Der Kölner Zentral-Dombauverein im 19. Jahrhundert

Kathrin Pilger (Duisburg)

Gedenkblatt an die Wahlversammlung des Dombauvereins, Lithografie von David Levy-Elkan. (Rheinisches Bildarchiv | rba_mf096253 | https://www.kulturelles-erbe-koeln.de/documents/obj/05064962)

1. Einleitung

Bis weit ins 18. Jahr­hun­dert hin­ein stand der seit et­wa 1560 un­voll­endet ge­blie­be­ne go­ti­sche Dom in Köln au­ßer­halb des all­ge­mei­nen In­ter­es­ses. Grund war die ab­leh­nen­de Hal­tung der Auf­klä­rung ge­gen­über dem ver­meint­lich „fins­te­ren“ Mit­tel­al­ter. Das Ur­teil än­der­te sich erst mit der we­nig spä­ter ein­set­zen­den äs­the­ti­schen Neu­be­wer­tung des go­ti­schen Bau­stils im Sturm und Drang. So gab es seit dem En­de des 18. Jahr­hun­derts auch ers­te po­si­ti­ve Bei­trä­ge über den Köl­ner Dom. Der Aus­gangs­punkt für die­se Um­be­wer­tung ist seit dem 19. Jahr­hun­dert mit dem Na­men des Na­tur­for­schers, Geo­gra­phen und Schrift­stel­ler­s Ge­org Fors­ter ver­bun­den, der 1790 in Köln Sta­ti­on mach­te und da­bei auch den Dom be­such­te. Mit sei­ner po­si­ti­ven Wür­di­gung des Köl­ner Doms wur­de Fors­ter zu ei­nem frü­hen und wir­kungs­mäch­ti­gen Re­prä­sen­tan­ten der in Deutsch­land ein­set­zen­den Go­tik-De­bat­te. Das In­ter­es­se am Dom war ge­weckt und mit die­sem In­ter­es­se, das in den öf­fent­li­chen De­bat­ten zum Aus­druck kam, wa­ren von An­fang an Plä­ne ver­bun­den, die auf ei­ne Fer­tig­stel­lung des Kir­chen­baus ziel­ten.

2. Gründung

Das Be­stre­ben, zum Zwe­cke des Dom­aus­baus ei­nen Ver­ein zu grün­den, ließ sich erst­mals in den 1830er Jah­ren in ver­schie­de­nen ge­sell­schaft­li­chen Krei­sen im Rhein­land nach­wei­sen. Ei­ne der ers­ten In­itia­ti­ven zur Ver­eins­grün­dung war der 1838 ge­star­te­te Ver­such des Köl­ner Li­te­ra­ten und Prä­si­den­ten der städ­ti­schen Ar­men­ver­wal­tun­g Eber­hard von Groo­te. Er schlug in der „Don­ners­tä­gi­gen Win­ter­ge­sell­schaf­t“, ei­ner Ver­ei­ni­gung von Köl­ner Bil­dungs­bür­gern, vor, ei­ne Bitt­schrift zur Ge­neh­mi­gung ei­nes Dom­bau­ver­eins an den preu­ßi­schen Kö­nig Fried­rich Wil­helm III. (1770-1840) zu rich­ten. Sein Plan schei­ter­te je­doch schon im Vor­feld aus nicht nä­her be­kann­ten Grün­den.

Zeit­lich par­al­lel, je­doch oh­ne Ver­bin­dung zu die­sem ers­ten Köl­ner Grün­dungs­ver­such, ver­lief die In­itia­ti­ve de­s Düs­sel­dor­fer Re­gie­rungs- und Kon­sis­to­ri­al­rats Jo­hann Vin­cenz Jo­seph Bracht (1771-1840). In den Jah­ren 1838 und 1839 ließ der Geist­li­che drei Heft­chen mit selbst­ver­fass­ten Be­rich­ten über den Köl­ner Dom dru­cken, die je­weils an­onym und oh­ne Orts­an­ga­be er­schie­nen und an ei­nen Kreis von Pfar­rern und an­de­ren Dom­in­ter­es­sier­ten in Köln und Düs­sel­dorf ver­teilt wur­de. Von 1838 an herrsch­te zu­dem ein re­ger Brief­wech­sel zwi­schen dem Düs­sel­dor­fer Kon­sis­to­ri­al­rat und dem Köl­ner Dom­bau­meis­ter Ernst Fried­rich Zwir­ner, der er­ken­nen lässt, wie sehr bei­de be­müht wa­ren, für das Pro­jekt der Dom­voll­endung ei­nen grö­ße­ren In­ter­es­sen­ten­kreis zu ge­win­nen und die Grün­dung ei­nes Ver­eins in die We­ge zu lei­ten. Doch Bracht ver­starb im Ju­ni 1840, be­vor er sei­ne Plä­ne rea­li­sie­ren konn­te.

In die Rei­he der frü­hen Ver­eins­in­itia­ti­ven ge­hört zwei­fel­los auch je­ne an­ony­me Druck­schrift mit dem Ti­tel „Ei­ni­ge Wor­te über den Dom­bau zu Köln von ei­nem Rhein­län­der an sei­ne Lands­leu­te ge­rich­te­t“, die im Herbst des Jah­res 1840 er­schien. Ver­fas­ser war der jun­ge Ko­blen­zer Ge­richts­re­fe­ren­dar Au­gust Rei­chen­sper­ger, der gleich ei­nen Vor­schlag zur Or­ga­ni­sa­ti­on un­ter­brei­te­te: Wie vor ihm schon Bracht, schlug Rei­chen­sper­ger die Er­rich­tung ei­nes Zen­tral­ver­eins in Köln vor, dem sich un­ter­ge­ord­ne­te Zweig­ver­ei­ne in den üb­ri­gen rhei­ni­schen Städ­ten an­schlie­ßen soll­ten. Doch auch Rei­chen­sper­gers An­stren­gun­gen lie­fen ins Lee­re.

Im Früh­som­mer 1840 deu­te­te zu­nächst al­les auf ei­nen Still­stand in der Dom­bau­an­ge­le­gen­heit hin. Sämt­li­che Ver­su­che ei­ner Ver­eins­grün­dung wa­ren fehl­ge­schla­gen. Dann je­doch trat ei­ne ent­schei­den­de Än­de­rung der Si­tua­ti­on ein: Am 7.6.1840 starb in Ber­lin Fried­rich Wil­helm III., den man von ka­tho­li­scher Sei­te für die Amts­ent­he­bung des Köl­ner Erz­bi­schof­s Dros­te-Vi­sche­ring im Misch­ehen­streit ver­ant­wort­lich ge­macht hat­te. Nach dem Amts­an­tritt sei­nes Soh­nes Fried­rich Wil­helm IV. (1795-1861) als neu­er preu­ßi­scher Kö­nig kühl­te die auf­ge­heiz­te Stim­mung im Rhein­land merk­lich ab. In die­ser Pha­se der äu­ße­ren Ru­he wur­de in Köln er­neut der Ver­such zur Grün­dung ei­nes Dom­bau­ver­eins ge­star­tet. In­itia­tor war Karl Fer­di­nand von Ge­rolt (1790-1851), der als Ge­richts­rat am Köl­ner Ap­pel­la­ti­ons­ge­richt be­schäf­tigt war. 

