Johannes Brahms und das Rheinland

Nina Sträter (Düsseldorf)

Johannes Brahms in Wien im Jahr 1874. (Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck, Inv. Nr. ABH 1.7.1.24)

1. Brahms' Begegnung mit dem Rheinland

Im Le­ben von Jo­han­nes Brahms hat das Rhein­land ei­ne prä­gen­de Rol­le ge­spielt, auch wenn die Re­gi­on von der Dau­er der Auf­ent­hal­te her in sei­ner Bio­gra­phie nicht be­son­ders her­vor­sticht. Ge­bo­ren wur­de der Kom­po­nist am 7.5.1833 in Ham­burg, wo er sei­ne ers­ten 20 Jah­re ver­brach­te; wäh­rend der letz­ten 35 Jah­res sei­nes Le­bens war sein of­fi­zi­el­ler Wohn­ort die Stadt Wien. An­stel­lun­gen, Tour­ne­en und pri­va­te Rei­sen führ­ten ihn au­ßer­dem in zahl­rei­che an­de­re deut­sche Städ­te und ins Aus­land; ins­be­son­de­re Ita­li­en be­such­te er vie­le Ma­le. In Re­la­ti­on da­zu neh­men sich die zwei Jah­re zwi­schen 1854 und 1856, in de­nen er in Düs­sel­dorf wohn­te, und die Be­su­che und Kon­zer­te in ver­schie­de­nen rhei­ni­schen Städ­ten wie KölnBonnAa­chen un­d Ko­blenz nur kurz aus. Be­deut­sam für Brahms war je­doch, dass im Rhein­land zahl­rei­che Be­geg­nun­gen mit Men­schen statt­fan­den, die ihn und sein Werk nach­hal­tig präg­ten. So war das Rhein­land der Ort, an dem sich der Kom­po­nist im Al­ter von 20 Jah­ren erst­mals nä­her mit der ro­man­ti­schen Mu­sik von Ro­bert Schu­mann be­schäf­tig­te und we­nig spä­ter die­sen und sei­ne Frau Cla­ra per­sön­lich ken­nen­lern­te. Ein von Ro­bert Schu­mann ver­öf­fent­lich­ter Ar­ti­kel über den jun­gen Brahms nahm Ein­fluss auf die Wahr­neh­mung von des­sen Wer­ken in der Öf­fent­lich­keit, und aus der Be­geg­nung mit Cla­ra Schu­mann (1819−1896) ent­stand ei­ne le­bens­lan­ge, en­ge Freund­schaft.

 

Jo­han­nes Brahms wuchs in nicht ge­ra­de wohl­ha­ben­den Ver­hält­nis­sen, aber ei­nem mu­si­ka­li­schen Um­feld auf. Sein Va­ter, der ur­sprüng­lich Mi­li­tär- und Tanz­mu­si­ker ge­we­sen war, hat­te es bis zum Kon­tra­bas­sis­ten der Phil­har­mo­ni­schen Ge­sell­schaft ge­bracht und un­ter­stütz­te die mu­si­ka­li­schen Am­bi­tio­nen sei­nes Soh­nes nach Kräf­ten. Die­ser galt schon früh als Wun­der­kind, gab mit zehn Jah­ren sein ers­tes Kon­zert und be­kam ab 1843 Kom­po­si­ti­ons- und Kla­vier­un­ter­richt bei dem da­mals be­kann­ten Kom­po­nis­ten und Mu­sik­leh­rer Edu­ard Marx­sen (1806–1887). Be­reits im März 1850 fand ei­ne ers­te, je­doch nur kur­ze Be­geg­nung mit Ro­bert Schu­mann statt, der ge­mein­sam mit sei­ner Frau zur Auf­füh­rung ei­ni­ger sei­ner Wer­ke nach Ham­burg ge­reist war. Nach­dem Brahms die phil­har­mo­ni­schen Kon­zer­te be­sucht und bei die­ser Ge­le­gen­heit die „Ge­no­ve­va-Ou­ver­tü­re“ und das Kla­vier­kon­zert op. 54 ge­hört hat­te, wur­de er wäh­rend ei­ner Abend­ver­an­stal­tung Schu­mann kurz vor­ge­stellt. Ein Be­richt, der auf die Schil­de­rung des Vio­li­nis­ten Wil­helm Jo­seph von Wa­sie­lew­ski (1822−1896), ei­nem Freund und Schü­ler Schu­manns, zu­rück­geht und ge­mäß dem Brahms Schu­mann ei­ni­ge sei­ner Ma­nu­skrip­te über­reich­te, die­ser je­doch kei­ne Zeit fand, sie zu prü­fen, wird aus heu­ti­ger Sicht als Aus­schmü­ckung ge­wer­tet: Der ge­ra­de ein­mal 17 Jah­re al­te und recht schüch­ter­ne Brahms dürf­te zu ei­ner Soi­ree kaum ei­ne Ma­nu­skript­map­pe mit­ge­bracht ha­ben, um die­se dem be­rühm­ten Kom­po­nis­ten zu über­rei­chen.[1] 

Drei Jah­re spä­ter lern­te Brahms den aus Un­garn stam­men­den Vio­li­nis­ten Jo­seph Joa­chim (1831−1907) ken­nen, wor­aus ei­ne über vie­le Jahr­zehn­te be­ste­hen­de Freund­schaft ent­stand. Joa­chim war mit den Schu­manns be­freun­det und emp­fahl Brahms, sich bei Ro­bert Schu­mann vor­zu­stel­len, der zu die­ser Zeit Mu­sik­di­rek­tor in Düs­sel­dorf war. So brach Brahms im Som­mer 1853 zu ei­ner Rei­se ins Rhein­land auf, die er grö­ß­ten­teils zu Fuß zu­rück­leg­te. Er wan­der­te das Rhein­tal ent­lang und be­sich­tig­te zahl­rei­che Städ­te, Klös­ter und Bur­gen, be­vor er am 7.9.1853 in Bonn ein­traf. Dort war Brahms ei­ni­ge Wo­chen lang in der Vil­la des aus Köln ge­bür­ti­gen Ban­kier­s Wil­helm Lud­wig Deich­mann und sei­ner Frau zu Gast. Bei­de wa­ren be­geis­ter­te Mu­sik­lieb­ha­ber und mit den Schu­manns be­kannt. Wäh­rend des Auf­ent­hal­tes hat­te Brahms erst­mals die Ge­le­gen­heit, sich mit den No­ten ei­ni­ger Wer­ke von Ro­bert Schu­mann ver­traut zu ma­chen, die sei­ne Gast­ge­ber be­sa­ßen.[2] 

Fotographie nach einer Lithographie von Eduard Marxsen. (Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck, Inv. Nr. ABH 1.7.4.146)

 

Be­ein­druckt von den Kom­po­si­tio­nen, über die er bis da­hin nur we­ni­ge Kennt­nis­se ge­habt hat­te, mach­te sich Brahms auf den Weg nach Düs­sel­dorf, wo er am 30.9.1853 ein­traf. An­ders als bei der ers­ten kur­zen Be­geg­nung in Ham­burg hat­te Schu­mann Zeit für den von Jo­seph Joa­chim an­ge­kün­dig­ten Gast und for­der­te ihn freund­lich auf, ihm sei­ne Kom­po­si­tio­nen zu zei­gen. Brahms je­doch hat­te kei­ne No­ten mit­ge­bracht, son­dern setz­te sich ans Kla­vier und spiel­te ein ei­ge­nes Werk aus dem Ge­dächt­nis. Schon nach we­ni­gen Au­gen­bli­cken war Schu­mann so be­geis­tert, dass er ihn das ers­te Stück nicht ein­mal zu En­de spie­len ließ, son­dern un­ter­brach, um ei­lig sei­ne Frau her­bei­zu­ho­len. Die­se be­schrieb spä­ter die Wir­kung, die der jun­ge Kom­po­nist auf sie bei­de aus­ge­übt hat­te, an­schau­lich in ih­rem Ta­ge­buch: Die­ser Mo­nat brach­te uns ei­ne wun­der­ba­re Er­schei­nung in dem 20-jäh­ri­gen Brahms aus Ham­burg. Das ist wie­der ein­mal ei­ner, der kommt ei­gens, wie von Gott ge­sandt! Er spiel­te uns So­na­ten, Scher­zos von sich, al­les voll über­schwäng­li­cher Phan­ta­sie, In­nig­keit der Emp­fin­dung und meis­ter­haft in der Form. Ro­bert meint, er wü­ß­te ihm nichts zu sa­gen, das er hin­weg- oder hin­zu­tun soll­te. Es ist wirk­lich rüh­rend, wenn man die­sen Men­schen am Kla­vier sieht mit sei­nem in­ter­es­sant ju­gend­li­chen Ge­sich­te, das sich beim Spie­len ganz ver­klärt, sei­ne schö­ne Hand, die mit der grö­ß­ten Leich­tig­keit die grö­ß­ten Schwie­rig­kei­ten be­siegt (sei­ne Sa­chen sind sehr schwer), und da­zu die­se merk­wür­di­gen Kom­po­si­tio­nen. Er hat bei Mar­xen in Ham­burg stu­diert, doch das, was er uns ge­spielt, ist so meis­ter­haft, daß man mei­nen mü­ß­te, den hät­te der lie­be Gott gleich so fer­tig auf die Welt ge­setzt. Ei­ne schö­ne Zu­kunft steht Dem be­vor, denn wenn er erst für Or­ches­ter schrei­ben wird, dann wird er erst das rech­te Feld für sei­ne Phan­ta­sie ge­fun­den ha­ben![3] 

