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Wilhelm „Willi“ Haneke war ein auf Vereins- wie Verbandsebene aktiver Sportfunktionär in Nordrhein-Westfalen.
Geboren wurde Wilhelm Haneke am 11.10.1914 in Essen-Kupferdreh. Seine Eltern waren der Gastwirt Wilhelm Haneke und seine Frau Ida, geborene Kempgen, gen. Sellscheidt. Sein Vater war Vorsitzender der Zentrumspartei in Kupferdreh und zugleich Mitglied der Stadtverordnetenversammlung. Das Ehepaar betrieb die Gaststätte „Ruhrblick“ in ihrer Gemeinde. Hier fanden bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten auch die eigenen Parteiveranstaltungen wie auch die des christlichen Bergarbeiterverbandes statt. Die Familie war katholisch und Willi Haneke trat der Katholischen Jugendbewegung und der Deutschen Jugend-Kraft (DJK) bei. Er wuchs in der Weimarer Republik auf, erlebte die Ruhrbesetzung durch das französische Militär (1923), die Hyperinflation (1923), die Weltwirtschaftskrise (1929) und die Herrschaft der Nationalsozialisten (ab 1933). Er selber begeisterte sich für den Sport, war Mitglied im SV 19 Byfang und später im Nachfolgeverein der DJK-Spielvereinigung 1921 Essen-Kupferdreh. Ab 1929 spielte der junge Rheinländer Fußball und war als Leichtathlet aktiv.
Auch die Familie Haneke war 1933 von der Machtübernahme der Nationalsozialisten betroffen und musste mit ihrer Gaststätte Repressalien ertragen. Die Geheime Staatspolizei (Gestapo) nahm 1944 vorübergehend Willi Hanekes Vater fest. Sein Sohn, der 1932 das Amt des Schatzmeisters des DJK Kupferdreh übernommen hatte, musste zwei Jahre später aus dem DJK austreten und im gleichen Jahr der Sturmabteilung (SA) als Anwärter beitreten. Haneke selber sah in diesem Schritt einen „Schutzwall für meine Eltern“, die parteipolitisch Gegner der Nationalsozialisten waren. Zwischen 1933 und 1935 und erneut zwischen 1937 und 1939 war Haneke Anwärter der SA. Sich sportlich zu betätigen, musste er in der Zeit seiner Wehrpflicht (1935-1937) in der Wehrmacht und ab dem Herbst 1939 ruhen lassen, da er zum Militär eingezogen wurde. Wie bei vielen seiner Altersgenossen verlief auch bei Willi Haneke der Lebensweg nicht gradlinig. Im Zweiten Weltkrieg diente der Oberleutnant Haneke in der Wehrmacht an verschiedenen Frontabschnitten, zuletzt in der Funktion eines Regimentsadjutanten. Nach dem Krieg sollte er zwischen 1946 und 1948 noch einmal seine beiden Sportarten im Kupferdreher Heimatverein als Aktiver betreiben.
Seinem Verein dem SV 19 Byfang blieb er in den folgenden Jahrzehnten verbunden, denn er übernahm 1948 den Vereinsvorsitz und war für die Expansion seines Vereins in den folgenden Jahrzehnten mitverantwortlich. Von seinem Amt trat er erst 1975 zurück und wurde im Anschluss zum Ehrenvorsitzenden ernannt. 1988 erhielt er die Goldene Vereinsnadel des S.V. 09/19 Kupferdreh e.V. Der Verein benannte ihm zu Ehren sein „Kupferdreher Stadion am Hinsbecker Berg“ am 31.10.2009 „Wilhelm-Haneke-Stadion“. Auch seine Heimatstadt Essen würdigte Hanekes Engagement und verlieh ihm 1972 die Ehrenplakette der Stadt für hervorragende Verdienste in der Sportführung. Schon früh wurde er für seine Arbeit und den Einsatz in den Vereinen ausgezeichnet. Vom Deutschen Sängerbund bekam er 1962 die Ehrenplakette und ein Jahr später vom Deutschen Turnerbund die Ehrengabe verliehen. Der Kern seines sportlichen Engagements erstreckte sich in den kommenden Jahren auf die beiden Bereiche Fußball und Leichtathletik. In verschiedenen Funktionen wirkte er in beiden Sportarten auf der Verbandsebene.