An­fang Ju­li 1840 mach­te sich Ge­rolt mit ei­ner von ihm ver­fass­ten Denk­schrift auf die Su­che nach „ge­eig­ne­ten“ Köl­ner Per­sön­lich­kei­ten. Doch sei­ne pri­va­te Kon­takt­auf­nah­me zur Vor­be­rei­tung des Ver­eins führ­te trotz grö­ß­ter Be­mü­hun­gen zu kei­nem sicht­ba­ren Er­geb­nis. Erst als der Köl­ni­sche Kunst­ver­ein sich der Sa­che an­nahm, kon­kre­ti­sier­te sich das Vor­ha­ben zu­se­hends: Ver­samm­lun­gen folg­ten in en­gen zeit­li­chen Ab­stän­den auf­ein­an­der, je­de Zu­sam­men­kunft en­de­te mit kla­ren Be­schlüs­sen, die ein ko­or­di­nier­tes Han­deln mit dem Ziel der Ver­eins­grün­dung er­mög­lich­ten.

Schlie­ß­lich wur­de ei­ne Pe­ti­ti­on von 202 Per­so­nen un­ter­zeich­net. Mit die­ser „Im­me­di­at-Ein­ga­be“ vom 3.9.1840 an den preu­ßi­schen Kö­nig ver­band man die Bit­te um die for­ma­le Ge­neh­mi­gung, sich zur För­de­rung des Dom­bau­es als Ver­ein kon­sti­tu­ie­ren zu dür­fen. Das Ver­eins­ziel soll­te vor al­lem in der Be­schaf­fung der fi­nan­zi­el­len Mit­tel für den Dom­bau be­ste­hen.

Die Zei­chen der Zeit stan­den güns­tig: Am 8.12.1841 ge­neh­mig­te Fried­rich Wil­helm IV. die vor­ge­leg­ten Sta­tu­ten. Ein pro­vi­so­ri­scher Aus­schuss wur­de ge­bil­det; die­ser be­rei­te­te die ers­ten Vor­stands­wah­len vor, wel­che im Jahr 1842 den Ab­schluss der lang­wie­ri­gen Grün­dungs­pha­se des Zen­tral-Dom­bau­ver­eins mar­kier­ten. Ers­ter Ver­eins­prä­si­dent wur­de der Köl­ner Un­ter­neh­mer Hein­rich von Witt­gen­stein.

3. Finanzierung

Die ers­ten Ver­eins­jah­re ver­lie­fen äu­ßerst er­folg­reich: Ein Jahr nach Auf­nah­me sei­ner Tä­tig­keit konn­te der Ver­ein ei­nen Be­trag von 40.000 Ta­lern zum Aus­bau des Do­mes bei­steu­ern, in den bei­den dar­auf­fol­gen­den Jah­ren wa­ren es im­mer­hin noch je­weils 30.000 Ta­ler. Doch schon kur­ze Zeit spä­ter soll­te sich das än­dern. Seit 1846, dem Kri­sen­jahr, in dem un­ter an­de­rem durch Miss­ern­ten wei­te Tei­le der Be­völ­ke­rung ver­arm­ten, ge­riet auch der Ver­ein in ei­ne gro­ße Fi­nan­zie­rungs­kri­se, die selbst nach der Re­vo­lu­ti­on zu­nächst noch an­hielt. Die Bau­kos­ten konn­ten mit den her­kömm­li­chen Mit­teln, das hei­ßt durch die Bei­trä­ge der Mit­glie­der des Zen­tral­ver­eins und der Hilfs­ver­ei­ne so­wie durch frei­wil­li­ge Spen­den, nicht mehr ge­deckt wer­den. Neue We­ge der Fi­nan­zie­rung muss­ten be­schrit­ten wer­den. So pro­fi­tier­te der Dom­bau­ver­ein in den 1850er Jah­ren vor al­lem von der Spen­den­be­reit­schaft der Köl­ner In­dus­trie­un­ter­neh­men; zu­sätz­lich un­ter­stütz­ten auch Pri­vat­leu­te das Aus­bau­pro­jekt, sei es durch Ver­mächt­nis­se oder durch Stif­tun­gen. Bei der ers­ten, zu­meist re­li­gi­ös mo­ti­vier­ten Va­ri­an­te ver­mach­ten Köl­ner oder auch aus­wär­ti­ge Bür­ger nach mit­tel­al­ter­li­cher Stif­tungs­tra­di­ti­on dem Dom­bau­fonds ei­nen be­stimm­ten Geld­be­trag, der nicht sel­ten ei­ne Hö­he von 1.000 Ta­lern er­reich­te. Als Dank für die Hin­ter­las­sen­schaft wur­de der Na­me des Ver­stor­be­nen am Jah­res­en­de im Dom­blatt, dem Pu­bli­ka­ti­ons­or­gan des Ver­eins, auf­ge­führt, und der Erz­bi­schof hielt ein­mal jähr­lich ei­ne Ge­denk­mes­se spe­zi­ell für die­sen Per­so­nen­kreis. Die zwei­te Mög­lich­keit des pri­va­ten Spon­so­rings kam be­son­ders der In­nen­aus­stat­tung des Doms zu­gu­te und war si­cher­lich nicht al­lein re­li­gi­ös be­grün­det, bot doch die Stif­tung ei­nes na­ment­lich ge­kenn­zeich­ne­ten Fens­ters oder ei­ner Sta­tue für den Dom rei­chen Bür­gern die Ge­le­gen­heit, sich selbst und der ei­ge­nen Fa­mi­lie ein dau­er­haf­tes Denk­mal zu set­zen. 

Trotz die­ser er­folg­rei­chen Fi­nan­zie­rungs­be­mü­hun­gen stell­te sich auch das Spon­so­ren­sys­tem bald als nicht mehr aus­rei­chend her­aus. Schon im Jahr 1859 wur­de das Geld für die Fi­nan­zie­rung des re­gu­lä­ren Bau­be­triebs wie­der knapp. Er­schwe­rend kam hin­zu, dass sich ab 1860 mit der be­gin­nen­den Ei­sen­ein­de­ckung des Domd­a­ches die an­fal­len­den Bau­kos­ten noch­mals er­heb­lich stei­ger­ten. Man muss­te al­so wie­der nach neu­en Fi­nan­zie­rungs­kon­zep­ten su­chen, und zwar nach sol­chen, die kon­stan­te und gleich­wohl fle­xi­ble Geld­quel­len er­öff­ne­ten.

