Herm Dienz

Maler und Graphiker (1891-1980)

Denise Steger (Linz am Rhein)

Herm Dienz, um 1970. (Klöpfer, Britta, Herm Dienz 1891-1980, Ein rheinischer Maler und Graphiker zwischen Figuration und Abstraktion. Monographie und Werkverzeichnis, Dissertation, Bonn 2001, S. 15)

Herm Di­enz war ein rhei­ni­scher Ma­ler und Gra­phi­ker, der die un­ter­schied­lichs­ten Tech­ni­ken und Stil­rich­tun­gen der Kunst des 20. Jahr­hun­derts auf sei­ne Wei­se ver­ar­bei­te­te.

 

Ernst Her­mann Di­enz, ge­nannt Herm, wur­de am 8.10.1891 als äl­tes­tes von zehn Kin­dern des Kauf­manns Jo­hann Ge­org Di­enz (1865-1935) und sei­ner Frau So­phie Di­enz (1867-1919), ge­bo­re­ne Tenk­hoff, in Ko­blenz ge­bo­ren. So­wohl der Va­ter, der aus ei­ner Leh­rer- und Or­ga­nis­ten­fa­mi­lie stamm­te, als auch die mu­sik­lie­ben­de Mut­ter hiel­ten den Sohn an, ein In­stru­ment zu er­ler­nen. Er ent­schied sich für das Kla­vier, was ihn ein Le­ben lang be­glei­ten soll­te. 1897 wur­de er in die Kna­ben­schu­le im Bas­sen­hei­mer­hof in Ko­blenz ein­ge­schult und wech­sel­te 1901 auf das Kai­se­rin-Au­gus­ta-Gym­na­si­um (heu­te Gör­res-Gym­na­si­um) in Ko­blenz. Ers­te Be­geg­nun­gen mit der bil­den­den Kunst und An­re­gun­gen zur Ma­le­rei wur­den ihm durch den Kunst­leh­rer der Schu­le, Wil­liam Strau­be (1871-1954), ver­mit­telt. 1907 stell­te er sich als 16-Jäh­ri­ger in ei­nem klei­nen Bild­nis selbst dar und fer­tig­te ein Jahr spä­ter wäh­rend des Schul­un­ter­richts Blei­stift­por­träts sei­ner Leh­rer an, was ihm so­wohl Ta­del als auch Lob ein­brach­te. Da­ne­ben üb­te er sich in wö­chent­li­chen Zei­chen­frei­stun­den, die er zu­sam­men mit an­de­ren Schü­lern un­ter der Ägi­de von Wil­liam Strau­be wahr­nahm. Nach dem Ab­itur 1910 muss­te er, ent­ge­gen sei­nem Wunsch, Künst­ler zu wer­den, auf Druck des Va­ters ein Ju­ra­stu­di­um auf­neh­men und im­ma­tri­ku­lier­te sich zum Som­mer­se­mes­ter 1910 an der Ju­ris­ti­schen Fa­kul­tät der Lud­wig-Ma­xi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät zu Mün­chen. Er be­zog ei­ne Woh­nung in der Schel­ling­s­tra­ße 63/II mit­ten im Schwa­bing.

Das kul­tu­rel­le Le­ben in Mün­chen und die zahl­rei­chen Mög­lich­kei­ten, der Kunst nä­her zu kom­men, nahm Herm Di­enz ne­ben sei­nem Stu­di­um be­geis­tert wahr, be­leg­te Vor­le­sun­gen über Ge­gen­warts­li­te­ra­tur, nahm an Übun­gen des Phi­lo­so­phen Ernst von As­ter (1880-1948) so­wie des Kunst­his­to­ri­kers Fritz Bur­ger (1877-1916) teil, schul­te sich an den Wer­ken al­ter Meis­ter in der Al­ten Pi­na­ko­thek und pfleg­te Kon­tak­te zu Li­te­ra­ten und Mu­si­kern.

