Paul Avraham Alsberg

Archivar (1919-2006)

Winfried Herbers (Wuppertal)

Paul Alsberg im Archiv, schwarz-weiß-Fotografie, undatiert. (Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal/ A16)

Paul Als­bergs Le­ben glie­der­te sich in zwei deut­lich von­ein­an­der ge­trenn­te Ab­schnit­te: Den ers­ten ver­brach­te er im Deutsch­land der Wei­ma­rer Re­pu­blik und des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus – ei­ne Zeit, in der sich sein po­li­ti­sches Be­wusst­sein schärf­te und er zum Zio­nis­ten wur­de. Der zwei­te Le­bens­ab­schnitt be­gann mit sei­ner Ein­wan­de­rung nach Pa­läs­ti­na. Dort über­nahm er zahl­rei­che Auf­ga­ben beim Auf­bau des 1948 ge­grün­de­ten Staa­tes Is­ra­el: Er war lei­ten­der Ar­chi­var des is­rae­li­schen Staats­ar­chivs, wirk­te am Auf­bau von Yad Vas­hem mit und en­ga­gier­te sich in füh­ren­der Rol­le in der Ge­mein­schaft der aus Deutsch­land ein­ge­wan­der­ten Ju­den, der so­ge­nann­ten „Je­ckes“. Als Pen­sio­när ver­wal­te­te er den Nach­lass der eben­falls aus Wup­per­tal-El­ber­feld stam­men­den Dich­te­rin El­se-Las­ker-Schü­ler (1869-1945). Durch zahl­rei­che Be­su­che im Nach­kriegs­wup­per­tal för­der­te er die An­nä­he­rung von Is­rae­lis und Deut­schen. Trotz des his­to­risch schwer be­las­te­ten Ver­hält­nis­ses zwi­schen Deut­schen und Ju­den knüpf­te er vie­le neue Kon­tak­te, ins­be­son­de­re zu jün­ge­ren Men­schen, de­nen er mit Of­fen­heit und Ver­trau­en be­geg­ne­te.

 

Am 30.3.1919 wur­de Paul Al­fred (spä­ter Av­ra­ham) Als­berg in ei­ne jü­disch-as­si­mi­lier­te Fa­mi­lie in El­ber­feld (heu­te Wup­per­tal) ge­bo­ren. Er war das drit­te Kind des jü­di­schen Kauf­manns Al­fred Als­berg (1885-1936) und sei­ner Ehe­frau He­le­na, ge­bo­re­ne Wein­berg (1890-1974). Sei­ne Ge­schwis­ter hie­ßen Lo­re (1912-1989) und Ot­to (1916-2002). Die weit ver­zweig­te Fa­mi­lie des Va­ters kam aus West­fa­len; Als­bergs Gro­ßva­ter Sieg­mund Als­berg (1851-1907) hat­te sich 1878 in El­ber­feld nie­der­ge­las­sen.

Sein El­tern­haus war bür­ger­lich-li­be­ral ein­ge­stellt. Der Va­ter war kaum re­li­gi­ös, die Mut­ter et­was mehr; sie sang im Syn­ago­gen­chor. Die Als­bergs wohn­ten in der Roon­stra­ße im Bril­ler Vier­tel in ei­ner ge­ho­be­nen Wohn­la­ge. Der Va­ter be­trieb das Bet­ten­kauf­haus Sieg­mund Als­berg in der El­ber­fel­der In­nen­stadt (Wall­stra­ße 32), zeit­wei­se ei­ne Fa­brik für Schu­he und Tex­til­treib­rie­men und bis 1927/28 ei­ne Schuh­fa­brik in Bar­men. Das Bet­ten­kauf­haus war 1879 von Als­bergs Gro­ßva­ter Sieg­mund ge­grün­det wor­den. Nach dem Ver­kauf der Fa­bri­ken er­öff­ne­te der Va­ter noch Bet­ten­ge­schäf­te in Bar­men und Es­sen. Mit sei­ner Schwie­ger­mut­ter und sei­nem Schwa­ger grün­de­te Al­fred Als­berg auch noch ein Kon­fek­ti­ons­haus in Duis­burg-Mei­de­rich. Die Fa­mi­lie war durch­aus wohl­ha­bend, sie be­schäf­tig­te zwei Dienst­mäd­chen und ein Kin­der­mäd­chen. Paul be­saß ein Pferd und hat­te ei­nen Reit­leh­rer. Ur­lau­be in der Schweiz und in ih­rem Fe­ri­en­haus in Wyk auf Föhr wa­ren selbst­ver­ständ­lich.

