Eduard Künneke

Komponist, Dirigent und Pianist (1885–1953)

Karsten Lehl (Düsseldorf)

Porträtfoto von Eduard Künneke. (Akademie der Künste, Berlin, Eduard_Künneke-Archiv Nr. 541)

Edu­ard Kün­ne­ke war ein deut­scher Kom­po­nist, Di­ri­gent und Pia­nist. Vor al­lem sei­ne Ope­ret­ten „Der Vet­ter aus Dings­da“ und „Glück­li­che Rei­se“ sind auf heu­ti­gen Thea­ter­spiel­plä­nen noch häu­fi­ger zu fin­den. In der von ihm be­vor­zug­ten Klan­gäs­the­tik, die Ele­men­te klas­si­scher Mu­sik mit Mo­de­tän­zen sei­ner Zeit zu ver­bin­den such­te, kann sein Schaf­fen als we­sent­li­che Vor­aus­set­zung für den spä­te­ren Er­folg ame­ri­ka­ni­scher Mu­si­cals in Deutsch­land auf­ge­fasst wer­den.

Edu­ard Kün­ne­ke wur­de am 27.1.1885 im nie­der­rhei­ni­schen Em­me­rich ge­bo­ren. Em­me­rich war zu die­sem Zeit­punkt zwar noch ei­ne klei­ne Stadt mit et­wa 10.000 Ein­woh­nern, hat­te aber seit Mit­te des 19. Jahr­hun­derts ei­nen be­deu­ten­den wirt­schaft­li­chen Auf­schwung er­lebt, der zur An­sie­de­lung zahl­rei­cher Un­ter­neh­men führ­te und ei­ne ver­gleichs­wei­se gro­ße bür­ger­li­che Mit­tel­schicht in die Stadt brach­te. Zu die­ser zähl­te auch die Fa­mi­lie Kün­ne­ke als ty­pi­sche Ver­tre­ter: Va­ter Ed­mund Jo­han­nes Kün­ne­ke (ge­bo­ren 1854) stamm­te aus Os­na­brück, war aber als Buch­hal­ter ei­ner phar­ma­zeu­ti­schen Fa­brik nach Em­me­rich ge­kom­men. Sei­ne Frau So­phie Hen­ri­et­te, ge­bo­re­ne Nie­haus (ge­bo­ren 1862), küm­mer­te sich um den Haus­halt. Die Fa­mi­lie war ka­tho­lisch.

Das Mu­sik­le­ben der Stadt war über­schau­bar und die Aus­bil­dung des jun­gen Edu­ard am el­ter­li­chen Kla­vier, das im bür­ger­li­chen Hau­se nicht feh­len durf­te, eher au­to­di­dak­tisch. Der Kom­po­nist selbst schrieb: „Mein ers­ter Lehr­meis­ter war die Dreh­or­gel.“ Der Va­ter hat­te dem 5-jäh­ri­gen Edu­ard das No­ten­le­sen bei­ge­bracht, und so still­te sich der Mu­sik­hun­ger des spä­te­ren Kom­po­nis­ten bald nicht nur mit­hil­fe von Stra­ßen­mu­si­kern, son­dern auch durch die No­ten der klas­si­schen Meis­ter. Nach­dem er mit ge­le­gent­li­cher An­lei­tung durch sei­ne Mut­ter rasch bei den ers­ten Beet­ho­ven-So­na­ten an­ge­langt war, er­hielt er als 8-Jäh­ri­ger end­lich pro­fes­sio­nel­len Kla­vier­un­ter­richt. 