1911 kehr­te Herm nach Ko­blenz zu­rück und setz­te sein Stu­di­um in Bonn fort. Er­nüch­tert über die im Ver­gleich zu Mün­chen kul­tur­ar­me Stadt, no­tier­te er in ei­nem Brief an sei­nen Freund Cle­mens Schuy vom 20.6.1911: „[…] Das ein­zi­ge was bleibt ist, dass ich et­was ma­le.“ (Klöp­fer, S. 19 ). Im Ok­to­ber zog es ihn nach Ber­lin, wo er sich an der Uni­ver­si­tät ein­schrieb und die Mög­lich­keit wahr­nahm, die Vor­le­sun­gen des Kunst­his­to­ri­kers Hein­rich Wölf­f­lin (1864-1945) zu be­su­chen. An­fang April 1912 kehr­te er nach Bonn zu­rück und ver­blieb dort bis zum Win­ter­se­mes­ter 1913. Wäh­rend die­ser Zeit ent­stan­den die Bil­der „Mie­chen aus der Weis­ser­gas­s“ und „Akt mit Hun­d“. Zu sei­nen Lieb­lings­schrift­stel­lern ge­hör­ten Fried­rich Höl­der­lin (1770-1843), No­va­lis (1772-1801), Jo­seph von Ei­chen­dorff (1788-1857) und Edu­ard Mö­ri­ke (1904-1875).

Am 5.11.1913 be­stand Herm Di­enz die ers­te ju­ris­ti­sche Staats­prü­fung mit „aus­rei­chen­d“ am Ober­lan­des­ge­rich­t Köln und wur­de Rechts­re­fe­ren­dar am Amts­ge­richt in Müns­ter­mai­feld. Es ent­stan­den die Bil­der „Mo­sel­tal im Win­ter“ so­wie die Por­träts des al­ten Amts­ge­richts­rats und sei­ner Mit­ar­bei­ter „Re­fe­ren­dar Rum­p“ und „As­se­sor Ren­nen“.

Am 5.8.1914 mel­de­te sich Herm Di­enz als Frei­wil­li­ger zum 2. Rhei­ni­schen Feld­ar­til­le­rie-Re­gi­ment Nr. 23 in Ko­blenz. 1915 zum Un­ter­of­fi­zier be­för­dert, kämpf­te er für sechs Wo­chen an der Ost­front, in de­nen sei­ne an­fäng­li­che Kriegs­eu­pho­rie in das Ge­gen­teil um­schlug. 1916 kämpf­te er mit sei­nem Re­gi­ment in Frank­reich und Bel­gi­en. Sei­ne Skiz­zen aus dem Feld schick­te er ei­nem Freund, auf des­sen Ver­mitt­lung er sich mit 18 Blei­stift- und Öl­krei­de­zeich­nun­gen an ei­ner Aus­stel­lung im Ober­hes­si­schen Kunst­ver­ein in Gie­ßen be­tei­lig­te. Für den Herbst plan­te er zu­sam­men mit sei­nem ehe­ma­li­gen Leh­rer Wil­liam Strau­be und sei­nem Schul­freund, dem Ma­ler Os­car Ra­ber (1892-1947), ei­ne wei­te­re Aus­stel­lung. Nur aus der Kunst und Li­te­ra­tur schöpf­te er, laut sei­nem Ta­ge­buch von 1917, wäh­rend des zer­mür­ben­den Krie­ges noch neu­en Le­bens­mut. 

Holzschnitt "Arbeiterfamilie in Not", 1923, Foto von Mathias Tietke. (CC-BY-SA-4.0/Viveka04)

 

