August Kekulé

Chemiker (1829–1896)

Ralph Burmester (Bonn)

Der Start der sehnlich erhofften "Docentencarriére": August Kekulé als junger Professor in Gent. (Deutsches Museum, Archiv, NL 228 Kekulé, CD 63993)

Au­gust Ke­ku­lé war ei­ner der ori­gi­nells­ten und ein­fluss­reichs­ten Che­mi­ker des 19. Jahr­hun­derts. Mit der Ent­schlüs­se­lung der che­mi­schen Struk­tur des Ben­zols ge­lang ihm 1865 ei­ne wis­sen­schaft­li­che Sen­sa­ti­on. Sei­ne Ent­de­ckung re­vo­lu­tio­nier­te die Che­mie und er­öff­ne­te ih­rer prak­ti­schen An­wen­dung völ­lig neue Mög­lich­kei­ten. In den fol­gen­den Jahr­zehn­ten er­mög­lich­te Ke­ku­lés theo­re­ti­sche Vor­ar­beit die mas­sen­haf­te und preis­wer­te Her­stel­lung syn­the­ti­scher Farb­stof­fe. 1890 ver­blüff­te Ke­ku­lé sei­ne Zeit­ge­nos­sen mit ei­ner ku­rio­sen und für die Ver­tre­ter der ex­ak­ten Wis­sen­schaf­ten eher un­ge­wöhn­li­chen Ge­schich­te: Die Ring­form des Ben­zols sei ihm im Traum er­schie­nen.

Fried­rich Au­gust Ke­ku­lé wur­de am 7.9.1829 in Darm­stadt, der Haupt­stadt des Gro­ßher­zog­tums Hes­sen, als Sohn des gro­ßher­zog­lich-hes­si­schen Ober­kriegs­rats Lud­wig Karl Ke­ku­lé (1773-1847) und sei­ner Ehe­frau Mar­ga­re­the (1793-1852) ge­bo­ren. Schon der Gro­ßva­ter Jo­hann Wil­helm Ke­ku­lé (1735-1806) hat­te als Rat und Kam­mer­se­kre­tär im Dienst des Lan­des­herrn ge­stan­den. Au­gust Ke­ku­lé wuchs al­so in ei­ner an­ge­se­he­nen und wohl­ha­ben­den evan­ge­li­schen Fa­mi­lie auf. Der Va­ter Lud­wig Karl hat­te schon zwei äl­te­re Kin­der, Jo­ha­net­te und Karl, aus der ers­ten Ehe mit der früh ver­stor­be­nen Su­san­ne Sie­bert. 1826 hei­ra­te­te er sei­ne frü­he­re Haus­häl­te­rin Mar­ga­re­the Seyb. Aus der Ehe stamm­ten drei wei­te­re Kin­der, ne­ben Au­gust Emil und Mi­mi. Mit zwölf Jah­ren be­such­te Au­gust zu­sam­men mit sei­nem Bru­der Emil das Gro­ßher­zog­li­che Gym­na­si­um. Sei­ne Zeug­nis­se, die al­le­samt im Nach­lass er­hal­ten sind, wei­sen ihn als ei­nen viel­sei­tig in­ter­es­sier­ten Schü­ler aus, der die Ab­itur­prü­fung mit Bra­vour meis­ter­te.

Zum Win­ter­se­mes­ter 1847/1848 nahm Au­gust Ke­ku­lé in Gie­ßen, dem Sitz der gro­ßher­zog­lich-hes­si­schen Lan­des­uni­ver­si­tät, das Stu­di­um auf. Die Wahl sei­nes Stu­di­en­fachs er­klär­te Ke­ku­lé ein­leuch­tend: Mein Va­ter, mit be­rühm­ten Ar­chi­tec­ten en­ge be­freun­det, be­stimm­te mich für das Stu­di­um der Ar­chi­tec­tur. Ganz un­glück­lich war Ke­ku­lé mit die­sem Fach je­doch nicht, das da­bei ge­schärf­tes Ver­ständ­nis für räum­li­che Struk­tu­ren soll­te sich spä­ter als nütz­lich er­wei­sen. Doch schon im fol­gen­den Som­mer­se­mes­ter sah er sich auch in an­de­ren Dis­zi­pli­nen um und hör­te die Vor­le­sung „Ex­pe­ri­men­tal­che­mie“ bei Jus­tus Lie­big (1803–1873), die bei ihm ei­nen gro­ßen Ein­druck hin­ter­ließ. Nach­dem er sei­ne Fa­mi­lie von sei­nem neu­en In­ter­es­sen­ge­biet über­zeugt hat­te, nahm er zum Som­mer­se­mes­ter 1849 das Che­mie­stu­di­um auf. Mit dem ver­ehr­ten Leh­rer Lie­big kam Ke­ku­lé als An­fän­ger in den ers­ten Se­mes­tern al­ler­dings nicht in nä­he­ren Kon­takt. 