Sei­ne ei­gent­li­che Lei­den­schaft je­doch galt dem Kom­po­nie­ren und der Or­ches­ter­mu­sik. Im­mer­hin gab es im acht Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Kle­ve die Mi­li­tär­ka­pel­le des In­fan­te­rie-Re­gi­ments Nr. 56, die re­gel­mä­ßig im Kur­haus der Stadt kon­zer­tier­te. Dort­hin wan­der­te Edu­ard Kün­ne­ke so oft wie mög­lich und durf­te bald auch mit der Dul­dung des Ka­pell­meis­ters Bli­cke in die Or­ches­ter­stim­men wer­fen so­wie ge­le­gent­lich der Pro­ben­ar­beit bei­woh­nen. Spä­ter kam die Ka­pel­le des in We­sel sta­tio­nier­ten In­fan­te­rie-Re­gi­ments Nr. 57 ge­le­gent­lich für Kon­zer­te nach Em­me­rich, und auch hier hat­te der jun­ge Kün­ne­ke bald das Wohl­wol­len des Mu­sik­meis­ters ge­won­nen. So konn­te er ei­nes Ta­ges heim­lich nach We­sel rei­sen und dort wäh­rend ei­ner Pro­be ein von ihm ver­fass­tes Kon­zert­stück für Or­ches­ter nicht nur hö­ren, son­dern auch „di­ri­gie­ren“ – al­ler­dings hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren und oh­ne Pu­bli­kum. Auch das ka­tho­li­sche Gym­na­si­um in Em­me­rich, das er seit 1895 be­such­te, hat­te ein be­schei­de­nes Schü­ler­or­ches­ter, zu des­sen Lei­ter Kün­ne­ke bald auf­ge­stie­gen war und für das er eif­rig kom­po­nier­te. Lei­der hat der Kom­po­nist selbst sei­ne Ju­gend­wer­ke spä­ter ver­nich­tet, so dass ein klang­li­cher Ein­druck nicht mehr mög­lich ist. Auf­fäl­lig ist je­doch, dass be­reits hier wie spä­ter so oft Auf­füh­run­gen sei­ner Wer­ke un­ter un­güns­ti­gen Vor­zei­chen stan­den. Ob ei­ne Mär­chen­oper „Schnee­witt­chen“, die er als 15-Jäh­ri­ger schrieb, je­mals ge­spielt wur­de, ist un­be­kannt. Si­cher ist, dass sei­ne drei Jah­re spä­ter für die Ab­itur­fei­er ge­plan­te Auf­füh­rung ei­ner Oper mit dem Ti­tel „So­kra­tes“ aus­fal­len muss­te, weil et­li­che der ju­gend­li­chen Mu­si­ker am Abend vor­her so ex­zes­siv ge­fei­ert hat­ten, dass sie nicht ein­satz­fä­hig wa­ren.

Miss­er­fol­ge je­doch schreck­ten Edu­ard Kün­ne­ke nicht ab: Er woll­te Mu­si­ker wer­den und ging zum Kom­po­si­ti­ons­stu­di­um nach Ber­lin, wo er nach er­folg­rei­chen Stu­di­en­jah­ren 1906 in die Kom­po­si­ti­ons-Meis­ter­klas­se von Max Bruch auf­ge­nom­men wur­de. Nach ei­nem Jahr je­doch muss­te Kün­ne­ke das Stu­di­um oh­ne Ab­schluss be­en­den; zu groß war für ihn der Zwang des Geld­ver­die­nens, als dass noch ge­nü­gend Zeit für sein Stu­di­um ge­blie­ben wä­re. Ne­ben Ge­le­gen­heits­ver­diens­ten durch Un­ter­richt und Kla­vier­be­glei­tung di­ri­gier­te er ei­ni­ge der zahl­lo­sen Män­ner­chö­re der Stadt und wur­de schlie­ß­lich 1907 Ka­pell­meis­ter am eben erst er­öff­ne­ten Neu­en Ope­ret­ten-Thea­ter am Schiff­bau­er­damm. Er er­hielt dort ei­nen Ver­trag über drei Jah­re, lös­te die­sen je­doch vor­zei­tig, um sich, wie er selbst spä­ter an­gab, dem Kom­po­nie­ren zu wid­men. In die­se Zeit fiel auch die Ehe­schlie­ßung mit der Ope­ret­ten­dar­stel­le­rin Mar­ga­re­te Pol­kow­ski (ge­bo­ren 1880), die je­doch in ei­ner Schei­dung 1919 ein trau­ri­ges En­de fand. Dass das An­fän­ger­ge­halt sei­nes zu Zei­ten ei­ner Wirt­schafts- und Thea­ter­kri­se ge­schlos­se­nen Ver­tra­ges ein­fach nicht aus­rei­chend war und er sich des­we­gen wie­der dem frei­en Schaf­fen zu­wand­te, mag zu Kün­ne­kes Ent­schei­dung eben­so bei­ge­tra­gen ha­ben wie die Tat­sa­che, dass er von Ma­xi­mi­li­an Mo­ris (1864–1946), Chef­dra­ma­turg der Ko­mi­schen Oper Ber­lin, ein Li­bret­to zur Ver­to­nung an­ge­bo­ten be­kam. Der Kom­po­nist, der sich wohl auch wei­te­re Kar­rie­re­chan­cen durch die Be­kannt­schaft mit Mo­ris er­hoff­te, mach­te sich an die Ar­beit, und am 5.5.1909 fand im Mann­hei­mer Na­tio­nal-Thea­ter die Ur­auf­füh­rung von „Ro­bins En­de“ statt, über die auch in­ter­na­tio­nal als Er­folg be­rich­tet wur­de. Kün­ne­kes Mu­sik wur­de all­ge­mein ge­lobt, je­doch wur­den ge­gen­über Mo­ris‘ Text man­che Ein­wän­de vor­ge­bracht. Dies ist kenn­zeich­nend für Kün­ne­kes Kar­rie­re: Bei vie­len sei­ner Wer­ke ver­hin­der­te ein min­der­wer­ti­ges Text­buch den dau­er­haf­ten Er­folg ei­nes Werks, das zu Be­ginn mit Be­geis­te­rung auf­ge­nom­men wor­den war. Ob es Kün­ne­ke an li­te­ra­ri­schem Sach­ver­stand fehl­te oder er sich zu Kom­po­si­tio­nen ge­zwun­gen sah, um das Ho­no­rar nicht zu ver­lie­ren, muss ei­ne of­fe­ne Fra­ge blei­ben.

