Ria Böbbis

Ruderin und Sportfunktionärin (1905-2001)

Hartwig Kersken (Dortmund)

Ria Böbbis, Porträtbild, 1980. (Landessportbund NRW)

Ria Böb­bis war ei­ne Dort­mun­der Ru­der­sport­le­rin und Sport­funk­tio­nä­rin für den Rhei­nisch-West­fä­li­schen Re­gat­ta-Ver­band, den Lan­des­sport­bund Nord­rhein-West­fa­len und den Deut­schen Sport­bund.

Fran­zis­ka Ju­lia­ne Ma­ria (Ria) Böb­bis wur­de am 9.6.1905 in Düs­sel­dorf als Toch­ter des Werk­meis­ters Hein­rich Böb­bis und des­sen Ehe­frau El­frie­de, ge­bo­re­ne Voil­lant, ge­bo­ren. Ein jün­ge­rer Bru­der, Hein­rich Böb­bis, wur­de 1907 eben­falls in Düs­sel­dorf ge­bo­ren. Die Fa­mi­lie war ka­tho­li­scher Kon­fes­si­on.

1908 zog die Fa­mi­lie von Düs­sel­dorf nach Dort­mund um. Dort ab­sol­vier­te Ria Böb­bis von 1911 bis 1923 ih­re Schul­lauf­bahn (1911 bis 1914 Volks­schu­le, 1914 bis 1921 Ka­tho­li­sche Mäd­chen-Mit­tel­schu­le, 1921 bis 1922 Ma­rie-Rein­ders-Mit­tel­schu­le, 1922 bis 1923 Han­dels­schu­le). Am 1.4.1923 trat sie als Ste­no­ty­pis­tin in den Dienst der Stadt Dort­mund ein. Sie ar­bei­te­te zu­nächst für fast zwei Jahr­zehn­te im städ­ti­schen Rech­nungs­amt. Von 1942 bis 1944 war sie im Stadt­po­li­zei­amt so­wie von 1944 bis 1946 in der Be­zirks­ver­wal­tung Dort­mund-Hör­de ein­ge­setzt. An­schlie­ßend wirk­te sie im Hoch­bau­amt be­vor sie 1952 für kur­ze Zeit zum Ord­nungs­amt und dann bis 1960 zum Land- und Forst­wirt­schafts­amt ver­setzt wur­de. Von 1960 bis zum Ein­tritt in den Ru­he­stand 1967 war sie als Ober­se­kre­tä­rin in der Stadt­käm­me­rei tä­tig.

Sport­lich war Ria Böb­bis zwi­schen 1923 und 1928 zu­erst als Hand­bal­le­rin und Leicht­ath­le­tin für den Dort­mun­der SC 95 ak­tiv. Ab 1932 war sie Mit­glied im tra­di­ti­ons­rei­chen Dort­mun­der Ru­der­club „Han­sa“ von 1898 e.V., der bis heu­te sei­ne Ren­nen auf dem Rhein-Her­ne-Ka­nal aus­trägt. Ria Böb­bis ge­hör­te da­mit zu den Pio­nie­rin­nen des Frau­en­ru­der­sports, denn der zu die­sem Zeit­punkt noch männ­lich do­mi­nier­te und zu­dem über­aus eli­tä­re Sport öff­ne­te sich nur lang­sam für das an­de­re Ge­schlecht. Ins­be­son­de­re wa­ren Frau­en mit ste­reo­ty­pen Rol­len­at­tri­bu­ten und dar­aus re­sul­tie­ren­den Vor­be­hal­ten kon­fron­tiert, die mit dem Frau­en­ru­dern un­ter an­de­rem ei­ne „Ver­männ­li­chun­g“ von Frau­en und Mäd­chen ver­ban­den. Trotz sol­cher mo­ra­lisch-ethi­schen und auch sport­li­chen Vor­be­hal­te war 1931 die Frau­en­rie­ge des RC Han­sa nach lan­gen ver­eins­in­ter­nen Dis­kus­sio­nen ge­grün­det wor­den. Ria Böb­bis er­in­ner­te sich spä­ter selbst an die An­fän­ge des Frau­en­ru­derns in Dort­mund: Die Ehe­frau­en der al­ten Her­ren hat­ten da­mals ih­re ei­ge­ne Run­de, die wa­ren schon sehr kri­tisch mit uns. We­gen der Trai­nings­an­zü­ge und so […].

