Lothar I.

Kaiser (795-855)

Maria Schäpers (Aachen)

Lothar I., dargestellt in einem Evangeliar, Tours, zwischen 849 und 851, heute in Paris Bibliotheque Nationale de France, Ms. lat. 266, fol. 1v. (Gemeinfrei)

Lo­thar I. wur­de 795 ver­mut­lich in Aqui­ta­ni­en, dem Un­ter­kö­nig­tum sei­nes Va­ters Lud­wig des From­men (778-840), ge­bo­ren, weit ent­fernt von dem da­ma­li­gen po­li­ti­schen Macht­zen­trum des Fran­ken­reichs in Aa­chen, das sein Gro­ßva­ter Kai­ser Karl der Gro­ße (748-814) vor al­lem im Win­ter zu sei­nem be­vor­zug­ten Auf­ent­halts­ort er­wählt hat­te.

Wenn auch in Aqui­ta­ni­en, Bay­ern und Ita­li­en die Schwer­punk­te in den An­fangs­jah­ren sei­nes Le­bens und sei­ner Herr­schaft la­gen, spiel­te das Rhein­land, vor al­lem Aa­chen als Ort wich­ti­ger po­li­ti­scher Ent­schei­dun­gen, stets ei­ne be­deu­ten­de Rol­le für Lo­thar. 814 wur­de er hier von Lud­wig dem From­men, der nach dem Tod Karls des Gro­ßen das Er­be des Va­ters an­ge­tre­ten hat­te, zum Un­ter­kö­nig in Bay­ern er­nannt. 

In Bay­ern be­stand Lo­thars Auf­ga­be, die er ab 815 wahr­nahm, in der Re­prä­sen­ta­ti­on der ge­samt­herr­schaft­li­chen Macht vor Ort be­son­ders mit Blick auf Kö­nig Bern­hard von Ita­li­en (wohl 797-818), dem Nef­fen Lud­wigs des From­men. Ei­ne grö­ße­re ei­ge­ne Macht­ent­fal­tung Lo­thars in Bay­ern war da­bei we­der von des­sen Va­ter in­ten­diert noch auf­grund der star­ken Stel­lung Graf Au­dulfs (ge­stor­ben 818), des dor­ti­gen re­gio­na­len Macht­ha­bers, mög­lich. 

 

Wie­der­um in Aa­chen wur­de 817 ei­ne wich­ti­ge Ent­schei­dung ge­fällt. Lud­wig der From­me er­ließ sei­ne Nach­fol­ge­ord­nung, die so­ge­nann­te Or­di­na­tio im­pe­rii. Lo­thar wur­de zum Mit­kai­ser er­ho­ben. Nach Lud­wigs Tod war kei­ne gleich­be­rech­tig­te Tei­lung des Rei­ches un­ter Lud­wigs Söh­nen, Lo­thar, Pip­pin (I. von Aqui­ta­ni­en, um 797-838, Kö­nig ab 814) und Lud­wig (dem Deut­schen, um 806-876, Kö­nig ab 817/826) vor­ge­se­hen. Viel­mehr soll­te Lo­thar den grö­ß­ten Reichs­teil er­hal­ten und sei­nen Brü­dern als Kai­ser über­ge­ord­net sein, ei­ne Neue­rung ge­gen­über bis­her üb­li­chen Re­ge­lun­gen in der frän­ki­schen Ge­schich­te. Nicht al­le Be­tei­lig­ten wa­ren zu­frie­den mit die­ser Re­ge­lung.

Lo­thar kehr­te nach sei­ner Er­he­bung zum Mit­kai­ser nicht nach Bay­ern, das für sei­nen Bru­der Lud­wig in der Or­di­na­tio im­pe­rii vor­ge­se­hen war, zu­rück. Er blieb an der Sei­te sei­nes Va­ters, wo er sich als zu­künf­ti­ger Nach­fol­ger prä­sen­tie­ren konn­te. An den Re­gie­rungs­ge­schäf­ten war er al­ler­dings kaum mehr als in be­ob­ach­ten­der Wei­se be­tei­ligt.