Beruflich gelang Haneke nach dem Zweiten Weltkrieg eine kommunale Verwaltungskarriere in seiner Heimatstadt Essen. Schon 1929 war er in die Stadtverwaltung eingetreten und bildete sich in den folgenden Jahren an den Verwaltungsschulen fort. 1938 bestand er die Inspektoren-Prüfung. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er in Essen als Stadtinspektor weiter und wurde in den folgenden Jahrzehnten zum Städtischen Verwaltungsdirektor befördert. Auf eigenen Wunsch schied er schließlich Ende 1976 bei der Stadt Essen aus dem Dienstverhältnis aus. So verschaffte er sich die Zeit, um noch intensiver seinen zahlreichen ehrenamtlichen Tätigkeiten nachzugehen. Erst wenn man den Umfang dieses Engagements betrachtet und beleuchtet, wie breit sein Interesse an ehrenamtlicher und karitativer Arbeit angelegt war, entsteht das Gesamtbild eines Sportfunktionärs auf mehreren Ebenen.
Im Fußballverband Niederrhein (FVN) war er zwischen 1959 und 1989 Mitglied des Vorstandes und übernahm im Verband immer mehr Verantwortung. Zunächst wurde er 1963 zum 3. Vorsitzenden, zwei Jahre später als 2. Vorsitzender gewählt. Zusätzlich übernahm er das Amt des Schatzmeisters. Schließlich bekam er 1973 das Amt des 1. Vorsitzenden des Fußballverbandes Niederrhein angetragen, welches er bis 1989 innehatte. In seiner Amtszeit als Vorsitzender des FVN fanden die Übertragung der Sportschule Wedau in Duisburg auf seinen Verband und die Planungen zu den Aus- und Neubauplänen der Sportschule statt. Errichtet wurde ein neues Unterkunftshaus mit Versorgungsanlagen für den Landessportbund Nordrhein-Westfalen (LSB NRW) und dem Leistungssportbereich. Haneke initiierte den Umbau der Sportschule zu einem Zentrum für den Behinderten- und Leistungssport. Dank seines Engagements konnte bei der Baumaßnahme eine finanzielle Beteiligung des Bundes in Höhe von 50 Prozent erreicht werden. Zudem hatte er maßgeblichen Anteil an der Realisierung eines zweiten Freizeitheims in Deitenbach (heute Stadt Gummersbach) an der Aggertalsperre. Strategisch richtete er seinen FVN stärker auf die vielen gesellschaftspolitischen Aufgaben aus. Gleichzeitig baute er im Verband die Bedeutung und Aktivitäten des Breiten- und Freizeitsports aus. Er setzte sich in der Jugendarbeit dafür ein, dass die ehrenamtlich tätigen Frauen und Männer einen Ausgleich für ihre unentgeltliche Arbeit bekamen. Haneke war nicht nur Vorsitzender des FVN, sondern übernahm im Zeitraum zwischen 1973 und 1989 auch noch das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden des Westdeutschen Fußballverbands (WFV).
In seiner Funktion als Vorsitzender des FVN war er zugleich Mitglied des Beirats im Deutschen Fußballbund (DFB), für den er innerhalb des Organisationskomitees zur Fußballweltmeisterschaft 1974 eine spezielle Funktion übernahm. Haneke war der Schatzmeister dieses Komitees (1969-1972) und löste die komplexe Aufgabe zur allgemeinen Zufriedenheit. Im Anschluss an die WM wurde im November 1974 seine Rechnungslegung und die Transparenz der Abrechnungen ausdrücklich gewürdigt. In den folgenden Jahren übernahm Haneke als Finanzfachmann immer wieder Aufgaben innerhalb des DFB. Er arbeitete 1975/76 an der Lösung strittiger Steuerprobleme im Sinne eines Interessenausgleichs zwischen den Belangen des deutschen Fiskus und den begründeten Interessen des DFB mit. Seinen Einsatz und sein Können würdigten beide Fußballverbände. Der FVN verlieh ihm den Ehrenring (1979) und der DFB die Silberne (1975) und sechs Jahre später die Goldene Ehrennadel (1981). Beide Verbände, sowohl der DFB als auch der WFV, ernannten ihn 1982 zu ihrem Ehrenmitglied.