2. Brahms und Robert Schumann

Der jun­ge Brahms be­ein­druck­te Ro­bert Schu­mann mit sei­ner Mu­sik zu­tiefst und be­rei­te­te ihm mit sei­ner An­we­sen­heit in dem sonst von schwie­ri­gen Um­stän­den über­schat­te­ten Le­ben ei­ne gro­ße Freu­de. 1853 Schu­mann hat­te schon seit län­ge­rem mit ge­sund­heit­li­chen Pro­ble­men zu kämp­fen. So litt er durch sei­ne Krank­heit, die er selbst als Ner­ven­schwä­che be­zeich­ne­te, un­ter Angst­zu­stän­den, Ner­vo­si­tät, akus­ti­schen Hal­lu­zi­na­tio­nen und ei­ner Be­ein­träch­ti­gung sei­nes Ge­hörs, was auch das Fa­mi­li­en­le­ben in er­heb­li­chem Ma­ße be­las­te­te. Au­ßer­dem be­stan­den Kon­flik­te zwi­schen Schu­mann und dem von ihm ge­lei­te­ten Ge­sang­ver­ein und Or­ches­ter, wel­che im letz­ten Jahr im­mer wei­ter es­ka­liert wa­ren und letzt­lich da­zu führ­ten, dass Schu­mann am 9.11.1853 sei­ne Stel­le in Düs­sel­dorf kün­dig­te.[6] Vor die­sem Hin­ter­grund ist es nicht ver­wun­der­lich, dass die Be­kannt­schaft mit Brahms ei­nen Licht­blick für die Schu­manns dar­stell­te.

Trotz des ge­mein­sa­men Mu­si­zie­rens und vie­ler Ge­sprä­che über Mu­sik kam es nicht da­zu, dass Brahms Kom­po­si­ti­ons­schü­ler von Ro­bert Schu­mann wur­de. Über die Zeit in Düs­sel­dorf schrieb er spä­ter, dass er von die­sem nichts ge­lernt ha­be als das Schach­spie­len.[7] Den­noch ist es si­cher­lich be­rech­tigt, von ei­nem in­ten­si­ven mu­si­ka­li­schen Aus­tausch und ei­ner ge­gen­sei­ti­gen Mo­ti­va­ti­on zwi­schen Schu­mann und Brahms zu spre­chen. So lie­gen ei­ni­ge de­tail­lier­te Stu­di­en vor, die an­hand be­stimm­ter Wer­ke ei­nen Ein­fluss Schu­manns auf das Mu­sik­ver­ständ­nis und die Wahl der Stil­mit­tel bei dem jun­gen Brahms in die­ser Zeit auf­zei­gen.[8] 

Auf die Rol­le, die Brahms im deut­schen Mu­sik­le­ben des 19. Jahr­hun­derts zu­ge­schrie­ben wur­de, nahm Schu­mann auch noch auf an­de­re Wei­se Ein­fluss, und zwar in Form sei­nes be­rühmt ge­wor­de­nen Ar­ti­kels „Neue Bah­nen“, den er vom 9.−13.10.1853 ver­fass­te. Er er­schien gut zwei Wo­chen spä­ter in der „Neu­en Zeit­schrift für Mu­si­k“, die Schu­mann mit­ge­grün­det und zehn Jah­re lang re­dak­tio­nell ge­lei­tet hat­te. Bei die­sem kei­ne zwei Sei­ten lan­gen Ar­ti­kel han­del­te es sich um ei­ne em­pha­ti­sche Lo­bes­hym­ne auf den jun­gen Kom­po­nis­ten, wie fol­gen­der Aus­schnitt ver­deut­licht: Ich dach­te, die Bah­nen die­ser Aus­er­wähl­ten mit der grö­ß­ten Theil­nah­me ver­fol­gend, es wür­de und müs­se nach sol­chem Vor­gang ein­mal plötz­lich Ei­ner er­schei­nen, der den höchs­ten Aus­druck der Zeit in idea­ler Wei­se aus­zu­spre­chen be­ru­fen wä­re, ei­ner, der uns die Meis­ter­schaft nicht in stu­fen­wei­ser Ent­fal­tung bräch­te, son­dern, wie Mi­ner­va, gleich voll­kom­men ge­pan­zert aus dem Haup­te des Kro­ni­on ent­sprän­ge. Und er ist ge­kom­men, ein jun­ges Blut, an des­sen Wie­ge Gra­zi­en und Hel­den Wa­che hiel­ten. Er hei­ßt Jo­han­nes Brahms, kam von Ham­burg, dort in dunk­ler Stil­le schaf­fend, aber von ei­nem treff­li­chen und be­geis­tert zu­tra­gen­den Leh­rer ge­bil­det in den schwie­rigs­ten Sat­zun­gen der Kunst, mir kurz vor­her von ei­nem ver­ehr­ten be­kann­ten Meis­ter emp­foh­len. Er trug, auch im Aeu­ße­ren, al­le An­zei­chen an sich, die uns an­kün­di­gen: das ist ein Be­ru­fe­ner.[9] 

Der Ar­ti­kel mach­te Brahms qua­si über Nacht zum Ge­sprächs­the­ma in der kul­tur­in­ter­es­sier­ten Öf­fent­lich­keit und das, ob­wohl noch gar kei­ne sei­ner Kom­po­si­tio­nen be­kannt war. Sein frü­her Ruhm ging al­so nicht von sei­nen Wer­ken aus, son­dern von ei­ner Art Emp­feh­lungs­schrei­ben des zwar be­rühm­ten, aber kei­nes­wegs un­um­strit­te­nen Kom­po­nis­ten Schu­mann. Noch be­vor sei­ne Wer­ke über­haupt dis­ku­tiert wer­den konn­ten, wur­de Brahms auf die­se Wei­se in ei­ne ge­sell­schafts­po­li­tisch be­deut­sa­me Po­si­ti­on ge­bracht, wo­durch in der Öf­fent­lich­keit er­heb­li­che Er­war­tungs­hal­tun­gen an das so über­schwäng­lich ge­prie­se­ne ‚jun­ge Ge­nie‘ ge­weckt wur­den, de­nen ge­gen­über sich der Kom­po­nist erst ein­mal be­wei­sen muss­te. In der Li­te­ra­tur wird nicht sel­ten die Mei­nung ver­tre­ten, dass Schu­mann trotz sei­ner gu­ten Ab­sich­ten Brahms mit sei­nem em­pha­ti­schen Ar­ti­kel in ei­ne denk­bar miss­li­che La­ge brach­te.[10] Viel­leicht heg­te so­gar Schu­mann we­nig spä­ter selbst der­ar­ti­ge Be­fürch­tun­gen; zu­min­dest ent­fern­te er im Fe­bru­ar 1854 den Text aus sei­nen „Ge­sam­mel­ten Schrif­ten“, die ge­ra­de für den Druck vor­be­rei­tet wur­den.[11] 

