Hugo Grömmer

Arbeitersportler, Sozialdemokrat, Sportfunktionär (1903-1963)

Eike Stiller (Bielefeld)

Hugo Grömmer, Porträtfoto, undatiert. (Landessportbund NRW/ K1B43F1)

Hu­go Gröm­mer ent­stamm­te ei­nem so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen El­tern­haus und war be­reits mit jun­gen Jah­ren eng im pro­le­ta­ri­schen So­zi­al­mi­lieu ver­netzt. Als lang­jäh­ri­ges SPD-Mit­glied, en­ga­gier­ter Ar­bei­ter­sport­ler und Re­dak­teur ver­schie­de­ner Ar­bei­ter(sport)zei­tun­gen ge­riet Gröm­mer be­reits im Früh­jahr 1933 in den Fo­kus des NS-Ver­fol­gungs­ap­pa­ra­tes. In der Nach­kriegs­zeit avan­cier­te Gröm­mer zu ei­ner zen­tra­len Per­sön­lich­keit für den Auf­bau ei­nes de­mo­kra­ti­schen Sport­we­sens auf Lan­des- und Bun­des­ebe­ne. Ver­schie­de­ne Funk­tio­nen und un­ter­schied­lichs­te Äm­tern im nord­rhein-west­fä­li­schen und west­deut­schen Ver­eins- und Ver­bands­we­sen ka­men ihm hier­bei zu­gu­te.

Hu­go Gröm­mer wur­de am 11.12.1903 als Sohn des Ma­ler­meis­ters Hu­go Gröm­mer in Ha­gen ge­bo­ren. Nach er­folg­rei­chem Be­such der Volks­schu­le und Fort­bil­dungs­schu­le (heu­te: Be­rufs­kol­leg) ab­sol­vier­te er ei­ne Leh­re als Frä­ser bei ei­nem Ha­ge­ner me­tall­ver­ar­bei­ten­den Be­trieb. Gröm­mer war ver­hei­ra­tet mit der Ge­vels­ber­ger Ar­bei­ter­sport­le­rin Mar­ga­re­te „Gre­te“ El­ling­haus (1908-1980), die er be­reits als ak­ti­ve Hand­bal­le­rin und Leicht­ath­le­tin ken­nen und lie­ben lern­te. Ihr Sohn Hans (1933-2010) wur­de spä­ter eben­so SPD-Funk­tio­när, un­ter an­de­rem SPD-Un­ter­be­zirks­se­kre­tär im öst­li­chen West­fa­len. Er be­zeich­ne­te sich hin­sicht­lich sei­ner Re­li­gi­on als Frei­den­ker.

In der Zeit von 1928 bis April 1933 be­klei­de­te Gröm­mer ver­schie­de­ne eh­ren­amt­li­che Funk­tio­nen im Ar­bei­ter-Turn- und Sport­bund (ATSB). Auf Kreis­ebe­ne (6. Kreis - Rhein­land-West­fa­len) war er als Be­richt­er­stat­ter-Ob­mann bzw. Schrift­füh­rer der Kreis­fuß­ball­spar­te tä­tig. Gröm­mer über­nahm hier ei­ne Ver­bands­auf­ga­be, für die noch kei­ne in­ner­ver­band­li­chen Rou­ti­nen be­stan­den. Dar­über hin­aus wur­de er 1929 zum un­be­sol­de­ten Be­zirks­spar­ten­lei­ter der Fuß­ball­spar­te im 4. Be­zirk (Ha­gen) ge­wählt. 