Nach ei­nem kur­zen Mi­li­tär­dienst fand Ke­ku­lé im Win­ter­se­mes­ter 1850/1851 end­lich Auf­nah­me in Lie­bigs Pri­vat­la­bo­ra­to­ri­um. Doch die­ser hat­te sei­nen Schwer­punkt mitt­ler­wei­le von der rei­nen or­ga­ni­schen Che­mie zu pflan­zen- und tier­phy­sio­lo­gi­schen Ar­bei­ten ver­la­gert. Ein et­was ent­täusch­ter Ke­ku­lé muss­te da­her nicht lan­ge über­le­gen, als ihm sein Stief­bru­der Karl, mitt­ler­wei­le er­folg­rei­cher Ge­trei­de­gro­ßhänd­ler in Lon­don, ei­nen Aus­lands­auf­ent­halt er­mög­lich­te. „Ge­hen Sie nach Pa­ris“, riet ihm Lie­big, „da er­wei­tern Sie Ih­ren Ge­sichts­kreis, da ler­nen Sie ei­ne neue Spra­che, da ler­nen Sie das Le­ben ei­ner Groß­stadt ken­nen.“ Im Mai 1851 mach­te sich Ke­ku­lé auf den Weg nach Pa­ris. Im Ge­päck hat­te er ein Buch des fran­zö­si­schen Che­mi­kers Charles Ger­hardt (1816-1856). Die Lek­tü­re stimm­te ihn nicht nur sprach­lich auf die neue Um­ge­bung ein, sie mach­te ihn auch mit den Ge­dan­ken­gän­gen Ger­hardts ver­traut, der zur Avant­gar­de un­ter den Che­mi­kern Frank­reichs zähl­te. Die von Ger­hardt for­mu­lier­te Ty­pen­theo­rie war ein we­sent­li­cher Zwi­schen­schritt bei der Su­che nach dem kor­rek­ten Auf­bau der Mo­le­kü­le in or­ga­ni­schen Ver­bin­dun­gen. Min­des­tens zwei­mal in der Wo­che tausch­ten sich Ke­ku­lé und Ger­hardt in­ten­siv über che­mi­sche Fra­ge­stel­lun­gen aus.

Zum Som­mer­se­mes­ter 1852 kehr­te Ke­ku­lé nach Gie­ßen zu­rück. Dort er­warb er En­de Ju­ni den phi­lo­so­phi­schen Dok­tor­grad − die Fach­rich­tung Che­mie zähl­te in die­sen Jah­ren an den Uni­ver­si­tä­ten zu den Phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tä­ten.

An­schlie­ßend ver­brach­te Ke­ku­lé ei­ne ein­jäh­ri­ge „Aus­zeit“ bei dem Pri­vat­ge­lehr­ten Adolf von Plan­ta (1820-1895) auf Schloss Rei­chen­au im Kan­ton Grau­bün­den, um die bei Ger­hardt ge­mach­ten Er­fah­run­gen zu ver­ar­bei­ten. Als er sich da­nach bei Lie­big nach va­kan­ten Stel­len er­kun­dig­te, schlug die­ser ihm die As­sis­tenz bei sei­nem ehe­ma­li­gen Schü­ler John Sten­hou­se (1809-1880) vor, der Pro­fes­sor in Lon­don war. Aber ich hat­te we­nig Lust an­zu­neh­men, weil ich ihn, wenn ich mir den Aus­druck er­lau­ben darf, für ei­nen Schmie­ren­che­mi­ker hielt, schrieb Ke­ku­lé da­zu spä­ter.[1] Die Ar­beit bei Sten­hou­se war dann auch ent­täu­schend, je­doch das neue Um­feld sehr an­re­gend. Ähn­lich wie schon in Pa­ris mach­te Ke­ku­lé auch hier rasch die Be­kannt­schaft mit ei­ni­gen der in­ter­es­san­tes­ten Che­mi­ker sei­ner Zeit: Alex­an­der Wil­liam­son (1829-1890) und Wil­liam Od­ling (1829–1921). Letz­te­rer er­wei­ter­te ab 1855 Ger­hardts Ty­pen­theo­rie und präg­te den Va­lenz­be­griff mit.

