Gerhard Chorus

Ritter, Aachener Bürgermeister, Diplomat und Schöffe (um 1285-1367)

Ingo Deloie

Urkunde von Papst Benedikt XII. aus dem Jahr 1335 mit einem Ablass für Gerhard Chorus (unten links) und seine Frau Katharina (unten rechts), dem er den Kloster Burtscheid bei Aachen gewährte. (LAV NRW R, AA 0183 Burtscheid, Urkunden Nr. 170)

Rit­ter Ger­hard Cho­rus war der ver­mut­lich be­kann­tes­te Aa­che­ner Bür­ger­meis­ter des Spät­mit­tel­al­ters. Als städ­ti­scher Ge­sand­ter und Mo­der­ni­sie­rer der Aa­che­ner Ver­fas­sung er­warb er sich gro­ße Ver­diens­te um sei­ne Hei­mat­stadt, in der er als Vogt­mei­er und Schöf­fe auch in der Recht­spre­chung wirk­te. Als Pro­vi­sor ver­schie­de­ner Spi­tä­ler und als Christof­fel der Scher­pt­or­graf­schaft hat­te er wei­te­re be­deu­ten­de Äm­ter in­ne.

Der Na­me Cho­rus ist seit dem ers­ten Drit­tel des 13. Jahr­hun­derts in Aa­chen nach­weis­bar. Ver­mut­lich ge­hö­ren al­le in Aa­chen nach­weis­ba­ren Trä­ger die­ses Na­mens zu ei­ner Fa­mi­lie, ob­wohl sich der Ver­wandt­schafts­grad der ein­zel­nen Fa­mi­li­en­mit­glie­der nicht nä­her be­stim­men lässt. Im 13. Jahr­hun­dert tre­ten sie in Ur­kun­den als Zeu­gen auf, sind je­doch nicht in wich­ti­gen Äm­tern nach­weis­bar. In den 1320er Jah­ren ge­lingt ei­ni­gen Fa­mi­li­en­mit­glie­dern der Auf­stieg in den Schöf­fen­stuhl und in das Amt des Vogt­mei­ers, der dem herr­schaft­li­chen Ge­richt Aa­chens vor­stand. An­de­re, wie Ger­hard Cho­rus, stie­gen über die Ge­mein­de­ver­wal­tung und das Amt des Bür­ger­meis­ters auf.

Ger­hard wur­de ver­mut­lich zwi­schen 1285 und 1290 ge­bo­ren. We­der die Na­men sei­ner El­tern noch die Le­bens­um­stän­de, in de­nen er sei­ne Ju­gend ver­brach­te, sind be­kannt. Auch lässt sich nicht mit Ge­wiss­heit sa­gen, ob er Ge­schwis­ter hat­te. Das Amt ei­nes Aa­che­ner Bür­ger­meis­ters, das je­weils am 25. Mai zwei durch Wahl be­stimm­te Mit­glie­der des Ra­tes für ein Jahr über­nah­men, hat Ger­hard si­cher 1324/1325, 1325/1326, 1327/1328, 1338/1339 und 1346/1347 in­ne­ge­habt. Für ei­ne sechs­te Amts­pe­ri­ode in den Jah­ren 1340-1342 gibt es star­ke In­di­zi­en. Da die Lis­te der be­kann­ten Aa­che­ner Bür­ger­meis­ter für die ers­te Hälf­te des 14. Jahr­hun­derts grö­ße­re Lü­cken auf­weist, könn­te er das Amt noch öf­ter be­klei­det ha­ben.