Johannes Brahms (sitzend) mit Joseph Joachim, Klagenfurt 1867. (Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck, Inv. Nr. ABH 1.7.1.18)

 

Die Art und Wei­se, wie Brahms in die Öf­fent­lich­keit be­kannt wur­de, ist zu­gleich ein an­schau­li­ches Bei­spiel da­für, wie sich die Re­zep­ti­on mu­si­ka­li­scher Wer­ke in der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts ge­ne­rell ver­än­dert hat­te: An­ders als frü­her stan­den nun nicht mehr nur die Kom­po­si­tio­nen selbst mit ih­ren Qua­li­tä­ten und dem da­hin­ter­ste­hen­den hand­werk­li­chen Kön­nen im Fo­kus der Öf­fent­lich­keit. Viel­mehr ging es nun auch um die Fra­ge, ob sie als „fort­schritt­li­ch“ zu be­wer­ten sei­en und wo sie in der ak­tu­el­len Dis­kus­si­on um die Mu­sik stün­den, wo­mit Kom­po­si­tio­nen und Kunst­wer­ke ge­ne­rell ei­ne neu­ar­ti­ge ge­sell­schafts­po­li­ti­sche Re­le­vanz be­ka­men. Durch For­mu­lie­run­gen wie bei­spiels­wei­se „Ge­ni­us“, „zau­be­ri­sche Krei­se“ und „Geis­ter­welt“ hat­te Schu­mann den jun­gen Brahms in sei­nem Ar­ti­kel zu ei­nem Ver­tre­ter ei­nes ro­man­ti­schen Sub­jek­ti­vis­mus und ei­ner ro­man­ti­schen In­ner­lich­keit sti­li­siert, der nach der Re­vo­lu­ti­on von 1848 kei­nes­wegs über­all in der Be­völ­ke­rung ge­schätzt wur­de. Die von Schu­mann als po­si­tiv ge­se­he­ne ro­man­ti­sche Tra­di­ti­on galt vie­len als schäd­li­cher Tra­di­tio­na­lis­mus und die Ver­wei­ge­rung des not­wen­di­gen Fort­schritts. Mit sei­nem Ar­ti­kel hat­te Schu­mann al­so in der Öf­fent­lich­keit ein Bild von Brahms ge­prägt, ge­mäß dem er an die Tra­di­ti­on der Ro­man­tik an­knüpf­te und da­mit zum An­ti­po­den ei­ner neu­en und mo­der­nen mu­si­ka­li­schen Ent­wick­lung ge­macht wur­de, die ins­be­son­de­re von Kom­po­nis­ten wie Ri­chard Wag­ner (1813−1883) und Franz Liszt (1811−1886) re­prä­sen­tiert wur­de und un­ter dem Be­griff „Neu­deut­sche Schu­le“ be­kannt war.[12] Auch Hec­tor Ber­li­oz (1803−1869), ob­wohl Fran­zo­se, und spä­ter An­ton Bruck­ner (1824−1896) wur­den die­sem La­ger zu­ge­rech­net. Brahms‘ Po­si­ti­on in die­sem Par­tei­en­streit des 19. Jahr­hun­derts zwi­schen „Kon­ser­va­ti­ven“ und „Neu­deut­schen“ fand ihr Äqui­va­lent so­gar in der zu­ge­spitzt for­mu­lier­ten Ge­gen­über­stel­lung der „Wag­ne­ria­ner“ und der „Brah­mi­nen“.[13] 

Die Di­men­si­on des öf­fent­lich mit gro­ßer Hef­tig­keit aus­ge­tra­ge­nen Strei­tes wird deut­lich, wenn man sich ver­ge­gen­wär­tigt, dass es da­bei im Grun­de um die Fra­ge ging, wel­che der bei­den Strö­mun­gen be­rech­tigt war, das le­gi­ti­me Er­be Beet­ho­vens, der als „der“ deut­sche Kom­po­nist schlecht­hin galt, an­zu­tre­ten. Brahms sah sich je­doch kei­nes­wegs als re­prä­sen­ta­ti­ven An­ti­po­den der Neu­deut­schen an. Für sich selbst ver­trat er den An­spruch, der Nach­welt „dau­er­haf­te Mu­si­k“ zu hin­ter­las­sen, al­so ei­ne Mu­sik zu schaf­fen, die sich auf „rei­ne Ge­set­ze“ kon­zen­trier­te und die auf­grund ih­rer Qua­li­tä­ten dem his­to­ri­schen Wan­del ent­zo­gen war.[14] Vor die­sem Hin­ter­grund über­rascht es we­nig, dass er für die vir­tuo­sen Kom­po­si­tio­nen von Franz Liszt in der Tat nur we­nig üb­rig hat­te und sie für sub­stanz­lo­se Ef­fekt­ha­sche­rei hielt. Den­noch be­wun­der­te er Liszts Fä­hig­kei­ten als Pia­nist.[15] Und auch wenn er kein gro­ßer Freund der Mu­sik Ri­chard Wag­ners war, gab es doch ei­ni­ge von des­sen Opern, die er durch­aus schätz­te. Die Un­ter­tei­lung des deut­schen Mu­sik­le­bens et­wa in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts in „Wag­ne­ria­ner“ und „Brah­mi­nen“ war al­so we­nig dif­fe­ren­ziert und Brahms die Rol­le des gro­ßen Ge­gen­spie­lers der Neu­deut­schen mehr oder we­ni­ger über­ge­stülpt wor­den.

Die­se enor­men Aus­wir­kun­gen für die Re­zep­ti­on von Brahms‘ Werk wa­ren je­doch kei­nes­wegs ab­seh­bar, als Schu­mann im Ok­to­ber 1853 über den jun­gen Gast sei­nen Ar­ti­kel schrieb. Schon we­ni­ge Mo­na­te spä­ter wur­de die in die­ser Zeit zwi­schen den bei­den Kom­po­nis­ten ent­stan­de­ne Freund­schaft auf ei­ne har­te Pro­be ge­stellt: Im Fe­bru­ar 1854 un­ter­nahm Schu­mann, der im­mer hef­ti­ger un­ter sei­nen ge­sund­heit­li­chen Pro­ble­men litt, ei­nen Selbst­mord­ver­such, in­dem er sich in ei­ner ei­si­gen Nacht in den Rhein stürzt. Er wur­de ge­ret­tet und in die Heil­an­stalt En­de­nich (heu­te Stadt Bonn) ge­bracht, wo er die zwei letz­ten Jah­re sei­nes Le­bens ver­brach­te.

Nach­dem ab­seh­bar war, dass Ro­bert Schu­mann nicht mehr als Di­ri­gent des Düs­sel­dor­fer Ge­sang­ver­eins und des Or­ches­ters tä­tig sein wür­de, wur­de von der Stadt­ver­wal­tung be­schlos­sen, ei­nen Mu­sik­di­rek­tor of­fi­zi­ell bei der Stadt an­zu­stel­len. Die Stel­le wur­de nun erst­mals öf­fent­lich aus­ge­schrie­ben, statt wie frü­her Städ­ti­sche Mu­sik­di­rek­to­ren und Di­ri­gen­ten der Mu­sik­ver­ei­ne über per­sön­li­che Ver­mitt­lun­gen aus­zu­wäh­len.

Johannes Brahms (links) mit Julius Stockhausen, Wien 1869. (Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck, Inv. Nr. ABH 1.7.1.20)

 

In ei­ner Zei­tung hat­te Schu­mann von der Aus­schrei­bung er­fah­ren und Brahms in ei­nem Brief dar­auf an­ge­spro­chen: In den Si­gna­len hab‘ ich ge­le­sen, daß die städ­ti­sche Ver­wal­tung in Düs­sel­dorf ein Kon­kur­renz­aus­schrei­ben nach ei­nem neu­en Mu­sik­di­rek­tor ge­stellt. Wer könn­te der sein? Sie nicht? Viel­leicht hät­te Ver­hulst[16] Lust, wenn der An­trag ihm ge­stellt wür­de. Das soll­te man tun.[17] Der in­di­rek­ten An­deu­tung, Brahms könn­te sich viel­leicht auf die Stel­le be­wer­ben, kam die­ser nicht nach. Rück­bli­ckend er­scheint es auch als un­wahr­schein­lich, dass der da­mals 20-jäh­ri­ge und noch un­be­kann­te Brahms die Stel­le be­kom­men hät­te.

