Zu den Kapiteln
Katharina Focke war eine der ersten weiblichen Europapolitikerinnern, die in der europäischen Öffentlichkeit eine größere Bekanntheit erlangten. Als Bundesministerin sowie als Spitzenkandidatin für das europäische Parlament bei der zweiten Direktwahl im Jahr 1984 geriet sie zuweilen in Konflikt mit der SPD, der sie seit 1964 angehörte.
Als Tochter des Geschäftsmannes Ernst Friedlaender (1895-1973) und seiner Frau Franziska, geb. Schulz (1895-1982) wurde Katharina Focke als Elsbeth Charlotte Katharina Friedlaender am 8.10.1922 in Bonn geboren. Die evangelisch getaufte Elsbeth war noch ein junges Mädchen, als die Familie zunächst nach Berlin und dann nach Binghampton (New York) in den Vereinigten Staaten zog, weil ihr Vater dort eine leitende Position bei der IG-Farben Tochter Agfa erhalten hatte. 1931 wurde Friedlaender dazu aufgefordert, wieder in die Zentrale nach Deutschland zurückzukehren, lehnte dies jedoch aufgrund der dortigen politischen Situation ab. Denn mittlerweile hatten die Nationalsozialisten bei den Reichstagswahlen knapp unter 20 Prozent erringen können und die große Koalition unter SPD-Reichskanzler Hermann Müller (1876-1931) war zerbrochen.
In den USA erarbeitete sich Ernst Friedlaender innerhalb kürzester Zeit ein großes Vermögen. Dadurch konnte er mit der Familie einige ausgedehnte Reisen unter anderem durch Frankreich, die Schweiz und Dänemark unternehmen. 1934 ließ sich die Familie dauerhaft in Liechtenstein nieder. Hier wohnte sie bis 1946. Diese Zeit war für Elsbeth besonders prägend, denn ihr Vater unterhielt sich ausführlich mit seiner Tochter über seine Konzeptionen für ein post-nationalsozialistisches Deutschland. Diese Gespräche beeinflussten auf Jahrzehnte ihre gedanklichen Grundkonzeptionen […] [sowie] Wert- und Lebensvorstellungen. Das Entstehen der philosophisch-politischen Werke ihres Vaters verfolgte sie Tag für Tag: Ich konnte nicht genug bekommen, was gab es auch sonst in dem […] Land mit 10.000 Einwohnern, reflektierte sie später.[1]
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs avancierte Ernst Friedlaender zu einem Befürworter eines europäischen Bundesstaates, der seiner Ansicht nach auf Dauer weitere Kriege in Europa verhindern könnte. Daher engagierte er sich in führenden Positionen in der überparteilichen europäischen Bewegung, die sich das gleiche Ziel gesetzt hatte. Von der europapolitischen Tätigkeit ihres Vaters bekam Elsbeth sehr viel mit.
Zusammen mit ihrer Familie kehrte sie 1946 nach Deutschland zurück. In Hamburg studierte sie zunächst Deutsch und Geschichte auf Lehramt. Als ihre Schwester Dorothea (1925-1949) früh verstarb, brach Elsbeth ihr Studium ab und assistierte ihrem Vater, der mittlerweile als stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“ breit rezipierte Leitartikel über die Fortentwicklung der europäischen Integration schrieb. Dort lernte Elsbeth auch die „Zeit“-Chefredakteurin Marion Gräfin Dönhoff (1909-2002) kennen, die für sie zu einer prägenden Persönlichkeit wurde.