 

Be­reits auf dem ers­ten Hö­he­punkt der Fi­nan­zie­rungs­kri­se ge­gen En­de des Jah­res 1851 er­reich­te den Ver­wal­tungs­aus­schuss des Dom­bau­ver­eins ein Schrei­ben des Bon­ner Pro­fes­sors für Kir­chen­recht, Fer­di­nand Wal­ter (1794-1879), in dem die­ser zur Auf­sto­ckung der Mit­tel die Ein­rich­tung ei­ner „Zah­len­lot­te­rie“ zu­guns­ten des Dom­baus vor­schlug. Über den Vor­schlag ent­brann­te ei­ne hef­ti­ge Kon­tro­ver­se im Vor­stand, bei der sich so­gleich zwei ge­gen­sätz­li­che Po­si­tio­nen her­aus­kris­tal­li­sier­ten: Die ei­ne wur­de von ka­tho­li­scher Sei­te ver­tre­ten und rich­te­te sich auf­grund re­li­gi­ös-ethi­scher Be­den­ken ve­he­ment ge­gen das Pro­jekt, be­zeich­ne­te es als „Ha­zard­spiel“, das der För­de­rung der „Ge­winn­such­t“ die­ne und mit der Wür­de des Do­mes nicht zu ver­ein­ba­ren sei. Die an­de­re Po­si­ti­on, die in­ner­halb der De­bat­te zu­nächst ei­ne Mehr­heit zu fin­den schien und von Wirt­schafts­bür­gern so­wie Dom­bau­ak­ti­ven der ers­ten Stun­de ge­tra­gen wur­de, sprach sich für den Wal­ter­schen Lot­te­rie­vor­schlag aus, zum ei­nen, da an­ge­sichts der schlech­ten Fi­nanz­la­ge je­des Mit­tel zur Fi­nan­zie­rung des Dom­baus in An­spruch ge­nom­men wer­den müs­se, zum an­de­ren, weil man dar­in kei­ne un­ed­len Mo­ti­ve ent­de­cken konn­te. Man war je­doch skep­tisch, was die staat­li­che Ge­neh­mi­gung des Vor­ha­bens an­be­lang­te, da der preu­ßi­sche Staat in ei­ner Dom­bau­lot­te­rie ei­ne Kon­kur­renz zur ei­ge­nen Staats­lot­te­rie se­hen kön­ne. Das Glücks­spiel zähl­te näm­lich seit lan­gem zu den tra­di­tio­nel­len Ein­nah­me- und Kre­dit­quel­len des Staa­tes. Die Skep­ti­ker im Vor­stand des Dom­bau­ver­eins setz­ten sich durch; die Lot­te­rie wur­de ab­ge­lehnt. Dar­über ent­täuscht wand­te der In­itia­tor Fer­di­nand Wal­ter sich noch im Fe­bru­ar 1852 an den preu­ßi­schen Kö­nig, um we­nigs­tens ihn für die Idee zu ge­win­nen. Ei­ne tat­kräf­ti­ge Un­ter­stüt­zung des Mon­ar­chen blieb aus. Da­mit schien kaum mehr ei­ne Hoff­nung auf ei­ne Rea­li­sie­rung des Lot­te­rie­plans zu be­ste­hen.

Nach der Ab­leh­nung durch den Vor­stand hät­te das Lot­te­rie­pro­jekt ei­gent­lich ad ac­ta ge­legt wer­den müs­sen. Je­doch trieb ei­ne klei­ne in­for­mel­le Grup­pe die­sen Weg wei­ter­hin im Stil­len vor­an. Man ver­such­te oh­ne Rück­halt durch den Ge­samt­ver­ein Kon­takt mit den Ber­li­ner Be­hör­den auf­zu­neh­men, um die Chan­cen für ei­ne Be­wil­li­gung aus­zu­lo­ten. Das Vor­ge­hen er­wies sich als zäh und soll­te gut acht Jah­re dau­ern. Schlie­ß­lich wur­de im Mai 1864 die Kun­de von der Ge­neh­mi­gung zu ei­ner ein­ma­li­gen Ver­an­stal­tung der Lot­te­rie nach Köln über­mit­telt.

Die Dom­bau­lot­te­rie, die man zur Ver­schleie­rung des rein fi­nan­zi­el­len In­ter­es­ses als „Prä­mi­en­kol­lek­te“ de­kla­rier­te – was ei­nen we­nigs­tens halb-kirch­li­chen Cha­rak­ter der Ver­an­stal­tung sug­ge­rie­ren soll­te –, er­wies sich als vol­ler Er­folg. Schon im ers­ten Jahr 1865 er­brach­te sie ei­nen Rein­ge­winn von 177.000 Ta­lern, was ge­gen­über den vor­an­ge­gan­ge­nen Jah­ren ei­nen An­stieg der Ver­eins­ein­nah­men um das Zwei­ein­halb­fa­che be­wirk­te. Die Über­schüs­se aus der Lot­te­rie, die nicht für das lau­fen­de Bau­jahr be­nö­tigt wur­den, leg­te der Ver­wal­tungs­aus­schuss des Ver­eins zins­brin­gend bei ver­schie­de­nen Köl­ner Ban­ken an.

An­ge­sichts des gro­ßen Er­folgs be­an­trag­te der Ver­eins­vor­stand, aus des­sen Mit­te nun kaum mehr kri­ti­sche Stim­men ge­gen die Lot­te­rie zu ver­neh­men wa­ren, noch im Jahr 1865 die Kon­zes­si­on für ei­ne zwei­te Aus­spie­lung. Wie­der gab der Er­folg den Lot­te­rie­be­für­wor­tern Recht. Des­halb be­an­trag­te der Dom­bau­ver­ein im Ja­nu­ar 1867 zur lang­fris­ti­gen Si­cher­stel­lung der Ein­nah­men ei­ne Lot­te­rie­kon­zes­si­on mit mehr­jäh­ri­ger Lauf­zeit. Die in der kö­nig­li­chen Ord­re vom 27.3.1867 er­teil­te Ge­neh­mi­gung für acht wei­te­re Jah­re be­frei­te den Zen­tral-Dom­bau­ver­ein voll­stän­dig von den fi­nan­zi­el­len Sor­gen der Ver­gan­gen­heit. Das The­ma „Fi­nan­zie­run­g“ stell­te – sieht man ab von ei­ner Aus­nah­me im Jahr 1875, als auf dem Hö­he­punkt des Kul­tur­kampfs die Ber­li­ner Re­gie­rung (letzt­lich er­folg­los) den Ver­such un­ter­nahm, dem Ver­ein die Kas­sen­füh­rung zu ent­zie­hen – bis zur Voll­endung des Doms im Jahr 1880 kein Pro­blem mehr dar. Die Kri­se war schon im ers­ten Aus­spie­lungs­jahr über­wun­den.