Nach län­ge­ren stadt­in­ter­nen Que­re­len ent­schied man sich schlie­ß­lich für Ju­li­us Tausch (1827−1895), der be­reits in den Jah­ren zu­vor als ge­le­gent­li­cher Stell­ver­tre­ter Schu­manns den Ge­sang­ver­ein di­ri­giert hat­te und auch durch an­de­re mu­si­ka­li­sche Tä­tig­kei­ten in Düs­sel­dorf be­kannt war. Be­rühm­te­re und wo­mög­lich auch qua­li­fi­zier­te­re Be­wer­ber von au­ßer­halb konn­ten sich auf­grund des per­sön­li­chen Ein­sat­zes ver­schie­de­ner mu­si­ka­li­scher Ver­ei­ne in der Stadt nicht durch­set­zen.

Wäh­rend Cla­ra Schu­mann ih­ren Mann erst kurz vor sei­nem Tod am 29.7.1856 noch ein­mal sah, be­such­te Brahms ihn neun­mal in der Heil­an­stalt in En­de­nich.[18] Die Be­su­che bei dem zu­neh­mend um­nach­te­ten Freund emp­fand er als er­schüt­ternd. In ei­nem Brief an Jo­seph Joa­chim vom 25.4.1856 (al­so vier Mo­na­te vor Schu­manns Tod) schrieb er: Ich blieb ei­ni­ge Ta­ge in Bonn [...]. Her­nach sah ich Schu­mann. Wie hat­te er sich ver­än­dert. Er emp­fing mit freu­dig und herz­lich wie im­mer, aber es durch­schau­er­te mich – denn ich ver­stand kein Wort von ihm. Wir setz­ten uns, mir wur­de im­mer schmerz­li­cher, die Au­gen wa­ren mir feucht, er sprach im­mer­fort, aber ich ver­stand nichts. Ich blick­te wie­der auf sei­ne Lek­tü­re. Es war ein At­las und er eben be­schäf­tigt, Aus­zü­ge zu ma­chen, frei­lich kin­di­sche.[19] Zwei Ta­ge nach sei­nem Tod wur­de Schu­mann in An­we­sen­heit sei­ner Wit­we und sei­ner Freun­de Jo­han­nes Brahms, Jo­seph Joa­chim und Fer­di­nand Hil­ler (1811─1885) auf dem Al­ten Fried­hof in Bonn be­er­digt.

Das Wohnhaus von Johannes Brahms in Bonn, 1899 - Fotografie von Theodor Schafgans sen.. (Beethoven-Haus Bonn, B 841, https://www.beethoven.de/de/media/view/5826330964787200/Das+Wohnhaus+von+Johannes+Brahms+in+Bonn%2C+1899+-+Fotografie+von+Theo+Schafgans+sen.?fromArchive=4895188531019776)

 

3. Brahms und Clara Schumann

Als Brahms 1854 von Ro­bert Schu­manns Selbst­mord­ver­such er­fuhr, ließ er in Han­no­ver, wo er sich ge­ra­de auf­hielt, al­les ste­hen und lie­gen und reis­te nach Düs­sel­dorf, um Cla­ra Schu­mann und ih­ren sechs Kin­dern bei­zu­ste­hen. Hier wur­de er zum Boll­werk, das so­wohl Ro­bert als auch Cla­ra Schu­mann vor viel­leicht gut ge­mein­ten, aber an­ma­ßen­den Heim­su­chun­gen durch das Düs­sel­dor­fer Bür­ger­tum be­wahr­te. Brahms er­in­ner­te sich spä­ter: Als man Schu­mann nach En­de­nich ge­bracht hat­te, schick­ten die Düs­sel­dor­fer Pie­tis­ten ei­nen ‚stren­gen‘ Pre­di­ger, um ihn ins Ge­bet zu neh­men. Der Arzt aber er­klär­te, oh­ne aus­drück­li­che schrift­li­che Zu­sa­ge der Frau Schu­mann wer­de er ihn nicht zu dem Kran­ken las­sen, und die­se hat, nach mei­nem Da­zwi­schen­tre­ten, die Er­laub­nis nie ge­ge­ben.[20] 1887 ur­teil­te er rück­bli­ckend: Ich glau­be, sie wä­re ver­rückt ge­wor­den, wenn sie da­mals nicht mich klei­nen Mann ge­habt hät­te, der, un­ter all den Frau­en­zim­mern das ein­zi­ge männ­li­che In­di­vi­du­um, ihr den Un­sinn wie­der aus­re­de­te.[21] Brahms war zu die­ser Zeit fast mit­tel­los und nahm sei­ne Mahl­zei­ten im Haus der Schu­manns ein. Ein we­nig Geld ver­dien­te er sich mit Kla­vier­stun­den und be­kam au­ßer­dem für ei­ni­ge im Druck er­schie­ne­ne Wer­ke die ers­ten Ho­no­ra­re aus­ge­zahlt. Ur­sprüng­lich hat­te Brahms ein klei­nes Zim­mer be­wohnt, doch nach­dem Cla­ra Schu­mann für sich und ih­re Kin­der ei­ne Woh­nung auf der Post­stra­ße ge­mie­tet hat­te, zog Brahms dort in das Gäs­te­zim­mer ein. Bis heu­te er­in­nert an dem nach dem Zwei­ten Welt­krieg neu er­bau­ten Haus ei­ne Ge­denk­ta­fel an Brahms‘ Düs­sel­dor­fer Zeit.

Cla­ra war nun ge­zwun­gen, re­gel­mä­ßig Kon­zer­te zu ge­ben und auf Tour­nee zu ge­hen, um Geld für die Fa­mi­lie und nicht zu­letzt für die teu­re me­di­zi­ni­sche Be­hand­lung ih­res Man­nes zu ver­die­nen. In die­ser schwe­ren Zeit wur­de Jo­han­nes Brahms zu ei­ner un­ent­behr­li­chen Stüt­ze für sie, da er sich in ih­rer Ab­we­sen­heit um die Kin­der, den Haus­halt und an­de­re Din­ge des All­tags küm­mer­te. An­ge­sichts die­ser Be­las­tung über­rascht es nicht, dass er in die­sen Jah­ren nur we­nig kom­po­nier­te, auch kaum in der Öf­fent­lich­keit prä­sent war und da­mit als Kom­po­nist kaum an Be­kannt­heit ge­wann. Ei­ni­ge Mo­na­te nach Ro­bert Schu­manns Selbst­mord­ver­such brach­te Cla­ra am 11.6.1854 ihr sieb­tes Kind, den Sohn Fe­lix zur Welt. Sein Pa­ten­on­kel wur­de Jo­han­nes Brahms, der spä­ter drei Ge­dich­te aus der Fe­der von Fe­lix ver­ton­te. Das be­kann­tes­te die­ser Wer­ke ist das Lied „Mei­ne Lie­be ist grün wie der Flie­der­bu­sch“ (ver­öf­fent­licht als op. 63, in „Jun­ge Lie­der I“). Zur Ge­burt ih­res letz­ten Kin­des schenk­te Brahms Cla­ra das Ma­nu­skript sei­ner An­fang Ju­ni 1854 ent­stan­de­nen Kom­po­si­ti­on „Va­ria­tio­nen über ein The­ma von Ro­bert Schu­man­n“ op. 9. Ein Ge­rücht, das sich lan­ge und hart­nä­ckig in der Öf­fent­lich­keit hielt, dass Brahms der Va­ter von Fe­lix ge­we­sen sei, gilt heu­te als wi­der­legt.[22] Fe­lix Schu­mann starb 1879 im Al­ter von nur 25 Jah­ren an Lun­gen­tu­ber­ku­lo­se.