Zu Beginn der 1950er Jahre entschied sich Elsbeth Friedlaender dafür, Diplomatin zu werden, weshalb sie in Hamburg nach der Wiederaufnahme ihres Studiums eine politikwissenschaftliche Dissertation über Das Wesen des Übernationalen verfasste, die sie 1954 abschloss. In dieser Forschungsarbeit analysierte sie ausführlich die supranationalen, also übernationalen Aspekte der bis dahin bestehenden europäischen Integrationsprojekte wie der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) oder der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG). Für ihre Dissertation führte sie viele Interviews mit Persönlichkeiten aus der Europäischen Bewegung. Eine dieser Persönlichkeiten war Ernst-Günter Focke (1914-1961), der Generalsekretär des Deutschen Rates, dem Dachverband der deutschen Organisationen der europäischen Bewegung. Anstatt Diplomatin zu werden, heiratete sie am 8.5.1954, dem Tag der Übergabe ihrer Promotionsurkunde, Ernst Günter und übte bis zu dessen Tod im Jahr 1961 bis auf die gelegentliche Übersetzung von englischsprachigen Romanen ins Deutsche keine berufliche Tätigkeit aus.
Da Focke in der Europäischen Bewegung gut vernetzt und selbst eine Befürworterin des europäischen Bundestaates war sowie mit ihrer Dissertation eine umfassende Expertise in europapolitischen Fragen erworben hatte, nahm sie 1961 die Stelle der Geschäftsführerin des in Köln ansässigen Bildungswerks Europäische Politik an. Dieses war der wirkmächtigsten Organisation innerhalb der Europäischen Bewegung, der Europa-Union, angeschlossenen. Als Geschäftsführerin des Bildungswerks versuchte Focke möglichst viele gesellschaftliche Milieus mit Themen der europäischen Integration vertraut zu machen. Gleichzeitig knüpfte sie in diesem Amt Kontakte zur Bonner Bundespolitik, die sie in europapolitischen Angelegenheiten zu beeinflussen versuchte.
Schnell gelangte Focke jedoch zu der Erkenntnis, dass sie durch das Bildungswerk nur bedingt Einfluss auf die deutsche Europapolitik ausüben konnte und entschied sich 1964 dafür, in die SPD einzutreten. Für die überparteilich und großbürgerlich sozialisierte Focke war dies keineswegs eine zwangsläufige Entscheidung. Insgesamt hatte sie sich ein Jahr Zeit genommen und mehrere Parteien hinsichtlich ihrer europapolitischen Agenda untersucht. Noch in den 1950er Jahren galt die SPD keineswegs als pro-europäische Partei. Unter ihren Vorsitzenden Kurt Schumacher (1895-1952) und Erich Ollenhauer (1901-1963) hatte sie sich in der Mehrheit gegen eine deutsche Mitgliedschaft in den europäischen Integrationsprojekten ausgesprochen, weil sie eine zu starke Westbindung als gefährlich für die deutsche Wiedervereinigung ansah. Es war stattdessen vor allem der christdemokratische Bundeskanzler Konrad Adenauer, der eine gute Beziehung zur Europäischen Bewegung pflegte und sich für die Westintegration der Bundesrepublik aussprach.
Doch mit der außenpolitischen Annäherung Adenauers an den französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle (1890-1970), begann sich Focke, aber auch die Europäische Bewegung insgesamt, von Adenauer zu distanzieren. De Gaulles Konzept eines „Europa der Vaterländer“, das auf souveränen Nationalstaaten aufbauen sollte, war in weiten Teilen das genaue Gegenteil dessen, was die Europäische Bewegung anzustreben versuchte. Die Europapolitik der CDU/CSU war daher in den 1960er-Jahren durch einen innerparteilichen Richtungsstreit über den Umfang der Annäherung an de Gaulle geprägt. Dies machte sich die SPD zunutze, indem sie eine Kehrtwende hin zu einem proeuropäischen, antigaullistischen Kurs vollzog und damit für Anhänger eines europäischen Bundesstaates wie Focke wieder attraktiver wurde.
