Blau-Weiß, Maccabi, Synagogenchor. Jüdische Freizeitgestaltung im Bonn der Weimarer Republik

Stefan Schröder (Bonn)

Vorstand Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten, Ortsgruppe Bonn, vor der Universität mit (vorne 4.-6.v.li.) Siegmund Mayer, Max Bier, Maximilian Klee und (Mitte 3.-7., 11.v.li.) Emil Goldreich, Max Heidt, Leo Grüneberg, Emil Salmon, Raphael Frenkel, Louis Rollmann, Gruppenfoto, April 1931, Foto: Kurt Levy. (Gedenkstätte Bonn/ FB 179-2)

1. Einleitung

Die jü­di­sche Frei­zeit­ge­stal­tung im Bonn der Wei­ma­rer Re­pu­blik war sehr viel­fäl­tig. Die Ak­ti­vi­tä­ten um­fass­ten et­wa den Sport, Mu­sik, ge­mein­sa­mes Wan­dern oder Li­te­ra­tur und Ge­sel­lig­keit.

Im vor­lie­gen­den Text soll an­hand von Bei­spie­len der Frei­zeit­ge­stal­tung von Bon­ner Jü­din­nen und Ju­den in der Zeit der Wei­ma­rer Re­pu­blik ge­zeigt wer­den, dass sie nicht nur über ein ex­klu­siv jü­di­sches Frei­zeit­we­sen ver­füg­ten, son­dern gleich­zei­tig und selbst­ver­ständ­lich ein ak­ti­ver Teil des über­kon­fes­sio­nel­len Frei­zeit­we­sens wa­ren und da­bei auch ho­he Ver­eins­äm­ter be­klei­de­ten.

Da­durch er­gibt sich ein er­wei­ter­ter Blick auf das jü­di­sche Le­ben in Deutsch­land. Vie­le Pu­bli­ka­tio­nen, auch sol­che mit lo­kal­his­to­ri­schem Fo­kus, un­ter­su­chen und be­leuch­ten die jü­di­sche Ge­schich­te in Deutsch­land ab 1933 und die zu die­sem Zeit­punkt ein­set­zen­de Aus­gren­zung, Ver­fol­gung und Er­mor­dung der Jü­din­nen und Ju­den. Auch wird in vie­len Pu­bli­ka­tio­nen jü­di­sche Ge­schich­te al­lein in Ver­bin­dung mit An­ti­se­mi­tis­mus ge­dacht, was zu ei­ner ein­sei­ti­gen Be­trach­tung als Op­fer­ge­schich­te führt. Aus die­ser Pro­ble­ma­tik er­gibt sich al­ler­dings ei­ne Leer­stel­le in der Ge­schichts­wis­sen­schaft und in der na­tio­na­len wie lo­ka­len Er­in­ne­rungs- und Ge­denk­ar­beit. Denn Jü­din­nen und Ju­den in Deutsch­land wer­den da­durch in der his­to­ri­schen Be­trach­tung oft­mals als Op­fer des na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Un­rechts und nicht als lan­ge Zeit le­ben­di­ger und ak­ti­ver Teil der deut­schen Ge­sell­schaft ge­se­hen. Ins­be­son­de­re der Blick auf den Frei­zeit­be­reich er­mög­licht es je­doch, die­se Leer­stel­le ein we­nig zu fül­len.

 

2. Methodisches Vorgehen und Quellenstand

Als Frei­zeit wird für die Un­ter­su­chung je­ne Zeit ver­stan­den, die ei­ner Per­son nach Ab­zug der Zeit für Er­werbs­zeit, not­wen­di­ger häus­li­cher und fa­mi­liä­rer Ver­pflich­tun­gen und Re­ge­ne­ra­ti­ons­zeit zur Ver­fü­gung steht und über die die Per­son frei und selbst­be­stimmt ent­schei­den kann.[1] Der Fo­kus der Un­ter­su­chung liegt da­bei auf der Frei­zeit­ge­stal­tung in Ver­ei­nen und ver­ein­s­ähn­li­chen Zu­sam­men­schlüs­sen.[2] Für die Un­ter­su­chung wird ei­ne Auf­tei­lung in ‚jü­di­sche Frei­zeit­ge­stal­tung’‚ al­so der Frei­zeit­ge­stal­tung in ex­klu­siv jü­di­schen Ver­ei­nen und ‚Frei­zeit­ge­stal­tung von Ju­den‘, al­so der Frei­zeit­ge­stal­tung in über­kon­fes­sio­nel­len Ver­ei­nen voll­zo­gen.[3] Die Frei­zeit­ge­stal­tung wird in fünf Teil­be­rei­che un­ter­teilt, in de­nen an­hand aus­ge­wähl­ter Bei­spie­le das En­ga­ge­ment jü­di­scher Bon­ne­rin­nen und Bon­ner auf­ge­zeigt wird: Frei­zeit­ge­stal­tung in­ner­halb der jü­di­schen Ge­mein­de; in Orts­grup­pen und Ju­gend­ver­ei­nen; im Be­reich der Uni­ver­si­tät; im Be­reich des Sports; im Be­reich der Mu­sik, Li­te­ra­tur und Ge­sel­lig­keit.

Der Ge­gen­stand der Un­ter­su­chung sind Jü­din­nen und Ju­den, die im Bonn der Wei­ma­rer Re­pu­blik ih­rer Frei­zeit­ge­stal­tung nach­gin­gen. Wie bei je­der For­schungs­ar­beit zur deutsch-jü­di­schen Ge­schich­te stellt sich zwangs­läu­fig die Fra­ge, wer als Ju­de oder Jü­din be­trach­tet wird. An­ge­lehnt an Till van Rah­dens Un­ter­su­chung über die Bres­lau­er Ju­den[4] wird für die Un­ter­su­chung als jü­disch be­trach­tet, wer nach­weis­lich Mit­glied ei­ner Syn­ago­gen­ge­mein­de war, wer nach­weis­lich in ex­pli­zit jü­di­schen Zu­sam­men­schlüs­sen ak­tiv war, wer sich durch bei­spiels­wei­se bio­gra­fi­sche Er­in­ne­run­gen als jü­disch iden­ti­fi­zier­te oder wer durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten als jü­disch ver­folgt wur­de. Bei letz­te­rer Grup­pe wer­den al­ler­dings je­ne Per­so­nen nicht be­rück­sich­tigt, die zwar von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten als jü­disch ver­folgt wur­den, die sich aber selbst nach­weis­lich vor 1933 nicht als jü­disch iden­ti­fi­zier­ten, weil sie bei­spiels­wei­se aus der Ge­mein­de aus­ge­tre­ten oder christ­lich ge­tauft wa­ren.

Die Quel­len­la­ge für ei­ne quan­ti­ta­ti­ve Un­ter­su­chung zur Frei­zeit­ge­stal­tung der Bon­ner Ju­den ist qua­si nicht exis­tent. Mit­glie­der­lis­ten von Ver­ei­nen sind nur in we­ni­gen Ein­zel­fäl­len und teil­wei­se nicht voll­stän­dig vor­han­den. Ver­eins­chro­ni­ken er­wäh­nen die Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und den da­mit ver­bun­de­nen Aus­schluss ih­rer, wenn vor­han­den, jü­di­schen Mit­glie­der ent­we­der über­haupt nicht oder über­ge­hen die­se Zeit mit we­ni­gen Sät­zen. Auf­grund die­ser schwie­ri­gen Quel­len­la­ge bil­den Er­in­ne­run­gen jü­di­scher wie nicht­jü­di­scher Zeit­zeu­gen ei­ne wich­ti­ge Ba­sis. Wei­te­re zen­tra­le Quel­len sind Zei­tun­gen, so­wohl jü­di­sche als auch nicht­jü­di­sche, so­wie lo­kal wie reichs­weit er­schei­nen­de Pu­bli­ka­tio­nen. Bei den lo­ka­len nicht­jü­di­schen Zei­tun­gen zäh­len der Ge­ne­ral-An­zei­ger für Bonn und Um­ge­gend __(GA), die Deut­sche Reichs­zei­tung __(DRZ) so­wie die Bon­ner Zei­tung __(BZ) zu den wich­tigs­ten Quel­len. Mit dem Jü­di­schen Bo­ten vom Rhein (JB) __be­rich­tet bis 1923 ei­ne jü­di­sche Zei­tung aus dem All­tag der Bon­ner Ju­den. Die­se Rol­le über­nimmt ab 1927 das Ge­mein­de­blatt der Syn­ago­gen­ge­mein­de Bonn __(GB). Auch die Adress­bü­cher der Stadt Bonn bil­den durch die Nen­nung von Ver­eins­äm­tern für die Er­for­schung des Ver­eins­we­sens ei­ne zen­tra­le Grund­la­ge. Ne­ben den Lo­kal­zei­tun­gen stellt auch die reichs­weit er­schei­nen­de jü­di­sche Pres­se ei­ne wich­ti­ge Quel­len­ba­sis dar. Hier­zu zäh­len vor al­lem das Is­rae­li­ti­sche Fa­mi­li­en­blatt __(IF) und die Jü­di­sche Rund­schau __(JR). Er­gänzt wer­den die­se re­gu­lä­ren Zei­tun­gen durch Mit­tei­lungs­blät­ter und Ver­bands­zei­tun­gen

3. Jüdische Freizeitgestaltung in der Weimarer Republik

Der Fo­kus der Un­ter­su­chung der jü­di­schen Frei­zeit­ge­stal­tung in Bonn liegt auf dem Ver­eins­we­sen, da Ver­ei­ne in der Wei­ma­rer Re­pu­blik zum „wich­tigs­ten Trä­ger or­ga­ni­sier­ter Frei­zeit“ avan­cier­ten.[5] Vie­le jü­di­sche Ver­ei­ne ent­stan­den wie ih­re nicht-jü­di­schen Pen­dants um die Jahr­hun­dert­wen­de, wie der Cen­tral-Ver­ein deut­scher Staats­bür­ger jü­di­schen Glau­bens (CV) im Jahr 1893 oder der Jü­di­sche Frau­en­bund 1904.[6] Auch die Grün­dung jü­di­scher Turn- und Sport­ver­ei­ne ver­lief ana­log zur Grün­dung nicht­jü­di­scher Sport­ver­ei­ne. So wur­de 1898 mit Bar Koch­ba Ber­lin der ers­te jü­di­sche Turn­ver­ein ge­grün­det.[7] Ähn­li­ches gilt für den uni­ver­si­tä­ren Be­reich. Als di­rek­te Re­ak­ti­on auf den ver­brei­te­ten An­ti­se­mi­tis­mus un­ter Stu­den­ten bil­de­te sich Mit­te der 1880er in Bres­lau die ers­te jü­di­sche Stu­den­ten­ver­ei­ni­gung auf deut­schem Ge­biet. 1895 folg­te mit dem Kar­tell­con­vent die Grün­dung ei­nes Ver­ban­des für jü­di­sche Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen.[8] 