Die Düs­sel­dor­fer Jah­re sind spä­ter bis­wei­len als Brahms‘ „Wer­t­her­zeit“[23] be­zeich­net wor­den, was sich auf die in der Li­te­ra­tur kol­por­tier­te un­er­füll­te Lie­be zu Cla­ra Schu­mann be­zieht – auch wenn die­se nicht wie in der li­te­ra­ri­schen Vor­la­ge „Die Lei­den des jun­gen Wer­t­her“ von Jo­hann Wolf­gang von Goe­the (1749–1832) im Selbst­mord des un­glück­lich Lie­ben­den en­de­te. Dass er ab 1854 im glei­chen Hau­se wie Cla­ra Schu­mann wohn­te und sich lie­be­voll ih­rer Kin­der an­nahm, führ­te auf je­den Fall schon da­mals zu Ge­rüch­ten in Düs­sel­dorf. Zahl­rei­che Brie­fe der bei­den zeu­gen von ei­ner le­bens­lan­gen in­ni­gen Zu­nei­gung und Ver­bun­den­heit. Die Un­ge­wiss­heit, ob dar­aus auch ei­ne heim­li­che Be­zie­hung ent­stand, hat zu zahl­lo­sen Spe­ku­la­tio­nen und ei­ner aus­ge­präg­ten Le­gen­den­bil­dung ge­führt. Nach Schu­manns Tod reis­ten sei­ne Wit­we und Brahms ge­mein­sam mit des­sen Schwes­ter Eli­se von En­de Au­gust bis An­fang Sep­tem­ber nach Süd­deutsch­land und in die Schweiz. Im Som­mer 1857 un­ter­nah­men sie noch ein­mal ei­ne ge­mein­sa­me Rhein­rei­se und ver­brach­ten dann noch ei­ni­ge Ta­ge in Düs­sel­dorf, be­vor Cla­ra Schu­mann nach Ber­lin ging und Brahms am Fürs­ten­hof in Det­mold sei­ne ers­te fes­te Stel­le an­trat. Im Lau­fe ih­res Le­bens tra­fen die bei­den je­doch im­mer wie­der bei Kon­zer­ten zu­sam­men, be­such­ten ein­an­der und un­ter­hiel­ten ei­nen re­gel­mä­ßi­gen Brief­wech­sel.

Porträtfoto von Clara Schumann. (Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt am Main, S 36/F09848)

 

4. Reisen ins Rheinland

Bis zum En­de sei­nes Le­bens blieb Brahms dem Rhein­land ver­bun­den und war dort fast jähr­lich im­mer wie­der bei Freun­den zu Gast, gab Kon­zer­te oder be­such­te, wann im­mer es ihm mög­lich war, auch die Nie­der­rhei­ni­schen Mu­sik­fes­te, sei es als Mit­wir­ken­der oder als Zu­hö­rer. Die­se über die Gren­zen des Rhein­lan­des hin­aus be­kann­te Ver­an­stal­tung fand seit 1818 im­mer zu Pfings­ten tur­nus­mä­ßig in Düs­sel­dorf, Köln und Aa­chen (in der An­fangs­zeit statt in Aa­chen in El­ber­feld) statt und konn­te auf ei­ne lan­ge Lis­te von be­rühm­ten Gast­künst­lern zu­rück­bli­cken, die im Lau­fe der Jah­re dar­an mit­ge­wirkt hat­ten. Im Jahr 1855 lern­te Brahms bei dem Nie­der­rhei­ni­schen Mu­sik­fest die sei­ner­zeit welt­be­rühm­te So­pra­nis­tin Jen­ny Lind (1820–1887) ken­nen, die in Ro­bert Schu­manns Ora­to­ri­um „Das Pa­ra­dies und die Pe­ri“ zu hö­ren war, und au­ßer­dem den Mu­sik­feuille­to­nis­ten der in Wien er­schei­nen­den „Neu­en Frei­en Pres­se“, Edu­ard Hanslick (1825−1904), der spä­ter, als Brahms in Wien leb­te, ein gu­ter Freund wur­de.[24] Auch Franz Liszt war in die­sem Jahr un­ter den Gäs­ten. Dass Brahms dar­über hin­aus die Be­kannt­schaft ei­ner pro­mi­nen­ten Kla­vier­schü­le­rin von Cla­ra Schu­mann, der Prin­zes­sin Frie­de­ri­ke von Lip­pe-Det­mold (1825− 1897), mach­te, führ­te da­zu, dass er zwei Jah­re spä­ter als Kon­zert­pia­nist und Di­ri­gent des Hof­cho­res an den Det­mol­der Fürs­ten­hof be­ru­fen wur­de. Wäh­rend des Nie­der­rhei­ni­schen Mu­sik­fes­tes 1856, das in Düs­sel­dorf statt­fand, traf Brahms den Ba­ri­ton Ju­li­us Stock­hau­sen (1826−1906), mit dem er spä­ter zahl­rei­che Kon­zer­te gab und für den er Lie­der kom­po­nier­te, die die­ser zur Ur­auf­füh­rung brach­te.[25] Wenn Brahms das Rhein­land be­such­te, wa­ren ins­be­son­de­re Düs­sel­dorf und Bonn wich­ti­ge An­lauf­stel­len, da dies die Städ­te wa­ren, die bio­gra­phisch eng mit Ro­bert und Cla­ra Schu­mann ver­bun­den wa­ren. Als am 2.5.1880 die Ent­hül­lung das Grab­denk­mal von Adolf von Donn­dorf (1835−1916) für Ro­bert Schu­mann auf dem Al­ten Fried­hof in Bonn statt­fand, reis­te Brahms dort­hin, um ein Kon­zert zu di­ri­gie­ren. Eben­falls 1880, am 20. Ja­nu­ar, fand in Kre­feld im Hau­se des mu­sik­be­geis­ter­ten Ban­kiers Ru­dolf von der Ley­en (1851−1910) ein Kon­zert mit Wer­ken von Brahms statt. Auch bei die­ser Ge­le­gen­heit er­wei­ter­te sich Brahms‘ Freun­des­kreis um Herrn von der Ley­en und ei­ni­ge sei­ner Ver­wand­ten, de­nen er zeit­le­bens ver­bun­den blieb.

Im Jahr 1874 wur­den mit Brahms schrift­lich Ver­hand­lun­gen auf­ge­nom­men, die ihn bei­na­he an sei­nen frü­he­ren Wohn­ort Düs­sel­dorf zu­rück­ge­führt hät­ten: 1855 hat­te Ju­li­us Tausch nach dem Selbst­mord­ver­such Ro­bert Schu­manns den Pos­ten des Städ­ti­schen Mu­sik­di­rek­tors über­nom­men, doch war sein Ver­trag 1861 nicht wie­der ver­län­gert wor­den und die Stel­le in den fol­gen­den Jah­ren va­kant ge­blie­ben.[26] Nach­dem in frü­he­ren Zei­ten Be­rühmt­hei­ten wie Fe­lix Men­dels­sohn Bar­thol­dy (1809−1847), Fer­di­nand Hil­ler, Ro­bert Schu­mann und sei­ne Frau Cla­ra das städ­ti­sche Kul­tur­le­ben be­rei­chert hat­ten, war das Feh­len ei­nes Städ­ti­schen Mu­sik­di­rek­tors ei­ne un­be­frie­di­gen­de und we­nig pres­ti­ge­träch­tig Si­tua­ti­on. Da zwi­schen­zeit­lich kei­ne Lö­sung ge­fun­den wer­den konn­te, er­grif­fen 1874 die Düs­sel­dor­fer Po­li­ti­ker und Mu­sik­lieb­ha­ber Re­gie­rungs­rat Dr. Stein­metz, ein Freund von Cla­ra Schu­mann und Jo­seph Joa­chim, so­wie der Jus­ti­ti­ar Karl Bit­ter die In­itia­ti­ve. Mit Blick auf das Nie­der­rhei­ni­sche Mu­sik­fest 1875, das in Düs­sel­dorf statt­fin­den soll­te, reg­ten sie er­neut die An­stel­lung ei­nes Städ­ti­schen Mu­sik­di­rek­tors an. Oh­ne sich im vol­len Um­fang mit der Stadt­ver­wal­tung ab­zu­stim­men, nah­men sie mit Jo­han­nes Brahms Kon­takt auf, of­fe­rier­ten ihm die An­stel­lung bei der Stadt und mach­ten sich auf die Su­che nach Geld­quel­len, aus de­nen sein Ge­halt be­zahlt wer­den soll­te. An­ders als im Jahr 1854, als Brahms bes­ten­falls als viel­ver­spre­chen­des jun­ges Ta­lent hat­te gel­ten kön­nen, war er in­zwi­schen ein deutsch­land­weit an­er­kann­ter und be­rühm­ter Künst­ler, der den Wunsch nach ei­nem qua­li­fi­zier­ten und re­nom­mier­ten Mu­sik­di­rek­tor er­füllt hät­te. Mit dem Di­ri­gat von Chö­ren hat­te er viel Er­fah­rung und wur­de dar­über hin­aus als Kom­po­nist von Chor­mu­sik ge­schätzt. Zu sei­nen be­kann­tes­ten Chor­wer­ken ge­hör­ten „Ein Deut­sches Re­qui­e­m“, die „Alt­rhap­so­die“, die Chor­kan­ta­te „Ri­nal­do“ und die Lie­bes­lie­der­wal­zer op. 52 für Kla­vier vier­hän­dig und ge­misch­ten Chor. Um Gel­der für das gro­ßzü­gi­ge Ge­halt, das Brahms an­ge­bo­ten wer­den soll­te, be­reit­stel­len zu kön­nen, plan­te Jus­ti­ti­ar Bit­ter un­ter an­de­rem, in Düs­sel­dorf ei­ne Mu­sik­schu­le zu grün­den, die Brahms lei­ten soll­te. Als Städ­ti­scher Mu­sik­di­rek­tor hät­te es au­ßer­dem zu sei­nen Auf­ga­ben ge­hört, den Ge­sang­ver­ein zu lei­ten, dem je­doch auf Ba­sis ei­nes Pri­vat­ver­tra­ges zu die­ser Zeit nach wie vor Ju­li­us Tausch vor­stand. Die­sen ver­gleichs­wei­se un­be­kann­ten Mu­si­ker durch den kom­pe­ten­te­ren und be­rühm­te­ren Brahms zu er­set­zen, wä­re durch­aus im In­ter­es­se von Bit­ter und Stein­metz ge­we­sen.

