Das Augustiner-Chorherrenstift St. Marien zu Lonnig

Johannes Mötsch (Meiningen)

Ansichtskarte der katholischen Pfarrkirche in Lonnig. (Ortsgemeinde Lonnig)

1. Die Anfänge von Lonnig

Wer durch das Dorf Lon­nig auf dem Mai­feld fährt, das heu­te zur Stadt Polch ge­hört, des­sen Blick fällt un­will­kür­lich auf die Kir­che, denn ein Kir­chen­ge­bäu­de von die­ser Grö­ße und bau­li­chen Qua­li­tät er­war­tet man in ei­nem Dorf mit et­wa 1.200 Ein­woh­nern nicht oh­ne Wei­te­res.

 

An die­ser Stel­le ent­stand um 1142 ein nicht er­hal­te­ner Zen­tral­bau (äu­ße­rer Durch­mes­ser der Ro­tun­de: cir­ca 23 Me­ter), zu dem im Wes­ten ein längs­recht­ecki­ger, zwei­stö­cki­ger Vor­bau ge­hör­te. Öst­lich des Zen­tral­baus wur­de in den bei­den ers­ten Jahr­zehn­ten des 13. Jahr­hun­derts ei­ne heu­te noch vor­han­de­ne Chor­an­la­ge er­rich­tet, be­glei­tet von ei­nem Nord­turm mit fünf Ge­schos­sen und ei­nem Süd­turm, von dem nur das Erd­ge­schoss ge­baut wor­den ist. Dem zu­stän­di­gen Erz­bi­schof in Trier wur­de be­rich­tet, beim Sin­gen im Chor sei man häu­fi­ger Re­gen und Schnee aus­ge­setzt. Die­ser stau­f­er­zeit­li­che Bau ist nie voll­endet wor­den – über Jahr­hun­der­te ha­ben die Got­tes­diens­te in ei­ner Art Pro­vi­so­ri­um statt­ge­fun­den. In den 1830er Jah­ren re­stau­rier­te und er­wei­ter­te der Ko­blen­zer Ar­chi­tek­t Jo­hann Clau­di­us von Las­saulx die­se Kir­che, die 1961 noch ein­mal ver­län­gert wur­de. Die­ser be­deu­ten­de Bau ge­hör­te zu ei­nem von den 1140er Jah­ren bis 1326 am Ort be­ste­hen­den Stift von Au­gus­ti­ner-Chor­her­ren, ei­ner Ge­mein­schaft von Ka­no­ni­kern, die nach der Re­gel des hei­li­gen Au­gus­ti­nus (354-430) leb­ten. Die Ge­schich­te die­ses Stifts soll hier kurz dar­ge­stellt wer­den.

Um 1120 wur­de in Lon­nig, ge­le­gen in der Pfar­rei Ko­bern, auf In­itia­ti­ve des Trie­rer Mi­nis­te­ria­len Wer­ner ei­ne Ka­pel­le er­rich­tet, an der sich bald ei­ne re­li­giö­se Ge­mein­schaft aus Män­nern und Frau­en bil­de­te. Lei­ter war ein Mann na­mens Lu­told. Ver­mu­tun­gen, er sei mit dem Ere­mi­ten Li­utolf iden­tisch, bei dem si­ch Nor­bert von Xan­ten, spä­ter Grün­der des Prä­mons­tra­ten­ser­or­dens und Erz­bi­schof von Mag­de­burg, um 1115 ei­ni­ge Zeit auf­hielt, wer­den sich kaum letzt­lich klä­ren las­sen.

Nach dem Tod Lu­tolds über­trug der Grün­der Wer­ner die Ka­pel­le (wohl zwi­schen 1119 und 1123) dem Propst des Au­gus­ti­ner-Chor­her­ren­stif­tes Sprin­giers­bach. Weil Wer­ner ein Mi­nis­te­ria­le, al­so un­frei­en Stan­des war, konn­te er die­se Über­tra­gung nur mit Zu­stim­mung sei­nes Herrn, des Erz­bi­schofs, vor­neh­men; die­se ist da­her an­zu­neh­men.

