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Willi Bokler gehört zu den heute weitgehend unbekannten Persönlichkeiten der deutschen Jugendpastoral und des Sports, die dennoch nachhaltig prägend wirkten. Sein Handeln als katholischer Priester war geprägt von der Verkündigung des christlichen Glaubens, wobei ihm das persönliche Zeugnis besonders wichtig war. Sein Ziel war es, Jugendlichen die Möglichkeit zu schaffen, ihren Glaubens- und Lebensweg selbstbestimmt gehen zu können. Er selbst sah sich dabei als gehorsamer Diener seiner Kirche („Kein Bischof kann soviel befehlen, wie ich gehorchen kann.“[1]). Sein Umfeld attestierte Bokler ein hohes Maß an Selbstdisziplin und eine „hohe Meinung vor dem Andersdenkenden, seine Wahrhaftigkeit, die manchmal bis an die Grenze des Verletztwerdens gehen konnte und seine Hilfsbereitschaft jedermann gegenüber.“[2] Er galt als sachlich, ernst, „meisterhaft organisiert“[3] und als Autor prägnant formulierter Texte. Zu diesem Bild passt auch sein Wirken für den Breitensport in Nordrhein-Westfalen.
Wilhelm Josef, genannt Willy, Bokler kam am 1.9.1909 in Villmar/Lahn als Sohn des Marmorschleifers Jakob Wilhelm Bokler (1883-1961) und seiner Frau Anna Maria, geborene Hammerschmidt (geboren 1884), zur Welt. Der gläubige Katholik Bokler studierte nach seiner Schulzeit Theologie an der Philosophisch-Theologischen Lehranstalt Sankt Georgen in Frankfurt am Main. Am 8.12.1935 wurde er im Limburger Dom zum Priester geweiht. Bereits während seiner Tätigkeit als Kaplan im hessischen Nentershausen und Niederzeuzheim wurde er 1938 zu einem der beiden Jugendprediger des Bistums Limburg ernannt. 1939 erfolgte die Ernennung zum Diözesanjugendsekretär. Bereits ein Jahr später wurde er Diözesanjugendseelsorger Mannesjugend des Bistums und blieb dies bis zu seiner Ernennung zum Bundespräses Mannesjugend des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und zum Leiter der Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz 1952. Die letztgenannten Ämter brachten weitere Führungspositionen mit sich: Bokler wurde Geistlicher Leiter der Katholischen Jungmännergemeinschaft (KJG) und Rektor von Haus Altenberg. Er übernahm zudem die Aufgaben des Geistlichen Beirats der Deutschen Jugendkraft (1953-1968) und engagierte sich im Landessportbund Nordrhein-Westfalen (1955-1966) sowie im Deutschen Sportbund (1955-1974). Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) ernannte ihn 1966 nach seiner Amtszeit als BDKJ-Bundespräses zum Referenten für die pastorale Aneignung des Zweiten Vatikanischen Konzils und zum Sekretär der Konferenz der deutschsprachigen Pastoraltheologen. 1968 wurde Bokler Leiter der neugegründeten Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Urlaubsseelsorge, und im Jahr 1973 erhielt er die Leitung der Planstelle Kirche und Sport der DBK.
Boklers erste Jahre als Priester waren geprägt von der Arbeit als Seelsorger im nationalsozialistischen Deutschland. Rasch hatte er als junger Kaplan den Ruf eines guten Predigers, so dass der Bischof von Limburg, Antonius Hilfrich (1873-1947), Bokler 1938 zu einem von zwei Jugendpredigern des Bistums ernannte. Sein Redetalent fiel auch den Nationalsozialisten auf. In einem Bericht des SS-Oberscharführers in Limburg an den Reichssicherheitsdienst in Wiesbaden äußerte sich dieser zu seinem Talent und wies darauf hin, dass er seine Temperaments- bezw. Wutausbrüche mit einer geschickte[n] Ausdrucksweise verbinde. Er bezeichnete Bokler als leidenschaftlichen Fanatiker, dessen Predigten in Limburg f_ür die Folge scharf überwacht_ würden.[4] In der Folgezeit wurde Bokler siebenmal von der Gestapo verhört. Wie er diese Zeit empfand, wird bei einer Begebenheit zu Kriegsende deutlich: Er fiel dem, der mir auf dem Domplatz als erster begegnete, um den Hals und sagte: ‚Aber eines haben wir jetzt, die Freiheit!‘[5] Rückblickend äußerte Bokler durchaus Kritik an den Bischöfen, die im Dritten Reich zuviel schwiegen, bekannte sich aber nachdrücklich zur Kirche, in der alle Gottes Volk seien und die gottgewirkte Kirche […] das Lebensprinzip der menschlichen Gesellschaft sei.[6]
1952 wurde Bokler von den katholischen Jugendseelsorgern in der Bundesrepublik Deutschland zum Leiter der Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der DBK gewählt und auf der Hauptversammlung des BDKJ in sein Amt als BDKJ-Bundespräses Mannesjugend eingeführt. Er trat damit die Nachfolge von Ludwig Wolker an, dessen Aufgaben er in beiden Ämtern und beim DJK-Sportverband übernahm. Die Jugendpastoral und vor allem der Sport sollten seine pastorale Arbeit bis zu seinem Tod 1974 prägen.