Der SPD schloss sich Focke auch deshalb an, weil sie sich 1964 häufig mit dem ebenfalls in Köln lebenden Vorsitzenden der SPD-Fraktion im Landtag von Nordrhein-Westfalen, Heinz Kühn (1912-1992), getroffen und mit ihm über die möglichen Vorteile und Konsequenzen eines Parteieintritts unterhalten hatte. Bereits zu diesem Zeitpunkt strebte Focke an, direkt nach ihrem Parteieintritt für den Deutschen Bundestag zu kandidieren, um dort die Europapolitik mitgestalten zu können. Bereits bei der Landtagswahl 1966 gelang es ihr, sich für einen Kölner Wahlkreis als Kandidatin aufstellen zu lassen und ein Mandat zu gewinnen. Unter den 99 Abgeordneten in der SPD-Landtagsfraktion war sie eine von nur drei Frauen. Die beiden anderen weiblichen Abgeordneten, Elfriede Weiler (1906-1984) und Lieselotte Wicke (1914-1989) waren im Gegensatz zu Focke bereits früh sozialdemokratisch sozialisiert worden. Focke hingegen war in der SPD-Fraktion eine außergewöhnliche Erscheinung.[2]
Nach der Landtagswahl befand sich die NRW-SPD zunächst in der Opposition, doch nachdem auf Bundesebene die Koalition zwischen der Union und der FDP unter Bundeskanzler Ludwig Erhard (1897-1977) zerbrochen war, hielt sich auch die Landesregierung unter ihrem CDU-Ministerpräsidenten Franz Meyers nicht mehr lange im Amt. Für die sich anbahnende Regierungsbeteiligung in Nordrhein-Westfalen ergaben sich für die SPD zwei Optionen. Entweder konnten die Sozialdemokraten mit einer deutlichen Mehrheit ein Bündnis mit der CDU eingehen oder durch eine weniger komfortable, aber ausreichende Mehrheit mit der FDP koalieren. Während Kühn die erste Option befürwortete, sprachen sich die meisten SPD-Landtagsabgeordneten, auch Focke, für eine Koalition mit den Liberalen aus. In diesem Bündnis wurde vor allem eine Reform der Hochschulpolitik als wichtig angesehen. Zusammen mit dem späteren Minister- und Bundespräsidenten Johannes Rau galt Focke in diesem Bereich schnell als profilierte Politikerin.
Da im Landtag kaum Europapolitik betrieben werden konnte, strebte sie bald eine Bundestagskandidatur an. Gleich bei der Bundestagswahl 1969 gelang es ihr, ein Mandat zu erlangen, indem sie für die SPD im Wahlkreis 60 (Köln II) den größten Zugewinn in einem Wahlkreis in ganz Nordrhein-Westfalen gegenüber der vergangenen Bundestagswahl erreichte. Eine große Rolle spielte dabei ihr unkonventioneller, personenbezogen geführter Wahlkampf, wodurch ihr auch ein Teil der bürgerlichen Wähler die Stimme gab. Willy Brandt (1913-1992) ernannte sie nach seinem Wahlsieg aufgrund dieses aufsehenerregenden Erfolgs zu seiner parlamentarischen Staatssekretärin für Europafragen.
Wenige Wochen nach der Bundestagswahl fand eine wichtige Gipfelkonferenz der Staats- und Regierungschefs der EWG-Staaten in Den Haag statt, die sorgfältig vorbereitet werden sollte. Da de Gaulle sein Amt niedergelegt hatte, sahen viele Beobachter die Konferenz als womöglich letzte Möglichkeit an, die EWG wieder zu stärken. Nachdem de Gaulle gegen den Beitritt Großbritanniens, Irlands, Dänemarks und Norwegens in die EWG zweimal sein Veto eingelegt hatte, sollte nun erneut eine Mitgliedschaft dieser Staaten angestrebt werden. Brandt, dem Fockes europapolitische Expertise bekannt war, zögerte daher nicht, sie mit der Koordination der Westeuropapolitik zu betreuen. Vor allem durch Brandt, aber auch durch Fockes Unterstützung bei der Konzeptionierung der deutschen Position auf dem Gipfel, konnte die europäische Integrationspolitik fortgesetzt werden.
