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Elisabeth von Schönau, geboren um 1129 bei Köln, war eine Mystikerin und Nonne im benediktinischen Doppelkloster Schönau (heute: Strüth in Rheinland-Pfalz). Bekannt geworden ist Elisabeth, eine Zeitgenossin der ungleich bekannteren Hildegard von Bingen (1098-1171), mit ihren Visionen und religiösen Erscheinungen. Diese geben zudem ansonsten selten überlieferte Einblicke in das Leben in einem Doppelkloster. Elisabeth starb 1164/1165 und wird bis heute im Bistum Limburg als Heilige verehrt.
Elisabeth entstammte einer rheinischen Adelsfamilie, von der relativ wenig bekannt ist. Väterlicherseits wird der Name eines Onkels, Helid, genannt, der zusammen mit dem Bruder der Mutter (Theoderich) in einer Fegefeuervision Elisabeths namentlich erwähnt wird. Mütterlicherseits als Verwandter bekannt ist Bischof Egbert von Münster (Episkopat 1127-1132), ein Parteigänger und reformorientierter Berater Kaiser Lothars III. (1075-1137, König 1125-1137/Kaiser 1133-1137). Egbert, der bezeichnenderweise in den Visionen Elisabeths mehrfach erwähnt wird, tat sich während seines Episkopats auch bei der Reform von Frauenklöstern und -stiften hervor. Ruother, Propst des Prämonstratenserstiftes Pöhlde (Harz), ist als Bruder der Mystikerin namentlich bekannt. Grundlegend für den klösterlichen Werdegang Elisabeths und vor allem ihre Visionen sollte sich aber ein weiterer Bruder erweisen: Ekbert (Egbert) von Schönau (um 1120 bis 1184), der vor seinem Eintritt in das Doppelkloster Schönau, der um 1155 erfolgt sein dürfte, Kanoniker am Bonner Cassiusstift war und vermutlich mit dem späteren Kölner Erzbischof Rainald von Dassel in Paris studiert hatte, wurde Mitte der 1160er Jahre selbst Abt des Schönauer Männerkonvents. Er zeichnete die Visionen Elisabeths auf und redigierte diese, was auch für die vor seinem Klostereintritt erfolgten Visionen Elisabeths gilt. Dessen ungeachtet schrieb Elisabeth, die im Übrigen ihren visionären Engel, lateinisch zu ihr sprechend, verstehen konnte und selbst lateinisch zu lesen imstande war, einen Teil ihrer frühen Visionen auch selbst auf. Dennoch sind die Bearbeitungen Ekberts speziell in den späteren Visionen Elisabeths deutlich - noch mehr aber der Einfluss als klösterlicher Mentor und „Fragesteller“, der damit seine Schwester in bestimmte Richtungen lenkte und mehr oder minder auch zu Offenbarungen gleichsam gezwungen hat. Ekbert ist neben seiner Rolle als Abt, Mentor und Bearbeiter der Visionen Elisabeths von Schönau selbst mit mehreren eigenen Schriften und Traktaten sowie mit Predigten gegen die Katharer hervorgetreten. Vermutlich ebenfalls eine wichtige Rolle im Doppelkloster Schönau spielte der Neffe Elisabeths, Simon. Er ist Autor eines Briefs über Elisabeth, in dem er als dei gratia minister servorum et ancillarum Christi in Sconaugia bezeichnet wird. Simon fungierte um 1197/1198 als Abt des Doppelklosters; 1165-1185/86 war er bereits Propst des Kölner Gereonstifts gewesen.
