Brun I.

Erzbischof von Köln (953-965)

Christian Hillen (Köln/Bonn)

Erzbischof Bruno I. beschenkt St. Cäcilien im Gilgau und Engersgau, 25.12.962. (Rheinisches Bildarchiv | rba_mf096991 | https://www.kulturelles-erbe-koeln.de/documents/obj/05242727)

Brun wur­de von frü­hes­ter Ju­gend an ge­zielt an herrscher­li­che Auf­ga­ben her­an­ge­führt, al­ler­dings für den kirch­li­chen Be­reich. Da er von sei­nem Bru­der Ot­to I. (Kö­nig - seit 936 - bzw. Kai­ser - seit 962-972) als Erz­bi­schof in­stal­liert wur­de und ganz in des­sen Sin­ne auch in der Reichs­po­li­tik mit­wirk­te, galt er lan­ge Zeit als Pro­to­typ des so­ge­nann­ten ot­to­ni­schen Reichs­bi­schofs, ei­ne Ka­te­go­ri­sie­rung, die in der jüngs­ten For­schung ab­ge­lehnt wird. Ob­wohl die Quel­len im Ver­gleich zu an­de­ren Köl­ner Erz­bi­schö­fen die­ser Zeit ver­gleichs­wei­se reich­lich flie­ßen und sein Le­ben durch zwei Vi­ten un­ter­schied­li­cher Au­to­ren, wo­bei der zwei­te Schrei­ber sich an der ers­ten Vi­ta ori­en­tiert, hat Brun in der For­schung erst zwei­mal ei­ne mo­no­gra­fi­sche Be­hand­lung er­fah­ren, bei­des Wer­ke, wel­che der mo­der­nen Über­ar­bei­tung be­dür­fen.

Im Mai 926 wur­de Brun als drit­ter Sohn Kö­nig Hein­richs I. (876-936) und sei­ner Frau Mat­hil­de (um 896-968) ge­bo­ren. Sei­ne äl­te­ren Brü­der wa­ren Ot­to, der spä­te­re Kai­ser Ot­to I., und Hein­rich, der spä­te­re Her­zog von Bay­ern (ge­stor­ben 955). Sei­ne Schwes­tern Ger­ber­ga (913-984) und Had­wig (um 922-958) hei­ra­te­ten in be­deu­ten­de west­frän­kisch-lo­tha­rin­gi­sche Fa­mi­li­en. So wur­de Ger­ber­ga in ers­ter Ehe mit Her­zog Gi­sel­bert von Loth­rin­gen (um 890-939) ver­hei­ra­tet und in ih­rer zwei­ten Ehe mit Kö­nig Lud­wig IV. von Frank­reich (920/921-954). Had­wig ehe­lich­te Her­zog Hu­go von Fran­zi­en (ge­stor­ben 956). Da­mit leg­te be­reits sei­ne pro­mi­nen­te Her­kunft ei­ne po­li­ti­sche Kar­rie­re na­he.

Als nach­ge­bo­re­ner Sohn war er für ei­ne geist­li­che Lauf­bahn vor­ge­se­hen, die er schon 929 an der Dom­schu­le in Ut­recht be­gann, wo er ei­ne um­fang­rei­che Aus­bil­dung ge­noss. Seit 940, al­so mit et­wa 14 Jah­ren, ist er als can­cel­la­ri­us am ot­to­ni­schen Hof nach­weis­bar. Wahr­schein­lich be­glei­te­te er sei­nen kö­nig­li­chen Bru­der von nun an auf sei­nen Rei­sen. Sei­ne Aus­bil­dung wur­de dar­über hin­aus u. a. durch Bi­schof Ra­ther von Ve­ro­na (890-974) fort­ge­setzt. 951 über­nahm er als Erz­ka­pel­lan die Lei­tung der Hof­ka­pel­le. Er galt sei­nen Zeit­ge­nos­sen als über­aus ge­leh­rig, und man sag­te ihm nach, dass er sei­ne Bi­blio­thek stets mit sich ge­führt ha­be.

Sei­ne Tä­tig­kei­ten im Reichs­dienst bo­ten ihm zahl­rei­che Ge­le­gen­hei­ten, das po­li­ti­sche Ge­schäft gleich­sam von der Pi­ke auf zu ler­nen. Die Teil­nah­me an der Syn­ode zu Ver­dun (947), bei der es um die Be­set­zung des Erz­bis­tums Reims ging, als Ver­tre­ter des Kö­nigs dürf­te als ei­ne sol­che Ge­le­gen­heit zu wer­ten sein; eben­so wie die Über­nah­me der Ver­wal­tung ei­ni­ger Klös­ter, von de­nen aber nur Lorsch na­ment­lich be­kannt ist. In sei­ner Funk­ti­on als de­ren Abt von 948? bis 951 be­müh­te er sich, die­se Ab­tei eben­so wie die na­ment­lich nicht be­kann­ten geist­li­chen In­sti­tu­te zu Zen­tren der Re­form­be­we­gung aus­zu­bau­en.