Am 11.11.1918 wur­de er als Leut­nant der Re­ser­ve aus dem Hee­res­dienst ent­las­sen und be­gann das Rechts­re­fe­ren­da­ri­at am Land­ge­richt Ko­blenz. Sei­ne „Kriegs­bil­der“ stell­te er im De­zem­ber im „Kunst- und Mö­bel­haus Bern­d“ in Ko­blenz aus und schloss Freund­schaft mit dem Kom­po­nis­ten Theo Ma­cke­ben (1897-1953), von dem er 1919 ein Bild­nis mal­te. Nach­dem Herm im Mai 1919 sein Re­fe­ren­da­ri­at be­en­det hat­te, streb­te er ei­ne ju­ris­ti­sche Dis­ser­ta­ti­on an. Von Ju­ni bis Ok­to­ber hielt er sich in Ber­lin auf, ar­bei­te­te im Reichs­schatz­mi­nis­te­ri­um, mach­te Be­kannt­schaft mit Lud­wig Meid­ner (1884-1966) und be­such­te die Ga­le­rie „Der Stur­m“. Bei sei­nem ehe­ma­li­gen Leh­rer Wil­liam Strau­be, der in­zwi­schen nach Ber­lin ge­zo­gen war, sam­mel­te er ei­ge­ne gra­phi­sche Er­fah­run­gen, die er im Sep­tem­ber in nach­weis­lich fünf Li­tho­gra­phi­en um­setz­te.

Am 5.12.1919 mel­de­te er in Gie­ßen die Pro­mo­ti­on an; am 6.12.1920 wur­de er mit der Dis­ser­ta­ti­on „Die Ver­schlech­te­rung des Kauf­ge­gen­stan­des“ zum Dr. jur. pro­mo­viert und kehr­te nach Ko­blenz zu­rück. Da­mit war für ihn das Ka­pi­tel „Rechts­wis­sen­schaf­ten“ end­gül­tig ab­ge­schlos­sen. Mit der fi­nan­zi­el­len Hil­fe sei­nes Va­ters rich­te­te er sich 1921 in sei­nem Ko­blen­zer El­tern­haus in der Riz­za Stra­ße 25 ein ei­ge­nes Ate­lier ein. An­ge­regt durch den Ge­dicht­band von Theo­dor Däu­bler (1876-1934) „Das Ster­nen­kin­d“, schaff­te er im Früh­jahr bild­li­che Text­in­ter­pre­ta­tio­nen in 14 Fe­der­zeich­nun­gen. Da­ne­ben wur­de der Holz­schnitt zu sei­ner be­vor­zug­ten Tech­nik und er fei­er­te mit „Drei Frau­en“ Er­fol­ge.

Am 1.10.1921 hei­ra­te­te Herm Di­enz Hil­de­gard Ris­se (1901-1983) und ließ sich mit ihr in Ross­bach/Wes­ter­wald in ei­nem klei­nen Land­haus mit Gar­ten nie­der.

1922 schaff­te der Künst­ler 13 Zeich­nun­gen zu „Wei­se von Lie­be und Tod des Cor­nets Chris­toph Ril­ke“, zwölf Holz­stö­cke zu der mit­tel­hoch­deut­schen Ver­sno­vel­le aus der zwei­ten Hälf­te des 13. Jahr­hun­derts „Mei­er Helm­brech­t“ und ar­bei­te­te an Blät­tern zur „Pas­si­on Chris­ti“. Auf der Su­che nach ei­nem Ver­lag für sei­ne Gra­phik reis­te er nach Ber­lin, ver­kauf­te dort ei­ni­ge sei­ner Wer­ke an Freun­de und Kol­le­gen. Letzt­lich wur­de er von dem Seld­wy­la-Ver­lag aus Bern un­ter­stützt, der „Mei­er Helm­brech­t“ in ei­ner groß­for­ma­tig-il­lus­trier­ten, auf­wen­dig ge­stal­te­ten Text­aus­ga­be in ei­ner li­mi­tier­ten Auf­la­ge von 300 Ex­em­pla­ren her­aus­ge­ben woll­te.