Da­mit ge­riet die Zel­le zu Lon­nig in das Kon­flikt­feld zwi­schen dem Erz­bi­schof, der als In­ha­ber de­s Erz­stif­tes Trier auch Lan­des­herr ei­nes welt­li­chen Ter­ri­to­ri­ums war, und dem rhei­ni­schen Pfalz­gra­fen. Die­sem ge­hör­ten ne­ben ei­nem gro­ßen Be­zirk um Kröv, in dem Sprin­giers­bach lag, auch Po­si­tio­nen auf dem Mai­feld (die da­her Pel­lenz hei­ßen), die Bur­gen Co­chem und Treis so­wie das mo­sel­ab­wärts ge­le­ge­ne Al­ken; er war zu­dem Ober­vogt des Erz­stif­tes. Sei­ne Mi­nis­te­ria­len hat­ten das Stift Sprin­giers­bach ge­grün­det. So­wohl der Erz­bi­schof als auch der Pfalz­graf wa­ren be­müht, ih­re Be­sit­zun­gen und Rech­te auf Kos­ten des je­weils an­dern zu er­wei­tern und ab­zu­si­chern. Mit­tel in die­ser Aus­ein­an­der­set­zung wa­ren auch Grün­dung und För­de­rung geist­li­cher In­sti­tu­tio­nen.

1128 be­stä­tig­te Papst Ho­no­ri­us II. (Pon­ti­fi­kat 1124-1130) dem Stift Sprin­giers­bach den Be­sitz der Zel­le im Dorf Lon­nig (Lun­necho); dies ist die ers­te ur­kund­li­che Er­wäh­nung von Lon­nig. Die Lei­tung der Zel­le war kurz zu­vor ei­nem Mann na­mens Bor­no über­tra­gen wor­den, der vor­her Abt in Klos­ter­rath / Rol­duc (Kerk­ra­de, Nie­der­lan­de) ge­we­sen war, die­ses Klos­ter aber nach Aus­bruch von Strei­tig­kei­ten ver­las­sen hat­te und nach Sprin­giers­bach ge­gan­gen war; er kehr­te 1134 nach Klos­ter­rath zu­rück.

2. Die Erhebung zur Abtei

1136 re­gel­te Al­be­ro von Mon­treuil, Erz­bi­schof von Trier, die recht­li­che Stel­lung der Zel­le Lon­nig neu. Er er­hob sie in den Rang ei­ner Ab­tei, das hei­ßt ei­ner selb­stän­di­gen geist­li­chen In­sti­tu­ti­on. Die dor­ti­gen Ka­no­ni­ker soll­ten künf­tig ih­ren Abt frei wäh­len. Gab es im ei­ge­nen Haus kei­nen ge­eig­ne­ten Kan­di­da­ten, konn­te der auch aus ei­nem an­de­ren Kon­vent der Au­gus­ti­ner-Chor­her­ren kom­men. In je­dem Fall be­durf­te der neue Lei­ter der Zu­stim­mung des Erz­bi­schofs.

Bis­her hat­te der Abt von Sprin­giers­bach Auf­sichts­rech­te über die Zel­le Lon­nig wahr­ge­nom­men. Auch wenn der Erz­bi­schof aus­drück­lich fest­stell­te, dass Lon­nig wei­ter zur Sprin­giers­ba­cher Klos­ter­fa­mi­lie ge­hö­ren sol­le, schwäch­te er doch durch die Er­he­bung Lon­nigs zur Ab­tei er­heb­lich den bis da­hin be­ste­hen­den Ein­fluss des Sprin­giers­ba­cher Ab­tes - und so­mit auch den des Pfalz­gra­fen. Die Vog­tei über Lon­nig, das hei­ßt die Aus­übung der welt­li­chen Ge­richts­bar­keit, be­hielt sich der Erz­bi­schof 1136 eben­falls vor; sie wur­de von ei­nem Be­auf­trag­ten wahr­ge­nom­men.

Zur wei­te­ren Ab­si­che­rung er­hiel­ten die Ka­no­ni­ker von Lon­nig im April 1137 in Vi­ter­bo von Papst In­no­cenz II. (Pon­ti­fi­kat 1130-1143) ei­ne Be­stä­ti­gungs­ur­kun­de. De­ren Wort­laut ori­en­tier­te sich an dem, was in den vor­an­ge­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten für Stif­te der Au­gus­ti­ner-Chor­her­ren üb­lich ge­wor­den war: dem Propst und sei­nen Nach­fol­gern wur­de das Recht zur An­lei­tung und Mah­nung der Ka­no­ni­ker ein­ge­räumt. Nie­mand, der im Stift Pro­fess ge­leis­tet hat­te, durf­te es oh­ne Zu­stim­mung des Props­tes und der Mit­brü­der ver­las­sen. Ei­ne Auf­nah­me die­ser Män­ner in an­de­ren geist­li­chen In­sti­tu­tio­nen wur­de aus­ge­schlos­sen. Nach dem Tod des Lei­ters soll­te der Nach­fol­ger durch die Wahl der Ka­no­ni­ker mit Rat from­mer Män­ner aus an­de­ren (Au­gus­ti­ner-Chor­her­ren-) Stif­ten ge­wählt wer­den. Schlie­ß­lich wur­den dem Stift Lon­nig die (nicht auf­ge­zähl­ten) Be­sit­zun­gen be­stä­tigt.