Schaukarte zur Verbreitung der Dombauvereine, 1842, Druck: K. Wunderwald. (Rheinisches Bildarchiv | rba_mf096276 | https://www.kulturelles-erbe-koeln.de/documents/obj/05064976)

 

4. Dombaufeste

Das Fest der Grund­stein­le­gung vom 4.9.1842 bil­de­te den Auf­takt zu ei­nem Zy­klus von Dom­bau­fes­ten, die mit je­weils ver­än­der­ter Ak­zent­set­zung in lo­ser Rei­hen­fol­ge wäh­rend der ge­sam­ten Bau­zeit bis zur Voll­endung der Ka­the­dra­le im Jahr 1880 ver­an­stal­tet wur­den. Die Fei­er des Jah­res 1842 stand noch ganz im Zei­chen der kurz zu­vor bei­ge­leg­ten „Köl­ner Wir­ren“, dem Hö­he­punkt des Kon­flikts zwi­schen ka­tho­li­scher Kir­che und preu­ßi­schem Staat in Fra­gen der so­ge­nann­ten „Misch­ehen“. In die­ser Hin­sicht wur­de die ers­te Be­geg­nung zwi­schen dem preu­ßi­schen Mon­ar­chen und dem obers­ten Re­prä­sen­tan­ten der ka­tho­li­schen Kir­che in der Rhein­pro­vinz mit Span­nung er­war­tet. Zu­gleich bot das Fest aber auch die Mög­lich­keit ei­nes al­ler­ers­ten per­sön­li­chen Kon­takts zwi­schen der Füh­rungs­rie­ge des Zen­tral-Dom­bau­ver­eins und dem Ver­eins­pro­tek­tor. Da es im Vor­feld der Ver­eins­grün­dung mehr­fach zu Que­re­len ge­kom­men war, in de­nen spä­te­re Ver­eins­mit­glie­der noch deut­li­che Op­po­si­ti­on ge­gen­über dem preu­ßi­schen Staat an den Tag ge­legt hat­ten, fehl­te es auch in die­ser Be­zie­hung nicht an Kon­flikt­po­ten­ti­al. Vor die­sem Hin­ter­grund be­trach­tet, lässt sich das Fest vor al­lem als ein Ver­such deu­ten, durch die Be­reit­schaft zum Dia­log ei­ne von al­len Sei­ten er­wünsch­te Aus­söh­nung her­bei­zu­füh­ren.

Im Mit­tel­punkt stand da­bei zwei­fel­los Fried­rich Wil­helm IV., dem es leicht ge­lang, die Ver­an­stal­tung zu sei­nen Guns­ten zu nut­zen. Mit dem Köl­ner Dom­bau­fest stell­te der preu­ßi­sche Kö­nig den op­po­si­tio­nel­len Fes­ten des Vor­märz den Bund der christ­li­chen und kon­ser­va­ti­ven Kräf­te ge­gen­über. Das wird be­son­ders deut­lich an der pro­gram­ma­ti­schen Re­de, die Fried­rich Wil­helm IV. un­ter dem Ju­bel der ver­sam­mel­ten Fest­ge­mein­de an die­sem 4.9.1842 in Köln ge­hal­ten hat. Vom „Bru­der­sin­ne“ al­ler Deut­schen „ver­schie­de­ner Be­kennt­nis­se“ schwärm­te der Kö­nig, von der „Herr­lich­keit des gro­ßen Va­ter­lan­des“, vom „Geist deut­scher Ei­nig­keit und Kraft.“ 

Den fei­er­li­chen Schluss­akt der Grund­stein­le­gung bil­de­te das Auf­win­den des ers­ten Steins mit dem mit­tel­al­ter­li­chen Bau­kran, un­ter dem Ju­bel der an­we­sen­den Be­völ­ke­rung. Das Dom­bau­fest von 1842 ver­lief für die Köl­ner In­itia­to­ren und für Fried­rich Wil­helm IV. glei­cher­ma­ßen er­folg­reich. Wäh­rend das städ­ti­sche Bür­ger­tum sich als füh­ren­de so­zia­le Schicht prä­sen­tie­ren konn­te, ge­lang es dem Kö­nig, das be­schä­dig­te An­se­hen der preu­ßi­schen Mon­ar­chie wie­der­her­zu­stel­len. Ins­ge­samt reich­te die Be­deu­tung ge­ra­de die­ses Fes­tes weit über die Gren­zen des Rhein­lands hin­aus. Bald schon wur­de zu Recht von ei­nem Fest der na­tio­na­len und der li­be­ra­len Hoff­nung ge­spro­chen. Denn durch die Be­tei­li­gung des Herr­scher­hau­ses an der vom Bür­ger­tum ge­tra­ge­nen Dom­bau­be­we­gung er­öff­ne­ten sich ei­ne kur­ze Zeit lang Chan­cen für ei­ne ge­samt­deut­sche Re­form nach den Vor­stel­lun­gen des kon­sti­tu­tio­nel­len Li­be­ra­lis­mus. Wie die wei­te­re Ent­wick­lung lehrt, gin­gen die Chan­cen un­ge­nutzt vor­über. Als das zwei­te Dom­bau­fest im Au­gust 1848 an­läss­lich der sechs­ten Sä­ku­lar­fei­er der Grund­stein­le­gung zum go­ti­schen Dom be­gan­gen wur­de, hat­te sich die po­li­ti­sche Kon­stel­la­ti­on in Deutsch­land ent­schei­dend ver­än­dert: Im März des Jah­res 1848 hat­te die fran­zö­si­sche Fe­bru­ar­re­vo­lu­ti­on auf Deutsch­land über­ge­grif­fen und im Rhein­land be­reits die ers­ten Un­ru­hen und Bar­ri­ka­den­kämp­fe aus­ge­löst. Die re­vo­lu­tio­nä­ren Ge­scheh­nis­se wei­te­ten sich rasch in den an­de­ren preu­ßi­schen Pro­vin­zen aus und er­reich­ten bald auch die Haupt­stadt Ber­lin. Fried­rich Wil­helm IV., der die La­ge schon nach kur­zer Zeit nicht mehr un­ter Kon­trol­le hat­te, sah sich zu Kon­zes­sio­nen ge­zwun­gen. Er be­rief Mit­te März ein li­be­ra­les Mi­nis­te­ri­um, ge­neh­mig­te die Wahl ei­ner Na­tio­nal­ver­samm­lung zur Aus­ar­bei­tung ei­ner Ver­fas­sung und mach­te au­ßer­dem die Zu­sa­ge, sich für die Er­rich­tung ei­nes ge­ein­ten deut­schen Bun­des­staa­tes ein­zu­set­zen. Da­mit schien die na­tio­na­le Ein­heit Deutsch­lands, für die Li­be­ra­le wie De­mo­kra­ten seit lan­gem ge­kämpft hat­ten, ein er­heb­li­ches Stück nä­her ge­rückt zu sein. Der Kö­nig war je­doch nicht be­reit, den re­vo­lu­tio­nä­ren Um­sturz des Staa­tes wi­der­stands­los hin­zu­neh­men und or­ga­ni­sier­te des­halb seit Som­mer 1848 die ge­gen­re­vo­lu­tio­nä­re Wen­de. Mit­te Au­gust des Jah­res 1848, als das Dom­bau­fest an­stand, war das Kräf­te­ver­hält­nis zwi­schen dem re­vo­lu­tio­nä­ren und dem kon­ser­va­tiv-an­ti­re­vo­lu­tio­nä­ren La­ger noch völ­lig of­fen, das po­li­ti­sche Kli­ma um­so an­ge­spann­ter. Den­noch ge­lang es durch die star­ke kirch­li­che Be­to­nung der Fei­er, das Fest oh­ne Zwi­schen­fäl­le durch­zu­füh­ren.