Im De­zem­ber 1876 schien al­les in tro­cke­nen Tü­chern zu sein. Zu­nächst war Brahms über das An­ge­bot sehr er­freut ge­we­sen und hat­te auch ge­plant, die Be­ru­fung nach Düs­sel­dorf an­zu­neh­men.[27] Letzt­lich wa­ren es je­doch zwei Din­ge, die zu sei­ner Ent­schei­dung führ­ten, nicht nach Düs­sel­dorf zu ge­hen: Zum ei­nen woll­te er nicht die Lei­tung der ge­plan­ten Mu­sik­schu­le mit den gan­zen da­mit ver­bun­de­nen ad­mi­nis­tra­ti­ven Auf­ga­ben über­neh­men und zwei­tens war er nicht ge­willt, Ju­li­us Tausch aus dem Amt zu drän­gen. In Düs­sel­dorf war be­kannt, dass Tausch bei vie­len mit­wir­ken­den Lai­en­mu­si­kern der von ihm di­ri­gier­ten Chö­re sehr be­liebt war, was 1876 so­gar in der Ver­brei­tung ei­nes an­ony­men Flug­blat­tes gip­fel­te, das sich für den Ver­bleib von Tausch in sei­ner Po­si­ti­on aus­sprach; die­se Vor­aus­set­zun­gen hät­ten Brahms‘ Po­si­ti­on von An­fang an ge­schwächt. Für sei­ne Un­mut ob der ge­sam­ten Si­tua­ti­on fand Brahms in sei­ner Ab­sa­ge an Jus­ti­ti­ar Bit­ter im Ja­nu­ar 1877 deut­li­che Wor­te: Dem Be­den­ken „Tau­sch“ ge­gen­über klän­ge es ge­mein (:Ham­let wür­de sa­gen: es ist ge­mein:) woll­te ich sa­gen, daß man­ches da­von nicht sehr er­mun­ternd ist. Die, zu­nächst an Zahl, ge­rin­ge­ren ein­hei­mi­schen Kräf­te, der gro­ße Saal da­ge­gen, die un­ge­nü­gen­de Zahl der Pro­ben usw. Statt dar­über mich zu er­ge­hen sa­ge ich lie­ber wie sehr leid es mir ist mei­ne Ab­sa­ge wie­der­ho­len zu müs­sen. Ich gin­ge gern nach Deutsch­land, ich hät­te gern ste­te Be­schäf­ti­gung mit Chor und Or­ches­ter und wü­ß­te kei­ne Stadt, wo ich weit­aus das Meis­te so mir sym­pa­thisch fän­de als in Düs­sel­dorf. Wä­ren nicht je­ne zwei Be­den­ken über die ich nicht weg kann, ich be­sä­he mir al­les in der Nä­he und wür­de wohl mit dem Üb­ri­gen fer­tig. So aber – es ist nicht rein­lich – und mö­gen gleich ge­schei­te­re Leu­te es an­ders be­haup­ten – man kann nicht ge­gen sein in­ners­tes Ge­sicht. Das aber sprach bei mir von An­fang an das­sel­be und wur­de durch al­les Vor­kom­men­de nur ver­stärkt.[28] Auch wie­der­hol­tes hef­ti­ges In­ter­ve­nie­ren von Bit­ter und Stein­metz än­der­te an Brahms‘ Ent­schei­dung nichts. Die Stel­le des Städ­ti­schen Mu­sik­di­rek­tors wur­de letzt­lich erst 1890 mit Ju­li­us Buths (1851−1920) neu be­setzt, nach­dem Tausch in sei­ner Funk­ti­on als Lei­ter des Düs­sel­dor­fer Ge­sang­ver­eins und an­de­rer Ver­ei­ne 1889 in Pen­si­on ge­gan­gen war.

Sie­ben Jah­re spä­ter un­ter­nahm man ei­nen ähn­li­chen Ver­such, Brahms ins Rhein­land zu ho­len, dies­mal je­doch in die Stadt Köln: 1884 be­such­te Brahms sei­nen schwer kran­ken Freund Fer­di­nand Hil­ler, der 34 Jah­re lang das Köl­ner Mu­sik­le­ben ge­lei­tet hat­te. In­zwi­schen war ab­seh­bar, dass er auf­grund sei­nes Ge­sund­heits­zu­stan­des das Amt bald wür­de nie­der­le­gen müs­sen. Da­her hat­te der Kon­zert- und Kon­ser­va­to­ri­ums­vor­stand der Stadt bei Brahms an­ge­fragt, ob er die Stel­le des Städ­ti­schen Mu­sik­di­rek­tors zu über­neh­men be­reit wä­re. Doch wie schon bei der An­fra­ge aus Düs­sel­dorf sie­ben Jah­re zu­vor lehn­te Brahms ab. Wäh­rend er über die­se ers­te Ent­schei­dung lan­ge ernst­haft nach­ge­dacht hat­te, rang er beim zwei­ten Mal nur ei­ni­ge Ta­ge um die rich­ti­gen Wor­te für sei­ne Ab­sa­ge: Ich bin zu lan­ge oh­ne ei­ne der­ar­ti­ge Stel­lung ge­we­sen, ha­be mich wohl nur zu sehr an ei­ne ganz an­de­re Le­bens­füh­rung ge­wöhnt, als daß ich nicht ei­nes­teils gleich­gül­ti­ger ge­wor­den sein soll­te ge­gen vie­les, für das ich an sol­chem Platz das leb­haf­tes­te In­ter­es­se ha­ben mü­ß­te, an­dern­teils un­ge­übt und un­ge­wandt in Sa­chen ge­wor­den wä­re, die mit Rou­ti­ne und Leich­tig­keit be­han­delt sein wol­len.[29] 

Brahms bis­wei­len selbst­iro­ni­sche Hal­tung zu sei­nen oft als me­lan­cho­lisch und tra­gisch be­zeich­ne­ten Wer­ken zeigt sich an­schau­lich in ei­nem Brief, den er im Vor­feld ei­nes Kon­zer­tes im Rhein­land dem Es­se­ner Mu­sik­di­rek­tors Ge­org Hein­rich Wit­te (1843−1929) schrieb. Die­ser war ein glü­hen­der Ver­eh­rer von Brahms‘ Wer­ken und hat­te da­her ei­nen mons­trös lan­gen Pro­gramm-Vor­schlag an ihn ge­schickt, wor­auf die­ser ihm zu­rück­schrieb: Schön – aber schreck­lich! [...] Ich ent­beh­re un­gern ei­nes der Chor­wer­ke, aber so schmei­chel­haft die Men­ge für mich ist, wer soll all die trau­ri­gen Sa­chen an­hö­ren mö­gen?[30] Brahms hal­bier­te das Pro­gramm, ließ sich vor Ort dann aber doch von dem be­geis­ter­ten und gut vor­be­rei­te­ten Chor da­zu über­re­den, am 2.3.1884 das „Deut­sches Re­qui­e­m“ kom­plett zu di­ri­gie­ren, das er ur­sprüng­lich hat­te kür­zen wol­len.