Die Grün­dung und Exis­tenz jü­di­scher Ver­ei­ne stan­den al­ler­dings bis in die Wei­ma­rer Re­pu­blik hin­ein in ei­nem be­son­de­ren Span­nungs­feld. Denn die in­ner­jü­di­schen Dis­kus­sio­nen zur Not­wen­dig­keit und zum Vor­teil be­zie­hungs­wei­se Nach­teil jü­di­scher Ver­ei­ne be­glei­te­ten die jü­di­sche Frei­zeit­ge­stal­tung seit ih­rer Ent­ste­hung. Als Teil des deut­schen Bür­ger­tums ver­stan­den sich vie­le deut­sche Ju­den als Pa­trio­ten und lehn­ten da­her wie vie­le Syn­ago­gen­ge­mein­den rein jü­di­sche Ver­ei­ne als Selbst­ex­klu­si­on aus der deut­schen Ge­sell­schaft ab.[9] Ge­ra­de ak­kul­turier­te Jü­din­nen und Ju­den zeig­ten früh ein In­ter­es­se am auf­blü­hen­den über­kon­fes­sio­nel­len Ver­eins­we­sen.[10] In der ge­mein­sa­men Frei­zeit­ge­stal­tung mit ih­ren christ­li­chen Nach­bar*in­nen und der Er­lan­gung von An­er­ken­nung und Pres­ti­ge durch ge­mein­sam er­ziel­te Er­fol­ge sa­hen sie ei­nen Aus­druck ge­leb­ter As­si­mi­la­ti­on. Die Mit­glied­schaft in über­kon­fes­sio­nel­len Ver­ei­nen war für vie­le jü­di­sche Frau­en und Män­ner da­her von ho­her Be­deu­tung, denn da­durch konn­ten sie auch ei­ne so­zia­le In­te­gra­ti­on voll­zie­hen.[11] 

Logo jüdischer Jugendbund, aus: General-Anzeiger für Bonn und Umgebung vom 20.6.1913. (zeit.punkt NRW)

 

Ex­klu­siv jü­di­sche Ver­ei­ne fan­den sich häu­fig un­ter zio­nis­tisch ge­präg­ten Ju­den. Auch wie­sen vie­le der in der Wei­ma­rer Zeit exis­ten­ten Ju­gend­ver­bän­de zio­nis­ti­sche Ten­den­zen auf.[12] Da­ne­ben exis­tier­te mit dem Deutsch-jü­di­schen Wan­der­bund ‚Ka­me­ra­den‘ aber auch ein li­be­ral-jü­di­scher Ju­gend­ver­band.[13] Die Mo­ti­ve für Grün­dun­gen jü­di­scher Ver­ei­ne wa­ren viel­fäl­tig. Ge­ra­de bei zio­nis­ti­schen und na­tio­nal-jü­di­schen Turn- und Sport­ver­eins­grün­dun­gen do­mi­nier­te die Be­sin­nung auf ein jü­di­sches Na­tio­nal­ge­fühl und die Er­lan­gung kör­per­li­cher Stär­ke und Ge­sund­heit.[14] In der Wei­ma­rer Re­pu­blik kam es vor dem Hin­ter­grund an­ti­se­mi­ti­scher Ge­walt auch zu ei­ner ver­stärk­ten sport­li­chen Be­tä­ti­gung in­ner­halb des Reichs­bunds jü­di­scher Front­sol­da­ten (RjF), um sich im Sin­ne der Selbst­ver­tei­di­gung wehr­haft zu ma­chen. Po­pu­lär wa­ren da­her Nah­kampf­sport­ar­ten wie Ju­do oder Jiu-Jit­su.[15] Ein zwei­ter Grund für jü­di­sche Ver­eins­grün­dun­gen wa­ren an­ti­se­mi­ti­sche Auf­nah­me­prak­ti­ken von Ver­ei­nen. Denn ten­den­zi­ell grün­de­ten sich jü­di­sche Ver­ei­ne dort, wo Ju­den zu­vor die Auf­nah­me in ei­nen Ver­ein ver­wei­gert oder er­schwert wor­den war.[16] 

Auch wenn Ver­tre­ter des li­be­ral-bür­ger­li­chen Ju­den­tums den Weg in über­kon­fes­sio­nel­le Ver­ei­ne be­vor­zug­ten, kam es in der Wei­ma­rer Re­pu­blik als Re­ak­ti­on auf den stei­gen­den An­ti­se­mi­tis­mus zu ei­ner In­ten­si­vie­rung der jü­di­schen Bin­nen­struk­tur. In­ner­halb der jü­di­schen Or­ga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren bil­de­te sich ver­stärkt ei­ne sä­ku­la­re, nicht-re­li­giö­se jü­di­sche Kul­tur, die sich un­ter an­de­rem in zahl­rei­chen kul­tu­rel­len oder ka­ri­ka­ti­ven In­itia­ti­ven aus­drück­te.[17] Die In­ten­si­vie­rung ei­ner jü­di­schen Bin­nen­struk­tur ei­ner­seits be­deu­te­te aber nicht zwangs­läu­fig ei­ne Ab­kehr von über­kon­fes­sio­nel­len Ver­ei­nen an­de­rer­seits. Ei­ne Dop­pel­mit­glied­schaft war ein ver­brei­te­tes Phä­no­men, vor al­lem in der jü­di­schen Mit­tel­schicht.[18] 

4. Freizeitgestaltung innerhalb der jüdischen Gemeinde

Ein gro­ßer Teil der Frei­zeit­ge­stal­tung der jü­di­schen Bon­ner*in­nen fand in­ner­halb oder eng an­ge­bun­den an das Ge­mein­de­le­ben der Syn­ago­gen­ge­mein­de statt. Hier­zu zähl­ten auch ex­klu­siv jü­di­sche Wohl­tä­tig­keits- und Ge­sel­lig­keits­ver­ei­ne. Ne­ben gän­gi­gen An­ge­bo­ten ei­ner Ge­mein­de, wie die re­gel­mä­ßi­gen Got­tes­diens­te, bot die Syn­ago­gen­ge­mein­de auch Fei­er­lich­kei­ten und kul­tu­rel­ler Be­schäf­ti­gung Raum. So ver­an­stal­te­te die Ge­mein­de im Au­gust 1930 für ih­re Mit­glie­der ei­ne Ver­fas­sungs­fei­er in der Syn­ago­ge[19] oder im April 1932 ein auch von christ­li­chen Zu­hö­rern gut be­such­tes Kon­zert mit syn­ago­ga­ler Mu­sik, bei der ne­ben der jü­di­schen Vio­li­nis­tin El­vi­ra Schmuck­ler-Wolff­berg (1885-1943) auch Ver­tre­ter der Ge­mein­de wie der Kan­tor Sieg­fried Win­ter­berg (1900-1944) durch Ge­sang und der 1.Vor­sit­zen­de und Arzt Ar­thur Sa­mu­el (1885-1974) als Teil ei­nes Kam­mer­or­ches­ters Bon­ner Künst­ler zum Er­folg des Abends bei­tru­gen.[20] 

Ne­ben dem Ge­mein­de­le­ben en­ga­gier­ten sich vie­le Bon­ner Ju­den in jü­di­schen Wohl­fahrts­ver­ei­nen, die ne­ben ih­rer Wohl­fahrts­ar­beit eben­so kul­tu­rel­le An­ge­bo­te schu­fen. Ei­ne sehr en­ga­gier­te Per­sön­lich­keit hier­bei war Em­ma Stern (1866-1938), die als lang­jäh­ri­ge Vor­sit­zen­de des Aus­schus­ses für is­rae­li­ti­sche Kran­ken­für­sor­ge, als Vor­stands­mit­glied des Is­rae­li­ti­schen Ar­men­ver­ei­nes und des Is­rae­li­ti­schen Wohl­fahrts­ver­ei­nes fun­gier­te.[21] Sie war zu­dem ab An­fang der 1930er Jah­re Vor­sit­zen­de des Falk-Cohn-Ver­ei­nes, be­nannt nach dem ehe­ma­li­gen Bon­ner Rab­bi­ner Falk Cohn (1833-1901).[22] Der Falk-Cohn-Ver­ein sorg­te vor al­lem da­für, dass jü­di­sche Pa­ti­en­tin­nen und Pa­ti­en­ten auch wäh­rend ei­nes Kran­ken­haus­auf­ent­halts mit ko­sche­ren Mahl­zei­ten ver­pflegt wur­den, da­mit die jü­di­schen Spei­se­re­geln ein­ge­hal­ten wer­den konn­ten.[23] Wei­te­re Ver­ei­ne der jü­di­schen Wohl­fahrt wa­ren der Ver­ein zur Aus­übung der Wohl­fahrt, der Ster­be­kas­se­ver­ein, der Aus­schuss für Cha­nu­kka-Spen­den so­wie die Orts­grup­pe des Hilfs­ver­ei­nes deut­sche Ju­den.[24] Zu­dem gab es mit dem Wohl­fahrts­ver­ein Chev­roh-G’mil­li­us-Chas­so­dim un­ter dem zeit­wei­li­gen Vor­sitz des Kauf­manns Louis Roll­mann (ge­bo­ren 1872) ei­nen wei­te­ren Ver­ein, der sich der Un­ter­stüt­zung Hilfs­be­dürf­ti­ger und Kran­ker ver­pflich­tet hat­te.[25] Ne­ben Ge­bets­ver­samm­lun­gen ver­an­stal­te­te der Ver­ein auch kul­tu­rel­le Ver­an­stal­tun­gen für sei­ne Mit­glie­der, wie im Ja­nu­ar 1930 in Er­in­ne­rung an ei­nen ver­stor­be­nen lang­jäh­ri­gen Vor­sit­zen­den ei­ne fei­er­li­che Mu­sik­stun­de in der Syn­ago­ge.[26] 

