Rudolf Hertz

Mitglied des ersten Landtags von Nordrhein-Westfalen (1897-1965)

Christian George (Mainz)

Rudolf Hertz, Porträtfoto.

Ru­dolf Hertz wur­de am 3.4.1897 in Düs­sel­dorf als Sohn des Kauf­manns Na­than Hirtz ge­nannt Hertz (ge­stor­ben 1918) und des­sen Frau So­phie ge­bo­re­ne Gropp (ge­stor­ben 1903) ge­bo­ren. Sein of­fi­zi­el­ler Ge­burts­na­me lau­te­te Ru­dolf Hirtz. Ob­wohl er sich durch sei­nen wis­sen­schaft­li­chen Schwer­punkt mit der Spra­che des al­ten Ir­lands be­schäf­tig­te, blieb er doch dem Rhein­land im­mer eng ver­bun­den. Noch als Kind zog er mit sei­nen El­tern nach Bonn - in die Stadt, in der er bis an sein Le­bens­en­de woh­nen soll­te.

Sei­ne Schul­bil­dung ge­noss Hertz am Städ­ti­schen Gym­na­si­um in Bonn, wo er im Au­gust 1914 sein Ab­itur ab­leg­te. Un­mit­tel­bar da­nach mel­de­te er sich frei­wil­lig zum Kriegs­dienst. Bis Kriegs­en­de 1918 war er mit Un­ter­bre­chun­gen Sol­dat, zu­letzt dien­te er als Leut­nant der Re­ser­ve in der Nach­rich­ten­trup­pe. Aus­ge­zeich­net mit dem Ei­ser­nen Kreuz 2. Klas­se wur­de er im letz­ten Kriegs­jahr ver­wun­det. Noch wäh­rend des Krie­ges, im Som­mer­se­mes­ter 1915, be­gann Hertz mit dem Stu­di­um der Alt­phi­lo­lo­gie, Sprach­wis­sen­schaft, Kel­to­lo­gie, al­ten Ge­schich­te und Eth­no­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Bonn. Nach ei­nem zwei­se­mest­ri­gen Stu­di­en­auf­ent­halt in Mün­chen kehr­te er nach Bonn zu­rück und be­gann mit sei­ner Pro­mo­ti­on bei Ru­dolf Thur­ney­sen (1857-1940) über „Die Zeit- und Be­grün­dungs­kon­junk­tio­nen im Mit­te­li­ri­schen“. Ne­ben Thur­ney­sen zähl­ten Fer­di­nand Som­mer (1875-1962), Edu­ard Schwy­zer (1874-1943), Fritz Gräb­ner (1877-1934) und Ru­dolf Meiss­ner (1862-1948) zu sei­nen aka­de­mi­schen Leh­rern. Prä­gend für Hertz war je­doch vor al­lem sein Dok­tor­va­ter Thur­ney­sen, un­ter des­sen Füh­rung er sich der Kel­to­lo­gie zu­wand­te. Am 2.3.1925 wur­de Hertz in Bonn in die­sem Fach pro­mo­viert. Sei­ne Ar­beit er­schien un­ter dem Ti­tel „Bei­trä­ge zur Syn­tax der iri­schen Be­grün­dungs­sät­ze“ in der „Zeit­schrift für cel­ti­sche Phi­lo­lo­gie“. Sei­ne Ha­bi­li­ta­ti­on er­folg­te 1930 eben­falls bei Ru­dolf Thur­ney­sen mit ei­ner Ar­beit zur For­men­ge­bung und Ge­schich­te des al­ti­ri­schen na­sa­lie­ren­den Re­la­tiv­sat­zes. Seit sei­ner Ha­bi­li­ta­ti­on lehr­te Hertz als Pri­vat­do­zent für kel­ti­sche Phi­lo­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Bonn.

Hertz en­ga­gier­te sich in der Wei­ma­rer Zeit po­li­tisch, war Mit­glied in der DVP, spä­ter in der DNVP. Zu­dem ge­hör­te er dem Deut­schen Of­fi­zier-Bund, der sich 1934 in Reichs­ver­ei­ni­gung Deut­scher Of­fi­zie­re um­be­nann­te und seit 1926 auch dem Stahl­helm an.