Im Ok­to­ber 1922 wur­de Herm Di­enz Va­ter ei­nes Soh­nes (ge­stor­ben 1945), den er, in Er­in­ne­rung an sei­nen Lieb­lings­dich­ter Rai­ner Ma­ria Ril­ke (1875-1926) den Ruf­na­men Rai­ner gab. Noch im glei­chen Jahr war Herm Grün­dungs­mit­glied der Ko­blen­zer Künst­ler­ge­mein­schaft „Das Boot e.V.“, die im Kunst- und Mö­bel­haus Bernd in der Löhr­stra­ße ih­re Wer­ke prä­sen­tier­ten. Die Ab­ge­schie­den­heit des länd­li­chen Wohn­orts er­wies sich für den Ver­kauf von Kunst als nach­tei­lig, so dass die jun­ge Fa­mi­lie in fi­nan­zi­el­le Not ge­riet. Herm war ge­zwun­gen, mit Tex­ti­li­en aus dem „Ma­nu­fac­turwaa­ren und Con­fek­ti­ons-Ge­schäf­t“ sei­nes Va­ters zu han­deln und ver­kauf­te Heu und Feld­früch­te aus dem ei­ge­nen Gar­ten.

Im Sep­tem­ber 1923 er­freu­te sich Herm Di­enz ei­ner ers­ten Ein­zel­aus­stel­lung. Mit rund 63 Ar­bei­ten, Öl­ge­mäl­de, Holz­schnit­te und Zeich­nun­gen war er im Bon­ner Kunst­ge­wer­be­haus Schaf­gans in der Rat­haus­gas­se 14 zu Gast. Im De­zem­ber be­tei­lig­te er sich an der Aus­stel­lung des Ver­eins „Das Boo­t“ in Ko­blenz. Ei­nen wei­te­ren Er­folg er­rang der Künst­ler, als im Som­mer 1924 die ers­ten Aus­ga­ben von „Mei­er Helm­brech­t“ er­schie­nen und auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se der Band für die „Gol­de­ne Me­dail­le“ vor­ge­schla­gen wur­de. Au­ßer­dem nahm der „Volks­ver­band der Bü­cher­freun­de“ sei­ne Holz­schnitt­fol­ge „Pas­si­on Chris­ti“ in ei­ner Auf­la­ge von 2.000 Map­pen-Ex­em­pla­ren in das Ver­lags­pro­gramm auf und gab sie 1926 her­aus. Für die Win­ter­mo­na­te be­zog Herm in ei­nem Fes­tungs­turm in Ko­blenz-Pfaf­fen­dorf das mö­blier­te Ate­lier des Ma­lers Kurt Lahs (1893-1958). 

Mit fi­nan­zi­el­ler Hil­fe sei­nes Mä­zens, des Ko­blen­zer Kauf­manns Wil­helm Men­del, brach Herm 1925 zu ei­ner sechs­wö­chi­gen Ita­li­en­rei­se auf, die ihn über Ba­sel und Rom bis nach Si­zi­li­en führ­te. Hier ent­stan­den zahl­rei­che Skiz­zen, Öl­bil­der, Aqua­rel­le und nach sei­ner Rück­kehr der neun­tei­li­ge li­tho­gra­phi­sche Zy­klus „Si­ci­li­a­na“. Sei­ne Ita­li­en­im­pres­sio­nen wur­den in der Ko­blen­zer Fest­hal­le prä­sen­tiert, je­doch muss­te Herm Di­enz rea­li­sie­ren, dass er als frei­schaf­fen­der Künst­ler nicht exis­tie­ren konn­te und be­gann ab Ok­to­ber ei­ne Aus­bil­dung als Kunst­er­zie­her an der Düs­sel­dor­fer Aka­de­mie. Die­se schloss er im Ju­li 1927 in Ber­lin-Schö­ne­berg mit dem Staats­ex­amen für das künst­le­ri­sche Lehr­amt an hö­he­ren Schu­len mit der Ge­samt­no­te “ge­nü­gen­d“ ab.

Abstraktes Gemälde, Öl auf Karton, 1956. (Marina Emons, www.restaurierung-bonn.com)

 

