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Paul Alsbergs Leben gliederte sich in zwei deutlich voneinander getrennte Abschnitte: Den ersten verbrachte er im Deutschland der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus – eine Zeit, in der sich sein politisches Bewusstsein schärfte und er zum Zionisten wurde. Der zweite Lebensabschnitt begann mit seiner Einwanderung nach Palästina. Dort übernahm er zahlreiche Aufgaben beim Aufbau des 1948 gegründeten Staates Israel: Er war leitender Archivar des israelischen Staatsarchivs, wirkte am Aufbau von Yad Vashem mit und engagierte sich in führender Rolle in der Gemeinschaft der aus Deutschland eingewanderten Juden, der sogenannten „Jeckes“. Als Pensionär verwaltete er den Nachlass der ebenfalls aus Wuppertal-Elberfeld stammenden Dichterin Else-Lasker-Schüler (1869-1945). Durch zahlreiche Besuche im Nachkriegswuppertal förderte er die Annäherung von Israelis und Deutschen. Trotz des historisch schwer belasteten Verhältnisses zwischen Deutschen und Juden knüpfte er viele neue Kontakte, insbesondere zu jüngeren Menschen, denen er mit Offenheit und Vertrauen begegnete.
Am 30.3.1919 wurde Paul Alfred (später Avraham) Alsberg in eine jüdisch-assimilierte Familie in Elberfeld (heute Wuppertal) geboren. Er war das dritte Kind des jüdischen Kaufmanns Alfred Alsberg (1885-1936) und seiner Ehefrau Helena, geborene Weinberg (1890-1974). Seine Geschwister hießen Lore (1912-1989) und Otto (1916-2002). Die weit verzweigte Familie des Vaters kam aus Westfalen; Alsbergs Großvater Siegmund Alsberg (1851-1907) hatte sich 1878 in Elberfeld niedergelassen.
Sein Elternhaus war bürgerlich-liberal eingestellt. Der Vater war kaum religiös, die Mutter etwas mehr; sie sang im Synagogenchor. Die Alsbergs wohnten in der Roonstraße im Briller Viertel in einer gehobenen Wohnlage. Der Vater betrieb das Bettenkaufhaus Siegmund Alsberg in der Elberfelder Innenstadt (Wallstraße 32), zeitweise eine Fabrik für Schuhe und Textiltreibriemen und bis 1927/28 eine Schuhfabrik in Barmen. Das Bettenkaufhaus war 1879 von Alsbergs Großvater Siegmund gegründet worden. Nach dem Verkauf der Fabriken eröffnete der Vater noch Bettengeschäfte in Barmen und Essen. Mit seiner Schwiegermutter und seinem Schwager gründete Alfred Alsberg auch noch ein Konfektionshaus in Duisburg-Meiderich. Die Familie war durchaus wohlhabend, sie beschäftigte zwei Dienstmädchen und ein Kindermädchen. Paul besaß ein Pferd und hatte einen Reitlehrer. Urlaube in der Schweiz und in ihrem Ferienhaus in Wyk auf Föhr waren selbstverständlich.
Paul besuchte zunächst die private Herderschule, dann die Sexta des dort angeschlossenen Schillerpädagogiums. Er wurde 1929 in die Sexta (5. Klasse) des Realgymnasiums Aue in Elberfeld aufgenommen. Nach eigenen Aussagen spürte er von Antisemitismus nur wenig; nur einer seiner Mitschüler sei ein „Nazi“ gewesen. Die Lehrer verhielten sich wohlwollend oder korrekt. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Verdrängung und Verfolgung der Juden aus der Öffentlichkeit waren für ihn jedoch Unsicherheiten entstanden, wie man sich als Jude bei den ab 1933 stattfindenden nationalsozialistischen Riten und Symbolen verhalten solle.
Nach und wegen der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 beschäftigte sich Alsberg mehr mit dem Judentum und wurde religiös. Der Ausschluss aus der Mehrheitsgesellschaft führte zu einem erstarkenden jüdischen Selbstbewusstsein und dem Wunsch, mehr über das Judentum zu erfahren als das assimilierte Elternhaus bieten konnte.1935 fand er auch aus eigener Erkenntnis den Weg zum Zionismus, denn er beschäftigte sich mit jüdischer Geschichte sowie jüdischem Gedankengut und gründete eine Arbeitsgemeinschaft für jüdische Geschichte. Das ist wohl auch dem Einfluss des 1928 nach Wuppertal kommenden neuen Rabbiners Alfred Philipp (1904-1970) zu verdanken, der „wirklichkeitsnäher“ als der ältere Rabbiner Joseph Norden (1870-1943) war. Alsberg hatte bei Philipp im Gymnasium Aue Religionsunterricht. Sein Lehrer baute auch eine zionistische Gemeindejugend auf und half Alsberg auf seinem Weg zum bewussten Jüdischsein und zum Zionismus. Insgesamt erlangte der Schüler so auch „Stolz und Selbstbewusstsein“ zur jüdischen Gemeinschaft zu gehören. In dieser Zeit wuchs in Alsberg der Entschluss, nach Palästina zu emigrieren und dort als Lehrer für neue Sprachen und Geschichte zu arbeiten.
