Beschreibung
Die Söhne Nicolaus, Peter Joseph und Heinrich gründeten 1871 ihre eigene Firma. Sie vertrieben unter anderem die Brustbonbons des väterlichen Betriebes und stellten Schokolade in einem eigenen Fabrikgebäude her. Nach dem Tod Franz Stollwercks 1876 schlossen sich die beiden Brüder Ludwig und Carl, die in das Unternehmen des Vaters eingetreten waren, mit den drei anderen Brüder zusammen und vereinigten die beiden Firmen unter dem Namen "Gebrüder Stollwerck". Die Neugründung fiel in das Zeitalter der Industrialisierung, die sowohl die Mechanisierung der Schokoladenindustrie als auch die Entwicklung der heutigenTafelschokolade einleitete. Sichtbares Kennzeichen der Technisierung war bei Stollwerck die Produktion der sogenannten „Dampfschokolade“, wobei die Schokolade noch nicht maschinell produziert wurde, sondern nur der Antrieb durch eine Dampfmaschine erfolgte.
Die alte Fabrik auf der Hohe Straße wurde schon bald zu klein. Gebr. Stollwerck verlegte deshalb die Produktion in das Kölner Severinsviertel. Hier auf der Annostraße, der Severinsmühlengasse und Corneliusstraßen entstanden in den 1880er und 1890er Jahren neue Fabrikgebäude. Sie bildeten das sogenannte „süße Dreieck von Köln“.
Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs erlebte das Unternehmen eine stürmische Expansion, denn die Brüder waren den neuen Technologien und innovativen Ideen sehr aufgeschlossen. So schufen sie eine eigene Maschinenabteilung. Diese wurde von Heinrich Stollwerck geleitet, der nicht nur eigene Schokoladenmaschinen baute, sondern sie auch exportierte.
Schon kurz nach der Neugründung 1876 eröffneten die Brüder Zweigstellen in Frankfurt am Main und in Wien. Zahlreiche Geschäftsgründungen folgten in Belgien, Frankreich, der Schweiz, Österreich-Ungarn, England und den USA. Fabriken bauten sie in Pressburg 1893, in New York 1897, in Berlin 1900 und in London 1902. Das hohe Interesse an den neuen Technologien und neuen Vermarktungsstrategien motivierte Gebr. Stollwerck zur Gründung der „Deutschen Automaten-Gesellschaft „Stollwerck“ und weiterer Automatenfabriken in London und den USA. Angesichts steigender Rohstoffpreise – insbesondere nach der Brüsseler Zuckerkonferenz 1902 – entschloss sich Gebr. Stollwerck zum Bau einer eigenen Zuckerfabrik in Genthin und wenige Jahre später zur Gründung einer Einkaufsgesellschaft gemeinsam mit anderen deutschen Schokoladenunternehmen. Auf Initiative von Ludwig Stollwerck, dem führenden Kopf der Firma, fand 1906 der erste Weltkongress von Schokoladenunternehmern in London statt, mit dem Ziel weltweit einheitliche Qualitätsstandards für Schokoladenprodukte einzuführen und den Kakaobauern in den außereuropäischen Anbauländern faire Preise zu zahlen. Schon der Vater, Franz Stollwerck, hatte sich um die Einführung von Qualitätsstandards in der Schokoladenproduktion bemüht. Dieses Bestreben setzte die Firma fort und auf ihre Initiative wurde 1876 der „Verband der Deutschen Schokoladenfabrikanten“ gegründet, deren Mitglieder sich zu einheitlichen Qualitätsstandards für Schokoladenprodukte verpflichteten.
Ende des 19. Jahrhunderts richtete Stollwerk eine eigene Werbeabteilung ein. Innovative Wege beschritt das Unternehmen nicht allein mit der Aufstellung von Schokoladenautomaten, sondern es war insgesamt ein Wegbereiter neuer Werbemethoden, wie elegante Schaufenstergestaltungen, aufwendigen Verpackungen, Sammelalben oder der Präsentation von aufsehenerregenden Schokoladenprodukten auf Weltausstellungen beispielsweise Stollwercks Schokoladentempel auf der Chicagoer Weltausstellung 1893. Für seine Produkte erhielt das Unternehmen zahlreiche Medaillen und Hoflieferantendiplome.
Zur Erweiterung der Kapitalbasis entschloss sich Ludwig Stollwerk zur Umwandlung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft mit einem Grundkapital von 14 Millionen Mark. Die Automatengesellschaft wurde aus Gebr. Stollwerck ausgegliedert und als selbständiges Unternehmen weitergeführt. Bis zum Ersten Weltkrieg war Gebr. Stollwerck zu einem multinationalen Unternehmen aufgestiegen.