Der kurz­zei­ti­ge Er­folg der Oper führ­te Kün­ne­ke un­ver­hofft in ei­ne neue Be­schäf­ti­gung: Im Ju­ni 1910 wur­de er ein­ge­la­den, zwei Ti­tel aus „Ro­bins En­de“ für die Fir­ma Ode­on auf Schall­plat­te zu di­ri­gie­ren, und wo er schon ein­mal da war, über­nahm er im An­schluss an die­se Sit­zung auch noch die Lei­tung zwei­er Ti­tel der be­rühm­ten Ko­lo­ra­tur-So­pra­nis­tin Frie­da Hem­pel (1885–1955). Er mach­te sei­ne Sa­che un­ter die­sen spe­zi­el­len Be­din­gun­gen so gut, dass er di­rekt von der Fir­ma als Di­ri­gent ver­pflich­tet wur­de, und ent­fal­te­te in den kom­men­den Jah­ren ei­ne um­fang­rei­che Tä­tig­keit für die Fir­men Ode­on und spä­ter Fa­vo­ri­te. Al­ler­dings wur­de er als „Haus­di­ri­gen­t“ nicht mit Tan­tie­men an den Schall­plat­ten be­tei­ligt, auch sein Na­me wur­de durch­aus nicht im­mer ge­nannt. Ins­ge­samt dürf­te auch die­se Er­fah­rung ei­ne frus­trie­ren­de ge­we­sen sein, denn Kün­ne­ke er­wähn­te sie in spä­te­ren Jah­ren nur bei­läu­fig – wenn über­haupt.

Von der Mu­sik­wis­sen­schaft bis­lang völ­lig un­be­ach­tet leis­te­te Kün­ne­ke hier den­noch wich­ti­ge Pio­nier­ar­beit: Im Ju­ni 1911 spiel­te er als Ers­ter über­haupt ei­ne voll­stän­di­ge Sym­pho­nie auf Schall­plat­ten ein. Mit der 5. Sym­pho­nie von Lud­wig van Beet­ho­ven wur­den acht Schel­lack­plat­ten-Sei­ten ge­füllt, doch als sie er­schie­nen, wur­de als In­ter­pret le­dig­lich ein „Gro­ßes Ode­on-Streich-Or­ches­ter“ an­ge­ge­ben. Ent­spre­chend wur­den die­se Plat­ten eben­so ver­ges­sen wie Beet­ho­vens 6. Sym­pho­nie und Jo­seph Haydns (1732–1809) „Sym­pho­nie mit dem Pau­ken­schla­g“, die Kün­ne­ke im No­vem­ber 1911 bzw. im März 1913 (aber­mals an­onym) in den Trich­ter di­ri­gier­te. Den Nach­ruhm ern­te­te statt­des­sen Ar­thur Ni­kisch (1855–1922), der „sei­ne“ 5. Beet­ho­vens je­doch erst im No­vem­ber 1913 ein­spiel­te. Et­wa um die­se Zeit kehr­te Kün­ne­ke der Plat­ten­in­dus­trie den Rü­cken und fand nur noch für gut be­zahl­te Ein­spie­lun­gen ei­ge­ner Wer­ke ins Stu­dio zu­rück.

