Ad­mo­ni­tio ge­ne­ra­lis zu­fol­ge die Zehn Ge­bo­te ein­hal­ten und am Sonn­tag die Mes­se be­su­chen, wäh­rend ih­nen an die­sem Tag das Ar­bei­ten un­ter­sagt wur­de. 

Die Er­he­bung Karls zum Kai­ser ver­an­lass­te ihn zu noch mehr ge­setz­ge­be­ri­schen An­stren­gun­gen. In den 802 ent­stan­de­nen Aa­che­ner Ka­pi­tu­la­ri­en for­der­te Karl von sei­nen Un­ter­ta­nen zu­nächst vor al­lem Loya­li­tät in Form von Treu­ei­den, aber auch ei­ne christ­li­che Le­bens­füh­rung. Ein zen­tra­les An­lie­gen war der Schutz von Kir­chen, Wit­wen, Wai­sen und Pil­gern, ei­ne Auf­ga­be, die schon der Kir­chen­va­ter Au­gus­ti­nus (354-430) dem christ­li­chen Herr­scher zu­ge­wie­sen hat­te. Ins­ge­samt folg­ten sei­ne Er­las­se die­sen Idea­len, ei­nem zu­tiefst im christ­li­chen Glau­ben ver­wur­zel­ten Herr­sche­re­thos und sei­nem neu­en Selbst­ver­ständ­nis als Kai­ser. 

Auch auf der prak­ti­schen Ebe­ne mach­te der Kai­ser neue Vor­ga­ben: Im Ge­richts­we­sen ver­bes­ser­te er die Stel­lung der Är­me­ren und Macht­lo­sen, in­dem er Selbst­hil­fe und Blut­ra­che ein­schränk­te und die An­nah­me ei­nes Süh­ne­gel­des ver­pflich­tend mach­te. Auch die Rechts­spre­chung selbst re­for­mier­te er: Bei Ge­richt führ­ten Gra­fen oder ih­re Ver­tre­ter im Na­men des Kö­nigs den Vor­sitz und voll­streck­ten das Ur­teil, das von rechts­er­fah­re­nen Män­nern aus dem Volk, so­ge­nann­ten Schöf­fen (sca­bi­ni) ‚ge­fun­den’ wur­de. Wei­ter führ­te Karl so­ge­nann­te Rü­ge­zeu­gen ein, die als An­klä­ger auf­zu­tre­ten hat­ten, wenn ein Ver­bre­chens­op­fer dies nicht selbst tat. Mit die­sen Än­de­run­gen re­agier­te Karl auf die Miss­stän­de bei der ‚Ver­wal­tung‘ sei­nes Rei­ches, et­wa durch Macht- be­zie­hungs­wei­se Amts­miss­brauch. Mit ih­rer Kon­trol­le be­auf­trag­te er Kö­nigs­bo­ten (mis­si do­mi­ni­ci). Sie reis­ten im Reich um­her, kon­trol­lier­ten die ört­li­chen Wür­den­trä­ger und brach­ten den Wil­len des Herr­schers zur Gel­tung. 

In sei­ner per­sön­li­chen Le­bens­füh­rung rich­te­te sich Karl al­ler­dings nicht im­mer nach den kirch­li­chen Idea­len. Sei­ne bei­den ers­ten Ehe­frau­en, Hi­mil­trud und ei­ne na­ment­lich nicht be­kann­te Toch­ter des Lan­go­bar­den­kö­nigs De­si­de­ri­us hat er aus po­li­ti­schen Grün­den ver­sto­ßen. Da­nach hat er noch zwei- oder drei­mal ge­hei­ra­tet. Sei­ne drit­te Ge­mah­lin Hil­de­gard (ge­stor­ben 783) schenk­te ihm die drei für die Nach­fol­ge aus­er­se­he­nen Söh­ne Karl, Pip­pin und Lud­wig, von de­nen aber nur der letz­te­re den Va­ter über­leb­te. Wei­te­re un­ehe­li­che Nach­kom­men spiel­ten po­li­tisch kei­ne Rol­le. Als er im Herbst des Jah­res 813 sein En­de na­hen fühl­te, krön­te er Lud­wig in Aa­chen ei­gen­hän­dig zum Mit­kai­ser, ver­zich­te­te al­so auf ei­ne Be­tei­li­gung des Paps­tes. Karl der Gro­ße starb am 28.1.814 in Aa­chen, wo er noch am sel­ben Tag in der Pfalz­ka­pel­le an heu­te un­be­kann­ter Stel­le bei­ge­setzt wur­de.

Quellen (Auswahl)

An­na­les reg­ni Fran­co­rum et An­na­les qui di­cun­tur Ein­har­di, ed. Fried­rich Kur­ze (MGH SS rer. Germ. [6]), Han­no­ver 1895.

Ein­hard, Vi­ta Ka­ro­li ma­gni, ed. Os­wald Hol­der-Eg­ger (MGH SS rer. Germ. [25]), Han­no­ver 61911.

Ca­pi­tu­la­ria re­gum Fran­co­rum I, ed. Al­fred Bo­re­ti­us (MGH Ca­pit. I), Han­no­ver 1883.

Co­dex Ca­ro­li­nus, ed. Wil­helm Gund­lach, in: MGH Epis­to­lae III, Han­no­ver 1892, S. 469-657.

Opus Ca­ro­li re­gis con­tra syn­odum (Li­bri Ca­ro­li­ni), ed. Ann Free­man u. M. v. Paul Mey­va­ert (MGHi Con­ci­lia 2, Sup­ple­men­tum 1), Han­no­ver 1998.

Die Ur­kun­den Pip­pins, Karl­manns und Karls des Gro­ßen, ed. En­gel­bert Mühl­ba­cher u. M. v. Al­fons Dopsch, Jo­hann Lech­ner u. Mi­cha­el Tangl (MGH DD Ka­ro­li­n­o­rum I), Han­no­ver 1906. 

Literatur (Auswahl)

Be­cher, Mat­thi­as, Karl der Gro­ße, 6. Auf­la­ge, Mün­chen 2014.

Col­lins, Ro­ger, Char­le­ma­gne, Ba­sing­s­to­ke [u.a.] 1998.

Fa­vier, Jean, Char­le­ma­gne, Pa­ris 1999.

Fried, Jo­han­nes, Karl der Gro­ße. Ge­walt und Glau­be. Ei­ne Bio­gra­phie, Mün­chen 2013.

Hart­mann, Wil­fried, Karl der Gro­ße, Stutt­gart 2010.

Schief­fer, Ru­dolf, Die Zeit des ka­ro­lin­gi­schen Gro­ß­reichs 714-887 (Geb­hardt. Hand­buch der deut­schen Ge­schich­te 2), Stutt­gart 2005.

Schief­fer, Ru­dolf, Die Ka­ro­lin­ger, 5. Auf­la­ge, Stutt­gart 2014.

Wein­fur­ter, Ste­fan, Karl der Gro­ße. Der hei­li­ge Bar­bar, Mün­chen 2013.

Online

Schief­fer, Theo­dor, „Karl der Gro­ße“ in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 11 (1977), S. 157-174 [On­line-Ver­si­on, ab­ge­ru­fen am 2017-03-24]; URL: https-blank://www.deut­sche-bio­gra­phie.de/gn­d118560034.html#ndbcon­tent

Karl (links mit seinem Sohn Pippin von Italien (rechts)), aus dem Liber legum des Lupus Ferrariensis, Original in der Biblioteca Capitolare in Modena.

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Becher, Matthias, Karl der Große, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/karl-der-grosse/DE-2086/lido/5acdc9f2207d09.41489983 (25.05.2018)