Auch in der Zugehörigkeit zu Jugendverbänden ist dieser Wandel ablesbar. Bereits 1928 war Alsberg dem nicht-zionistischen jüdischen Wanderbund „Kameraden“ beigetreten, der eine Variation des Wandervogels darstellte. Nach dessen Spaltung 1932 trat er wieder aus und schloss sich der linksgerichteten zionistischen Jugendgruppe Britt HaOlim an. Auch diese Gruppe verließ er bald, weil sie ihm zu linksradikal ausgerichtet war. Zudem passte sie „gesellschaftlich“ nicht zu seinem Elternhaus, da sie von ärmeren Ostjuden dominiert wurde. Ihm gefiel auch das gemeinsame Duschen von Jungen und Mädchen nicht. Im Februar 1934 trat er in die deutsch-jüdischen, dem Religionsphilosophen Martin Buber (1878-1965) nahestehenden „Werkleute“ (Bund jüdischer Jugend) ein. Seine Geschwister verließen die Familie bereits relativ früh, um zunächst nach Frankreich und Italien zu emigrieren, während Alsberg seine Schulausbildung beenden wollte.
Seine Lehrer bescheinigten ihm die Befähigung zur „Leistung selbständiger Arbeit“, so dass er als einer der letzten jüdischen Schüler des Realgymnasiums 1937 das Abitur bestand. Nach den Novemberpogromen 1938 durften jüdische Schüler keine „deutschen“ Schulen mehr besuchen. Wegen der Verkürzung der Schulzeit hatte er die Reifeprüfung ein Jahr früher als normal ablegen können. Er wollte zunächst im Neigungsfach Geschichte über jüdische Geschichte geprüft werden, der stellvertretende Direktor Willi Bürger (1863-1963) bog das allerdings zugunsten eines „unverfänglicheren“ Themas ab. Alsberg bestand die Prüfung mit 2+. Allerdings bekam er sein Zeugnis nicht während der offiziellen Abiturfeier ausgehändigt, sondern von Bürger im Direktorenzimmer.
Alsberg beantragte bereits während seiner Schulzeit die Ausreise aus Deutschland, das Verfahren war aber langwierig. Auf Anraten des Elberfelder Rabbiners Philipp besuchte Alsberg deshalb ab April 1937 das jüdisch-theologische Seminar in Breslau. Es diente hauptsächlich der Rabbiner- und Lehrerausbildung und war eines der angesehensten Institute jüdischer Wissenschaft in Europa. Alsberg strebte allerdings nicht die Rabbinerlaufbahn an. In Breslau wollte er seine Hebräischkenntnisse und sein Wissen über das Judentum verbessern, um sich auf die Auswanderung nach Palästina vorzubereiten. Hebräischstunden nahm er bei einem polnischen Rav (Ehrentitel).
Paul Alsberg mit seinen Geschwistern Lore und Otto, um 1936. (Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal)
Dort lernte er seine spätere Frau Elisabeth („Betti“) Keschner (1920-2012) aus Hattingen/Ruhr näher kennen, deren Eltern nach Elberfeld gezogen waren und dort ein Möbelgeschäft betrieben. Sie wollte ebenfalls Lehrerin werden und war von Philipp ebenfalls in das Lehrerseminar in Breslau empfohlen worden. Im Seminar lernten sie hebräisch, lasen die Bibel, akzeptierten und verinnerlichten die Regeln des orthodoxen Judentums und wollten an Pessach nicht nach Hause kommen, weil dort nicht koscher gekocht wurde. Das änderten dann beide Elternpaare. Auch die „Orgelsynagoge“ (liberale Synagoge) in Elberfeld mied Alsberg; er ging in die orthodoxe Synagoge in der Luisenstraße, die vorwiegend von Ostjuden besucht wurde.
