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Ria Böbbis war eine Dortmunder Rudersportlerin und Sportfunktionärin für den Rheinisch-Westfälischen Regatta-Verband, den Landessportbund Nordrhein-Westfalen und den Deutschen Sportbund.
Franziska Juliane Maria (Ria) Böbbis wurde am 9.6.1905 in Düsseldorf als Tochter des Werkmeisters Heinrich Böbbis und dessen Ehefrau Elfriede, geborene Voillant, geboren. Ein jüngerer Bruder, Heinrich Böbbis, wurde 1907 ebenfalls in Düsseldorf geboren. Die Familie war katholischer Konfession.
1908 zog die Familie von Düsseldorf nach Dortmund um. Dort absolvierte Ria Böbbis von 1911 bis 1923 ihre Schullaufbahn (1911 bis 1914 Volksschule, 1914 bis 1921 Katholische Mädchen-Mittelschule, 1921 bis 1922 Marie-Reinders-Mittelschule, 1922 bis 1923 Handelsschule). Am 1.4.1923 trat sie als Stenotypistin in den Dienst der Stadt Dortmund ein. Sie arbeitete zunächst für fast zwei Jahrzehnte im städtischen Rechnungsamt. Von 1942 bis 1944 war sie im Stadtpolizeiamt sowie von 1944 bis 1946 in der Bezirksverwaltung Dortmund-Hörde eingesetzt. Anschließend wirkte sie im Hochbauamt bevor sie 1952 für kurze Zeit zum Ordnungsamt und dann bis 1960 zum Land- und Forstwirtschaftsamt versetzt wurde. Von 1960 bis zum Eintritt in den Ruhestand 1967 war sie als Obersekretärin in der Stadtkämmerei tätig.
Sportlich war Ria Böbbis zwischen 1923 und 1928 zuerst als Handballerin und Leichtathletin für den Dortmunder SC 95 aktiv. Ab 1932 war sie Mitglied im traditionsreichen Dortmunder Ruderclub „Hansa“ von 1898 e.V., der bis heute seine Rennen auf dem Rhein-Herne-Kanal austrägt. Ria Böbbis gehörte damit zu den Pionierinnen des Frauenrudersports, denn der zu diesem Zeitpunkt noch männlich dominierte und zudem überaus elitäre Sport öffnete sich nur langsam für das andere Geschlecht. Insbesondere waren Frauen mit stereotypen Rollenattributen und daraus resultierenden Vorbehalten konfrontiert, die mit dem Frauenrudern unter anderem eine „Vermännlichung“ von Frauen und Mädchen verbanden. Trotz solcher moralisch-ethischen und auch sportlichen Vorbehalte war 1931 die Frauenriege des RC Hansa nach langen vereinsinternen Diskussionen gegründet worden. Ria Böbbis erinnerte sich später selbst an die Anfänge des Frauenruderns in Dortmund: Die Ehefrauen der alten Herren hatten damals ihre eigene Runde, die waren schon sehr kritisch mit uns. Wegen der Trainingsanzüge und so […].
Allen Widerständen zum Trotz nahm Böbbis von 1935 bis 1965 für den Verein erfolgreich an Wettbewerben im Stil- und Rennrudern teil und engagierte sich nicht nur als eine der ersten Frauen als Übungsleiterin, sondern auch als Schieds- und Punktrichterin im Rudersport. In ihrer Freizeit und in den Wintermonaten fand sie vereinsungebundenen sportlichen Ausgleich auch beim Schwimmen, der Gymnastik und dem Skilaufen.
Als Sportfunktionärin war Ria Böbbis von 1937 bis 1943 Frauenwartin des Rheinisch-Westfälischen Regattaverbands e. V. In der Zeit des Nationalsozialismus war sie nach der Gleichschaltung der Sportverbände zudem in verschiedenen NS-Sportorganisationen für den Rudersport aktiv: Seit 1938 übte sie das Amt der Kreisfachwartin Rudern im NS-Reichsbund für Leibesübungen (NSRL) aus. Im Bund Deutscher Mädel (BDM) fungierte sie 1943 und 1944 als Fachwartin Rudern. Außerdem war sie Mitglied im Reichsbund der deutschen Beamten (1933-1945), der NS-Volkswohlfahrt (1937-1945), im Reichsluftschutzbund (1941-1945) sowie im Deutschen Frauenwerk (1938-1945).