Bokler gestaltete seine Tätigkeit im und für den Jugendverband vielfältig: Kurse für Jugendseelsorger, Verbandsarbeit im BDKJ, Großveranstaltungen wie die BDKJ-Bundesfeste, die Beteiligung an der Gründung des Internationalen Dachverbandes katholischer Jugendverbände FIMCAP[7] und Geistlicher Assistent des Europabüros des Weltbundes der Mannesjugend waren nur einige seiner Arbeitsfelder. Außerdem war er 1958 maßgeblich an der Gründung der Katholische Akademie für Jugendfragen beteiligt, die Weiterbildungen für Hauptamtliche in der Jugendverbandsarbeit anbot und bis 2017 bestand.
Bokler setzte von Beginn seiner Amtszeit an eigene Akzente. Er ließ zwar keinen Zweifel daran aufkommen, wie sehr er seinen Amtsvorgänger Ludwig Wolker schätzte, aber er verstand sich nicht als Verwalter dessen Erbes. Vielmehr gestaltete er mit seiner Handschrift das aus, was viele Jugendseelsorger vor ihm begonnen hatten. Die Stärkung der Laien in der Arbeit des Verbandes und der Kirche war eines dieser Anliegen und wurde bereits seit den 1920er Jahren in den Jugendverbänden soweit möglich umgesetzt („Jugend führt Jugend“). Bokler forderte die katholische Jugend auf, die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1965 umzusetzen, denn auch der Laie habe eine Verpflichtung zum Apostolat und er dürfe sich nicht als die Gefolgschaft der Hierarchie verstehen.[8]
Boklers Amtszeit als BDKJ-Bundespräses war in den ersten Jahren noch geprägt von Aufbauarbeit. Sichtbares Zeichen dafür war 1954 die Einweihung des Jugendhauses Düsseldorf, der Zentralstelle für katholische Jugendarbeit in Deutschland. Die katholische Jugend spürte aber schon bald den gesellschaftlichen Wandel, durch den sich immer weniger junge Menschen in der Kirche engagierten. Sichtbar wurden diese Veränderungen bei den drei BDKJ-Bundesfesten 1954, 1959 und 1965. War das erste Bundesfest noch eine Massenveranstaltung, nahm die Zahl der Teilnehmenden bei den folgenden Festen ab. Grund dafür waren andere, attraktive Veranstaltungen wie der Katholikentag, auf denen die im BDKJ organisierten Verbände ebenfalls vertreten waren.
Außerdem begann in diesen Jahren die Ausprägung des BDKJ als Dachverband, in deren Verlauf die Verbände eigene Großveranstaltungen durchführten. Diese Entwicklung des Selbstverständnisses fand mit dem Bekenntnis zum BDKJ als Dachverband aber erst nach Boklers Amtszeit ihren Abschluss. Bokler begleitete diese Prozesse durch die Mitarbeit an der zweimaligen Novellierung der BDKJ-Bundesordnung und an den bischöflichen Richtlinien und Leitsätzen für die Jugendseelsorge. Zudem war er so oft wie kaum ein anderer Präses als Referent bei Tagungen in ganz Deutschland unterwegs, um Position zu ihm wichtigen Themen zu beziehen: Jugendpastoral, internationale Zusammenarbeit und Ökumene. Bokler war als BDKJ-Bundespräses und später als Referent für die pastorale Aneignung der DBK mit der Umsetzung der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht nur befasst, sondern er gestaltete und trug sie mit. So verabschiedeten die deutschen Bischöfe 1964 in Rom die „Sexualpädagogischen Richtlinien für die Jugendseelsorge“, an denen Bokler mitgearbeitet hatte.
Willy Bokler bei der Einweihung des Jugendhauses Düsseldorf, 2.2.1954. (Bundeszentrale für katholische Jugendarbeit, Jugendhaus Düsseldorf e.V.)