Ab Som­mer 1928 sah sich Gröm­mer mit der Spal­tung des Ar­bei­ter­sports vor Ort kon­fron­tiert. Mit Be­en­di­gung des 16. ATSB-Bun­des­ta­ges in Leip­zig En­de Ju­ni 1928 war der Aus­schluss meh­re­rer 10.000 kom­mu­nis­tisch ori­en­tier­ter Ar­bei­ter­sport­le­rin­nen und -sport­ler in­ner­ver­band­lich voll­zo­gen. Der jun­ge Ver­bands­funk­tio­när Gröm­mer ar­bei­te­te in den Fol­ge­jah­ren mit Be­harr­lich­keit und Kon­se­quenz an ei­ner Lö­sung: Sei­nem Hei­mat­ver­ein, dem Frei­en Turn- und Spiel­ver­ein (FTSV) Ha­gen 1896, dem er seit sei­ner Ju­gend an­ge­hör­te, blieb er auch in der Fol­ge­zeit als Ver­eins­funk­tio­när, un­ter an­de­rem als 1. Vor­sit­zen­der, eng ver­bun­den. Ein­zig die 33 Mit­glie­der der Fuß­ball­ab­tei­lung, der Gröm­mer an­ge­hör­te, zeig­ten sich „bun­destreu“ und ver­hin­der­ten so die dro­hen­de Selbst­auf­lö­sung des Ver­eins. 1927 war der FTSV noch der mit­glie­der­stärks­te Ver­ein in Ha­gen ge­we­sen, mit 463 Sport­le­rin­nen und Sport­lern, dar­un­ter 260 Fuß­bal­lern. Ein Gro­ß­teil der Ver­eins­mit­glie­der war in das sich neu bil­den­de kom­mu­nis­ti­sche Sport­ver­eins­mi­lieu (spä­te­re Rot­sport­be­we­gung) über­ge­wech­selt. Ins­ge­samt nahm die Mit­glie­der­zahl im Ha­ge­ner 4. Be­zirk um ein Drit­tel ab. Kreis­weit hat­te der ATSB bis zum 1.3.1929 ei­nen Mit­glie­der­ver­lust von et­wa 8.500 Per­so­nen und 157 Ver­ei­nen zu ver­zeich­nen. Un­ter Gröm­mers Re­gie ge­lang es, wenn auch stark ein­ge­schränkt, den Spiel­be­trieb in der Fuß­ball­spar­te des 4. Be­zirks auf­recht­zu­er­hal­ten und ei­ne Spiel­se­rie in der Sai­son 1928/29 so­wie 1929/30 zu or­ga­ni­sie­ren.

Gröm­mer ver­kör­per­te mit sei­nen per­sön­li­chen Ei­gen­schaf­ten den neu­en Ty­pus des ATSB-Ver­bands­funk­tio­närs, der nicht mehr tur­ne­risch so­zia­li­siert, son­dern seit Ju­gend­zei­ten sport­lich breit auf­ge­stellt war. Ins­be­son­de­re der Fuß­ball­sport üb­te ei­ne enor­me Fas­zi­na­ti­on auf Ju­gend­li­che und (männ­li­che) Er­wach­se­ne wie ihn aus. En­de der 1920er Jah­re wur­de vie­len jour­na­lis­tisch tä­ti­gen ATSB-Pres­se­leu­ten klar, dass der Fuß­ball in der me­dia­len Selbst­dar­stel­lung des ATSB ei­nen weit­aus hö­he­ren Stel­len­wert ein­neh­men müss­te, als ihm in der Ver­gan­gen­heit zu­ge­wie­sen wor­den war, wenn man die Mas­sen der Ar­bei­ter­schaft mit der ei­ge­nen Sport­be­richt­er­stat­tung noch er­rei­chen woll­te. Schrift­lei­ter der ATSB-Bun­des­fuß­ball­zei­tung „Fuß­ball­stür­mer“ war der be­sol­de­te ATSB-Bun­des­funk­tio­när und Trai­ner der Bun­des­aus­wahl Ro­bert Rie­del (1889-1964), der da­mit auch Ge­samt­ver­ant­wort­li­cher für den ATSB-Fuß­ball war. Auf Kreis­ebe­ne des 6. Krei­ses lei­te­te der Düs­sel­dor­fer ATSB-Funk­tio­när Ro­bert Mül­ler (ge­bo­ren 1893) als Schrift­lei­ter von 1926-1933 al­le re­dak­tio­nel­len Ar­bei­ten des „Volks­sports“, des zen­tra­len Pres­se­or­gans für den Ar­bei­ter­sport im 6. Kreis. Ab 1930 war Mül­ler auch als ATSB-Kreis-Be­richt­er­stat­ter-Ob­mann un­mit­tel­ba­rer An­sprech­part­ner für Gröm­mer und Emp­fän­ger sei­ner Fuß­ball­be­rich­te aus dem 4. Be­zirk. Da Mül­ler seit 1921 auch das Amt des Fuß­ball­spiel­warts im 7. Be­zirk (Düs­sel­dorf) be­klei­de­te, stand er si­cher auch auf die­ser Ver­bands­ebe­ne in en­ge­ren Kon­tak­ten zu Gröm­mer. Zu den Auf­ga­ben Gröm­mers als Pres­se­ob­mann zähl­te auch die Ko­or­di­nie­rung der so­ge­nann­ten ATSB-Spiel­bör­se, bei der Ein­zel­ver­ei­ne Freund­schafts­spie­le mit an­de­ren Bun­des­ver­ei­nen zu ver­ein­ba­ren such­ten. Ins jour­na­lis­ti­sche Auf­ga­ben­feld von Gröm­mer fie­len fer­ner sei­ne ne­ben­be­ruf­li­chen Zu­ar­bei­ten zu den re­gio­na­len Ta­ges­zei­tun­gen, wie z.B. der „Ha­ge­ner Volks­stim­me“, die et­wa drei­mal pro Wo­che mit Vor- und Nach­be­rich­ten über die ver­schie­de­nen Ak­ti­vi­tä­ten des Ar­bei­ter­sports zu be­lie­fern war. Seit An­fang der 1930er Jah­re nah­men die­se Be­richt­er­stat­tun­gen re­gel­mä­ßig min­des­tens ei­ne ge­sam­te Sei­te in der „Volks­stim­me“ ein und stell­ten ei­ne ei­ge­ne Ru­brik - „Der Spor­t“, „Das Sport­blat­t“ (re­gio­na­le Be­rich­te) oder „Ar­bei­ter-Spor­t“ (über­re­gio­na­le Be­rich­te) dar.