Neben seiner Arbeit für die Fußball-Verbände engagierte sich Willi Haneke im LSB NRW und im Deutschen Sportbund (DSB). Eine seiner Kernkompetenzen war die Welt der Zahlen und der Finanzen. Haneke war beim LSB NRW als Schatzmeister für die Finanzen verantwortlich. Dieser herausfordernden Tätigkeit ging er zwischen 1966 und 1989 nach. Er war mitverantwortlich für die Umsetzung eines Investitionshilfeprogramms für die Vereine und Verbände. Zu seinen Leistungen im LSB NRW zählen die Planung und Ausarbeitung von kurz- und langfristigen Finanzierungsprogrammen wie der Zusatzlotterie „Spiel 77“. Zahlreiche Bauprojekte fallen in seine Amtszeit, die er verantwortlich durchführte. Er trieb die Erweiterung des Verwaltungsgebäudes Duisburg und den Ausbau des Jugendferiendorfs Hinsbeck (Nettetal) voran. Innerhalb des LSB NRW gehörte er zu denjenigen, die den Verband so strukturierten, dass er neue Aufgaben, die das Land nicht mehr fördern wollte oder konnte, übernehmen konnte. Im offiziellen Nachruf anlässlich seines Ablebens 2008 würdigte der LSB NRW Hanekes Leistungen:
Die ausgeprägte Ader für den Umgang mit Zahlen und Bilanzen verband Willi Haneke auf außergewöhnliche Weise mit der Fähigkeit, sich in den Dienst für die Menschen und das Gemeinwohl zu stellen. Das Planen und Verwalten von Geldern hat er nie als nur nüchterne, rein von Sachzwängen beherrschte Aufgabe verstanden. Vielmehr hat er seine Kompetenz konsequent und kreativ für die soziale und integrative Kraft des Sports eingesetzt, die er früh erkannte. Er war ein Gestalter, der sich der Gemeinschaft verpflichtet fühlte und dem der organisierte Sport viel zu verdanken hat.
Landessportbund-Hauptausschuss in Duisburg, l. Willi Weyer neben Willi Haneke, 29.5.1980, Foto: Heinz Windmann. (Landessportbund NRW/ K6B336F38)
In der Funktion eines Schatzmeisters war Willi Haneke ab 1975 auch für das Bildungswerk und ab 1977 für das Jugendferienwerk des LSB NRW sowie für dessen Sozialwerk, der Sporthilfe NRW e.V., tätig. Anstelle des verstorbenen 1. Vorsitzenden der Sporthilfe NRW e.V. Willi Weyer bekleidete er zwischen 1987 und 1991 dieses Amt. Während seiner Zeit bei dieser gemeinnützigen Organisation bereitete er deren stärkere personelle und organisatorische Einbindung in den LSB NRW vor, was auch die Angleichung der Satzung an die des LSB NRW im Jahre 1982 betraf. Die Sporthilfe NRW wurde nun stärker auf marktorientiertes Verhalten im Versicherungswesen ausgerichtet. Im Anschluss an den Vereinsvorsitz der Sporthilfe NRW wurde er zu deren Ehrenvorsitzenden ernannt. Der LSB NRW würdigte ebenfalls seine Leistungen und ernannte ihn 1989 – obwohl nie Präsident - zu seinem Ehrenpräsidenten. Sein Ruf als Finanzfachmann eilte Willi Haneke voraus. Im Jahr 1974 wurde er in den Finanzausschuss des Deutschen Sportbunds (DSB) delegiert. Von 1978 bis 1986 bekleidete er das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden in diesem Ausschuss. 1977 trat er zusätzlich noch dem Beirat der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Deutschen Sporthochschule Köln bei und wurde 1980 in der Sektion Deutschland des Internationalen Arbeitskreises für Sportstätten und Freizeitanlagen (IAKS) Mitglied. Im gleichen Jahr trat er dem Vorstand des Vereins „Führungs- und Verwaltungsakademie Berlin des Deutschen Sportbunds“ bei.