Als Bür­ger­meis­ter un­ter­nahm Ger­hard zahl­rei­che Ge­sandt­schaf­ten zu reichs­ge­schicht­lich be­deu­ten­den Hof­ta­gen Kai­ser Lud­wigs des Bay­ern (1282-1347, rö­misch-deut­scher Kö­nig ab 1314, Kai­ser ab 1328), wo­durch ihm der so­zia­le Auf­stieg ge­lang. Ver­mut­lich An­fang De­zem­ber 1331 er­hob ihn der Kai­ser auf ei­nem kai­ser­li­chen Hof­tag zu Frank­furt in den Rit­ter­stand. Das Jahr 1338 mar­kiert ei­nen Hö­he­punkt sei­ner di­plo­ma­ti­schen Tä­tig­keit: Ger­hard nahm an zwei Hof­ta­gen in Frank­furt teil, die sich mit dem Kon­flikt Lud­wigs des Bay­ern mit dem Papst­tum be­fass­ten. Au­ßer­dem zog er im kai­ser­li­chen Tross von Frank­furt nach Ko­blenz, wo er am 5. Sep­tem­ber ver­mut­lich Au­gen­zeu­ge des glän­zen­den Hof­fes­tes wur­de, mit dem Kai­ser Lud­wig und Kö­nig Edu­ard III. von Eng­land 1312-.1377, Kö­nig 1327-1377) ihr Bünd­nis ge­gen den Kö­nig von Frank­reich fei­er­ten. Un­ter Ger­hards Ver­hand­lungs­füh­rung hielt Aa­chen Kai­ser Lud­wig im Kon­flikt mit der Kir­che lan­ge die Treue. Die­ser be­lohn­te die Stadt da­für mit der wie­der­hol­ten Be­stä­ti­gung städ­ti­scher Pri­vi­le­gi­en. Ob er die­se Treue kon­kret mit der Per­son Ger­hards ver­knüpf­te, ist un­ge­wiss. Die ver­schie­dent­lich un­ter­nom­me­nen Ver­su­che, ein Art Freund­schaft Ger­hards mit dem Wit­tels­ba­cher zu kon­stru­ie­ren, fin­den in den Quel­len kei­ne Ent­spre­chung. Viel­mehr war die Be­zie­hung in ers­ter Li­nie von po­li­ti­schen In­ter­es­sen ge­prägt und be­zog ih­re Sta­bi­li­tät aus ih­rer Nütz­lich­keit für bei­de Sei­ten.

Nicht zu­letzt der Auf­stieg des Lu­xem­bur­gers Karl IV. (1316-1378, ab 1346 rö­misch-deut­scher Kö­nig, ab 1355 Kai­ser) zeigt je­doch, dass auch der Treue Aa­chens zu den Wit­tels­ba­chern Gren­zen ge­setzt wa­ren. Als sich die po­li­ti­sche Si­tua­ti­on 1346 zu­spitz­te, ver­han­del­te Ger­hard in Köln erst­mals mit den Un­ter­stüt­zern Karls über die Be­din­gun­gen sei­ner Wahl und so­wie der An­er­ken­nung sei­ner Krö­nung in Aa­chen. Zwar ver­blieb die Stadt zu­nächst auf Sei­ten Kai­ser Lud­wigs, als Karl am 11.7.1346 in Rhens zum Ge­gen­kö­nig er­ho­ben wur­de. Doch spä­tes­tens nach Lud­wigs über­ra­schen­den Tod am 11.10.1347 voll­zog Aa­chen ei­nen Wech­sel sei­ner Po­li­tik. Nach­dem fast al­le be­deu­ten­den Fürs­ten im Nord­wes­ten des Rei­ches ein­schlie­ß­lich der Stadt Köln in das La­ger Karls IV. ge­wech­selt wa­ren, lo­te­te Ger­hard im Früh­ling 1349 an der Spit­ze ei­ner Aa­che­ner De­le­ga­ti­on beim Mark­gra­fen von Jü­lich er­neut die Be­din­gun­gen für ei­nen Über­tritt Aa­chens auf die Sei­te Karls aus. Of­fen­bar war Ger­hard nicht be­reit, für den po­li­tisch ins Hin­ter­tref­fen ge­ra­te­nen Kan­di­da­ten der wit­tels­ba­chi­schen Par­tei, Gün­ther von Schwarz­burg (1304-1349, Ge­gen­kö­nig 1349), die Un­ver­sehrt­heit und die In­ter­es­sen Aa­chens aufs Spiel zu set­zen. Am 25.7.1349 öff­ne­te Aa­chen schlie­ß­lich Karl IV. die To­re und gab den Weg für des­sen Krö­nung in der Aa­che­ner Ma­ri­en­kir­che frei.

Ein wei­te­rer wich­ti­ger di­plo­ma­ti­scher Er­folg, der 1357 mit Be­tei­li­gung Ger­hards zu­stan­de kam, war der Ab­schluss ei­nes Land­frie­dens­bun­des zwi­schen Maas und Rhein zwi­schen dem Erz­bi­schof Köln, den Her­zö­gen von Loth­rin­gen, Lim­burg und Bra­bant so­wie den Städ­ten Köln und Aa­chen. Un­ter den Aus­stel­lern der Aa­che­ner Ur­kun­de vom 28.7.1351 steht Ger­hard an der Spit­ze der Aa­che­ner Wür­den­trä­ger. Letzt­lich be­wei­sen sei­ne zahl­rei­chen Ge­sandt­schaf­ten an den Hof des Kai­sers und an­de­rer reichs­po­li­tisch be­deu­ten­der Fürs­ten, dass Ger­hard das Ver­trau­en des Aa­che­ner Ra­tes ge­noss, zu­mal er auch noch zu sol­chen Mis­sio­nen be­stellt wur­de, als er das Amt des Bür­ger­meis­ters nicht be­klei­de­te.