Die Be­richt­er­stat­tung auf Bun­des- wie Kreis­ebe­ne be­stand für Gröm­mer über­wie­gend in ei­nem Er­geb­nis­dienst, der die wö­chent­li­chen Spiel­ergeb­nis­se aus sei­nem Be­zirk wei­ter­mel­de­te und mit sehr knap­pen re­dak­tio­nel­len Tex­ten kom­men­tier­te, wenn es et­wa dar­um ging, von sport­li­chen Über­ra­schun­gen oder sons­ti­gen Be­son­der­hei­ten des Spiel­ta­ges zu be­rich­ten. Die Be­richt­er­stat­tung be­schränk­te sich in der Re­gel auf die Spiel­be­rich­te der höchs­ten ATSB-Spiel­klas­se auf Grup­pen- und Be­zirks­ebe­ne (Son­der­klas­se) und grö­ße­re Sport­ver­an­stal­tun­gen, wie et­wa den Reichs­ar­bei­ter­sport­ta­gen oder Be­zirks­sport­fes­ten. Seit 1926 fin­den sich in ver­schie­de­nen ATSB-Zei­tun­gen (et­wa Ar­bei­ter-Turn­zei­tung (ATZ), Freie Sport­wo­che, Volks­sport) auch re­dak­tio­nel­le Bei­trä­ge von Gröm­mer, zu sport­po­li­ti­schen The­men, wo­bei in der ATSB-Pres­se nicht al­le Bei­trä­ge mit ei­nem Au­to­ren­hin­weis ver­se­hen wur­den. 