Paul be­such­te zu­nächst die pri­va­te Her­der­schu­le, dann die Sex­ta des dort an­ge­schlos­se­nen Schil­ler­päd­ago­gi­ums. Er wur­de 1929 in die Sex­ta (5. Klas­se) des Re­al­gym­na­si­ums Aue in El­ber­feld auf­ge­nom­men. Nach ei­ge­nen Aus­sa­gen spür­te er von An­ti­se­mi­tis­mus nur we­nig; nur ei­ner sei­ner Mit­schü­ler sei ein „Na­zi“ ge­we­sen. Die Leh­rer ver­hiel­ten sich wohl­wol­lend oder kor­rekt. Vor dem Hin­ter­grund der zu­neh­men­den Ver­drän­gung und Ver­fol­gung der Ju­den aus der Öf­fent­lich­keit wa­ren für ihn je­doch Un­si­cher­hei­ten ent­stan­den, wie man sich als Ju­de bei den ab 1933 statt­fin­den­den na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ri­ten und Sym­bo­len ver­hal­ten sol­le.

Nach und we­gen der Macht­über­nah­me der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten 1933 be­schäf­tig­te sich Als­berg mehr mit dem Ju­den­tum und wur­de re­li­gi­ös. Der Aus­schluss aus der Mehr­heits­ge­sell­schaft führ­te zu ei­nem er­star­ken­den jü­di­schen Selbst­be­wusst­sein und dem Wunsch, mehr über das Ju­den­tum zu er­fah­ren als das as­si­mi­lier­te El­tern­haus bie­ten konn­te.1935 fand er auch aus ei­ge­ner Er­kennt­nis den Weg zum Zio­nis­mus, denn er be­schäf­tig­te sich mit jü­di­scher Ge­schich­te so­wie jü­di­schem Ge­dan­ken­gut und grün­de­te ei­ne Ar­beits­ge­mein­schaft für jü­di­sche Ge­schich­te. Das ist wohl auch dem Ein­fluss des 1928 nach Wup­per­tal kom­men­den neu­en Rab­bi­ners Al­fred Phil­ipp (1904-1970) zu ver­dan­ken, der „wirk­lich­keits­nä­her“ als der äl­te­re Rab­bi­ner Jo­seph Nor­den (1870-1943) war. Als­berg hat­te bei Phil­ipp im Gym­na­si­um Aue Re­li­gi­ons­un­ter­richt. Sein Leh­rer bau­te auch ei­ne zio­nis­ti­sche Ge­mein­de­ju­gend auf und half Als­berg auf sei­nem Weg zum be­wuss­ten Jü­disch­sein und zum Zio­nis­mus. Ins­ge­samt er­lang­te der Schü­ler so auch „Stolz und Selbst­be­wusst­sein“ zur jü­di­schen Ge­mein­schaft zu ge­hö­ren. In die­ser Zeit wuchs in Als­berg der Ent­schluss, nach Pa­läs­ti­na zu emi­grie­ren und dort als Leh­rer für neue Spra­chen und Ge­schich­te zu ar­bei­ten.