Um ihre europapolitischen Befugnisse weiter auszubauen, hatte Brandt Focke zu einem ständigen Mitglied des für die Koordination der Europapolitik der Bundesrepublik wichtigsten Gremiums, des Staatssekretärsausschusses für Europafragen, ernannt. Dort konnte Focke als „primus inter pares“ wirken. Denn obwohl der Vorsitz des Ausschusses ständig wechselte, konnte sie aufgrund ihrer funktionalen Nähe zum Bundeskanzler faktisch die größte Wirkungskraft im Ausschuss entfalten. Fockes Tätigkeit im Bundeskanzleramt, die 1972 mit ihrem Wechsel ins Amt der Bundesministerin für Familie, Jugend und Gesundheit (BMFJG) endete, war für sie nicht nur persönlich die glücklichste Zeit, sondern auch der Höhepunkt ihrer politischen Einflussnahme. In diesen Jahren gelang es ihr, zur wichtigsten Vermittlerin zwischen dem einflussreichsten französischen Europapolitiker Jean Monnet (1888-1979) und Brandt zu avancieren. Dadurch konnte sie zur Realisierung bedeutender integrationspolitischer Projekte wie dem Beitritt Großbritanniens, der Aufnahme der politischen Zusammenarbeit in der EWG und vor allem dem Beginn von Verhandlungen über die Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) beitragen.
Teilnehmer des Gipfeltreffens von Den Haag zwischen Staats- und Regierungschefs der Europäischen Gemeinschaft, von links nach rechts: Joseph Luns (Außenminister der Niederlande), Katharina Focke Focke, Walter Scheel, Jacques Chaban-Delmas (Premierminister von Frankreich), Willy Brandt, Piet De Jong (Premierminister der Niederlande), 2.12.1969, Original im Nationalarchiv der Niederlande/ 923-0405. (gemeinfrei)
Als Bundesministerin (1972 bis 1976) gelang es Focke nicht in demselben Maß, ihren Einfluss geltend zu machen. Zwar konnte die SPD nach der Bundestagswahl 1972 weiterhin den Kanzler stellen und die sozialliberale Koalition fortführen. Weil Brandt den Koalitionsverhandlungen aufgrund einer Erkrankung nicht beiwohnen konnte, hatten der damalige Verteidigungsminister Helmut Schmidt (1918-2015) und der SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner (1906-1990) diese federführend übernommen. Schmidt, der um den Einfluss von „Brandts Clique“, also Personen wie Focke, Horst Ehmke (1927-2017) und Egon Bahr (1922-2015), wusste, forderte Brandt dazu auf, Ehmke aus seiner Position als Kanzleramtschef zu entlassen. Nur dann, so Schmidt, werde er einer künftigen Regierung angehören. Auch für Focke liefen die Koalitionsverhandlungen ungünstig. Denn die Koordinierung der Europapolitik wanderte ins Auswärtige Amt ab. Focke wurde daher von Brandt vor die Wahl gestellt, entweder im Auswärtigen Amt Europapolitik zu betreiben, Bundestagspräsidentin zu werden oder das Amt der BMFJG anzunehmen. Weil sie weder ins Auswärtige Amt überwechseln noch eine überwiegend repräsentative Position wahrnehmen wollte, entschied sie sich für letzteres.