Die Sport­be­richt­er­stat­tung ver­än­der­te sich seit Mit­te der 1920er Jah­re durch die Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Spiel­be­rich­te und seit An­fang der 1930er Jah­re zu­sätz­lich durch ge­ziel­te Na­mens­nen­nun­gen bei den Auf­stel­lun­gen und der aus­drück­li­chen Be­nen­nung von Tor­schüt­zen oder Spie­lern mit über­ra­gen­den Leis­tun­gen. Der han­no­ver­sche Ar­bei­ter­sport­ler und spä­te­re SPD-Spit­zen­po­li­ti­ker Fritz Hei­ne (1904-2002), ab 1928 Pro­pa­gan­d­a­chef des SPD-Par­tei­vor­stands, lis­te­te 1926 als jun­ger Sport­jour­na­list in ei­ner hef­ti­gen me­di­al ge­führ­ten Dis­kus­si­on in der ATSB-Bun­des­zei­tung „Freie Sport­wo­che“ die re­gel­mä­ßi­ge Prä­senz des Ar­bei­ter­sports in 152 Zei­tun­gen aus der Ar­bei­ter­be­we­gung auf. Hin­ter­grund wa­ren die grund­le­gen­den or­ga­ni­sa­to­ri­schen wie in­halt­li­chen Ver­än­de­run­gen im SPD-Pres­se­we­sen, da 1926 un­ter an­de­rem der Zei­tungs­dienst der Zen­tral­kom­mis­si­on für Ar­bei­ter­sport und Kör­per­pfle­ge im So­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Pres­se­dienst auf­ge­gan­gen war. Seit­dem wuchs in der or­ga­ni­sier­ten Ar­bei­ter­sport­be­we­gung der Be­darf an jun­gen Ar­bei­ter­sport­lern, die die re­dak­tio­nel­len Bei­trä­ge für die Ta­ges- und Ver­bands­pres­se be­reit­stel­len soll­ten.

In die­ser sich nun neu eta­blie­ren­den Grup­pe jun­ger Ar­bei­ter­sport-Re­dak­teu­re, zu de­nen auch Gröm­mer ge­hör­te, kann ei­ne zu­neh­men­de Be­reit­schaft fest­ge­stellt wer­den, ein ge­wis­ses Maß an „Star­kul­t“ um die her­aus­ra­gen­den Ar­bei­ter-Fuß­ball­mann­schaf­ten und Fuß­bal­ler zu ak­zep­tie­ren. Da­mit voll­zog sich auch in der Sport­be­richt­er­stat­tung suk­zes­siv ei­ne Ab­kehr von eher emo­ti­ons­ar­men und rein sach­ori­en­tier­ten Be­rich­ten. Die eben­falls in der Ar­bei­ter­schaft zu­neh­mend po­pu­lä­rer wer­den­den Li­ve-Über­tra­gun­gen von Fuß­ball­spie­len im Rund­funk be­schleu­nig­ten die­se Ver­än­de­run­gen zu­sätz­lich. Sport­re­por­ter am Äther be­dien­ten sich in der un­mit­tel­ba­ren Kom­men­tie­rung der Spie­le wei­test­ge­hend nur noch der Na­men der Spie­ler und nicht de­ren Po­si­tio­nen, die sie laut Auf­stel­lung auf dem Feld ein­neh­men soll­ten. Die of­fi­zi­el­le Ver­bands­li­nie im Ar­bei­ter­sport, die 1932 in den „Richt­li­ni­en über Auf­bau und Auf­ga­ben der Be­richt­er­stat­tung im Ar­bei­ter-Turn- und Sport­bun­d“ zum Aus­druck ge­bracht wur­de, blieb hin­ge­gen noch weit hin­ter die­sen Ent­wick­lun­gen vor Ort zu­rück. En­de April 1933 wur­de auch in der preu­ßi­schen Pro­vinz West­fa­len der Ar­bei­ter­sport ver­bo­ten und ei­ne Viel­zahl sei­ner Re­prä­sen­tan­ten vom NS-Staat ver­folgt, dar­un­ter auch Gröm­mer. Im Zu­ge der Macht­über­nah­me durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten wur­de er mehr­fach von der Ge­sta­po ver­haf­tet und vor­über­ge­hend in Schutz­haft ge­nom­men. Nach zeit­wei­li­ger, sich der Ver­fol­gungs­zeit an­schlie­ßen­der Ar­beits­lo­sig­keit (1933-1935) ge­lang es Gröm­mer, in sei­nem er­lern­ten Be­ruf in Ha­gen wie­der Fuß zu fas­sen. Dem Fuß­ball­sport blieb Gröm­mer bis 1939 ak­tiv treu, da­zu hat­te er sich nach dem Ver­bot des FTSV dem SV Ha­gen 96 an­ge­schlos­sen. Zu ei­ner Ein­be­ru­fung zum Wehr­dienst scheint es erst zum En­de des Krie­ges ge­kom­men zu sein, als er zum Volks­sturm ein­ge­zo­gen wur­de.  