Seitenansicht der katholischen Pfarrkirche in Lonnig. (Ortsgemeinde Lonnig)

 

Auf die­se Wei­se wur­den die 1136 vom Erz­bi­schof ge­schaf­fe­nen Struk­tu­ren in al­ler Form fest­ge­schrie­ben. In der 1139 vom Papst für das Stift Sprin­giers­bach aus­ge­stell­ten Ur­kun­de wird – an­ders als in den frü­he­ren Ur­kun­den – die Toch­ter­grün­dung Lon­nig nicht mehr er­wähnt. Da­für, dass die In­itia­ti­ve da­zu nicht vom Stift Lon­nig, son­dern vom Erz­bi­schof aus­ge­gan­gen war, spricht die Tat­sa­che, dass der Lei­ter Fol­mar sich auch 1137 noch als Propst be­zeich­ne­te, al­so nicht die 1136 vom Erz­bi­schof ein­ge­räum­te Mög­lich­keit wahr­nahm, den Ti­tel ei­nes Ab­tes zu füh­ren. We­ni­ge Jah­re spä­ter trieb der Erz­bi­schof die Ent­wick­lung wei­ter vor­an. In ei­ner am 22.10.1142 aus­ge­stell­ten Ur­kun­de re­fe­rier­te er zu­nächst die Ge­schich­te des Stifts seit der Grün­dung durch den Mi­nis­te­ria­len Wer­ner, die Über­ga­be an Lu­told und da­nach an den Abt von Sprin­giers­bach. Der aber ha­be auf den Rat from­mer Män­ner hin die Zel­le Lon­nig dem hei­li­gen Pe­trus - das hei­ßt der Trie­rer Kir­che - über­tra­gen. Dann hät­ten die dor­ti­gen Brü­der mit Rat des Erz­bi­schofs ei­nen Abt ge­wählt und dem Erz­bi­schof vor­ge­stellt. An­schlie­ßend wie­der­hol­te der Erz­bi­schof die Re­ge­lun­gen, die er 1136 ge­trof­fen hat­te, ins­be­son­de­re die Vogt- und Zehnt­frei­heit des Stifts.

Da­durch, dass Papst Eu­gen III. (Pon­ti­fi­kat 1145-1153) im Jahr 1145 fest­schrieb, dass nur noch die durch Pröps­te, nicht aber die durch Äb­te ge­lei­te­ten Stif­te zum Ge­ne­ral­ka­pi­tel in Sprin­giers­bach zu er­schei­nen hät­ten, wur­de die­se Ent­wick­lung ab­ge­schlos­sen. Sprin­giers­bach und Lon­nig stan­den gleich­be­rech­tigt ne­ben­ein­an­der. Der Erz­bi­schof hat­te das Stift auf dem Mai­feld er­folg­reich wei­ter ge­för­dert und so dem Ein­fluss des Ab­tes von Sprin­giers­bach - und dem hin­ter die­sem ste­hen­den Pfalz­gra­fen - ent­zo­gen.

3. Die Trennung von Frauen- und Männerkonvent

In den ers­ten Jah­ren hat­ten in Lon­nig from­me Frau­en und Män­ner ge­mein­sam ge­lebt. Der in Sprin­giers­bach be­ste­hen­de Frau­en­kon­vent war 1127/1128 vom dor­ti­gen Abt nach An­der­nach ver­legt wor­den. Am 24.10.1143 be­kun­de­te Erz­bi­schof Al­be­ro, er ha­be auf Bit­ten des Lon­ni­ger Ab­tes Fol­mar - der hier erst­mals mit die­sem Ti­tel be­zeich­net wird - den dor­ti­gen Frau­en­kon­vent nach Schön­statt bei Val­len­dar ver­legt. Be­grün­det wur­de dies durch für Frau­en un­er­träg­li­chen und schäd­li­chen Le­bens­be­din­gun­gen in Lon­nig. Der Erz­bi­schof ge­währ­te der neu­en Grün­dung die glei­chen Pri­vi­le­gi­en wie Lon­nig (Vogt- und Zehnt­frei­heit), er über­trug ihr auch die Be­sit­zun­gen in Aden­roth (heu­te Ge­mein­de Brei­ten­au) und Val­len­dar; aus spä­te­ren Ur­kun­den geht her­vor, dass Schön­statt auch in Lon­nig be­gü­tert blieb. Der Abt von Lon­nig blieb wei­ter­hin der geist­li­che Vor­ge­setz­te der Non­nen in Schön­statt.

