Nikolaus Simrock

Gründer des Musikverlages N. Simrock (1751–1832)

Barbara Mülhens-Molderings (Köln)

Nikolaus Simrock, Gemälde, Joseph Karl Stieler (1781-1858) zugeschrieben. (Beethoven-Haus Bonn)

Ni­ko­laus Sim­rock war Wald­hor­nist am Bon­ner Hof der letz­ten bei­den Köl­ner Kur­fürs­ten  Ma­xi­mi­li­an Fried­rich von Kö­nigs­egg-Ro­then­fels un­d Max Franz von Ös­ter­reich. Er war ­der Grün­der ei­nes gro­ßen Mu­sik­ver­lags­hau­ses in Bonn, in dem die Wer­ke Wolf­gang Ama­de­us Mo­zarts (1756-1791), Jo­seph Haydns (1731-1809), Beet­ho­vens und fast al­ler zeit­ge­nös­si­scher Kom­po­nis­ten er­schie­nen. Die Freund­schaft zu Lud­wig van Beet­ho­ven wur­de für sei­ne ­ver­le­ge­ri­sche Tä­tig­keit von gro­ßer Be­deu­tung. Sein Sohn Pe­ter Jo­seph Sim­rock (1792-1868) und sein En­kel Fritz Sim­rock (1837–1901) führ­ten den Ver­lag durch ih­re Ver­bin­dun­gen zu Fe­lix Men­delsohn-Bar­thol­dy (1809-1847), Ro­bert Schu­mann und be­son­ders Jo­han­nes Brahms (1833-1897) sehr er­folg­reich fort. Sein jüngs­ter Sohn Karl er­lang­te als Bon­ner Pro­fes­sor und Li­te­ra­tur­his­to­ri­ker vor al­lem mit der Über­tra­gun­g ­des Ni­be­lun­gen­lie­des und als rhei­ni­scher Dich­ter Be­rühmt­heit. Ni­ko­laus Sim­rock und sei­ne Fa­mi­lie leis­te­ten so ei­nen wich­ti­gen Bei­trag zur rhei­ni­schen Kul­tur­ge­schich­te. 

Ni­ko­laus Sim­rock wur­de am 23.8.1751 als Sohn des kur­main­zi­schen Kor­po­rals Jo­han­nes Sim­rock (1721–1788) und sei­ner Ehe­frau Do­ro­thea Sopp (1722–1781) in Mainz ge­bo­ren. Be­reits mit 16 Jah­ren trat er als Wald­hor­nist in das kö­nig­lich-loth­rin­gi­sche Ka­val­le­rie-Re­gi­ment ein, wo er neun Jah­re lang dien­te. Am 1.4.1775 wur­de er in der kur­fürst­li­chen Ka­pel­le in Bonn als Wald­hor­nist mit ei­nem Jah­res­ge­halt von 300 Gul­den an­ge­stellt. Im Hof­be­richt von 1784 wird er be­schrie­ben als zwei­ter und gu­ter Wald­hor­nist, sehr gu­ter Auf­füh­rung und ge­hei­ra­thet. 