Im Sep­tem­ber 1948 wur­de Gröm­mer vom Arns­ber­ger Ent­na­zi­fi­zie­rungs­aus­schuss in die Ka­te­go­rie V „Ent­las­te­ter“ klas­si­fi­ziert und zu­dem als po­li­tisch Ver­folg­ter aus­ge­wie­sen.

Erster Bundestag Landessportbund Nordrhein-Westfalen, Duisburg, Hugo Grömmer am Rednerpult, 7.10.1950. (Landessportbund NRW/ RS84737)

 

Nach dem Krieg hat­te Gröm­mer ma­ß­geb­li­chen An­teil am Auf­bau der Sport­struk­tu­ren in Nord­rhein-West­fa­len. Wie kei­nem zwei­ten Sport­funk­tio­när aus der Ar­bei­ter­be­we­gung ge­lang es ihm auf Lan­des­ebe­ne, die ver­schie­de­nen ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Ent­wick­lungs­pro­zes­se in der neu ent­ste­hen­den de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft, ent­schei­dend mit­zu­prä­gen. Sei­ne Ge­stal­tungs­ar­beit be­gann im Mai 1945 im Amt für Ar­bei­ter­fra­gen in Ha­gen, wo er sich auch als städ­ti­scher Sport­re­fe­rent be­währ­te. Rück­bli­ckend hielt Gröm­mer da­zu fest: Im Ju­ni 1945 ging ich früh mor­gens durch die Rui­nen­stadt Ha­gen, um den Ober­stadt­di­rek­tor Ewald Sas­se auf­zu­su­chen. Ich hat­te die Ab­sicht, den Sport­be­trieb mög­lichst schnell in Ha­gen wie­der in Gang zu brin­gen. Der Ober­stadt­di­rek­tor un­ter­stütz­te mei­ne Ab­sich­ten und be­sprach mit dem da­ma­li­gen Stadt­kom­man­dan­ten, Ma­jor Alex­an­der, die­se An­ge­le­gen­heit. We­ni­ge Wo­chen spä­ter fand im Rats­kel­ler in Ha­gen die ers­te Be­spre­chung der Ha­ge­ner Turn- und Sport­ver­ei­ne statt. Es war nur er­laubt im Rah­men ei­nes Stadt- oder Land­krei­ses Sport zu be­trei­ben. So ha­ben wir den Be­trieb wie­der auf­ge­nom­men.

Im Au­gust 1945 wech­sel­te er auf Be­trei­ben des von den bri­ti­schen Be­sat­zungs­be­hör­den neu er­nann­ten Re­gie­rungs­prä­si­den­ten Fritz Fries (SPD, 1887-1967) als Sport­re­fe­rent haupt­be­ruf­lich zur Be­zirks­re­gie­rung Arns­berg, um dort im No­vem­ber 1945 zum Ge­schäfts­füh­rer für den Volks­sport er­nannt zu wer­den. In Arns­berg wohn­te Gröm­mer, in di­rek­ter Nach­bar­schaft von Fries. In die­ser Zeit trat Gröm­mer auch dem West­fä­li­schen Ge­werk­schafts­bund bei, um 1946 zur Ge­werk­schaft der öf­fent­li­che Be­trie­be und Ver­kehr mit der Be­rufs­an­ga­be „Reg. Sport­re­fe­ren­t“ zu wech­seln. 

