Peters, Leo (Hg.), Eine jüdische Kindheit am Niederrhein. Die Erinnerungen des Julius Grunewald (1860 bis 1929), Köln/Weimar/Wien 2009

208 S., ISBN 978-3-412-20356-6, 23 Euro

Monika Grübel (Bonn)

„Ich bin am 22. Au­gust 1860 in Kal­den­kir­chen, Rhein­pro­vinz, Re­gie­rungs­be­zirk Düs­sel­dorf ge­bo­ren". So nüch­tern wie ex­akt be­gin­nen die ­au­to­bio­gra­phi­schen Auf­zeich­nun­gen, die der jü­di­sche Arzt Ju­li­us Gru­ne­wald im Al­ter von 56 Jah­ren „für mei­ne Kin­der und so Gott will Kin­des­kin­der" auf­schrieb.

Au­to­bio­gra­phi­sche Tex­te von nie­der­rhei­ni­schen Ju­den sind ei­ne gro­ße Sel­ten­heit. Die ein­zi­ge ver­gleich­ba­re pu­bli­zier­te Quel­le stel­len die 1982 von Gre­gor Hö­vel­mann her­aus­ge­ge­be­nen „Er­in­ne­run­gen" des aus Gel­dern stam­men­den Ju­den Hein­rich Kem­pe­nich (1866-1932) dar. Die Auf­zeich­nun­gen von Ju­li­us Gru­ne­wald ste­hen ihr in der Aus­sa­ge­kraft nicht nach. Gru­ne­walds Schil­de­run­gen zeich­nen sich durch gu­te Be­ob­ach­tungs­ga­be, De­tail­reich­tum und An­schau­lich­keit aus und ver­mit­teln ei­ne ein­ma­li­ge Bin­nen­sicht jü­di­schen All­tags am Nie­der­rhein zwi­schen 1860 und 1880.

Die Le­se­rin­nen und Le­ser er­hal­ten le­ben­di­ge Ein­bli­cke in die jü­di­sche Le­bens­welt ei­ner nie­der­rhei­ni­schen Klein­stadt in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts. Gru­ne­wald be­schreibt das re­li­giö­se Le­ben in der rab­bi­ner­lo­sen Ge­mein­de, das Ein­hal­ten der jü­di­schen Spei­se­ge­set­ze in ei­nem ko­scher ge­führ­ten Haus­halt, die ty­pi­schen Be­ru­fe der Land­ju­den, die re­li­giö­se Un­ter­wei­sung der jü­di­schen Kin­der und das christ­lich-jü­di­sche Mit­ein­an­der in der Schu­le und im Ge­schäfts­le­ben. So schil­dert er, wie er und die an­de­ren jü­di­schen Kin­der am christ­li­chen Re­li­gi­ons­un­ter­richt teil­nah­men: „Es ist nicht vor­ge­kom­men, dass durch Teil­nah­me an dem Un­ter­rich­te in der christ­li­chen Re­li­gi­on Zwei­fel an der Gü­te un­se­rer Sa­che in uns er­weckt wor­den wä­ren, noch we­ni­ger dass ein jü­di­sches Kind zur christ­li­chen Re­li­gi­on über­ge­tre­ten wä­re! Wir nah­men das ganz harm­los „Je­der mot sin Den­ge hohn", das hei­ßt je­der muss sei­ne an­ge­bo­re­ne Re­li­gi­on hal­ten, war ein Grund­satz, der da­mals in schö­nen to­le­ran­ten Zei­ten als et­was Selbst­ver­ständ­li­ches galt" (S. 32).

Ju­li­us Gru­ne­walds Kin­der- und Ju­gend­er­in­ne­run­gen en­den mit sei­ner Pro­mo­ti­on 1882. Dass viel über sei­nen wei­te­ren Le­bens­weg und den sei­ner „Kin­der und Kin­des­kin­der" be­kannt ist, ver­dan­ken wir den Le­bens­er­in­ne­run­gen sei­ner Frau Ju­lie Gru­ne­wald (1864-1966), die den zwei­ten Teil des Bu­ches ein­neh­men. Ih­re Schil­de­run­gen, die sie als 90-jäh­ri­ge im Jahr 1954 in den USA ver­fass­te, ver­voll­stän­di­gen die deutsch-jü­di­sche Fa­mi­li­en­ge­schich­te.

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Grübel, Monika, Peters, Leo (Hg.), Eine jüdische Kindheit am Niederrhein. Die Erinnerungen des Julius Grunewald (1860 bis 1929), Köln/Weimar/Wien 2009, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Literaturschau/peters-leo-hg.-eine-juedische-kindheit-am-niederrhein.-die-erinnerungen-des-julius-grunewald-1860-bis-1929-koelnweimarwien-2009/DE-2086/lido/57d265b3125c38.17057409 (abgerufen am 04.07.2020)