Früh hatten Alsbergs Eltern die Auswanderung ihrer Kinder geplant und das Lernen von Fremdsprachen gefördert. Alsberg bekam Privatunterricht in Italienisch und Französisch und unternahm mehrere Auslandsaufenthalte nach Turin und Genf zur Vervollkommnung seiner Sprachfähigkeiten. Am Ende seines Lebens beherrschte er fünf Sprachen: deutsch, hebräisch, englisch, französisch, italienisch. Später las der polyglotte Alsberg Fachliteratur am liebsten in Englisch, im Alltagsgebrauch benutzte er Irvit, das Hebräische. Zu Hause sprach er deutsch und las ebenfalls Belletristik, besonders Gedichte, in der deutschen Sprache, so dass er sprachlich und kulturell lebenslang Deutschland verbunden blieb.
Die Zeit des Studierens in Breslau endete abrupt nach der Reichspogromnacht am 9.11.1938. Das Breslauer Seminar wurde einen Tag später geschlossen; Alsberg und ein Freund wurden von der Straße weg festgenommen. Das geht aus der erhaltenen Effektenkarte in Buchenwald hervor, die außer der am Körper getragenen Kleidung nur Schlüsselbund und Brieftasche verzeichnete.
Alsberg und sein Freund wurden – wie etwa 30.000 andere männliche Juden – im Zuge der Novemberpogrome verhaftet und mit rund 10.000 anderen in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Allein aus Breslau gingen zwei Transporte mit 963 beziehungsweise 811 Häftlingen ab. In Buchenwald war Alsberg systematischer Entwürdigung, Gewalt und Zwangsarbeit ausgesetzt. Nach der Einlieferung mussten die Häftlinge Schwerstarbeit im Steinbruch leisten und waren in sogenannten „Judenbaracken“ untergebracht. Die Haftbedingungen waren von Misshandlungen, Hunger und permanenter Bedrohung geprägt. Zwar diente die Masseninternierung Ende 1938 noch nicht unmittelbar der planmäßigen Vernichtung, sie zielte jedoch auf die Entrechtung und erzwungene Emigration der jüdischen Bevölkerung. Die unmenschliche Behandlung in Buchenwald dokumentierte Alsberg in einigen Tagebuchnotizen, die er auf Toilettenpapier schrieb. Zudem überstand Alsberg eine Diphterie-Erkrankung. Nach der Genesung erfuhr er, dass er bereits zur Entlassung aufgerufen worden war. Am 28.12.1938 entließ man ihn. Das hatte damit zu tun, dass sich Betti Keschner und seine Familie in der Zwischenzeit mit Erfolg bemüht hatten, seine Auswanderung zu ermöglichen. Keschner brach in ein versiegeltes Gebäude der jüdischen Hochschule in Breslau ein und besorgte die nötigen Studiennachweise für Alsberg. Der Bruder Otto, der bereits in Palästina war, besorgte ein Zertifikat, das man bei der Gestapo vorwies. Alsberg konnte schließlich mit einem Studentenvisum (B III) einreisen; Betti Keschner erhielt ein Touristenvisum.
Im Januar 1939 fuhr das Paar nach Venedig und von dort aus mit dem Schiff über Alexandria nach Haifa. Von der auf ihn zunächst fremd wirkenden Atmosphäre war Alsberg wenig angetan, aber er konnte sich von dem Geld, das seine Mutter in Deutschland hinterlegen konnte und das monatlich ausgezahlt wurde, ein Zimmer in einem angenehmeren Stadtteil mieten. Zu den Eingewöhnungsschwierigkeiten kamen Krankheiten, die die Familie auch finanziell belasteten. Zunächst hielten sich Alsberg und Keschner vor allem im Kreis deutscher Emigranten auf, besonders den Emigranten aus dem Breslauer Seminar. Hinzu kam eine deutschsprachige Synagogengemeinde, zu der später der aus Elberfeld bereits bekannte Philipp stieß. Auch Martin Buber besuchte diese Synagoge.
1939 nahm Alsberg ein Studium an der Hebräischen Universität in Jerusalem auf mit Geschichte als Hauptfach und romanischer Philologie als Nebenfach. Schwierig war es für ihn, dass seine Hebräischkenntnisse noch nicht ausreichend waren, aber durch Nachhilfe und konzentrierte Arbeit konnte er 1942 die Masterprüfung bestehen. Da er keine zufriedenstellende Stelle im Erziehungswesen bekam, arbeitete er zusammen mit einem Freund in einer kleinen Holzfabrikation, die aus Kistenbrettern kleinere Holzartikel herstellte. Später führte Alsberg das Geschäft alleine weiter, allerdings entzogen die Unruhen vor dem Unabhängigkeitskrieg und der Krieg selbst dem Geschäft die Basis. Sein späterer Schwiegervater betrieb einen Möbelladen mit gebrauchten Möbeln, in dem Alsberg ebenfalls aushalf.