Der Er­lass der Nach­fol­ge­re­ge­lun­gen Lud­wigs des From­men von 817 pro­vo­zier­te Kö­nig Bern­hard von Ita­li­en, der in der Or­di­na­tio im­pe­rii kei­ne Er­wäh­nung ge­fun­den hat­te, zum Auf­stand. Blen­dung lau­te­te sei­ne Be­stra­fung, die er nicht über­le­ben soll­te. Lo­thar wur­de 822 in den durch den Tod Bern­hards ver­wais­ten Reichs­teil ge­schickt, um hier Recht und Ord­nung zu schaf­fen. Nicht als Kö­nig, son­dern als Mit­kai­ser agier­te Lo­thar hier. Mit Hil­fe von Ka­pi­tu­la­ri­en, das hei­ßt mit ge­setz­ge­be­ri­schen und ad­mi­nis­tra­ti­ven Er­las­sen und Ver­ord­nun­gen, be­müh­te sich Lo­thar um die Ab­stel­lung von Miss­stän­den. Ei­ne ganz und gar kai­ser­li­che Auf­ga­be über­nahm er 823, als er auf Wei­sung sei­nes Va­ters die Be­zie­hun­gen des Kai­ser­tums zum Papst­tum in der Con­sti­tu­tio Ro­ma­na neu re­gel­te. Zu­vor wa­ren in Rom kai­ser­li­che Par­tei­gän­ger ge­tö­tet wor­den.

Die be­deu­ten­de Auf­ga­be, die Lud­wig Lo­thar in die­ser Zeit über­trug, dürf­te nicht zu­letzt mit der Fra­ge der Ver­sor­gung ei­nes wei­te­ren Er­bens Lud­wigs zu­sam­men­hän­gen. Nach dem Tod Ir­min­gards, der Mut­ter Lo­thars, Lud­wigs und Pip­pins, im Jah­re 818 hat­te Lud­wig der From­me er­neut ge­hei­ra­tet. 823 brach­te die neue Ehe­frau, Ju­dith (ge­stor­ben 843), ei­nen Sohn, Karl (den Kah­len, 823-877), zur Welt. Lo­thar ver­sprach, den Halb­bru­der und sei­nen Pa­ten­sohn in al­lem zu un­ter­stüt­zen, be­vor er in Rom mit der Con­sti­tu­tio Ro­ma­na ei­nen grö­ße­ren Ein­fluss und ei­ne wei­ter­ge­hen­de Kon­trol­le der Kai­ser ge­gen­über dem Papst fest­leg­te. Zu­gleich wur­den ei­ne ka­no­ni­sche Wahl und der Schutz des Paps­tes ga­ran­tiert. 

Figur Lothars I. auf dem Karlsschrein des Aachener Doms, 2014. (CC BY-SA 3.0 / ACBahn)

 