Ger­hard mach­te meh­re­re Stif­tun­gen zu­guns­ten be­deu­ten­der Aa­che­ner Kir­chen und Klös­ter. Der Aa­che­ner Ma­ri­en­kir­che stif­te­te er ei­ne See­len­mes­se für sich und sei­ne Frau Ka­tha­ri­na je­weils am Tag nach Al­ler­see­len. Ähn­li­che Stif­tun­gen er­folg­ten zu­guns­ten des Adal­bert­stifts, des Hei­lig-Geist-Spi­tals und der Klös­ter der Au­gus­ti­ner und Do­mi­ni­ka­ner. War­um die Stif­tun­gen al­le am 13.1.1353 er­folg­ten, ist un­klar. Viel­leicht hat die Er­fah­rung der Pest, die Aa­chen En­de 1349 er­fasst hat­te, ei­ne Rol­le ge­spielt. Doch er­folg­ten die­se Stif­tun­gen si­cher­lich auch aus in­ne­rer Über­zeu­gung, denn be­reits am 11.1.1335 hat­ten Ger­hard und sei­ne Frau Ka­the­ri­na für die Zis­ter­zi­en­se­rin­nen­ab­tei Burt­scheid an der päpst­li­chen Ku­rie in Avi­gnon ei­nen Sam­mel­ab­lass er­wirkt. Laut dem Text der Ur­kun­de ge­währ­te der Papst al­len Per­so­nen 40 Ta­ge Ab­lass, die an ver­schie­de­nen kirch­li­chen Fei­er­ta­gen die Ab­tei­kir­che be­su­chen, ihr ei­ne Wohl­tat er­wie­sen und für Ger­hard und sei­ne Gat­tin Ka­the­ri­na be­te­ten. Die Ur­kun­de zeigt ne­ben Dar­stel­lun­gen von Chris­tus und Jo­han­nes dem Täu­fer, ei­nem der Pa­tro­ne der Ab­tei Burt­scheid, ei­ne männ­li­che und weib­li­che Fi­gur, die als Ger­hard Cho­rus und Ka­the­ri­na be­zeich­net sind. Dass die­se Dar­stel­lun­gen dem tat­säch­li­chen Aus­se­hen der Ehe­leu­te ent­spra­chen, ist al­ler­dings un­wahr­schein­lich. Viel­mehr ba­siert die Ur­kun­de auf ei­nem vor­ge­fer­tig­ten For­mu­lar, das nach den spe­zi­el­len Wün­schen der Bitt­stel­ler künst­le­risch ge­stal­tet wur­de. In der Hoff­nung auf sein See­len­heil und zur För­de­rung der Burt­schei­der Ab­tei wird Ger­hard die Kos­ten für die­ses auf­wen­di­ge Do­ku­ment be­zahlt ha­ben. Dar­über hin­aus scheint er zeit­le­bens gu­te Be­zie­hun­gen zu der Ab­tei ge­pflegt zu ha­ben, denn ne­ben dem Ab­lass stif­te­te er ihr noch ei­nen jähr­li­chen Zins von fünf Mark und 40 Schil­lin­gen.

In den Jah­ren 1332-1338 stand Ger­hard als Vogt­mei­er dem in Aa­chen an­ge­sie­del­ten herr­schaft­li­chen Ge­richt vor. Er dürf­te al­so über gu­te Be­zie­hun­gen zum Gra­fen von Jü­lich ver­fügt ha­ben, der die Aa­che­ner Vog­tei und Meie­rei in sei­ner Hand ver­ei­nig­te. Der Graf von Jü­lich üb­te die­se Äm­ter nicht selbst aus, son­dern ließ sich dar­in von ei­nem Aa­che­ner Bür­ger ver­tre­ten, der im Ge­gen­satz zu Ger­hard im All­ge­mei­nen aus ei­ner Schöf­fen­fa­mi­lie stamm­te.