Ne­ben den ka­ri­ta­ti­ven Grup­pen wa­ren Ge­sel­lig­keits­ver­ei­ne ei­ne wei­te­re Form der jü­di­schen Frei­zeit­ge­stal­tung in­ner­halb des Ge­mein­de­le­bens. Hier­zu zähl­ten vor al­lem der Is­rae­li­ti­sche be­zie­hungs­wei­se Jü­di­sche Frau­en­ver­ein so­wie die Lud­wig-Phil­ipp­son-Lo­ge. Die Lud­wig-Phil­ipp­son-Lo­ge grün­de­te sich im Mai 1925 und hat­te zu die­sem Zeit­punkt 61 Grün­dungs­mit­glie­der. Die Mit­glie­der­lis­te setz­te sich vor al­lem aus Kauf­leu­ten und An­wäl­ten zu­sam­men, die Lo­ge war dem­entspre­chend bür­ger­lich ge­prägt.[27] Zu­vor gab es be­reits ei­ne Orts­grup­pe der Rhein­land­lo­ge, in der sich die Mit­glie­der für re­gel­mä­ßi­ge Tref­fen in den Räu­men des Bon­ner Bür­ger­ver­ei­nes tra­fen und ver­schie­de­ne The­men be­spra­chen.[28] Die Mit­glie­der der neu­en Lo­ge ka­men hin­ge­gen zwei­mal mo­nat­lich zur Lo­gen­sit­zung in den ei­ge­nen Lo­gen­räu­men zu­sam­men, die sich auf dem Ge­län­de des heu­ti­gen Ju­ri­di­cums be­fan­den.[29] Die Lo­gen­sit­zun­gen wer­den ei­nen ge­sel­li­gen Cha­rak­ter ge­habt ha­ben, was die be­reits 1926 er­teil­te Kon­zes­si­on zur Schank­wirt­schaft na­he­legt.[30] Die 1929 ge­grün­de­te Schwes­tern­lo­ge ent­stand aus ei­ner be­reits Jah­re zu­vor ge­grün­de­ten Ar­beits­ge­mein­schaft. Die Ar­beits­ge­mein­schaft konn­te die Ein­rich­tung ei­nes Kin­der­horts und der ‚Men­sa Ju­dai­ca‘ als Ver­dienst vor­wei­sen.[31] Zu­dem wur­den Vor­trä­ge ver­an­stal­tet, die sich an Frau­en und Müt­ter rich­te­ten, wie 1928 ein Vor­trag zum The­ma Pro­ble­me der Ge­ne­ra­ti­on – El­tern und Kin­der.[32] Auch nach der for­mel­len Grün­dung der Schwes­tern­lo­ge küm­mer­ten sich die Mit­glie­der vor al­lem um jun­ge jü­di­sche Er­wach­se­ne. So bot die Schwes­tern­lo­ge Stu­den­ten­aben­de an, die mit durch­schnitt­lich 70 bis 80 Stu­die­ren­den gut be­sucht wa­ren.[33] 1932 folg­ten Hei­ma­ben­de für weib­li­che An­ge­stell­te.[34] Der Jü­di­sche Frau­en­ver­ein war eben­falls ein Ak­tiv­pos­ten un­ter den jü­di­schen Grup­pen der Ge­mein­de. Un­ter dem Vor­sitz von Em­ma Stern ver­an­stal­te­te der Ver­ein ei­ne Viel­zahl an Vor­trä­gen und Fei­ern. So bot der Frau­en­ver­ein et­wa im Fe­bru­ar 1928 ei­ne Pu­r­im­fei­er für die Kin­der des Horts so­wie für äl­te­re Kin­der an.[35] Für den Win­ter 1927/28 or­ga­ni­sier­te der Ver­ein ein Ver­an­stal­tungs­pro­gramm, wel­ches ne­ben Ein­zel­vor­trä­gen auch re­gel­mä­ßi­ge Zu­sam­men­künf­te der Mit­glie­der vor­sah.[36] Die The­men der Vor­trä­ge rich­te­ten sich da­bei ex­pli­zit an die Mit­glie­der des Ver­ei­nes, wie der Vor­trag Die mo­der­ne jü­di­sche Frau im No­vem­ber 1929 im Stadt­gar­ten zeigt.[37] 

Vor al­lem Bon­ner Jü­din­nen en­ga­gier­ten sich nicht nur in jü­di­schen, son­dern auch in über­kon­fes­sio­nel­len Wohl­fahrts­ver­ei­nen. Wie­der­um Em­ma Stern zeig­te sich auch in die­sen Ver­ei­nen über­aus ak­tiv und war 1926 und 1930 Vor­stands­mit­glied im Va­ter­län­di­schen Frau­en­ver­ein vom Ro­ten Kreuz so­wie eben­falls 1926 und 1930 Kas­sen- und Schrift­füh­re­rin beim Haus­frau­en­bund Bonn e.V.[38] Wel­che Rol­le Stern in den Bon­ner Wohl­fahrts­krei­sen ein­nahm, zeigt ein Ar­ti­kel aus der BZ. Dem­nach war Stern ei­ne in al­len Bon­ner Krei­sen, die sich mit Wohl­fahrts­pfle­ge be­fas­sen, gut be­kann­te und hoch­ge­schätz­te Per­sön­lich­keit.[39] Eben­falls im Va­ter­län­di­schen Frau­en­ver­ein ak­tiv war Gre­te Cohn (1893-1965), Frau des da­ma­li­gen Rab­bi­ners Emil Cohn (1881-1948), so­wie An­na Lands­berg (1887-1938), Ehe­frau des ehe­ma­li­gen Rek­tors der Uni­ver­si­tät Bonn Ernst Lands­berg (1860-1927). Bei­de wa­ren 1924 Vor­stands­mit­glied.[40] To­ni Her­manns (1878-1945), Frau des Rechts­an­walts Ernst Her­manns (1874-1944) war 1924 im Staats­bür­ge­rin­nen-Ver­band Bonn, der Bon­ner Orts­grup­pe des All­ge­mei­nen Deut­schen Frau­en­ver­ei­nes, Schrift­füh­re­rin.[41] 

5. Freizeitgestaltung in jüdischen Ortsgruppen und Jugendvereinen

Orts­grup­pen und Ju­gend­ver­ei­ne, die teil­wei­se eben­falls als Orts­grup­pen agier­ten, wa­ren wäh­rend der Wei­ma­rer Zeit ein mit­glie­der­star­ker Be­reich der jü­di­schen Frei­zeit­ge­stal­tung. 

Die äl­tes­te der in der Wei­ma­rer Re­pu­blik ak­ti­ven Orts­grup­pen grö­ße­rer jü­di­scher Ver­bän­de war die Zio­nis­ti­sche Orts­grup­pe, die Bon­ner Orts­grup­pe der Zio­nis­ti­schen Ver­ei­ni­gung für Deutsch­land, de­ren Exis­tenz be­reits für das Jahr 1902 be­legt ist.[42] Ei­ne ers­te öf­fent­li­che Ak­ti­vi­tät ist mit ei­ner Ver­samm­lung über den ge­gen­wär­ti­gen Stand des Zio­nis­mus im April 1904 im Gast­hof du Nord be­legt.[43] Nach dem Krieg nahm die Orts­grup­pe im Ju­li 1919 ih­re in­halt­li­che Ar­beit mit ei­nem Vor­trag über das jü­di­sche Le­ben im neu­en Pa­läs­ti­na im Bon­ner Bür­ger­ver­ein wie­der auf.[44] Die Haupt­ak­ti­vi­tät der Grup­pe blie­ben auch in der Fol­ge Vor­trä­ge mit ei­nem in­halt­li­chen Be­zug zum Zio­nis­mus oder Pa­läs­ti­na. Da­ne­ben tra­fen sich die Mit­glie­der wö­chent­lich zum zio­nis­ti­schen Stamm­tisch im Ca­fé Gan­golf.[45] Ab Mit­te der 1920er Jah­re ruh­ten die Ak­ti­vi­tä­ten der Grup­pe, was ei­ner­seits auf den Weg­zug ei­ni­ger ak­ti­ver Mit­glie­der und an­de­rer­seits auf den schwe­ren Stand des Zio­nis­mus in­ner­halb der jü­di­schen Ge­mein­de Bonns zu­rück­zu­füh­ren war. Erst durch den Ein­fluss der Stu­den­ten der zio­nis­ti­schen Stu­den­ten­ver­bin­dung Ver­ein jü­di­scher Stu­den­ten (VJSt) Ka­di­mah konn­ten die Ak­ti­vi­tä­ten ab 1929 in Form von Vor­trä­gen wie­der auf­ge­nom­men und der Stamm­tisch nun zwei­wö­chig wie­der­be­lebt wer­den.[46] Im März 1931 muss­te die Orts­grup­pe schlie­ß­lich ein­räu­men, dass das zio­nis­ti­sche Bür­ger­tum in Bonn die Orts­grup­pe nicht aus­rei­chend un­ter­stüt­ze und der Schwer­punkt der Ar­beit nun end­gül­tig zu­guns­ten der Ver­bin­dungs­stu­den­ten ver­la­gert wer­de.[47] 

Die ers­te Nen­nung ei­ner Bon­ner Orts­grup­pe des Cen­tral-Ver­eins deut­scher Staats­bür­ger jü­di­schen Glau­bens (CV) fin­det sich für Fe­bru­ar 1918, als im Bon­ner Bür­ger­ver­ein ei­ne Fest­ver­samm­lung an­läss­lich des 25-jäh­ri­gen Be­ste­hens des Ver­ban­des ab­ge­hal­ten wur­de.[48] 1921 gab es zu­dem ei­ne stu­den­ti­sche Orts­grup­pe des CV, die zu­sam­men mit der re­gu­lä­ren Orts­grup­pe ei­nen Vor­trag in Räu­men der Fort­bil­dungs­schu­le or­ga­ni­sier­te.[49] Haupt­ak­ti­vi­tät der Orts­grup­pe lag in der Ver­an­stal­tung von Vor­trä­gen, die meist ei­nen Be­zug zur Le­bens­si­tua­ti­on der deut­schen Jü­din­nen und Ju­den hat­ten, wie bei­spiels­wei­se ein gut be­such­ter Vor­trag im De­zem­ber 1928 zur Fra­ge Wie wirk­te die wirt­schaft­li­che, po­li­ti­sche und kul­tu­rel­le Kri­se auf das Ju­den­tum?[50] 

Flugblatt zur Erinnerung, der 12.000 gefallenen deutschen Juden im 1. Weltkrieg, herausgegeben vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten E.V., 1920, Foto: Reichsbund jüdischer Frontsoldaten e.V.. (Deutsches Historisches Museum, Berlin/ Do 79/88I)

 

Zur Grün­dung ei­ner Bon­ner Orts­grup­pe des Reichs­bunds jü­di­scher Front­sol­da­ten (RjF), der Ve­te­ra­nen­or­ga­ni­sa­ti­on der jü­di­schen Sol­da­ten des 1. Welt­kriegs, gibt es un­ter­schied­li­che An­ga­ben. Ar­thur Hein­rich be­nennt mit Be­zug auf ein Reichs­adress­buch von 1930 das Jahr 1923 als Grün­dungs­jahr.[51] Der GA be­rich­te­te al­ler­dings erst am 14. Ok­to­ber 1924 von der am vor­an­ge­gan­ge­nen Sonn­tag voll­zo­ge­nen Grün­dung der Orts­grup­pe durch un­ge­fähr 110 Mit­glie­der.[52] Die Orts­grup­pe kon­zen­trier­te sich vor al­lem auf die Stär­kung der in­ter­nen Ka­me­rad­schaft, den Kampf ge­gen An­ti­se­mi­tis­mus und die Ar­beit als Ve­te­ra­nen­or­ga­ni­sa­ti­on. So ver­sam­mel­te man sich 1926 zu ei­ner Ge­dächt­nis­fei­er an den Eh­ren­grä­bern der ge­fal­le­nen jü­di­schen Ka­me­ra­den auf dem jü­di­schen Fried­hof.[53] Vor­sit­zen­der Sieg­mund May­er II. (1883-ca. 1944) leg­te bei der Ver­fas­sungs­fei­er des Reichs­ban­ners Schwarz-Rot-Gold im Au­gust 1926 ei­nen Kranz nie­der und dank­te dem Reichs­ban­ner für die­se treu­deut­sche Eh­rung als Zeug­nis ei­ner ech­ten deut­schen Ka­me­rad­schafts­ge­sin­nung.[54] Im Vor­feld der Reichs­tags­wahl 1928 ver­an­stal­te­te die Orts­grup­pe ge­mein­sam mit der Orts­grup­pe des CV ei­ne Ver­an­stal­tung zur be­vor­ste­hen­den Wahl. Die je­wei­li­gen Vor­sit­zen­den der Orts­grup­pen, die An­wäl­te May­er II und Ernst Her­manns, schwo­ren die An­we­sen­den an­schlie­ßend auf den Kampf ge­gen den An­ti­se­mi­tis­mus ein.[55] Die Stär­kung der in­ter­nen Ka­me­rad­schaft er­folg­te vor al­lem durch ge­mein­sa­me Fes­te und Un­ter­neh­mun­gen. So wur­de im Ok­to­ber 1927 ein Sim­chas-Tho­ra-Ball im Ho­tel Kö­nigs­hof ver­an­stal­tet, wel­cher nach Dar­stel­lung im Ge­mein­de­blatt zu­frie­den­stel­lend ver­lief.[56] Für die Zeit zwi­schen 1929 bis 1933 fin­den sich kei­ne Be­le­ge mehr für Ver­an­stal­tun­gen der Grup­pe. Nach 1933 ent­wi­ckel­te sich die Orts­grup­pe zu­sam­men mit sei­ner Sport­grup­pe Schild al­ler­dings zum wich­tigs­ten Trä­ger der jü­di­schen Frei­zeit­ge­stal­tung und des in­ner­jü­di­schen Zu­sam­men­halts in Bonn.[57] 