Benzolformel von August Kekulé, dargestellt auf einer Briefmarke, 1964. (Gemeinfrei)

 

Die­sen Aus­tausch nann­te Ke­ku­lé spä­ter ei­ne vor­züg­li­che Schu­lung, die den Geist un­ab­hän­gig mach­te.[2] Die An­re­gun­gen, die Ke­ku­lés Geist in Pa­ris und in Lon­don er­hielt, leg­ten das Fun­da­ment zu der spä­ter von ihm for­mu­lier­ten Struk­tur­theo­rie der Mo­le­kü­le. Nicht zu­fäl­lig da­tier­te er 1890 den ers­ten sei­ner in­spi­rie­ren­den Träu­me in die­se Zeit. An ei­nem schö­nen Som­mer­ta­ge fuhr ich wie­der ein­mal mit dem letz­ten Om­ni­bus [...] Ich ver­sank in Träu­me­rei­en. Da gau­kel­ten vor mei­nen Au­gen die Ato­me. [...] H_eu­te sah ich, wie viel­fach zwei klei­ne­re sich zu Pär­chen zu­sam­men­füg­ten, wie grö­ße­re zwei klei­ne­re um­fass­ten, noch grö­ße­re drei und selbst vier der klei­nen fest­hiel­ten und wie sich Al­les in wir­beln­dem Rei­gen dreh­te. Ich sah, wie grö­ße­re ei­ne Rei­he bil­de­ten und nur an den En­den der Ket­te noch klei­ne­re mit­schlepp­ten._[3] 

Im April 1854 ging Ke­ku­lé zu Ro­bert Bun­sen (1811–1899) an die Uni­ver­si­tät Hei­del­berg, um end­lich Pro­fes­sor zu wer­den. Die Ha­bi­li­ta­ti­on ging über­ra­schend schnell und rei­bungs­los von­stat­ten. Ke­ku­lé reich­te ei­ni­ge Ab­hand­lun­gen ein, Bun­sen be­fand sie für gut, und nach Pro­be­vor­le­sung und er­folg­rei­cher Dis­pu­ta­ti­on war Au­gust Ke­ku­lé schon im März 1856 Hoch­schul­leh­rer.

In Hei­del­berg pro­fi­lier­te sich Ke­ku­lé als pro­gres­si­ver Theo­re­ti­ker, der die An­re­gun­gen sei­ner Aus­lands­auf­ent­hal­te zu neu­en Theo­ri­en er­wei­ter­te. Als bahn­bre­chend soll­ten sich sei­ne Über­le­gun­gen über die Ei­gen­schaf­ten des Koh­len­stoffs er­wei­sen. Im Mai 1858 ver­öf­fent­li­che Ke­ku­lé in „Lie­bigs An­na­len der Che­mie“, der da­mals füh­ren­den wis­sen­schaft­li­chen Zeit­schrift, ei­nen viel be­ach­te­ten Auf­satz. Die dar­in ver­tre­te­ne Kern­the­se war, dass Koh­len­stoff­ato­me vier an­de­re Was­ser­stoff­ato­me an sich bin­den kön­nen. Da­mit leg­te er ei­nen wich­ti­gen Grund­stein für sei­ne spä­te­re Theo­rie über die Struk­tur des Ben­zol­mo­le­küls.

Im Herbst 1858 nah­men die Din­ge für den da­mals 29-jäh­ri­gen Ke­ku­lé ei­ne un­er­war­te­te Wen­dung. Das bel­gi­sche Kul­tus­mi­nis­te­ri­um such­te ei­nen Nach­fol­ger für den ver­stor­be­nen In­ha­ber des Lehr­stuhls für Che­mie an der Uni­ver­si­tät Gent. Ke­ku­lé, ehr­gei­zig und na­he­zu plei­te, ging gern auf das An­ge­bot ein. Im No­vem­ber 1858 traf der neue In­sti­tuts­di­rek­tor in Gent ein. 