Im No­vem­ber 1913 er­schien Kün­ne­kes zwei­te ko­mi­sche Oper „Co­eur-As“ in Dres­den. Ne­ben ver­ein­zel­ter Em­pö­rung, dass der Kom­po­nist „ei­ni­ge Ma­le be­denk­lich zur Ope­ret­te hin­über­schiel­t“, über­wo­gen freund­li­che Wor­te für die Mu­sik und et­li­che Kri­tik am Li­bret­to. Der Kom­po­nist war im Be­griff, wie­der Di­ri­gent zu wer­den, als der Kriegs­aus­bruch 1914 sei­ne Kar­rie­re zu­nächst un­ter­brach. Als Hor­nist und stell­ver­tre­ten­der Ka­pell­meis­ter ei­nes Cott­bus­ser In­fan­te­rie-Re­gi­ments blieb er von der Front ver­schont, be­vor der Di­rek­tor des Fried­rich-Wil­helm­städ­ti­schen Thea­ters in Ber­lin sei­nen bei Kriegs­aus­bruch ge­ra­de erst ver­pflich­te­ten neu­en Ka­pell­meis­ter 1916 wie­der nach Ber­lin ho­len konn­te. Ne­ben sei­ner Di­ri­gen­ten­tä­tig­keit en­ga­gier­te sich Kün­ne­ke auch im Ver­band der Kon­zer­tie­ren­den Künst­ler Deutsch­lands und ver­such­te nach wie vor, in der „erns­ten“ Mu­sik als Kom­po­nist Fuß zu fas­sen. Im­mer­hin stell­te 1917 das Blüth­ner-Or­ches­ter in Ber­lin sei­ne „Or­ches­ter-Sui­te“ vor, und so­gar der gro­ße Ar­thur Ni­kisch di­ri­gier­te Kün­ne­kes Kon­zer­ta­rie „Se­le­ne an En­dy­mi­on“ in ei­nem Kon­zert der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker. Doch grö­ße­re Er­fol­ge woll­ten sich auch mit dem Sing­spiel „Das Dorf oh­ne Glo­cke“ nicht ein­stel­len, des­sen Ur­auf­füh­rung 1919 dem Kom­po­nis­ten aber zu­min­dest pri­va­tes Glück be­scher­te: 1920 hei­ra­te­te er die Haupt­dar­stel­le­rin des Werks, Ka­tha­ri­na Gar­den (1882–1967), im fol­gen­den Jahr wur­de die ge­mein­sa­me Toch­ter Eva-Su­san­ne (1921–2001) ge­bo­ren.