Dombaufest am 4.9.1842 mit Grundsteinlegung zum Weiterbau des Kölner Domes. (Rheinisches Bildarchiv | rba_mf056494 | https://www.kulturelles-erbe-koeln.de/documents/obj/05064970)

 

Nach die­sem un­er­war­tet ru­hig ver­lau­fe­nen Dom­bau­fest kam Fried­rich Wil­helm IV. noch zwei­mal in An­ge­le­gen­hei­ten des Dom­baus nach Köln. Im Jahr 1852 nahm er an der fei­er­li­chen Schluss­stein­le­gung des Haupt­por­tals teil; 1855 schlie­ß­lich konn­te er gleich drei fest­li­chen Er­eig­nis­sen bei­woh­nen: der Ein­fü­gung der Do­ku­men­ten­kap­sel in die Kreuz­blu­me an der süd­li­chen Quer­haus­fas­sa­de des Doms, der Grund­stein­le­gung zur ers­ten fes­ten Rhein­brü­cke seit der Rö­mer­zeit und zum Wall­raf-Ri­ch­artz-Mu­se­um. Bei­de Be­su­che ver­lie­fen oh­ne Stö­run­gen. Die po­li­ti­sche Op­po­si­ti­on war weit­ge­hend zer­schla­gen, und die In­ter­es­sen des Bür­ger­tums hat­ten sich mit dem Ein­set­zen des gro­ßen in­dus­tri­el­len und ge­samt­wirt­schaft­li­chen Auf­schwungs zum Teil auf an­de­re, von der Po­li­tik un­ab­hän­gi­ge Ge­gen­stän­de ver­la­gert. Erst mit der schritt­wei­sen Ab­lö­sung des nach ei­nem Hirn­schlag im Jahr 1857 ge­sund­heit­lich schwer an­ge­schla­ge­nen Kö­nigs durch sei­nen Bru­der Wil­helm – den spä­te­ren Kö­nig und Kai­ser Wil­helm I, (1797-1888) – wur­de seit 1859 in der preu­ßi­schen In­nen­po­li­tik ei­ne neue Ära ein­ge­lei­tet. Kurz dar­auf wur­de es auch für den Dom­bau­ver­ein po­li­tisch schwie­rig. Im Zu­sam­men­hang mit dem Preu­ßi­schen Ver­fas­sungs­kon­flikt ge­riet näm­lich auch das Köl­ner Dom­bau­fest des Jah­res 1863, mit dem die Voll­endung des Do­min­ne­ren fei­er­lich be­gan­gen wer­den soll­te, zwi­schen die Fron­ten.