Auch in der Zu­ge­hö­rig­keit zu Ju­gend­ver­bän­den ist die­ser Wan­del ab­les­bar. Be­reits 1928 war Als­berg dem nicht-zio­nis­ti­schen jü­di­schen Wan­der­bund „Ka­me­ra­den“ bei­ge­tre­ten, der ei­ne Va­ria­ti­on des Wan­der­vo­gels dar­stell­te. Nach des­sen Spal­tung 1932 trat er wie­der aus und schloss sich der links­ge­rich­te­ten zio­nis­ti­schen Ju­gend­grup­pe Britt HaOlim an. Auch die­se Grup­pe ver­ließ er bald, weil sie ihm zu links­ra­di­kal aus­ge­rich­tet war. Zu­dem pass­te sie „ge­sell­schaft­li­ch“ nicht zu sei­nem El­tern­haus, da sie von är­me­ren Ost­ju­den do­mi­niert wur­de. Ihm ge­fiel auch das ge­mein­sa­me Du­schen von Jun­gen und Mäd­chen nicht. Im Fe­bru­ar 1934 trat er in die deutsch-jü­di­schen, dem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phen Mar­tin Bu­ber (1878-1965) na­he­ste­hen­den „Werk­leu­te“ (Bund jü­di­scher Ju­gend) ein. Sei­ne Ge­schwis­ter ver­lie­ßen die Fa­mi­lie be­reits re­la­tiv früh, um zu­nächst nach Frank­reich und Ita­li­en zu emi­grie­ren, wäh­rend Als­berg sei­ne Schul­aus­bil­dung be­en­den woll­te.

Sei­ne Leh­rer be­schei­nig­ten ihm die Be­fä­hi­gung zur „Leis­tung selb­stän­di­ger Ar­beit“, so dass er als ei­ner der letz­ten jü­di­schen Schü­ler des Re­al­gym­na­si­ums 1937 das Ab­itur be­stand. Nach den No­vem­ber­po­gro­men 1938 durf­ten jü­di­sche Schü­ler kei­ne „deut­schen“ Schu­len mehr be­su­chen. We­gen der Ver­kür­zung der Schul­zeit hat­te er die Rei­fe­prü­fung ein Jahr frü­her als nor­mal ab­le­gen kön­nen. Er woll­te zu­nächst im Nei­gungs­fach Ge­schich­te über jü­di­sche Ge­schich­te ge­prüft wer­den, der stell­ver­tre­ten­de Di­rek­tor Wil­li Bür­ger (1863-1963) bog das al­ler­dings zu­guns­ten ei­nes „un­ver­fäng­li­che­ren“ The­mas ab. Als­berg be­stand die Prü­fung mit 2+. Al­ler­dings be­kam er sein Zeug­nis nicht wäh­rend der of­fi­zi­el­len Ab­itur­fei­er aus­ge­hän­digt, son­dern von Bür­ger im Di­rek­to­ren­zim­mer.

Als­berg be­an­trag­te be­reits wäh­rend sei­ner Schul­zeit die Aus­rei­se aus Deutsch­land, das Ver­fah­ren war aber lang­wie­rig. Auf An­ra­ten des El­ber­fel­der Rab­bi­ners Phil­ipp be­such­te Als­berg des­halb ab April 1937 das jü­disch-theo­lo­gi­sche Se­mi­nar in Bres­lau. Es dien­te haupt­säch­lich der Rab­bi­ner- und Leh­rer­aus­bil­dung und war ei­nes der an­ge­se­hens­ten In­sti­tu­te jü­di­scher Wis­sen­schaft in Eu­ro­pa. Als­berg streb­te al­ler­dings nicht die Rab­bi­ner­lauf­bahn an. In Bres­lau woll­te er sei­ne He­bräisch­kennt­nis­se und sein Wis­sen über das Ju­den­tum ver­bes­sern, um sich auf die Aus­wan­de­rung nach Pa­läs­ti­na vor­zu­be­rei­ten. He­bräisch­stun­den nahm er bei ei­nem pol­ni­schen Rav (Eh­ren­ti­tel).