Elisabeth von Schönau, die einzige bekannte spätmittelalterliche Darstellung Elisabeths aus dem jüngeren Elisabeth Codex, spätes 15. Jahrhundert. (Hochschul- und Landesbibliothek RheinMain)
Elisabeth wurde wohl 1141 oder 1142, im Alter von zwölf Jahren, an das nur wenige Jahre zuvor gegründete benediktinische Doppelkloster Schönau gegeben. Hier legte sie fünf Jahre später die Profess ab und fungierte ab 1157 bis zu ihrem Tod auch als Leiterin (Magistra) des Frauenkonvents. Ihr asketisch geprägtes Klosterleben war von Krankheiten und depressiven Perioden geprägt, namentlich aber von zahlreichen Visionen und Offenbarungen, die im Alter von 23 Jahren (1152) einsetzten und bis zu ihrem Tod (18. Juni, vermutlich 1164 bzw. 1165) andauerten. Der Bericht zum Tod Elisabeths, den Ekbert verfasste, gibt detailliert Auskunft über die letzten Tage der Mystikerin, deren zentrale Rolle für das gesamte Doppelkloster sowie das Begräbnis selbst. Dieses erfolgte in der Klosterkirche (des Männerkonvents), im Beisein der Nonnen des Doppelklosters, neben dem Altar der heiligen Jungfrauen. Ende des 15. Jahrhunderts wurde das Grab Elisabeths in einer eigenen Kapelle an der Nordseite der Kirche neu angelegt (Elisabethkapelle), die aber heute nicht mehr vorhanden ist. Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Kloster geplündert, wobei auch das Grab Elisabeths zerstört wurde. Die Überreste Elisabeths befinden sich heute in dem ihr geweihten Altar in der ehemaligen Klosterkirche. Obgleich Elisabeth nie kanonisiert worden ist, wird sie bis heute im Bistum Limburg als Heilige verehrt (Gedenktag 18. Juni). Ihre Verehrung nach ihrem Tod beschränkte sich wesentlich auf das Rheinland, was auch ihre Reliquien unter anderem in Köln, Andernach und Mainz bezeugen. Weit nach Ende des Mittelalters fanden im Barock und sogar im reformierten Pietismus ihre Werke nochmals einiges Interesse, 1584 erfolgte die formale Aufnahme in das „Martyrologium Romanum“.
Im Mittelalter selbst waren die Schriften Elisabeths, darunter (neben knapp 20 Briefen von ihr) der „Liber Visionum“, die zwischen 1156 und 1159 entstandenen Visionszyklen sowie ein kleineres Werk über die Auferstehung Mariens, relativ weit verbreitet. Die Ursula-Offenbarungen Elisabeths, 1156/1157 entstanden, hatten freilich die mit Abstand größte Verbreitung. Es handelt sich hierbei um eine phantasievolle Erweiterung der Legende der heiligen Ursula und ihrer elftausend Jungfrauen. Alles in allem sind die Werke und Visionen Elisabeths in über 150 Handschriften überliefert (davon circa 50 Handschriften mit Sammlungen ihrer Werke, ansonsten Einzelüberlieferungen). Neben dem rheinischen Raum ist der Anteil des nordfranzösisch-niederländischen Gebiets bei der Herkunft der Handschriften beachtlich, wobei der Anteil von Klöstern der Benediktiner und Zisterzienser hervorzuheben ist. Die Ursula-Offenbarungen der Mystikerin liegen in über 80 Handschriften vor und fanden Eingang in hagiographische Werke und Textsammlungen. Das ebenfalls vergleichsweise weit verbreitete Werk über die Auferstehung Mariens ist im 13. Jahrhundert sogar ins Alt-Isländische übertragen worden.
Reliquiar auf dem Altar der Heiligen Elisabeth in dem die Schädeldecke Elisabeths aufbewahrt wird, Klosterkirche Sankt Florin, Kloster Schönau im Taunus, 2017, Foto: Joachim Schäfer. (CC BY-SA 4.0/ Joachim Schäfer)
Die Visionen und Werke Elisabeths, ebenso der Todesbericht, bieten auch einen exemplarisch guten Einblick in das Leben in einem hochmittelalterlichen Doppelkloster der Benediktiner. Während die meisten Doppelkommunitäten nach relativ kurzer Zeit wieder aufgehoben worden und die Frauenkonvente dabei quellenmäßig schlecht zu fassen sind, bestand Schönau als Doppelkloster bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts, was der Frauenkonvent sicherlich auch der Rolle der Mystikerin und Heiligen für das Gesamtkloster verdankte. Über die 1606/1607 erfolgte Aufhebung des Schönauer Frauenkonvents durch die Grafen von Nassau berichten die Bursfelder Rezesse des Generalkapitels nichts. Das Männerkloster, dem der Besitz des Frauenkonvents einverleibt worden war, sollte im Andenken an die Wohltäter des Nonnenklosters einige Kinder religiös erziehen und Messen lesen lassen; eine Schönauer Nonne wandte sich noch 1628 wegen ihres Unterhalts in einer Supplik an das Generalkapitel. 1803 wurde dann schließlich auch das Männerkloster Schönau aufgelöst. Gerade die Aufarbeitung der Geschichte des Doppelklosters ist noch ein Desiderat der Forschung. Eine Neubesiedlung des Klosters nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch heimatvertriebene Prämonstratenser aus Tepl (Böhmen) endete bereits 1974 wieder.
