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Valéry Giscard d’Estaing, der französische Staatspräsident der Jahre 1974 bis 1981, wurde am 2.2.1926 in Koblenz geboren. Meine kurze Kindheit in Deutschland sollte mich fürs Leben prägen, sagte er bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde durch die Stadt Koblenz am 22.10.2006.[1]
Valéry Giscard d’Estaing war das zweite Kind von Edmond Giscard d’Estaing (1894-1982), eines hohen Verwaltungsbeamten, und seiner Frau May geborene Bardoux (1901-2003), einer Tochter des liberalkonservativen Abgeordneten Jacques Bardoux. Zwei Jahre zuvor hatten die Eltern bereits eine Tochter bekommen (Sylvie); es folgten ein weiterer Sohn (Olivier) und zwei weitere Töchter (Isabelle und Marie-Laure). Sylvie und Valéry wurden in Koblenz geboren, weil der Vater als Jahrgangsbester der Inspection des Finances 1922 sogleich zum Finanzdirektor des interalliierten Hochkommissariats für die rheinischen Gebiete ernannt worden war. Sechs Monate nach Valérys Geburt kehrte die Familie aber nach Paris zurück. Der Vater wurde Generaldelegierter der Assoziation der Wertpapierbesitzer und 1929 stellvertretender Direktor der Finanzgesellschaft für die Kolonien. Als Direktor dieser Gesellschaft seit 1933 stieg er zu einer der Schlüsselfiguren der französischen Finanzwelt auf.
Valéry Giscard d’Estaing verlebte in Paris nach eigenen Aussagen eine glückliche Jugend.[2] Die Eltern nahmen das deutsche Kindermädchen, Mathilde Zerwas aus Koblenz-Karthause, die „Bita“ genannt wurde, nach Paris mit; der kleine Valéry lernte daher neben der französischen auch die deutsche Sprache. Die Sommermonate verbrachte er mit seinen Geschwistern und zahlreichen Nichten und Neffen auf den Besitztümern der Familie in der Auvergne. Von 1934 an residierte die Familie im Sommer im Schloss Varvasse in Chanonat bei Clermont-Ferrand, das der Vater erworben hatte. Als im September 1939 der Krieg begann, blieb die Mutter mit den Kindern zunächst in Clermont-Ferrand; Valéry besuchte dort das Gymnasium Blaise-Pascal. Zum Beginn des Schuljahres 1940/41 wieder zurück in Paris, legte er 1942 mit 16 Jahren die Reifeprüfung am Gymnasium Janson-de-Sailly ab. Das Vorbereitungsjahr für das Studium an einer Elitehochschule absolvierte er am Gymnasium Louis-le-Grand. Im August 1944 unterbrach er es aber, um an der Befreiung von Paris teilzunehmen. Danach entschied er sich – gegen den Willen seines Vaters –, als Freiwilliger in Charles de Gaulles (1890-1970) Streitkräfte des Freien Frankreich einzutreten. Er war an den Kämpfen im südlichen Schwarzwald beteiligt. Das Kriegsende erlebte er auf dem Vormarsch in Österreich.
Nach dem Abschluss des Vorbereitungsjahrs nahm der mit dem „Croix de guerre, 1939-1945“ ausgezeichnete Brigadier Giscard 1946 ein Ingenieursstudium an der „École Polytechnique“ auf. Nach dem Abschluss dieses Studiums im Juni 1948 reiste er für einige Wochen in die USA und nach Kanada; dann absolvierte er zur Vorbereitung eines Studiums an der neuen Verwaltungshochschule (École Nationale d’Administration) ein achtmonatiges Praktikum beim französischen Hochkommissariat an der Saar. Das Studium an der ENA schloss er 1951 als sechster von 385 Studenten seines Jahrgangs ab. Danach entschied er sich – wie sein Vater – für den Eintritt in die Generalinspektion der Finanzen. Im Dezember 1952 heiratete er Anne-Aymone de Brantes, eine Enkelin des Stahlmagnaten Eugène Schneider (Creusot). Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor.