Paul Alsberg mit seinen Geschwistern Lore und Otto, um 1936. (Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal)

 

Dort lern­te er sei­ne spä­te­re Frau Eli­sa­beth („Bet­ti“) Ke­schner (1920-2012) aus Hat­tin­gen/Ruhr nä­her ken­nen, de­ren El­tern nach El­ber­feld ge­zo­gen wa­ren und dort ein Mö­bel­ge­schäft be­trie­ben. Sie woll­te eben­falls Leh­re­rin wer­den und war von Phil­ipp eben­falls in das Leh­rer­se­mi­nar in Bres­lau emp­foh­len wor­den. Im Se­mi­nar lern­ten sie he­brä­isch, la­sen die Bi­bel, ak­zep­tier­ten und ver­in­ner­lich­ten die Re­geln des or­tho­do­xen Ju­den­tums und woll­ten an Pes­sach nicht nach Hau­se kom­men, weil dort nicht ko­scher ge­kocht wur­de. Das än­der­ten dann bei­de El­tern­paa­re. Auch die „Or­gel­syn­ago­ge“ (li­be­ra­le Syn­ago­ge) in El­ber­feld mied Als­berg; er ging in die or­tho­do­xe Syn­ago­ge in der Lui­sen­stra­ße, die vor­wie­gend von Ost­ju­den be­sucht wur­de.

Früh hat­ten Als­bergs El­tern die Aus­wan­de­rung ih­rer Kin­der ge­plant und das Ler­nen von Fremd­spra­chen ge­för­dert. Als­berg be­kam Pri­vat­un­ter­richt in Ita­lie­nisch und Fran­zö­sisch und un­ter­nahm meh­re­re Aus­lands­auf­ent­hal­te nach Tu­rin und Genf zur Ver­voll­komm­nung sei­ner Sprach­fä­hig­kei­ten. Am En­de sei­nes Le­bens be­herrsch­te er fünf Spra­chen: deutsch, he­brä­isch, eng­lisch, fran­zö­sisch, ita­lie­nisch. Spä­ter las der po­ly­glot­te Als­berg Fach­li­te­ra­tur am liebs­ten in Eng­lisch, im All­tags­ge­brauch be­nutz­te er Ir­vit, das He­bräi­sche. Zu Hau­se sprach er deutsch und las eben­falls Bel­le­tris­tik, be­son­ders Ge­dich­te, in der deut­schen Spra­che, so dass er sprach­lich und kul­tu­rell le­bens­lang Deutsch­land ver­bun­den blieb.

Die Zeit des Stu­die­rens in Bres­lau en­de­te ab­rupt nach der Reichs­po­grom­nacht am 9.11.1938. Das Bres­lau­er Se­mi­nar wur­de ei­nen Tag spä­ter ge­schlos­sen; Als­berg und ein Freund wur­den von der Stra­ße weg fest­ge­nom­men. Das geht aus der er­hal­te­nen Ef­fek­ten­kar­te in Bu­chen­wald her­vor, die au­ßer der am Kör­per ge­tra­ge­nen Klei­dung nur Schlüs­sel­bund und Brief­ta­sche ver­zeich­ne­te.