Al­len Wi­der­stän­den zum Trotz nahm Böb­bis von 1935 bis 1965 für den Ver­ein er­folg­reich an Wett­be­wer­ben im Stil- und Renn­ru­dern teil und en­ga­gier­te sich nicht nur als ei­ne der ers­ten Frau­en als Übungs­lei­te­rin, son­dern auch als Schieds- und Punkt­rich­te­rin im Ru­der­sport. In ih­rer Frei­zeit und in den Win­ter­mo­na­ten fand sie ver­ein­sun­ge­bun­de­nen sport­li­chen Aus­gleich auch beim Schwim­men, der Gym­nas­tik und dem Ski­lau­fen.

Als Sport­funk­tio­nä­rin war Ria Böb­bis von 1937 bis 1943 Frau­en­war­tin des Rhei­nisch-West­fä­li­schen Re­gat­ta­ver­bands e. V. In der Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus war sie nach der Gleich­schal­tung der Sport­ver­bän­de zu­dem in ver­schie­de­nen NS-Sport­or­ga­ni­sa­tio­nen für den Ru­der­sport ak­tiv: Seit 1938 üb­te sie das Amt der Kreis­fach­war­tin Ru­dern im NS-Reichs­bund für Lei­bes­übun­gen (NSRL) aus. Im Bund Deut­scher Mä­del (BDM) fun­gier­te sie 1943 und 1944 als Fach­war­tin Ru­dern. Au­ßer­dem war sie Mit­glied im Reichs­bund der deut­schen Be­am­ten (1933-1945), der NS-Volks­wohl­fahrt (1937-1945), im Reichs­luft­schutz­bund (1941-1945) so­wie im Deut­schen Frau­en­werk (1938-1945).

Nach En­de des Zwei­ten Welt­kries nahm Ria Böb­bis ihr Amt als Frau­en­war­tin des Rhei­nisch-West­fä­li­schen Re­gat­ta­ver­bands un­mit­tel­bar wie­der auf und am­tier­te bis 1963. Au­ßer­dem war sie von 1951 bis 1955 Frau­en­war­tin und Vor­sit­zen­de im Un­ter­aus­schuss Frau­en­ru­dern im Deut­schen Ru­der­ver­band (DRV), den der Ver­band nach 1945 er­neut mit dem Ziel ein­ge­rich­tet hat­te, die In­ter­es­sen der Frau­en zu för­dern und zu wah­ren. Da­bei lag der Ar­beits­schwer­punkt des Gre­mi­ums ähn­lich wie bei den Män­nern auf der Ent­wick­lung des Leis­tungs­ru­derns. Ria Böb­bis ge­hör­te zu je­nen Frau­en, die den Leis­tungs- und Wett­kampf­ge­dan­ken im Frau­en­ru­dern fa­vo­ri­sier­ten. Sie ge­hör­te zu der Ge­ne­ra­ti­on von Ru­de­rin­nen, die durch den von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten be­för­der­ten Auf­schwung des Leis­tungs- und Wett­kampf­ru­derns sport­lich ge­prägt wor­den wa­ren. Das eher brei­ten­sport­lich aus­ge­rich­te­te Stil­ru­dern lehn­te sie des­halb aber nicht völ­lig ab, son­dern sah dar­in auch ei­ne Mög­lich­keit, mehr Frau­en für den Ru­der­sport ge­win­nen zu kön­nen. Au­ßer­dem glaub­te sie, dass über das Stil­ru­dern mit­tel­fris­tig auch Sport­le­rin­nen für das Leis­tungs­ru­dern mo­ti­viert wer­den könn­ten. Letzt­lich schei­ter­ten sie und der Un­ter­aus­schuss Frau­en­ru­dern aber da­mit, da das In­ter­es­se am Stil­ru­dern wei­ter nach­ließ, so dass Re­gat­ten in die­ser Dis­zi­plin nach 1971 auf­ge­ge­ben wur­den.

Die Ein­füh­rung ei­nes Ge­sund­heits­pas­ses für Frau­en und Mäd­chen im Ru­der­sport sei­tens des DRV ging eben­falls auf ei­ne In­itia­ti­ve von Ria Böb­bis zu­rück. Die ver­bind­li­che Ge­sund­heits­prü­fung be­en­de­te die Dis­kus­si­on um die Teil­nah­me von Frau­en am Renn­ru­der­sport, die zu­vor mit ver­meint­li­chen me­di­zi­ni­schen „Schut­z“-Ar­gu­men­ten kri­ti­siert wor­den war.