953 er­gab sich mit dem Tod Erz­bi­schof Wich­frieds von Köln (900-953) die Ge­le­gen­heit, die­sen be­deu­ten­den Diö­ze­san­sitz mit Brun zu be­set­zen. Auf Be­trei­ben sei­nes kö­nig­li­chen Bru­ders Ot­to I. wur­de Brun im Ju­li 953 zum Nach­fol­ger Wich­frieds ge­wählt und am 25. Sep­tem­ber ge­weiht.

Sei­ne Er­he­bung fiel in ei­ne po­li­tisch an­ge­spann­te La­ge im Wes­ten des Reichs. Wenn man Bruns Bio­graf Ruot­ger (925-965) Glau­ben schen­ken darf, hat­ten die auf­stän­di­schen Lo­tha­rin­ger und vor al­lem Her­zog Kon­rad der Ro­te (um 922-955) ver­sucht, Köln un­ter ih­re Herr­schaft zu brin­gen, was der Kö­nig mit der Er­he­bung sei­nes Bru­ders ver­hin­dern konn­te. Der Ab­wehr der lo­tha­rin­gi­schen Be­gehr­lich­kei­ten ha­be auch die Er­he­bung Bruns zum „ar­chi­dux“ (Erz­her­zog), ob­wohl kein of­fi­zi­el­ler Ti­tel, ge­dient. Die Be­deu­tung die­ser Be­zeich­nung ist in der For­schung bis heu­te sehr um­strit­ten. Wenn man da­von aus­geht, dass der Ti­tel tat­säch­lich ver­ge­ben wur­de, wo­für es kei­nen ur­kund­li­chen Nach­weis gibt, könn­te da­mit Bruns Stel­lung ober­halb der Her­zö­ge von Ober- und Nie­der­lo­tha­rin­gi­en be­zeich­net wor­den sein. 

In je­dem Fall soll­te so­mit die Brun zu­ge­dach­te Auf­ga­be ei­ner ver­stärk­ten West­po­li­tik zum Aus­druck ge­bracht wer­den. Die­ser Tä­tig­keit wid­me­te sich Brun um­ge­hend, in dem er be­reits vor sei­ner Wei­he ei­ne Rei­he von wich­ti­gen Per­sön­lich­kei­ten zu Kon­sul­ta­tio­nen ein­lud, um sie da­von ab­zu­hal­ten, sich dem Auf­stand an­zu­schlie­ßen. Die in­sta­bi­le La­ge in der Re­gi­on ist wahr­schein­lich auch der Grund da­für, dass Brun nicht so­fort zum Emp­fang des Pal­li­ums nach Rom reis­te, son­dern es erst 955 er­hielt. Sei­ne Be­zie­hun­gen zur Ku­rie blie­ben auch in der Fol­ge­zeit recht spär­lich.

Im Reichs­dienst war Brun um­so en­ga­gier­ter. Ge­mein­sam mit dem Erz­bi­schof von Mainz ver­trat Brun sei­nen Bru­der an der Spit­ze des Rei­ches, als Ot­to I. nach Ita­li­en zog, um dort zum Kai­ser des Hei­li­gen Rö­mi­schen Rei­ches ge­krönt zu wer­den. Brun nahm am 12.11. 954 wohl als Re­prä­sen­tant der li­udol­fin­gi­schen Kö­nigs­fa­mi­lie an der Krö­nung Lo­thars I. (Amts­zeit: 954-986) zum Kö­nig von Frank­reich teil, eben­so wie an der Aus­söh­nung Ot­tos I. mit sei­nem auf­stän­di­schen Sohn Li­udolf (um 930-957) im De­zem­ber. Zwi­schen dem säch­si­schen Gra­fen Ek­bert (um 932-994), ei­nem Un­ter­stüt­zer des Auf­stands Li­udolfs, und Ot­to konn­te er eben­falls er­folg­reich ei­nen Aus­gleich ver­mit­teln. An Ver­hand­lun­gen mit und zwi­schen den fran­zö­si­schen Ver­wand­ten der Li­udol­fin­ger war Brun mehr­fach be­tei­ligt.