1780 ver­mähl­te er sich mit Fran­zis­ka Ot­ti­lia Bla­schek (1756-1829), die eben­falls ei­ner mu­si­ka­li­schen Fa­mi­lie in Mainz ent­stamm­te. Der Va­ter war der kur­fürst­li­che Gar­de­trom­pe­ter Franz Bla­schek, der auch als Kon­tra­bas­sist und Flö­tist in der Main­zer Hof­ka­pel­le dien­te. Aus die­ser Ehe gin­gen 13 Kin­der her­vor, von de­nen zehn das Er­wach­se­nen­al­ter er­reich­ten. In dem schon zi­tier­ten Hof­be­richt von 1784, der dem ge­ra­de in der Re­si­denz­stadt Bonn an­ge­kom­me­nen neu­en Kur­fürs­ten sei­ne Hof­ka­pel­le vor­stell­te, hei­ßt es: Ni­ko­laus Sim­rock, alt 32 Jah­re, ge­bo­ren in Mainz, ver­hei­ra­thet, sei­ne Frau ist 27, ge­bo­ren in Mainz, hat 3 Töch­ter im Lan­de, alt 3  und (Zwil­lin­ge) ½ Jahr, hat 10 Jah­re ge­dient, 9 Jah­re in Frank­reich, Ge­halt 300 Fl. aus der Land­rentm.[meis­te­rei] und 100 Fl. aus der Cha­tul­le. Ne­ben sei­ner Tä­tig­keit als Mu­si­ker war Ni­ko­laus Sim­rock ab 1784 mit der Be­schaf­fung von Mu­si­ka­li­en für die Hof­ka­pel­le be­auf­tragt und er­hielt da­für vom Kur­fürs­ten ei­ne wei­te­re Zu­la­ge von 40 Reichs­ta­lern jähr­lich. Da­mit ge­hör­te er zu den best­ge­stell­ten Hof­mu­si­kern in Bonn.  Seit 1785 bot er da­ne­ben als pri­va­ter Ge­schäfts­mann ei­ne Viel­zahl von Wa­ren an, wie ei­ne An­non­ce aus dem Jah­re 1790 zeigt: Pa­pie­re al­ler Art, Cou­verts, Tin­ten, Far­ben, Blei- und Roth­stif­te, Fe­der­mes­ser, Pa­pier­sche­ren, Stimm­ga­beln und – ham­mer, al­te und neue In­stru­men­te, ver­schie­de­ne Sor­ten Cla­vie­re, Vio­lin- und Baß­bo­gen, fer­ner Co­lo­pho­ni­um und al­le Ar­ten Mu­si­ka­li­en. 

Den Mu­si­ka­li­en­ver­kauf be­trieb er zu­erst of­fen­bar nur als Kom­mis­si­ons­han­del. Als 1794 die fran­zö­si­schen Trup­pen in Bonn ein­mar­schier­ten und nach der Flucht des Kur­fürs­ten kei­ne Ge­halts­zah­lun­gen mehr zu er­war­ten wa­ren, ver­leg­te sich Sim­rock ganz auf den Han­del. Schon 1793 hat­te er durch An­stel­lung von Ko­pis­ten ei­ne ei­ge­ne Ver­lags­tä­tig­keit be­grün­det, die er spä­ter mit der No­ten­s­te­che­rei ver­voll­stän­dig­te. 1799 pach­te­te er ein gro­ßes Haus in un­mit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft zu Beet­ho­vens Ge­burts­haus in der Bonn­gas­se Nr. 351, das er 1803 in­fol­ge der Sä­ku­la­ri­sa­ti­on bei ei­nem Schätz­preis von 3.000 Francs nur mit dem gro­ßen Ein­satz von 9.750 Francs er­stei­gern konn­te. Un­ter dem Dach die­ses Haus ver­ei­nig­te er die Fa­mi­lie, das Ge­schäft und den Ver­lag, in dem auch die meis­ten Fa­mi­li­en­mit­glie­der mit­ar­bei­te­ten. Hier er­schie­nen Wer­ke von Mo­zart, Haydn, Beet­ho­ven und fast al­ler zeit­ge­nös­si­schen Kom­po­nis­ten wie Jo­seph Reicha (1752-1795), Fer­di­nand Ries, An­dre­as (1767-1821) und Bern­har­d (1767-1841) Rom­berg, Fried­rich Kalk­bren­ner (1785-1849), Fer­nan­do Sor (1778-1839) und Louis Sp­ohr (1784-1859). Mit der Her­aus­ga­be von Jo­hann Se­bas­ti­an Bachs (1685-1750) Wohl­tem­pe­rier­tem Kla­vier und Kom­po­si­tio­nen von Ge­org Fried­rich Hän­del (1685-1759) setz­te er sich auch für die Wie­der­be­le­bung Al­ter Mu­sik ein. 