Nach der Macht­über­nah­me der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten galt Hertz, der evan­ge­lisch ge­tauft war, nach dem Reichs­bür­ger­ge­setz als ‚Misch­ling zwei­ten Gra­des’, da er ein jü­di­sches Gro­ß­el­tern­teil hat­te. Als im sel­ben Jahr al­len jü­di­schen Do­zen­ten die Lehr­be­fug­nis ent­zo­gen wur­de, muss­te auch Hertz sei­ne Lehr­tä­tig­keit ein­stel­len. Am 24.1.1934 wur­de das Lehr­ver­bot je­doch auf­ge­ho­ben, nach­dem sein Dienst in ei­ner Ab­hör­sta­ti­on im Ers­ten Welt­krieg als Front­ein­satz an­er­kannt wur­de. Mit Ver­schär­fung der Dis­kri­mi­nie­rung der Ju­den durch das 1937 er­las­se­ne Deut­sche Be­am­ten­ge­setz fiel Hertz nun der nächs­ten Ent­las­sungs­wel­le zum Op­fer. Am 14.2.1938 wur­de ihm end­gül­tig von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten die Lehr­be­fug­nis ent­zo­gen, ob­wohl sich der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche De­kan der Phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tät, Karl Jus­tus Obe­nau­er (1888-1973), schrift­lich beim Rek­tor für Hertz ver­wandt hat­te. Ver­mut­lich ver­zich­te­te er nach dem Ent­zug der Lehr­be­fug­nis auch auf sei­ne Tä­tig­keit als Füh­rer der Nach­rich­ten­ab­tei­lung bei der Tech­ni­schen Not­hil­fe in Bonn, die er eben­falls 1938 ein­stell­te.

In der Zeit sei­ner er­zwun­ge­nen Ab­we­sen­heit von der Uni­ver­si­tät in­ten­si­vier­te Hertz sei­ne wis­sen­schaft­li­che Ar­beit und be­ar­bei­te­te die Buch­sta­ben M-P von Hans Hes­sens iri­schem Le­xi­kon. Gleich­zei­tig be­müh­te er sich um ei­ne An­stel­lung im Aus­land und nahm Kon­tak­te zu Kol­le­gen in Spa­ni­en und Ir­land auf. Als die­se Be­mü­hun­gen er­geb­nis­los ver­lie­fen, be­schloss er, trotz der durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten er­fah­re­nen Dis­kri­mi­nie­run­gen, in Bonn zu blei­ben. Ei­ne Flucht aus Deutsch­land zog er of­fen­bar nicht in Er­wä­gung. Mehr­fach reis­te er zu Kon­gres­sen ins Aus­land, un­ter an­de­rem nach Frank­reich, Spa­ni­en, Bel­gi­en, Dä­ne­mark, Schwe­den und in die Schweiz, kehr­te aber im­mer wie­der nach Bonn zu­rück. In der letz­ten Kriegs­pha­se wur­de Hertz zu Zwangs­ein­sät­zen als Hilfs­ar­bei­ter her­an­ge­zo­gen. Er ar­bei­te­te an­fangs in der Bon­ner Lack­fa­brik, spä­ter für die Or­ga­ni­sa­ti­on Todt. Mit­te Sep­tem­ber 1944 ent­zog er sich der Zwangs­ver­pflich­tung und tauch­te bis Kriegs­en­de im Bon­ner Raum un­ter.

Nach dem Krieg wur­de Hertz schnell re­ha­bi­li­tiert. Die Stadt Bonn über­trug ihm die Lei­tung des Am­tes für die aus Grün­den der Ras­se und Po­li­tik Ge­schä­dig­ten und Ver­folg­ten (spä­ter Amt für Ras­se­schä­den). Im Auf­trag der Stadt reis­te er da­bei nach The­re­si­en­stadt, um die nach dort ver­schlepp­ten Bon­ner Ju­den zu­rück­zu­ho­len. Mit ihm kehr­te un­ter an­de­rem der Geo­graph Al­fred Phil­ipp­son nach Bonn zu­rück. Nach­dem Hertz mit der Be­mer­kung, al­le Deut­schen trü­gen Schuld an dem Un­recht der Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, gro­ße Em­pö­rung in Bonn her­vor­ge­ru­fen hat­te, leg­te er sein Amt als Lei­ter des Am­tes für Ras­se­schä­den nie­der.