Doch er setz­te nicht nur auf sei­ne fa­mi­liä­ren Ver­bin­dun­gen, um Lo­tha­rin­gi­en zu be­frie­den, son­dern er be­trieb auch ei­ne ak­ti­ve Be­set­zungs­po­li­tik für die va­kant wer­den­den Bis­tü­mer sei­nes Spren­gels. Au­ßer­dem un­ter­stütz­te er zum Bei­spiel 959 die Er­he­bung des Bon­ner De­kans (= Ever­a­cus?) zum Bi­schof von Cam­brai. Schlie­ß­lich scheu­te er auch vor mi­li­tä­ri­schen In­ter­ven­tio­nen nicht zu­rück, um er­neut aus­bre­chen­de Un­ru­hen in Lo­tha­rin­gi­en un­ter Kon­trol­le zu brin­gen, al­ler­dings oh­ne Er­folg.

Wenn­gleich Brun auf Reichs­ebe­ne sehr ak­tiv war bzw. die Quel­len die­sem Teil sei­ner Amts­füh­rung gro­ße Auf­merk­sam­keit wid­men, so darf man je­doch sei­ne Rol­le als Diö­ze­san­herr nicht aus dem Au­ge ver­lie­ren; da­zu ge­hö­ren die be­reits ge­nann­ten Bi­schofs­er­he­bun­gen, wo­bei vie­le von die­sen neu­en Diö­ze­san­her­ren ei­ner re­gel­rech­ten, von Brun ein­ge­rich­te­ten „Schu­le“, von der aber nichts Nä­he­res be­kannt ist, an­ge­hört ha­ben sol­len. Viel­mehr scheint es sich um ein Netz­werk ge­han­delt zu ha­ben, das im ot­to­ni­schen Sin­ne ge­eig­ne­ten Bi­schofs­nach­wuchs för­der­te und in die ent­spre­chen­den Po­si­tio­nen brach­te. 

Brun hielt nur ei­ne Syn­ode ab und weih­te le­dig­lich ei­ne Kir­che. Ak­ti­ver war er da­ge­gen bei Er­werb und Trans­la­ti­on von Re­li­qui­en, die das An­se­hen Kölns als Stadt und Diö­ze­se för­dern soll­ten: Ne­ben dem Leich­nam des hl. Pa­tro­k­lus (ge­stor­ben um 259), den Brun nach Soest über­füh­ren ließ, ge­lang­ten u. a. der ver­meint­li­che Stab des Hl. Pe­trus und des­sen Ket­ten nach Köln.

Na­tür­lich un­ter­stütz­te und pri­vi­le­gier­te Brun Klös­ter und Kir­chen au­ßer­halb und in­ner­halb der Stadt. In St. Ma­ria im Ka­pi­tol sie­del­te er Be­ne­dik­ti­ne­rin­nen aus Re­mi­re­mont an. Die Pries­ter der dort zu­vor an­säs­si­gen Frau­en­gemein­schaft brach­te er in St. An­dre­as un­ter. Wahr­schein­lich ist Brun als der Grün­der Groß St. Mar­tins zu be­trach­ten, denn er rich­te­te dort ein Kol­le­gi­at­stift ein, das un­ter sei­nen Nach­fol­gern je­doch mit iro-schot­ti­schen Be­ne­dik­ti­nern be­setzt wur­de. Ganz be­son­ders küm­mer­te er sich um das ers­te be­ne­dik­ti­ni­sche Klos­ter Kölns, St. Pan­ta­le­on, das er nicht nur grün­de­te, son­dern auch reich­lich aus­stat­te­te. Da­mit lei­te­te er nicht nur die An­sied­lung von be­ne­dik­ti­ni­schen Mön­chen in­ner­halb der Dom­stadt ein, son­dern för­der­te auch die in der Diö­ze­se bis­her un­ter­re­prä­sen­tier­ten Be­ne­dik­ti­ner. Er un­ter­stütz­te zu­dem die Gor­zer Re­form­be­we­gung und eb­ne­te ihr den Weg nach Deutsch­land, da er sie wohl nicht zu­letzt als wirk­sa­mes Mit­tel zur An­bin­dung Lo­tha­rin­gi­ens an das Reich sah.

Ob Brun ei­ne Art Ge­samt­plan für die struk­tu­rel­le Um- und Wei­ter­ge­stal­tung der stadt­köl­ni­schen Kir­che, ist um­strit­ten, si­cher ist je­doch, dass er sie durch sei­ne bau­li­chen Ver­än­de­run­gen und Er­gän­zun­gen nicht un­we­sent­lich und für lan­ge Zeit ge­stal­te­te.