4. Die Verlegung nach Mayen 1326/1327

Am 13.2.1147 be­stä­tig­te Papst Eu­gen III. dem Abt und der Kir­che St. Ma­ri­en zu Lon­nig die von sei­nem Vor­gän­ger ge­währ­ten Pri­vi­le­gi­en und nahm das Stift in sei­nen be­son­de­ren Schutz. In die­ser Ur­kun­de wer­den auch die Be­sit­zun­gen ge­nannt. Dem­nach be­saß das Stift Lon­nig ei­nen Hof in Men­dig, ein Gut mit Ka­pel­le und Zu­be­hör in Min­kel­feld (heu­te Ge­mein­de Ker­ben) so­wie die vom Erz­bi­schof ge­schenk­ten Be­sit­zun­gen in Val­len­dar und Aden­roth, die aber zur Aus­stat­tung von Schön­statt ge­dient hat­ten. Be­sitz am Ort selbst wird man hin­zu­zu­rech­nen ha­ben. Da­mit war die Grün­dungs­pha­se ab­ge­schlos­sen. 

Aus der Fol­ge­zeit sind nur we­ni­ge Ur­kun­den er­hal­ten ge­blie­ben; die zeit­li­chen Ab­stän­de sind groß. Die recht­li­chen Ver­hält­nis­se wa­ren ja ge­klärt, die Aus­stat­tung mit Gü­tern und Rech­ten ent­sprach der Grö­ße des Kon­vents (1229: sechs „Her­ren“). Strei­tig­kei­ten mit Nach­barn - et­wa dem Pfalz­gra­fen, der sich mehr und mehr aus der Re­gi­on zu­rück­zog - scheint es nicht mehr ge­ge­ben zu ha­ben.

Zu Be­ginn des 13. Jahr­hun­derts kam es zu Strei­tig­kei­ten um Zehnt­rech­te in Lon­nig. Das Stift be­rief sich auf die durch die Päps­te und Erz­bi­schof Al­be­ro aus­ge­stell­ten Ur­kun­den. Erz­bi­schof Jo­hann (Epis­ko­pat 1190-1212) zwang den Ad­li­gen, der die An­sprü­che er­ho­ben hat­te, 1209 zum Ver­zicht; 1210 stimm­te Agnes von Mal­berg (ge­stor­ben 1237) als Lehns­her­rin die­sem Ver­zicht zu.

In den fol­gen­den Jahr­zehn­ten ge­riet das Stift in ei­ne schwe­re Kri­se. Ver­mut­lich hat man sich beim Neu­bau der Kir­che fi­nan­zi­ell über­nom­men. Mehr­fach hat Erz­bi­schof Diet­rich von Wied (Epis­ko­pat 1212-1242) zu­guns­ten des Stifts ein­ge­grif­fen, um des­sen wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on zu ver­bes­sern. Wohl aus den ers­ten Re­gie­rungs­jah­ren des Erz­bi­schofs stammt ei­ne un­da­tier­te Ur­kun­de, die die Ver­hält­nis­se in Lon­nig schil­dert: we­gen der vie­len Krie­ge, die den Weg - die Stra­ße von Ko­blenz nach Trier, die da­mals noch nicht am Mo­sel­u­fer ver­lief - ge­fähr­lich mach­ten, und we­gen der Ar­mut des Stifts sei die Kir­che noch nicht voll­endet. Beim Sin­gen im Chor sei man häu­fig Re­gen oder Schnee aus­ge­setzt, die un­voll­ende­ten Wän­de droh­ten rui­nös zu wer­den. Der Erz­bi­schof, der sich per­sön­lich von den Zu­stän­den über­zeugt hat­te, nahm das Stift in sei­nen Schutz und ge­währ­te für Schen­kun­gen ei­nen Ab­lass von 30 Ta­gen. Aus den so er­ziel­ten Ein­nah­men und den Er­lö­sen der nun­mehr ein­set­zen­den Ver­käu­fe war wohl ei­ne Be­sei­ti­gung der Män­gel mög­lich; die Kir­che blieb aber ein Frag­ment.