Nach dem Re­fe­ren­da­ri­at (ab Ok­to­ber 1927) an der Städ­ti­schen Ober­re­al­schu­le am Fürs­ten­wall in Düs­sel­dorf wech­sel­te er an die Staat­li­che Auf­bau­schu­le in Glad­bach-Rhe­ydt (heu­te Stadt Mön­chen­glad­bach). 1930 wur­de er zum Stu­di­en­rat er­nannt, kam 1932 an das Staat­li­che Ho­hen­zol­lern- Re­al­gym­na­si­um .(heu­te Gör­res-Gym­na­si­um) in Düs­sel­dorf. Am 1.5.1933 trat Di­enz der NS­DAP bei. 1937 wur­de er zum kom­mis­sa­ri­schen Do­zen­ten für die Me­tho­dik des Zei­chen- und Werk­un­ter­richts an der Hoch­schu­le für Leh­rer­bil­dung in Bonn be­ru­fen und ein Jahr spä­ter als plan­mä­ßi­ger Do­zent be­stä­tigt. Sei­ne An­tritts­vor­le­sung hielt er über die „Plas­tik des Bam­ber­ger Dom­s“. Am 1.11.1939 wur­de die Hoch­schu­le still­ge­legt.

Als Künst­ler wur­de ihm 1928 ei­ne gro­ße Ein­zel­aus­stel­lung im Städ­ti­schen Mu­se­um Bie­le­feld aus­ge­rich­tet, des Wei­te­ren be­tei­lig­te er sich an der Aus­stel­lung „Deut­sche Kunst“ im Düs­sel­dor­fer Kunst­pa­last und ver­kauf­te dort „Stil­le­ben mit Cal­la“. In je­ner Zeit wand­te er sich von dem Me­di­um Druck­gra­phik ab. 1931 reis­te er in die Nie­der­lan­de, be­such­te die Mu­se­en in Ams­ter­dam, Den Haag und Haar­lem, um die Wer­ke der nie­der­län­di­schen Meis­ter im Ori­gi­nal zu stu­die­ren. Im Som­mer 1936 ver­brach­te er drei Wo­chen im ost­preu­ßi­schen Nid­den, wo die ku­ri­sche Neh­rung ihn zu zahl­rei­chen Wer­ken an­reg­te. 1937 zog die Fa­mi­lie nach Bonn in ei­ne Grün­der­zeit­vil­la in der Kai­ser-Fried­rich-Stra­ße 6.

Am 20.9.1939 er­hielt Herm Di­enz wa, sei­nen Ein­be­ru­fungs­be­fehl. Bis Kriegs­en­de kämpf­te er an der West-und Ost­front. 1945 ge­lang ihm die Flucht aus rus­si­scher Ge­fan­gen­schaft. Bei der Rück­kehr nach Bonn muss­te er er­fah­ren, dass sein Sohn in den letz­ten Kriegs­ta­gen ge­fal­len war, sein Ate­lier, ein Gro­ß­teil sei­ner Wer­ke und sein Flü­gel zer­stört wa­ren. Er ver­ar­bei­te­te den Schmerz in Bil­dern wie „Mein Weg zu­rück“, „Rück­kehr ins Ate­lier“ oder „Op­fer­zy­klus“.

1946 ver­such­te er, be­ruf­lich wie­der Tritt zu fas­sen. Noch vom Schul­dienst sus­pen­diert, gab er Pri­vat­un­ter­richt, hielt kunst­his­to­ri­sche Vor­trä­ge und leb­te von Auf­trags­ar­bei­ten. „Oh­ne Hoff­nun­g“, „Lee­res Net­z“, „Zer­stör­tes Ant­lit­z“ oder „Das En­de“ sind ty­pi­sche Ti­tel sei­ner Wer­ke aus dem Jahr 1947. Ein Jahr spä­ter trat er dem Künst­ler­bund Bonn bei und wur­de als Schrift­füh­rer in den Ver­wal­tungs­rat des Kul­tur­bun­des Bonn ge­wählt. Noch im glei­chen Jahr konn­te er in den Städ­ti­schen Räu­men in der Al­ten Burg in Ko­blenz 85 sei­ner Ar­bei­ten aus den Jah­ren 1911-1948 prä­sen­tie­ren. 1949 fei­er­te er mit ei­ner Ein­zel­aus­stel­lung im Städ­ti­schen Mu­se­um Duis­burg wie­der Er­fol­ge, und, vom Vor­wurf der po­li­ti­schen Be­denk­lich­keit frei­ge­spro­chen, er­hielt er ei­ne Plan­stel­le als Zei­chen­leh­rer am städ­ti­schen Gym­na­si­um in Sieg­burg, 1951 wur­de er als Stu­di­en­rat über­nom­men.