Zu­nächst deu­te­te nichts auf ei­ne mög­li­che Stö­rung der Fei­er hin; die Vor­be­rei­tun­gen sei­tens des Zen­tral-Dom­bau­ver­eins, der mitt­ler­wei­le ei­ne ge­wis­se Rou­ti­ne in der Aus­rich­tung sol­cher Gro­ß­ver­an­stal­tun­gen ge­won­nen hat­te, wa­ren schon zu Jah­res­be­ginn an­ge­lau­fen. Im April 1863 hat­te Wil­helm I. mit­ge­teilt, dass er sich mit dem ge­wähl­ten Ter­min für das Dom­bau­fest, dem 15.10.1863, ein­ver­stan­den er­klä­re und am Fest selbst teil­neh­men wer­de. Der Zen­tral-Dom­bau­ver­ein bat die Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung um Un­ter­stüt­zung. Doch es kam im Stadt­rat zu er­heb­li­chen Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten über das Dom­bau­fest, die schlie­ß­lich in dem An­trag meh­re­rer links­li­be­ra­ler Stadt­ver­ord­ne­ter gip­fel­ten, die Be­tei­li­gung am Fest ab­zu­sa­gen, weil man be­fürch­te­te, das Fest kön­ne in der öf­fent­li­chen Wahr­neh­mung als Kund­ge­bung zu­guns­ten des preu­ßi­schen Mon­ar­chen ver­stan­den wer­den. Die Em­pö­rung im Vor­stand des Dom­bau­ver­eins war groß. Man dräng­te auf ei­ne Ent­schei­dung der Stadt für ei­ne Be­tei­li­gung. Im Fall des Aus­blei­bens ei­ner sol­chen Zu­sa­ge, so die Dro­hung des Dom­bau­ver­eins, wer­de das Fest den­noch im ge­plan­ten Um­fang statt­fin­den; man wer­de sich kei­nes­falls auf ei­ne rein kirch­li­che Fei­er be­schrän­ken, wie es die links­li­be­ra­le Frak­ti­on im Stadt­rat ge­for­dert hat­te. Schlie­ß­lich, so die Ar­gu­men­ta­ti­on des Ver­eins, sei man dem Kö­nig als Pro­tek­tor des Dom­baus und den zahl­rei­chen Mit­glie­dern ein gro­ßes öf­fent­li­ches Fest schul­dig. Die Dro­hung des Ver­eins nütz­te nichts; die städ­ti­sche Un­ter­stüt­zung bei der Vor­be­rei­tung des Dom­bau­fes­tes wur­de ihm ver­wei­gert. Als Grund für die Ab­sa­ge wur­de die Teil­nah­me des preu­ßi­schen Kö­nigs an­ge­ge­ben, ge­gen des­sen In­nen­po­li­tik durch den Boy­kott pro­tes­tiert wer­den soll­te. An­ge­sichts der Vor­fäl­le in der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung war die Fei­er von vorn­her­ein über­schat­tet. Die un­glück­li­che Si­tua­ti­on er­reich­te ih­ren Hö­he­punkt mit der un­er­war­te­ten Ab­sa­ge Wil­helms I. am 11.10.1863, vier Ta­ge vor dem Be­ginn des Dom­bau­fes­tes. Of­fi­zi­ell hieß es, der Kö­nig müs­se am 14. Ok­to­ber ei­ne Ver­samm­lung von Mi­nis­tern lei­ten. Über die wirk­li­chen Grün­de wur­de nichts nä­her be­kannt. Trotz sei­ner Ab­sa­ge kam Wil­helm I. zwei Ta­ge vor dem Dom­bau­fest in­of­fi­zi­ell nach Köln, be­sich­tig­te den Dom und ver­teil­te Ti­tel und Or­den an sei­ne treu­en An­hän­ger, al­len vor­an an den Prä­si­den­ten des Zen­tral-Dom­bau­ver­eins Fer­di­nand Es­ser (1802-1871), dem für sei­ne Ver­diens­te um den Dom­bau der Ti­tel des „Ge­hei­men Jus­tiz­ra­tes“ ver­lie­hen wur­de. Das Dom­bau­fest selbst, das wie ge­plant am 15. und 16.10.1863 statt­fand, trug ei­nen aus­drück­lich kirch­li­chen Cha­rak­ter. Als vier Jah­re spä­ter das 25-jäh­ri­ge Ju­bi­lä­um der Grund­stein­le­gung ge­fei­ert wer­den soll­te, war die po­li­ti­sche Si­tua­ti­on ei­ne grund­le­gend an­de­re. Die Schlacht von Kö­nig­grätz im Som­mer 1866 hat­te so­wohl in der deut­schen Fra­ge als auch im Ver­fas­sungs­kon­flikt ei­ne Ent­schei­dung her­bei­ge­führt, der Sieg über Ös­ter­reich das An­se­hen des Mi­nis­te­ri­ums Bis­marck auf ei­nen Schlag er­höht. Die bei­den Dom­bau­fes­te von 1863 und 1867 spiel­ten ei­ne wich­ti­ge Rol­le im Blick auf Kon­so­li­die­rung des Köl­ner Bür­ger­tums in­ner­halb des Zen­tral-Dom­bau­ver­eins. Lan­ge war es dem Ver­ein ge­lun­gen, po­li­tisch zwi­schen den Fron­ten zu la­vie­ren, sich al­so we­der voll und ganz zum preu­ßi­schen Kö­nigs­haus noch zur li­be­ra­len Op­po­si­ti­on zu be­ken­nen. Spä­tes­tens vor dem Hin­ter­grund des Ver­fas­sungs­kon­flikts zeich­ne­te sich je­doch ab, dass das im Köl­ner Zen­tral-Dom­bau­ver­ein re­prä­sen­tier­te Bür­ger­tum sich für das na­tio­nal­li­be­ra­le La­ger ent­schie­den hat­te, al­so ei­nen mon­ar­chie­treu­en po­li­ti­schen Kurs ver­folg­te. Die na­tio­nal­li­be­ra­le Aus­rich­tung, die vor al­lem die ein­fluss­rei­chen wirt­schafts­bür­ger­li­chen Vor­stands­mit­glie­der an den Tag leg­ten, ver­fes­tig­te sich im Zu­ge des Kul­tur­kampfs im­mer deut­li­cher und führ­te schlie­ß­lich in­ner­halb des Dom­bau­ver­eins zu ei­nem ernst­haf­ten Kon­flikt mit den gleich­zei­tig vor­han­de­nen ul­tra­ka­tho­li­schen Strö­mun­gen.

5. Die Domvollendung

Als sich ge­gen En­de des Jah­res 1879 mit dem Em­por­wach­sen der bei­den Dom­tür­me auch die bal­di­ge Voll­endung der ge­sam­ten Ka­the­dra­le an­kün­dig­te, war die po­li­ti­sche Si­tua­ti­on im Deut­schen Reich er­neut an­ge­spannt. Zwar hat­te der Kul­tur­kampf sei­nen Hö­he­punkt be­reits über­schrit­ten, doch war zu die­sem Zeit­punkt nicht klar, wel­che Hal­tung die Ka­tho­li­ken auf der Fei­er der Dom­voll­endung ein­neh­men wür­den und ob ein sol­ches Fest un­ter Be­tei­li­gung des Kai­sers über­haupt oh­ne Stö­run­gen in Köln durch­ge­führt wer­den konn­te. 

Ob­wohl al­so kei­nes­falls Klar­heit herrsch­te, wur­den sei­tens des Ver­eins im Früh­jahr 1880 ers­te Vor­keh­run­gen für ei­ne mög­li­che Fei­er ge­trof­fen. Man ging of­fen­bar da­von aus, dass am 4. Sep­tem­ber, dem Ju­bi­lä­ums­da­tum der Grund­stein­le­gung von 1842, in ir­gend­ei­ner Form ge­fei­ert wer­den wür­de. Auch das Dom­ka­pi­tel hat­te er­klärt, sich an den Fest­vor­be­rei­tun­gen zu be­tei­li­gen. In­ner­halb des Ver­eins selbst hat­te sich An­fang Mai ein Fest­ko­mi­tee kon­sti­tu­iert. Die Pla­nun­gen wur­den al­ler­dings jäh ge­stoppt, als den Ver­wal­tungs­aus­schuss An­fang Ju­ni 1880 ein Brief des rhei­ni­schen Ober­prä­si­den­ten Bar­de­le­ben er­reich­te. Dar­in wur­de mit­ge­teilt, dass Kai­ser Wil­helm I. zur Fra­ge der Dom­baufei­er noch kei­ne Ent­schei­dung ge­trof­fen ha­be, vor al­lem was den Zeit­punkt des Fes­tes an­be­lang­te. So wur­den zu­nächst al­le Vor­be­rei­tun­gen ge­stoppt.