Bokler wurde nicht nur beim DJK-Sportverband und beim Deutschen Sportbund (DSB), sondern auch beim Landessportbund Nordrhein-Westfalen (LSB NRW) Nachfolger Ludwig Wolkers. Anders als dieser trat er jedoch nicht als Verbandspolitiker in Erscheinung. Bokler war als Beisitzer des Vorstandes vielmehr derjenige, der sich beim LSB NRW wie auch beim DJK-Sportverband und dem DSB für den „Zweiten Weg“[9] (Breitensport bzw. später auch: „Sport für alle“) einsetzte und darüber hinaus als BDKJ-Bundespräses und DJK-Vorstand Kontakt zur Jugend hatte. Davon zeugen zahlreiche Veröffentlichungen in der Verbandszeitschrift „Sportbund Nordrhein-Westfalen. Zudem war Bokler einer der beiden Vertreter des LSB NRW im DSB-Vorstand. Als Priester der römisch-katholischen Kirche war er ein Bindeglied zwischen Kirche und Sport. Dabei erläuterte er in den Reihen des Sports die Auffassung der Kirche zu Leibespflege, Leibeserziehung und Leibesübung, Schulsport und Bau von Sportstätten oder zu Wettkämpfen am Sonntag (Sonntagsheiligung).
Bokler widmete sich besonders dem Thema „Freizeit“, über das in Deutschland durch die Einführung der Fünf-Tage-Woche ab der zweiten Hälfte der 1950er Jahre intensiv gesprochen wurde. Er trug den vom DSB ab 1959 beschrittenen „Zweiten Weg“ mit, der Sport zur Erholung für jedermann propagierte. Sport sollte allen zur Erholung und der Gesundheit dienen und nicht mehr allein als Wettkampfsport betrieben werden. Die „Trimm-Dich-fit“-Aktionen der 1970er Jahre sind eine der bekanntesten Aktionen dieses „Zweiter Weg“ genannten Wandels. In zahlreichen Reden und Artikeln erläuterte Bokler die Entwicklung und Bedeutung der Freizeit und maß dabei dem Sport große Bedeutung bei. Er verschwieg bestehende Schwierigkeiten nicht und rief die Vertreter des Sports und der Politik auf, gemeinsam für die Menschen tätig zu werden Er betonte, dass es bei dem „Zweiten Weg“ nicht um Mitgliederwerbung ginge, sondern darum, mehr Menschen mit der Wohltat der Leibesübungen in Verbindung zu bringen.[10] Bokler sah den Menschen als Ganzes, denn es gäbe keine reine Geisteskultur und keine reine Leibeskultur[11]. Oder wie es der DJK-Sportverband ausdrückt: Der Mensch hat nicht Körper und Seele, er ist Körper und Seele.
Vor diesem Hintergrund entwickelte sich der DJK-Sportverband in der Amtszeit Boklers zum Verband für den Leistungs- und Breitensport. Der Konflikt zwischen dem DJK-Bundesverband und DJK Rhein-Weser wurde in seiner Amtszeit 1961 beigelegt und der „Deutsche Jugendkraft - Verband für Sportpflege in katholischer Gemeinschaft" in Düsseldorf gegründet. Ebenfalls in seine Amtszeit fiel die Einigung zur Schaffung des DJK-Sportverbandes als Verband für den Mannes- und Frauensport 1968 in Braunschweig. Später dankte der DJK-Sportverband Bokler in beiden Fällen für seinen intensiven und erfolgreichen Beitrag. Seine überzeugende Redlichkeit und sachlichen Begründungen haben die gewiß schwierigen und stark gefühlsbefrachteten Verhandlungen sehr erleichtert.[12] Bokler setzte sich zudem für den Wiederaufbau der DJK-Sportschule in Münster und für internationale Kontakte im Sport ein. So gehörte er zu den Mitbegründern der Internationalen Sportorganisation Fédération Inter-nationale Catholique d’Éducation Physique et Sportive (FICEP). Allgemein schätzte der DJK-Sportverband Bokler als Geistlichen Beirat, der „in Wort und Tat die entscheidenden Impulse für unseren sportlichen Erziehungsauftrag in dieser Zeit und dieser Gesellschaft“[13] gibt.
Neben den kirchlichen Ehrentiteln Monsignore und Päpstlicher Geheimkämmerer (beides 1960) und Päpstlicher Hausprälat (1965) wurde Bokler 1971 das Bundesverdienstkreuz wegen seiner Verdienste um den deutschen Sport verliehen. Willy Bokler starb am 12.2.1974 in Mainz und fand seine letzte Ruhestätte in seiner Heimatstadt Villmar.