825 kehr­te Lo­thar an den Hof des Va­ters zu­rück. Die­ser er­ließ in Aa­chen die Ad­mo­ni­tio ad om­nes reg­ni or­di­nes. In die­ser Er­mah­nung an al­le Stän­de des Rei­ches wur­de ge­for­dert, dass ein je­der den Kai­ser bei sei­ner gott­ge­ge­be­nen Auf­ga­be, für die Kir­che und das Reich zu sor­gen, un­ter­stüt­zen sol­le. Lo­thar wur­de von nun an ne­ben dem Va­ter in al­len kai­ser­li­chen Ur­kun­den und auch in an­de­ren of­fi­zi­el­len Do­ku­men­ten er­wähnt. Da­mit wur­de sein An­teil an der in der Ad­mo­ni­tio ver­kün­de­ten Auf­ga­be deut­lich nach au­ßen ge­tra­gen und sei­ne Mit­re­gent­schaft an­ge­zeigt. Doch auch jetzt blieb Lo­thars An­teil an der Aus­übung der Re­gie­rungs­ge­schäf­te ge­ring. Zu­dem hielt das Ein­ver­neh­men zwi­schen dem Kai­ser und sei­nem Mit­re­gen­ten nur we­ni­ge Jah­re. Zum Bruch zwi­schen Va­ter und Sohn kam es, als Karl dem Kah­len ein kon­kre­ter Reichs­teil zu­ge­bil­ligt wur­de. Zwar hat­te Lo­thar die Un­ter­stüt­zung sei­nes Pa­ten­soh­nes in die­ser Fra­ge zu­ge­si­chert, aber die nun an­vi­sier­te Lö­sung ge­stal­te­te sich denk­bar un­güns­tig für Lo­thar. Er­schwert, wenn nicht so­gar blo­ckiert wä­re ein zu­künf­ti­ger Zu­gang Lo­thars nach Ita­li­en, denn die rä­ti­schen Päs­se und die Stra­ßen über den Gro­ßen St. Bern­hard la­gen in Karls Reichs­teil. Die Zu­wei­sung des El­sass an den Halb­bru­der be­rühr­te dar­über hin­aus Lo­thars di­rek­tes Um­feld, vor al­lem sei­ne Ehe­frau Ir­min­gard, die er 822 vor sei­nem ers­ten Ita­li­en­auf­ent­halt auf Ge­heiß sei­nes Va­ters ge­hei­ra­te­te hat­te, und sei­nen Schwie­ger­va­ter Graf Hu­go (ge­stor­ben 837). Die Be­sit­zun­gen Hu­gos und die Mor­gen­ga­be, die Ir­min­gard zur Hoch­zeit von Lo­thar er­hal­ten hat­te, la­gen im El­sass.

Lo­thar wur­de nach Ita­li­en ver­wie­sen und nicht wei­ter in den Ur­kun­den sei­nes Va­ters ge­nannt. Die­se Zu­rück­set­zung des Mit­re­gen­ten und ei­ne Rei­he um­strit­te­ner per­so­nel­ler Ent­schei­dun­gen Lud­wigs in die­ser Zeit führ­ten zu Un­mut un­ter sei­nen welt­li­chen und geist­li­chen Gro­ßen. Hin­zu kam die Ent­täu­schung über die un­zu­rei­chen­de Um­set­zung von Re­for­men, über die auf den noch von den bei­den Kai­sern ge­mein­sam ein­be­ru­fe­nen Syn­oden 829 be­ra­ten wor­den war. Es kam zur Re­bel­li­on der un­zu­frie­de­nen Gro­ßen ge­gen Lud­wig den From­men.

Lo­thar, der sich zu­nächst den An­ord­nun­gen des Va­ters ge­beugt hat­te, schloss sich dem Auf­stand an. Fak­tisch über­nahm Lo­thar die Macht vom Va­ter, wenn auch äu­ßer­lich nur der Sta­tus quo vor Lo­thars Ver­weis nach Ita­li­en wie­der­her­ge­stellt wur­de. Dem jun­gen Kai­ser ge­lang es aber nicht, sei­ne neue Stel­lung zu si­chern. Ei­ner­seits wei­ger­te sich Lud­wig der From­me durch ei­nen Klos­ter­ein­tritt, den Weg zur Macht­über­nah­me durch Lo­thar frei­zu­ma­chen, an­de­rer­seits wa­ren Lo­thars Brü­der nicht ge­willt, die neue Po­si­ti­on Lo­thars an­zu­er­ken­nen. Zu­dem nut­zen ei­ni­ge An­hän­ger Lo­thars die Si­tua­ti­on zu ih­rem Vor­teil aus. So ge­lang es dem al­ten Kai­ser, ge­nü­gend Un­ter­stüt­zung für ei­ne Kon­fron­ta­ti­on mit Lo­thar zu fin­den. Lo­thar er­kann­te sei­ne Nie­der­la­ge und ließ es nicht zum Äu­ßers­ten kom­men. Als Stra­fe wur­de er vom Va­ter er­neut nach Ita­li­en ver­wie­sen.