Festzug anlässlich des Kölner Dombaufests am 14. August 1848 aus: Illustrirte Zeitung Nr. 274, XI. Bd., Leipzig 1. 10. 1848, S. 216/17. (Rheinisches Bildarchiv | rba_166623 | https://www.kulturelles-erbe-koeln.de/documents/obj/05146902)

 

In der Zwi­schen­zeit stell­ten Re­gie­rungs­krei­se ge­ra­de­zu fie­ber­haf­te Über­le­gun­gen dar­über an, wie das Pro­blem der Fei­er­lich­kei­ten letzt­lich ge­löst wer­den kön­ne. Da sich der Kai­ser dem Werk der Dom­voll­endung, das einst sein ver­stor­be­ner Bru­der in­iti­iert hat­te, ver­pflich­tet fühl­te, war ihm der voll­stän­di­ge Ver­zicht auf ein Fest schwer na­he­zu­brin­gen. Schlie­ß­lich ent­schied man sich für ein Fest, das Mit­te Ok­to­ber weit­ge­hend oh­ne kirch­li­che Prä­gung statt­fin­den soll­te. 

Der Kon­flikt zwi­schen preu­ßi­schen Be­hör­den und rhei­ni­schen Ka­tho­li­ken spitz­te sich zu, als in die­sem Zu­sam­men­hang das Dom­ka­pi­tel vor­sorg­lich von den Fest­vor­be­rei­tun­gen aus­ge­schlos­sen wur­de. Mehr­mals fan­den in Köln seit Mit­te Sep­tem­ber grö­ße­re Ver­samm­lun­gen der Ka­tho­li­ken statt, auf de­nen über ein an­ge­mes­se­nes Ver­hal­ten ge­gen­über der of­fe­nen Pro­vo­ka­ti­on be­ra­ten wur­de. Schlie­ß­lich ei­nig­te man sich auf ei­ne „wür­di­ge Zu­rück­hal­tun­g“ ge­gen­über den Fei­er­lich­kei­ten, al­so auf den Ver­zicht of­fen zur Schau ge­stell­ter Op­po­si­ti­on, war doch die Voll­endung des Doms auch das Ziel vie­ler Ka­tho­li­ken ge­we­sen.

Nach al­len Que­re­len im Vor­feld ver­lief das Voll­endungs­fest selbst am 15. und 16.10.1880 pro­gramm­ge­mäß und oh­ne Zwi­schen­fäl­le. Er­war­tungs­ge­mäß wa­ren die Re­den, die im An­schluss an die Un­ter­zeich­nung der Voll­endungs­ur­kun­de durch den Kai­ser von Ver­tre­tern der preu­ßi­schen Re­gie­rung und des Dom­bau­ver­eins ge­hal­ten wur­den, von na­tio­na­lem Pa­thos ge­prägt. So ver­lief die glanz­vol­le Fei­er ganz nach dem Ge­schmack des Kai­sers und der fürst­li­chen Gäs­te, die ihn nach Köln be­glei­tet hat­ten. Der Pres­ti­ge­ge­winn, der für das Köl­ner Bür­ger­tum mit ei­nem En­ga­ge­ment im Zen­tral-Dom­bau­ver­ein ver­bun­den sein konn­te, hät­te sich nicht deut­li­cher als in ei­ner öf­fent­li­chen Or­dens­ver­lei­hung an ver­schie­de­ne Vor­stands­mit­glie­der und in der Ein­la­dung zum kai­ser­li­chen Fest­ban­kett auf Schloss Brühl ma­ni­fes­tie­ren kön­nen. Wie schon zu frü­he­ren Ge­le­gen­hei­ten dien­te auch dies­mal das Dom­bau­fest zur Ab­gren­zung ei­nes be­stimm­ten Seg­ments der städ­ti­schen Ge­sell­schaft. Wie­der war es die bür­ger­li­che Eli­te, die vor den ein­fa­chen Ver­eins­mit­glie­dern aus­ge­zeich­net und pri­vi­le­giert wur­de. 

Re­prä­sen­tier­te auf dem ers­ten Dom­bau­fest 1842 an­läss­lich der Grund­stein­le­gung zum Wei­ter­bau des Doms noch ei­ne re­la­tiv he­te­ro­ge­ne Mit­glie­der­schaft, die ver­schie­de­ne ge­sell­schaft­li­che Grup­pen in­te­grier­te, den Zen­tral-Dom­bau­ver­ein, so wa­ren knapp 40 Jah­re spä­ter die Ver­hält­nis­se ganz an­ders. Die schon bei Grün­dung des Ver­eins er­kenn­ba­re Ten­denz des Bür­ger­tums zur klas­sen­mä­ßi­gen Ab­schlie­ßung hat­te sich voll­ends durch­ge­setzt. Der Dom­bau­ver­ein be­fand sich in der Hand der Na­tio­nal­li­be­ra­len, die Sei­te an Sei­te mit Wil­helm I. un­ter dem Ge­läut der 500 Zent­ner schwe­ren Kai­ser­g­lo­cke das Er­rei­chen des Ver­eins­ziels fei­er­ten. Ob­wohl die Stra­ßen ge­säumt wa­ren von Schau­lus­ti­gen, hat­te die Dom­bau­be­we­gung zu die­sem spä­ten Zeit­punkt ih­re so­zial­in­te­gra­ti­ve Funk­ti­on längst ver­lo­ren. 

Medaille auf die Vollendung des Domes, 1880. (Rheinisches Bildarchiv | rba_mf096228 | https://www.kulturelles-erbe-koeln.de/documents/obj/05065171)

 