Die Ur­kun­den der Fol­ge­zeit le­gen na­he, dass es in­ner­halb des Stifts zu Par­tei­un­gen ge­kom­men ist. Ei­ne Grup­pe - mit dem Pri­or - ver­such­te ei­ne Sa­nie­rung durch Ver­käu­fe, ei­ne an­de­re - zu der der Abt ge­hör­te -, dem durch ei­ne im No­vem­ber 1234 bei Papst Gre­gor IX. (Pon­ti­fi­kat 1227-1241) be­schaff­te Ur­kun­de ge­gen­zu­steu­ern. 1235 be­rich­te­te der Abt dem Papst, ei­ni­ge An­ge­hö­ri­ge des Stifts sei­en ge­gen­ein­an­der hand­greif­lich ge­wor­den, an­de­re hät­ten – ge­gen die Or­dens­re­gel – Pri­vat­ei­gen­tum be­hal­ten und dem Abt ge­gen­über nicht den ge­for­der­ten Ge­hor­sam be­wie­sen. Wie­der an­de­re hät­ten sich durch Si­mo­nie Ka­no­ni­ka­te im Stift ver­schafft. Der Papst be­auf­trag­te den Erz­bi­schof von Trier und den Abt von Lon­nig, die­se Miss­stän­de ab­zu­stel­len. 1237 wird letzt­mals ein Abt (oh­ne Na­mens­nen­nung) er­wähnt. Weil die An­zahl der Ka­no­ni­ker sich ver­mut­lich ver­rin­gert hat­te, schien die­ses Amt wohl nicht mehr sinn­voll. Deut­lich wird so das Bild ei­ner tie­fen Kri­se, zu dem auch die sich fort­set­zen­den Ver­käu­fe pas­sen.

Zu Be­ginn des 14. Jahr­hun­derts muss­ten er­neut Strei­tig­kei­ten in­ner­halb des Stifts ge­schlich­tet wer­den. Künf­tig soll­te der Pri­or jähr­lich am Veits­tag (15. Ju­ni) über Ein­nah­men und Aus­ga­ben an Ge­trei­de und Wein Rech­nung le­gen. Schlüs­sel für den Kas­ten, in dem das Sie­gel auf­be­wahrt wur­de, soll­ten künf­tig der Pri­or, ein als Schlüs­sel­herr (cla­vi­ger) be­zeich­ne­ter Ka­no­ni­ker und der Se­ni­or, al­so das äl­tes­te Mit­glied des Stifts, be­sit­zen. Sie konn­ten nur ge­mein­sam das Sie­gel her­aus­neh­men, al­so im Na­men des Stifts Ur­kun­den be­sie­geln und es so nach au­ßen ver­tre­ten. Kein Mit­glied des Kon­vents soll­te über Mo­bi­li­en und Im­mo­bi­li­en des Stifts ver­fü­gen, so­fern die ihm nicht aus­drück­lich über­las­sen wor­den wa­ren. Die­ser Schieds­spruch wur­de in ei­ner Ka­pi­tel­ver­samm­lung von al­len Be­tei­lig­ten an­ge­nom­men.

Selbst wenn so die in­ne­ren Strei­tig­kei­ten bei­ge­legt wor­den sind - die wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on des Stif­tes war und blieb kri­tisch. Be­grün­det war dies – we­nigs­tens aus Sicht des Stif­tes – durch die geo­gra­phi­sche La­ge weit ent­fernt von Wald, aus dem das le­bens­not­wen­di­ge Bau- und Brenn­holz da­her nur un­ter gro­ßen Kos­ten be­schafft wer­den konn­te. Die auf den Fel­dern des Klos­ters wach­sen­den Früch­te wur­den viel­fach von de­nen ge­plün­dert, die auf der stark be­fah­re­nen Stra­ße vor­bei­zo­gen „und den Na­men Got­tes nicht fürch­ten“.

Die­se pre­kä­re La­ge des Stifts hat wohl den Erz­bi­schof Bal­du­in von Lu­xem­burg, der ei­ne sys­te­ma­ti­sche Po­li­tik zur För­de­rung sei­ner Städ­te be­trieb, da­zu be­wo­gen, das Stift Lon­nig mit Ur­kun­de vom 1.12.1326 an die Pfarr­kir­che von May­en zu ver­le­gen. Die­se hat­te bis da­hin dem Stift St. Flo­rin zu Ko­blenz ge­hört, das an­ge­mes­sen ent­schä­digt wur­de. Im Mai 1327 er­war­ben Pri­or und Kon­vent der Re­gu­lar­ka­no­ni­ker der St. Ma­ri­en­kir­che von Lon­nig in­ner­halb der Mau­ern von May­en (wie man sich jetzt ge­mäß der vom Erz­bi­schof ge­trof­fe­nen Re­ge­lung nann­te) tauschwei­se Grund­stü­cke in May­en, die den ak­tu­el­len Er­for­der­nis­sen ent­spra­chen und den Neu­bau der bis heu­te ste­hen­den Pfarr­kir­che St. Cle­mens zu­lie­ßen. Dort ist das Stift bis zur Sä­ku­la­ri­sa­ti­on an­säs­sig ge­blie­ben. Die Be­nen­nung nach Lon­nig hat man bald auf­ge­ge­ben.