Er füg­te sich in die Si­tua­ti­on und schon 832 wur­de er vom Va­ter wie­der eh­ren­voll emp­fan­gen. Sei­ne Brü­der hin­ge­gen wa­ren nicht zu­frie­den mit den ih­nen in ei­ner neu­en Reichs­tei­lung von 831 in Aa­chen zu­ge­dach­ten Po­si­ti­on und gönn­ten dem Halb­bru­der Karl sei­nen An­teil nicht. Lo­thar selbst pro­fi­tier­te von dem Un­ge­hor­sam sei­ner Brü­der. Doch konn­te er nicht mit der vom Va­ter vor­ge­schla­ge­nen Tei­lung des Rei­ches zwi­schen ihm und sei­nem Pa­ten­sohn zu­frie­den sein, zu­mal von ei­ner Ober­herr­schaft, wie sie noch in der Or­di­na­tio im­pe­rii für ihn vor­ge­se­hen wor­den war, nicht mehr die Re­de war. Lo­thar, Pip­pin und Lud­wig re­bel­lier­ten nun ge­mein­sam ge­gen den Kai­ser. Lud­wigs Söh­ne plan­ten nicht von An­fang an die Ab­set­zung des Va­ters, sie woll­ten vor al­lem ihr Recht auf ih­re Herr­schaft ge­wahrt wis­sen. Für Lo­thar wa­ren da­bei die Ver­spre­chen der Or­di­na­tio im­pe­rii Ver­hand­lungs­grund­la­ge. Das Er­geb­nis war die Ent­mach­tung des al­ten Kai­sers, der zu ei­ner Kir­chen­bu­ße ver­ur­teilt wur­de. Lo­thar trat er­neut an des­sen Stel­le. Wie­der­um ge­lang es ihm nicht, ei­nen brei­ten Kon­sens für sei­ne Herr­schaft zu fin­den. Sein Va­ter konn­te Lo­thars Brü­der auf sei­ne Sei­te zie­hen. Zwar wehr­te sich Lo­thar mit Hil­fe sei­ner An­hän­ger, muss­te sich aber schlie­ß­lich den ver­ein­ten Kräf­ten Lud­wigs des From­men und sei­ner Brü­der ge­schla­gen ge­ben.

Auch jetzt wur­de er nach Ita­li­en ver­wie­sen. Al­ler­dings gab Lo­thar sei­nen An­spruch auf das Kai­ser­tum und das Er­be sei­nes Va­ters nicht auf. Be­son­ders in Ita­li­en hat­te er ei­ne star­ke Po­si­ti­on, aber auch dies­seits der Al­pen ver­füg­te er über An­hän­ger. Lud­wig nahm da­her nach ei­ni­ger Zeit wie­der Ver­hand­lun­gen mit Lo­thar über sein Er­be auf, zu­mal er für sei­nen jüngs­ten Sohn wei­ter­hin auf die Un­ter­stüt­zung Lo­thars hoff­te. Va­ter und Sohn ver­söhn­ten sich schlie­ß­lich und es wur­de ei­ne neue Tei­lung be­schlos­sen. Das Reich soll­te un­ter Lo­thar und Karl ge­teilt wer­den, le­dig­lich Bay­ern wur­de da­bei für Lud­wig, der sich zu die­sem Zeit­punkt im of­fe­nen Wi­der­stand ge­gen sei­nen Va­ter be­fand, aus­ge­klam­mert. Pip­pin I. von Aqui­ta­ni­en war schon 838 ver­stor­ben.

Lud­wig der From­me sand­te Lo­thar vor sei­nem Tod am 20.6.840 Kro­ne und Schwert mit der Er­mah­nung, sich sei­nes Pa­ten­kin­des und des­sen Mut­ter Ju­dith an­zu­neh­men. Der jun­ge Kai­ser kehr­te bei der Nach­richt über den Tod sei­nes Va­ters über die Al­pen mit dem An­spruch auf ei­nen Gro­ß­teil des Rei­ches und ei­ne Ober­herr­schaft über sei­ne Brü­der zu­rück. Er ver­mied ei­nen of­fe­nen Kampf mit den Brü­dern, hoff­te viel­mehr auf fried­li­che Über­trit­te. Lud­wig und Karl ver­bün­de­ten sich aber ge­gen ihn und for­der­ten ei­ne Ent­schei­dungs­schlacht. Der blu­ti­ge Kampf fand 841 in Fon­te­noy statt. Lo­thar und sein Nef­fe Pip­pin II. (ge­stor­ben nach 864), Sohn Pip­pins I. von Aqui­ta­ni­en und Lo­thars Ver­bün­de­ter, muss­ten sich ge­schla­gen ge­ben.