In­ner­halb der jü­di­schen Ge­mein­de bo­ten meh­re­re Ju­gend- und Wan­der­grup­pen wäh­rend der Wei­ma­rer Zeit Frei­zeit­mög­lich­kei­ten für die jü­di­sche Ju­gend. Der äl­tes­te und wo­mög­lich auch ers­ter sei­ner Art war der Jü­di­sche Ju­gend­bund Bonn, der An­fang 1910 ge­grün­det wur­de und dem be­reits im An­schluss an die ers­te Haupt­ver­samm­lung über 100 jü­di­sche Ju­gend­li­che aus Bonn und der Um­ge­bung bei­tra­ten. Die Zie­le des Ver­ei­nes wa­ren in den Wor­ten Rechts­an­walts Dr. Cohn (Da­ten un­be­kannt) die För­de­rung des Selbst­be­wusst­seins, Ar­beit an uns selbst und Zu­sam­men­schluss al­ler Kräf­te im In­ter­es­se der jü­di­schen Ge­mein­schaft und der Ge­samt­heit über­haupt.[58] Ein im Ja­nu­ar 1913 ver­an­stal­te­ter hei­te­rer Abend in Ver­bund mit ei­ner Kai­ser­ge­burts­tags­fei­er deu­tet auf ei­ne pa­trio­ti­sche und kai­ser­treue Grund­hal­tung der Mit­glie­der hin.[59] 

Nach dem 1. Welt­krieg stie­ßen im Som­mer 1919 mit dem Deutsch-Jü­di­schen Wan­der­bund Ka­me­ra­den[60] und dem zio­nis­ti­schen Jü­di­schen Wan­der­bund Blau-Weiß[61] zwei wei­te­re Ju­gend­grup­pe hin­zu. Die Ak­ti­vi­tä­ten der drei Ju­gend­grup­pen wa­ren da­bei sehr ähn­lich. Die Ju­gend­li­chen gin­gen in ers­ter Li­nie wan­dern, or­ga­ni­sier­ten aber auch Spiel­nach­mit­ta­ge oder Vor­trä­ge.[62] Ein zio­nis­ti­scher Cha­rak­ter ließ sich bei Blau-Weiß an den re­gel­mä­ßig statt­ge­fun­de­nen He­bräisch­kur­sen er­ken­nen.[63] Die Grup­pe ver­sam­mel­te un­ge­fähr 20 Mit­glie­der in ih­ren wö­chent­li­chen Tref­fen.[64] Die ört­li­chen Zio­nis­ten knüpf­ten an­fangs ho­he Er­war­tun­gen an Blau-Weiß. Der in der Zio­nis­ti­schen Orts­grup­pe sehr ak­ti­ve Mö­bel­fa­bri­kant Max Gold­reich (1875-1958) freu­te sich an­läss­lich der Ein­wei­hung des neu­en Ver­eins­heim im Ver­bin­dungs­haus von Ka­di­mah, dass der Blau-Weiß aus Ju­den­jun­gen jun­ge Ju­den ma­chen wol­le.[65] Die Grup­pe war zwar sehr ak­tiv, aber nur für ei­nen kur­zen Zeit­raum. Nach ei­nem Hei­ma­bend En­de Sep­tem­ber 1921 sind kei­ne Ak­ti­vi­tä­ten mehr be­legt.[66] Mit­te der 1920er zer­fiel der Reichs­ver­band von Blau-Weiß zu­neh­mend und lös­te sich schlie­ß­lich auf.[67] Wahr­schein­lich lös­te sich die Bon­ner Orts­grup­pe eben­falls im Zu­ge der Ver­bands­auf­lö­sung auf.

Auch für die Bon­ner Orts­grup­pe der „Ka­me­ra­den“ sind zwi­schen 1922 und 1927 kei­ne Ak­ti­vi­tä­ten be­legt. Ab 1927 zeig­ten sich die „Ka­me­ra­den“ al­ler­dings wie­der ak­tiv und nah­men die Tä­tig­kei­ten von An­fang der 1920er wie­der auf. Die Grup­pe hat­te es al­ler­dings schwer, äl­te­re Mit­glie­der zu ge­win­nen, da vie­le äl­te­re jü­di­sche Ju­gend­li­che be­zie­hungs­wei­se jun­gen Er­wach­se­ne das En­ga­ge­ment in der Ar­beits­ge­mein­schaft so­zia­lis­ti­scher Stu­den­ten an der Uni­ver­si­tät Bonn be­vor­zug­ten.[68] Wahr­schein­lich ana­log zur Spal­tung der „Ka­me­ra­den“ auf Ver­bands­ebe­ne 1931 in ei­ne so­zia­lis­tisch-zio­nis­ti­sche, ei­ne deutsch­na­tio­na­le und ei­ne pro­le­ta­ri­sche Rich­tung, kam es auch zu Ver­än­de­run­gen in­ner­halb der Bon­ner Orts­grup­pe.[69] Aus ih­ren Rei­hen grün­de­te sich im Win­ter 1932/33 ei­ne Grup­pe der Werk­leu­te.Bund deutsch-jü­di­scher Ju­gend. Ver­bun­den war da­mit in den Er­in­ne­run­gen vom Grup­pen­mit­glied Erich To­eplitz (1913-2006) ei­ne Ent­wick­lung vom CV-Ver­ein zum Zio­nis­mus.[70] Be­reits vor der Spal­tung wer­den die Bon­ner „Ka­me­ra­den“ ei­ne po­li­ti­sche lin­ke Rich­tung ein­ge­schla­gen ha­ben, denn mit Ali­ce Da­vid (1909-1996) war ein füh­ren­des Mit­glied der Kom­mu­nis­ti­schen Stu­den­ten­frak­ti­on eben­falls Mit­glied bei den „Ka­me­ra­den“.[71] Auch ein wei­te­res Mit­glied be­schrieb die „Ka­me­ra­den“ als eher links.[72] Über kon­kre­te Ak­ti­vi­tä­ten der „Werk­leu­te“ vor und nach der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­über­nah­me ist nichts be­kannt.

Der Jü­di­sche Ju­gend­bund hat­te sich un­ter der Lei­tung des neu­en Rab­bi­ners Al­fred Le­vy (1880-1934) auf sei­ner Grün­dungs­ver­samm­lung im No­vem­ber 1926 neu­ge­grün­det.[73] 1927 konn­ten die Mit­glie­der des Ju­gend­bun­des an wö­chent­li­chen Gym­nas­tik­stun­den bei Hil­de San­der (1899-1998) und an ei­ner wö­chent­li­chen Ar­beits­ge­mein­schaft zu jü­di­schen Fra­gen der Ver­gan­gen­heit und der Ge­gen­wart bei Rab­bi­ner Le­vy teil­neh­men. Zu­sätz­lich gab es je­den ers­ten Frei­tag im Mo­nat ei­nen Hei­ma­bend mit Be­wir­tung und sonn­tags ei­ne ge­mein­sa­me Wan­de­rung.[74] Ne­ben den re­gel­mä­ßi­gen Ak­ti­vi­tä­ten so­wie Vor­trä­gen or­ga­ni­sier­te der Ju­gend­bund auch ei­ge­ne Fes­te an­läss­lich jü­di­scher Fei­er­ta­ge, wie im De­zem­ber 1927 ei­nen Cha­nu­kka-Abend.[75] Ei­ne Wan­de­rung ins Brohl­tal im De­zem­ber 1929 ist die letz­te be­kann­te Ak­ti­vi­tät des Ju­gend­bunds.[76] Wie vie­le Ju­gend­li­che der Jü­di­sche Ju­gend­bund als Mit­glie­der ver­sam­mel­te, ist nicht ein­deu­tig zu be­zif­fern. Nach Hein­rich ge­hör­ten dem Bund un­ge­fähr 40 Ju­gend­li­che an, da­von mehr­heit­lich Mäd­chen.[77] 