Ei­ne Rei­se nach Pa­ris 1951 brach­te ihm die abs­trak­te Kunst und das ak­tu­el­le Kunst­ge­sche­hen nä­her. Durch sei­ne dort ge­knüpf­ten Kon­tak­te konn­te er 1953 zu­sam­men mit sei­nem ein­zi­gen Schü­ler, Juan Dot­ter­weich (1920-1988), im 8. Sa­lon des Réa­lités Nou­vel­les aus­stel­len und sich 1954 an ei­ner Grup­pen­aus­stel­lung im Grand Pa­lais be­tei­li­gen. Spä­ter, 1966, wur­de er durch die Pa­ri­ser Ga­le­rie Ro­land Gé­r­ard, Bou­le­vard Saint-Ger­main 213 ver­tre­ten.

In Bonn schloss Herm Di­enz 1951 im Auf­trag der Bon­ner Künst­ler­schaft mit der Kauf­hof AG ei­nen Ver­trag, in dem ver­ein­bart wur­de, dass 1.200 Qua­drat­me­ter in der 3. Eta­ge des Kauf­haus-Neu­baus am Müns­ter­platz als Aus­stel­lungs­flä­che miet­frei zur Ver­fü­gung stan­den. Herm Di­enz or­ga­ni­sier­te hier die ers­te Bon­ner Aus­stel­lung mit aus­schlie­ß­lich abs­trak­ter Ma­le­rei, un­ter an­de­rem konn­te er Wil­li Bau­meis­ter (1889-1955), Rupp­recht Gei­ger (1908-2009), HAP Gries­ha­ber (1909-1981), Ge­org Meis­ter­mann (1911-1990) und Hann Trier (1915-1999) als Aus­stel­ler ge­win­nen.

Auch öf­fent­li­che Auf­trä­ge wur­den an Herm Di­enz her­an­ge­tra­gen: Ein Go­be­lin­ent­wurf für den Rat­haus­saal in Zül­pich (1953), ein 1. Preis für ein Wand­bild für die Bon­ner Müns­ter­schu­le (1953), der Ent­wurf ei­nes Wand­tep­pichs für den Bür­ger­saal des Al­ten Rat­hau­ses in Ess­lin­gen/Ne­ckar (1954), ein Wand­bild für die Bi­blio­thek des Che­misch-Phy­si­ka­li­schen In­sti­tuts der Uni­ver­si­tät Bonn (1955), ei­ne Wand­ge­stal­tung für die neu er­bau­te Paul-Ger­hardt-Schu­le in Bonn (1959) und schlie­ß­lich Ent­wurf und Aus­füh­rung ei­nes mo­nu­men­ta­len Glas­mo­sa­iks (2,12 x 13,50 Me­ter) für die neu er­bau­te Nach­fol­ge-Chris­ti-Kir­che in Bonn-Beu­el, ein vier­ge­teil­tes 120 Qua­drat­me­ter gro­ßes Fens­ter, das sich aus 3.000 Glas­stü­cken zu­sam­men­setz­te und von der Rott­wei­ler Werk­statt De­rix aus­ge­führt wur­de.

Strandfiguren, Öl auf Textil, 1953. (Marina Emons, www.restaurierung-bonn.com)

 

1956 schied Herm Di­enz, nur we­ni­ge Wo­chen vor sei­ner of­fi­zi­el­len Pen­sio­nie­rung auf ei­ge­nen Wunsch, wohl auf­grund des ge­spann­ten Ver­hält­nis­ses zum Schul­lei­ter, aus dem Schul­dienst aus. Er wand­te sich in sei­nen Ar­bei­ten nun der Abs­trak­ti­on zu. Ne­ben klei­ne­ren Ein­zel­aus­stel­lun­gen, un­ter an­de­rem in Frank­furt, rich­te­te ihm das Städ­ti­sche Kunst­mu­se­um in Bonn 1959 ei­ne gro­ße Re­tro­spek­ti­ve aus. Sein lang­jäh­ri­ger Freund, der Schrift­stel­ler und Kunst­samm­ler Fritz Usin­ger (1895-1982), be­zeich­ne­te ihn in dem be­glei­ten­den Ka­ta­log als ei­nen der be­deu­tends­ten abs­trak­ten Ma­ler Deutsch­lands.