Zwar führ­te die Er­he­bung in den Stand ei­nes or­dent­li­chen Pro­fes­sors zu ei­nem aus­kömm­li­chen Sa­lär und zu kom­for­ta­ble­ren Le­bens­um­stän­den, die Ar­beits­mög­lich­kei­ten blie­ben aber zu­nächst be­schei­den. Sei­ne Vor­le­sun­gen, die er in fran­zö­si­scher Spra­che zu hal­ten hat­te, wur­den nach an­fäng­li­cher Skep­sis der Stu­die­ren­den ge­gen­über dem deut­schen Pro­fes­sor mit der Zeit im­mer bes­ser be­sucht. Den­noch blieb Ke­ku­lé ge­nug Mu­ße, um in den Abend­stun­den ein „Lehr­buch der or­ga­ni­schen Che­mie oder der Che­mie der Koh­len­stoff­ver­bin­dun­gen“ zu schrei­ben. Bald kam er durch sei­ne Stel­lung als Pro­fes­sor auch in Kon­takt zu den bes­se­ren Krei­sen der Stadt. Da­bei fiel er mit Hu­mor und Charme an­ge­nehm auf. Gern ge­se­hen war Ke­ku­lé auch beim Di­rek­tor der Gas­fa­brik von Gent, Ge­or­ge Wil­liam Dro­ry (1803-1879). Der ge­bür­ti­ge Eng­län­der hat­te mit sei­ner flä­mi­schen Frau fünf Töch­ter. Ke­ku­lé In­ter­es­se er­reg­te die zweit­jüngs­te Toch­ter Ste­pha­nie und so mach­te er im April 1862 der 19-Jäh­ri­gen ei­nen er­folg­rei­chen Hei­rats­an­trag. Die Trau­ung er­folg­te am 24.6.1862. Dem laut Zeit­zeu­gen sehr glück­li­chen Paar soll­te je­doch nur ei­ne kur­ze Zeit be­schie­den sein. Kurz nach der Ge­burt ih­res ge­mein­sa­men Soh­nes Ste­phan starb Ste­pha­nie An­fang Mai 1863. Die­ser Schick­sals­schlag traf Au­gust Ke­ku­lé hart und warf ihn fast aus der For­scher­bahn. Zu­nächst kon­zen­trier­te er sich dar­auf, sein krän­keln­des Kind zu pfle­gen, erst im Som­mer be­gann er wie­der, sich mit wis­sen­schaft­li­cher Ar­beit ab­zu­len­ken.

August Kekulé (in der Mitte sitzend) inmitten seiner Heidelberger Weggefährten, rechts neben ihm Emil Erlenmeyer (1825-1909). (Deutsches Museum, Archiv, NL 228 Kekulé, CD 63986)

 

Zur Un­ter­stüt­zung bei der ex­pe­ri­men­tel­len Ar­beit stell­te er im Sep­tem­ber 1864 Carl Gla­ser (1841-1935) als Pri­va­t­as­sis­ten­ten ein. Gla­ser be­schrieb sei­nen Chef: „Ke­ku­lé war von gro­ßer per­sön­li­cher Lie­bens­wür­dig­keit. Der da­mals 35-jäh­ri­ge Mann, ei­ne schö­ne vor­neh­me Er­schei­nung, hat­te ein bur­schi­ko­ses, hei­te­res, ja oft über­mü­ti­ges We­sen.“[4] Die­se für Ke­ku­lé nicht ein­fa­chen Jah­re soll­ten sich den­noch als ei­ne wis­sen­schaft­lich über­aus frucht­ba­re Pha­se er­wei­sen. Der ers­te Band sei­nes Lehr­buchs war be­reits 1861 mit gro­ßem Er­folg er­schie­nen. Nun saß Ke­ku­lé wie­der abends am Schreib­tisch, um den zwei­ten Band fer­tig­zu­stel­len. In die­se Zeit da­tier­te er dann auch ei­nen wei­te­ren in­spi­rie­ren­den Traum: Ich dreh­te den Stuhl nach dem Ka­min und ver­sank in Halb­schlaf. Wie­der gau­kel­ten die Ato­me vor mei­nen Au­gen. [...] Lan­ge Rei­hen, viel­fach dich­ter zu­sam­men­ge­fügt; al­les in Be­we­gung, schlan­gen­ar­tig sich win­dend und dre­hend. Und sie­he, was war das? Ei­ne der Schlan­gen fa­ß­te den ei­ge­nen Schwanz [...].[5] Die­ses Traum­bild ei­nes ge­schlos­se­nen Rin­ges, so be­rich­te­te er es zu­min­dest 1890, hät­te ihm die wah­re Struk­tur des Ben­zol­mo­le­küls ver­ra­ten.