Fockes Amtszeit gestaltete sich von Beginn an problematisch. Im Ministerium arbeiteten viele christdemokratische Beamte, sodass das BMFJG als schwarze Hochburg galt.[3] Hinzu kam eine langwierige Streiterei zwischen Focke und Kühn um den Kölner Regierungspräsidenten Günter Heidecke (1922-2011). Obwohl Focke diesen gerne zu ihrem parlamentarischen Staatssekretär ernannt hätte, wollte Kühn Heidecke nicht ziehen lassen. Dies war Kühn derart wichtig, dass er Brandt in einem Schreiben darauf hinwies, es sei politisch völlig unakzeptabel Heidecke an den Bund abzugeben.[4] Denn dann würde die FDP das Amt des Regierungspräsidenten für Köln-Aachen verlangen. Doch entgegen Kühns Kritik kam Brandt Fockes Wunsch nach. Kurz bevor Heideckes Wechsel beschlossen werden konnte, entschied dieser sich dann jedoch dafür, in Köln zu bleiben. Der Kölner SPD-Vorsitzende John van Nes Ziegler (1921-2006) jubelte: Lieber Günter Heidecke, dies wird dir die SPD nicht vergessen![5] Für Focke war dies jedoch eine herbe Niederlage und ein Indikator dafür, dass sie in der Partei kaum eine Lobby besaß.
Auch mit dem neuen Bundeskanzler Helmut Schmidt trug Focke einige Konflikte aus. Fockes Ministerium besaß kaum Kompetenzen und auch die Finanzierung der meisten Reformvorhaben der Ministerin war nur durch eine Zustimmung des Arbeitsministers Walter Arendt (1925-2005) durchsetzbar. Schmidt brachte Fockes Vorhaben zur Familien-, Jugend- und Frauenpolitik kaum Interesse entgegen, weshalb sie ihm ein gebrochenes Verhältnis zur sozialdemokratischen Reformpolitik attestierte.[6] Das Kabinett sah sie als eine Männerriege mit [e]ingefleischtesten, patriarchalische[n] Vorurteile[n] an.[7] Dennoch gelangen ihr mit dem Tagesmütter-Modellprojekt, der Arzneimittelrechtsreform sowie der Weiterführung der Entschädigungszahlungen an Contergan-geschädigte Kinder zumindest kleine Teilerfolge. Auch im Arbeitskreis Sozialdemokratischer Frauen (ASF) konnte Focke kaum eine Breitenwirkung erzielen. Während das Kabinett und der Bundeskanzler ihre Vorhaben als zu progressiv ansahen, sah der ASF Fockes Methode durch kleine Schritte frauenpolitische Reformvorhaben durchzusetzen, als zu zögerlich an. Zwischen allen Stühlen sitzend, entschied sich Focke, nachdem auch ihr Entwurf einer Jugendhilferechtsreform 1974 im Kabinett gescheitert war, nach der Bundestagswahl 1976 ihre Tätigkeit als Ministerin nicht mehr weiterzuführen. Die Jahre 1976 bis 1980 verbrachte sie daher als „einfache“ Abgeordnete im Deutschen Bundestag.
SPD-Parteitag in Köln, von links Hans Jochen Vogel, Helmut Schmidt, Willy Brandt, Katharina Focke, Herbert Wehner auf dem Podium sitzend, dahinter Motto "Verantwortung für Frieden und Freiheit in Europa", 19.11.1983. (CC-BY-SA 3.0/ Bundesarchiv, B 145 Bild-F066930-0012 / Wegmann, Ludwig)
1979 trat Focke auf Bitten von Monnet, Brandt, der Kölner SPD, aber auch der Europa-Union Köln bei der ersten Direktwahl zum Europäischen Parlament an. Obwohl sie selbst zunächst eigentlich keine Lust auf eine Kandidatur hatte, da mit der Wahlrechtsreform keine Erweiterung der Kompetenzen des Europäischen Parlaments einherging, sagte sie schließlich doch zu.[8] Insgesamt saß Focke in den Jahren 1979 bis 1989 als Abgeordnete im Europäischen Parlament und befasste sich vor allem mit entwicklungspolitischer Arbeit. In den Jahren 1984 bis 1987 stand sie daher auch dem entwicklungspolitischen Ausschuss des Europäischen Parlamentes vor. Besonders in den ersten zwei Jahren ihrer Abgeordnetentätigkeit empfand Focke die dortige Arbeit als wahnwitzig mühsam.[9] Manchmal, so Focke, sei sie am Boden zerstört, […] zerrieben von einem zermürbenden Alltag, von hohen Erwartungen und geringen Erfolgsaussichten.[10] Diese Frustration lag vor allem an den vielen Reisen zwischen den drei verschiedenen Dienstsitzen des Parlaments in Straßburg, Brüssel und Luxemburg. Auch die Entscheidungsfindung im Parlament sowie in der sozialistischen Fraktion, der auch einige britische Abgeordnete angehörten, die eine Mitgliedschaft Großbritanniens in der EWG kritisch betrachteten, gestaltete sich als ermüdend und schwierig.