Neben seinen zahlreichen ehrenamtlichen Tätigkeiten für Sportvereine und -verbände blieb Willi Haneke noch Zeit, sich im karitativen und sozialen Bereich zu engagieren. 1951 trat er dem Rechtsträgerverein des St. Josef-Krankenhauses Essen-Kupferdreh bei. In den folgenden Jahren arbeitete er bei der Planung eines Neubaus für diese Einrichtung mit. Diese Aufgaben, besonders die Finanzierung und Abwicklung des Vergabewesens, koordinierte er seit 1965 als stellvertretender Vorsitzender des Krankenhauses. Zahlreiche Umbau- und Erweiterungsmaßnahmen sollten in den folgenden Jahrzehnten folgen, die von ihm gesteuert wurden. Er gehörte zu den Organisatoren des neuen Kupferdreher Altenkrankenhauses (1986). Aufgrund seiner Kompetenz wurde er 1977 in den Krankenhaus-Beirat der Stadt Essen entsandt und übernahm den Vorsitz dieses Beirats. 1981 wurde er einstimmig in diesem Amt wiedergewählt. Sein Engagement für das Kupferdreher Krankenhaus kam ihn auch an einer anderen Stelle zugute, denn in sein Aufgabenfeld als Schatzmeister und Vorsitzender der Sporthilfe NRW fiel auch das Lüdenscheider Krankenhaus für Sportverletzte in Hellersen, welches sich in der Trägerschaft der Sporthilfe befand.
Zu seinen zahlreichen weiteren ehrenamtlichen Tätigkeiten gehörten seine Mitgliedschaften im Verwaltungsrat der Westdeutschen Fußball-Toto GmbH und im Westdeutschen Rundfunkrat. Haneke war 1964 eines der Gründungsmitglieder des „Schwarzwaldheim Thomas Morus Essen Kupferdreh e.V.“. Der Verein unterhielt in Wolfach im Schwarzwald ein Bauernhaus für Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien. Haneke engagierte sich zudem im Organisationskomitee des Katholikentags von 1968 in Essen in den Bereichen des Protokollwesens und der Gästekommission. 1987 übernahm er verantwortlich die Protokollaufgaben beim Besuch Johannes Paul II. in Bottrop und Gelsenkirchen. Aufgrund seiner Verdienste wurde ihm 1994 der päpstliche Orden „Ritter des hl. Gregorius des Großen“ verliehen.
Richtfest der Sportschule Radevormwald l. Willi Weyer, r. Willi Haneke, 19.4.1979. (Landessportbund NRW/ K1B62F1)
Hochbetagt verstarb Willi Haneke am 2.10.2008 mit 93 Jahren in seiner Heimatstadt Essen. Seine zahlreichen Ehrungen und Auszeichnungen wurden zu Recht von denjenigen hervorgehoben, für deren Belange und Wohl er sich über Jahrzehnte eingesetzt hatte. Sein Lebenswerk würdigte wiederholt der deutsche Staat. Ihm wurden der Verdienstorden und die Sportplakette des Landes Nordrhein-Westfalen verliehen. 1974 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und 1983 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.
Kongress 50 Jahre Landessportbund, l. Willi Haneke, r. Richard Winkels, 1997. (Landessportbund NRW/ K3B273F55)
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Heimsoth, Axel, Wilhelm Haneke, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/wilhelm-haneke/DE-2086/lido/685165d19eca26.53496888 (abgerufen am 15.01.2026)
Veröffentlicht am 03.07.2025