Im Dorf Lon­nig selbst er­in­nern da­her nur noch die äl­te­ren, aus dem Mit­tel­al­ter stam­men­den Tei­le der jetzt dem Apos­tel Ja­ko­bus ge­weih­ten Kir­che an die Zeit, in der dort ein Au­gus­ti­ner-Chor­her­ren­stift an­säs­sig war.

5. Liste der urkundlich belegten Äbte, Prioren und Kanoniker

Bor­no: Pri­or 1127/1128-1134.

Fol­mar: 1137 Propst, wohl 1142 zum Abt ge­wählt, 1143 und 1148 als sol­cher er­wähnt.

Wich­mann: 1180 Abt; mit ihm wer­den der Pri­or Ar­nold so­wie die Pries­ter­ka­no­ni­ker Lam­bert und Fried­rich ge­nannt.

Jo­hann: 1218, 1219 und 1220 als Abt be­legt; mit ihm wird 1218 der Pri­or Za­cha­ri­as ge­nannt.
 
Her­mann, Hein­rich, Pe­ter, En­gel­bert, Gi­sel­bert und Kon­rad wer­den 1229 als Her­ren - das hei­ßt Ka­no­ni­ker - zu Lon­nig ge­nannt.

Oh­ne Na­mens­nen­nung wird 1235 und 1237 ein Abt er­wähnt.

Ein na­ment­lich nicht ge­nann­ter Pri­or wur­de 1256 von ei­nem so­ci­us En­gel­bert be­glei­tet, der wohl mit dem 1229 ge­nann­ten Ka­no­ni­ker iden­tisch ist.

Ein Pri­or mit der In­itia­le H. kommt 1277 vor, er ist wohl mit dem 1292 als ver­stor­ben be­zeich­ne­ten Pri­or Her­mann iden­tisch.

En­gel­bert war 1293 Pri­or. Wenn er mit dem gleich­na­mi­gen, 1229 und 1256 be­leg­ten Ka­no­ni­ker iden­tisch ist, hät­te er ein ho­hes Le­bens­al­ter er­reicht.

Con­rad: 1300 Pri­or. Ein Streit zwi­schen dem Pri­or C. (Con­rad?) und dem Kon­vent wur­de durch die Ka­no­ni­ker Ar­nold und Fried­rich bei­ge­legt.

Hein­rich: Ka­no­ni­ker, 1307.

Fried­rich: Pri­or, 1321.
 
Hein­rich: 1327 Pri­or des Stif­tes Lon­nig zu May­en. Er hat­te das Amt mög­li­cher­wei­se schon bei der Ver­le­gung in­ne.

6. Besitzungen des Stifts Lonnig

An den fol­gen­den Or­ten be­saß das Stift Lon­nig Gü­ter und Rech­te. Ein we­sent­li­cher Teil stammt wohl aus der Grün­dungs­zeit. Auch aus den fol­gen­den Jahr­hun­der­ten sind Schen­kun­gen an das Stift be­legt. Es han­del­te sich um be­bau­te und un­be­bau­te Grund­stü­cke, die meist an Drit­te ver­lie­hen wa­ren, die da­für Ab­ga­ben in Geld und Na­tu­ra­li­en (Ge­trei­de, Wein) zu leis­ten hat­ten.

Aden­roth (Wes­ter­wald­kreis): ei­ne dor­ti­ge Schen­kung an das Stift Lon­nig wur­de 1147 vom Papst be­stä­tigt. Da­mit war 1143 das aus Lon­nig nach Schön­statt ver­leg­te Non­nen­klos­ter aus­ge­stat­tet wor­den; die­ser Be­sitz wird da­her in der Fol­ge­zeit nicht mehr er­wähnt.

Gon­dorf (Kreis May­en-Ko­blenz): hier be­saß das Stift ei­nen Hof, aus dem ei­ne Ab­ga­be an den Orts­herrn fäl­lig war (1351).

Güls (Stadt Ko­blenz): aus Ur­kun­den der Jah­re 1318 und 1321 geht her­vor, dass der ört­li­che Schult­heiß des Klos­ters Sieg­burg und sei­ne Schwes­ter dor­ti­ge Gü­ter an das Stift Lon­nig ge­schenkt hat­ten. Abt und Kon­vent zu Sieg­burg er­teil­ten da­zu ih­re Zu­stim­mung.

Kar­den (Kreis Co­chem-Zell): 1236 wa­ren dem Stift Lon­nig Wein­gär­ten zu Kar­den ge­schenkt wor­den, die 1277 ge­gen ei­nen Zins auf des­sen Le­bens­zeit an ei­nen Vi­kar des Stifts Kar­den ver­lie­hen wur­den. Im 14. Jahr­hun­dert war das Stift im Be­sitz ei­nes Ho­fes zu Kar­den, zu dem auch ei­ne Kel­ter ge­hör­te (die­se lohn­te sich nur für ei­nen grö­ße­ren Be­sitz). Mit dem Hof wa­ren um­fang­rei­che Rech­te und Pflich­ten ver­bun­den, un­ter an­de­rem ein Holz­recht im Trei­ser Wald. 