Als­berg und sein Freund wur­den – wie et­wa 30.000 an­de­re männ­li­che Ju­den – im Zu­ge der No­vem­ber­po­gro­me ver­haf­tet und mit rund 10.000 an­de­ren in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald ge­bracht. Al­lein aus Bres­lau gin­gen zwei Trans­por­te mit 963 be­zie­hungs­wei­se 811 Häft­lin­gen ab. In Bu­chen­wald war Als­berg sys­te­ma­ti­scher Ent­wür­di­gung, Ge­walt und Zwangs­ar­beit aus­ge­setzt. Nach der Ein­lie­fe­rung muss­ten die Häft­lin­ge Schwerst­ar­beit im Stein­bruch leis­ten und wa­ren in so­ge­nann­ten „Ju­den­ba­ra­cken“ un­ter­ge­bracht. Die Haft­be­din­gun­gen wa­ren von Miss­hand­lun­gen, Hun­ger und per­ma­nen­ter Be­dro­hung ge­prägt. Zwar dien­te die Mas­sen­in­ter­nie­rung En­de 1938 noch nicht un­mit­tel­bar der plan­mä­ßi­gen Ver­nich­tung, sie ziel­te je­doch auf die Ent­rech­tung und er­zwun­ge­ne Emi­gra­ti­on der jü­di­schen Be­völ­ke­rung. Die un­mensch­li­che Be­hand­lung in Bu­chen­wald do­ku­men­tier­te Als­berg in ei­ni­gen Ta­ge­buch­no­ti­zen, die er auf Toi­let­ten­pa­pier schrieb. Zu­dem über­stand Als­berg ei­ne Di­ph­te­rie-Er­kran­kung. Nach der Ge­ne­sung er­fuhr er, dass er be­reits zur Ent­las­sung auf­ge­ru­fen wor­den war. Am 28.12.1938 ent­ließ man ihn. Das hat­te da­mit zu tun, dass sich Bet­ti Ke­schner und sei­ne Fa­mi­lie in der Zwi­schen­zeit mit Er­folg be­müht hat­ten, sei­ne Aus­wan­de­rung zu er­mög­li­chen. Ke­schner brach in ein ver­sie­gel­tes Ge­bäu­de der jü­di­schen Hoch­schu­le in Bres­lau ein und be­sorg­te die nö­ti­gen Stu­di­en­nach­wei­se für Als­berg. Der Bru­der Ot­to, der be­reits in Pa­läs­ti­na war, be­sorg­te ein Zer­ti­fi­kat, das man bei der Ge­sta­po vor­wies. Als­berg konn­te schlie­ß­lich mit ei­nem Stu­den­ten­vi­sum (B III) ein­rei­sen; Bet­ti Ke­schner er­hielt ein Tou­ris­ten­vi­sum.

Im Ja­nu­ar 1939 fuhr das Paar nach Ve­ne­dig und von dort aus mit dem Schiff über Alex­an­dria nach Hai­fa. Von der auf ihn zu­nächst fremd wir­ken­den At­mo­sphä­re war Als­berg we­nig an­ge­tan, aber er konn­te sich von dem Geld, das sei­ne Mut­ter in Deutsch­land hin­ter­le­gen konn­te und das mo­nat­lich aus­ge­zahlt wur­de, ein Zim­mer in ei­nem an­ge­neh­me­ren Stadt­teil mie­ten. Zu den Ein­ge­wöh­nungs­schwie­rig­kei­ten ka­men Krank­hei­ten, die die Fa­mi­lie auch fi­nan­zi­ell be­las­te­ten. Zu­nächst hiel­ten sich Als­berg und Ke­schner vor al­lem im Kreis deut­scher Emi­gran­ten auf, be­son­ders den Emi­gran­ten aus dem Bres­lau­er Se­mi­nar. Hin­zu kam ei­ne deutsch­spra­chi­ge Syn­ago­gen­ge­mein­de, zu der spä­ter der aus El­ber­feld be­reits be­kann­te Phil­ipp stieß. Auch Mar­tin Bu­ber be­such­te die­se Syn­ago­ge.

1939 nahm Als­berg ein Stu­di­um an der He­bräi­schen Uni­ver­si­tät in Je­ru­sa­lem auf mit Ge­schich­te als Haupt­fach und ro­ma­ni­scher Phi­lo­lo­gie als Ne­ben­fach. Schwie­rig war es für ihn, dass sei­ne He­bräisch­kennt­nis­se noch nicht aus­rei­chend wa­ren, aber durch Nach­hil­fe und kon­zen­trier­te Ar­beit konn­te er 1942 die Mas­ter­prü­fung be­ste­hen. Da er kei­ne zu­frie­den­stel­len­de Stel­le im Er­zie­hungs­we­sen be­kam, ar­bei­te­te er zu­sam­men mit ei­nem Freund in ei­ner klei­nen Holz­fa­bri­ka­ti­on, die aus Kis­ten­bret­tern klei­ne­re Holz­ar­ti­kel her­stell­te. Spä­ter führ­te Als­berg das Ge­schäft al­lei­ne wei­ter, al­ler­dings ent­zo­gen die Un­ru­hen vor dem Un­ab­hän­gig­keits­krieg und der Krieg selbst dem Ge­schäft die Ba­sis. Sein spä­te­rer Schwie­ger­va­ter be­trieb ei­nen Mö­bel­la­den mit ge­brauch­ten Mö­beln, in dem Als­berg eben­falls aus­half.