Das Jahr 1946 war für die wei­te­re sport­po­li­ti­sche Ar­beit Gröm­mers von rich­tungs­wei­sen­der Be­deu­tung. Als Ge­schäfts­füh­rer für Volks­sport im Re­gie­rungs­be­zirk Arns­berg, vor al­lem aber als Vor­sit­zen­der des Zo­nen­spor­tra­tes po­si­tio­nier­te sich Gröm­mer klar ge­gen die Neu­grün­dung der von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten auf­ge­lös­ten und in so ge­nann­te Fachäm­ter über­führ­ten Sport­ver­bän­de. Viel­mehr plä­dier­te er da­für, die Spit­zen­po­si­tio­nen beim Auf­bau des de­mo­kra­ti­schen Sports mit ehe­ma­li­gen Ar­bei­ter­sport­lern zu be­set­zen. Im Vor­feld des SPD-Par­tei­ta­ges in Han­no­ver im Mai zähl­te er zum en­ge­ren Kreis von 20 ehe­ma­li­gen Ar­bei­ter­sport­funk­tio­nä­ren, die aus­drück­lich nicht der frü­he­ren ATSB-Bun­des­lei­tung an­ge­hör­ten. Un­ter Lei­tung des Ur­ge­steins der Ar­bei­ter­sport­be­we­gung Fritz Wil­dung (1872-1954) dis­ku­tier­ten die Teil­neh­men­den über sport­po­li­ti­sche Fra­gen und ga­ben Wil­dung so Rü­cken­de­ckung für sein Auf­tre­ten auf dem SPD-Par­tei­tag. Auf dem Par­tei­tag selbst wur­de der 74-jäh­ri­ge Wil­dung zum SPD-Sport­re­fe­ren­ten ge­wählt und mit der Auf­ga­be be­traut, Pro­zes­se ein­zu­lei­ten, die die Tra­di­tio­nen und Wer­te des Ar­bei­ter­sports in ei­nen neu­en Ein­heits­sport­ver­band über­tra­gen soll­ten. Eben­falls Mai 1946 er­folg­te sei­ne Wahl zum Se­kre­tär des Zo­nen­spor­tra­tes der Bri­ti­schen Zo­ne.

Das nächs­te Tref­fen der Ar­bei­ter­sport­funk­tio­nä­re aus den West­zo­nen fand En­de Sep­tem­ber 1946 in Frank­furt am Main statt. Bei die­sem Tref­fen leg­te Wil­dung die neue po­li­ti­sche Li­nie der SPD dar, bei der auf ei­ne Neu­grün­dung der Ar­bei­ter­sport­be­we­gung in Deutsch­land ver­zich­tet wer­den soll­te. Die­se Ar­gu­men­ta­ti­on wur­de von den be­tei­lig­ten SPD-Sport­funk­tio­nä­ren aus den West­zo­nen, dar­un­ter auch Gröm­mer, aus­drück­lich ge­teilt. Die auf die­ser Ta­gung ge­fass­ten Ver­ein­ba­run­gen gin­gen als „Frank­fur­ter Be­schlüs­se“ in die Sport­ge­schich­te ein. Seit Herbst 1946 wur­de in Funk­tio­närs­krei­sen vor al­lem die Fra­ge ei­ner Nach­fol­ge für Wil­dung dis­ku­tiert, bei der ne­ben Hein­rich Sorg (1898-1963) auch der Na­me Hu­go Gröm­mer ge­han­delt wur­de. Nach­dem aber Sorg auf der Frank­fur­ter Ar­bei­ter­sport­ta­gung zum Nach­fol­ger Wil­dungs ge­wählt wor­den war, po­si­tio­nier­te sich Gröm­mer bis zum Jah­res­wech­sel in zen­tra­len sport­po­li­ti­schen Fra­gen neu. Letzt­lich führ­te dies zu ei­nem Bruch in sei­nem Ver­hält­nis zu vie­len sei­ner Mit­strei­ter aus der Ar­bei­ter­sport­be­we­gung: Die­se Zä­sur lässt sich vor al­lem an dem zen­tra­len Streit über die Wahl zwi­schen dem re­gio­na­len und dem fach­ver­band­li­chen Sport­or­ga­ni­sa­ti­ons­prin­zip fest­ma­chen. Gröm­mer hat­te sich bis­her mas­siv ge­gen ei­ne Wie­der­grün­dung der Fach­ver­bän­de aus­ge­spro­chen und sich vor al­lem auch für die Ein­hal­tung strik­ter Ent­na­zi­fi­zie­rungs­re­geln bei der Re­inte­gra­ti­on ehe­ma­li­ger Sport­füh­rer aus den Or­ga­ni­sa­tio­nen des Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Reichs­bunds für Lei­bes­übun­gen (NSRL) ein­ge­setzt. Über­ra­schend für vie­le Mit­strei­ter schwenk­te Gröm­mer auf die fach­ver­band­li­che Li­nie des ein­fluss­rei­chen DFB-Funk­tio­närs Pe­co Bau­wens ein, der 1947 zum ers­ten Prä­si­den­ten des Lan­de­sports­bun­des Nord­rhein-West­fa­len (LSB NRW) ge­wählt wur­de. Ge­mein­sam mit ihm be­rei­te­te Gröm­mer die Grün­dung des Dach­ver­ban­des in Nord­rhein-West­fa­len nach dem Fach­ver­bands­prin­zip vor. Ein Jahr spä­ter wur­de Gröm­mer in Ha­gen zum stell­ver­tre­ten­den Vor­sit­zen­den des neu ge­grün­de­ten Lan­des­sport­bun­des Nord­rhein-West­fa­len (LSB NRW) ge­wählt.