Dennoch kandidierte Focke 1984 als SPD-Spitzenkandidatin für das Europäische Parlament. Damit war sie die erste weibliche Spitzenkandidatin ihrer Partei bei einer bundesweiten Wahl. Obwohl sie erneut einen unkonventionellen Wahlkampf führte – teilweise reiste sie mit einem Zirkuszelt durch die Bundesrepublik – verpasste Focke diesmal einen Wahlerfolg. Dies lag aber auch an der fehlenden Unterstützung durch die SPD, die seit Ende der 1960er Jahre kaum an Europabegeisterung hinzugewonnen und sich auch mit der finanziellen Wahlkampfhilfe sehr zurückgehalten hatte. Auch die SPD-Europawahlkämpfe 1989 und 1994 wurden von der Partei kaum unterstützt, obwohl Focke dieses Versäumnis bereits 1984 deutlich artikuliert hatte. Als Focke 1989 ihr Mandat niederlegte, dankte ihr der SPD-Parteivorsitzende Hans-Jochen Vogel (1926-2020) für ihr europapolitisches Engagement. Es bleibe ihr Verdienst, dass das Parlament auch weit über die EWG hinaus Gehör finde.
Wahlplakat Katharina Focke zur Europawahl, 1979, Designer: Harry Walter. (AdsD der FES/6-PLKA024772)
Auch nach ihrer aktiven parteipolitischen Karriere blieb Focke eine Kritikerin der Europapolitik ihrer Partei. So warf sie dem von 1998 bis 2005 amtierenden Bundeskanzler Gerhard Schröder vor, er habe eine gefühlsmässige Nicht-Beziehung zur EU, ihrer Weiterentwicklung und ihrer Bedeutung für einen Kapitalismus mit menschlichem Gesicht.[11] Mit ihrem Engagement für die Rechte von Geflüchteten und das konfliktfreie Zusammenleben von Zugewanderten und Deutschen im Kölner Runden Tisch für Integration sowie dem Kölner Bürgerkomitee kehrte Focke in ihren letzten Lebensjahren wieder zur überparteilichen politischen Arbeit zurück. Als sie am 10.7.2016 im Alter von 94 Jahren starb, ging mit ihr eine Pionierin des weiblichen europapolitischen Engagements. Dass die europäische Integration seit 1969 deutliche Fortschritte erzielen konnte, bleibt auch ihr Verdienst und Lebenswerk. Unweit des Bundeskanzlerplatzes in Bonn liegt die Katharina-Focke-Straße, die an dieses Wirken noch heute erinnert.
Quellen
Archiv der sozialen Demokratie:
Depositum Katharina Focke
Depositum Renate Lepsius
Handakten Karsten Brenner:
Kopien des Briefwechsels zwischen Katharina Focke und Gerhard Schröder im Privatbesitz Brenners
Archiv des Westdeutschen Rundfunks, Köln.
Literatur
Focke, Katharina, Erinnerungen an Jean Monnet, in: Wilkens, Andreas (Hg.), Interessen verbinden. Jean Monnet und die europäische Integration der Bundesrepublik Deutschland (Pariser Historische Studien 50), Bonn 1999, S. 23-30.