1942 er­reich­ten Als­bergs Mut­ter und Schwes­ter Pa­läs­ti­na, so dass die Fa­mi­lie wie­der ver­ei­nigt war. Auch die El­tern von Bet­ti Ke­schner konn­ten Deutsch­land recht­zei­tig ver­las­sen. 1942 hei­ra­te­ten Paul Als­berg und Bet­ti Ke­schner. Das Paar be­kam die Toch­ter Irith Ova­dia (ge­bo­ren 1946) und den Sohn Shi­mon (1951-1973), der im Yom Kip­pur-Krieg fiel.

Ne­ben den prak­ti­schen Ar­bei­ten schrieb Als­berg auch an ei­ner Dok­tor­ar­beit über Ma­ri­no Sa­nu­do (1466-1536), ei­nen ve­ne­zia­ni­schen His­to­ri­ker, Schrift­stel­ler und Ta­ge­buch­schrei­ber. Doch die Ar­beit ließ sich nicht ein­gren­zen, und Als­berg gab das The­ma auf. Spä­ter ver­fass­te er mit Er­folg ei­ne Dok­tor­ar­beit über die zio­nis­ti­sche Exe­ku­ti­ve zwi­schen 1904 und 1914.

Als der Un­ab­hän­gig­keits­krieg nach der Ab­leh­nung des UN-Tei­lungs­plans durch die ara­bi­schen Staa­ten 1947 aus­brach, zo­gen die Is­rae­li­schen Ver­tei­di­gungs­streit­kräf­te (IDF) Als­berg als Sa­ni­tä­ter ein. Im Fe­bru­ar 1949 wur­de er ent­las­sen. Nun such­te er ei­ne fes­te Stel­le, die sei­nen Qua­li­fi­ka­tio­nen ent­sprach. Am 1.3.1949 trat er ei­ne Stel­le beim Zio­nis­ti­schen Ar­chiv an und lern­te al­les über Ar­chiv­kun­de von den bei­den deutsch­spra­chi­gen Lei­tern des Ar­chivs. 1957 wur­de er Lei­ter des is­rae­li­schen Staats­ar­chivs, 1970 wur­de er Staats­ar­chi­var und ging 1991 in Pen­si­on.

In sei­ner Zeit als Ar­chi­var bau­te er das is­rae­li­sche Ar­chiv­we­sen auf, in­dem er sich an den Ge­set­zen und Ver­ord­nun­gen, die es be­grün­de­ten und struk­tu­rier­ten, füh­rend be­tei­lig­te. In zahl­rei­chen Be­su­chen gro­ßer aus­län­di­scher Ar­chi­ve und Stu­di­en­rei­sen ver­brei­ter­te er sein Wis­sen und emp­fing An­re­gun­gen für das is­rae­li­sche Staats­ar­chiv. Da­bei ka­men ihm sei­ne um­fang­rei­chen Sprach­kennt­nis­se zu­gu­te. Sei­ne er­wor­be­nen Kennt­nis­se gab er auch als Hoch­schul­leh­rer an Stu­den­ten der He­bräi­schen Uni­ver­si­tät Je­ru­sa­lem wei­ter; er bil­de­te meh­re­re Ge­ne­ra­tio­nen von Ar­chi­va­ren und Bi­blio­the­ka­ren aus und ver­fass­te zahl­rei­che Ab­hand­lun­gen zum Ar­chiv­we­sen. Er war in der Ar­chiv­welt [...] je­mand, den man um Rat fragt.[1] Auch in­ter­na­tio­nal war er gut ver­netzt. Als er im Au­gust 1972 bei ei­nem Ar­chiv­kon­gress in Mos­kau am Flug­ha­fen ver­haf­tet wur­de, wei­ger­ten sich die Teil­neh­mer, den Kon­gress vor sei­ner Frei­las­sung zu be­gin­nen.