Nicht nur im kirch­li­chen Be­reich war Brun für Köln tä­tig. Ihm ha­ben die Köl­ner Erz­bi­schö­fe mög­li­cher­wei­se die An­fän­ge ih­rer zu­min­dest bis 1288 un­ein­ge­schränk­ten Stadt­herr­schaft zu ver­dan­ken. Durch ei­nen län­ge­ren Pro­zess wur­de Köln gra­fen­frei und der erz­bi­schöf­li­chen Herr­schaft un­ter­stellt, zu der Bann, Zoll und Hoch­ge­richt ge­hör­ten. Au­ßer­dem er­hielt die Rhein­me­tro­po­le die Mün­ze, wenn­gleich re­gel­mä­ßi­ge Prä­gun­gen erst seit der Herr­schaft Erz­bi­schof Pil­grims (1021-1036) be­zeugt sind.

Brun un­ter­stütz­te In­itia­ti­ven der Köl­ner Kauf­leu­te, das Ge­biet des ver­lan­de­ten und tro­cken­ge­leg­ten rö­mi­schen Ha­fens – dem Ge­biet des heu­ti­gen Al­ter so­wie des Heu­markts – in­ten­si­ver zu er­schlie­ßen und zu be­sie­deln. Zu­dem ließ er die Res­te der be­reits lan­ge funk­ti­ons­lo­sen rö­mi­schen Brü­cke zum Deut­zer Kas­tell ab­rei­ßen.

Im Herbst 965 war Brun er­neut in An­ge­le­gen­hei­ten der Fa­mi­lie und des Reichs in Com­pièg­ne un­ter­wegs, um den Streit zwi­schen sei­nem Nef­fen Kö­nig Lo­thar und den Söh­nen Graf Hu­gos von Fran­zi­en (ge­stor­ben 956) zu schlich­ten. Auf der Rück­rei­se starb er am 11.10. 965 in Reims, von wo aus er nach Köln über­führt und in sei­ner Lieb­lings­stif­tung, dem Klos­ter St. Pan­ta­le­on, be­stat­tet wur­de.

Gleich nach sei­nem Tod wid­me­te ihm der in St. Pan­ta­le­on an­säs­si­ge Mönch Ruot­ger ei­ne Vi­ta, die im 12. Jahr­hun­dert um ei­ne wei­te­re aus der Fe­der des Ab­tes Wol­be­ro von St. Pan­ta­le­on (Amts­zeit 1147-1165) er­gänzt wur­de. Eben­falls in die­ser Zeit setz­te ei­ne Ver­eh­rung ein, wenn­gleich die­se wei­test­ge­hend auf St. Pan­ta­le­on be­grenzt blieb. 

Im­mer­hin zähl­te ihn der Zis­ter­zi­en­ser­mön­ch Cä­sa­ri­us von Heis­ter­bach im 13. Jahr­hun­dert zu den Hei­li­gen. Of­fi­zi­ell hei­lig­ge­spro­chen wur­de er erst 1895, nach­dem be­reits 1870 die Se­lig­spre­chung er­folgt war.

Literatur

For­se, Ja­mes Hen­ry, The Po­li­ti­cal Ca­re­er of Arch­bi­shop Bru­no of Co­lo­gne: Ot­to­ni­an Sta­tes­man of Tenth-Cen­tu­ry Ger­ma­ny, Ur­ba­na 1967 (Diss.).

Her­m­ans, Brit­ta, “Sanc­tum eum ad­pri­me virum es­se”. Die Vi­ta Bru­no­nis des Ruot­ger als Bi­schofs­vi­ta, in: GiK 63 (2016), S. 7-32.

Hil­len, Chris­ti­an, Das Erz­bis­tum Köln 8: Die Köl­ner Erz­bi­schö­fe von 787 bis 1099 (Ger­ma­nia Sa­cra. Drit­te Fol­ge xx) (er­scheint 2024).

Lot­ter, Fried­rich, Das Bild Bru­nos I. von Köln in der Vi­ta des Ruot­ger, in: JbKGV 40 (1966), S. 19-40.

Lü­ck­erath, Carl Au­gust, Die Köl­ner Erz­bi­schö­fe von Bru­no I. bis Her­mann II. in An­na­len und Chro­ni­ken, in: Euw, An­ton von / Schrei­ner, Pe­ter (Hg.), Kai­se­rin Theo­pha­nu. Be­geg­nung des Os­tens und Wes­tens um die Wen­de des ers­ten Jahr­tau­sends. Ge­denk­schrift des Köl­ner Schnüt­gen-Mu­se­ums zum 1000. To­des­jahr der Kai­se­rin, Bd. 1, Köln 1991, S. 59-70.

Schwenk, Pe­ter, Brun von Köln (925-965). Sein Le­ben, sein Werk und sei­ne Be­deu­tung, Es­pel­kamp 1995 (Diss.). 

 
Zitationshinweis

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Hillen, Christian, Brun I., in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/brun-i./DE-2086/lido/66461d636199d9.99695297 (abgerufen am 12.07.2024)