6. Jüdische Freizeitgestaltung im Bereich der Universität

Bei­spie­le jü­di­schen En­ga­ge­ments las­sen sich auch für uni­ver­si­tä­re Grup­pen fin­den. Die Chro­ni­ken der Uni­ver­si­tät Bonn lis­ten un­ter Ver­ei­ni­gun­gen mit vor­herr­schend wis­sen­schaft­li­chen und ge­sel­li­gen Zwe­ckes für je­des aka­de­mi­sche Jahr min­des­tens ei­ne Ver­ei­ni­gung mit rein jü­di­schen Mit­glie­dern auf. Für das Win­ter­se­mes­ter 1925/26 und das Som­mer­se­mes­ter 1926 führt die Chro­nik oh­ne Na­mens­nen­nung drei sol­cher Ver­ei­ni­gun­gen mit ins­ge­samt 17 be­zie­hungs­wei­se 19 Mit­glie­dern an.[78] Bei ei­ner die­ser Ver­ei­ni­gun­gen han­delt es sich wahr­schein­lich um die stu­den­ti­sche Orts­grup­pe des CV. Ei­ne zwei­te Ver­ei­ni­gung könn­te ei­ne Orts­grup­pe des Bunds jü­di­scher Aka­de­mi­ker ge­we­sen sein, die zu­min­dest 1929 ei­nen Stamm­tisch ver­an­stal­te­te.[79] Auch in den po­li­ti­schen Hoch­schul­grup­pen en­ga­gier­ten sich Bon­ner Ju­den. In der Kom­mu­nis­ti­schen Stu­den­ten­frak­ti­on (Ko­St­uF­ra), ei­ner Un­ter­grup­pe der So­zia­lis­ti­schen Ar­beits­ge­mein­schaft (SAG) an der Uni­ver­si­tät Bonn, wa­ren mit Thea Kan­to­ro­wicz (1909-1962), Toch­ter des Arz­tes und SPD-Po­li­ti­kers Al­fred Kan­to­ro­wicz (1880-1962) so­wie Ali­ce Da­vid in Füh­rungs­po­si­tio­nen min­des­tens zwei jü­di­sche Stu­den­tin­nen ak­tiv. Mit Hil­de Lach­mann-Mos­se (1912-1982) war ei­ne wei­te­re jü­di­sche Stu­den­tin in der SAG or­ga­ni­siert. Wann ge­nau sie der Ko­St­uF­ra bei­trat, ist al­ler­dings un­be­kannt.[80] Die SAG or­ga­ni­sier­te vor al­lem in der Spät­pha­se der Wei­ma­rer Re­pu­blik Re­fe­ra­te und Dis­kus­sio­nen, an de­nen auch Nicht­stu­den­ten teil­nah­men.[81] Bei jü­di­schen Ju­gend­li­chen eben­falls be­liebt war die, nicht mit der SAG zu ver­wech­seln­de, Ar­beits­ge­mein­schaft so­zia­lis­ti­scher Stu­den­ten. Zu­min­dest be­klag­te die Orts­grup­pe der ‚Ka­me­ra­den‘ 1928, dass die äl­te­re jü­di­sche Ju­gend sich ver­stärkt in an­de­ren Or­ga­ni­sa­tio­nen en­ga­gie­ren wür­de, un­ter an­de­rem in eben je­ner Ar­beits­ge­mein­schaft.[82] 

Siegmund Mayer, Porträtfoto, undatiert. (Gedenkstätte Bonn/ Else Waldmann)

 

Des Wei­te­ren er­freu­ten sich auch Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen ei­ner ge­wis­sen Be­liebt­heit un­ter Bon­ner Ju­den, zeit­wei­se exis­tier­ten drei jü­di­sche Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen gleich­zei­tig. Jü­di­sche Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen wur­den meist als Re­ak­ti­on auf ei­nen er­star­ken­den An­ti­se­mi­tis­mus und völ­kisch-ras­sis­ti­schen Na­tio­na­lis­mus un­ter den Stu­die­ren­den des Kai­ser­reichs ge­grün­det.[83] Auch die 1899 ge­grün­de­te und da­mit äl­tes­te jü­di­sche Stu­den­ten­ver­bin­dung Bonns Rhe­no-Si­le­sia war ei­ne Grün­dung der Kai­ser­zeit.[84] Die Mit­glie­der der Rhe­no-Si­le­sia wa­ren eher bür­ger­lich ak­kul­turiert ein­ge­stellt, dem­entspre­chend gab es gu­te Kon­tak­te zum RjF und zum CV.[85] Deut­lich wird die in­halt­li­che Aus­rich­tung der Ver­bin­dung bei ih­rem 30. Stif­tungs­fest 1929. Rab­bi­ner Al­fred Le­vy, der die Grü­ße der Syn­ago­gen­ge­mein­de so­wie der Orts­grup­pen des RjF und des CV über­brach­te, sah in der Ver­wur­ze­lung von Deutsch­tum und Ju­den­tum ein Sinn­bild für die Zie­le der Rhe­no-Si­le­sia.[86] 

1909 grün­de­te sich zu­dem ei­ne wei­te­re jü­di­sche Ver­bin­dung, zu­nächst un­ter dem Na­men Ver­ein jü­di­scher Stu­den­ten, ab 1920/21 dann Ver­ein jü­di­scher Stu­den­ten Ka­di­mah, he­brä­isch für „Vor­wärts“.[87] Der Ka­di­mah war links-zio­nis­tisch aus­ge­rich­tet und sei­ne Mit­glie­der un­ter­stütz­ten durch fi­nan­zi­el­le Mit­tel den jü­di­schen Land­kauf in Pa­läs­ti­na.[88] Bis zum Som­mer­se­mes­ter 1925 muss es zu­dem ei­ne drit­te jü­di­sche Ver­bin­dung ge­ge­ben ha­ben, da die Uni­ver­si­tät Bonn bis zu die­sem Se­mes­ter in ih­ren Chro­ni­ken je­weils drei Ver­bin­dun­gen mit aus­schlie­ß­lich jü­di­schen Stu­den­ten nennt.[89] Es han­delt sich wahr­schein­lich um die Aka­de­misch-Zio­nis­ti­sche Ver­bin­dung Jor­da­nia, die nach Mi­ri­am Rü­rup aus ei­ner Ab­spal­tung ent­stand. Die Ver­bin­dun­gen die­ser Ab­spal­tung wie­sen meist ei­ne kur­ze Über­le­bens­dau­er auf.[90] Das wird wohl auch auf die Bon­ner Ver­bin­dung zu­ge­trof­fen ha­ben, für die nur ei­ne Er­wäh­nung in jü­di­schen Zei­tun­gen zu fin­den ist.[91] 

Couleurkarte der KC Rheno-Silesia Bonn, Farblithographie, 29.5.1902. (Jüdisches Museum Berlin)

 

Die Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten der jü­di­schen Ver­bin­dungs­mit­glie­der von Rhe­no-Si­le­sia und Ka­di­mah äh­nel­ten sich nicht nur un­ter­ein­an­der, son­dern auch den Ak­ti­vi­tä­ten an­de­rer Ver­bin­dun­gen. So­wohl Rhe­no-Si­le­sia als auch Ka­di­mah ver­an­stal­te­ten in ih­ren Se­mes­ter­pro­gram­men Vor­trä­ge, die in den Räu­men der Lud­wig-Phil­ipp­son-Lo­ge statt­fan­den.[92] Zu­dem or­ga­ni­sier­ten bei­de Ver­bin­dun­gen in­ter­ne Ak­ti­vi­tä­ten, bei de­nen die un­ter­schied­li­chen Aus­rich­tun­gen der Ver­bin­dun­gen deut­lich wur­den. So führ­te Ka­di­mah im Win­ter­se­mes­ter 1930/31 ei­nen Kurs über Apo­lo­ge­tik und Po­le­mik des Zio­nis­mus und ei­nen Kurs über Chas­si­dis­mus durch. Auch ver­such­te die Ver­bin­dung Frei­tag-Abend-Fei­ern mit Un­ter­hal­tun­gen über Eretz-Is­ra­el oder dem Sin­gen he­bräi­scher Lie­der durch­zu­füh­ren. Zu­dem lern­te man ge­mein­sam He­brä­isch.[93] Bei Rhe­no-Si­le­sia ge­hör­ten ne­ben Vor­trags- und Dis­kus­si­ons­aben­den auch Spie­le­aben­de, ge­mein­sa­me Knei­pen­be­su­che und Bum­mel zu den Ak­ti­vi­tä­ten.[94] Zu­dem gin­gen bei­de Ver­bin­dun­gen re­gel­mä­ßig Sport nach. Die Stu­den­ten des Ka­di­mah be­trie­ben 1929 Leicht­ath­le­tik, Ru­dern Schwim­men.[95] Das Sport­pro­gramm der Rhe­no-Si­le­sia für das Win­ter­se­mes­ter 1930/31 sah wö­chent­lich drei Stun­den Bo­xen, drei Stun­den Fech­ten und ei­ne Stun­de Schwim­men vor.[96] Im fol­gen­den Som­mer­se­mes­ter er­hielt die Ver­bin­dung durch ih­re Al­ten Her­ren ein Ru­der­boot zur Nut­zung.[97] Die sport­li­che Be­tä­ti­gung führ­te da­bei auch zu Er­fol­gen. Nicht nur ab­sol­vier­ten ei­ni­ge Mit­glie­der der Rhe­no-Si­le­sia das Deut­sche Sport­ab­zei­chen, bei den Hoch­schul­meis­ter­schaf­ten 1925 wur­den auch zwei ers­te Plät­ze und ein zwei­ter Platz im Schwim­men er­run­gen.[98] Mit Ot­to Mo­ses (ge­bo­ren 1911) und Kurt Le­vy (Da­ten un­be­kannt) hat­te die Ver­bin­dung zwei ta­len­tier­te Ge­rä­te­tur­ner in ih­ren Rei­hen. Bei den Hoch­schul­meis­ter­schaf­ten im Ge­rä­te­tur­nen im Fe­bru­ar 1933 er­rang in der Mit­tel­stu­fe das Ver­bin­dungs­mit­glied Mo­ses den 1. Platz, Le­vy wur­de Drit­ter.[99] Noch 1934 wur­de Mo­ses auf­grund sei­ner au­ßer­ge­wöhn­li­chen sport­li­chen Tüch­tig­keit zum Füh­rer der Mus­ter­rie­ge be­ru­fen, Le­vy war eben­falls Mit­glied der Rie­ge.[100] Zu­dem ver­trat Mo­ses auf Wunsch sei­ner uni­ver­si­tä­ren Turn­kol­le­gen und be­reits nach sei­nem Aus­schluss aus der Be­zirks­mus­ter­rie­ge der Deut­schen Tur­ner­schaft den Turn­leh­rer und war In­ha­ber vie­ler sport­li­cher Eh­ren­ur­kun­den, des Reichs­ju­gend- so­wie des Deut­schen Turn- und Sport­ab­zei­chens.[101] 

Bericht über Otto Moses, aus: Israelitisches Familienblatt vom 20.9.1934, Digitalisiert durch die Universitätsbibliothek J.C. Senckenberg Frankfurt am Main, 2021. (gemeinfrei)

 