Im No­vem­ber 1919 er­schien mit „Der Viel­ge­lieb­te“ die ers­te „rich­ti­ge“ Ope­ret­te Kün­ne­kes im Thea­ter am Nol­len­dorf­platz. Schlie­ß­lich kam im April 1921 am glei­chen Ort „Der Vet­ter aus Dings­da“ her­aus. Zum ers­ten Mal hat­te Kün­ne­ke ein Li­bret­to, das sei­ner Qua­li­tät als Kom­po­nist in et­wa ent­sprach, und er­ziel­te mit sei­ner straf­fen, spar­sam in­stru­men­tier­ten und den­noch me­lo­die­se­li­gen Ver­to­nung ei­nen Welt­er­folg, der um­so will­kom­me­ner war, da so in der In­fla­ti­ons­zeit we­nigs­tens ein paar Dol­lar üb­rig­blie­ben, wäh­rend die Ho­no­ra­re für wei­te­re Wer­ke wie „Die Ehe im Krei­se“ oder „Ca­si­no-Girl­s“ sich fast über Nacht in Luft auf­lös­ten. Ein Ver­such, in den USA ei­ne neue Kar­rie­re auf­zu­bau­en, war 1926 auf­ge­ge­ben wor­den. Ber­lin hat­te nun zu­nächst kei­nen Platz mehr für Kün­ne­ke, und sei­ne „La­dy Ha­mil­ton“ wur­de im Sep­tem­ber 1926 in Bres­lau ur­auf­ge­führt. Hier kam es zur Be­geg­nung mit dem Di­ri­gen­ten Franz Mars­za­lek (1900–1975), der sich spä­ter in sei­ner lang­jäh­ri­gen Kar­rie­re nicht zu­letzt beim WDR in Köln im­mer wie­der für Kün­ne­kes Wer­ke ein­setz­te. Die Tan­tie­men von „La­dy Ha­mil­ton“ reich­ten nicht ein­mal aus, um die Schul­den zu be­glei­chen, die auch durch die Über­see­rei­sen be­trächt­lich ge­wach­sen wa­ren. Kün­ne­ke über­spiel­te die zu­neh­men­de Ver­zweif­lung ge­konnt, aber un­ter­zeich­ne­te auch un­güns­tigs­te Ver­trä­ge, die ihn um den Gro­ß­teil sei­ner Tan­tie­men brach­ten, um kurz­fris­tig die Zwangs­ver­stei­ge­rung sei­nes Haus­ra­tes zu ver­hin­dern. Er kom­po­nier­te so­gar in­ko­gni­to ver­schie­de­ne Num­mern für die Re­vue „Im wei­ßen Rö­ßl“, als de­ren Ur­he­ber spä­ter Ralph Be­natz­ky (1884–1957) fir­mier­te – was die­sem im Kol­le­gen­kreis den Spott­na­men „Be­nutz­ky“ ein­brach­te. 

Im Fe­bru­ar 1932 gab es end­lich wie­der ei­ne Kün­ne­ke-Pre­mie­re in Ber­lin. We­ni­ge Jah­re zu­vor war „Li­se­lot­t“ in der Pro­vinz na­he­zu un­be­merkt un­ter­ge­gan­gen, nun wur­de sie mit Kä­the Dorsch (1890–1957) und Gus­taf Gründ­gens (1899–1963) zum nach­hal­ti­gen Er­folg. Im No­vem­ber 1932 wur­de „Glück­li­che Rei­se“ ein wei­te­rer gro­ßer Er­folg: Max Ber­tuch (1890–1943) und Kurt Schwa­bach (1898–1966) hat­ten zeit­kri­ti­sche, fre­che Tex­te ge­lie­fert, die von Kün­ne­ke mit ei­ner kon­ge­nia­len Mu­sik ver­se­hen wur­den und auch die deut­schen Ver­hält­nis­se spöt­tisch aufs Korn nah­men, in­dem die Sicht der süd­ame­ri­ka­ni­schen Ur­ein­woh­ner auf Deutsch­land ge­schil­dert wird: „Sie ha­ben un­gern mit uns et­was zu schaf­fen und hal­ten uns für Af­fen“.