Chemiepalast an der Meckenheimer Allee, kurz nach seiner Eröffnung 1870. Heute Alte Chemie. (Deutsches Museum, Archiv, NL 228 Kekulé, CD 63991)

 

An­fang 1865 pu­bli­zier­te Ke­ku­lé sei­ne ein­fluss­reichs­te Ar­beit: „Über die Kon­sti­tu­ti­on und Un­ter­su­chung aro­ma­ti­scher Sub­stan­zen“. Dar­in be­schrieb er nun erst­mals öf­fent­lich die Ring­struk­tur des Ben­zol­mo­le­küls. Die sechs Koh­len­stoff­ato­me des Ben­zols sind un­ter­ein­an­der in völ­lig sym­me­tri­scher Wei­se ver­bun­den, man kann al­so an­neh­men, sie bil­den ei­nen völ­lig sym­me­tri­schen Ring [...]. Man könn­te dann das Ben­zol durch ein Sechs­eck dar­stel­len, des­sen sechs Ecken durch Was­ser­stoff­ato­me ge­bil­det sind [...].[6] Da­mit hat­te Ke­ku­lé den gro­ben „Bau­plan“ des Ben­zols ent­schlüs­selt. In den fol­gen­den Mo­na­ten ver­fei­ner­te er sei­ne Theo­rie wei­ter und un­ter­such­te vom Ben­zol ab­ge­lei­te­te Stof­fe. Ke­ku­lés Ent­de­ckung gilt als ei­ne der Stern­stun­den der Che­mie und er­öff­ne­te so­wohl der wis­sen­schaft­li­chen For­schung als auch der che­mi­schen In­dus­trie ganz neue Mög­lich­kei­ten, denn für die or­ga­ni­schen Che­mi­ker je­ner Zeit wa­ren Ver­bin­dun­gen des Stein­koh­le­teers die Haupt­roh­stof­fe. Da die­se Ver­bin­dun­gen aus ei­nem oder meh­re­ren Ben­zol­rin­gen be­stan­den, er­mög­lich­te die Kennt­nis des Mo­le­kül­bau­plans des Ben­zols die sys­te­ma­ti­sche Än­de­rung der Stof­f­ei­gen­schaf­ten.

Auch für Ke­ku­lé selbst er­öff­ne­ten sich bald ganz neue Mög­lich­kei­ten; er er­hielt nach ei­ni­gem hin und her im Ju­ni 1867 den Lehr­stuhl für Che­mie in Bonn. Dort ent­stand das zum da­ma­li­gen Zeit­punkt grö­ß­te che­mi­sche In­sti­tut der Welt und Ke­ku­lé wur­den des­sen Di­rek­tor. Er ver­öf­fent­lich­te wei­ter­hin re­gel­mä­ßig neue For­schungs­er­geb­nis­se, und sei­ne Lehr­ver­an­stal­tun­gen zo­gen im­mer mehr Stu­die­ren­de an. Schon 1873 reich­te der Platz im In­sti­tut nicht mehr aus und ei­ne ers­te Er­wei­te­rung wur­de nö­tig. Über die Zu­sam­men­set­zung der Stu­die­ren­den und den Sta­tus Ke­ku­lés be­rich­te­te sein Schü­ler Ja­co­bus van`t Hoff (1852-1911)[7]: „Links liegt das Au­di­to­ri­um, wo sich täg­lich hun­dert der ge­bil­dets­ten jun­gen Leu­te aus et­wa zehn Kul­tur­staa­ten ver­sam­meln, um K e k u l é zu se­hen und zu hö­ren, den Mann, des­sen Ruhm sich über ei­nen hal­ben Welt­teil er­streckt.“[8] 

Der Institutsdirektor inmitten seiner Mitarbeiter und Schüler, Sommersemester 1873. (Fachbereichsbibliothek Chemie der Universität Bonn)

 

1876 hei­ra­te­te Ke­ku­lé Loui­se Hö­gel (1845-1920), die ihm zu­vor ein Jahr lang den Haus­halt ge­führt hat­te. Aus der Ehe gin­gen drei Kin­der her­vor.

1877/78 war Ke­ku­lé Rek­tor der Uni­ver­si­tät Bonn, in den Jah­ren 1878, 1886 und 1891 Vor­stand der Deut­schen Che­mi­schen Ge­sell­schaft.