Abbildung der Äbtissin Elisabeth von Schönau im Kreuzgang des Klosters Goldenkron in Tschechien, zwischen 1775-1785 entstanden, 2022, Foto: Wolfgang Sauber. (CC BY-SA 4.0/ Wolfgang Sauber)
In den letzten Jahrzehnten haben Leben und Werk Elisabeths von Schönau, auch im Vergleich zur Mystik ihrer älteren (und bis heute erheblich bekannteren) Zeitgenossin Hildegard von Bingen, eine gewisse „Renaissance“ erlebt. Dies gilt auch für neue Editionen bzw. Übertragungen der Visionen und Werke der Schönauer Mystikerin, die sogar als Hauptfigur eines biographischen Romans in Erscheinung tritt.
Mit der Mystikerin Elisabeth von Schönau hat das auf dem Einrich gelegene Doppelkloster Schönau eine Person hervorgebracht, deren Werk aus vielen Gründen mehr Aufmerksamkeit verdient. Ihre im Mittelalter noch weit verbreiteten Visionen stellen eine aufschlussreiche Quelle für das Doppelkloster dar. Sie ermöglichen wertvolle Einblicke in den Alltag einer benediktinischen Doppelkommunität, ihre religiöse Praxis sowie die klösterlichen Ämter – zumal aus den meisten anderen Doppelklöstern nur spärliche oder gar keine Nachrichten über die Frauenkonvente überliefert sind. Eine Darstellung des Klosters Schönau müsste die Visionen Elisabeths auch unter diesem Gesichtspunkt würdigen und der sonstigen Überlieferung zur Seite stellen.
Quellen
Clark, Anne L. (Bearb.), Elisabeth of Schönau. The complete works, New York, Mahwah 2000.
Dinzelbacher, Peter (Bearb.), Elisabeth von Schönau. Werke, Paderborn u.a. 2006.
Roth, Friedrich Wilhelm Emil (Hg.), Das Gebetbuch der heiligen Elisabeth von Schönau, Augsburg 1886 (Nachdruck: Norderstedt 2017).
Roth, Friedrich Wilhelm Emil (Hg.), Die Visionen der hl. Elisabeth von Schönau und die Schriften der Aebte Ekbert und Emecho von Schönau, Brünn 1884 (Nachdruck: Norderstedt 2021).
Literatur
Artikel „Elisabeth von Schönau“, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, Band 2, 2. Auflage, Berlin/New York 1979, Sp. 488-494.
Artikel „Elisabeth von Schönau“, in: Lexikon des Mittelalters, Band 3, München, Zürich, 1986, Sp. 1842-1843.
Artikel „Schönau“, in: Jürgensmeier, Friedhelm (Hg.), Germania Benedictina, Band 9: Rheinland-Pfalz und Saarland, St. Ottilien 1999, S. 728-756.
Clark, Anne L., Elisabeth of Schönau. A Twelfth-Century Visionary, Philadelphia 1992. Dinzelbacher, Peter, Die Offenbarungen der Elisabeth von Schönau. Bildwelt, Erlebnisweise und Zeittypisches, in: Dinzelbacher, Peter (Hg.), Mittelalterliche Frauenmystik, Paderborn u.a. 1993, S. 78-101.
El Kholi, Susann, Ekberts von Schönau Trostschreiben De Obitu Domine Elisabeth. Eine Quelle zu Elisabeth von Schönau, in: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 52 (2000), S. 315-363.
Kemper, Joachim, Das benediktinische Doppelkloster Schönau und die Visionen Elisabeths von Schönau, in: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 54 (2002), S. 55-102.
Kloft, Matthias/Müller, Dominik (Hg.), Wie die 11.000 Jungfrauen nach Köln kamen. Elisabeth von Schönau, eine Seherin aus dem Taunus. Eine Ausstellung des Diözesanmuseums Limburg, 15. Juli bis 23. Oktober 2016, Limburg 2016.
Köster, Kurt, Elisabeth von Schönau. Leben, Persönlichkeit und visionäres Werk, in: Schönauer Elisabeth-Jubiläum 1965, S. 17-46.
Köster, Kurt, Elisabeth von Schönau. Werk und Wirkung im Spiegel der mittelalterlichen handschriftlichen Überlieferung, in: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 3 (1951), S. 243-315.
Schaller, Christa-Maria, Die Seherin. Ein biographischer Roman zu Elisabeth von Schönau, Jena 2013.
Schönauer Elisabeth-Jubiläum 1965. Festschrift anläßlich des achthundertjährigen Todestags der heiligen Elisabeth von Schönau, Schönau 1965.
Offenbarungen Hildegards von Bingen und Elisabeths von Schönau. (Bayerische Staatsbibliothek)
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Kemper, Joachim, Elisabeth von Schönau, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/elisabeth-von-schoenau/DE-2086/lido/6a4ccc4673e068.27777895 (abgerufen am 07.09.2026)
Veröffentlicht am 25.08.2026