1942 erreichten Alsbergs Mutter und Schwester Palästina, so dass die Familie wieder vereinigt war. Auch die Eltern von Betti Keschner konnten Deutschland rechtzeitig verlassen. 1942 heirateten Paul Alsberg und Betti Keschner. Das Paar bekam die Tochter Irith Ovadia (geboren 1946) und den Sohn Shimon (1951-1973), der im Yom Kippur-Krieg fiel.
Neben den praktischen Arbeiten schrieb Alsberg auch an einer Doktorarbeit über Marino Sanudo (1466-1536), einen venezianischen Historiker, Schriftsteller und Tagebuchschreiber. Doch die Arbeit ließ sich nicht eingrenzen, und Alsberg gab das Thema auf. Später verfasste er mit Erfolg eine Doktorarbeit über die zionistische Exekutive zwischen 1904 und 1914.
Als der Unabhängigkeitskrieg nach der Ablehnung des UN-Teilungsplans durch die arabischen Staaten 1947 ausbrach, zogen die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) Alsberg als Sanitäter ein. Im Februar 1949 wurde er entlassen. Nun suchte er eine feste Stelle, die seinen Qualifikationen entsprach. Am 1.3.1949 trat er eine Stelle beim Zionistischen Archiv an und lernte alles über Archivkunde von den beiden deutschsprachigen Leitern des Archivs. 1957 wurde er Leiter des israelischen Staatsarchivs, 1970 wurde er Staatsarchivar und ging 1991 in Pension.
In seiner Zeit als Archivar baute er das israelische Archivwesen auf, indem er sich an den Gesetzen und Verordnungen, die es begründeten und strukturierten, führend beteiligte. In zahlreichen Besuchen großer ausländischer Archive und Studienreisen verbreiterte er sein Wissen und empfing Anregungen für das israelische Staatsarchiv. Dabei kamen ihm seine umfangreichen Sprachkenntnisse zugute. Seine erworbenen Kenntnisse gab er auch als Hochschullehrer an Studenten der Hebräischen Universität Jerusalem weiter; er bildete mehrere Generationen von Archivaren und Bibliothekaren aus und verfasste zahlreiche Abhandlungen zum Archivwesen. Er war in der Archivwelt [...] jemand, den man um Rat fragt.[1] Auch international war er gut vernetzt. Als er im August 1972 bei einem Archivkongress in Moskau am Flughafen verhaftet wurde, weigerten sich die Teilnehmer, den Kongress vor seiner Freilassung zu beginnen.
Sein Hauptamt zog weitere Ämter in der Wissenschaft nach sich. So war er der langjährige Vorsitzende der Association of Israeli Archivists und der Israel Library Association. Der literarisch interessierte Alsberg übernahm 1980 auch die Verwaltung des Nachlasses der ebenfalls in Elberfeld geborenen Dichterin Else Lasker-Schüler, die 1945 in Jerusalem gestorben war. Hier war er auch dafür verantwortlich, dass die Einnahmen aus den Veröffentlichungen Else Lasker-Schülers an die Erben transferiert wurden. Zudem war er Redakteurs des Mitteilungsblattes des „Irgun Olej Merkas Europa“ (IOME – Verband der Einwanderer aus Zentraleuropa). Dem Verband, der die Interessen der deutschsprachigen Juden vertrat, diente er auch zeitweise als Vorsitzender und als Chefredakteur für dessen Mitteilungsblatt.
Auch an der Entwicklung von Yad Vashem beteiligte er sich, ab 1969 war er Regierungsvertreter im Direktorium der Gedenkstätte. Für die Gedenkstätte sammelte er in ganz Europa Quellen zum Holocaust und seinen Opfern. Die Protokolle zum Eichmannprozess gab er mit heraus.
Seine politische Einstellung war liberal, er unterstützte die Arbeiterpartei und warnte vor der „orthodoxen Richtung“ in der israelischen Politik. Er befürwortete lebenslang einen gerechten Ausgleich mit den Palästinensern und den arabischen Staaten. Als Jitzchak Rabin (1922-1995) ermordet wurde, trat Alsberg vehement für die Fortsetzung des Friedensprozesses ein. Ariel Sharon (1928-2014) vom Likud war für ihn ein rotes Tuch.[2] Die deutsche Einheit 1990 sah er zunächst mit einiger Sorge, zunehmend aber dann wohlwollend.