Von 1948 bis1955 war Gröm­mer zu­sätz­lich haupt­amt­li­cher Ge­schäfts­füh­rer des LSB NRW in Arns­berg. Seit 1947 zeig­te sich Gröm­mer auch ver­ant­wort­lich für den Auf­bau der Sport­hil­fe im So­zi­al-werk des LSB NRW, die er bis 1957 als Vor­sit­zen­der lei­te­te. Fer­ner war Gröm­mer ma­ß­geb­lich an den Pla­nun­gen und dem Auf­bau der Lan­des­sport­schu­le Ha­chen (Sun­dern) so­wie der Sport­heil­stät­te in Hel­ler­sen (Lü­den­scheid) in­vol­viert. Sei­ne Frau Gre­te war zu­dem von 1953-1963 Heim­lei­te­rin der Ha­che­ner Ju­gend­bil­dungs­stät­te. 

Auch beim 1950 neu ge­grün­de­ten Deut­schen Sport­bund (DSB) war die fach­li­che Ex­per­ti­se von Gröm­mer ge­fragt, als er von 1951 bis 1956 das Amt ei­nes Bei­sit­zers im DSB-Prä­si­di­um in­ne­hat­te. 1949 über­nahm er zu­dem wie­der ein Eh­ren­amt auf Ver­eins­ebe­ne, als er sich an sei­nem neu­en Le­bens­mit­tel­punkt zum 2. Vor­sit­zen­den des SV Arns­berg 09 wäh­len ließ. 

Jour­na­lis­tisch wur­de Gröm­mer auch in der Nach­kriegs­zeit noch ein­mal vor­über­ge­hend tä­tig als Mit­her­aus­ge­ber der Zei­tung „Sport-Be­ob­ach­ter“, spä­ter ei­ne der füh­ren­den Sport­zei­tun­gen im Ruhr­ge­biet (1948-1974). Er muss­te die­se Tä­tig­keit al­ler­dings ei­ni­ge Jah­re spä­ter auf Ge­heiß der Be­zirks­re­gie­rung Arns­berg we­gen Un­ver­ein­bar­keit mit sei­nem Amt wie­der auf­ge­ben.

In sei­ner haupt­amt­li­chen sport­po­li­ti­schen Ar­beit im LSB NRW setz­te er sich nun kon­se­quent für die Um­set­zung des Fach­ver­bands­prin­zips in Nord­rhein-West­fa­len ein und wur­de da­für von Bau­wens zum Vor­sit­zen­den des Vor­be­rei­ten­den Aus­schus­ses zur Kon­sti­tu­ie­rung des LSB NRW vor­ge­schla­gen. Sein sport­po­li­ti­sches En­ga­ge­ment nach sei­ner Wahl zum stell­ver­tre­ten­den Vor­sit­zen­den des LSB NRW 1947 ziel­te vor al­lem ge­gen das Ein­heits­ver­bands­prin­zip.

Sein be­son­de­res Au­gen­merk wid­me­te Gröm­mer in der Nach­kriegs­zeit auch der Ver­bands­ju­gend­ar­beit. So war er als Mit­glied des LSB NRW-Prä­si­di­ums auch in des­sen Ju­gend­aus­schuss ver­tre­ten, wo er vor al­lem für die Be­deu­tung des Sports bei der de­mo­kra­ti­schen Er­zie­hung der Ju­gend warb. Die­ser sport- und ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Ziel­set­zung Gröm­mers ist auch sein in­ten­si­ves En­ga­ge­ment beim Auf­bau der Ju­gend­fe­ri­en­la­ger­be­we­gung der Sport­ju­gend NRW ge­schul­det.