Sein Haupt­amt zog wei­te­re Äm­ter in der Wis­sen­schaft nach sich. So war er der lang­jäh­ri­ge Vor­sit­zen­de der As­so­cia­ti­on of Is­rae­li Ar­chi­vists und der Is­ra­el Li­bra­ry As­so­cia­ti­on. Der li­te­ra­risch in­ter­es­sier­te Als­berg über­nahm 1980 auch die Ver­wal­tung des Nach­las­ses der eben­falls in El­ber­feld ge­bo­re­nen Dich­te­rin El­se Las­ker-Schü­ler, die 1945 in Je­ru­sa­lem ge­stor­ben war. Hier war er auch da­für ver­ant­wort­lich, dass die Ein­nah­men aus den Ver­öf­fent­li­chun­gen El­se Las­ker-Schü­lers an die Er­ben trans­fe­riert wur­den. Zu­dem war er Re­dak­teurs des Mit­tei­lungs­blat­tes des „Ir­gun Olej Mer­kas Eu­ro­pa“ (IO­ME – Ver­band der Ein­wan­de­rer aus Zen­tral­eu­ro­pa). Dem Ver­band, der die In­ter­es­sen der deutsch­spra­chi­gen Ju­den ver­trat, dien­te er auch zeit­wei­se als Vor­sit­zen­der und als Chef­re­dak­teur für des­sen Mit­tei­lungs­blatt.

Auch an der Ent­wick­lung von Yad Vas­hem be­tei­lig­te er sich, ab 1969 war er Re­gie­rungs­ver­tre­ter im Di­rek­to­ri­um der Ge­denk­stät­te. Für die Ge­denk­stät­te sam­mel­te er in ganz Eu­ro­pa Quel­len zum Ho­lo­caust und sei­nen Op­fern. Die Pro­to­kol­le zum Eich­mann­pro­zess gab er mit her­aus.

Sei­ne po­li­ti­sche Ein­stel­lung war li­be­ral, er un­ter­stütz­te die Ar­bei­ter­par­tei und warn­te vor der „or­tho­do­xen Rich­tun­g“ in der is­rae­li­schen Po­li­tik. Er be­für­wor­te­te le­bens­lang ei­nen ge­rech­ten Aus­gleich mit den Pa­läs­ti­nen­sern und den ara­bi­schen Staa­ten. Als Jit­z­chak Ra­bin (1922-1995) er­mor­det wur­de, trat Als­berg ve­he­ment für die Fort­set­zung des Frie­dens­pro­zes­ses ein. Ari­el Sharon (1928-2014) vom Li­kud war für ihn ein ro­tes Tuch.[2] Die deut­sche Ein­heit 1990 sah er zu­nächst mit ei­ni­ger Sor­ge, zu­neh­mend aber dann wohl­wol­lend.

In der Nach­kriegs­zeit hat­te er zu­nächst ein zwie­späl­ti­ges Ver­hält­nis zu Deutsch­land und sei­ner Hei­mat­stadt Wup­per­tal. Er sah die „Ge­schich­te der deut­schen Ju­den“ als be­en­det an, die we­ni­gen Rück­keh­rer schätz­te er nicht be­son­ders. Er de­fi­nier­te die Zeit ab 1945 als ei­ne neue Ge­schich­te der Ju­den in Deutsch­land.[3] 1952 kehr­te er erst­mals seit 1939 nach Wup­per­tal zu­rück. Die weit­hin von Zer­stö­run­gen ge­zeich­ne­te Stadt emp­fand er als „düs­ter“. Wäh­rend sei­nes Be­su­ches dis­tan­zier­te er sich zu­nächst von Deutsch­land und be­son­ders von den äl­te­ren Deut­schen, wel­che die Ver­fol­gung der Ju­den mög­li­cher­wei­se be­grü­ßt oder gar mit­ge­prägt hat­ten. Er be­such­te nur die Grä­ber sei­ner Vor­fah­ren, ließ das re­sti­tu­ier­te El­tern­haus zu­nächst ver­wal­ten und spä­ter ver­kau­fen. Die ma­te­ri­el­le „Wie­der­gut­ma­chun­g“, ins­be­son­de­re für die Haft, den Scha­den an der Aus­bil­dung und die Kos­ten der Aus­wan­de­rung, be­trieb er mit Hil­fe ei­nes Rechts­an­walts.