Als Bür­ger­meis­ter des Jah­res 1338 dürf­te Ger­hard auch an der Ord­nung für das städ­ti­sche Kur­ge­richt be­tei­ligt ge­we­sen sein, die am 22. De­zem­ber vom Aa­che­ner Rat ver­ab­schie­det wur­de und in ur­kund­li­cher Form über­lie­fert ist. Die­se „Schöp­fung städ­ti­scher Au­to­no­mie“ (Franz Schol­len), die als Straf­ge­richt in Kon­kur­renz zum Schöf­fen­ge­richt trat, soll­te für Frie­den und Ru­he in der Stadt sor­gen. Es fäll­te sei­ne Ur­tei­le nach Sta­tu­ten, die sich die Stadt selbst ge­ge­ben hat­te.

In der Spät­pha­se sei­nes Le­bens be­geg­net Ger­hard vor al­lem als Schöf­fe am herr­schaft­li­chen Ge­richt in Aa­chen, an dem er be­reits als Vogt­mei­er ge­wirkt hat­te. In die­sem Amt ist er erst­mals in ei­ner Ur­kun­de vom 8.1.1356 nach­weis­bar. Er hat es, wie da­mals üb­lich, bis zu sei­nem Tod be­klei­det. Als Schöf­fe war er für zi­vil­recht­li­che An­ge­le­gen­hei­ten wie Erb­schaf­ten und Ver­pach­tun­gen, Ver­pfän­dun­gen und Schen­kun­gen so­wie Nach­bar­schafts­strei­tig­kei­ten zu­stän­dig. Hin­zu ka­men wohl auch straf­recht­li­che An­ge­le­gen­hei­ten, wenn­gleich hier­für Be­le­ge feh­len. Zu­sam­men mit ei­ni­gen Mit­schöf­fen hat er 1360 und 1363 den Ver­such un­ter­nom­men, Strei­tig­kei­ten im Schöf­fen­kol­le­gi­um, die sich of­fen­bar am Ver­fah­ren zur per­so­nel­len Er­gän­zung der Schöf­fen­bank ent­zün­det hat­ten, durch ver­pflich­ten­de Ver­ein­ba­run­gen zu schlich­ten. Sei­nem Wir­ken ist es zu ver­dan­ken, dass sich das Gre­mi­um zu­neh­mend auch für Per­so­nen öff­ne­te, die nicht aus Schöf­fen­fa­mi­li­en stamm­ten. Um­ge­kehrt tau­chen die Schöf­fen in der Kur­ge­richts­ord­nung erst­mals als Mit­glie­der des Aa­che­ner Ra­tes auf, was lang­fris­tig die Ver­schmel­zung der An­ge­hö­ri­gen die­ser In­sti­tu­tio­nen zu ei­ner neu­en Aa­che­ner Füh­rungs­schicht führ­te. Ne­ben sei­ner Tä­tig­keit als Schöf­fe üb­te Ger­hard seit 1364 auch das Amt des Christof­fels der Scher­ptor-Graf­schaft aus. Da­mit war er ver­ant­wort­lich für die Ver­tei­di­gung die­ses Aa­che­ner Wehr­be­zirks ge­gen äu­ße­re Fein­de, die In­stand­hal­tung sei­ner Wehr­an­la­gen und den Schutz ge­gen Feu­ers­brüns­te. Be­legt ist er zu­dem als Pro­vi­sor des Hei­lig-Geist-Spi­tals und des Gast­hau­ses am Ra­der­markt. Als sol­cher war er für die Be­gut­ach­tung und Kon­trol­le der Fi­nan­zen die­ser In­sti­tu­tio­nen zu­stän­dig.

Am 20.4.1367, ei­nem Diens­tag, ist Ger­hard Cho­rus ge­stor­ben. Er­kenn­ba­re Nach­kom­men hat er nicht hin­ter­las­sen. Die um­fang­rei­chen Kir­chen­stif­tun­gen und das der Stadt Aa­chen ge­gen ei­ne jähr­li­che Leib­ren­te in Hö­he von 250 Mark über­las­se­ne Ka­pi­tal ma­chen Kin­der un­wahr­schein­lich, zei­gen je­doch, dass er ein wohl­ha­ben­der Mann ge­we­sen war. Ne­ben zahl­rei­chem Grund­be­sitz in Aa­chen und Um­ge­bung, den er teil­wei­se ver­pach­tet hat­te, wa­ren ihm aus sei­nen ver­schie­de­nen Tä­tig­kei­ten als Rats­herr, Bür­ger­meis­ter, Vogt und Schöf­fe zahl­rei­che Ein­künf­te zu­ge­flos­sen.