Der Kai­ser konn­te zwar sei­ne Po­si­ti­on er­neut sta­bi­li­sie­ren, doch war er letzt­lich zu schwach, um Lud­wigs und Karls ver­ei­nig­ter Macht zu wi­der­ste­hen. Er ak­zep­tier­te ei­ne Drei­tei­lung des Rei­ches. Im­mer­hin muss­ten die Brü­der an ih­ren kai­ser­li­chen Bru­der Zu­ge­ständ­nis­se bei der Ge­biets­zu­wei­sung ma­chen und ih­re Mit­schuld an den Er­eig­nis­sen ein­ge­ste­hen. Lud­wig der Deut­sche er­hielt bei der Tei­lung von Ver­dun 843 den öst­li­chen, Karl der Kah­le den west­li­chen und Kai­ser Lo­thar den mitt­le­ren Reichs­teil, zu dem auch die Rhein­lan­de ge­hör­ten. Pip­pin II., der Lo­thar lan­ge Zeit un­ter­stützt hat­te, wur­de bei die­ser Tei­lung über­gan­gen.

Zwölf Jah­re soll­te Lo­thars Herr­schaft über das so­ge­nann­te Mit­tel­reich dau­ern. Der Kai­ser konn­te nicht in dem sich von ei­nem Teil Fries­lands bis Ita­li­en er­stre­cken­den Reichs­teil über­all vor Ort sein, zu­mal er sich die meis­te Zeit im ka­ro­lin­gi­schen Kern­land zwi­schen Rhein und Maas auf­hal­ten soll­te. Be­son­ders Aa­chen, das sich schon zu Karls des Gro­ßen und Lud­wigs des From­men Zeit zur Haupt­re­si­denz ent­wi­ckelt hat­te, war wich­ti­ger Auf­ent­halts­ort. Lo­thar war wie die an­de­ren ka­ro­lin­gi­schen Kö­ni­ge und Kai­ser bei der Aus­übung und Durch­set­zung sei­ner Herr­schaft auf die welt­li­chen und geist­li­chen Gro­ßen an­ge­wie­sen. Sei­ne ei­ge­ne Fa­mi­lie, vor al­lem sein äl­tes­ter Sohn Lud­wig II., der seit 839 Kö­nig von Ita­li­en und seit 850 Lo­thars Mit­kai­ser war, war eben­falls ei­ne wich­ti­ge Stüt­ze sei­ner Herr­schaft. 

Lo­thar för­der­te kei­ne in­ten­si­ve gar die ein­zel­nen Re­gio­nen sei­nes Reichs­teils um­fas­sen­de Syn­odal­tä­tig­keit. We­ni­ger ein gro­ßes Re­form­pro­gramm als das Re­agie­ren auf ak­tu­el­le Pro­ble­me und Miss­stän­de stand im Vor­der­grund. Bei Tref­fen mit sei­nen Brü­dern und sei­nen Gro­ßen so­wie mit sei­nem Sohn Lud­wig be­riet der Kai­ser über das für sei­nen Reichs­teil und das Ge­samt­reich not­wen­di­ge Han­deln. 

Nur ein­mal hat­te Lo­thar mit ernst­haf­tem Wi­der­stand in­ner­halb sei­nes Herr­schafts­ge­bie­tes zu kämp­fen. 845 kam es zu ei­nem Auf­stand in der Pro­vence, der aber bald bei­ge­legt wer­den konn­te. Äu­ße­re Ge­fahr droh­te dem Kai­ser so­wohl im Nor­den durch die Wi­kin­ger als auch im Sü­den sei­nes Reichs­teils durch die Sa­ra­ze­nen. Nur punk­tu­ell ge­lan­gen Er­fol­ge ge­gen die­se Be­dro­hung. Wie sei­ne Brü­der fand Lo­thar kei­ne lang­fris­tig wirk­sa­men Mit­tel ge­gen die­se äu­ße­ren Fein­de. 