Ker­ben (Kreis May­en-Ko­blenz): we­gen sei­ner dor­ti­gen Gü­ter hat­te das Stift Lon­nig ei­nen Be­auf­trag­ten zu den jähr­li­chen Ge­richts­ta­gen zu ent­sen­den. Von die­ser Ver­pflich­tung wur­de es vor 1248 be­freit.

Ko­bern (Kreis May­en-Ko­blenz): Wie­sen in der Ge­mar­kung Ko­bern wa­ren 1344 im Be­sitz des Stif­tes Lon­nig.

Innenansicht der Pfarrkirche. (Ortsgemeinde Lonnig)

 

Ko­blenz: 1292 schenk­ten zwei Be­gi­nen dem Stift Lon­nig ein Haus in der Wei­ßer­gas­se. Da­für war ein Jahr­tag für die Schen­ke­rin­nen und wei­te­re Ver­wand­te zu hal­ten. 

Küt­tig (Kreis May­en-Ko­blenz): ei­ne Korn­gül­te von vier Mal­tern aus Gü­tern zu Küt­tig hat das Stift Lon­nig im Jahr 1322 er­wor­ben.

Leu­tes­dorf (Kreis Neu­wied): ge­gen­über von An­der­nach (al­so wohl in Leu­tes­dorf) stand dem Stift Lon­nig ei­ne Ab­ga­be aus ei­nem Wein­gar­ten zu (nicht aber der Wein­gar­ten selbst). Die­se ging 1308 an das Zis­ter­zi­en­ser­klos­ter Ma­ri­en­statt im Wes­ter­wald über. 

Lon­nig: hier be­saß das Stift seit sei­ner Grün­dung ei­nen Hof, des­sen Zu­be­hör nach und nach ver­mehrt wur­de. Zin­se, die der Herr von Ko­bern aus be­stimm­ten Häu­sern und Grund­stü­cken am Ort for­der­te, wur­den 1301 ab­ge­löst.

Min­kel­feld (Kreis May­en-Ko­blenz): ein Gut mit zu­ge­hö­ri­ger Ka­pel­le nennt die päpst­li­che Be­sitz­be­stä­ti­gung von 1147. Rech­te, die der Graf von Vir­ne­burg dar­an hat­te, schenk­te er 1219 dem Stift für sein See­len­heil. Zwölf Mor­gen Land, die das Stift ei­nem Ka­no­ni­ker von St. Kas­tor zu Ko­blenz ver­kauft hat­te, schenk­te die­ser spä­ter dem Stift zur Ab­hal­tung ei­ner Me­mo­rie (Jahr­tag mit Ge­be­ten für den Ver­stor­be­nen). 

Ober­men­dig (Kreis May­en-Ko­blenz): ein Hof mit Zu­be­hör wird in der päpst­li­chen Be­sitz­be­stä­ti­gung von 1147 er­wähnt.

Pel­lenz, Wüs­tung bei Treis (Kreis Co­chem-Zell): Zin­se aus Grund­stü­cken, die an Drit­te ver­lie­hen wa­ren, wer­den 1277 er­wähnt. Das 1329 be­leg­te Holz­recht im Trei­ser Wald ist durch die Rech­te in Pel­lenz zu er­klä­ren. Die­ser Be­sitz ist wohl stets als Zu­be­hör des Ho­fes in Kar­den an­ge­se­hen wor­den.

Plat­ten (Kreis Bern­kas­tel-Witt­lich): Äcker, Wein­gär­ten und Wie­sen zu Plat­ten wur­den 1229 vom Stift Lon­nig an das Klos­ter St. Tho­mas an der Kyll ver­kauft.

Pom­mern (Kreis Co­chem-Zell): hier be­saß das Stift Lon­nig ei­nen Hof, der 1237 in Hän­den ei­nes Gläu­bi­gers war, der in die­sem Jahr ab­ge­fun­den wur­de. Aus dem Hof wur­den ver­mut­lich Wein­gär­ten be­ar­bei­tet, die Ei­gen­tum des Klos­ters St. Trond (im heu­ti­gen Bel­gi­en) wa­ren. Dar­aus schul­de­te das Stift Lon­nig im Jahr 1263 die­sem Klos­ter ei­nen Wein­zins.