Als Finanzbeamter übernahm Valéry Giscard d’Estaing 1954 Funktionen im Kabinett von Finanzminister Edgar Faure (1908-1988). 1955 folgte er ihm, als dieser das Amt des Ministerpräsidenten übernahm. Im Januar 1956 wurde er als Abgeordneter in die Nationalversammlung gewählt – in dem gleichen Wahlkreis (Puy-de-Dôme), den bis dahin sein Großvater vertreten hatte. Als Mitglied der liberalkonservativen Fraktion der „Unabhängigen“ wurde er im Januar 1959 Staatssekretär im Finanzministerium. Nach dem Rücktritt seines Mentors Antoine Pinay (1891-1994) als Finanzminister im Januar 1960 (aus Protest gegen die Algerien- und Europapolitik de Gaulles) blieb er weiter im Amt und sammelte diejenigen „unabhängigen“ Abgeordneten in einem „Komitee der unabhängigen Republikaner“, die den Staatspräsidenten der V. Republik weiterhin unterstützen wollten. Im Januar 1962 wurde er zum Finanzminister ernannt. Vier Jahre später musste er das Ministeramt an den Gaullisten Michel Debré (1912-1996) abgeben. Dieser hatte das Amt nach den Präsidentschaftswahlen vom Dezember 1965 für sich reklamiert.
Spätestens seit dem Verlust des Finanzministeriums war für Giscard klar, dass er selbst das Amt des Nachfolgers de Gaulles als Staatspräsident anstrebte. Einen Wechsel ins Energieministerium, den de Gaulle ihm angeboten hatte, lehnte er ab. Stattdessen baute er das „Komitee der Unabhängigen Republikaner“ zu einer Partei aus und profilierte sich in der Öffentlichkeit als dynamischer Vertreter einer modernen liberalen Politik mit sozialen und europäischen Akzenten. Tausende von jüngeren, gut ausgebildeten Führungskräften trafen sich auf seine Veranlassung hin in Clubs „Perspektiven und Realitäten“, die die Mobilisierung für eine Modernisierung Frankreichs in die Wege leiten sollten. Indessen gelang es de Gaulles Ministerpräsidenten Georges Pompidou (1911-1974), sich in der Krise des Mai 1968 als der geborene Nachfolger zu etablieren. Giscard verzichtete daher nach dem vorzeitigen Rücktritt de Gaulles im April 1969 auf eine eigene Kandidatur und unterstützte Pompidou. Das erlaubte es ihm, in das Amt des Finanzministers zurückzukehren.
Edmond Giscard d'Estaing, Porträtfoto, um 1950, Original in der Médiathèque de l'Architecture et du Patrimoine, Foto: Studio Harcourt. (gemeinfrei)
Als Pompidou am 2.4.1974 starb, hielt Giscard seine Chance aber für gekommen. Die Pompidou-Getreuen um Jacques Chirac (1932-2019) wollten nicht, dass der Gaullist Jacques Chaban-Delmas (1915-2000) Präsident wurde. Das gab Giscard die Möglichkeit, sich als überparteilicher Kandidat der Mitte zu präsentieren. Im ersten Wahlgang konnte er Chaban-Delmas deutlich überflügeln, und im zweiten Wahlgang am 19.5. siegte er knapp über den Kandidaten der vereinigten Linken, François Mitterrand (1916-1996).