Be­gra­ben wur­de Ger­hard Cho­rus in der Vor­hal­le des heu­ti­gen Doms an ei­ner be­son­ders aus­ge­zeich­ne­ten Stel­le. Ei­ne 1913 dort an­ge­brach­te Bron­ze­plat­te gibt den Wort­laut der von dem früh­neu­zeit­li­chen Aa­che­ner Ge­schichts­schrei­ber Pe­trus à Beeck (ge­stor­ben 23.2.1624) über­lie­fer­ten Grab­in­schrift wie­der:

Ger­hard Cho­rus, ein we­gen sei­ner Vor­zü­ge be­rühm­ter Rit­ter, viel­fach wohl­tä­tig, Ver­bre­chen ließ er nicht un­ge­sühnt, beim Vol­ke hoch an­ge­se­hen, dem Kle­rus ge­gen­über mild wie ein Lamm. Die Stadt lieb­te er und er re­gier­te das Volk vor­züg­lich. Mö­ge Gott ihn vor Stra­fe be­frei­en und vor höl­li­schem Ab­grund!

Auf­fäl­lig ist das Feh­len des Ster­be­da­tums, wes­halb un­klar ist, ob die In­schrift zeit­ge­nös­sisch ist oder ei­ner an­de­ren Zeit ent­stammt. Spä­te­re Quel­len, wie die am En­de des 15. Jahr­hun­derts be­gon­ne­ne Aa­che­ner Chro­nik, be­zeich­nen ihn als Er­bau­er des go­ti­schen Rat­hau­ses. Die 1620 von Pe­trus à Beeck un­ter dem Ti­tel Aquis­gra­num ge­schrie­be­ne Ge­schich­te der Stadt Aa­chen dehnt die­se an­geb­li­che Rol­le Ger­hards auf wei­te­re Groß­bau­ten wie den zwei­ten Mau­er­ring um Aa­chen und den spät­go­ti­schen Chor der Aa­che­ner Ma­ri­en­kir­che aus. Für die­se Be­haup­tun­gen der früh­neu­zeit­li­chen Ge­schichts­schrei­bung fin­den sich in den zeit­ge­nös­si­schen Quel­len je­doch kei­ne Be­le­ge. Auch die Grab­in­schrift er­wähnt sei­ne an­geb­li­chen Ver­diens­te als Bau­meis­ter nicht. Bau­his­to­ri­sche Un­ter­su­chun­gen am Aa­che­ner Rat­haus be­le­gen in­des, dass die Ar­bei­ten be­reits viel frü­her be­gon­nen wor­den sind.

In Beecks Dar­stel­lung wird Ger­hard zum Ver­tre­ter ei­nes gol­de­nen Zeit­al­ters und wird da­bei ganz be­wusst mit Karl dem Gro­ßen gleich­ge­setzt: Karl er­bau­te Ma­ri­en­kir­che und Pfalz, Ger­hard die Chor­hal­le und das go­ti­sche Rat­haus. So wie die spä­te­re Ge­schichts­schrei­bun­g Karl den Gro­ßen z­um Mus­ter­kö­nig des mit­tel­al­ter­li­chen Rei­ches er­höh­te, er­hebt Beeck Ger­hard Cho­rus zur Über­fi­gur un­ter den Bür­ger­meis­tern des mit­tel­al­ter­li­chen Aa­chen. Sei­ne Ver­diens­te als Lei­ter der Groß­bau­ten des spät­mit­tel­al­ter­li­chen Aa­chens mö­gen frag­wür­dig sein, sei­ne Rol­le als Lei­ter wich­ti­ger di­plo­ma­ti­scher Mis­sio­nen und Stif­ter zu­guns­ten Aa­che­ner Kir­chen und Klös­ter ist je­doch un­strit­tig. Dar­über hin­aus zei­gen die zeit­ge­nös­si­schen Quel­len, dass er ei­ne wich­ti­ge Rol­le in der Mo­der­ni­sie­rung der Aa­che­ner Ver­fas­sung ge­spielt hat.

Quellen

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Zitationshinweis

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Deloie, Ingo, Gerhard Chorus, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/gerhard-chorus/DE-2086/lido/612f2eca8de861.08668539 (abgerufen am 27.05.2022)