7. Jüdische Freizeitgestaltung im Bereich des Sports

An­fang 1925 grün­de­te sich aus den Rei­hen der Orts­grup­pe des RjF der Sport­club Macca­bi.[102] Der Sport­club hat­te be­reits kurz nach der Grün­dung 50 Mit­glie­der, was auf ei­nen ge­wis­sen Sport­be­darf in­ner­halb der Orts­grup­pe hin­deu­tet.[103] Wie für jü­di­sche Sport­ver­ei­ne der Zeit üb­lich, fo­kus­sier­te sich die Sport­ab­tei­lung auf Nah­kampf­sport­ar­ten wie Bo­xen oder Rin­gen, zu­dem soll­te ab dem Som­mer 1926 ei­ne Leicht­ath­le­tik­ab­tei­lung auf­ge­baut wer­den. Die Boxab­tei­lung hat­te sich be­reits dem deut­schen Ama­teur-Box­ver­band an­ge­schlos­sen. Au­ßer­dem be­stand ei­ne Ju­gend­grup­pe, die sehr gut ver­tre­ten war und von der man sich die bes­ten Hoff­nun­gen mach­te.[104] Im Ge­gen­satz zu den Bo­xern ist über Ak­ti­vi­tä­ten der Rin­ger, der Leicht­ath­le­ten oder der Ju­gend­ab­tei­lung bei Macca­bi oder im RjF vor 1933 we­nig be­kannt. Die Bo­xer hin­ge­gen dräng­ten früh an die Öf­fent­lich­keit. Schon im Ju­li 1925 ver­an­stal­te­te die Boxab­tei­lung ihr ers­tes Sport­fest mit dem Jü­di­schen Turn­ver­ein Köln. Der GA at­tes­tier­te den Bon­ner Bo­xern trotz der erst kürz­lich er­folg­ten Ver­eins­grün­dung an­er­ken­nens­wer­te Re­sul­ta­te, auch die Rin­g­ab­tei­lung zeig­te recht an­spre­chen­de Leis­tun­gen.[105] Be­reits am 6.11.1925 ver­an­stal­te­te Macca­bi mit ei­nem Boxabend in der Beet­ho­ven­hal­le sei­ne ers­te Gro­ß­ver­an­stal­tung, die ei­ne be­acht­li­che Zu­schau­er­zahl an­lock­te. Mit Geg­nern aus dem Box­club Co­lo­nia Köln oder dem Bon­ner Box- und Fecht­club (BB­FC) war die Ver­an­stal­tung zu­dem pro­mi­nent be­setzt.[106] Die über­re­gio­na­le jü­di­sche Pres­se zeig­te sich zu­frie­den mit dem Ver­lauf des Abends: Noch nie­mals war in Bonn so ein Be­such bei Box­ver­an­stal­tun­gen wie ge­ra­de an die­sem Abend, der Club dürf­te sich gut ein­ge­führt ha­ben.[107] For­men der Zu­sam­men­ar­beit von Macca­bi und nicht­jü­di­schen Ver­ei­nen be­schränk­ten sich nicht nur auf die Ver­an­stal­tung von ge­mein­sa­men Kämp­fen oder Boxaben­den, son­dern be­tra­fen auch die Sport­ler. So box­te der Macca­bi-Bo­xer Fritz Som­mer (Da­ten un­be­kannt) mit dem BB­FC im Ok­to­ber 1925 ge­gen den ASV Köln-Kalk.[108] Dass die Tren­nung bei sol­chen Kom­bi­na­ti­ons­kämp­fen zwi­schen den Städ­ten und nicht zwi­schen den Kon­fes­sio­nen ver­lief, zeigt der ge­mein­sa­me Kampf von Macca­bi und dem BB­FC ge­gen den Jü­di­schen Turn­ver­ein Köln 1925.[109]

Bericht über den Großboxkampftag des Maccabi Bonn, aus: Israelitisches Familienblatt vom 6.5.1925, Digitalisiert durch die Universitätsbibliothek J.C. Senckenberg Frankfurt am Main, 2021. (gemeinfrei)

 

Da kei­ne Mo­ti­ve für die Grün­dung von Macca­bi über­lie­fert sind, blei­ben nur Mut­ma­ßun­gen. Ei­ne an­ti­se­mi­ti­sche Auf­nah­me­pra­xis beim BB­FC er­scheint vor dem Hin­ter­grund der Zu­sam­men­ar­beit mit Macca­bi un­wahr­schein­lich. Wo­mög­lich galt für die Bon­ner Ju­den eben­falls der in der For­schung ver­tre­te­ne Grund, dass man sich in über­kon­fes­sio­nel­len Ver­ei­nen we­gen (noch) feh­len­der Sport­lich­keit un­wohl fühl­te.[110] Ob die Macca­bi-Bo­xer ih­re Sport­ak­ti­vi­tä­ten nach 1926 wirk­lich mehr oder we­ni­ger ein­stell­ten oder sie nur kei­ne Er­wäh­nung mehr in der Pres­se fan­den, ist nicht zu re­kon­stru­ie­ren. Ge­si­chert ist hin­ge­gen, dass Macca­bi im Lau­fe des Jah­res 1926 sein Box­ta­lent Fritz Som­mer an den er­folg­rei­chen Box­ver­ein Co­lo­nia Köln ver­lor.[111] 

Bericht über den nur aus RjF-Mitglieder bestehenden Schießklub „Rhenania“, aus: Der Schild vom 29.11.1929, Digitalisiert durch die Universitätsbibliothek J.C. Senckenberg Frankfurt am Main, 2014. (gemeinfrei)

 

Im Ja­nu­ar 1927 grün­de­te sich eben­falls aus den Rei­hen des Bon­ner RjF die Grup­pe Lei­bes­übun­gen. Ein mög­li­cher Hin­ter­grund der Grün­dung ist ein für den Ja­nu­ar 1927 do­ku­men­tier­ter, wo­mög­lich ideo­lo­gisch mo­ti­vier­ter, aber nicht nä­her be­stimm­ter Streit zwi­schen der Orts­grup­pe des RjF und Macca­bi. Be­reits 1926 hat­te sich in­ner­halb der Orts­grup­pe ei­ne Klein-Ka­li­ber-Schie­ß­grup­pe ge­grün­det, 1929 folg­te ein Ke­gel­club. Im glei­chen Jahr ver­ein­bar­te man ge­mein­sa­me Turn- und Sportaben­de mit der Stu­den­ten­ver­bin­dung Rhe­no-Si­le­sia.[112] 1929 nann­te sich die Schie­ß­grup­pe Rhen­a­nia, be­stand zwar wei­ter­hin nur aus RjF-Mit­glie­dern, wur­de aber nicht mehr als Ab­tei­lung der Orts­grup­pe be­zeich­net. Auch plan­te man für das kom­men­de Jahr in öf­fent­li­chen Wett­kämp­fen ge­gen an­de­re Ver­ei­ne an­zu­tre­ten.[113] In den fol­gen­den Jah­ren fand der Schie­ß­club al­ler­dings we­der in der jü­di­schen noch in der nicht­jü­di­schen Pres­se Er­wäh­nung.

Wel­che Mo­ti­ve die RjF-Ka­me­ra­den zur Grün­dung ei­nes ei­ge­nen Schie­ß­clubs be­weg­ten, ist wie bei Macca­bi nicht ab­schlie­ßend zu klä­ren. Mög­li­cher­wei­se schreck­te die häu­fig christ­li­che Prä­gung an­de­rer Schie­ß­clubs die jü­di­schen Schüt­zen ab oder mach­te ei­ne Mit­glied­schaft nicht mög­lich. Dass sich die Schie­ß­grup­pe 1929 be­wusst nicht mehr als Un­ter­grup­pe vom RjF prä­sen­tier­te, deu­tet auf ei­ne ge­wis­se und ge­woll­te Dis­tanz zum RjF hin. Die Na­mens­ge­bung Rhen­a­nia statt ei­nes jü­di­schen Na­mens wie Macca­bi un­ter­stützt die­se Ver­mu­tung. Nach 1929 las­sen sich we­der für die Grup­pe Lei­bes­übung noch für Rhen­a­nia Be­le­ge für ih­re Ak­ti­vi­tät fin­den. Der Sport­club Macca­bi hin­ge­gen exis­tier­te noch im März 1932, als man sich für die sport­li­che Er­zie­hung der jü­di­schen Ju­gend ver­ant­wort­lich zeig­te und auch ei­ne Schü­ler­ab­tei­lung und Da­men­rie­ge ein­ge­rich­tet wur­den.[114] 

Im über­kon­fes­sio­nel­len Sport zeig­ten sich Bon­ner Ju­den vor al­lem in zwei Sport­ar­ten en­ga­giert: Rin­gen und Fuß­ball. Ein be­son­de­res Bei­spiel stellt hier­bei der Ath­le­ten Ver­ein Ei­che dar. Auf­fäl­lig vie­le Ju­den wa­ren ent­we­der ak­ti­ve Mit­glie­der oder be­klei­de­ten Ver­eins­funk­tio­nen. Zu den wich­tigs­ten Per­so­nen zähl­ten hier­bei Al­bert Jan­sen (ge­bo­ren 1896) und Leo­pold Co­ß­mann (1863-1942). In der Wei­ma­rer Zeit ge­hör­te Jan­sen zu den er­folg­reichs­ten Rin­gern des Gaus. 1925 be­fand sich Jan­sen in Hoch­form und der GA at­tes­tier­te ihm, dass es ak­tu­ell kei­nen Geg­ner ge­ben dürf­te, der ihn ernst­haft ge­fähr­den könn­te.[115] 1930 wur­de er im Rah­men der Va­ter­län­di­schen Fest­spie­le Stadt­meis­ter im Schwer­ge­wicht.[116] Dar­über hin­aus über­nahm Jan­sen Ver­eins­äm­ter. 1924 wur­de er zum 2. Vor­sit­zen­den des AV Ei­che ge­wählt, 1930 be­klei­de­te er das Amt des 1. Ring­warts.[117] 

Der Kauf­mann Leo­pold Co­ß­mann war ab min­des­tens 1926 und bis zur na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­über­nah­me 1. Vor­sit­zen­der.[118] In die­ser Po­si­ti­on er­warb er sich gro­ße An­er­ken­nung un­ter den Zeit­ge­nos­sen: Co­ß­mann, der Jah­re sei­nes Le­bens für die Ar­beit in dem ihm so na­he ste­hen­den Schwer­ath­le­tik-Sport ge­op­fert hat und dem auch heu­te noch, im ho­hen Al­ter, kei­ne Stun­de, ja kein Tag zu kost­bar ist, ihn für ei­nen sei­nen ge­lieb­ten Sport her­zu­ge­ben, wur­de in ei­nem Ar­ti­kel des Ge­ne­ral-An­zei­gers ex­pli­zit für sei­ne Ver­diens­te um den Bon­ner Rin­ger­sport ge­dankt.[119] Sei­ne Ver­eins­ka­me­ra­den brach­ten ihm auch nach der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­über­nah­me das Ver­trau­en ent­ge­gen und wähl­ten ihn noch En­de März 1933 auf der Jah­res­haupt­ver­samm­lung aber­mals zum 1. Vor­sit­zen­den.[120] 

Firtz Stern als Mitglied der jüdischen Studentenverbindung K.C. Rheno-Silesia Bonn, ca. 1922, Foto: Hans Herff Bonn. (Jüdisches Museum Berlin/ Inv.-Nr.:2015/684/37/ Schenkung von Rudi Leavor)

 