Seit En­de der 1970er Jah­re ent­wi­ckel­te Als­berg den­noch Kon­tak­te und freund­schaft­li­che Be­zie­hun­gen zu deut­schen Fa­mi­li­en. Da­bei han­del­te sich es meist um jün­ge­re Wup­per­ta­ler, die sich um die Auf­ar­bei­tung der deut­schen Schuld an den Ju­den und um die Ge­schich­te der Ju­den in Wup­per­tal be­müh­ten. Wei­te­re Kon­tak­te bil­de­ten sich über die El­se-Las­ker-Schü­ler Ge­sell­schaft in Deutsch­land, de­ren Eh­ren­mit­glied er war. Dar­über hin­aus ent­stan­den Ver­bin­dun­gen über die 1977 ein­ge­gan­ge­ne Städ­te­part­ner­schaft Wup­per­tals mit Beer She­va, sei­nem Wohn­ort nach der Pen­sio­nie­rung, und den ent­spre­chen­den Freun­des­kreis Wup­per­tal – Beer She­va und Beer She­va –Wup­per­tal. Des­sen Vor­sit­zen­de ist Als­bergs Toch­ter Irith Ova­dia-Als­berg. So er­ga­ben sich zahl­rei­che Be­su­che in Wup­per­tal, die Brü­cken zwi­schen Deut­schen und Ju­den bau­ten. Bei­spiels­wei­se war er 2002 bei der Ein­wei­hung der neu er­rich­te­ten Ber­gi­schen Syn­ago­ge zu­ge­gen.

Im Al­ter zu­neh­mend mit ge­sund­heit­li­chen Pro­ble­men kämp­fend, er­krank­te Als­berg zu­letzt schwer. Am 20.8.2006 ver­starb er in Omer bei Beer She­va. Sei­ne Bei­set­zung er­folg­te auf dem Fried­hof von Omer.

Paul Alsberg mit seiner Verlobten Betty, um 1940. (Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal)

 

Nach sei­nem Tod wur­de sein An­denken durch Eh­run­gen wach­ge­hal­ten: 2008 be­nann­te die Stadt Wup­per­tal ei­nen Platz in der Nä­he des el­ter­li­chen Wohn­hau­ses in Wup­per­tal-El­ber­feld nach Paul Als­berg. Ein Als­berg-Preis wird von der As­so­cia­ti­on of Is­rae­li Ar­chi­vists zu Eh­ren des Na­mens­ge­bers ver­lie­hen.

Werke (Auswahl)

The Is­ra­el Sta­te Ar­chi­ves (Gui­des to the Ar­chi­ves in Is­ra­el), 1991.

Literatur

Bet­ten, An­ne/Du-nour, Mi­ryam (Hg.), Wir sind die Letz­ten. Fragt uns aus. Ge­sprä­che mit den Emi­gran­ten der drei­ßi­ger Jah­re in Is­ra­el, Ge­lin­gen 1995.

Her­bers, Win­fried, Ein Brü­cken­bau­er aus Wup­per­tal. Paul Av­ra­ham Als­berg (1919-2006), in: Ge­schich­te im Wup­per­tal 33 (2024), S. 80-101. 

Online

Kempf, Flo­ri­an, Fa­mi­lie Als­berg [On­line].

Paul-Alsberg-Platz in Wuppertal, Fotografie, 2008, Foto: Winfried Herbers. (Privatbesitz)

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Herbers, Winfried, Paul Avraham Alsberg, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/paul-avraham-alsberg-/DE-2086/lido/69aad13fd286f8.35874411 (abgerufen am 07.08.2026)

Veröffentlichung

Veröffentlicht am 28.07.0206, zuletzt geändert am 28.07.2026