6. Die Freilegung des Doms

Be­reits wäh­rend des Aus­bau­es des Doms hat­te es in­ner­halb des Ver­eins­vor­stands im­mer wie­der Über­le­gun­gen da­zu ge­ge­ben, wie die un­mit­tel­ba­re Do­m­um­ge­bung frei­ge­legt wer­den könn­te, um Blick­ach­sen zu schaf­fen und die Be­deu­tung der Ka­the­dra­le als na­tio­na­les Denk­mal zu un­ter­strei­chen. Kurz vor der Dom­voll­endung, im Jahr 1879, wur­de die­ses Pro­jekt wie­der auf­ge­grif­fen. Über den Ab­riss der di­rekt an den Dom an­gren­zen­den Ge­bäu­de exis­tier­te seit 1863 ein Ver­trag zwi­schen dem Dom­ka­pi­tel, der Köln-Min­de­ner-Ei­sen­bahn­ge­sell­schaft, der Feu­er­ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft Co­lo­nia und der Stadt Köln; die­ser Ver­trag, des­sen Ziel es war, dem Dom ei­ne „wür­di­ge Um­ge­bun­g“ zu ver­schaf­fen, bil­de­te den Auf­takt zur städ­te­bau­li­chen Neu­struk­tu­rie­rung des Ge­län­des. Die Plä­ne für die Frei­le­gung des Doms und vor al­lem die Rol­le, die der Ver­ein in die­sem Pro­jekt ein­neh­men soll­te, wa­ren um­strit­ten, nicht zu­letzt des­halb, weil ei­ni­ge Vor­stand­mit­glie­der dar­in ei­ne Un­ver­ein­bar­keit mit der Ver­eins­sat­zung sa­hen. Das Haupt­pro­blem, näm­lich die Fi­nan­zie­rung, konn­te bald auf die schon be­währ­te Wei­se ge­löst wer­den: Für die Jah­re 1882 und 1883 ge­neh­mig­te die preu­ßi­sche Re­gie­rung die Durch­füh­rung von zwei Aus­spie­lun­gen der Dom­bau­lot­te­rie, de­ren Er­lö­se aus­schlie­ß­lich zur De­ckung der Kos­ten in dem Frei­le­gungs­pro­jekt be­stimmt wa­ren. Die Lot­te­ri­en über­tra­fen ein­mal mehr die Er­war­tun­gen und tru­gen, wie schon beim Aus­bau des Doms, zur so­li­den Fi­nan­zie­rung und da­mit auch zur Rea­li­sie­rung der Frei­flä­chen er­heb­lich bei. Die­ses letz­te Pro­jekt des Zen­tral-Dom­bau­ver­eins im aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­dert, er­wies sich nur we­ni­ge Jah­re spä­ter als nicht glück­lich und brach­te auch vie­le Nach­tei­le: Die gro­ßen Frei­flä­chen in ver­kehrs­tech­nisch zen­tra­ler La­ge ver­ur­sach­ten mit der be­gin­nen­den Au­to­mo­bi­li­sie­rung und dem im­mer grö­ßer wer­den­den Stra­ßen­bahn­netz Lärm in der un­mit­tel­ba­ren Do­m­um­ge­bung, die zu­dem als un­pas­send emp­fun­den wur­de. Vie­len Kri­ti­kern er­schien der Dom iso­liert und nicht in das rest­li­che Stadt­bild ein­ge­bun­den, ei­ni­ge emp­fan­den ihn gar als Fremd­kör­per. Die un­güns­ti­ge städ­te­bau­li­che Si­tua­ti­on war je­doch zu ei­nem Zeit­punkt, als sämt­li­che wert­vol­le his­to­ri­sche Ge­bäu­de ab­ge­ris­sen wa­ren, nicht mehr rück­gän­gig zu ma­chen.

7. Schlussbetrachtung

Die Voll­endung des Köl­ner Doms und sei­ne an­schlie­ßen­de Frei­le­gung wa­ren die gro­ßen Zie­le, für die sich der Köl­ner Zen­tral-Dom­bau­ver­ein im 19. Jahr­hun­dert en­ga­giert hat. Ur­sprüng­lich aus der he­te­ro­ge­nen Stadt­ge­sell­schaft er­wach­sen und die Ar­bei­ter­schaft wie auch das Groß­bür­ger­tum um­fas­send und sich als Volks­be­we­gung ver­ste­hend, ver­än­der­te sich die Ge­stalt des Zen­t­ral­dom­bau­ver­eins, sei­ne po­li­tisch-kul­tu­rel­le Ori­en­tie­rung eben­so wie sei­ne so­zia­le und wirt­schaft­li­che Ba­sis von sei­ner Grün­dung 1842 bis zum En­de des 19. Jahr­hun­derts grund­le­gend. Mit dem Ver­lust der in­te­gra­ti­ven Funk­ti­on ging ei­ne fort­schrei­ten­de pro­gram­ma­ti­sche und struk­tu­rel­le Ab- und Ein­gren­zung ein­her. Von der an­fäng­li­chen Samm­lungs­be­we­gung war der Dom­bau­ver­ein am En­de des 19. Jahr­hun­derts auf ei­nen po­li­tisch, wirt­schaft­lich-so­zi­al und kul­tu­rell weit­ge­hend ho­mo­ge­ni­sier­te Grup­pe zu­sam­men­ge­schrumpft, de­ren Mit­glie­der­ba­sis weit­ge­hend weg­ge­bro­chen war.

Quellen (Auswahl)

Dom­bau­ar­chiv Köln: Be­stand „Zen­tral-Dom­bau-Ver­ein vor 1945“, v. a:
01.05 Tit. I e Vor­stand (Sit­zungs­pro­to­kol­le) [und Vor­stands­mit­glie­der], 1842-1901 01.06
Tit. I f Ver­wal­tungs­aus­schuss Pro­to­koll­bü­cher, 1842–1895 B 438 Pro­to­kol­le der Ver­samm­lun­gen der Dom­baufreun­de bei Klütsch und Kor­re­spon­denz, 1842 – 1844
Tit. II c, 150 Pro­to­kol­le der Ver­samm­lun­gen der Dom­baufreun­de [bei Klütsch], 1843-1846
Tit. II c, 151 Pro­to­kol­le der Ver­samm­lun­gen der Dom­baufreun­de [bei Klütsch], Kor­re­spon­denz, 1844-1847 Tit. V 1-14 Dom­bau­fes­te 1848-1880

Ge­hei­mes Staats­ar­chiv Preu­ßi­scher Kul­tur­be­sitz (GStA PK): I. HA Rep. 77 (Mi­nis­te­ri­um des In­nern) Tit. 324a, Nr. 24, Bd. 1 (M); Tit. 444C, Nr. 1 (M); I. HA Rep. 89 (Ge­hei­mes Zi­vil­ka­bi­nett) Nr. 22102-22108 (M); I. HA Rep.151 (Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um) Nr. 1223 (M).

Lan­des­haupt­ar­chiv Ko­blenz (LHAK): Best. 403 (Ober­prä­si­di­um der Rhein­pro­vinz) Nr. 10416-10417, 10420, 10422, 13691.

Lan­des­ar­chiv NRW Ab­tei­lung Rhein­land (LAV NRW R): BR 9 Nr. 3456-3460 (Re­gie­rung Köln Kir­chen­we­sen). 

Literatur (Auswahl)

Bor­ger, Hu­go (Hg.), Der Köl­ner Dom im Jahr­hun­dert sei­ner Voll­endung, 2 Bän­de, Köln 1980.

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Der Kölner Dom und die freigelegte Umgebung auf einer undatierten Postkarte. (Rheinisches Bildarchiv | rba_d053900_01 | https://www.kulturelles-erbe-koeln.de/documents/obj/40050181)

 
Zitationshinweis

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Pilger, Kathrin, Der Kölner Zentral-Dombauverein im 19. Jahrhundert, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/der-koelner-zentral-dombauverein-im-19.-jahrhundert/DE-2086/lido/65cb4027dd9c26.97613871 (abgerufen am 15.04.2024)