Nachlass/Quellen
Auskunft über die Arbeit Boklers geben Unterlagen im Archiv des Jugendhauses Düsseldorf (Bestände BDKJ, DJK-Sportverband, Nachlass) sowie die Zeitschrift des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen. Zudem gibt es Akten im Diözesanarchiv Limburg.
Herausgegebene Werke
Seelsorger der Jugend (Altenberger Dokumente. Quellenschrift zur katholischen Jugendseelsorge und Jugendführung, H. 5), Düsseldorf 1963.
Prälat Ludwig Wolker (Sonderheft der Altenberger Dokumente. Quellenschrift zur katholischen Jugendseelsorge und Jugendführung), Düsseldorf o.D.
Manifeste der Jugend (Altenberger Dokumente. Quellenschrift zur katholischen Jugendseelsorge und Jugendführung, H. 3), Düsseldorf 1958.
Katholische Jugend und der Verteidigungsbeitrag (Altenberger Dokumente. Quellenschrift zur katholischen Jugendseelsorge und Jugendführung, H. 16), Düsseldorf 1956.
Literatur
Mevert, Friedrich, 50 Jahre Deutscher Sportbund. Geschichte, Entwicklung, Persönlichkeiten, 2. erw. u. überarb. Aufl., Niedernhausen 2002, S. 224f. [Kap.: Willy Bokler. Initiator und Mahner im deutschen Sport]
Raabe, Felix, Art. Bokler, Willy, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 2: Barcay bis Damodos, Freiburg u. a. 1994, Sp. 556.
Willy Bokler bei einem Vortrag der Vollversammlung der Jugendwarte des Landessportbundes NRW, 1962, aus: Sportbund, 4/1962, Foto: Schirmer. (Landessportbund NRW)
- 1: Vgl. Informationsdienst des BDKJ 4/1974, S. 27.
- 2: Boklers BDKJ-Sekretärin Magdalena Proft (geb. Hannapel) 1974 (?), in: 02/024-056.
- 3: Franz Ballhorn: Prälat Willy Bokler zum Gedächtnis, in: Deutsche Jugendkraft, 3/1974, S. 37.
- 4: SS-Oberscharführer an SD.-UA Wiesbaden AZ II 1131 vom 27. September 1938, in: JHD|Archiv 03/007-056.
- 5: Für das Reich Gottes. Der Wortlaut von drei Gedenkreden für Willy Bokler, in: Informationsdienst des BDKJ 4/1974, S. 27, in: JHD|Archiv 02/011-137.
- 6: „Der Gott, der uns entflammt“ Bundespräses Bokler beim „Auftakt zum Bundesfest“, in: Informations-dienst des BDKJ – Festausgabe Bundesfest 1965, S. 5, in: JHD|Archiv 02/011-137.
- 7: Fédération Internationale des Mouvements Catholiques d’Action Paroissale.
- 8: „Dienst der Kirche an der Welt“. Bundeskonferenz der Führerschaft, in: Informationsdienst des BDKJ 7-8/1965, S. 52.
- 9: „Zweiter Weg seit 1959 vom Deutschen Sportbund durchgeführte Aktionen, um neben dem Übungs-, Trainings- und Wettkampfbetrieb der einzelnen Sportarten (Erster Weg) weitere Möglichkeiten zu finden, die dem Erholungs- und Sportbedürfnis der modernen Industriegesellschaft entgegenkommen, z. B. die seit 1970 eingeführten Trimm-Dich-Aktionen, Trimmspiele u.a. Volkswettbewerbe.“ https://www.wissen.de/lexikon/zweiter-weg 13.05.2025.
- 10: Willy Bokler: Wir sehen die neuen Ufer…, in: Sportbund Nordrhein-Westfalen 1/1962, S. 27
- 11: Landessportbund NRW Vollversammlung der Jugendwarte in Hachen, in: Sportbund Nordrhein-Westfalen 4/1962, S. 19.
- 12: Franz Ballhorn: Prälat Willy Bokler zum Gedächtnis, in: Deutsche Jugendkraft, 3/1974, S. 37.
- 13: Franz Ballhorn: Prälat Will Bokler zum Gedächtnis, in: Deutsche Jugendkraft, 3/1974, S. 37.
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Wego, Maria, Willy Bokler, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/willy-bokler/DE-2086/lido/6a71d430babcb7.51099446 (abgerufen am 07.09.2026)
Veröffentlicht am 11.08.2026, zuletzt geändert am 13.08.2026