Als Staatspräsident versuchte Valéry Giscard d’Estaing sein Programm einer Überwindung veralteter ideologischer Hemmnisse Schritt für Schritt umzusetzen. Unterstützt von Jacques Chirac, den er zum Premierminister berief, setzte er die Herabsetzung des Wahlalters von 21 auf 18 Jahre durch, die Entstaatlichung der Rundfunkanstalt „Office de Radiodiffusion Télévision Française“ (ORTF), die Aufhebung des Verbots empfängnisverhütender Mittel und ihre Finanzierung durch die Krankenkassen, die Aufhebung des Abtreibungsverbots, eine Reform des Ehescheidungsrechts und eine Reform des Sozialversicherungssystems. Manche eher symbolischen Reformen wie die weniger kriegerische Präsentation der Nationalhymne oder die Abschaffung der Feiern zum Jahrestag der deutschen Kapitulation am 8.5.1945 wurden nach dem Ende seiner Amtszeit wieder rückgängig gemacht. In der Außen- und Europapolitik arbeitete Giscard eng mit dem deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt (1918-2015) zusammen, so bei der Einrichtung des Europäischen Rates (im Dezember 1974), dem Übergang zur Direktwahl des Europäischen Parlaments (erstmals 1979) und der Schaffung des Europäischen Währungssystems (1979), mit dem der Weg zur Einführung einer europäischen Gemeinschaftswährung geebnet werden sollte. Giscard und Schmidt initiierten auch die informellen Gipfeltreffen der wirtschaftlich wichtigsten Staaten (erstmals im Dezember 1975 auf Schloss Rambouillet, ein Jahr später unter Hinzuziehung Kanadas zu den G7 erweitert). Ebenso arbeiteten sie bei der Verteidigung der Entspannung gegenüber US-amerikanischen Tendenzen zu einer Rückkehr zum Kalten Krieg eng zusammen. Gegen Ende von Giscards Amtszeit entwickelten sie sogar den Plan einer deutsch-französischen Atommacht.
Empfang des Französischen Staatspräsidenden durch Bundeskanzler Helmut Schmidt in Bonn, 16.6.1977, Foto: Lothar Schaack. (Bundesarchiv/ CC BY-SA 3.0 de/ B 145 Bild-F051012-0010)
Im August 1976 verließ Chirac die Regierung, um eine eigene Präsidentschaftskandidatur vorzubereiten. Gegen die Neuformierung der gaullistischen Partei als „Rassemblement pour la République“ (RPR), die er dazu vornahm, setzte Giscard im Februar 1978 die Vereinigung der Unabhängigen Republikaner mit den Christdemokraten und anderen Parteien der Mitte zur „Union pour la Démocratie française“ (UDF). Politisch blieb er damit handlungsfähig, auch wenn seine Popularität unter der Inflation und einer neuen Form von Massenarbeitslosigkeit infolge der beiden Ölpreisschocks von 1973/74 und 1979/80 litt. Verhängnisvoll für eine angestrebte zweite Amtszeit erwies sich im Oktober 1979 die Behauptung des wegen Folter und Mord berüchtigten ehemaligen „Kaisers“ der zentralafrikanischen Republik Jean-Bédel Bokassa (1921-1996), Giscard 30 Karat Diamanten geschenkt zu haben. Tatsächlich hatte es sich nur um eines der üblichen Gastgeschenke von wenigen Brillanten gehandelt; Giscard aber hielt es für unter seiner Würde, auf die Verleumdung im Detail zu antworten. Damit bot er den politischen Gegnern eine Angriffsfläche. Im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen am 26.4.1981 konnte er zwar seinen Konkurrenten Chirac schlagen, doch unterlag er im zweiten Wahlgang am 10.5.1981 dem erneut angetretenen François Mitterrand.
Nach einer Pause von wenigen Monaten versuchte Valéry Giscard d’Estaing ein Comeback. Im März 1982 ließ er sich in den Generalrat des Departements Puy-de-Dôme wählen, im September 1984 in die Nationalversammlung (erneut als Abgeordneter des Wahlkreises Puy-de-Dôme), 1986 zum Präsidenten des Regionalrats der Auvergne. Als Spitzenkandidat einer gemeinsamen Liste von UDF und RPR wurde er im Juni 1989 ins Europäische Parlament gewählt, wo er den Vorsitz der liberalen Fraktion übernahm. Bei den Parlamentswahlen im März 1993 blieb die UDF jedoch hinter dem RPR zurück. Durch die Popularität von Premierminister Édouard Baladur weiter geschwächt, musste Giscard die Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen 1995 Chirac überlassen. Eine gewisse Genugtuung erfuhr er allerdings im Dezember 2001, als Chirac seinen Anspruch auf die Präsidentschaft des Konvents zur Ausarbeitung einer Verfassung für Europa unterstützte. Als Präsident des Europäischen Konvents vom Februar 2002 bis zum Juni 2003 konnte Giscard großen Einfluss auf die Ausarbeitung des Verfassungsvertrags nehmen. Mit der Zurückweisung des Vertrags im französischen Referendum vom 29.5.2005 zerschlug sich dann aber seine Hoffnung, seine politische Karriere als Präsident der Europäischen Union abschließen zu können.