Der im Be­reich des Fuß­balls wahr­schein­lich en­ga­gier­tes­te Bon­ner Ju­de war der Kauf­mann Her­mann Hirsch (1876-1943). Seit 1923 war er Fi­nanz­ob­mann des Bon­ner Fuß­ball­ver­eins (BFV) und ge­noss in die­ser Po­si­ti­on ho­hes An­se­hen, wie ein Ar­ti­kel aus dem GA ver­deut­licht: Seit 1923 ist es Her­mann Hirsch, der die Fi­nan­zen des Ver­ei­nes als Ob­mann in sel­te­ner Un­ei­ge­nüt­zig­keit [sic!] für den Ver­ein ver­wal­tet. Er kämpft und ar­bei­tet mit Feu­er­ei­fer für die gro­ße Idee, für die Er­tüch­ti­gung und Er­star­kung un­se­rer Ju­gend zum Bes­ten un­se­res Va­ter­lan­des.[121] Auch au­ßer­halb sei­nes ei­ge­nen Ver­ei­nes tat sich Her­mann Hirsch als För­de­rer des Bon­ner Fuß­balls her­vor. 1925 stif­te­te der be­kann­te Bon­ner Sports­mann Her­mann Hirsch ei­nen sehr schö­nen und wert­vol­len Po­kal für das neu­ge­schaf­fe­ne Po­kal­sys­tem der Fuß­ball­ver­ei­ne des Fuß­ball­gau­es.[122] Der Po­kal wur­de bis min­des­tens 1930 un­ter dem Na­men sei­nes Stif­ters aus­ge­spielt.[123] Auch in an­de­ren Sport­ar­ten zeig­te sich Hirsch en­ga­giert. 1929 er­hielt er mit wei­te­ren Sport­funk­tio­nä­ren in An­er­ken­nung lang­jäh­ri­ger und er­folg­rei­cher Mit­ar­beit, op­fer­freu­di­gen und un­er­müd­li­chen Ein­tre­tens für die Zie­le der Leicht­ath­le­tik den Eh­ren­brief der Deut­schen Sport­be­hör­de für Ath­le­tik.[124] 

Un­ter den ak­ti­ven Spie­lern war Hu­go Jan­sen (1901-1942) das pro­mi­nen­tes­te jü­di­sche Bei­spiel im Bon­ner Fuß­ball. Nach ei­ni­gen Ver­eins­wech­seln und Ver­eins­fu­sio­nen spiel­te Jan­sen ab 1921 für die Fuß­ball­ab­tei­lung des Bon­ner Turn­ver­ei­nes, der Ab­tei­lung Turn- und Ra­sen­spie­le, kurz Tu­Ra.[125] Von den Spie­lern der Zeit führt der Bon­ner Sport­his­to­ri­ker Jo­sef Holt­hau­sen Hu­go Jan­sen un­ter den „Na­men, die man nicht ver­gi­ßt [sic!]“.[126] Sei­ne Leis­tun­gen wur­den in der Pres­se im­mer wie­der her­vor­ge­ho­ben. Nach ei­nem in den Au­gen des Zei­tungs­au­tors miss­glück­ten Po­si­ti­ons­wech­sel in den Sturm, for­der­te er Jan­sens Rück­kehr in die Läu­fer­rei­he, wo er schon man­che Schlacht ge­schla­gen und im­mer sei­nen Mann ge­stan­den hat.[127] Die Sym­pa­thi­en für Jan­sen be­schränk­ten sich da­bei nicht nur auf sein fuß­bal­le­ri­sches Ta­lent. Dem Au­tor der BZ war 1927 wich­tig, dem sym­pa­thi­schen Spie­ler Jan­sen auch an die­ser Stel­le die bes­ten Wün­sche zu ei­ner bal­di­gen Ge­ne­sung aus­zu­rich­ten.[128] Nach der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­über­nah­me wur­de der Zeit­schrif­ten­wer­ber und Ver­kaufs­ver­tre­ter Jan­sen aus dem Ver­ein aus­ge­schlos­sen, wie ein ehe­ma­li­ger Ver­eins­ka­me­rad nach dem Krieg be­zeug­te.[129] Sein fuß­bal­le­ri­sches Ta­lent zeig­te er da­nach er­folg­reich in der Fuß­ball­mann­schaft des Schild, der Sport­grup­pe der Bon­ner RjF-Grup­pe.[130] 

8. Jüdische Freizeitgestaltung im Bereich der Literatur, Musik und Geselligkeit

Auch im Be­reich der Mu­sik gab es für Bon­ner Jü­din­nen und Ju­den Mög­lich­kei­ten, sich in ei­nem jü­di­schen Ver­ein zu en­ga­gie­ren. Ein­mal wö­chent­lich tra­fen sich die Mit­glie­der des Syn­ago­gen­chors zur ge­mein­sa­men Pro­be.[131] Die Pro­ben dien­ten un­ter an­de­rem zur Vor­be­rei­tung auf Auf­trit­te in­ner­halb der Ge­mein­de und in der Bon­ner Öf­fent­lich­keit. 1924 lud der Chor die Mit­glie­der der Syn­ago­gen­ge­mein­de in den gro­ßen Saal des Bon­ner Bür­ger­ver­eins zur Pu­rim-Fei­er ein, auf der ver­schie­de­ne Ge­mein­de­mit­glie­der und der Chor mu­si­ka­li­sche und ge­sang­li­che Auf­füh­run­gen dar­bo­ten.[132] Im April 1932 ver­an­stal­te­te der Chor zu­dem zu­sam­men mit ei­nem Kam­mer­or­ches­ter Bon­ner Künst­ler ein Wohl­tä­tig­keits­kon­zert zu­guns­ten der „Bon­ner Not­hil­fe“.[133] Das Kon­zert wur­de zu ei­nem mu­si­ka­li­schen Er­folg, so­dass die DRZ ur­teil­te, dass die­se Ver­an­stal­tung zu den ein­drucks­volls­ten ge­hör­te, die in letz­ter Zeit im Rah­men geist­li­cher Mu­sik ge­bo­ten wur­de.[134] Für Kin­der bot die Syn­ago­gen­ge­mein­de zum En­de der Wei­ma­rer Re­pu­blik ei­nen Kin­der­chor, der im Ja­nu­ar 1932 erst­ma­lig am Got­tes­dienst mit­wirk­te.[135] 

Ankündigung einer Fußballpartie im Hermann-Hirsch-Pokal, aus: General-Anzeiger für Bonn und Umgebung vom 14.2.1925. (zeit.punkt NRW)

 

Auch in über­kon­fes­sio­nel­len Mu­sik­ver­ei­nen zeig­te sich ei­ne Viel­zahl an Bon­ner Ju­den über­aus en­ga­giert. Das pro­mi­nen­tes­te Bei­spiel war der Rechts­an­walt Sieg­mund May­er II., der seit 1924 dem an­ge­se­he­nen Män­ner-Ge­sang-Ver­ein (MGV) Apol­lo als 1. Vor­sit­zen­der vor­saß und nach Mei­nung der DRZ das Steu­er des Ver­eins­schiffs tat­kräf­tig führ­te.[136] Als 1. Vor­sit­zen­den ka­men auf May­er II. ne­ben or­ga­ni­sa­to­ri­schen Lei­tungs­auf­ga­ben auch die Rol­le als ers­ter Re­prä­sen­tant des tra­di­ti­ons­rei­chen MGV zu. So wur­de May­er II. nicht nur bei je­der Zei­tungs­an­zei­ge des MGV, wie bei­spiels­wei­se zur An­kün­di­gung ei­nes Win­ter­kon­zer­tes 1924, na­ment­lich ge­nannt;[137] auch zähl­te es zu sei­nen Auf­ga­ben, bei fei­er­li­chen und öf­fent­li­chen An­läs­sen den MGV in Form von Be­grü­ßungs­wor­ten oder Re­den zu ver­tre­ten. So zum Bei­spiel beim Mas­ken­ball des MGV 1929 mit Ver­tre­tern des Fest­aus­schus­ses für den Bon­ner Kar­ne­val und dem Kar­ne­vals­prin­zen An­ton I., von dem May­er II. so­gar den Prin­zen­or­den er­hielt.[138] Sei­ne Vor­sitz­zeit en­de­te im Früh­jahr 1933, die ge­nau­en Um­stän­de des Rück­tritts sind un­be­kannt.[139] Da May­er II. al­ler­dings noch im Ja­nu­ar 1933 ein­stim­mig ent­las­tet und an­schlie­ßend als 1. Vor­sit­zen­der wie­der­ge­wählt wur­de, ist ein frei­wil­li­ger Rück­zug un­wahr­schein­lich.[140] 

Ankündigung eines Konzerts des MGV-Apollo mit Nennung des Vorsitzenden Siegmund Mayer, aus: Bonner Zeitung vom 15.11.1924. (zeit.punkt NRW)

 

Freun­de der jü­di­schen Li­te­ra­tur konn­ten sich hin­ge­gen im Ver­ein für jü­di­sche Ge­schich­te und Li­te­ra­tur en­ga­gie­ren. Der um 1900 ge­grün­de­te Ver­ein ge­hör­te ei­gent­lich der zio­nis­ti­schen Be­we­gung an, zähl­te aber trotz­dem den ehe­ma­li­gen Rab­bi­ner und be­ken­nen­den Geg­ner des Zio­nis­mus Falk Cohn so­wie den RjF-Vor­sit­zen­den May­er II. zu sei­nen Mit­glie­dern.[141] Der Ver­ein wird zur Wei­ma­rer Zeit da­her wahr­schein­lich kein al­lein zio­nis­ti­sches Pro­fil ge­habt ha­ben. Sei­ne Auf­ga­ben sah der Ver­ein in der Ver­an­stal­tung von Kul­tur­aben­den, wie 1922 ein ost­jü­di­scher Kul­tur­abend im Ge­mein­de­haus oder ein Lie­der­abend im klei­nen Saal des Bon­ner Bür­ger­ver­ei­nes 1924.[142] Nach 1924 muss es zu ei­ner Auf­lö­sung des Ver­ei­nes ge­kom­men sein, denn 1928 wur­de ei­ne Orts­grup­pe des Ver­bands wie­der­ge­grün­det.[143] Aber auch in über­kon­fes­sio­nel­len Li­te­ra­tur­ver­ei­nen wa­ren Bon­ner Ju­den ak­tiv. Der Ju­rist und ehe­ma­li­ge Rek­tor der Uni­ver­si­tät Bonn Ernst Lands­berg war über 20 Jah­re Vor­stands­mit­glied und lang­jäh­ri­ger 2. Vor­sit­zen­der der Ge­sell­schaft für Li­te­ra­tur und Kunst Bonn.[144] Eben­falls ak­ti­ves und lang­jäh­ri­ges Mit­glied der Li­te­ra­tur­ge­sell­schaft war der Fa­bri­kant und Ei­gen­tü­mer der Bon­ner Fah­nen­fa­brik Ru­dolf Mey­er (1862-1932), der 1925 als 2. Schrift­füh­rer fun­gier­te.[145] 

Ankündigung eines Vortrags der Zionistischen Ortsgruppe, aus: Quelle: Jüdischer Bote vom Rhein vom 4.6.1920, Digitalisiert durch die Universitätsbibliothek J.C. Senckenberg Frankfurt am Main, 2017. (gemeinfrei)

 