Doch die Po­li­tik mach­te den Er­folg rasch zu­nich­te, denn die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten sorg­ten da­für, dass die Ope­ret­te der jü­di­schen Tex­ter bald von deut­schen Büh­nen ver­schwand. Das nächs­te Werk Kün­ne­kes, „Fahrt in die Ju­gend“, wur­de nur noch in Zü­rich ge­spielt. Zwar konn­te er sich auch in den kom­men­den Jah­ren noch auf Büh­nen prä­sen­tie­ren, teils so­gar an gro­ßen Häu­sern wie et­wa mit „Die gro­ße Sün­de­rin“ 1935 an der Ber­li­ner Staats­oper. Doch der An­schluss an die „neu­e“ Zeit woll­te nicht glü­cken, und auch der seit Jah­ren nach wie vor im Ver­band der Kon­zer­tie­ren­den Künst­ler Deutsch­lands ak­ti­ve Funk­tio­när Kün­ne­ke ge­riet bei Grün­dung der Reichs­mu­sik­kam­mer in noch grö­ße­res Zwie­licht als oh­ne­hin schon, da sei­ne Frau nach nun herr­schen­der Ein­schät­zung ein „jü­di­scher Misch­lin­g“ war. Der Kom­po­nist zog sich im­mer mehr aus dem Ram­pen­licht zu­rück und such­te ver­mehrt Ar­beit beim Film und Trost im Kom­po­nie­ren erns­ter In­stru­men­tal­mu­sik, die nur sel­ten auf­ge­führt wur­de. Doch auch hier muss­te er sich im­mer der glei­chen An­grif­fe er­weh­ren, da er nicht be­reit war, sich von sei­ner Frau zu tren­nen. Ein dro­hen­der Aus­schluss aus der Reichs­film­kam­mer und da­mit die fak­ti­sche Ver­nich­tung sei­ner be­ruf­li­chen Exis­tenz konn­te zwar durch per­sön­li­chen Ein­satz der Re­gis­seu­rin Le­ni Rie­fen­stahl (1902–2003) ver­hin­dert wer­den, doch die stän­di­gen Sor­gen zehr­ten an der Ge­sund­heit des Kom­po­nis­ten eben­so wie an sei­ner Krea­ti­vi­tät. Hin­zu ka­men Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit sei­ner Toch­ter, die als Tän­ze­rin und Sän­ge­rin der „leich­ten Mu­se“ Kar­rie­re ma­chen woll­te, was Va­ter Kün­ne­ke nach sei­nen ei­ge­nen Er­fah­run­gen un­be­dingt zu ver­hin­dern such­te. Doch letzt­lich setz­te sie sich über sei­nen Wil­len hin­weg und brach­te es un­ter dem Künst­ler­na­men Eve­lyn Kün­ne­ke zu be­acht­li­cher und dau­er­haf­ter Be­rühmt­heit. Der Va­ter er­leb­te nur noch die ers­ten Jah­re die­ser Kar­rie­re.

Der Zu­sam­men­bruch des Rei­ches 1945 hät­te für den Kom­po­nis­ten ein Neu­an­fang wer­den kön­nen, doch fehl­te ihm mitt­ler­wei­le die En­er­gie, den wie­der­ent­ste­hen­den Thea­ter­be­trieb mit­zu­ge­stal­ten. Zwar wa­ren sei­ne Wer­ke ge­fragt, doch vie­les Auf­füh­rungs­ma­te­ri­al war im Krieg ver­lo­ren ge­gan­gen. So such­te et­wa der Ver­lag Bo­te & Bock 1947 per Zei­tungs­an­non­ce nach ei­nem Re­gie­buch von „Li­se­lot­t“, da der Ver­lag nach dem Krieg kei­nes mehr be­saß und das Werk da­mit auf der Büh­ne nicht auf­führ­bar war. Kün­ne­ke ver­dien­te auf Gast­spiel­rei­sen das nö­ti­ge Geld, doch viel Freu­de scheint er dar­an nicht ge­habt zu ha­ben. Mit iro­ni­schem Hu­mor schrieb er 1948 in das Gäs­te­buch sei­ner Ge­burts­stadt Em­me­rich ei­ne der be­kann­tes­ten Lied­zei­len aus dem „Vet­ter aus Dings­da“, die je­der seit den 1920er Jah­ren kann­te: „Ich bin nur ein ar­mer Wan­der­ge­sel­l“.

1949 brach­te Gus­taf Gründ­gens in Düs­sel­dorf noch ein­mal ei­ne neue Ope­ret­te mit dem Ti­tel „Hoch­zeit mit Eri­ka“ her­aus – es soll­te Kün­ne­kes letz­tes Büh­nen­werk sein. Die Kri­tik war durch­wach­sen und gleich­sam ein Spie­gel­bild von Kün­ne­kes ers­ten Re­zen­sio­nen. Wur­den al­ler­dings bei sei­nen ers­ten Opern bis­wei­len ope­ret­ten­haf­te Zü­ge kri­ti­siert, so wa­ren es nun opern­haf­te Mo­men­te in der Ope­ret­te. Ei­ne stark ge­kürz­te Film­fas­sung des Werks wur­de schlie­ß­lich ein grö­ße­rer Er­folg als die Büh­nen­ver­si­on. Ei­ne Ab­kehr von der Un­ter­hal­tungs­mu­sik hät­ten Hym­ne, Fu­ge und Cho­ral zur Ein­wei­hung des neu­en Em­me­ri­cher Rat­hau­ses be­deu­ten kön­nen. Im Som­mer 1939 hat­te der Kriegs­aus­bruch des­sen Fer­tig­stel­lung ver­hin­dert; nun wur­de in Wirt­schafts­wun­der-Zei­ten ein wei­te­rer An­lauf ge­nom­men, und im No­vem­ber 1953 woll­te der Stadt­di­rek­tor mit Kün­ne­ke über sei­ne nun 14 Jah­re al­te Fest­mu­sik spre­chen. Doch da­zu kam es nicht mehr: Der schwer herz­kran­ke Kom­po­nist starb am 27.10.1953 im West­ber­li­ner Kran­ken­haus He­ckes­horn. Sein Grab be­fin­det sich auf dem Fried­hof Heer­stra­ße in Ber­lin-Wes­tend. 