Trotz Ok­ku­pa­ti­on und fran­zö­si­scher Fremd­herr­schaft wuchs der Ver­lag ste­tig. 1799/1800 hat­te Sim­rock schon mehr als 100 Wer­ke ver­legt, die bis 1814 die Be­zeich­nung À Bonn chez N. Sim­rock tra­gen. Durch die Zu­ge­hö­rig­keit Bonns zum fran­zö­si­schen Kai­ser­reich war es Sim­rock mög­lich, die in Ös­ter­reich und Deutsch­land er­schie­ne­nen No­ten als „Raub­dru­cke“ nach­zu­ste­chen, was sei­ne Be­rufs­kol­le­gen in den an­de­ren Staa­ten är­ger­lich hin­neh­men muss­ten, denn Ur­he­ber­rech­te exis­tier­ten in der da­ma­li­gen Zeit fast nicht. Tan­tie­men für Wie­der­auf­füh­run­gen oder er­neu­te Auf­la­gen aus­ver­kauf­ter Wer­ke wur­den über­haupt nicht ge­zahlt. Sei­ne ei­ge­nen Ver­lags- und Nach­drucks­wer­ke da­ge­gen wa­ren durch den Ver­merk „Dé­po­sée à la Bi­blio­thèque na­tio­na­le“ (ab 1805 „im­pé­ria­le“) im ge­sam­ten fran­zö­si­schen Reich ge­schützt. 

Die en­gen freund­schaft­li­chen Be­zie­hun­gen Ni­ko­laus Sim­rocks zur Fa­mi­lie des ehe­ma­li­gem kur­fürst­li­chen Mu­sik­di­rek­tors und Kol­le­gen in der Hof­ka­pel­le, Franz An­ton Ries, und hier be­son­ders zu dem jun­gen Fer­di­nand Ries wur­den zu ei­nem gro­ßen Vor­teil für sei­nen Ver­lag. Nicht nur, dass Fer­di­nan­d ­Ries als Beet­ho­vens Schü­ler von 1801 bis 1805 dem vä­ter­li­chen Freund in Bonn die neu er­schie­ne­nen Wer­ke des Leh­rers zu­sand­te, was die­sem die Mög­lich­keit bot, sie gleich in sein Ver­lags­an­ge­bot auf­zu­neh­men, Fer­di­nand Ries be­ar­bei­te­te für ihn auch Wer­ke Beet­ho­vens und die an­de­rer Kom­po­nis­ten, die in den mu­sik­be­geis­ter­ten Bür­ger­krei­sen An­klang fan­den. Un­ter den im Ni­ko­laus Sim­rock Ver­lag er­schie­ne­nen cir­ca 3.000 Wer­ken ra­gen die von Mo­zart und Haydn, den er 1790 in Bonn per­sön­lich ken­nen­ge­lernt hat­te, als die­ser auf der Rei­se nach Lon­don in Bonn Sta­ti­on mach­te, her­vor. Von Beet­ho­ven selbst gab er (ne­ben ei­ner An­zahl von Raub­dru­cken) al­lein 13 Erst­aus­ga­ben her­aus. 

Sim­rock ver­stand es, mit dem Ver­lag auch auf in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne zu agie­ren, denn die Ver­triebs­we­ge, die er als Kom­mis­sio­när er­öff­net hat­te, dien­ten ihm um­ge­kehrt auch zum Ab­satz der ei­ge­nen Ver­lags­pro­duk­te. Schon seit 1792 be­fand sich Hein­rich (Hen­ri) (1754 – 1839), der jün­ge­re Bru­der von Ni­ko­laus Sim­rock, in Pa­ris. Er war selbst Mu­si­ker und bis 1802 Leh­rer für Horn und Ge­sang am Con­ser­va­toire in Pa­ris, so­mit hat­te er die bes­ten Vor­aus­set­zun­gen, die Mu­si­ka­li­en sei­nes Bru­ders dort zu ver­trei­ben. Russ­lands Mu­sik­markt wur­de von Sim­rocks Sohn Fritz zwi­schen 1809 und 1819 von Mos­kau und Ri­ga aus be­lie­fert. Der drit­te Sohn und spä­te­re Nach­fol­ger des Va­ters im Ver­lag, Pe­ter Jo­seph Sim­rock, er­öff­ne­te 1812 in Köln ei­ne De­pen­dance für den Ver­trieb von No­ten und In­stru­men­ten, ver­leg­te auch selbst ei­ni­ge Wer­ke. 