In der Nachkriegszeit hatte er zunächst ein zwiespältiges Verhältnis zu Deutschland und seiner Heimatstadt Wuppertal. Er sah die „Geschichte der deutschen Juden“ als beendet an, die wenigen Rückkehrer schätzte er nicht besonders. Er definierte die Zeit ab 1945 als eine neue Geschichte der Juden in Deutschland.[3] 1952 kehrte er erstmals seit 1939 nach Wuppertal zurück. Die weithin von Zerstörungen gezeichnete Stadt empfand er als „düster“. Während seines Besuches distanzierte er sich zunächst von Deutschland und besonders von den älteren Deutschen, welche die Verfolgung der Juden möglicherweise begrüßt oder gar mitgeprägt hatten. Er besuchte nur die Gräber seiner Vorfahren, ließ das restituierte Elternhaus zunächst verwalten und später verkaufen. Die materielle „Wiedergutmachung“, insbesondere für die Haft, den Schaden an der Ausbildung und die Kosten der Auswanderung, betrieb er mit Hilfe eines Rechtsanwalts.
Seit Ende der 1970er Jahre entwickelte Alsberg dennoch Kontakte und freundschaftliche Beziehungen zu deutschen Familien. Dabei handelte sich es meist um jüngere Wuppertaler, die sich um die Aufarbeitung der deutschen Schuld an den Juden und um die Geschichte der Juden in Wuppertal bemühten. Weitere Kontakte bildeten sich über die Else-Lasker-Schüler Gesellschaft in Deutschland, deren Ehrenmitglied er war. Darüber hinaus entstanden Verbindungen über die 1977 eingegangene Städtepartnerschaft Wuppertals mit Beer Sheva, seinem Wohnort nach der Pensionierung, und den entsprechenden Freundeskreis Wuppertal – Beer Sheva und Beer Sheva –Wuppertal. Dessen Vorsitzende ist Alsbergs Tochter Irith Ovadia-Alsberg. So ergaben sich zahlreiche Besuche in Wuppertal, die Brücken zwischen Deutschen und Juden bauten. Beispielsweise war er 2002 bei der Einweihung der neu errichteten Bergischen Synagoge zugegen.
Im Alter zunehmend mit gesundheitlichen Problemen kämpfend, erkrankte Alsberg zuletzt schwer. Am 20.8.2006 verstarb er in Omer bei Beer Sheva. Seine Beisetzung erfolgte auf dem Friedhof von Omer.
Paul Alsberg mit seiner Verlobten Betty, um 1940. (Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal)
Nach seinem Tod wurde sein Andenken durch Ehrungen wachgehalten: 2008 benannte die Stadt Wuppertal einen Platz in der Nähe des elterlichen Wohnhauses in Wuppertal-Elberfeld nach Paul Alsberg. Ein Alsberg-Preis wird von der Association of Israeli Archivists zu Ehren des Namensgebers verliehen.
Werke (Auswahl)
The Israel State Archives (Guides to the Archives in Israel), 1991.
Literatur
Betten, Anne/Du-nour, Miryam (Hg.), Wir sind die Letzten. Fragt uns aus. Gespräche mit den Emigranten der dreißiger Jahre in Israel, Gelingen 1995.
Herbers, Winfried, Ein Brückenbauer aus Wuppertal. Paul Avraham Alsberg (1919-2006), in: Geschichte im Wuppertal 33 (2024), S. 80-101.
Online
Kempf, Florian, Familie Alsberg [Online].
Paul-Alsberg-Platz in Wuppertal, Fotografie, 2008, Foto: Winfried Herbers. (Privatbesitz)
- 1: Betten/Du-nour, Wir sind die Letzten, S. 189.
- 2: Brief Alsbergs an Ulrike Schrader vom 25.1.2001, Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal, BAS 5.
- 3: Alsberg, Die Reichspogromnacht, in: Mitteilungsblattes des „Irgun Olej Merkas Europa“ (IOME – Verband der Einwanderer aus Zentraleuropa) Nr. 140, 1998, S. 1.
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Herbers, Winfried, Paul Avraham Alsberg, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/paul-avraham-alsberg-/DE-2086/lido/69aad13fd286f8.35874411 (abgerufen am 07.08.2026)
Veröffentlicht am 28.07.0206, zuletzt geändert am 28.07.2026