Focke, Katharina, Mein Vater. Ernst Friedlaender zu seinem 100. Geburtstag, Köln 1995.
Förderverein Kölner Runder Tisch für Integration e.V. (Hg.), Kölner Runder Tisch für Integration. Gemeinsam sind wir Köln. Dokumentation 1991-2008, Köln 2009.
Friedlaender, Elsbeth, Das Wesen des Übernationalen, Dissertation, Hamburg 1954.
Germond, Carine/Türk, Henning, Der Staatssekretärausschuss für Europafragen und die Gestaltung der deutschen Europapolitik zwischen 1964 und 1969, in: Zeitschrift für Staats- und Europawissenschaften 2 (2004), Heft 1, S. 56-81.
Hänsch, Klaus, Kontinent der Hoffnungen. Mein europäisches Leben, Bonn 2010.
Hartelt, Horst Werner, Krach im Kabinett, in: Die Zeit Nr. 9 vom 2.3.1973.
Hiepel, Claudia, Willy Brandt und Georges Pompidou. Deutsch-französische Europapolitik zwischen Aufbruch und Krise (Studien zur Internationalen Geschichte 29), München 2012.
Hofmann, Gunter, Willy Brandt und Helmut Schmidt. Geschichte einer schwierigen Freundschaft, München 2012.
Kreller, Lutz/Kuschel, Franziska, Vom „Volkskörper“ zum Individuum. Das Bundesministerium für Gesundheitswesen nach dem Nationalsozialismus, Göttingen 2022.
Lepsius, Renate, Frauenpolitik als Beruf. Gespräche mit SPD-Parlamentarierinnen, Hamburg 1987.
Weigert, Peter, Katharina Focke, in: Friebe, Ingeborg (Hg.), Frauen im Landtag, Düsseldorf 1992, S. 96-101.
Katharina Focke, Portätfoto auf der internationalen Konferenz der Friedrich Ebert Stiftung "Hoffnung für das südliche Afrika" in Bonn, 8.3.1995. (Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung/ 6/FOTA139290)
- 1: Focke, Mein Vater, S. 7.
- 2: Weigert, Katharina Focke, S. 97.
- 3: Kreller/Kuschel, Vom „Volkskörper“ zum Individuum, S. 140.
- 4: Brief von Heinz Kühn an Willy Brandt, 16.1.1973, Akte 1/KFAA000204 (Personenbestand Katharina Focke), Archiv der sozialen Demokratie.
- 5: Hartelt, Krach im Kabinett.
- 6: Interview Renate Lepsius mit Katharina Focke am 20.6.1985 in Köln (unpublizierte Fassung), S. 65, in: 1/RLAF000003 (Personenbestand Renate Lepsius), Archiv der sozialen Demokratie.
- 7: Interview Renate Lepsius mit Katharina Focke am 20.6.1985 in Köln (unpublizierte Fassung), S. 50, in: 1/RLAF000003 (Personenbestand Renate Lepsius), Archiv der sozialen Demokratie.
- 8: Focke, Erinnerungen an Jean Monnet, S. 27.
- 9: Dokumentation „Drei für Europa“ (Sendedatum: 18.3.1982). Unternehmensarchiv des Westdeutschen Rundfunks, Köln, hier: Minute 12.
- 10: Dokumentation „Drei für Europa“ (Sendedatum: 18.3.1982). Unternehmensarchiv des Westdeutschen Rundfunks, Köln, hier: Minute 31.
- 11: Brief von Katharina Focke an Gerhard Schröder, 19.10.2002, Privatbesitz Karsten Brenner (Kopie).
Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.
Hillebrand, Tom, Katharina Focke, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/katharina-focke/DE-2086/lido/68fa051f5e2033.48663897 (abgerufen am 23.01.2026)
Veröffentlicht am 17.12.2025, zuletzt geändert am 22.01.2026