Ni­ko­laus Sim­rock, zeit sei­nes Le­bens ein Ver­fech­ter auf­klä­re­ri­scher Ide­en, war wie sei­ne Kol­le­gen in der kur­fürst­li­chen Hof­ka­pel­le Chris­ti­an Gott­lob Nee­fe (1748-1798) und Franz An­ton Ries Mit­glied der Bon­ner Nie­der­las­sung des Il­lu­mi­na­ten­or­dens, der Mi­ner­val­kir­che Sta­gi­ra. Als die­se 1785 auf­ge­löst wur­de, be­tei­lig­te sich Sim­rock 1787 an der Grün­dung der Bon­ner Le­se­ge­sell­schaft und trat spä­ter eben­so der 1805 ge­grün­de­ten Bon­ner Frei­mau­rer­lo­ge „Les frè­res cou­ra­geu­x“ bei, in der Deut­sche und Fran­zo­sen Le­se­ge­sell­schaft und trat spä­ter eben­so der 1805 ge­grün­de­ten Bon­ner Frei­mau­rer­lo­ge „Les frè­res cou­ra­geu­x“ bei, in der Deut­sche und Fran­zo­sen ver­eint wa­ren. 

Ni­ko­laus Sim­rock ge­hör­te seit der na­po­leo­ni­schen Zeit dem Bon­ner Stadt­rat an, der aus 30 der 100 reichs­ten Män­ner der Stadt ge­bil­det wur­de. Als Bonn und das Rhein­land 1815 in das Kö­nig­reich Preus­sen in­te­griert wur­den, be­hielt er die­se Funk­ti­on bei und üb­te sie bis kurz vor sei­nem Tod aus. 

Am 12.6.1832 starb Ni­ko­laus Sim­rock in Bonn als wohl­ha­ben­der Mann und hin­ter­ließ den nach­fol­gen­den Ge­ne­ra­tio­nen ei­nen Mu­sik­ver­lag, der ne­ben dem von Breit­kopf & Här­tel und dem Bu­reau de Mu­si­que, bei­de in Leip­zig, zu den be­rühm­tes­ten und mäch­tigs­ten in Deutsch­land ge­hör­ten. 

Literatur

Cobb-Bier­mann, Jo­han­na, Ni­ko­laus Sim­rock – Ver­le­ger, in: Das Haus Sim­rock, Bei­trä­ge zur Ge­schich­te ei­ner kul­tur­tra­gen­den Fa­mi­lie des Rhein­lan­des, re­vi­dier­te und stark er­wei­ter­te Neu­aus­ga­be des Bu­ches „Das Haus Sim­ro­ck“ von Walt­her Ot­ten­dorf, hg. von In­grid Bo­dsch, Bonn 2003, S. 11-56.
Bran­den­burg, Sieg­fried, Die Grün­dungs­jah­re des Ver­lags N. Sim­rock in Bonn, in: Bon­ner Ge­schichts­blät­ter 29 (1977), S. 28-36.
Brau­bach, Max, Die Mit­glie­der der Hof­mu­sik un­ter den vier letz­ten Kur­fürs­ten von Köln, in: Kross, Sieg­fried/Schmidt, 
Hans, Col­lo­qui­um Ami­co­rum, Jo­seph Schmidt-Görg zum 70. Ge­burts­tag, Bonn 1967, S. 26-63.
Hen­se­ler, Theo­dor An­ton, Das mu­si­ka­li­sche Bonn im 19. Jahr­hun­dert, Bonn 1959.
Die Mu­sik in Ge­schich­te und Ge­gen­wart. All­ge­mei­ne En­zy­klo­pä­die der Mu­sik, hg. von Fried­rich Blu­me, Band 15, Kas­sel 2006, Sp. 835-838.
Thay­er, A. W., Lud­wig van Beet­ho­vens Le­ben, Band 1, 2. Auf­la­ge, Ber­lin 1901, S. 179.

Online

Eit­ner, Ro­bert, Ar­ti­kel „Ni­ko­laus Sim­ro­ck“ in: All­ge­mei­ne Deutsch Bio­gra­phie 34 (1889), S. 385-386. [On­line]

 
Zitationshinweis

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Mülhens-Molderings, Barbara, Nikolaus Simrock, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/nikolaus-simrock/DE-2086/lido/57c9526b75d413.25584762 (abgerufen am 27.05.2022)