Kekulé-Denkmal vor dem alten Chemischen Institut der Universität Bonn, 2011, Foto: Hagen von Eitzen. (CC BY-SA 3.0)

 

Ke­ku­lés wis­sen­schaft­li­che Pro­duk­ti­vi­tät nahm seit den spä­ten 1870er Jah­ren al­ler­dings ste­tig ab, auch hat­te er un­ter ei­ner fra­gi­ler wer­den­den Ge­sund­heit zu lei­den. Ihm kam nun im­mer mehr die Rol­le des ver­ehr­ten Meis­ters zu. An­läss­lich des 60. Ge­burts­ta­ges Ke­ku­lés und des 25-jäh­ri­gen Ju­bi­lä­ums sei­ner Ben­zol­theo­rie ver­sam­mel­te sich am 11.3.1890 im Fest­saal des Ber­li­ner Rat­hau­ses ei­ne il­lus­tre Schar von Man­dats­trä­gern und In­dus­tri­el­len, Freun­den, Schü­lern und Ver­eh­rern, um Ke­ku­lé ge­büh­rend zu fei­ern. Im Rah­men die­ses Fest­ak­tes be­rich­te­te Ke­ku­lé zum gro­ßen Er­stau­nen der An­we­sen­den erst­mals von sei­nen bei­den weg­wei­sen­den Träu­men aus sei­ner Lon­do­ner und Gen­ter Zeit, die sei­ner Mei­nung nach we­sent­li­chen An­teil an sei­nen wis­sen­schaft­li­chen Er­fol­gen hat­ten und schloss mit der Auf­for­de­rung: Ler­nen wir träu­men, mei­ne Her­ren, dann fin­den wir viel­leicht die Wahr­heit!

Ke­ku­lés Sohn Ste­phan sorg­te dann kurz vor dem Tod sei­nes Va­ters noch für des­sen Er­he­bung in den Adels­stand. In jah­re­lan­ger Ar­chiv­ar­beit ge­lang ihm der Nach­weis, dass die Ke­ku­lés Nach­fah­ren der al­ten böh­mi­schen Adels­fa­mi­lie „Ke­ku­le von Stra­do­nit­z“ wa­ren. Ste­phan ani­mier­te sei­nen Va­ter ei­nen An­trag auf Wie­der­ver­lei­hung des Bei­na­mens und Auf­nah­me in den preu­ßi­schen Adel zu stel­len. Ke­ku­lés ehe­ma­li­ger Stu­dent, Kai­ser Wil­helm II. (Re­gent­schaft 1888-1918), ent­sprach in sei­ner Ei­gen­schaft als preu­ßi­scher Mon­arch die­ser Bit­te. Al­ler­dings war Ste­phan die­se Stan­des­er­hö­hung sehr viel wich­ti­ger als sei­nem oh­ne­hin hoch de­ko­rier­ten Va­ter.

Im Früh­jahr 1896 er­krank­te Ke­ku­lé ernst­haft. Zu­nächst schwäch­te ihn ei­ne schwe­re Grip­pe, ab An­fang Mai folg­ten meh­re­re An­fäl­le von Herz­schwä­che. Am 13.6.1896 starb Au­gust Ke­ku­lé in Bonn. Auf dem Pop­pels­dor­fer Fried­hof be­steht sein Eh­ren­grab noch heu­te. 

Seit 1903 steht vor dem al­ten Che­mi­schen In­sti­tut der Uni­ver­si­tät Bonn sein von Hans Ever­ding (1876-1914) ge­schaf­fe­nes Denk­mal. Stra­ßen in Bonn-Pop­pels­dorf, Ber­lin, Darm­stadt, Hal­le und Le­ver­ku­sen tra­gen sei­nen Na­men. 

Das In­sti­tut für Or­ga­ni­sche Che­mie und Bio­che­mie der Uni­ver­si­tät Bonn, das sich seit 1972/73 in Bonn-En­de­nich be­fin­det, hei­ßt heu­te „Ke­ku­lé-In­sti­tu­t“. Ähn­lich wie sei­ne Bon­ner Pro­fes­so­ren­kol­le­gen Fried­rich Au­gust Ar­ge­lan­der und Hein­rich Hertz (1857-1894) hat der be­rühm­te Che­mi­ker auch sei­nen „ei­ge­nen“ Him­mels­kör­per: Seit dem Jahr 2010 hei­ßt der As­te­ro­id Num­mer 13254 of­fi­zi­ell „Ke­ku­lé“.