Eduard Hanslick im Jahr 1863. (Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck, Inv. Nr. ABH 1.7.4.89)

 

5. Brahms' letzte Reise ins Rheinland

We­ni­ger als ein Jahr vor Brahms‘ Tod fand 1896 im Rhein­land ein letz­tes Tref­fen mit ei­ni­gen sei­ner engs­ten Freun­de statt, das durch den Be­richt des Ju­ris­ten und Mu­sik­lieb­ha­bers Gus­tav Op­hüls (1866-1926)[31] so­wie durch ei­ni­ge Fo­to­gra­fi­en gut do­ku­men­tiert ist und ei­nen Blick in die­se letz­te Le­bens­pha­se von Brahms ge­stat­tet. Seit 1892 hat­te sich die Tra­di­ti­on eta­bliert, dass wäh­rend der Pfingst­ta­ge auf dem Ha­ger Hof, ei­nem al­ten Her­ren­sitz ober­halb von Bad Hon­nef, Pro­fis und Lai­en zu ei­ner Art pri­va­tem Mu­sik­fest zu­sam­men­ka­men, um ge­mein­sam zu es­sen, Wan­de­run­gen zu un­ter­neh­men und zu mu­si­zie­ren.[32] Zu die­sen zähl­ten meh­re­re Mit­glie­der der Fa­mi­li­en von Ru­dolf von der Ley­en, den Brahms 1880 in Kre­feld ken­nen­ge­lernt hat­te, und Ru­dolf von Be­ckerath (1863−1945), die un­ter­ein­an­der ver­wandt­schaft­lich ver­bun­den und al­le mit Jo­han­nes Brahms be­freun­det wa­ren. Nach­dem am 20.5.1896 Cla­ra Schu­mann in Frank­furt am Main ge­stor­ben war, wur­de ih­re Lei­che nach Bonn über­führt, um, wie es ihr Wunsch ge­we­sen war, ne­ben ih­rem Mann bei­ge­setzt zu wer­den. Brahms er­fuhr von dem Ter­min so spät, dass er nur un­ter gro­ßen Stra­pa­zen dort­hin rei­sen konn­te und ge­ra­de noch recht­zei­tig ein­traf. Er ent­schied sich, ei­ni­ge Ta­ge bei sei­nen Freun­den auf dem Ha­ger Hof zu ver­brin­gen, wo er sicht­lich be­drückt nach der Be­er­di­gung ein­traf. Im Krei­se sei­ner en­gen Freun­de trug er ei­ne sei­ner letz­ten Kom­po­si­tio­nen „Vier erns­te Ge­sän­ge für ei­ne Bass­stim­me mit Pia­no­for­te­be­glei­tun­g“ op. 121 vor, die er un­ter dem Ein­druck von Cla­ra Schu­manns na­hen­dem Tod – am 26.3.1896 hat­te sie ei­nen Schlag­an­fall er­lit­ten – kom­po­niert und ihr zu­ge­sandt hat­te.[33] Wäh­rend die­ser Ta­ge auf dem Ha­ger Hof ent­stan­den ei­ni­ge der letz­ten Fo­to­gra­fi­en von Jo­han­nes Brahms, auch ei­ni­ge Zeich­nun­gen von ihm, die der Ma­ler Wil­ly von Be­ckerath (1868−1938), der un­ter den Gäs­ten war, an­ge­fer­tigt hat­te.

Wäh­rend die­ses Tref­fens litt Brahms be­reits an der von ihm selbst scherz­haft als „bür­ger­li­che Gelb­such­t“ be­zeich­ne­ten Krank­heit, bei der es sich ver­mut­lich um Pan­kre­as­krebs han­del­te.[34] Sein Ge­sund­heits­zu­stand ver­schlech­ter­te sich in der nächs­ten Zeit. Jo­han­nes Brahms starb am 3.4.1897 in Wien und wur­de in ei­nem Eh­ren­grab auf dem Wie­ner Zen­tral­fried­hof bei­ge­setzt.

Porträtfoto von Rudolf von der Leyen. (Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck, Inv. Nr. ABH 1.7.4.138)

 

Die Fo­tos von dem Tref­fen auf dem Bon­ner Hof ge­hö­ren zu den letz­ten Auf­nah­men von Brahms und ver­an­schau­li­chen das zu­meist von ihm kol­por­tier­te Bild: So ist er pri­mär durch sein mit Me­lan­cho­lie und „End­zeit“ as­so­zi­ier­tes Al­ters­werk in der Öf­fent­lich­keit prä­sent, was sich in der Er­schei­nung des al­ten, nicht ge­ra­de schlan­ken Herrn mit üp­pi­gem Voll­bart wi­der­spie­gel­te, den er seit sei­nem 45. Le­bens­jahr trug. Zeit­ge­nos­sen be­schrie­ben ihn als freund­li­chen, höf­li­chen, aber den­noch nicht im­mer ein­fa­chen Men­schen. Zeit­le­bens blieb er Jung­ge­sel­le; die Ver­lo­bung mit der Pro­fes­so­ren­toch­ter Aga­the von Sie­bold (1835−1909) im Jahr 1858 wur­de nach kur­zer Zeit wie­der ge­löst. Ein­mal soll er ei­nem Freund ver­ra­ten ha­ben, dass es zu sei­nen Prin­zi­pi­en ge­hö­re, kei­ne Oper und kei­ne Hei­rat mehr zu ver­su­chen – und das sei auch gut so ge­we­sen.[35] Be­stand­teil der Le­gen­den­bil­dung um die Be­zie­hung zu Cla­ra Schu­mann ist die Spe­ku­la­ti­on, dass er nach der Ent­täu­schung die­ser un­er­füll­ten Lie­be kei­ne wirk­lich Bin­dung mit ei­ner an­de­ren Frau mehr ein­ge­hen woll­te. Bei dem Le­bens­wan­del, für den Brahms sich ent­schie­den hat­te und in des­sen Mit­tel­punkt un­ein­ge­schränkt das Kom­po­nie­ren stand, wä­re ei­ne Ehe mög­li­cher­wei­se auch schlicht­weg hin­der­lich ge­we­sen. Wohl aus den glei­chen Grün­den hat­te Brahms in fort­ge­schrit­te­nem Al­ter die Stel­le als Mu­sik­di­rek­tor in Köln ab­ge­lehnt, die zahl­rei­che or­ga­ni­sa­to­ri­sche und re­prä­sen­ta­ti­ve Auf­ga­ben mit sich ge­bracht hät­te, wel­che sei­ner kom­po­si­to­ri­schen Ar­beit im We­ge ge­stan­den hät­ten.