Auch an der Uni­ver­si­tät fass­te Hertz schnell wie­der Fuß. Die bri­ti­sche Mi­li­tär­re­gie­rung brach­te ihm gro­ßes Ver­trau­en ent­ge­gen. Er sei ei­ner der we­ni­gen Pro­fes­so­ren, die nicht zur Füh­rungs­grup­pe um Rek­tor Hein­rich M. Ko­nen ge­hör­ten und den­noch über Ein­fluss an der Bon­ner Uni­ver­si­tät ver­füg­ten. Zu­dem sei er ei­ner der we­ni­gen ra­di­ka­len Lin­ken un­ter den Pro­fes­so­ren, hei­ßt es in ei­nem Be­richt der Mi­li­tär­re­gie­rung über die po­li­ti­sche Ein­stel­lung der Pro­fes­so­ren. Be­reits im De­zem­ber 1945 wur­de ihm ge­mein­sam mit dem Ju­ris­ten Dr. Hein­rich Vogt (1910-1990) die po­li­ti­sche Über­prü­fung der Stu­di­en­be­wer­ber über­tra­gen. Die­se Funk­ti­on üb­te er auch in dem 1946 ein­ge­rich­te­ten Un­ter­aus­schuss für die Über­prü­fung der Stu­den­ten aus, der dem städ­ti­schen Ent­na­zi­fi­zie­rungs­haupt­aus­schuss un­ter­stand. Bis zum En­de der Ent­na­zi­fi­zie­rung war Hertz ei­ner der Haupt­ver­ant­wort­li­chen für die po­li­ti­sche Über­prü­fung und da­mit für die Zu­las­sung der Stu­den­ten.

Nach der Er­öff­nung der Uni­ver­si­tät zum Win­ter­se­mes­ter 1945/1946 nahm Hertz sei­ne Lehr­tä­tig­keit wie­der auf und wur­de im Ja­nu­ar 1946 zum au­ßer­plan­mä­ßi­gen Pro­fes­sor er­nannt. In den ers­ten Nach­kriegs­se­mes­tern war er ne­ben sei­ner Bon­ner Tä­tig­keit Gast­pro­fes­sor an der neu­be­grün­de­ten Uni­ver­si­tät in Mainz. Be­son­ders in den Se­mes­tern nach dem frü­hen Tod des Main­zer Lehr­stuhl­in­ha­bers Franz Specht (1888-1949) bis zur Be­ru­fung sei­nes Nach­fol­gers Ernst Risch (1911-1988) war es Hertz und an­de­ren Lehr­be­auf­trag­ten zu ver­dan­ken, dass der Lehr­be­trieb auf­recht er­hal­ten wer­den konn­te. 1951 war er als Gast­do­zent am Uni­ver­si­ty Col­le­ge in Dub­lin tä­tig.

Auch nach dem Krieg setz­te Hertz sein po­li­ti­sches En­ga­ge­ment fort. Er fand An­schluss an die im Mai 1945 ge­grün­de­te Kreis­grup­pe der Deut­schen De­mo­kra­ti­schen Be­we­gung, aus der 1946 die Kreis­grup­pe der FDP ent­stand. Er wur­de zum 1. Vor­sit­zen­den des Kreis­ver­ban­des ge­wählt und war da­mit zu­gleich Mit­glied des Lan­des­vor­stands. 1946/1947 ge­hört er au­ßer­dem dem ers­ten Nord­rhein-West­fä­li­schen Land­tag an.

1951 stieß Hertz in ei­nem An­trag die De­bat­te um wei­te­re Wie­der­gut­ma­chung an, in dem er die nicht un­be­grün­de­te Ver­mu­tung äu­ßer­te, dass er nach dem To­de Thur­ney­sens 1940 zu des­sen Nach­fol­ger be­ru­fen wor­den wä­re, wenn nicht die po­li­ti­schen Zeit­um­stän­de da­ge­gen ge­spro­chen hät­ten. Die­ser Auf­fas­sung schlos­sen sich der Rek­tor und das Kul­tus­mi­nis­te­ri­um an und be­rie­fen Hertz am 23.4.1953 zum per­sön­li­chen Or­di­na­ri­us für Kel­to­lo­gie.