Der Ausbruch des ersten Weltkriegs 1914 bedeutete einen schweren Rückschlag für die Firma. Fehlende Rohstoffzufuhren nach der Verhängung der Blockade durch die Briten zwangen Stollwerck zur Produktion von Ersatzprodukten. Die Fabrik in London wurde liquidiert und die in New York wurde 1917 nach dem Eintritt der USA in den Krieg enteignet. Am Ende des Krieges war die Firma hoch verschuldet.
Nach seinem Tod 1922 stieg die Deutsche Bank als ein wichtiger Anteilseigner ein und ermöglichte die während des Krieges nicht durchgeführte Modernisierung nachzuholen. Gegen Ende der 1920er Jahre übernahm Stollwerck die traditionsreiche Hamburger Schokoladenfirma Reichardt, die Süßwarenfirmen Joh. Gottlieb Hauswaldt aus Magdeburg, Goldina aus Bremen und P.W. Gaedke AG aus Hamburg. Schlechte Geschäftsergebnisse – durch strategische Fehlentscheidungen der jungen Stollwerck-Generation, den Zukauf der genannten Firmen und der Weltwirtschaftskrise 1929 – brachten die Firma in eine finanzielle Schieflage. Die Deutsche Bank stieg als Hauptaktionär in den Vorstand des Unternehmens auf und zwang die Brüder Carl und Gustav Stollwerck zum Rücktritt. Damit schied die Familie aus dem Unternehmen aus. Karl Kimmich, ein Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, brachte Stollwerck durch einen harten Sanierungskurs aus den roten Zahlen heraus. 1937 wurde das Unternehmen zusammen mit einigen anderen Schokoladenfirmen als Nationalsozialistischer Musterbetrieb ausgezeichnet.
Wie schon im Ersten Weltkrieg kam auch im Zweiten Weltkrieg die Schokoladenproduktion weitgehend zum Erliegen. Die geringen Mengen von Rohkakao, die noch herein kamen, dienten der Versorgung des Militärs. Um eine Schließung zu vermeiden, stellte Stollwerck seine Produktion auf Ersatzprodukte wie Vitaminkekse, Bonbons und Fleischextrakte um. Bombenangriffe der Alliierten beschädigten die Kölner Stollwerckfabrik schwer.
Nach dem Krieg dauerte der Wiederaufbau der Fabrikgebäude bis 1952. Währungsreform und Wirtschaftswunder verhalfen der Firma in den 1950er Jahren zum Aufschwung. Mit der Aufhebung der Preisbindung für Schokolade 1964 setzte ein starker Unterbietungswettbewerb ein, durch die die Stollwerck AG in eine Wettbewerbs- und Unternehmenskrise geriet. Versuche der Deutschen Bank die Firma Ende der 1960er Jahre zu sanieren schlugen fehl. Erst als Hans Imhoff, der eine kleine Schokoladenfabrik in Bulley an der Mosel besaß, die Aktienmehrheit 1972 erwarb, gelang die erfolgreiche Sanierung. Unter seiner Leitung stieg Stollwerck erneut zu einem führenden Schokoladenunternehmen in der Bundesrepublik auf.
Er verlegte den Firmensitz und die Produktion nach Porz. Die alten Fabrikgebäude im Severinsviertel wurden gegen den Widerstand der Bevölkerung abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Von dem alten Gebäudekomplex erinnert nicht mehr viel an Stollwerck.
Imhoff übernahm im Laufe der 1970er bis 1990er Jahre zahlreiche alteingesessene Schokoladenfirmen wie Staengel & Ziller (Eszet) in Untertürkheim (bei Stuttgart) 1975, Waldbaur Stuttgart verkaufte 1976 seine Markenrechte an Stollwerck und stellte 1977 seine Produktion ein. Sprengel übernahm er 1979. Es folgten 1982 Eupener Schokoladenfabrik Chocolaterie Jacques, 1998 Sarotti in Berlin und Theodor Hildebrand & Sohn Berlin sowie 1999 Gubor. Nach dem Fall der Mauer integrierte Stollwerck auch VEB Rotstein vormals Mauxion aus Saalfeld. Da Hans Imhoff keinen Nachfolger fand, verkaufte er Stollwerck 2002 an Barry Callebaut. 2011 ging die Firma in den Besitz der belgischen Baronie-Gruppe über, die 2015 den Sitz nach Nordersteck verlegte. Damit endete die Geschichte des Unternehmens Gebr. Stollwerck.
An die traditionsreiche Vergangenheit des Schokoladenunternehmens der Gebr. Stollwerck erinnert das Kulturzentrum „Bürgerhaus Stollwerck“ auf dem alten Fabrikgelände und das Schokoladenmuseum im Rheinauhafen, welches Imhoff 1993 gründete.
Quellen/Literatur
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