Die Be­zie­hun­gen zu sei­nen Brü­dern blie­ben nach der Tei­lung von Ver­dun an­ge­spannt. Lo­thar ak­zep­tier­te zwar die Tei­lung und stell­te bei­spiels­wei­se nur Ur­kun­den für sei­nen Reichs­teil aus, al­ler­dings ver­such­te er sei­nem kai­ser­li­chen Na­men noch Gel­tung ge­gen­über sei­nen Brü­dern zu ver­lei­hen. Der wich­tigs­te An­satz war hier das päpst­li­che Vi­ka­ri­at. Auf Wunsch Lo­thars er­nann­te der Papst Erz­bi­schof Dro­go von Metz (801-855) 844 zum päpst­li­chen Vi­kar. Mit Hil­fe Dro­gos, des­sen Bis­tum zu Lo­thars Reichs­teil ge­hör­te, hat­te der Kai­ser ge­hofft, Ein­fluss auf die Herr­schafts­ge­bie­te Lud­wigs und Karls zu er­lan­gen. Für den päpst­li­chen Vi­kar fehl­te aber die Ak­zep­tanz von­sei­ten der Bi­schö­fe sei­ner Brü­der. Nur an we­ni­gen an­de­ren Bei­spie­len las­sen sich noch Ver­su­che Lo­thars er­ken­nen, sei­ner Macht auch im west- und ost­frän­ki­schen Ge­biet Ge­wicht zu ver­lei­hen. Ei­ne Re­vi­die­rung der Be­schlüs­se von Ver­dun und ei­ne Er­wei­te­rung sei­nes Reichs­teils wa­ren da­bei aber nie sein Ziel.

Das frän­ki­sche Reich wur­de trotz der Tei­lung in Ver­dun 843 noch als Ein­heit ver­stan­den. Mög­li­cher­wei­se wa­ren bei der Tei­lung re­gel­mä­ßi­ge Tref­fen un­ter den Brü­dern ver­ein­bart wor­den. Drei die­ser Bru­der­tref­fen fan­den bis zum Tod Lo­thars statt. Bei die­sen so­ge­nann­ten Fran­ken­ta­gen be­rie­ten die Brü­der nicht nur über ak­tu­el­le Pro­ble­me, son­dern ver­si­cher­ten sich stets ih­res brü­der­li­chen Mit­ein­an­ders und ver­spra­chen sich ge­gen­sei­tig Rat und Hil­fe. Doch wur­de das Ein­ver­neh­men im­mer wie­der durch ver­schie­de­ne Er­eig­nis­se auf die Pro­be ge­stellt. We­ni­ger Brü­der­lich­keit, son­dern ge­gen­sei­ti­ges Miss­trau­en und Feind­se­lig­kei­ten präg­ten da­her das Ver­hält­nis über lan­ge Pha­sen. Lo­thar, ein­ge­denk des für ihn fol­gen­schwe­ren Bünd­nis­ses Lud­wigs und Karls wäh­rend der Bru­der­krie­ge, war dar­auf be­dacht, die­se en­ge Bin­dung zu lö­sen. Die ge­gen­sei­ti­ge Hil­fe, die nicht zu­letzt im Hin­blick auf äu­ße­re Fein­de des Fran­ken­rei­ches von den Brü­dern be­kun­det wur­de, war da­her kaum durch­setz­bar. Nur im Bünd­nis mit Karl dem Kah­len, mit dem sich Lo­thar nach jah­re­lan­ger Ent­frem­dung über die Ent­füh­rung sei­ner Toch­ter durch Gi­sel­bert, ei­nen Ge­treu­en Karls, in Pé­ron­ne 849 ver­söhnt hat­te, ge­lang Lo­thar 852 ei­ne Zu­sam­men­ar­beit ge­gen die Ge­fahr aus dem Nor­den. Lud­wig traf sich 852, als Lo­thar bei Karl weil­te, mit ei­ni­gen Ed­len Lo­thars in Köln. Die gu­ten Be­zie­hun­gen sei­nes äl­tes­ten Bru­ders und sei­nes Halb­bru­ders dürf­ten ihm Sor­ge be­rei­tet ha­ben, ob­wohl er sich noch 850 eben­falls in Köln im bes­ten Ein­ver­neh­men mit Lo­thar prä­sen­tiert hat­te. Die fra­gi­le Brü­der­ge­mein­schaft ge­riet voll­ends in Ge­fahr, als 854 aus Aqui­ta­ni­en, das im Reichs­teil Karls lag, Lud­wig die Bit­te un­zu­frie­de­ner Aqui­ta­nier um Hil­fe ge­gen Karl er­reich­te. Lud­wig ließ sich dar­auf ein, doch en­de­te das Un­ter­neh­men für Lud­wigs Sohn, Lud­wig den Jün­ge­ren, schon in­ner­halb des Jah­res 854 oh­ne Er­folg. Der Kai­ser trat als Ver­mitt­ler zwi­schen sei­nen zwei Brü­dern in die­ser Zeit auf. Von die­ser neu­en Rol­le, die ihm in Zu­kunft viel­leicht ei­nen grö­ße­ren Ein­fluss auf sei­ne Brü­der ein­ge­räumt hät­te, pro­fi­tier­te Lo­thar nicht mehr. Er er­krank­te An­fang 855, was sei­ne Brü­der wie­der zu ei­ner An­nä­he­rung brach­te.