Giulio Andreotti (Italien), Takeo Fukuda (Japan), Jimmy Carter (USA), Helmut Schmidt (Bundesrepublik Deutschland) and Valéry Giscard d'Estaing (Frankreich) beim G 7 Treffen in Bonn am 16.7.1978, Foto: Executive Office ot the President of the United States. (gemeinfrei)
Am 2.12.2020 starb Giscard d’Estaing an den Folgen einer Corona-Infektion.
In Deutschland wurde Giscard d’Estaing zahlreich geehrt. So erhielt er unter anderem 2003 den Aachener Karlspreis, 2005 gemeinsam mit Helmut Schmidt den Adenauer-de Gaulle-Preis und 2006 die Ehrendoktorwürde der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.
Nach Koblenz kehrte Valéry Giscard d’Estaing erstmals am 10.7.1980 zurück. Im Rahmen eines Staatsbesuchs unternahm er von Bonn aus zusammen mit seiner Frau einen Abstecher mit dem Hubschrauber nach Koblenz, um ihr sein Geburtshaus in den Rheinanlagen 2 zu zeigen. Im Mai 1988 folgte ein weiterer Besuch aus Anlass der Präsentation der deutschen Ausgabe seiner Memoiren; dabei trug er sich in das Goldene Buch der Stadt ein. Schließlich kam er im Oktober 2006 noch einmal nach Koblenz, um die Ehrenbürgerwürde entgegenzunehmen, die ihm der Stadtrat verliehen hatte. An der Stelle des 1981 abgerissenen Geburtshauses steht heute ein Gedenkstein.
Frankreichs Präsident Emanuel Macron bei der Verabschiedung von Valéry Giscard d‘Estaing im europäischen Parlament, 2.12.2021, Foto: Mathieu Cugnot. (European Union 2021 - Source : EP/ EP-123010Y)
Schriften (Auswahl)
Démocratie française, Paris 1976 (deutsch: Französische Demokratie, Frankfurt am Main 1977).
Deux Français sur trois, Paris 1984 (deutsch: Zwei von drei Franzosen, Ingolstadt 1987).
Le Pouvoir et la Vie. Vol. I: La Rencontre, Paris 1988 (deutsch: Macht und Leben. Erinnerungen, Frankfurt am Main/Berlin 1988).
Le Pouvoir et la Vie. Vol. II: L’Affrontement, Paris 1991.
Dans cinq ans, l’an 2000: Les enjeux de l’élection présidentielle, Paris 1995.
Les Français, Réflexions sur le destin d’un peuple, Paris 2000.
Le Pouvoir et la Vie. Vol. III: Choisir, Paris 2006.
Europa, Paris 2014.
Literatur
Bernard, Mathias, Valéry Giscard d’Estaing, les ambitions déçus, Paris 2014.
Berstein, Serge/Jean-François Sirinelli (Hg.), Actes du colloque «Les années Giscard», 4 Bände, Paris 2006-2010.
Roussel, Éric, Valéry Giscard d’Estaing, Paris 2018.
Schütz, Wolfgang, Koblenzer Köpfe. Personen der Stadtgeschichte, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Mülheim-Kärlich 2005.
Valance, Georges, VGE. Une vie, Paris 2011.
Gedenkstein in Erinnerung an das Geburtshaus von Valéry Giscard d’Estaing, 2011, Foto: Holger Weinandt. (Holger Weinandt/ CC BY-SA 3.0 de)
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Loth, Wilfried, Valéry Giscard d‘Estaing, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/val%25C3%25A9ry-giscard-d%25E2%2580%2598estaing-/DE-2086/lido/68af0b0dd59855.88168199 (abgerufen am 10.02.2026)
Veröffentlicht am 01.10.2025