1953 be­grün­de­te Hertz in Bonn die Deutsch-Iri­sche Ge­sell­schaft neu und setz­te sich da­mit nach­hal­tig für die deutsch-iri­schen Be­zie­hun­gen in der Nach­kriegs­zeit ein. Im sel­ben Jahr wur­de er Mit­her­aus­ge­ber der „Zeit­schrift für cel­ti­sche Phi­lo­lo­gie“. Nach sei­ner Be­ru­fung zum Or­di­na­ri­us ver­lief sein Le­ben in ru­hi­gen Bah­nen. 1959 hei­ra­te­te er die 22 Jah­re jün­ge­re Irin Cai­trio­na Ní Chríocháin (1919-2002). Die­se ehe­lich­te nach Hertz‘ Tod den ehe­ma­li­gen Lei­ter der Lan­des­kanz­lei und Bon­ner Eh­ren­bür­ger Her­mann Wan­ders­leb.

Ob­wohl Hertz als ei­ner der pro­fi­lier­tes­ten Ver­tre­ter der Kel­to­lo­gie galt und zu den we­ni­gen wirk­li­chen Spe­zia­lis­ten für das Alt- und Mit­te­li­ri­sche ge­hör­te, ist sein wis­sen­schaft­li­ches Werk über­schau­bar. Sei­nen Schü­lern ist er je­doch als aus­ge­zeich­ne­ter und an­re­gen­der Leh­rer mit geist­rei­chem Hu­mor in Er­in­ne­rung. Am 22.6.1965 ver­starb Ru­dolf Hertz in Bonn.

Werke

Die Zeit- und Be­grün­dungs­kon­junk­tio­nen des Iri­schen, Hal­le 1929, zugl. Univ. Diss. Bonn 1929.

Bei­trä­ge zur For­men­ge­bung und Ge­schich­te des al­ti­ri­schen na­sa­lie­ren­den Re­la­tiv­sat­zes, Ha­bil. Schrift, Bonn 1930.

Buch­sta­be M, N, O und P, in: Hes­sen, Hans (Hg.), Iri­sches Le­xi­kon Kurz­ge­fa­ß­tes Wör­ter­buch der alt- und mit­te­li­ri­schen Spra­che, Hal­le 1933-1940.

Laut, Wort und In­halt, in: Lexis. Stu­di­en zur Sprach­phi­lo­so­phie, Sprach­ge­schich­te und Be­griffs­for­schung 4,1 (1955), S. 62-69.

Literatur

Crass, Joa­chim: Ge­schich­te des In­sti­tuts für All­ge­mei­ne und Ver­glei­chen­de Sprach­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Mainz von 1946-2000, in: Schmidt, Ma­ria Ga­brie­la (Hg.), Phi­lo­lo­gi­ca et Lin­gu­is­ti­ca. His­to­ria, Plu­ra­li­tas,Uni­ver­si­tas. Fest­schrift für Hel­mut Hum­bach zum 80. Ge­burts­tag, Trier 2001, S. 1-18.

Hen­ning, Fried­rich, Die Ent­ste­hung der FDP im Bon­ner Raum, in: Bon­ner Ge­schichts­blät­ter 43/44 (1993/94), S. 507-509.

Höpf­ner, Hans Paul, Die ver­trie­be­nen Hoch­schul­leh­rer der Uni­ver­si­tät Bonn 1933-1945, in: Bon­ner Ge­schichts­blät­ter 43/44 (1993/94), S. 447-487.

Ler­chen­mül­ler, Joa­chim, Kel­ti­scher Spreng­stoff. Ei­ne wis­sen­schaft­li­che Stu­die über die deut­sche Kel­to­lo­gie von 1900 bis 1945, Tü­bin­gen 1997, bes. S. 425-429.

Po­kor­ny, Ju­li­us, Ru­dolf Hertz + (1897-1965), in: Zeit­schrift für cel­ti­sche Phi­lo­lo­gie (ZcP), 30 (1967), Heft 1, S. 362-363.

Pro­fes­sor Ru­dolf Hertz, in: Chro­nik der Uni­ver­si­tät Bonn für das aka­de­mi­sche Jahr  1964/65, Bonn 1965, S. 38-39.

Online

Ab­tei­lung Kel­to­lo­gie der Uni­ver­si­tät Bonn, In­sti­tuts­ge­schich­te.

 
Zitationshinweis

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George, Christian, Rudolf Hertz, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/rudolf-hertz/DE-2086/lido/57c82e55977a12.60152440 (12.12.2018)