Denar mit dem Porträt Kaiser Lothars I., heute in Paris Cabinet des Medailles. (CC BY-SA 3.0 / PHGCOM)

 

Lo­thar ge­nas zwar noch von die­ser Krank­heit, doch folg­te bald ei­ne neue Er­kran­kung. Nur we­ni­ge Tag vor sei­nem Tod trat der Kai­ser in das Ei­fel­k­los­ter Prüm als Mönch ein. Ein be­mer­kens­wer­ter Schritt, der vor al­lem Lo­thars Fröm­mig­keit und sei­ner Sor­ge um das ei­ge­ne See­len­heil ge­schul­det sein dürf­te. Die Wahl Prüms ver­wun­dert nicht, hat­ten das Klos­ter und sei­ne Äb­te doch stets ei­ne wich­ti­ge Rol­le für den Kai­ser ge­spielt. Er hat­te es all die Jah­re über reich pri­vi­le­giert und be­schenkt.

Zu­vor hat­te er sei­ne Nach­fol­ge un­ter sei­nen drei Söh­nen Lud­wig II., Lo­thar II. und Karl (von der Pro­vence) ge­re­gelt. Die­ser Schritt dürf­te auf Druck sei­ner Gro­ßen zu­stan­de ge­kom­men sein. Lo­thar selbst hat­te of­fen­kun­dig sei­nen äl­tes­ten Sohn Lud­wig II. be­vor­zugt; er war seit 839 Un­ter­kö­nig in Ita­li­en ge­we­sen und seit 850 Lo­thars Mit­kai­ser. Doch war für die Gro­ßen sei­nes Rei­ches ein mög­lichst von der Ober­herr­schaft ei­nes An­de­ren un­ab­hän­gi­ger Kö­nig viel­ver­spre­chen­der als ein Kai­ser, der sie ver­mut­lich von ih­ren Po­si­tio­nen beim Herr­schafts­wech­sel ver­drängt hät­te. Die Rhein­lan­de soll­ten nach die­ser an­vi­sier­ten Tei­lung Lo­thar II. zu­fal­len. Die Strei­tig­kei­ten sei­ner Söh­ne über die­se Re­ge­lung soll­te Lo­thar, der am 29.9.855 im Klos­ter Prüm ver­starb, nicht mehr er­le­ben. Sein Grab be­fin­det sich noch heu­te in der Prü­mer Ab­tei­kir­che.

Quellen (Auswahl)

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Luftaufnahme der Abtei Prüm, 2015. (CC BY-SA 4.0 / Wolkenkratzer)

 
Zitationshinweis

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Schäpers, Maria, Lothar I., in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/lothar-i./DE-2086/lido/5f1ec03ab806e1.36615742 (abgerufen am 09.08.2020)