Rhein­bach­wei­ler, Stadt Rhein­bach (Rhein-Sieg-Kreis): ein Hof in Wei­ler ist 1219 als Be­sitz des Stifts Lon­nig be­legt; da­bei könn­te es sich auch um den Wei­ler­hof (sie­he dort) han­deln. 1247 tausch­te das Stift Lon­nig Grund­stü­cke zu (Rhein­bach-) Wei­ler mit dem am Ort eben­falls be­gü­ter­ten Zis­ter­zi­en­ser­klos­ter Him­merod. 1256 wur­de der Lon­ni­ger Hof durch ei­nen Trie­rer Dom­herrn er­wor­ben, der ihn für sein See­len­heil an das Klos­ter Him­merod schenk­te.

Val­len­dar (Kreis May­en-Ko­blenz): nach Schön­statt bei Val­len­dar wur­de 1143 das Non­nen­klos­ter aus Lon­nig ver­legt. Der Ort wird noch in der päpst­li­chen Be­sitz­be­stä­ti­gung für Lon­nig aus dem Jahr 1147 ge­nannt. 1210 er­hielt das Stift Lon­nig dort er­neut ei­ne Schen­kung; die­ser Wein­gar­ten und ein an­gren­zen­des Grund­stück wur­den spä­ter nicht mehr er­wähnt, sie dürf­ten – even­tu­ell im Tausch – an das be­nach­bar­te Klos­ter Schön­statt ab­ge­ge­ben wor­den sein.

Wei­ler­hof bei Pyr­mont (Kreis Co­chem-Zell): die­ser Hof war spä­ter im Be­sitz des Stifts May­en. Aus ei­nem Hof Wei­ler stan­den 1219 dem Stift Lon­nig Ab­ga­ben zu. Mög­li­cher­wei­se han­delt es sich um den Wei­ler­hof (in Fra­ge kommt auch Rhein­bach­wei­ler). 

Win­nin­gen (Kreis May­en-Ko­blenz): ein Haus mit Hof­rei­te, zu­vor in Hän­den des Aa­che­ner Ma­ri­en­stifts, von die­sem auch wei­ter­hin be­an­sprucht und 1180 zu­rück­ge­ge­ben.

Quellen

Das Ar­chiv des Stif­tes Lon­nig ist Teil des Ar­chivs des Stif­tes May­en im Lan­des­haupt­ar­chiv Ko­blenz (Best. 140). Si­gna­tu­ren und Kurz­re­ges­ten der Ur­kun­den fin­den sich auf der In­ter­net­sei­te des Lan­des­haupt­ar­chivs.
 
Hein­rich Bey­er / Leo­pold El­tes­ter / Adam Go­erz, Ur­kun­den­buch zur Ge­schich­te der mit­tel­rhei­ni­schen Ter­ri­to­ri­en, 3 Bän­de, Co­blenz 1860-1874.

Adam Go­erz, Mit­tel­rhei­ni­sche Re­ges­ten, 4 Bän­de, Co­blenz 1876-1886.

Literatur

Lon­nig auf dem Mai­feld. Ge­schich­te und Ge­gen­wart, Lon­nig 1994.
 
Pe­ters, Wolf­gang, Ka­no­ni­ker­re­form in der Ei­fel – Sprin­giers­bach, in: Mötsch, Jo­han­nes/Schoebel, Mar­tin (Hg.), Eif­lia Sa­cra. Stu­di­en zu ei­ner Klos­ter­land­schaft 1. Auf­la­ge Mainz 1994, S. 203-220; 2. Auf­la­ge Mainz 1999, S. 205-220. 

Mötsch, Jo­han­nes, Das Au­gus­ti­ner-Chor­her­ren­stift St. Ma­ri­en zu Lon­nig, in: Mötsch, Jo­han­nes/Schoebel, Mar­tin (Hg.), Eif­lia Sa­cra. Stu­di­en zu ei­ner Klos­ter­land­schaft, 1. Auf­la­ge Mainz 1994, S. 221-239, 2. Auf­la­ge Mainz 1999, S. 221-237 [bei­de Fas­sun­gen mit Be­le­gen].

Pau­ly, Fer­di­nand, Sprin­giers­bach. Ge­schich­te des Ka­no­ni­ker­stifts und sei­ner Toch­ter­grün­dun­gen im Erz­bis­tum Trier von den An­fän­gen bis zum En­de des 18. Jahr­hun­derts, Trier 1962.

Aussicht auf Lonnig auf einer Ansichtskarte. (Ortsgemeinde Lonnig)

 
Zitationshinweis

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Mötsch, Johannes, Das Augustiner-Chorherrenstift St. Marien zu Lonnig, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/das-augustiner-chorherrenstift-st.-marien-zu-lonnig/DE-2086/lido/603e019f03a3c3.35589541 (abgerufen am 22.05.2022)