Gröm­mer konn­te das Ver­hält­nis zu sei­nen ehe­ma­li­gen Mit­strei­tern nicht mehr har­mo­ni­sie­ren. Zu dem 1960 von Ro­bert Rie­del mit­ge­grün­de­ten Freun­des­kreis ehe­ma­li­ger Ar­bei­ter­sport­ler, der sich ins­be­son­de­re um die Be­wah­rung der Tra­di­tio­nen und der Kul­tur­zeug­nis­se der Ar­bei­ter­sport­be­we­gung be­müh­te, fand Gröm­mer kei­nen Zu­gang. Auch das über die 1960er Jah­re hin­aus fort­be­ste­hen­de Netz­werk ehe­ma­li­ger ATSB-Funk­tio­nä­re, dar­un­ter füh­ren­de sport­po­li­ti­sche Köp­fen wie Hein­rich Sorg, Os­kar Drees (1889-1968), Ro­bert Rie­del, Fritz Hei­ne und Her­bert Dass (1901-1982), scheint Gröm­mer igno­riert zu ha­ben.

Gröm­mer starb -seit meh­re­ren Jah­ren ge­sund­heit­lich ge­schwächt - 1963 im Al­ter von nur 60 Jah­ren wäh­rend ei­nes Vor­trags in Bie­le­feld an Herz­ver­sa­gen. In sei­nem To­des­jahr wur­de er Eh­ren­mit­glied des LSB NRW. 1966 ist ihm post­hum das Bun­des­ver­dienst­kreuz am Ban­de ver­lie­hen wor­den. Ein Se­gel­ka­nu (Bau­jahr 1956) mit der Se­gel­num­mer G 26 mit Hei­mat­ha­fen Ber­lin ist nach ihm be­nannt wor­den.

Der Bei­trag wur­de im Rah­men des Pro­jekts „Der Lan­des­sport­bund NRW und sein Füh­rungs­per­so­nal: Bio­gra­phi­en – Ge­schich­te – Er­in­ne­run­g“ in das Por­tal Rhei­ni­sche Ge­schich­te auf­ge­nom­men.

Werke

Gröm­mer, Hu­go: De­mo­kra­tie und Sport! Neu­bau oder Re­stau­ra­ti­on! Arns­berg o.J. (1947).

Archivquellen

LAV NRW R, NW 1093 Nr. 3687, Ent­na­zi­fi­zie­rung Hu­go Gro­em­mer, geb. 11.12.1903 (Sport­re­fe­rent).

Literatur

Deut­scher Sport­bund (Hg.): Die Grün­der­jah­re des Deut­schen Sport­bun­des. We­ge aus der Not zur Ein­heit, Bd.2, Schorn­dorf 1991, S.33-36.

Ge­schäfts­stel­le des LSB NW / Gröm­mer, Hu­go (Hg.): 10 Jah­re Lan­des­sport­bund Nord­rhein-West­fa­len, Jah­res­be­richt 1955, Arns­berg 1956.

Me­vert, Fried­rich: 50 Jah­re Deut­scher Sport­bund. Ge­schich­te, Ent­wick­lung, Per­sön­lich­kei­ten, Ho­ya 2000, (Schrif­ten­rei­he des Nie­der­säch­si­schen In­sti­tuts für Sport­ge­schich­te Ho­ya, Bd. 15), S. 181-182.

Scha­ren­berg, Swant­je: Die Kon­struk­ti­on des öf­fent­li­chen Sports und sei­ner Hel­den in der Ta­ges­pres-se der Wei­ma­rer Re­pu­blik, Pa­der­born 2012.

Strych, Edu­ard: Der west­deut­sche Sport in der Pha­se der Neu­grün­dung 1945-1950, Schorn­dorf 1975. 

Grete Busch und Hugo Grömmer, undatiert. (Landessportbund NRW)

 
Zitationshinweis

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Stiller, Eike, Hugo Grömmer, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/hugo-groemmer/DE-2086/lido/684a9dde938308.96553837 (abgerufen am 15.01.2026)

Veröffentlichung

Veröffentlicht am 03.07.2025, zuletzt geändert am 09.12.2025