Auch der an­ge­se­he­ne Ge­sel­lig­keits­ver­ein Le­se- und Er­ho­lungs­ge­sell­schaft, im Volks­mund Le­se ge­nannt, und der Bon­ner Bür­ger­ver­ein zähl­ten jü­di­sche Mit­glie­der in ih­ren Rei­hen. Wer in die Le­se auf­ge­nom­men wur­de, konn­te sich zu den füh­ren­den Krei­sen der Stadt zäh­len.[146] Seit 1924 war der Ma­the­ma­ti­ker und Pro­fes­sor Fe­lix Haus­dorff (1868-1942) Mit­glied der Le­se.[147] Nach Aus­sa­gen von An­ge­hö­ri­gen ver­kehr­te Haus­dorff ger­ne im Ver­eins­ge­bäu­de, trank ein Glas Wein und tausch­te sich mit Freun­den und Kol­le­gen aus. Ne­ben der Le­se hielt sich Fe­lix Haus­dorff auch ger­ne im Bon­ner Bür­ger­ver­ein auf und nutz­te die dor­ti­ge Ke­gel­bahn und das gas­tro­no­mi­sche An­ge­bot.[148] Auch der Rechts­an­walt Ernst Her­manns ver­kehr­te ger­ne im Bür­ger­ver­ein so­wie im Fort­schritts­ver­ein.[149] 

Der Kauf­mann Her­mann Hirsch mach­te sich nicht nur um den Sport, son­dern auch um den Bon­ner Kar­ne­val ver­dient. 1927 ge­hör­te er dem künst­le­ri­schen Bei­rat an, der die Or­ga­ni­sa­ti­on des ers­ten Ro­sen­mon­tags­um­zugs seit Kriegs­be­ginn 1914 zur Auf­ga­be hat­te.[150] Im glei­chen Jahr er­hielt er den Haus­or­den des Bon­ner Stadt­sol­da­ten­corps und war für den Kar­ne­val 1928 Vor­sit­zen­der des Fi­nanz­aus­schus­ses im Fest­aus­schuss.[151] Für sein En­ga­ge­ment war ihm nach An­sicht der BZ der Dank al­ler Freun­de des Kar­ne­vals si­cher.[152] 

9. Fazit

Die Un­ter­su­chung der jü­di­schen Frei­zeit­ge­stal­tung im Bonn der Wei­ma­rer Re­pu­blik konn­te dem Wis­sen um den All­tag der Bon­ner Ju­den in der Wei­ma­rer Zeit ein wei­te­res Ka­pi­tel hin­zu­fü­gen. Ge­ra­de zum An­fang der Wei­ma­rer Re­pu­blik ist ein ak­ti­ves jü­di­sches Ver­eins­we­sen er­kenn­bar. Jü­di­sche Er­wach­se­ne konn­ten ih­rer Frei­zeit­ge­stal­tung in ei­ner Viel­zahl an Grup­pen der Syn­ago­gen­ge­mein­de oder in Orts­grup­pen grö­ße­rer jü­di­scher Ver­bän­de nach­ge­hen. Jü­di­schen Kin­dern, Ju­gend­li­chen und jun­gen Er­wach­se­nen bo­ten in der ers­ten Hälf­te der Wei­ma­rer Re­pu­blik gleich drei Ju­gend- und Wan­der­grup­pen Frei­zeit­mög­lich­kei­ten of­fen. Mit dem Sport­club Macca­bi und der Grup­pe Lei­bes­übun­gen exis­tier­ten so­gar zwei ex­klu­siv jü­di­sche Sport­grup­pen. Jü­di­sche Ver­bin­dungs­stu­den­ten fan­den mit Rhe­no-Si­le­sia und dem Ka­di­mah zwei ak­ti­ve und sich ideo­lo­gisch un­ter­schei­den­de Ver­bin­dun­gen vor. Auch im über­kon­fes­sio­nel­len Ver­eins­we­sen wa­ren die jü­di­schen Bon­ne­rin­nen und Bon­ner äu­ßerst ak­tiv und hat­ten da­bei teil­wei­se wich­ti­ge Funk­tio­nen in­ne. Bei­spie­le für jü­di­sche Män­ner und Frau­en in ho­hen Ver­eins­äm­tern fin­den sich in al­len un­ter­such­ten Frei­zeit­be­rei­chen. Die Be­klei­dung die­ser wich­ti­gen Äm­ter oder wohl­wol­len­de Nach­ru­fe zeu­gen von der Wert­schät­zung, die die­se jü­di­schen Ver­eins­mit­glie­der ge­nos­sen. 

Felix Hausdorff, Porträtfoto, undatiert. (Universitätsbibliothek Bonn/ Porträtsammlung)

 

Das Bon­ner Frei­zeit­we­sen war für vie­le jü­di­sche Bon­ne­rin­nen und Bon­ner ein wich­ti­ger Teil ih­res Le­bens und ih­rer Iden­ti­tät. Kaum vor­stell­bar muss da­her der Schmerz und die Ent­täu­schung ge­we­sen sein, als sie nach der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­über­nah­me aus die­sem Frei­zeit­we­sen ge­drängt wur­den, ih­re Ver­eins­ka­me­ra­den sie aus­stie­ßen und sie ih­re Ver­ei­ne ver­las­sen muss­ten. Sich ih­rer, ih­res En­ga­ge­ments und ih­res Ver­diens­tes zu er­in­nern, ist ein wich­ti­ger Teil ei­ner lo­ka­len Er­in­ne­rungs- und Ge­denk­kul­tur.

Quellen

Un­ver­öf­fent­lich­te Quel­len

Ar­chiv der Ge­denk­stät­te für die Bon­ner Op­fer des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus – An der Syn­ago­ge e.V. Bonn (VADS):

PB 143: Brief von Ernst Le­vy vom 5. Au­gust 1987.

PB 334: Be­richt „Ka­me­ra­den - deutsch-jü­di­scher Wan­der­bund in Bon­n“.

Stadt­ar­chiv Bonn (StA Bonn):

N35 WGA/205: Wie­der­gut­ma­chungs­ak­te Hu­go Jan­sen.

Ia41-1/3-1: Ge­mein­de-Blatt der Syn­ago­gen­ge­mein­de Bonn.

Ver­öf­fent­lich­te Quel­len

Adress­buch der Stadt Bonn 1924; 1926.

Dy­roff, Adolf (Hg.), 1787-1937. Fest­schrift zur Fei­er des 150jäh­ri­gen Be­ste­hens der Le­se- und Er­ho­lungs-Ge­sell­schaft zu Bonn, Bonn 1937.

Rek­tor Ci­cho­ri­us (Hg.), Chro­nik der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät zu Bonn für das aka­de­mi­sche Jahr 1923/24, Bonn 1925.

Rek­tor Dy­roff (Hg.), Chro­nik der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät zu Bonn für das aka­de­mi­sche Jahr 1925/26, Bonn 1927.

Rek­tor Heim­ber­ger (Hg.), Chro­nik der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät zu Bonn für das aka­de­mi­sche Jahr 1924/25, Bonn 1926.

Zen­tral­wohl­fahrt­stel­le der Deut­schen Ju­den (Hg.), Füh­rer durch die jü­di­sche Ge­mein­de­ver­wal­tung und Wohl­fahrts­pfle­ge in Deutsch­land 1932-33.

Zei­tun­gen, Ver­bands­zei­tun­gen und Mit­tei­lungs­blät­ter (Aus­wahl)

Bon­ner Zei­tung

Der Schild

Deut­sche Reichs­zei­tung

Ge­ne­ral-An­zei­ger für Bonn und Um­ge­bung

Is­rae­li­ti­sches Fa­mi­li­en­blatt 

Jü­di­scher Bo­te vom Rhein 

Jü­di­sche Rund­schau 

KC-Blät­ter

KC-Mit­tei­lun­gen

Die Bon­ner Lo­kal­pres­se ist [On­line] ab­ruf­bar.

Die jü­di­sche Pres­se in [On­line] ab­ruf­bar.

Literatur (Auswahl)

Forman­ski, Bir­git, Le­bens­bil­der jü­di­scher Aka­de­mi­ke­rin­nen. Aus­ge­wähl­te Me­di­zin­stu­den­tin­nen an der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät Bonn 1900-1938, Göt­tin­gen 2020.

Hein­rich, Ar­thur, Bonn, in: Hein­rich, Ar­thur/Peif­fer, Lo­renz (Hg.), Ju­den im Sport in der Wei­ma­rer Re­pu­blik und im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Ein his­to­ri­sches Hand­buch für Nord­rhein-West­fa­len, Göt­tin­gen 2019, S. 145-168.

Heyer, Hel­mut, Kul­tur in Bonn im Drit­ten Reich, Bonn 2002.

Hod­de, Pe­ter/Rau­hut-Brungs, Leah/Was­ser, Ga­brie­le (Hg.), Stadt­rund­gang durch Bonns jü­di­sche Ge­schich­te. „Alef-Puff, Beis-Puff, hört er noch nich uff?“, Eg­ling an der Par 2001. 

Holt­hau­sen, Jo­sef, Sport­ge­schich­te der Stadt Bonn, Bonn 1964. 

Ka­plan, Ma­ri­on, Kon­so­li­die­rung ei­nes bür­ger­li­chen Le­bens im kai­ser­li­chen Deutsch­land 1871-1918, in: Ka­plan, Ma­ri­on (Hg.), Ge­schich­te des jü­di­schen All­tags in Deutsch­land vom 17. Jahr­hun­dert bis 1945, Mün­chen 2003, S. 226-344.

Kuhn, An­net­te/Ro­the, Va­len­ti­ne/Müh­len­bruch, Bri­git­te (Hg.), 100 Jah­re Frau­en­stu­di­um. Frau­en an der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät, Dort­mund 1996. 

Rü­rup, Mi­ri­am, Eh­ren­sa­che. Jü­di­sche Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen an deut­schen Uni­ver­si­tä­ten 1886-1937, Göt­tin­gen 2008.

Schen­kel­berg, Lo­thar, „Bonn zu die­nen ist Eh­re und Freu­de zu­gleich“. Die Bon­ner Stadt­ver­ord­ne­ten in der Wei­ma­rer Re­pu­blik, Bonn 2014.

Schul­te, Klaus, Bon­ner Ju­den und ih­re Nach­kom­men bis um 1930. Ei­ne fa­mi­li­en- und so­zi­al­ge­schicht­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, Bonn 1976. 

Teich­ler, Hans Joa­chim, Jü­di­sche Sport­ler in der Wei­ma­rer Re­pu­blik, in: Bahro, Ber­no/Braun, Jut­ta/Teich­ler, Hans Joa­chim (Hg.), Ver­ges­se­ne Re­kor­de. Jü­di­sche Leicht­ath­le­tin­nen vor und nach 1933, Bonn 2010, S. 44-53. 

Wahlig, Hen­ry, Sport im Ab­seits. Die Ge­schich­te der jü­di­schen Sport­be­we­gung im na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land, Göt­tin­gen 2015.  

Hermann Hirsch, Porträtbild, undatiert. (Gedenkstätte Bonn/ Familie Hirsch)

 
Anmerkungen
Zitationshinweis

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Schröder, Stefan, Blau-Weiß, Maccabi, Synagogenchor. Jüdische Freizeitgestaltung im Bonn der Weimarer Republik, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/blau-weiss-maccabi-synagogenchor.-juedische-freizeitgestaltung-im-bonn-der-weimarer-republik/DE-2086/lido/68e7b2395a1355.72765365 (abgerufen am 22.01.2026)

Veröffentlichung

Veröffentlicht am 21.10.2025, zuletzt geändert am 22.10.2025