1961 war sie au­ßer­dem Mit­be­grün­de­rin des Nord­rhein-West­fä­li­schen Ru­der-Ver­ban­des, in dem sich der Rhei­nisch-West­fä­li­sche- und der Köl­ner-Re­gat­ta-Ver­band zu­sam­men­ge­schlos­sen hat­ten.

Ne­ben ih­rem En­ga­ge­ment für den Ru­der­sport war Ria Böb­bis auch sport­art­über­grei­fend im Lan­des­sport­bund Nord­rhein-West­fa­len (LSB NRW) so­wie im Vor­stand des Frau­en­bei­rats des Deut­schen Sport­bunds ak­tiv. Als stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de im Frau­en­aus­schuss und als Bei­sit­ze­rin im Prä­si­di­um des LSB NRW von 1951 bis 1971 setz­te sie sich ge­mein­sam mit der Frau­en­war­tin und Vor­sit­zen­den des Frau­en­aus­schus­ses Gre­te Busch ak­tiv da­für ein, die noch im­mer von tra­di­tio­nel­len Ge­schlech­ters­te­reo­ty­pen ge­präg­ten Um­stän­de für Frau­en und Mäd­chen im Sport zu ver­bes­sern. Trotz ih­rer ei­ge­nen Ver­wur­ze­lung im Leis­tungs­sport wur­de Ria Böb­bis da­bei zu ei­ner en­ga­gier­ten För­de­rin des Brei­ten­sports. Nach ih­rer Über­zeu­gung er­mög­lich­te er es, noch mehr Frau­en für den Sport und für die Mit­ar­beit in Sport­or­ga­ni­sa­tio­nen wie auch die Über­nah­me von Äm­tern be­geis­tern zu kön­nen. Da­ne­ben war Ria Böb­bis im Ju­gend- und Ko­or­di­nie­rungs­aus­schuss, im Hei­maus­schuss und im Sat­zungs­aus­schuss des LSB NRW ak­tiv.

 

Für ihr gro­ßes eh­ren­amt­li­ches En­ga­ge­ment im Ru­der­sport so­wie für die In­ter­es­sen von Frau­en und Mäd­chen im Sport wur­de Ria Böb­bis viel­fach aus­ge­zeich­net: 1966 und 1970 er­hielt sie die Sport­pla­ket­te des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len und die Pla­ket­te des DRV; 1955 und 1963 wur­den ihr die Sil­ber­ne und die Gol­de­ne Ver­dienst­na­del des Rhei­nisch-West­fä­li­schen Re­gat­ta­ver­bands ver­lie­hen; vom Stadt­sport­bund Dort­mund er­hielt sie 1986 des­sen höchs­te Aus­zeich­nung, die Fritz-Kau­er­mann-Eh­ren­pla­ket­te; ihr Ver­ein, der Ru­der­club Han­sa, er­nann­te sie be­reits 1963 zum Eh­ren­mit­glied. 1997 zeich­ne­te die Mit­glie­der­ver­samm­lung des LSB NRW sie als Zeit­zeu­gin und „Frau der ers­ten Stun­de“ nach dem Zwei­ten Welt­krieg mit der Eh­ren­mit­glied­schaft aus.

Ria Böb­bis starb am 19.7.2001 im Al­ter von 96 Jah­ren in Dort­mund.

Quellen

Lan­des­ar­chiv NRW, Abt. Rhld., NW 1097, Nr. 1944.
 
Bun­des­ar­chiv, Slg. BDC, NS-Frau­en­schaft / Frau­en­werk.

Stadt­ar­chiv Dort­mund, Best. 500; Best. 111/03. 

Literatur

Auf­bruch ins nächs­te Jahr­hun­dert. 1898-1998 – 100 Jah­re Ru­der­club Han­sa, Dort­mund 1998.

Ru­der­blatt. Ju­bi­lä­ums­aus­ga­be 110 Jah­re Ru­der­club Han­sa von 1898 e.V., Dort­mund 2008.

Hut­ma­cher, An­ne, Die Ent­wick­lung des Frau­en­ru­derns in Deutsch­land, Diss. Köln 2010. 

Sportplakettenträger des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen, Ria Böbbis in der Mitte, 1966. (Landessportbund NRW)

 
Zitationshinweis

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Kersken, Hartwig, Ria Böbbis, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ria-boebbis/DE-2086/lido/684aaef7acbd38.00328991 (abgerufen am 15.01.2026)

Veröffentlichung

Veröffentlicht am 03.07.2025, zuletzt geändert am 14.08.2025