Am 28.10.1853 bei ei­ner Abend­ge­sell­schaft im Hau­se der Schu­manns war Jo­seph Joa­chim zu Gast, der für ei­ni­ge Kon­zer­te ins Rhein­land ge­kom­men war. Als Ge­schenk wur­de ihm ei­ne So­na­te über die Ton­fol­ge F-A-E über­reicht, die Ro­bert Schu­mann, sein Schü­ler Al­bert Diet­rich (1829−1908) und Brahms ge­mein­schaft­lich kom­po­niert hat­ten. Die Buch­sta­ben F, A und E wa­ren die Ab­kür­zung des Mot­tos „Frei Aber Ein­sam“ für das Joa­chim ge­wid­me­te Werk. Spä­ter je­doch be­zeich­ne­te Brahms die­ses zu­gleich auch als stim­mi­ges Mot­to für sein ei­ge­nes Le­ben.[36] 

Quellen

Kur­siv = Kurz­zi­tier­wei­se 

Litz­mann, Bert­hold (Hg.), Cla­ra Schu­mann. Ein Künst­ler­le­ben. Nach Ta­ge­bü­chern und Brie­fen, Band 2, Leip­zig 1905.
Litz­mann, Bert­hold (Hg.), Cla­ra Schu­mann Jo­han­nes Brahms. Brie­fe aus den Jah­ren 1853–1896, Band 1, Leip­zig 1927.
Mo­ser, An­dre­as (Hg.), Jo­han­nes Brahms im Brief­wech­sel mit Jo­seph Joa­chim, Band 1, Ber­lin 1908.
Schu­mann, Ro­bert, Neue Bah­nen, in: Neue Zeit­schrift für Mu­sik (39), Nr. 18, 28.10.1853, S. 185-186.

Literatur

Ap­pel, Bern­hard R., Das Pro­me­mo­ria des Wil­helm Wort­mann: Ein Do­ku­ment aus Schu­manns Zeit, in: Ap­pel, Bern­hard R./Bär, Ute/Wendt, Mat­thi­as (Hg.), Schu­man­nia­na No­va. Fest­schrift Gerd Nau­haus zum 60. Ge­burts­tag, Sin­zig 2002, S. 1–47.
Geck, Mar­tin, Jo­han­nes Brahms, Rein­bek bei Ham­burg 2013.
Kal­beck, Max, Jo­han­nes Brahms. Ei­ne Bio­gra­phie in vier Bän­den, Band 1: 1833–1862; Band 3, 1: 1874–1881; Band 3, 2: 1881-1885, Wien/Leip­zig 1904, Ber­lin 1910/1913.
Korf, Mal­te, Jo­han­nes Brahms. Le­ben und Werk, Mün­chen 2008.
Kross, Sieg­fried, Brahms und das Rhein­land, in: Kross, Sieg­fried (Hg.), Mu­si­ka­li­sche Rhein­ro­man­tik. Be­richt über die Jah­res­ta­gung 1985, Kas­sel 1989, S. 93–105.
Nie­mann, Wal­ter, Brahms, Ber­lin 1920.
Op­hüls, Gus­tav, Er­in­ne­run­gen an Jo­han­nes Brahms. Ein Bei­trag aus dem Krei­se sei­ner rhei­ni­schen Freun­de, Eben­hau­sen bei Mün­chen 1983 [Erst­druck 1921].
Sand­ber­ger, Wolf­gang, Bil­der, Denk­mä­ler, Kon­struk­tio­nen – Jo­han­nes Brahms als Fi­gur des kol­lek­ti­ven Ge­dächt­nis­ses, in: Sand­ber­ger, Wolf­gang (Hg.), Brahms Hand­buch, Kas­sel 2009, S. 2-22.
Schu­bert, Fried­rich, Jo­han­nes Brahms in Düs­sel­dorf. Des Meis­ters Wer­t­her­zeit, in: Bei­la­ge der Düs­sel­dor­fer Nach­rich­ten, Nr. 230, 7.5.1933.
Strä­ter, Ni­na, Der Bür­ger er­hebt sei­ne Stim­me. Der Städ­ti­sche Mu­sik­ver­ein zu Düs­sel­dorf und die bür­ger­li­che Mu­sik­kul­tur im 19. und 20. Jahr­hun­dert, Göt­tin­gen 2018.
Syn­of­zik, Tho­mas, Brahms und Schu­mann, in: Sand­ber­ger, Wolf­gang (Hg.), Brahms Hand­buch, Kas­sel 2009, S. 63-75.
Tad­day, Ul­rich, Ten­den­zen der Brahms-Kri­tik im 19. Jahr­hun­dert, in: Sand­ber­ger, Wolf­gang (Hg.), Brahms Hand­buch, Kas­sel 2009, S. 112-127.

Johannes Brahms während seines letzten Aufenthalts im Rheinland im Haus der Familie Weyermann auf dem Hagerhof in Bad Honnef, Pfingsten 1896. (Stadtmuseum Bonn)

 
Anmerkungen
  • 1: Vgl. Synofzik, Brahms und Schumann, S. 64.
  • 2: Vgl. Kross, Brahms und das Rheinland, S. 94-95.
  • 3: Zitiert nach: Litzmann, Clara Schumann. Ein Künstlerleben, S. 280-281.
  • 4: Vgl. Synofzik, Brahms und Schumann, S. 65-66.
  • 5: rahms blieb den ganzen Oktober 1853 in Düsseldorf, wo er jeden Tag im Hause der Schumann zu Gast war. Für seine täglichen Klavierübungen ging er in das nicht weit von der Wohnung der Schumanns entfernt gelegene Magazin des Klavierfabrikanten Klems\
  • 6: Die Konflikte der Zusammenarbeit zwischen den Düsseldorfer Musikern und Schumann werden anhand eines historischen Dokumentes ausführlich dargestellt in: Appel, Das Promemoria des Wilhelm Wortmann.
  • 7: Vgl. Synofzik, Brahms und Schumann, S.63.
  • 8: Vgl. Kross, Brahms und das Rheinland, S. 98; vgl. Synofzik, Brahms und Schumann, S. 67.
  • 9: Schumann, Neue Bahnen, S. 185-186.
  • 10: Tadday, Tendenzen, S. 116-118.
  • 11: Vgl. Synofzik, Brahms und Schumann, S. 66.
  • 12: Vgl. Tadday, Tendenzen, S. 115-116.
  • 13: Vgl. Tadday, Tendenzen, S. 113.
  • 14: Vgl. Sandberger, Bilder, Denkmäler, Konstruktionen, S. 13.
  • 15: Vgl. Kross, Brahms und das Rheinland, S. 94.
  • 16: Johann Verhulst (1816−1891), holländischer Geiger, Dirigent und Komponist, ein Freund Schumanns.
  • 17: Brief Robert Schumann an Brahms, 20.3.1855, in: Litzmann, Clara Schumann Johannes Brahms Briefe, Band 1, S. 101-103.
  • 18: Vgl. Synofzik, Brahms und Schumann, S. 67.
  • 19: Brief Johannes Brahms an Joseph Joachim vom 25.4.1856, in: Moser, Johannes Brahms, S. 130-131.
  • 20: Zitiert nach: Kalbeck, Johannes Brahms, Band 1, S. 170.
  • 21: Zitiert nach: Kalbeck, Johannes Brahms, Band 1, S. 170.
  • 22: Vgl. Synofzik, Brahms und Schumann, S. 71.
  • 23: Vgl. beispielsweise Schubert, Johannes Brahms.
  • 24: Vgl. Niemann, Brahms, S. 63-64.
  • 25: Vgl. Korf, Johannes Brahms, S. 69.
  • 26: Vgl. Sträter, Der Bürger erhebt seine Stimme, S. 162-163.
  • 27: Vgl. Kalbeck, Johannes Brahms, Band 3, 1, S. 121.
  • 28: Zitiert nach: Kalbeck, Johannes Brahms, Band 3, 1, S. 128-129.
  • 29: Zitiert nach: Kalbeck, Johannes Brahms, Band 3, 2, S. 419.
  • 30: Zitiert nach: Kalbeck, Johannes Brahms, Band 3, 1, S. 422.
  • 31: Ophüls, Erinnerungen.
  • 32: Vgl. Kross, Brahms und das Rheinland, S. 99.
  • 33: Vgl. Kross, Brahms und das Rheinland, S. 104-105.
  • 34: Vgl. Geck, Johannes Brahms, S. 140.
  • 35: Vgl. Niemann, Brahms, S. 163.
  • 36: Vgl. Geck, Johannes Brahms, S. 16.
Zitationshinweis

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Sträter, Nina, Johannes Brahms und das Rheinland, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/johannes-brahms-und-das-rheinland/DE-2086/lido/602cf334b3cb35.55756284 (abgerufen am 25.09.2021)