Nach Ende des Zweiten Weltkries nahm Ria Böbbis ihr Amt als Frauenwartin des Rheinisch-Westfälischen Regattaverbands unmittelbar wieder auf und amtierte bis 1963. Außerdem war sie von 1951 bis 1955 Frauenwartin und Vorsitzende im Unterausschuss Frauenrudern im Deutschen Ruderverband (DRV), den der Verband nach 1945 erneut mit dem Ziel eingerichtet hatte, die Interessen der Frauen zu fördern und zu wahren. Dabei lag der Arbeitsschwerpunkt des Gremiums ähnlich wie bei den Männern auf der Entwicklung des Leistungsruderns. Ria Böbbis gehörte zu jenen Frauen, die den Leistungs- und Wettkampfgedanken im Frauenrudern favorisierten. Sie gehörte zu der Generation von Ruderinnen, die durch den von den Nationalsozialisten beförderten Aufschwung des Leistungs- und Wettkampfruderns sportlich geprägt worden waren. Das eher breitensportlich ausgerichtete Stilrudern lehnte sie deshalb aber nicht völlig ab, sondern sah darin auch eine Möglichkeit, mehr Frauen für den Rudersport gewinnen zu können. Außerdem glaubte sie, dass über das Stilrudern mittelfristig auch Sportlerinnen für das Leistungsrudern motiviert werden könnten. Letztlich scheiterten sie und der Unterausschuss Frauenrudern aber damit, da das Interesse am Stilrudern weiter nachließ, so dass Regatten in dieser Disziplin nach 1971 aufgegeben wurden.
Die Einführung eines Gesundheitspasses für Frauen und Mädchen im Rudersport seitens des DRV ging ebenfalls auf eine Initiative von Ria Böbbis zurück. Die verbindliche Gesundheitsprüfung beendete die Diskussion um die Teilnahme von Frauen am Rennrudersport, die zuvor mit vermeintlichen medizinischen „Schutz“-Argumenten kritisiert worden war.
1961 war sie außerdem Mitbegründerin des Nordrhein-Westfälischen Ruder-Verbandes, in dem sich der Rheinisch-Westfälische- und der Kölner-Regatta-Verband zusammengeschlossen hatten.
Neben ihrem Engagement für den Rudersport war Ria Böbbis auch sportartübergreifend im Landessportbund Nordrhein-Westfalen (LSB NRW) sowie im Vorstand des Frauenbeirats des Deutschen Sportbunds aktiv. Als stellvertretende Vorsitzende im Frauenausschuss und als Beisitzerin im Präsidium des LSB NRW von 1951 bis 1971 setzte sie sich gemeinsam mit der Frauenwartin und Vorsitzenden des Frauenausschusses Grete Busch aktiv dafür ein, die noch immer von traditionellen Geschlechterstereotypen geprägten Umstände für Frauen und Mädchen im Sport zu verbessern. Trotz ihrer eigenen Verwurzelung im Leistungssport wurde Ria Böbbis dabei zu einer engagierten Förderin des Breitensports. Nach ihrer Überzeugung ermöglichte er es, noch mehr Frauen für den Sport und für die Mitarbeit in Sportorganisationen wie auch die Übernahme von Ämtern begeistern zu können. Daneben war Ria Böbbis im Jugend- und Koordinierungsausschuss, im Heimausschuss und im Satzungsausschuss des LSB NRW aktiv.
Für ihr großes ehrenamtliches Engagement im Rudersport sowie für die Interessen von Frauen und Mädchen im Sport wurde Ria Böbbis vielfach ausgezeichnet: 1966 und 1970 erhielt sie die Sportplakette des Landes Nordrhein-Westfalen und die Plakette des DRV; 1955 und 1963 wurden ihr die Silberne und die Goldene Verdienstnadel des Rheinisch-Westfälischen Regattaverbands verliehen; vom Stadtsportbund Dortmund erhielt sie 1986 dessen höchste Auszeichnung, die Fritz-Kauermann-Ehrenplakette; ihr Verein, der Ruderclub Hansa, ernannte sie bereits 1963 zum Ehrenmitglied. 1997 zeichnete die Mitgliederversammlung des LSB NRW sie als Zeitzeugin und „Frau der ersten Stunde“ nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Ehrenmitgliedschaft aus.
Ria Böbbis starb am 19.7.2001 im Alter von 96 Jahren in Dortmund.
Quellen
Landesarchiv NRW, Abt. Rhld., NW 1097, Nr. 1944.
Bundesarchiv, Slg. BDC, NS-Frauenschaft / Frauenwerk.
Stadtarchiv Dortmund, Best. 500; Best. 111/03.
Literatur
Aufbruch ins nächste Jahrhundert. 1898-1998 – 100 Jahre Ruderclub Hansa, Dortmund 1998.
Ruderblatt. Jubiläumsausgabe 110 Jahre Ruderclub Hansa von 1898 e.V., Dortmund 2008.
Hutmacher, Anne, Die Entwicklung des Frauenruderns in Deutschland, Diss. Köln 2010.
Sportplakettenträger des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen, Ria Böbbis in der Mitte, 1966. (Landessportbund NRW)
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Kersken, Hartwig, Ria Böbbis, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ria-boebbis/DE-2086/lido/684aaef7acbd38.00328991 (abgerufen am 15.01.2026)
Veröffentlicht am 03.07.2025, zuletzt geändert am 14.08.2025