Seit 1989 er­in­nert ei­ne Ge­denk­ta­fel an dem Haus Gie­se­brecht­stra­ße 5, in dem Kün­ne­ke von 1939 bis 1953 leb­te, im Ber­li­ner Be­zirk Char­lot­ten­burg-Wil­mers­dorf an den Kom­po­nis­ten. In sei­ner Hei­mat­stadt Em­me­rich so­wie in Hal­le (Saa­le) sind ihm Stra­ßen ge­wid­met. Sein Nach­lass be­fin­det sich im Ar­chiv der Aka­de­mie der Küns­te in Ber­lin.

Werke (Auswahl)

Büh­nen­wer­ke:

Ro­bins En­de, op. 1 (1909)
Faust II – Schau­spiel­mu­sik (1911)
Co­eur-As, op. 2 (1913)
Das Dorf oh­ne Glo­cke, op. 10 (1919)
Wenn Lie­be er­wacht, op. 12 (1920)
Der Vet­ter aus Dings­da, op. 13 (1921)
Die Ehe im Krei­se, op. 14 (1921)
Ca­si­no-Girls, op. 17 (1923)
The Love Song (1924)
La­dy Ha­mil­ton, op. 23 (1926)
Li­se­lott, op. 24 [a] (1927/1932)
Glück­li­che Rei­se, op. 29 (1932)
Die lo­cken­de Flam­me, op. 32 (1933)
Die gro­ße Sün­de­rin, op. 37 (1935)
Traum­land, op. 49 (1941)
Hoch­zeit mit Eri­ka, op. 59 (1949)

Wer­ke für den Kon­zert­saal:

Zi­geu­ner­wei­sen (1907)
Lie­der des Pier­rot, op. 3 (cir­ca 1914)
Sui­te für Or­ches­ter, op. 4 (cir­ca 1915) Fle­gel­jah­re. Drei Or­ches­ter­stü­cke nach dem gleich­na­mi­gen Ro­man von Jean Paul, op. 7 (cir­ca 1917) Tän­ze­ri­sche Sui­te. Con­cer­to Gros­so in 5 Sät­zen für Jazz-Band und gro­ßes Or­ches­ter, op. 26 (1929)
Kla­vier­kon­zert Nr. 1 As-Dur, op. 36 (1929/1935)
Ro­man­ti­sche Ou­ver­tu­re (1935)
Löns-Lie­der-Sui­te (1937)
Sal­ta­rel­lo für Or­ches­ter, op. 44 (1940)

Film­mu­sik

Ei­ne Nacht in Lon­don (1928)
Es gibt nur ei­ne Lie­be (1933)
Drei blaue Jungs – ein blon­des Mä­del (1933)
Das Blu­men­mäd­chen vom Grand-Ho­tel (1934)
Ein Lied klagt an (1936)
Tan­zen­des Herz (1939)
Wenn der jun­ge Wein blüht (1943) 

Literatur

Mül­ler, Sa­bi­ne: Edu­ard Kün­ne­ke: Le­ben und Werk, Köln 2016.
Schnei­de­reit, Ot­to: Edu­ard Kün­ne­ke: der Kom­po­nist aus Dings­da, Ber­lin 1978.
Vio­la, Karl: Edu­ard Kün­ne­ke: Kom­po­nis­ten­por­trait und Werk­ver­zeich­nis, Ber­lin 1995.
Würz, An­ton, Kün­ne­ke, Edu­ard, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 13 (1982), S. 223-224. 

 
Zitationshinweis

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Lehl, Karsten, Eduard Künneke, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/eduard-kuenneke-/DE-2086/lido/60c73b89bc5969.18877352 (abgerufen am 20.09.2021)