1961 zog Herm Di­enz in die Kö­nigs­heim­stra­ße 15 nach Bonn Beu­el um. Hier be­gann er im Herbst 1962 sei­nen au­to­bio­gra­phi­schen Ro­man „Das Ge­sicht in der Säu­le“, be­nannt nach ei­ner Plas­tik am West­por­tal der Kir­che in Mill­statt/Kärn­ten. Au­ßer­dem be­schäf­tig­te er sich werk­tech­nisch zu­neh­mend mit Col­la­gen. 1964, mit 73 Jah­ren, nahm er an der „Rei­se des gu­ten Wil­len­s“ in die So­wjet­uni­on teil und setz­te sich für die Nor­ma­li­sie­rung der Be­zie­hun­gen ein.

Der Bon­ner Kunst­ver­ein rich­te­te ihm 1966 zu sei­nem 75. Ge­burts­tag un­ter dem Ti­tel „Hei­ter­keit in spä­ten Ta­gen“ ei­ne Aus­stel­lung in der Beet­ho­ven­hal­le aus. Es folg­te 1971 ei­ne gro­ße Re­tro­spek­ti­ve im Rhei­ni­schen Lan­des­mu­se­um (heu­te LVR-Lan­des­Mu­se­um) an­läss­lich sei­nes 80. Ge­burts­ta­ges. Im glei­chen Jahr zog er in ein ei­ge­nes Haus nach Bonn-Ho­holz um. 1977 wid­me­te ihm das Mit­tel­rhein-Mu­se­um in Ko­blenz nach 1948 ei­ne zwei­te gro­ße Über­blicks­aus­stel­lung.

Am 26.8.1980, mit fast 89 Jah­ren, starb Herm Di­enz in ei­nem Sieg­bur­ger Kran­ken­haus, nach dem ihm we­gen Durch­blu­tungs­stö­run­gen ein Fuß am­pu­tiert wer­den muss­te und er in Fol­ge kon­se­quent al­le Nah­rung und Me­di­ka­men­te ver­wei­ger­te. Sein Eh­ren­grab be­fin­det sich auf dem Bon­ner Süd­fried­hof.

Sein über 2.000 Wer­ke um­fas­sen­de Oeu­vre, das er in mehr als 70 Jah­ren schuf, lässt die sen­si­ble, kri­ti­sche und in­ten­si­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit der Kunst sei­ner Zeit er­ken­nen, die ihn vom frü­hen Na­tu­ra­lis­mus über den Ex­pres­sio­nis­mus bis hin zur Abs­trak­ti­on führ­te.

In Bonn-Bu­schorf er­in­nert die Her­mann-Di­enz-Stra­ße an den Künst­ler, in Ko­blenz die Herm-Di­enz-Stra­ße. Sein Nach­lass be­fin­det sich im Rhei­ni­schen Ar­chiv für Küns­ter­nach­läs­se (RAK).

Literatur

Schmidt, Han­nes, Herm Di­enz, Köln 1979.

Online

Klöp­fer, Brit­ta, Herm Di­enz 1891-1980, Ein rhei­ni­scher Ma­ler und Gra­phi­ker zwi­schen Fi­gu­ra­ti­on und Abs­trak­ti­on. Mo­no­gra­phie und Werk­ver­zeich­nis, Dis­ser­ta­ti­on, Bonn 2001, In­ter­net Ar­chi­ve - Way­back Ma­chi­ne. [on­line]

Herm Dienz Signatur, 1956. (Marina Emons, www.restaurierung-bonn.com)

 
Zitationshinweis

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Steger, Denise, Herm Dienz, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/herm-dienz/DE-2086/lido/5e7ca7119db481.56229095 (abgerufen am 21.06.2021)