Friedrich August Kekulé von Stradonitz, Porträt von Heinrich von Angeli (1840-1925), entstanden anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Benzoltheorie 1890. (Gemeinfrei)

 

Nachlass

Ar­chiv des Deut­schen Mu­se­ums in Mün­chen.

Werke (Auswahl)

Lehr­buch der or­ga­ni­schen Che­mie, Er­lan­gen 1859.
Sur la con­sti­tu­ci­on des sub­stan­ces aro­ma­ti­ques (Über die Kon­sti­tu­ti­on und Un­ter­su­chung aro­ma­ti­scher Sub­stan­zen), in: Bul­le­tin de la So­cié­té Chi­mi­que de Pa­ris, 3-2, S. 98-110 (1865).

Literatur

An­schütz, Ri­chard, Au­gust Ke­ku­lé, 2 Bän­de, Ber­lin 1929.
Bur­mes­ter, Ralph, Au­gust Ke­ku­lé – ei­ne bio­gra­fi­sche Skiz­ze; in: Bur­mes­ter, Ralph/Nie­haus, An­drea (Hg.), Ke­ku­lés Traum – Von der Ben­zol­for­mel zum Bon­ner Che­mie­pa­last. Be­gleit­pu­bli­ka­ti­on zur gleich­na­mi­gen Son­der­aus­stel­lung im Deut­schen Mu­se­um Bonn, Bonn 2011, S. 14–39.
Gö­bel, Wolf­gang, Fried­rich Au­gust Ke­ku­lé, Leip­zig 1984.
Ro­cke, Alan J., Image and Rea­li­ty – Ke­ku­lé, Kopp, and the sci­en­ti­fic ima­gi­na­ti­on, Chi­ca­go 2010.
Wam­hof, Hein­rich/Dötz, Karl Heinz, Che­mie all­ge­mein so­wie Or­ga­ni­sche Che­mie, in: Be­cker, Tho­mas/Ro­sin, Phi­lip (Hg.), Ge­schich­te der Uni­ver­si­tät Bonn, Band 4: Die Na­tur- und Le­bens­wis­sen­schaf­ten, Göt­tin­gen 2018, S. 320-337, zu Ke­ku­lé be­son­ders S. 324-326.
Wo­tiz, John (Hg.), The Ke­ku­lé Ridd­le – a chal­len­ge for che­mists and psy­cho­lo­gists, Cle­ar­wa­ter 1993.  

Familiengrab Kekulé von Stradonitz auf dem Poppelsdorfer Friedhof in Bonn, 2007, Foto: Alexander Savin. (CC BY-SA 3.0)

 
Anmerkungen
  • 1: Rede von August Kekulé anlässlich der Feier seiner 25jährigen Lehrtätigkeit als ordentlicher Professor in Bonn am 1.6.1892, zitiert nach Anschütz, August Kekulé, Band 2, S. 951.
  • 2: Rede von August Kekulé anlässlich der Feier seiner 25jährigen Lehrtätigkeit als ordentlicher Professor in Bonn am 1. Juni 1892, zitiert nach Anschütz, August Kekulé, Band 2, S. 950.
  • 3: Rede von August Kekulé anlässlich der zu seinen Ehren veranstalteten Feier der Deutschen Chemischen Gesellschaft im großen Saal des Rathauses der Stadt Berlin am 11. März 1890, zitiert nach: Anschütz, August Kekulé, Band 2, S. 941-942.
  • 4: Anschütz, August Kekulé, Band 2, S. 272.
  • 5: Anschütz, August Kekulé, Band 1, S. 625.
  • 6: Kekulé, August, Untersuchung über aromatische Verbindungen, in Annalen der Chemie und Pharmacie, Nr. 137 (1866), S. 158. Deutsche Version des ursprünglich in französischer Sprache erschienenen Beitrages.
  • 7: Van´t Hoff erhielt 1901 den erstmals vergebenen Nobelpreis für Chemie.
  • 8: Zitiert nach Anschütz, August Kekulé, Band 1, S. 437.
Zitationshinweis

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Burmester, Ralph, August Kekulé, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/august-kekul%25C3%25A9/DE-2086/lido/5f213e5d4eb828.06807137 (abgerufen am 22.10.2020)